Verlag: Heyne Kategorie: Fantasy und Science-Fiction Sprache: Deutsch Ausgabejahr: 2015

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E-Book-Beschreibung Impuls - Dave Bara

Peter Cochranes schwierigste MissionDie Menschheit hat sich über die ganze Galaxis ausgebreitet und neue Zivilisationen und interstellare Nationen gegründet. Frieden ist auch in dieser fernen Zukunft nur ein brüchiges Band zwischen ehrgeizigen Staaten. Als Leutnant Peter Cochrane von der königlichen Marine von Quantar die Nachricht von einem Angriff auf das Lichtschiff Impuls erhält, wird er mit der Suche nach der Ursache beauftragt. Eine militärisch und politisch heikle Reise in die Tiefen des Alls beginnt …

Meinungen über das E-Book Impuls - Dave Bara

E-Book-Leseprobe Impuls - Dave Bara

Das Buch

Die Menschheit hat sich über die ganze Galaxis ausgebreitet und hat neue Zivilisationen und interstellare Nationen gegründet. Frieden ist auch in dieser fernen Zukunft nur ein brüchiges Band zwischen ehrgeizigen Staaten. Als Lieutenant Peter Cochrane von der königlichen Marine von Quantar die Nachricht von der Zerstörung des Lichtschiffs Impuls erhält, wird er mit der Suche nach der Ursache beauftragt – ein ebenso tragischer wie brisanter Auftrag. Denn auf der Impuls war nicht nur Cochranes Verlobte stationiert, sondern das Schiff sollte auch militärisch für Ruhe und Ordnung sorgen. Damit ist es nun vorbei, und ein interstellarer Krieg scheint unvermeidlich – wenn nicht Cochrane rechtzeitig herausfindet, wer oder was die Impuls auf dem Gewissen hat. Eine militärisch und politisch heikle Spezialmission in die Tiefen des Alls beginnt …

Der Autor

Dave Bara begeistert sich schon immer für Raumfahrtprogramme, Astronauten und Science-Fiction. Frank Herbert, Isaac Asimov und viele andere Science-Fiction-Autoren beeinflussen sein eigenes Schreiben. Mit seinem Roman Impuls erscheint Dave Baras intergalaktisches Abenteuer. Er lebt am Nordwest-Pazifik.

Mehr über Dave Bara und seinen Roman erfahren Sie auf:

www.diezukunft.de

DAVE BARA

Roman

Deutsche Erstausgabe

WILHELM HEYNE VERLAG

MÜNCHEN

Titel der amerikanischen Originalausgabe

IMPULSE

Deutsche Übersetzung von Martin Gilbert

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Deutsche Erstausgabe 12/2015

Redaktion: Ralf Dürr

Copyright © 2015 by Dave Bara

Copyright © 2015 der deutschsprachigen Ausgabe by

Wilhelm Heyne Verlag, München,

in der Verlagsgruppe Random House GmbH

Umschlaggestaltung: Nele Schütz Design, München,

unter Verwendung von shutterstock/Tsuneo MP

Satz: KompetenzCenter, Mönchengladbach

ISBN: 978-3-641-16886-5

www.diezukunft.de

Dieses Buch ist meinem Vater Gene Bara gewidmet.

Dem Piloten, der selbst nie geflogen ist –

der aber vielen anderen Flügel verliehen hat.

1

AUF QUANTAR

Der lange Marsch durch den Korridor zum Büro meines Vaters in der Admiralität war mir noch nie so endlos erschienen. Ich war bisher erst einmal dort gewesen – vor drei Jahren, nachdem man mir die Nachricht überbracht hatte, dass mein älterer Bruder Derrick im Einsatz gefallen war. Das war keine schöne Erinnerung.

Unwillkürlich straffte ich mich und hoffte, dass ich in der Uniform der königlichen Marine von Quantar eine gute Figur machte. Ich hatte mir nicht einmal die Zeit genommen, mich zu rasieren. Die Nachricht meines Vaters war kurz und bündig gewesen.

Sofort bei mir melden.

Hastig hatte ich meine Mütze und Uniform geschnappt und war in der Hoffnung aus der Marine-Kaserne gestürmt, noch das 09:00-Basis-Shuttle über New Brisbane zur Admiralität zu erreichen. Aber die Hektik war unnötig. Draußen wartete bereits ein Bodenfahrzeug, das mich zu einem Privatflugzeug brachte. Anschließend waren wir durch die Skyline von New Briz gejagt und mit blinkenden Positionslichtern im Slalom zwischen den Wolkenkratzern hindurchgeflogen, während ich mich die ganze Zeit in der Enge des zweisitzigen Flugzeugs in die Uniform zu zwängen versuchte.

