Imperium der Gier - Nami Shams - E-Book

Imperium der Gier E-Book

Nami Shams

0,0

Beschreibung

In den gläsernen Türmen Hamburgs werden keine bloßen Verträge verhandelt - hier entscheidet sich das Schicksal von Menschen. Dr. Maximilian Schönfeld ist Teil dieser Welt: brillant, skrupellos, hochbezahlt. Als Partner einer renommierten Elitekanzlei vertritt er internationale Konzerne, die sich durch Gesetzeslücken und juristische Winkelzüge Milliarden sichern. Doch hinter seiner makellosen Fassade beginnt etwas zu bröckeln - sein Gewissen. Als ihn der russisch-deutsche Oligarch Viktor Orlov engagiert, ein undurchsichtiges Milliardenprojekt in Dubai rechtlich zu begleiten, gerät Max in ein Spiel, das größer ist als alles, was er bisher erlebt hat. Zur gleichen Zeit nimmt Staatsanwältin Sarah Lehmann - seine Ex-Verlobte - die Ermittlungen in einem alten Fall wieder auf. Was zunächst wie ein gewöhnlicher Wirtschaftskonflikt wirkt, entpuppt sich bald als Teil eines globalen Geflechts aus Geldwäsche, Machtmissbrauch und geheimen Absprachen zwischen Politik, Justiz und Medien. Gefangen zwischen Loyalität, Lüge und Verantwortung, muss Max sich entscheiden: für eine Frau, die für Wahrheit kämpft - oder für einen Mandanten, der ohne Skrupel über Leichen geht. Seine Reise führt ihn von hanseatischen Gerichtssälen über diskrete BDSM-Clubs bis in die dunklen Winkel internationaler Finanzkriminalität.

Sie lesen das E-Book in den Legimi-Apps auf:

Android
iOS
von Legimi
zertifizierten E-Readern
Kindle™-E-Readern
(für ausgewählte Pakete)

Seitenzahl: 403

Veröffentlichungsjahr: 2025

Das E-Book (TTS) können Sie hören im Abo „Legimi Premium” in Legimi-Apps auf:

Android
iOS
Bewertungen
0,0
0
0
0
0
0
Mehr Informationen
Mehr Informationen
Legimi prüft nicht, ob Rezensionen von Nutzern stammen, die den betreffenden Titel tatsächlich gekauft oder gelesen/gehört haben. Wir entfernen aber gefälschte Rezensionen.


Ähnliche


Haftungsausschluss (Disclaimer)

Dieses Buch ist ein Werk der Fiktion. Sämtliche Figuren, Dialoge, Handlungen und Institutionen wurden vom Autor frei erfunden. Jegliche Ähnlichkeiten mit realen Personen – lebend oder verstorben – sowie mit tatsächlichen Ereignissen, Firmen, Behörden oder Organisationen wären rein zufällig und unbeabsichtigt.

Auch wenn juristische, wirtschaftliche und politische Sachverhalte mit größter Sorgfalt recherchiert wurden, dient dieses Buch nicht der fachlichen Beratung und ersetzt keinesfalls eine professionelle Auskunft durch qualifizierte Juristen, Ökonomen oder andere Experten. Für Handlungen, die auf Grundlage dieses Romans erfolgen, übernimmt der Autor keinerlei Verantwortung oder Haftung.

Die im Buch enthaltenen Darstellungen von Machtmissbrauch, moralischer Korruption, psychischen Abgründen oder zwischenmenschlichen Grenzüberschreitungen dienen ausschließlich der literarischen Auseinandersetzung mit gesellschaftlichen Themen. Sie stellen keine Billigung, Verherrlichung oder Verharmlosung realer Umstände dar.

Die Meinungen und Einstellungen einzelner Figuren sind rein fiktiv und geben nicht die Haltung des Autors wieder.

Recherchen & Quellen

Imperium der Gier ist ein Werk der Fiktion – doch die darin geschilderten Strukturen, Verbindungen und Mechanismen beruhen auf intensiver Recherche und real existierenden rechtlichen, wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Rahmenbedingungen.

Zahlreiche Elemente des Romans wurden auf Basis öffentlich zugänglicher Quellen, juristischer Fachliteratur und journalistischer Recherchen entwickelt. Ziel war es, eine authentische und zugleich literarisch verdichtete Darstellung von Macht, Justiz, Wirtschaft und Moral im 21. Jahrhundert zu schaffen.

Nachfolgend eine Auswahl zentraler Quellen und Einflüsse:

-

1. Wirtschaftskriminalität & Geldwäsche

Panama Papers

Süddeutsche Zeitung, ICIJ –

www.icij.org/investigations/panamapapers

Geldwäschegesetz (GwG)

Bundesministerium der Justiz,

www.gesetze-im-internet.de/gwg_2017

§ 261 StGB – Geldwäsche

Kommentiert u. a. in: Fischer,

Strafgesetzbuch

, Beck Verlag

2. Juristische Rahmenbedingungen

BGB (Bürgerliches Gesetzbuch)

Bundesgesetzblatt – insbesondere §§ 311, 123, 280

ZPO (Zivilprozessordnung)

Verfahrensrechtliche Grundlagen, u. a. § 91 (Kostentragung)

BRAO (Bundesrechtsanwaltsordnung)

Berufsrecht für Anwälte, insbesondere § 43a (Berufspflichten)

StPO (Strafprozessordnung)

§§ 102, 105 zur Durchsuchung und Beschlagnahme

3. Finanzstrukturen und Offshore-Systeme

„Secrecy World“ – Jake Bernstein

Enthüllungen zu Steueroasen, Briefkastenfirmen und globaler Finanzverschleierung.

„Dirty Money“ – Financial Times Investigations

Umfangreiche Berichte über Geldflüsse, Banken und politische Einflussnahmen.

Hanseatische Finanzwelt

Historische und aktuelle Berichte über Hamburger Privatbanken, Trusts und diskrete Vermögensverwaltungen.

4. Psychologie, Macht & Abhängigkeit

„The Mask of Sanity“ – Hervey Cleckley

Frühwerk über Psychopathie, das Einblicke in Persönlichkeitsprofile wie Orlovs erlaubt.

Studien zur Juristenpsychologie

Fachartikel aus

NJW

,

JURA

, u. a. zu Narzissmus, Burnout und moralischem Dilemma im Anwaltsberuf.

BDSM & Subspace

Erfahrungsberichte, Fachartikel aus Sexualtherapie und Subkultur-Medien (z. B.

Kink.com

,

Vice

,

SMJG

)

5. Literarische und stilistische Einflüsse

Ferdinand von Schirach –

Verbrechen

,

Schuld

Prägnante Prosa, juristische Verdichtung, moralische Ambivalenz

John Grisham –

The Firm

,

The Pelican Brief

Spannungsbögen im Spannungsfeld zwischen Recht, Korruption und persönlicher Krise

Juli Zeh –

Unterleuten

Gesellschaftspsychologische Tiefe und komplexe Figurenzeichnung

Anmerkung des Autors:

Alle juristischen Inhalte wurden mit größtmöglicher Sorgfalt integriert, stellen jedoch keine Rechtsberatung dar. Der Roman will nicht urteilen, sondern Fragen aufwerfen: Über Verantwortung, Verführung, Wahrheit und Wandel in einem System, das sich seiner eigenen Regeln oft entzieht.

Inhaltsverzeichnis

Epilog:

Dramatis Personae

Imperium der Gier

TEIL I: DER GOLDENE KÄFIG

KAPITEL 1: PRÄLUDIUM DER MACHT

KAPITEL 2: DER OLIGARCH

KAPITEL 3: ALTE WUNDEN

KAPITEL 4: VERBORGENE VERBINDUNGEN

KAPITEL 5: DIE SOIRÉE

TEIL II: VERSTRICKTE NETZE

KAPITEL 6: DOPPELTES SPIEL

KAPITEL 7: VERBORGENE WAHRHEITEN

KAPITEL 8: DUBAI CONNECTIONS

KAPITEL 9: MEDIENSPIELE

KAPITEL 10: BERLINER NÄCHTE

TEIL III

KAPITEL 11: DER ZIRKEL

KAPITEL 12: SCHACHZÜGE

KAPITEL 13: LILITHS CLUB

KAPITEL 14: VERBORGENE WAHRHEITEN

KAPITEL 15: SCHACHSPIEL

TEIL IV

KAPITEL 16: ABGRUND

KAPITEL 17: GRAUES AUTO, GRAUE ZUKUNFT

KAPITEL 18: DIE KONTRAHENTIN

KAPITEL 19: CHEMIE DES VERGESSENS

KAPITEL 20: VICTORIA

KAPITEL 21: DOMINANZ

KAPITEL 22: LILITHS GEHEIMNIS

KAPITEL 23: ENTSCHEIDUNGEN

KAPITEL 24: ECHOS IM NETZ

KAPITEL 25: TRANSFORMATION

Glossar – Imperium der Gier

Juristische Begriffe und Abkürzungen

Institutionen & Kontexte

Figurenspezifische Begriffe und Erzählelemente

Metaphorische und strukturelle Konzepte

EPILOG:

Es war ein verregneter Donnerstagmorgen, als Dr. Maximilian Schönfeld Hamburg verließ.