Der Anruf hatte mich beunruhigt, da ich am nächsten Tag meinen Dienst als befehlshabender Senior Lieutenant und leitender Offizier des Bord-Observatoriums auf dem Raumschiff Ihrer Majestät Starbound antreten sollte. Es waren mit Sicherheit keine guten Nachrichten; und ich konnte nur hoffen, dass sie nicht genauso schlimm waren wie die Mitteilung vom Tod meines Bruders Derrick, der erst drei Jahre zurücklag.

Die zwei Wachposten an der Tür zum Büro meines Vaters richteten bei meiner Annäherung den Blick auf mich und gingen mit gezückten Zeremoniensäbeln in Habtachtstellung. Die Wache zur Rechten steckte ihren Säbel wieder in die Scheide und drehte sich auf dem Absatz. Dann öffnete sie die Tür und hielt sie auf, während ich das Vorzimmer des Büros betrat. Zielstrebig ging ich zum Schreibtisch von Madrey Margretson, der Sekretärin meines Vaters.

Madrey stand schon seit über einem Jahrzehnt im Dienst meines Vaters, und bei unseren gelegentlichen gesellschaftlichen Begegnungen hatte sie wegen ihres netten Lächelns und der herzlichen Umarmungen meine Sympathie gewonnen. Sie stand auf, als ich hereinkam, und empfing mich noch vor ihrer Arbeitsstation mit einem besorgten Gesichtsausdruck. Sie wartete, bis die Wache die Tür wieder geschlossen hatte, bevor sie sich in einem geschäftsmäßigen Ton an mich wandte.

»Da ist etwas im Busch, Peter … etwas Ernstes«, sagte sie. »Ihr Vater befindet sich schon seit 05:00 Uhr in einer Konferenz mit Admiral Wesley. Die Alarmstufe der königlichen Marine und der Unions-Marine ist im gesamten System auf maximale Bereitschaft heraufgesetzt worden.«

»Weshalb?«, fragte ich.

»Ich weiß nicht«, gestand sie praktisch im Flüsterton. »Ich weiß nur, dass die Taufe der Starbound abgesagt und um 08:00 Uhr die Herstellung der Startbereitschaft angeordnet wurde.«

»Ob es vielleicht damit zu tun hat?«, fragte ich mich laut.

Sie schüttelte den Kopf. »Ich weiß es nicht«, gestand sie. »Ich habe nur die Anweisung, Sie bei Ihrem Eintreffen in Empfang zu nehmen. Mit dem Rest habe ich nichts mehr zu tun.«

Sie zog und zupfte an meiner marineblauen Uniform herum, um die Falten zu glätten, und strich noch einmal mit den Händen darüber, um eventuelle Fusseln zu entfernen. Schließlich fuhr sie mir noch mit den Fingern durch mein zerzaustes schwarzes Haar, um es zu glätten, und trat einen Schritt zurück, um mich einer letzten Musterung zu unterziehen. In diesem Moment läutete ihre Sprechanlage.

»Er weiß, dass Sie hier sind«, sagte sie. »Gehen Sie am besten gleich rein.« Sie trat wieder hinter ihren Schreibtisch und betätigte den Türöffner. Mit einem Summen schwangen die Flügel der massiven hölzernen Doppeltür auf, und ich setzte mich in Bewegung.

»Passen Sie auf sich auf, Peter«, sagte sie zu mir – so leise, dass ich sie kaum hörte.

»Das werde ich«, versprach ich. Verwirrt und mehr als nur leicht nervös wegen ihres Tons, ging ich durch die offene Tür ins Büro meines Vaters.