Nicht in Handschellen. Nicht im Sarg. Nicht in den Schlagzeilen.

Sondern in Stille.

Ein Taxi brachte ihn zum Flughafen – kein Fahrer erkannte ihn, keine Anzugträger verneigten sich, keine Partner riefen an. Das Kanzlei-Logo war entfernt worden aus der Lobby der Hafencity Towers. Claudia hatte sich diskret zurückgezogen. Die letzten Mandate liefen aus wie eine Flasche Champagner ohne Kohlensäure: still, schal, bedeutungslos.

Orlov war Geschichte. Gestürzt wie ein König ohne Krone, dessen Reich nicht durch Waffen fiel, sondern durch Dokumente und Datenleaks. Die Hanseatische Privatbank, einst Bollwerk hanseatischer Verschwiegenheit, war nun Symbol für ein System, das sich selbst auffraß. Was niemand für möglich gehalten hatte, war eingetreten: Sarahs Ermittlungen hatten Kreise gezogen. Bis in die Ministerien. Bis in die Redaktionen.

Bis in Max’ Brustkorb.

Sie hatten sich nicht mehr gesprochen. Nicht nach der letzten Nachricht, nicht nach ihrer Aussage, nicht nach seiner. Ihre Wege hatten sich endgültig getrennt, wie parallele Linien, die nur im Unendlichen zusammentreffen.

Er hatte versucht, die Zeit zurückzuspulen. Alte Emails gelesen. Fotos angeschaut, auf denen er lachte – nicht posierte. Sätze gehört, die sie ihm gesagt hatte, bevor der Bruch kam: „Du verteidigst keine Menschen, Max. Du verteidigst Strukturen.“

Er hatte geantwortet, dass das nun mal seine Aufgabe sei. Dass Gerechtigkeit im Gesetz stehe, nicht im Gefühl. Dass Moral für Theologen sei, nicht für Anwälte.

Aber irgendwo auf diesem Weg hatte er vergessen, warum er überhaupt Jurist geworden war.

Nicht für Geld.

Nicht für Orlov.

Sondern für Sarah. Für ihren Vater. Für alle, die nicht laut genug waren, um gehört zu werden.

Er flog nach Athen.

Eine Entscheidung, getroffen ohne Rationalität. Er hatte eine Einladung erhalten – von einer kleinen griechischen NGO, die Rechtsbeistand für Opfer von Menschenhandel organisierte. Früher hätte er gelächelt über so etwas. Jetzt war es der einzige Weg, nachts zu schlafen.

In einer heruntergekommenen Kanzlei mit fleckiger Decke und wackligem WLAN begann er noch einmal. Kein Porsche. Kein Maßanzug. Kein Titel an der Tür.

Nur ein ausgedrucktes Schild:

„Maximilian Schönfeld – Legal Volunteer“

Sein erster Fall war ein afghanischer Junge, 14 Jahre alt, misshandelt von seinen Schleusern, zu Unrecht inhaftiert. Es war kein komplexer Fall – keine Panama-Strukturen, keine siebenstelligen Transaktionen, keine medialen Intrigen. Aber als Max das Urteil las – „Sofortige Freilassung aus humanitären Gründen“ –, spürte er etwas, das er seit Jahren nicht mehr gespürt hatte:

Resonanz.

Manchmal, wenn es in Athen nachts regnet, träumt er von Hamburg. Von der Soirée. Vom goldenen Besteck auf Orlovs Tisch. Von Sarah, wie sie im Gerichtssaal sitzt und ihn ansieht – nicht mit Hass, nicht mit Liebe, sondern mit dem stillen Wissen, dass er noch immer lebt.

Und dass das, was verloren ging, vielleicht nie ihm gehört hatte.

Eines Tages wird er vielleicht zurückkehren. Nicht als Anwalt der Reichen. Nicht als Marionette der Mächtigen. Sondern als Mensch. Und vielleicht – nur vielleicht – wird er Sarah begegnen, nicht im Gericht, sondern in einem Straßencafé. Und vielleicht – nur vielleicht – werden sie dann über etwas anderes sprechen als Paragrafen, Strategien und Schuld.

Vielleicht über Hoffnung.

Vielleicht über Frieden.

Vielleicht einfach nur über den Regen.

Denn manchmal, dachte Max, ist das größte Urteil nicht das, was ein Gericht spricht – sondern das, was man sich selbst endlich zu sagen wagt.

DRAMATIS PERSONAE

IMPERIUM DER GIER

Dr. Maximilian Schönfeld

Wirtschaftsanwalt, charismatisch, kühl und brillant – ein Aufsteiger mit tadelloser Fassade und bröckelndem Inneren. Getrieben von Macht, zerrieben zwischen Moral und Mandanten.

Sarah Lehmann

Staatsanwältin für Wirtschaftsstrafsachen. Einst seine große Liebe, heute seine größte Gegnerin. Klug, kompromisslos und entschlossen, das System von innen heraus zu bekämpfen.

Viktor Orlov

Russisch-deutscher Oligarch und Strippenzieher. Kunstmäzen, Investor – und mutmaßlich tief verstrickt in internationale Geldwäsche. Seine Waffen: Charme, Geld und ein Netz aus Schatten.

Claudia Weber

Partnerin in Schönfelds Kanzlei. Rational, loyal, mit geschärftem Instinkt für Risiko und Loyalität. Sie erkennt die Risse, lange bevor sie aufbrechen.

Thomas Brandt

Erfahrener Ermittler beim LKA 5. Zynisch, misstrauisch – ein Veteran in einem Krieg gegen Wirtschaftsverbrechen, den keiner je gewinnt, aber viele verlieren.

Frau Keller

Schönfelds Assistentin. Diskret, effizient, loyal – und Zeugin einer Welt, in der jeder Anruf ein Schritt über eine unsichtbare Grenze sein kann.

„Katze“

Unbekannte Frau aus Max’ Doppelleben. Symbol für seine Flucht aus Kontrolle und Kalkül – und Spiegel seiner zersplitterten Identität.

Dr. Klaus Reimann

Prozessgegner, Vertreter der Klägerseite im einleitenden Verfahren. Akademisch, moralisch – und ein unbeabsichtigter Chronist des Untergangs.

„Rabe“

Informationsbeschaffer im Graubereich zwischen Legalität und Aufklärung. Ein Mann ohne Namen, aber mit Zugang zu allem, was geheim bleiben sollte.

IMPERIUM DER GIER

TEIL I: DER GOLDENE KÄFIG

KAPITEL 1: PRÄLUDIUM DER MACHT

In der Causa Brauer ./. Freie und Hansestadt Hamburg, Az. 11 O 76/24, erstreckte sich die Verhandlung vor dem Landgericht Hamburg, Kammer für Handelssachen, bereits in die neunte Stunde. Die Luft im Saal 309 des Strafjustizgebäudes am Sievekingplatz war erfüllt von jener charakteristischen Mischung aus Aktenstaub, Schweiß und der subtilen Spannung, die stets den Kulminationspunkt eines Rechtsstreits begleitet. Die Klimaanlage arbeitete mit jenem ineffizienten Summen, das den Anwesenden suggerierte, sie täte etwas, ohne tatsächlich eine spürbare Verbesserung der Raumtemperatur zu bewirken.

Dr. Maximilian Schönfeld, Fachanwalt für Handels- und Gesellschaftsrecht, stand am Pult der Beklagtenvertretung, seine Haltung eine Studie in kontrollierter Präzision. Seine maßgeschneiderte Robe aus schwerem schwarzen Wollstoff – ein Anachronismus in Zeiten synthetischer Materialien, aber ein bewusstes Statement – lag perfekt auf seinen breiten Schultern. Darunter trug er einen Anzug von Brioni in Anthrazit, dessen Wert dem Monatseinkommen eines Richters am Amtsgericht entsprach. Seine Erscheinung war die Manifestation dessen, was die Jurisprudenz seit jeher zu vermitteln suchte: Autorität, Kompetenz, Unantastbarkeit.

"Herr Vorsitzender", seine Stimme füllte den Raum mit jener präzisen Modulation, die in den Hörsälen der juristischen Fakultäten nicht gelehrt, sondern durch jahrelange Praxis vor Gericht erworben wird, "die Ausführungen meines geschätzten Kollegen zur angeblichen Pflichtverletzung meiner Mandantin gemäß § 280 Abs. 1 BGB in Verbindung mit § 241 Abs. 2 BGB entbehren jeglicher rechtlicher und tatsächlicher Grundlage."

Er pausierte, ließ seinen Blick über die drei Richter schweifen, die hinter dem erhöhten Tisch saßen. Der Vorsitzende, Dr. Hartmann, ein Mann in seinen Sechzigern mit akribisch gestutztem grauen Bart, betrachtete ihn mit jener Mischung aus Respekt und Vorsicht, die Max im Laufe seiner Karriere zu schätzen gelernt hatte. Die beiden Handelsrichter, ehrenamtliche Beisitzer aus der Hamburger Wirtschaft, wirkten weniger aufmerksam – der eine studierte seine Notizen, der andere unterdrückte ein Gähnen.

"Die Klägerin", fuhr Max fort, "versucht hier, einen gewöhnlichen unternehmerischen Fehlschlag in eine vertragswidrige Pflichtverletzung umzudeuten. Dies ist nicht nur rechtlich unzulässig, sondern auch wirtschaftlich absurd. Meine Mandantin hat sämtliche Informationspflichten gemäß § 312d BGB in Verbindung mit Art. 246a EGBGB vollumfänglich erfüllt. Die Behauptung, es habe eine arglistige Täuschung im Sinne des § 123 Abs. 1 BGB vorgelegen, ist eine Chimäre, konstruiert aus selektiver Wahrnehmung und post factum Rationalisierung."

Auf der gegenüberliegenden Seite des Saals erhob sich Dr. Klaus Reimann, ein hagerer Mann mit schütterem Haar und einer randlosen Brille, die ihm das Aussehen eines pensionierten Bibliothekars verlieh. Seine Robe, deutlich weniger imposant als die von Max, hing an seinem dünnen Körper wie an einem Kleiderbügel.

"Wenn ich kurz intervenieren darf", seine Stimme war hoch und leicht nasalierend, "mein Kollege versucht hier, durch rhetorische Finessen von den Kernfragen des Falles abzulenken. Die Tatsache bleibt bestehen, dass seine Mandantin wesentliche Informationen zurückgehalten hat, die für die Investitionsentscheidung meines Mandanten von erheblicher Bedeutung waren. Dies konstituiert eindeutig eine Verletzung der vorvertraglichen Aufklärungspflicht gemäß § 311 Abs. 2 BGB."

Dr. Hartmann hob die Hand, ein subtiles Zeichen, das beide Anwälte sofort verstanden. "Herr Dr. Reimann, Sie hatten ausreichend Gelegenheit für Ihren Vortrag. Lassen Sie Dr. Schönfeld seine Ausführungen beenden."

Max nickte dem Vorsitzenden dankend zu, ein kaum wahrnehmbares Lächeln umspielte seine Lippen. Diese kleinen Siege, diese Momente der richterlichen Bevorzugung, waren die Währung, in der Erfolg vor Gericht gemessen wurde.

"Wie ich darzulegen versuchte, bevor ich unterbrochen wurde", ein subtiler Seitenhieb gegen Reimann, "ist die Argumentation der Gegenseite nicht nur rechtlich unhaltbar, sondern auch faktisch inkorrekt. Meine Mandantin hat sämtliche Risiken des Immobilienprojekts transparent kommuniziert, wie aus den Anlagen B17 bis B24 eindeutig hervorgeht. Die Behauptung, es seien Bodenbelastungen verschwiegen worden, ist schlichtweg falsch. Das Bodengutachten, erstellt von der renommierten Firma GeoConsult GmbH, lag dem Kläger vor Vertragsunterzeichnung vor, wie seine Unterschrift auf dem Empfangsbekenntnis vom 15. März 2024 beweist."

Max griff nach einem Dokument aus dem Stapel vor ihm, reichte es dem Gerichtsdiener, der es zum Richtertisch brachte. "Darf ich das Gericht bitten, Anlage B25 in Augenschein zu nehmen? Hier ist das besagte Empfangsbekenntnis, notariell beglaubigt und mit der Unterschrift des Klägers versehen."

Dr. Hartmann nahm das Dokument entgegen, studierte es kurz und reichte es an seine Beisitzer weiter. "Fahren Sie fort, Dr. Schönfeld."

"Danke, Herr Vorsitzender. Die Klage ist somit nicht nur unbegründet, sondern grenzt an prozessuale Arglist. Meine Mandantin beantragt daher, die Klage vollumfänglich abzuweisen und dem Kläger die Kosten des Verfahrens aufzuerlegen, § 91 Abs. 1 ZPO."

Max setzte sich, arrangierte seine Unterlagen mit präzisen Bewegungen. Aus dem Augenwinkel bemerkte er eine Bewegung am Eingang des Saals. Eine Frau war eingetreten, hatte sich leise auf einen der hinteren Plätze gesetzt. Etwas an ihr kam ihm vage bekannt vor, aber er konnte sie nicht einordnen.

Dr. Reimann erhob sich erneut, sein Gesicht gerötet vor unterdrückter Wut. "Herr Vorsitzender, ich muss gegen die Unterstellungen meines Kollegen protestieren. Von prozessualer Arglist zu sprechen, ist eine ungeheuerliche Verleumdung, die ich entschieden zurückweise."

Dr. Hartmann seufzte leise. "Ihre Empörung ist zur Kenntnis genommen, Herr Dr. Reimann. Das Gericht wird sich zur Beratung zurückziehen und den Termin zur Verkündung einer Entscheidung in Kürze bekannt geben."

Die drei Richter erhoben sich, die Anwesenden im Saal folgten ihrem Beispiel. Als die Richter den Raum verlassen hatten, brach ein leises Gemurmel aus. Max packte seine Unterlagen in seine Aktentasche aus feinstem Kalbsleder – ein Geschenk seiner Kanzlei zu seinem zehnjährigen Jubiläum als Partner.

"Beeindruckende Vorstellung, Schönfeld", sagte Reimann, der zu ihm herübergekommen war. Seine Stimme triefte vor kaum verhohlenem Sarkasmus. "Aber glauben Sie wirklich, dass Ihre rhetorischen Kunststücke ausreichen werden, um die Wahrheit zu verschleiern?"

Max schloss seine Aktentasche mit einem präzisen Klicken. "Die Wahrheit, lieber Kollege, ist ein flexibler Begriff, besonders im Kontext der Jurisprudenz. Was zählt, sind die Fakten, die bewiesen werden können, und die rechtlichen Normen, die auf sie anwendbar sind. Alles andere ist Spekulation und Emotion – beides hat im Gerichtssaal nichts verloren."

"Diese zynische Weltsicht mag Ihnen bisher gute Dienste geleistet haben, Schönfeld, aber irgendwann holt die Realität auch Sie ein." Reimann schüttelte den Kopf. "Wie können Sie nachts schlafen, wenn Sie Unternehmen verteidigen, die wissentlich Menschen schädigen?"

Max lächelte dünn. "Mit Hilfe eines exzellenten Matratzentoppers und der beruhigenden Gewissheit, dass ich meinen Mandanten die bestmögliche rechtliche Vertretung biete, zu der ich gemäß § 43a BRAO verpflichtet bin. Und nun entschuldigen Sie mich, ich habe weitere Termine."

Er wandte sich ab, ohne Reimanns Antwort abzuwarten, und schritt durch den Mittelgang des Gerichtssaals. Als er an der letzten Reihe vorbeikam, erhob sich die Frau, die er zuvor bemerkt hatte. Jetzt erkannte er sie.

Sarah Lehmann. Staatsanwältin bei der Staatsanwaltschaft Hamburg, Hauptabteilung V, zuständig für Wirtschaftsstrafsachen. Und seine ehemalige Verlobte.

"Hallo Max", sagte sie, ihre Stimme kühl und professionell. "Beeindruckende Vorstellung."

Max blieb stehen, sein Gesicht eine Maske der Höflichkeit. "Sarah. Was verschafft mir die Ehre? Ich wusste nicht, dass die Staatsanwaltschaft sich für zivilrechtliche Auseinandersetzungen interessiert."

"Tut sie in der Regel auch nicht." Sarah trat näher, senkte ihre Stimme. "Aber wenn der Beklagte Verbindungen zu Personen hat, die uns interessieren, machen wir gelegentlich eine Ausnahme."