Nathan Cochrane, Großadmiral der königlichen Marine von Quantar, saß hinter seinem riesigen Redwood-Schreibtisch. Er hatte mir den Rücken zugewandt, als ich eintrat. Das Gesicht von Vizeadmiral Jonathon Wesley, dem Oberkommandierenden der Vereinten Weltraum-Marine, wurde auf den Langwellen-Plasmamonitor projiziert, der fast die gesamte Rückwand einnahm. Dem Raum hinter Wesley nach zu urteilen, konnte er nur von seinem Marine-Büro auf der Hochstation Quantar aus anrufen, die fünfhundert Kilometer über uns im geosynchronen Orbit stand. Wesleys Stimme mit dem markanten New-Queensland-Akzent wurde durch die Langwelle verstärkt. Sie erfüllte den Raum, als ich eintrat und mich auf ein Sofa an der Wand dem Bildschirm gegenübersetzte. Ich hoffte, dass ich mich dort außerhalb des Erfassungsbereichs des Sichtgeräts befand. Den kahlen Kopf meines Vaters sah ich knapp über die Rückenlehne seines Bürostuhls ragen. Danach zu urteilen, was ich aufschnappte, waren sie in ein Gespräch über die Details irgendwelcher Postings vertieft.

»… und damit sollte es dann auch genug sein, Nathan«, sagte Wesley. »Wann gedenken Sie die Ankündigung zu machen?«

»Es hat keinen Sinn, noch länger zu warten, Jonathon«, sagte mein Vater. »Ich werde es den Kadetten-Klassen um zwölf Uhr über Langwelle mitteilen.« Wesley nickte zweimal und sah dann zu mir auf.

Dann hat er mich doch auf dem Schirm, sagte ich mir.

»Wie ich sehe, ist Ihr Sohn inzwischen auch eingetroffen«, sagte Wesley. »Dann sollten wir zur Sache kommen.«

Mein Vater drehte den Stuhl nur so weit, um Blickkontakt zu mir herzustellen, und bedeutete mir, auf einem der beiden Stühle Platz zu nehmen, die vor dem Schreibtisch standen. Ich ging dorthin und setzte mich – im vollen Bewusstsein dessen, dass ich im Dienst war und mein Vater mein vorgesetzter Offizier. Ich wartete darauf, dass er etwas sagte oder eine sonstige Reaktion zeigte, und fühlte mich immer unbehaglicher, je länger das Schweigen anhielt. Irgendetwas stimmte definitiv nicht.

Schließlich drehte er sich zu mir um und sah mich an. Sein Schreibtisch war der mit Abstand größte Schreibtisch, den ich jemals gesehen hatte, und mein Vater mit seiner hünenhaften Statur thronte geradezu wie ein König dahinter. Wesleys überlebensgroßes Gesicht sah über die Schulter meines Vaters auf mich herab. Ich hatte das Gefühl, mich in einem Fischglas zu befinden.

Mein Vater nahm die altmodische Brille mit dem Metallgestell ab und rieb sich ausgiebig die Augen. Als er die Hand wegnahm, sah ich, dass sie verquollen und blutunterlaufen waren. Ich hatte ihn bisher nur einmal so gesehen – als mein Bruder gestorben war. Dann setzte er die Brille wieder auf. Das silberfarbene Gestell verschmolz mit dem weißen Haar an den Schläfen. Ich versuchte mich daran zu erinnern, wie er mit vollem Haar ausgesehen hatte, aber die Erinnerung war nicht mehr präsent.

Er sah zuerst auf den Schreibtisch und dann auf mich.

»Wie du sicher schon vermutet hast, mein Sohn, gibt es Neuigkeiten«, sagte er. Unbehaglich rutschte ich auf dem Stuhl herum. Mein Vater holte tief Luft und stieß sie dann wieder heftig aus.

»Es hat keinen Sinn, um den heißen Brei herumzureden, Peter, also will ich direkt zur Sache kommen«, fuhr er fort. »Es gab einen Angriff auf eines unserer Lichtschiffe.« Ich spürte, wie mein Magen sich verkrampfte.

Admiral Wesley ergriff das Wort. »Was ich Ihnen nun sagen werde, unterliegt der Geheimhaltung, Lieutenant«, sagte er, verstummte dann wieder und räusperte sich vernehmlich. »Vor fünf Tagen waren zwei Shuttles von der HMSImpuls auf einer Erstkontakt-Mission zum Levant-System unterwegs. Völlig überraschend wurden sie von einer hyperdimensionalen Verdrängungswelle getroffen, die dann auch die Impuls traf. Neun Tote auf der Impuls, zehn auf dem Tender und noch einmal zwölf auf dem Erkundungsshuttle.«

Seine Worte trafen mich wie ein Bauchschuss. Obwohl die Impuls offiziell ein Schiff der Unions-Marine war, hatte ihre Besatzung fast ausschließlich aus Personal der carinthianischen Marine bestanden – die des Erkundungsshuttles jedoch aus Offizieren der Quantar-Marine.