Max hob eine Augenbraue. "Und wer könnte das sein?"

"Das weißt du genau." Sarah hielt seinen Blick fest. "Viktor Orlov. Dein neuer Mandant, wenn ich richtig informiert bin."

Max spürte, wie sich sein Puls beschleunigte, aber sein Gesicht blieb ausdruckslos. "Ich kommentiere weder die Identität meiner Mandanten noch die Natur meiner Mandate. Anwaltliche Schweigepflicht, § 43a Abs. 2 BRAO. Das solltest du wissen."

"Natürlich." Sarah lächelte dünn. "Aber lass mich dir einen freundschaftlichen Rat geben, Max. Sei vorsichtig mit Orlov. Er ist nicht der, für den du ihn hältst."

"Danke für deine Fürsorge", erwiderte Max kühl. "Aber ich bin durchaus in der Lage, meine Mandanten selbst einzuschätzen."

Sarah trat noch näher, so nah, dass er ihr Parfüm riechen konnte – dasselbe, das sie schon während ihrer gemeinsamen Zeit an der Universität getragen hatte. "Ist das so? Dann weißt du sicher auch von seinen Verbindungen zur organisierten Kriminalität? Von den Geldwäschevorwürfen? Von den mysteriösen Todesfällen in seinem Umfeld?"

Max' Gesicht blieb unbewegt, aber innerlich registrierte er jedes Wort. Wenn Sarah hier war, wenn sie diese Fragen stellte, dann bedeutete das, dass die Staatsanwaltschaft tatsächlich gegen Orlov ermittelte. Eine Information, die von unschätzbarem Wert sein könnte.

"Wenn die Staatsanwaltschaft konkrete Beweise für strafbares Verhalten hat, sollte sie Anklage erheben, anstatt in Gerichtssälen Gerüchte zu streuen", sagte er kühl. "Und nun entschuldige mich, ich habe einen Termin."

Er ging an ihr vorbei, spürte ihren Blick in seinem Rücken wie ein physisches Gewicht. Die Begegnung hatte ihn mehr beunruhigt, als er zugeben wollte. Nicht wegen der Vorwürfe gegen Orlov – solche Anschuldigungen waren bei Männern seines Kalibers an der Tagesordnung. Nein, es war die Tatsache, dass Sarah persönlich hier aufgetaucht war, dass sie ihn direkt konfrontiert hatte. Das war untypisch für sie, die sonst so methodisch und diskret arbeitete.

Als er das Gerichtsgebäude verließ und in die helle Mittagssonne trat, zog er sein Mobiltelefon aus der Tasche und wählte eine Nummer, die nicht in seinem offiziellen Kontaktverzeichnis stand.

"Rabe? Ich brauche Informationen. Über Viktor Orlov und mögliche Ermittlungen der Staatsanwaltschaft Hamburg gegen ihn. So schnell wie möglich."

Er beendete das Gespräch und steckte das Telefon weg. Auf dem Weg zu seinem Porsche, der in der Tiefgarage des Gerichts parkte, ging er mental die Begegnung mit Sarah durch. Ihre Worte, ihre Körpersprache, die Implikationen ihrer Anwesenheit. Etwas stimmte nicht, das spürte er. Und wenn es eines gab, das Max Schönfeld in seinen fünfzehn Jahren als Anwalt gelernt hatte, dann war es, auf sein Bauchgefühl zu hören.

Im Auto sitzend, überprüfte er seinen Terminkalender. Um 14 Uhr hatte er ein Treffen mit Viktor Orlov in dessen Villa in Blankenese. Ursprünglich sollte es um ein Immobilienprojekt in der HafenCity gehen, für das Orlov seine rechtliche Beratung wünschte. Aber jetzt, nach Sarahs Warnung, würde er das Gespräch in eine andere Richtung lenken müssen. Subtil, natürlich. Orlov war nicht der Mann, den man direkt konfrontierte.

Max startete den Motor und fuhr aus der Tiefgarage, sein Geist bereits bei der Formulierung der Fragen, die er stellen würde, und der Analyse der Antworten, die er erwartete. Es war ein Spiel, das er beherrschte – das Extrahieren von Informationen, ohne den Anschein zu erwecken, dass er sie suchte. Eine Kunst, die er im Laufe seiner Karriere perfektioniert hatte.

Als er auf die Straße einbog, bemerkte er im Rückspiegel einen dunklen SUV, der ihm zu folgen schien. Paranoia? Vielleicht. Aber in seiner Position, mit seinen Mandanten, war Vorsicht stets geboten. Er beschleunigte leicht, nahm eine unerwartete Abzweigung, beobachtete, ob der SUV folgte. Er tat es nicht. Max entspannte sich etwas, konzentrierte sich wieder auf die Straße vor ihm.

Die Begegnung mit Sarah hatte Erinnerungen geweckt, die er lange verdrängt hatte. Erinnerungen an ihre gemeinsame Zeit, an ihre Pläne, an ihren Bruch. An die Entscheidungen, die er getroffen hatte und die ihn hierher geführt hatten – in einen Porsche auf dem Weg zu einem Oligarchen, mit einem Jahresgehalt im siebenstelligen Bereich und einer inneren Leere, die kein materieller Erfolg zu füllen vermochte.

Max schüttelte den Kopf, um die Gedanken zu vertreiben. Sentimentalität war ein Luxus, den er sich nicht leisten konnte. Nicht in seinem Beruf, nicht mit seinen Mandanten, nicht mit seinem Leben. Er war Dr. Maximilian Schönfeld, einer der erfolgreichsten Wirtschaftsanwälte Hamburgs, gefürchtet von Gegnern, respektiert von Richtern, umworben von Mandanten. Das war die Identität, die er sich geschaffen hatte, die Persona, die er der Welt präsentierte.

Und wenn diese Persona manchmal wie eine zu eng sitzende Robe fühlte, wenn sie ihn einschnürte und ihm die Luft zum Atmen nahm – nun, das war der Preis des Erfolgs. Ein Preis, den er zu zahlen bereit war. Zumindest hatte er sich das immer eingeredet.

Mit diesem Gedanken fuhr er weiter durch die Straßen Hamburgs, dem Treffen mit Orlov entgegen, das sein Leben in eine Richtung lenken würde, die er sich nicht einmal in seinen dunkelsten Albträumen hätte vorstellen können.

KAPITEL 2: DER OLIGARCH

Am nächsten Morgen erwachte Max mit einem leichten Brummen im Kopf, aber ohne den vernichtenden Kater, den er nach einer Nacht mit Kokain und Whisky erwartet hätte. Vielleicht entwickelte er eine Toleranz. Der Gedanke war beunruhigend.

Er duschte lange und heiß, ließ das Wasser über seinen durchtrainierten Körper laufen und versuchte, die Reste der Nacht abzuwaschen. Dann rasierte er sich sorgfältig, trug teure Gesichtscreme auf und kleidete sich in einen maßgeschneiderten Anzug von Tom Ford. Die Maske des erfolgreichen Anwalts saß wieder perfekt.

In der Kanzlei erwartete ihn bereits ein voller Terminkalender. Mandantengespräche, Telefonkonferenzen, die Vorbereitung eines Schriftsatzes für einen Berufungsprozess. Die übliche Routine, die ihm einst Befriedigung verschafft hatte und die ihm jetzt zunehmend leer erschien.

Zwischen zwei Terminen rief er Claudia in sein Büro.

"Ich werde Orlovs Mandat annehmen", sagte er ohne Umschweife.

Claudia nickte, als hätte sie nichts anderes erwartet. "Gut. Ich habe bereits einen Mandatsvertrag vorbereitet. Die Konditionen sind... beeindruckend."

Sie reichte ihm ein Dokument. Max überflog es und pfiff leise durch die Zähne. Das Honorar war astronomisch, selbst für seine Standards.

"Ist das sein Ernst?"

"Offenbar. Und das ist nur das Grundhonorar. Dazu kommen Erfolgsprämien und die angedeuteten 'Beteiligungen'." Claudia setzte sich ihm gegenüber. "Max, ich muss dich das fragen: Bist du sicher, dass wir diesen Klienten wollen?"

"Warum nicht? Er zahlt gut, die Fälle klingen interessant."

"Du weißt, was ich meine. Die Gerüchte über ihn..."

"Sind nur das – Gerüchte." Max lehnte sich zurück. "Jeder erfolgreiche Geschäftsmann hat Neider, die Geschichten verbreiten."

Claudia sah ihn durchdringend an. "Du glaubst das nicht wirklich."

Max seufzte. "Hör zu, wir sind Anwälte. Wir vertreten Klienten, wir urteilen nicht über sie. Solange Orlov nichts Illegales von uns verlangt, sehe ich kein Problem."

"Und wenn er es tut?"

"Dann lehnen wir ab. Ganz einfach."

Claudia schien nicht überzeugt, nickte aber. "Deine Entscheidung. Aber sei vorsichtig, Max. Männer wie Orlov... sie haben ihre eigenen Regeln."

Als sie gegangen war, starrte Max auf den Mandatsvertrag. Claudias Worte hallten in seinem Kopf nach. War er zu leichtsinnig? Ging er ein Risiko ein, das er nicht vollständig einschätzen konnte?

Aber dann dachte er an die Kunstsammlung, an den 25-jährigen Macallan, an die Aussicht auf Projekte, die tatsächlich seine intellektuellen Fähigkeiten herausfordern würden. Und an das Geld, natürlich. Genug, um seine zunehmend kostspieligen Gewohnheiten zu finanzieren.

Er unterzeichnete den Vertrag.

Der Rest des Tages verlief in einem Nebel aus Routine. Max funktionierte auf Autopilot, erledigte seine Aufgaben mit der Effizienz eines gut geölten Uhrwerks. Aber seine Gedanken kreisten um den Abend, um das, was ihn erwartete.

Um 22:30 Uhr parkte er seinen Porsche in einer Seitenstraße im Hamburger Stadtteil St. Georg. Die Gegend war ein seltsamer Mix aus Gentrifizierung und Rotlichtmilieu – hippe Cafés neben Bordellen, Designerläden neben Sexshops. Hier, in dieser Grauzone zwischen bürgerlicher Respektabilität und urbaner Dekadenz, befand sich der Club "Obsidian".

Von außen war das Gebäude unscheinbar, ein ehemaliges Lagerhaus ohne Schild oder Leuchtreklame. Nur ein kleines, stilisiertes O neben der Tür deutete auf den Club hin. Max klopfte in einem bestimmten Rhythmus, und nach einem kurzen Scan durch eine versteckte Kamera öffnete sich die Tür.

"Herr Magnus", begrüßte ihn der Türsteher mit einem respektvollen Nicken. "Willkommen zurück."

Max nickte nur knapp und trat ein. Drinnen empfing ihn gedämpftes Licht und leise, pulsierende Musik. Der Empfangsbereich war elegant eingerichtet, mit dunklem Holz und Leder, wie ein exklusiver Gentlemen's Club. Eine attraktive Frau in einem schlichten schwarzen Kleid lächelte ihm zu.

"Herr Magnus", begrüßte sie ihn. "Schön, Sie wiederzusehen. Katze wartet bereits in Ihrem üblichen Raum."

"Danke, Vera", erwiderte Max. Hier war er nicht Dr. Maximilian Schönfeld, der renommierte Anwalt. Hier war er Herr Magnus, ein regelmäßiger Gast mit speziellen Vorlieben.

Er folgte einem langen Flur, vorbei an mehreren verschlossenen Türen, hinter denen sich andere "Spielzimmer" befanden. Der Club war exklusiv, diskret und sehr, sehr teuer. Die Mitgliedschaft kostete ein kleines Vermögen, und die zusätzlichen Dienste waren entsprechend hochpreisig. Aber für Max war es das wert. Hier konnte er sein, wer er wirklich war, ohne Angst vor Entdeckung oder Verurteilung.

Er erreichte eine Tür am Ende des Flurs und öffnete sie. Der Raum dahinter war in gedämpftes rotes Licht getaucht. An einer Wand hing eine Sammlung von Peitschen, Paddeln und anderen BDSM-Instrumenten. In der Mitte stand ein speziell angefertigter Stuhl mit Befestigungsmöglichkeiten.

Und dort, in der Ecke, kniete eine Frau. Sie trug nichts außer einem schwarzen Lederhalsband und einer Augenmaske. Ihr Körper war schlank, trainiert, ihre Haltung perfekt – Kopf gesenkt, Rücken gerade, Knie leicht gespreizt.

"Guten Abend, Katze", sagte Max, und seine Stimme veränderte sich, wurde tiefer, autoritärer.

"Guten Abend, Herr", antwortete sie leise, ohne aufzublicken.

Max ging zu einem Schrank und öffnete ihn. Darin hing ein schwarzer Anzug aus feinem Leder. Er begann, sich umzuziehen, legte seinen teuren Designeranzug sorgfältig ab.

"Wie war dein Tag?", fragte er, während er den Lederharnisch anlegte.

"Anstrengend, Herr. Viele Meetings, viel Stress."

Max wusste nicht, wer "Katze" im wirklichen Leben war, und sie wusste nicht, wer er war. Das waren die Regeln des Clubs. Aber er wusste, dass sie, wie viele hier, eine erfolgreiche Frau mit Verantwortung war. Jemand, der im Alltag ständig Kontrolle ausüben musste und hier die Erleichterung suchte, diese Kontrolle abzugeben.

Für Max war es genau umgekehrt. In seinem Beruf musste er ständig Kompromisse eingehen, musste sich anpassen, musste Regeln befolgen, die andere aufstellten. Hier, in diesem Raum, war er derjenige, der die Regeln machte. Hier hatte er absolute Kontrolle.

"Dann werden wir dafür sorgen, dass du alles vergisst", sagte er, nun vollständig in seiner Rolle als Herr Magnus. Er nahm eine Peitsche von der Wand und ließ sie durch die Luft sausen. Das Geräusch hallte durch den Raum, und er sah, wie Katze erschauerte – nicht vor Angst, sondern vor Erwartung.

"Steh auf", befahl er.

Sie gehorchte sofort, bewegte sich mit der Anmut einer Tänzerin.

"Geh zum Stuhl. Beug dich vor. Hände auf die Armlehnen."

Wieder gehorchte sie ohne Zögern. Max trat hinter sie und befestigte ihre Handgelenke mit Ledermanschetten an den Armlehnen. Dann ihre Knöchel an den Stuhlbeinen. Sie war nun völlig ausgeliefert, und beide wussten es.

"Was ist dein Safeword?", fragte er, wie immer, bevor sie begannen.

"Smaragd, Herr", antwortete sie.

"Gut." Er strich mit der Peitsche sanft über ihren Rücken. "Du weißt, dass du es jederzeit benutzen kannst."

"Ja, Herr."

Max holte aus und ließ die Peitsche auf ihre Schulter niedersausen. Nicht hart genug, um zu verletzen, aber fest genug, um einen roten Striemen zu hinterlassen. Katze stöhnte leise.

Er setzte die Session fort, variierte zwischen sanften Berührungen und scharfen Schlägen, baute langsam eine Intensität auf, die sie beide in einen Zustand erhöhter Wahrnehmung versetzte. Es war wie ein Tanz, ein Spiel von Macht und Hingabe, von Schmerz und Lust.

Für Max war es mehr als nur sexuelle Befriedigung. Es war ein Ventil, ein Weg, die Dunkelheit in ihm zu kanalisieren, die sonst keinen Ausweg fand. Hier konnte er Aspekte seiner Persönlichkeit ausleben, die im Alltag verborgen bleiben mussten.

Nach einer Stunde intensiven Spiels löste er Katzes Fesseln und half ihr auf. Sie zitterte leicht, ihr Körper gezeichnet von den Spuren seiner Aufmerksamkeit, aber ihr Gesicht – was er davon unter der Maske sehen konnte – strahlte eine tiefe Zufriedenheit aus.

"Danke, Herr", flüsterte sie.

Max führte sie zu einem bequemen Sofa in der Ecke des Raums und wickelte sie in eine weiche Decke. Er reichte ihr Wasser und setzte sich neben sie, hielt sie sanft, während sie langsam aus dem Subspace zurückkam, jenem tranceähnlichen Zustand, in den intensive BDSM-Sessions führen konnten.

Dies war der Teil, den er fast ebenso schätzte wie die Session selbst – die Intimität danach, die Fürsorge, die er zeigen konnte, ohne Schwäche zu offenbaren.

"War es gut für dich?", fragte er leise.

Sie nickte. "Perfekt. Du weißt genau, was ich brauche."

Sie saßen eine Weile schweigend da, bis Katze sich vollständig erholt hatte. Dann stand sie auf, um sich anzuziehen. Max tat dasselbe, verwandelte sich zurück in Dr. Maximilian Schönfeld.

Als sie fertig waren, nahm Katze ihre Maske ab – ein Zeichen, dass die Session offiziell beendet war. Darunter kam das Gesicht einer Frau in den Dreißigern zum Vorschein, attraktiv auf eine unaufdringliche Art, mit klugen Augen und einem leichten Lächeln.