»Alle zwölf?«, fragte ich und sah auf meinen Vater und dann wieder auf Wesley. »Unser Erstkontakt-Team?« Wesley nickte, und sein Gesicht verdüsterte sich. Natalie Decker, meine erste und einzige Freundin, war ein Mitglied des Erstkontakt-Teams der Impuls. Sie war gerade erst vor sechs Wochen abgereist, um sich der Besatzung der Impuls anzuschließen. Aber es bestand vielleicht die Möglichkeit …

»Es tut mir leid, mein Sohn, Natalie Decker war auf diesem Shuttle«, sagte mein Vater, und nun erlosch auch mein letzter schwacher Hoffnungsschimmer. Mein Magen verkrampfte sich noch stärker. Ich beugte mich nach vorn und stützte die Ellbogen auf die Knie. Dann schlug ich die Hände vors Gesicht und unterdrückte die Tränen.

Natalie und ich hatten uns nahegestanden. Während unserer Zeit auf der Lichtschiff-Akademie der Unions-Marine waren wir uns vielleicht nähergekommen, als wir es gedurft hätten. Es hatte ganz harmlos angefangen, mit den Lernkreisen in nächtlichen Intensivsitzungen, bei denen wir in kleinen Gruppen über Ethik diskutiert und dabei festgestellt hatten, dass wir vieles gemeinsam hatten. Dann hatten eines Abends nur wir beide in der Studien-Lounge des Wohnheims gesessen, und ein langes Gespräch darüber, dass wir unsere Familien und Freunde zu Hause vermissten, hatte schließlich mit Küssen geendet. Von da an hatten die Dinge – wobei wir immer diskret waren – ihren natürlichen Gang zu immer größerer Intimität genommen. Wir verbrachten möglichst viel Zeit miteinander, ohne dass wir jedoch unsere Ausbildung und Pflichten vernachlässigt hätten. Sie war meine erste Liebe und ich die ihre.

Und nun war sie nicht mehr da.

»Leider bleibt keine Zeit zum Trauern, Peter«, ertönte die Stimme meines Vaters. Ich blickte auf und sah, dass er mit auf dem Schreibtisch gefalteten Händen dasaß. Ich wischte mir die Tränen aus den Augen und hielt dem Blick meines Vaters stand.

»Ja, Sir«, sagte ich, und dann holte ich tief Luft und stieß einen Seufzer aus. »Verstanden, Sir.« Mein Vater nickte mir zu, und in seinem grimmigen Lächeln schwang Stolz mit.

Wesley fuhr fort. »Weil natürliche HD-Verdrängungswellen extrem selten sind«, sagte er, »gehen wir davon aus, dass es sich um einen vorsätzlichen Angriff gehandelt hat – entweder durch ein automatisiertes System, das noch seit dem letzten Krieg aktiv ist, oder …« Wesley legte eine Pause ein. »… um einen aktiven Angriff.«

»Aktiv?«, sagte ich im Bewusstsein der Implikationen, die diese Aussage beinhaltete. »Das Konzern-Imperium?«

»Möglicherweise«, sagte Wesley. »Als wir wieder die Expansion in den interstellaren Raum aufnahmen, wussten wir, dass es da draußen vielleicht noch Überreste des Konzern-Imperiums der Menschheit gab. Dieses Vorkommnis scheint unsere schlimmsten Befürchtungen bestätigt zu haben.«

Ich dachte darüber nach. Mein Wissen über das Konzern-Imperium hatte ich vor allem aus dem Geschichtsunterricht. Ursprünglich entstanden war dieses Imperium aus einem losen Zusammenschluss von Planeten, die von Handelsgesellschaften kontrolliert wurden. Wobei diese Gesellschaften anfangs ein freiwilliger Verbund gewesen waren, der sich in dem Maße zu einer formellen Regierung entwickelt hatte, wie neue Kolonien durch Anreize zum Beitritt bewogen wurden. Schließlich war dieser Verbund so mächtig geworden, dass man sich ihm nicht mehr widersetzen konnte. Das Imperium hatte zu seinen Hochzeiten beinahe tausend Welten kontrolliert, war aber schwierig zu verwalten und wurde obendrein von Korruption geplagt. Ein Netzwerk aus königlichen Adligen wurde als Instrument zur Delegation von Verantwortung an die mächtigsten Personen implementiert. Doch dieses Netzwerk versagte schließlich.

Und dann brach der Krieg aus.

Quantar war eine der paar Dutzend Welten, die das Imperium verlassen wollten. Einer meiner Vorfahren hatte sogar die Bewegung zur Gründung einer Interstellaren Republik mit einer Verfassung angeführt. Das hatte den Unmut der proimperialen Familien erregt, die dann mit Waffengewalt gegen die neue Republik vorgingen. Der Krieg tobte fast achtzig Jahre lang. Und nachdem er mit der Schlacht von Corant geendet hatte, zogen sich alle Parteien für anderthalb Jahrhunderte in ihre eigenen Systeme zurück – bis ein Jahrzehnt später die Historiker von der Erde mit dem Geschenk der Lichtschiff-Technologie erschienen. Quantar hatte sich bereit erklärt, sich der Erde anzuschließen, und die prominenteste der proimperialen Familien, die Feilbergs von Carinthia, hatten die Union gegründet. Es war eine brüchige Allianz – und heute mehr denn je.

Ich richtete meine Aufmerksamkeit wieder auf das laufende Gespräch. Mir war jetzt jedes Thema recht, solange es nicht um Natalie ging.

»Haben wir denn keine Defensiv-Protokolle für solche Vorkommnisse?«, fragte ich, um meine Gefühle zu verdrängen und den Verlust zu überspielen.

»Doch, die haben wir«, sagte Wesley. »Normalerweise. Aber das war auch keine normale Erstkontakt-Mission.«

Mein Vater meldete sich wieder zu Wort. »Die Impuls wurde nach Levant geschickt, weil unsere automatisierten Sonden hyperdimensionale Anomalien im System entdeckt hatten«, sagte er. »Ihre Mission bestand nicht nur darin, Kontakt mit der Regierung von Levant Prime aufzunehmen. Es handelte sich auch um eine inoffizielle Mission, bei der ermittelt werden sollte, ob die HD-Anomalien eine potenzielle Bedrohung für Unionsschiffe darstellten.«

»Eine Bedrohung, die wir nun festgestellt haben«, schloss Wesley.

Ich holte tief Luft und sah zu den zwei Männern auf, die ich von allen Menschen am meisten respektierte. »Ich habe gehört, dass für die Starbound ein Starttermin festgelegt wurde«, sagte ich. »Hiermit möchte ich Sie davon in Kenntnis setzen, dass ich und meine Teams bereit sind zu starten und diese Bedrohung zu neutralisieren, Sirs.«

Mein Vater schüttelte den Kopf. »Es tut mir leid, Peter«, sagte er. »Es gibt noch mehr Neuigkeiten, und ich befürchte, die werden dir auch nicht sehr gefallen.« Abermals straffte ich mich innerlich. Konnte es denn noch schlimmer kommen als ohnehin schon?

»Du wirst nicht auf die Starbound versetzt, mein Sohn«, sagte er.

Ich war konsterniert, denn ich hatte angenommen, dass wir die Starbound auf eine Rettungsmission zur Impuls schicken würden und dass ich mit von der Partie wäre. Ich riskierte einen Blick nach oben auf Wesley, doch seine Miene war völlig reglos.

»Aber meine Kadettenteams – wir trainieren schon seit zwei Jahren für diese Mission …«, sagte ich.

»Diese Mission kann auch von jemand anders geführt werden«, unterbrach Wesley mich. »Sie werden woanders gebraucht, Lieutenant«, sagte er in einem autoritären Ton. Aber ich ließ mir dadurch nicht den Schneid abkaufen.

»Wo?«, fragte ich Wesley schroff und wollte mich von meinem Stuhl erheben. »Was könnte wichtiger sein, als auf einer Rettungsmission zu dienen und unsere Landsleute nach Hause zu bringen?«

Mein Vater legte mir die Hand auf den Arm und drückte mich wieder auf den Stuhl. Wesley war nicht mein kommandierender Offizier, zumindest noch nicht. Technisch gehörten wir noch immer unterschiedlichen Teilstreitkräften an, und ich wollte Antworten haben. Selbst wenn das bedeutete, die Grenze zur Insubordination zu überschreiten.

»Es gibt keine Rettungsmission, Lieutenant«, sagte Wesley ungerührt. »Die Starbound wird eine Woche früher als geplant als Machtdemonstration starten, und Ihr neuer Auftrag ist von großer Wichtigkeit für die Unions-Marine.«

Ich fragte mich, ob ich vielleicht zu meinem eigenen Schutz aus der Schusslinie genommen werden sollte. Doch noch bevor ich diese Frage stellen konnte, beantwortete mein Vater sie schon.