"Selbe Zeit nächste Woche?", fragte sie.

"Ich melde mich", antwortete Max. "Die nächsten Tage könnten hektisch werden."

Sie nickte verständnisvoll. "Neuer Fall?"

"Neuer Klient. Potenziell sehr lukrativ."

"Na dann." Sie lächelte. "Viel Erfolg dabei."

Sie verließen den Raum getrennt, wie es die Regeln vorsahen. Max ging zuerst, verabschiedete sich von Vera am Empfang und trat hinaus in die kühle Nachtluft.

Draußen lehnte er sich einen Moment gegen die Wand und atmete tief durch. Die Session hatte ihm gut getan, hatte die Anspannung gelöst, die sich seit dem Treffen mit Orlov in ihm aufgebaut hatte. Aber er wusste, dass es nur vorübergehend war. Bald würde das Verlangen zurückkehren – nach Kontrolle, nach Macht, nach dem Kick, den ihm weder sein Beruf noch gewöhnlicher Sex geben konnten.

Er ging zu seinem Wagen zurück und fuhr los. Statt nach Hause zu fahren, lenkte er den Porsche zu einem kleinen Park am Elbufer. Dort parkte er und holte das Etui mit dem Kokain hervor.

Eine Line später lehnte er sich zurück und ließ den Rausch durch seinen Körper strömen. Die Kombination aus dem Nachglühen der BDSM-Session und dem Kokain erzeugte eine Euphorie, die fast überwältigend war.

In diesem Moment der künstlichen Klarheit dachte er an Sarah. An ihr Gesicht im Gerichtssaal, an die Verachtung in ihren Augen. Er fragte sich, was sie sagen würde, wenn sie ihn jetzt sehen könnte – high in seinem teuren Auto, nach einer BDSM-Session mit einer Frau, deren Namen er nicht einmal kannte.

Sie würde es als Bestätigung sehen, dass sie recht gehabt hatte. Dass er seine Seele verkauft hatte.

Aber hatte er das wirklich? Oder hatte er einfach die Welt akzeptiert, wie sie war – ein Ort, an dem Macht und Geld die einzigen Währungen waren, die zählten?

Max schüttelte den Kopf, um die Gedanken zu vertreiben. Er konnte es sich nicht leisten, sentimental zu werden. Nicht jetzt, wo Orlov ihm die Chance seines Lebens bot.

Er startete den Motor und fuhr nach Hause, durch die nächtlichen Straßen Hamburgs, vorbei an den glitzernden Lichtern des Hafens, hinauf in seinen gläsernen Turm in der HafenCity.

Allein in seinem Penthouse, umgeben von teuren Möbeln und Kunstwerken, die er gekauft hatte, weil ein Innenarchitekt sie empfohlen hatte, nicht weil sie ihm etwas bedeuteten, spürte Max wieder diese seltsame Leere.

Er trat ans Fenster und blickte auf die Stadt hinunter. Irgendwo da draußen war Sarah, vielleicht noch in ihrem Büro, vielleicht zu Hause, arbeitete an Fällen, die sie für wichtig hielt. Kämpfte für das, was sie für richtig hielt.

Für einen kurzen Moment fragte er sich, wie sein Leben verlaufen wäre, wenn er damals eine andere Entscheidung getroffen hätte. Wenn er Bergmann & Partner abgelehnt und stattdessen einen anderen Weg eingeschlagen hätte. Wenn er und Sarah zusammengeblieben wären.

Aber es war sinnlos, darüber nachzudenken. Er hatte seine Entscheidung getroffen, und sie hatte ihre Konsequenzen gehabt. Er war Dr. Maximilian Schönfeld geworden, einer der erfolgreichsten Anwälte der Stadt. Er hatte alles, was er sich je erträumt hatte.

Warum fühlte es sich dann manchmal so an, als hätte er nichts?

Max wandte sich vom Fenster ab und ging ins Badezimmer. Er wusch sich das Gesicht mit kaltem Wasser und starrte sein Spiegelbild an. Die Augen eines Fremden blickten zurück.

Morgen würde er wieder der brillante, kontrollierte Anwalt sein. Er würde Orlovs Angebot annehmen und in eine neue Liga aufsteigen. Er würde tun, was nötig war, um zu gewinnen.

Denn das war es, was er am besten konnte. Gewinnen. Egal zu welchem Preis.

KAPITEL 3: ALTE WUNDEN

Sarah Lehmann rieb sich die müden Augen und starrte auf den Bildschirm ihres Computers. Es war kurz nach Mitternacht, und das Gebäude der Staatsanwaltschaft Hamburg am Gorch-Fock-Wall war längst in die Stille der Nacht getaucht. Nur in ihrem Büro im dritten Stock, dem Sitz der Hauptabteilung V – zuständig für Wirtschaftsstrafsachen – brannte noch das kalte Licht einer Schreibtischlampe. Vor ihr türmten sich Aktenordner, Ausdrucke von Handelsregisterauszügen, Kontoauszüge aus Luxemburg und Zypern, Organigramme verschachtelter Firmenkonstrukte. Puzzleteile eines Bildes, das sie noch nicht vollständig erkennen konnte, aber dessen Konturen sich langsam abzeichneten – düster und bedrohlich.

"Du machst dich noch kaputt, Sarah", hatte ihr Kollege Markus Scholz, ein erfahrener Staatsanwalt kurz vor der Pensionierung, gesagt, bevor er vor Stunden gegangen war. "§ 153 StPO ist auch eine Option, weißt du? Nicht jeder Kleinkram muss bis zur Anklage getrieben werden." Vielleicht hatte er recht. Aber das hier war kein Kleinkram. Das hier roch nach etwas Großem, nach systematischer Kriminalität im Herzen der Hamburger Wirtschaftselite.

Sie nahm einen Schluck vom längst kalten Kaffee aus einer Papptasse, der bitter auf ihrer Zunge schmeckte. Auf dem Bildschirm leuchtete die Struktur einer Holdinggesellschaft mit Sitz in Panama, deren wirtschaftlich Berechtigte sich hinter anonymen Treuhändern verbargen. Eine typische Verschleierungstaktik, oft genutzt für Geldwäsche oder Steuerhinterziehung gemäß § 261 StGB oder § 370 AO. Die Frage war nur: Wessen Geld wurde hier gewaschen? Und woher stammte es?

Ihr dienstliches Mobiltelefon vibrierte auf dem Schreibtisch. Eine verschlüsselte Nachricht von Thomas Brandt, Hauptkommissar beim LKA 5, der Abteilung für Wirtschaftskriminalität. "Hast du die Unterlagen zur Hanseatischen Privatbank bekommen? Konnte was Verwertbares finden?"

Sarah tippte eine kurze Antwort: "Ja, danke. Interessante Transaktionen, aber der direkte Link fehlt noch. Treffen morgen wie besprochen? Brauchen eine Strategie, bevor wir einen Durchsuchungsbeschluss nach §§ 102, 105 StPO beantragen."

Die Antwort kam sofort: "21 Uhr. Alster-Pavillon. Sei vorsichtig. Habe das Gefühl, wir stochern in einem Wespennest."

Sarah legte das Telefon beiseite und lehnte sich im abgewetzten Bürostuhl zurück. Ihr Blick fiel auf ein gerahmtes Foto an der Pinnwand – sie und ihr Vater vor dessen kleinem Biohofladen in Lüneburg, aufgenommen an einem sonnigen Tag, der Lichtjahre entfernt schien. Es war drei Jahre her, dass er alles verloren hatte. Drei Jahre seit dem Zivilprozess vor dem Landgericht Lüneburg, der sein Lebenswerk zerstört und ihre Welt auf den Kopf gestellt hatte.

Die Erinnerungen kamen ungebeten, scharf und schmerzhaft, wie so oft in diesen späten, einsamen Stunden.

---

*Universität Hamburg, Rechtshaus an der Rothenbaumchaussee, 13 Jahre zuvor*

"Du kannst nicht ernsthaft in Erwägung ziehen, bei Bergmann & Partner anzufangen", sagte Sarah und starrte Max ungläubig an. Sie standen im überfüllten Foyer des Rechtshauses, umgeben vom Stimmengewirr der Studenten, die zwischen den Vorlesungen hin und her eilten. Der Geruch von altem Papier und Bohnerwachs lag in der Luft.

Max sah unbehaglich aus, wich ihrem Blick aus, aber seine Kiefermuskeln waren angespannt, ein Zeichen seiner Entschlossenheit. "Es ist Bergmann & Partner, Sarah. Die Top-Adresse für Wirtschaftsrecht in Hamburg. Vielleicht sogar bundesweit. Diese Chance bekommt man nur einmal im Leben. Das ist der Karrieresprung, von dem alle träumen."