»Du wirst auf der Impuls als leitender Marineoffizier von Quantar dienen«, sagte er und richtete meine Aufmerksamkeit wieder auf das aktuelle Thema.

»Was?«, sagte ich. Ich hatte Mühe, diese neuen Befehle zu erfassen und gleichzeitig die Trauer wegen des Verlusts von Natalie zu bewältigen. »Aber ich bin doch nur ein Lieutenant. Ihr wollt mir das Kommando über die Marine-Mission mit der Impuls übertragen?«

Mein Vater richtete den Blick auf mich. »Die Dinge haben sich geändert, Peter«, sagte er. »Dein Bruder ist nun schon seit drei Jahren tot. Natalie ist auch tot. Die Verantwortung für die Familie und für Quantar ruht nun auf dir, ob du dich ihr schon gewachsen fühlst oder nicht. Du bist der einzige noch lebende Sohn des Großadmirals, der Sohn eines Herzogs von KendalFalk – ein Titel, den auch du eines Tages tragen wirst. Der Sohn eines Mannes, der bald der ständige zivile Direktor von Quantar wird«, fügte er hinzu. Dann verstummte er und ließ das erst einmal nachwirken. Er würde zwar erst in einem Jahr von seinem Posten bei der Admiralität zurücktreten, doch konnte man ruhig jetzt schon einmal dezent darauf hinweisen …

»Dann werden Sie eben befördert, mein Junge«, ließ Wesley sich mit säuselnder Stimme vernehmen. »Die Impuls hat ihren Ersten Offizier und den leitenden Kommandeur von Quantar auf diesen Shuttles verloren. Wir wollen Sie als Ersatz dorthin schicken, um einen Auftrag für uns auszuführen.«

»Ich verstehe nicht, Sir«, sagte ich und richtete die Aufmerksamkeit wieder auf meinen Vater. »Sie wollen die Marine verlassen?«

»Ja, mein Sohn«, sagte er. »Um ein politisches Amt anzutreten. Ich habe keine Wahl. Falls wieder das Imperium dahintersteckt – und es ist stärker als wir –, dann müssen wir die Möglichkeit in Betracht ziehen, dass das imperiale System erneut etabliert wird. Quantar braucht einen Anführer, genauso wie unser neues Offizierkorps auf der Impuls.«

»Aber hatten Sie denn nicht gesagt, dass die Impuls noch im Levant-System sei?«, erwiderte ich. Es war dann Wesley, der antwortete.

»Die Impuls hat vor zwei Tagen an der Hochstation Candle angedockt, Lieutenant«, sagte er. »Die Reparaturarbeiten laufen schon. Wenn sie wieder einsatzfähig ist, werden Sie als der leitende Offizier von Quantar an Bord sein.« Diese Antwort gefiel mir überhaupt nicht.

Ich wandte mich wieder an meinen Vater. »Mein Team wurde eigens zusammengestellt, um für diese Mission ausgebildet zu werden«, sagte ich, »und ist schon seit drei Jahren zusammen. Zur Ausbildung für die Starbound. Und jetzt will die Marine uns in letzter Minute auseinanderreißen? Wieso?«

»Politik, mein Sohn«, sagte mein Vater. Bei diesem Wort wurde mir förmlich schlecht, aber ich unterdrückte meinen Zorn und hielt auch die Zunge im Zaum. »Die Nachricht von der Impuls-Katastrophe wird sich noch früh genug verbreiten, und wir müssen dann angemessen reagieren.« Mein Blick schweifte kurz zu Wesley. Ich hatte das Gefühl, dass er diese Entscheidung maßgeblich beeinflusst hatte.

»Und die angemessene Reaktion besteht dann darin, den Sohn des Großadmirals damit zu beauftragen, die Impuls-Mission fortzuführen«, konstatierte ich.

»Ja«, sagte mein Vater. Er beugte sich mit seinem massigen Oberkörper zu mir herüber, wie er es immer tat, wenn er eine wichtige Botschaft zu vermitteln hatte. »Wir müssen uns der Tatsache stellen, dass diese Union zu schwach ist, Peter. Die Familie Feilberg von Carinthia und die unsere bildeten die Achse der alten Konflikte, die zum Bürgerkrieg und dem Zusammenbruch des Konzern-Imperiums führten. Wir dürfen nicht riskieren, dass dies wieder geschieht. Bedenke, es herrschte für einhundertfünfzig Jahre eine Zeit der Dunkelheit, bevor die irdischen Historiker nach Quantar und Carinthia kamen. Wenn sie uns nicht die Langwellen-Technologie und den Hoagland-Antrieb gebracht hätten, wären wir noch immer ohne Friedensvertrag.«

»Ich kenne meine Geschichte auch, Vater«, sagte ich pointierter, als ich es eigentlich beabsichtigt hatte.

»Dann weißt du auch, dass wir ein Scheitern dieser neuen Union nicht riskieren dürfen«, sagte er. »Deine Anwesenheit auf der Impuls wird das stärkste mögliche Signal für unsere Absicht sein, der Union auf Dauer anzugehören.«

Für einen Moment ließ ich mir das durch den Kopf gehen und war mit dem Ergebnis nicht zufrieden. »Dann bin ich also ein politischer Lückenbüßer«, stellte ich fest. »Und die drei Jahre, die ich für den Einsatz auf der Starbound trainiert habe, kann man quasi in die Tonne kloppen, wenn ich nur mit den Carinthianern auf ihrem Flaggschiff kollaboriere.«

»Exakt«, sagte Wesley vom Langwellen-Monitor. »Es tut mir leid, Lieutenant, doch in Anbetracht der Lage müssen Sie Ihre persönliche Entwicklung viel schneller vorantreiben, als Sie es geplant haben.«

»Mir tut es auch leid, Peter«, sagte mein Vater. »Ich weiß, wie sehr du dich darauf gefreut hast, zusammen mit deinen Freunden Dienst zu tun.« Wie wahr. Doch schien das Schicksal mir nun neue Karten gegeben zu haben – und zwar für ein Spiel, von dem ich nicht einmal gewusst hatte, dass ich es überhaupt spielte.

»Wie ist der aktuelle Status der Impuls?«, fragte ich und wechselte das Thema. Zumindest könnte ich vielleicht herausfinden, was mich erwartete. Wesley gab mir auch eine Antwort.

»Captain Zander hat eine Mindestdurchlaufzeit bei Candle beantragt«, sagte er. »Er bittet um die Erlaubnis, ins Levant-System zurückzukehren und die abnormalen HD-Wellen zu erforschen. Lucius Zander ist ein Mann mit vielen Tugenden, doch Geduld ist nicht seine Stärke. Falls sein Schiff von einer Waffe des Ersten Imperiums angegriffen wurde, will er diese Waffe unschädlich machen. Die höchste Priorität der Vereinten Weltraum-Marine besteht in einer friedlichen Kontaktaufnahme mit der Regierung von Levant Prime und dem Schutz der Lichtschiffflotte. Zander ist als engagierter Kommandeur bekannt, wenn nicht sogar als leichter Hitzkopf. Wir können seine Handlungen nicht mehr kontrollieren, wenn die Impuls wieder im Levant-System ist und falls er in eine Gefechtssituation gerät. Deshalb ist das neue Kontingent von Quantar-Offizieren auch so wichtig. Ihr Team hat die Aufgabe, ihn diskret zu beobachten und nach Möglichkeit davon abzuhalten, den Kampf gegen eine Waffe des Ersten Imperiums zu suchen.«

»Unsere Aufgabe?« Ich saß ungläubig da, und mein Zorn schwoll angesichts der Weiterungen von Wesleys Worten an. »Und wie genau sollen wir diese Aufgabe erfüllen, Sir?«

»Mit allen zu Gebote stehenden Mitteln, Lieutenant«, sagte Wesley. Ich sah auf meinen Vater und dann wieder auf Wesleys Darstellung auf dem Display.

»Sie fordern uns zur Meuterei auf«, sagte ich. Wesley fiel mir abrupt und zornig ins Wort.

»Wir fordern Sie auf, Ihren Eid gegenüber der Unions-Marine über die Loyalität gegenüber Ihrem kommandierenden Offizier zu stellen«, sagte er. »Ich will nicht behaupten, dass es leicht ist, aber wir erwarten, dass Sie die Impuls schützen. Und als Ultima Ratio auch mit Ihrem Leben. Die drei Schiffe der Lichtschiffflotte sind alles, was zwischen der Union und der Tyrannei des alten Imperiums steht. Falls Levant noch immer durch Technologie des Ersten Imperiums geschützt wird, müssen wir einen Konflikt vermeiden. Und nicht nur das, wir müssen um jeden Preis einen Kontakt mit imperialen Elementen vermeiden. Haben Sie Ihre Befehle verstanden, Lieutenant?«

Ich sah wieder auf meinen Vater. Er blickte nur grimmig und schwieg.