"Eine Kanzlei, die gerade dabei ist, meinen Vater systematisch zu ruinieren! Die ihn mit Klagen überzieht, ihn in den finanziellen Ruin treibt!" Sarah spürte, wie ihr die Tränen in die Augen stiegen, und hasste sich dafür. Sie wollte nicht weinen, nicht hier, nicht vor ihm. Sie wollte stark sein, kämpferisch, so wie ihr Vater es immer war.

Max griff nach ihrer Hand, aber sie zog sie heftig weg. "Es ist nicht so einfach", sagte er leise, seine Stimme fast ein Flüstern inmitten des Lärms. "Der Fall deines Vaters... das ist nur ein Mandat von vielen. Ein Standardverfahren wegen angeblicher Vertragsverletzung und Rufschädigung. Ich würde damit gar nichts zu tun haben. Ich soll ins M&A-Team."

"Aber du würdest für die Leute arbeiten, die ihn zerstören wollen! Die einen ehrlichen Mann fertigmachen, nur weil er es gewagt hat, sich gegen einen Agrarkonzern zu stellen, der seine Lieferanten knebelt und die Umwelt vergiftet!" Ihre Stimme wurde lauter, zog Blicke auf sich. "Es geht um § 823 BGB, um sittenwidrige Schädigung, Max! Nicht nur um Vertragsrecht!"

"Dein Vater hat Vertraulichkeitsklauseln verletzt, Sarah. Er hat interne Dokumente geleakt. Er mag moralisch im Recht sein, aber juristisch..." Max fuhr sich mit der Hand durchs Haar, eine Geste, die sie einst so anziehend gefunden hatte und die ihr jetzt wie ein Zeichen seiner Unsicherheit vorkam.

"Moralisch im Recht?" Ihre Stimme zitterte vor unterdrückter Wut. "Er hat aufgedeckt, dass dieser Konzern systematisch Pestizide einsetzt, die längst verboten sind! Dass sie das Grundwasser verseuchen! Er ist ein Whistleblower, verdammt noch mal! Er hätte Schutz verdient, nicht Verfolgung!"

"Ich weiß. Und ich bewundere seinen Mut. Wirklich. Aber die Kanzlei vertritt die Interessen ihres Mandanten. Das ist ihr Job. Und meiner wäre es auch."

"Spar dir die Juristensprache." Sarah schüttelte den Kopf, ein bitterer Geschmack breitete sich in ihrem Mund aus. "Es geht hier nicht um Paragraphen oder Aktenzeichen. Es geht um Menschen. Um Anstand. Um das, was richtig und falsch ist."

"Die Welt ist nicht so schwarz-weiß, wie du sie siehst, Sarah. Im Wirtschaftsrecht gibt es viele Grautöne."

"Nein? Dann sag mir, in welchem Grauton du dich siehst, wenn du morgens aufwachst und weißt, dass du dein Geld damit verdienst, die Leute zu vertreten, die meinen Vater und seine Existenz vernichten wollen?"

Max schwieg einen Moment, sein Blick wanderte über die Köpfe der anderen Studenten hinweg, als suche er nach einer Antwort, die nicht existierte. Als er wieder sprach, war seine Stimme leiser, fast flehend. "Ich habe mein ganzes Leben auf diesen Moment hingearbeitet, Sarah. Mein Vater erwartet, dass ich... dass ich erfolgreich bin. Dass ich in einer Top-Kanzlei lande."

"Dein Vater." Sarah lachte bitter auf. "Natürlich. Der Herr Vorsitzende Richter am Oberlandesgericht a.D. Schönfeld aus Buxtehude. Der Inbegriff juristischer Korrektheit. Gott bewahre, dass sein Sohn ihn enttäuscht und vielleicht einen Weg einschlägt, der weniger glänzend, aber dafür anständig ist."

"Das ist nicht fair."

"Weißt du, was nicht fair ist? Dass ich dachte, ich kenne dich. Dass ich dachte, wir hätten dieselben Werte, dieselben Ziele. Dass wir gemeinsam für eine gerechtere Welt kämpfen wollten." Sie trat einen Schritt zurück, schuf Distanz zwischen ihnen, die sich endgültig anfühlte. "Aber offenbar habe ich mich geirrt. Du bist genauso wie sie. Kalt, berechnend, karrieregeil."

"Sarah, bitte." Max machte einen Schritt auf sie zu, seine Augen voller Schmerz, den sie ihm nicht mehr abnahm. "Wir können das hinkriegen. Es muss nicht das Ende sein. Ich liebe dich."

Sie sah ihn an, diesen brillanten, gutaussehenden Mann, den sie zwei Jahre lang geliebt hatte. Den Mann, mit dem sie eine Zukunft geplant hatte, voller gemeinsamer Ideale und Träume. Und sie erkannte mit eisiger Klarheit, dass dieser Mann nicht mehr existierte – oder vielleicht nie existiert hatte.

"Doch, Max. Das ist es." Ihre Stimme war fest, ohne Zittern. "Es ist vorbei." Sie drehte sich um und ging, mit geradem Rücken, ignorierte sein verzweifeltes Rufen, ignorierte die neugierigen Blicke der anderen Studenten. Sie weinte erst, als sie allein in ihrem alten VW Polo saß, der am Straßenrand parkte. Sie weinte um ihren Vater, um ihre verlorene Liebe, um die Illusionen, die gerade zerplatzt waren.

Drei Wochen später erging das Urteil des Landgerichts Lüneburg. Bergmann & Partner gewann auf ganzer Linie. Der Konzern wurde von allen Vorwürfen freigesprochen, und ihr Vater wurde zu einem Schadensersatz verurteilt, der ihn in die Insolvenz trieb. Max' Name stand nicht auf den Schriftsätzen, aber er war im Gerichtssaal, saß in der zweiten Reihe hinter den Anwälten des Konzerns, sein Gesicht eine undurchdringliche Maske.

Das war das letzte Mal, dass sie ihn aus der Nähe gesehen hatte – bis zu jenem Tag vor sechs Monaten im Hamburger Landgericht, als er plötzlich als Anwalt des Gegners in einem ihrer eigenen Fälle auftauchte. Dr. Maximilian Schönfeld, der Star der Hamburger Anwaltsszene, kalt, erfolgreich, unerreichbar.

---

Ein Geräusch riss Sarah aus ihren schmerzhaften Erinnerungen. Ein leises Klicken, wie von einer sich schließenden Tür weiter unten im Flur. Sie erstarrte und lauschte in die Stille hinein. Das Gebäude sollte um diese Zeit menschenleer sein, abgesehen vom Wachdienst im Erdgeschoss.

Vorsichtig stand sie auf, schaltete die Schreibtischlampe aus und ging zur Tür ihres Büros. Sie öffnete sie einen Spaltbreit. Der lange Flur lag im Halbdunkel, nur schwach beleuchtet von den grünen Notausgangszeichen. Am Ende des Ganges glaubte sie, eine Bewegung wahrgenommen zu haben, einen Schatten, der um die Ecke verschwand.

Vielleicht der Wachmann auf seinem Rundgang? Aber der kam normalerweise nicht in die Hauptabteilung V, es sei denn, es gab einen besonderen Grund.

Ein ungutes Gefühl beschlich sie. Sie ging zurück zu ihrem Schreibtisch und schloss schnell die geöffneten Dateien auf ihrem Computer. Sie zog den verschlüsselten USB-Stick ab, auf den sie die wichtigsten Dokumente zum Fall Orlov kopiert hatte, und steckte ihn in ihre Tasche. Dann fuhr sie den Rechner herunter.

Als sie ihre Tasche packte, fiel ihr Blick auf einen schlichten weißen Umschlag, der unter ihrer Bürotür durchgeschoben worden war. Er lag direkt auf der Fußmatte. Sie war sich sicher, dass er vorhin noch nicht da gewesen war.

Mit klopfendem Herzen hob sie ihn auf. Kein Absender, keine Beschriftung. Nur ihr Name, in Druckbuchstaben geschrieben: SARAH LEHMANN.

Sie schloss die Bürotür hinter sich ab und öffnete den Umschlag vorsichtig, während sie zum Aufzug ging. Darin befand sich ein einzelnes Blatt Papier mit einer kurzen, maschinengeschriebenen Notiz:

"Orlov ist nicht der, für den Sie ihn halten. Folgen Sie dem Geld – Hanseatische Privatbank, Konten in Panama (siehe Panama Papers Leaks). Vorsicht, er hat Augen und Ohren überall. Treffen Sie sich nicht mit Brandt im Alster-Pavillon. Zu offen. Hafenstraße 157, Lagerhaus 3, morgen 23 Uhr. Kommen Sie allein."

Sarah starrte auf die Nachricht, ihr Herz hämmerte gegen die Rippen. Orlov. Viktor Orlov. Der Name tauchte immer wieder auf. Der russischdeutsche Investor, der Gönner der Künste, der Mann mit den undurchsichtigen Geschäften und den angeblichen Verbindungen zur organisierten Kriminalität. Ihr Instinkt hatte sie nicht getrogen.

Und die Hanseatische Privatbank – eine der diskretesten Adressen am Hamburger Finanzplatz, bekannt für ihre wohlhabende Klientel und ihre Verwicklungen in die Panama Papers. Es passte alles zusammen.

Aber wer war der Absender? Jemand, der Orlov schaden wollte? Ein Insider? Oder jemand, der sie in eine Falle locken wollte? Die Warnung bezüglich des Treffens mit Brandt war beunruhigend. Woher wusste der Absender davon? Und die Adresse im Hafen – ein verlassenes Lagerhaus um 23 Uhr? Das klang wie die Kulisse für einen schlechten Krimi.

Sarah steckte die Notiz in ihre Tasche, ihr Gehirn arbeitete auf Hochtouren. Sie musste Brandt informieren, sofort. Aber nicht über das Diensthandy. Vielleicht hatte der Absender recht, vielleicht wurden sie überwacht.

Im Aufzug auf dem Weg nach unten traf sie ihre Entscheidung. Sie würde Brandt von ihrem privaten Handy aus kontaktieren, sobald sie im Auto saß. Sie würde ihm von der Nachricht erzählen, aber nicht von dem vorgeschlagenen Treffen im Hafen. Das war zu riskant. Sie musste diesen Hinweis erst selbst überprüfen.

Als sie die Tiefgarage erreichte und zu ihrem unauffälligen Dienstwagen ging, einem grauen VW Passat, sah sie sich immer wieder um. Die Garage war schlecht beleuchtet, voller Schatten. Jeder Winkel schien eine potenzielle Bedrohung zu bergen.

Erst als sie im Auto saß und die Türen verriegelt hatte, erlaubte sie sich, tief durchzuatmen. Die Begegnung mit Max im Gerichtssaal. Die anonyme Nachricht. Das Gefühl, beobachtet zu werden. Es war zu viel für einen Tag.

Sie dachte wieder an Max. An den Mann, der er geworden war. Erfolgreich, skrupellos, und nun offenbar in Geschäfte mit jemandem wie Orlov verwickelt. Hatte er eine Ahnung, worauf er sich einließ? Oder war es ihm egal, solange das Geld stimmte?

Sie startete den Motor und fuhr aus der Tiefgarage hinaus in die regennasse Hamburger Nacht. In ihrem Kopf formte sich langsam ein Plan. Sie würde Brandt treffen, aber an einem anderen Ort, einem sichereren. Sie würden die Informationen zur Hanseatischen Bank prüfen. Und sie würde versuchen, mehr über die Verbindung zwischen Max Schönfeld und Viktor Orlov herauszufinden.

Als sie an einer roten Ampel am Stephansplatz hielt, bemerkte sie im Rückspiegel einen dunklen SUV, der dicht hinter ihr fuhr. Derselbe wie vorhin? Sie konnte es nicht sicher sagen. Paranoia? Vielleicht. Aber in ihrem Job lernte man schnell, dass Paranoia manchmal nur ein anderes Wort für einen gesunden Überlebensinstinkt war.

Sie bog bei Grünlicht scharf rechts ab, fuhr eine unerwartete Route durch die Innenstadt. Der SUV folgte ihr nicht. Sarah atmete erleichtert auf, aber das ungute Gefühl blieb, wie ein kalter Knoten in ihrem Magen.

Etwas Großes bahnte sich an in dieser Stadt, etwas Dunkles und Gefährliches. Sie konnte es spüren. Und irgendwie, das sagte ihr Instinkt, war sie nicht die Einzige, die jagte. Sie wurde selbst zur Gejagten.

KAPITEL 4: VERBORGENE VERBINDUNGEN

Die Sonne war noch nicht aufgegangen, als Max Schönfeld bereits auf dem Laufband in seinem Penthouse stand. Der Schweiß rann ihm über den durchtrainierten Körper, während er mit mechanischer Präzision einen Kilometer nach dem anderen abspulte. Durch die bodentiefen Fenster konnte er sehen, wie sich der Himmel über dem Hamburger Hafen langsam von Schwarz zu einem tiefen Blau verfärbte. Die Silhouetten der Kräne zeichneten sich wie schwarze Skelette gegen den Horizont ab.

Das gleichmäßige Stampfen seiner Füße auf dem Laufband und das kontrollierte Atmen halfen ihm, seinen Geist zu fokussieren. Die Ereignisse der letzten Tage – der Prozess gegen die Stadt, das Treffen mit Orlov, die Session im Club Obsidian – hatten eine Unruhe in ihm ausgelöst, die er nur durch körperliche Anstrengung und eiserne Disziplin im Zaum halten konnte.

Nach einer Stunde intensiven Trainings duschte er, rasierte sich mit chirurgischer Präzision und kleidete sich in einen maßgeschneiderten Anzug von Brioni. Vor dem Spiegel im Ankleidezimmer überprüfte er sein Erscheinungsbild mit kritischem Blick. Perfekt. Die Maske des erfolgreichen Anwalts saß wieder tadellos.

Auf dem Weg zur Kanzlei hielt er bei seinem bevorzugten Café in der Hafencity, wo der Barista ihm ohne Aufforderung einen doppelten Espresso zubereitete. Max nickte dem Mann knapp zu, bezahlte mit seiner Platinkarte und trat wieder hinaus in die kühle Morgenluft. Der bittere Geschmack des Espressos auf seiner Zunge war genau das, was er brauchte – ein scharfer Kontrast zu der Benommenheit, die ihn seit dem Aufwachen begleitete.

In der Kanzlei Schönfeld & Partner herrschte bereits geschäftiges Treiben, als er um Punkt acht Uhr durch die Glastüren trat. Die Rezeptionistin grüßte ihn mit einem respektvollen "Guten Morgen, Herr Dr. Schönfeld", während zwei junge Anwälte, die im Foyer standen, ihre Unterhaltung unterbrachen und sich aufrichteten, als hätte ein General den Raum betreten.

Max ignorierte sie und ging direkt zu seinem Büro im obersten Stock. Frau Keller, seine Assistentin seit sieben Jahren, erwartete ihn bereits mit einer Tasse schwarzen Kaffee und einem Stapel Akten.

"Guten Morgen, Herr Doktor. Ich habe Ihren Terminkalender für heute aktualisiert. Herr Brauer hat angerufen, er möchte Sie zum Mittagessen einladen, um den Prozesserfolg zu feiern. Und Herr Orlov hat eine Nachricht hinterlassen – er erwartet Sie heute Abend um 20 Uhr in seiner Villa. Die Einladung zu seiner Soirée am Samstag steht ebenfalls."

Max nahm die Tasse entgegen. "Danke, Frau Keller. Sagen Sie Brauer ab, ich habe keine Zeit für Lobhudeleien. Und bereiten Sie mir alle Unterlagen zum Fall Hanseatische Privatbank vor – alles, was wir haben."

Frau Keller hob überrascht eine Augenbraue. "Hanseatische Privatbank? Wir haben kein Mandat von ihnen."

"Noch nicht. Aber ich habe das Gefühl, dass sich das bald ändern könnte." Max trat in sein Büro und schloss die Tür hinter sich.

Er setzte sich an seinen Schreibtisch aus dunklem Nussbaum und aktivierte seinen Computer. Während das System hochfuhr, ließ er seinen Blick über die Skyline der Stadt schweifen. Von hier oben wirkte Hamburg wie ein präzises Uhrwerk – geordnet, funktional, berechenbar. Aber Max wusste es besser. Unter der glänzenden Oberfläche verbargen sich Abgründe, Geheimnisse, Machtspiele.

Er öffnete seinen E-Mail-Account und fand eine verschlüsselte Nachricht von einem Kontakt, den er nur unter dem Pseudonym "Rabe" kannte – ein ehemaliger Mitarbeiter des Bundesnachrichtendienstes, der nun als "Informationsberater" arbeitete und für den richtigen Preis fast alles herausfinden konnte.

"Rechercheergebnisse zu V.O. wie angefordert", lautete die knappe Mitteilung. Im Anhang befand sich eine verschlüsselte Datei.