»Jawohl, Sir«, sagte ich zu Wesley.

»Noch Fragen?«, sagte er schroff. Ich schüttelte den Kopf.

»Gut«, sagte Wesley und wollte damit zum Schluss der Besprechung kommen. Doch ich unterbrach ihn noch einmal.

»Ich möchte ein paar meiner Kadettenausbilder bei dieser Mission dabeihaben«, verlangte ich. »Leute, mit denen ich zusammengearbeitet habe und von denen ich weiß, dass ich ihnen trauen kann.« Trotz der neuen Befehlslage hatte ich immer noch ein paar Trümpfe, die ich ausspielen konnte. Wesley schien es mir zu verübeln, dass ich ihn unterbrochen hatte.

»Dann nennen Sie mir die Namen, Lieutenant«, sagte er ungeduldig.

»Zum einen George Layton und dann John Marker«, sagte ich und benannte meinen besten Steuermann und Marine-Corporal. »Ich bräuchte auch noch einen Techniker – Brice Devlin wäre der richtige Mann. Cort Drury vom Antrieb und Evangeline Goolagong als mein Nachrichtenoffizier.«

»Sonst noch jemand?«, fragte Wesley. Es beeindruckte ihn offensichtlich, dass ich so genau wusste, was ich wollte.

»Ja«, sagte ich. »Jenny Hogan von der Astrogation.«

»Nein«, wandte mein Vater ein.

»Aber sie ist die Beste, die wir haben«, wandte ich ein, und das stimmte auch. Allerdings war sie zufällig auch Wesleys Nichte.

»Das mag schon sein«, sagte Wesley vom Bildschirm herab. »Aber für diesen Job habe ich schon jemand anders im Auge.« Ich fragte mich, wen er wohl meinte. Jedoch hielt mich das nicht davon ab, ihn weiter zu löchern.

»Dann kann man also den Sohn des Großadmirals unbedenklich auf diese Mission schicken, nicht aber die Nichte des Oberkommandierenden?«, fragte ich Wesley. Er kochte vor Wut und lief in verschiedenen Nuancen rot an, während er mich vom übergroßen Bildschirm anstarrte. Doch ich hielt seinem Blick stand.

»Gewährt«, sagte er schließlich. »Den Rest der Truppe werde ich mit erfahrenen Raumfahrern besetzen, Lieutenant. Da Sie ja so großen Wert auf gute Ratschläge legen.« Ich nickte. Es war jetzt auch alles gesagt.

»Da wäre noch etwas«, sagte mein Vater. Er schob mir ein Kästchen über den Tisch zu. Ich öffnete den Deckel. Die mit königsblauem Samt ausgeschlagene Schatulle enthielt zwei Rangabzeichen eines Lieutenant Commanders. »Sie gehörten deinem Bruder.«

Sie geben mir Derricks Sterne, sagte ich mir.

»Dieser Auftrag geht mit einer Beförderung einher«, sagte Wesley vom Bildschirm. »Ich weiß natürlich, dass das nur ein schwacher Trost ist.« Damit hatte er allerdings recht. Ich schloss das Kästchen wieder, steckte es in die Tasche und sah die beiden Männer der Reihe nach an.

»Wann soll ich aufbrechen?«, fragte ich. Es war Wesley, der sich wieder zu Wort meldete. Nun stand für mich eindeutig fest, wer bei dieser Mission Regie führte.

»Heute um Mitternacht werden Sie offiziell von der HMSStarbound auf die HMS Impuls versetzt«, sagte er. »Sie haben zwei Stunden, um Ihre Sachen zu packen und mit einem Shuttle zur Hochstation Quantar zu fliegen, wo Sie einen Zwischenstopp von achtundvierzig Stunden einlegen und auf den Weiterflug zur Hochstation Candle am Rand der Wolke warten. Dort werden Sie sich um 07:00 Uhr auf der Impuls unter dem Kommando von Captain Lucius Zander melden. Haben Sie Ihre Befehle verstanden, Commander?« Es war das erste Mal, dass er mich mit meinem neuen Dienstgrad ansprach.

Ich sammelte mich, stand auf und ging in Habtachtstellung. »Jawohl, Sir«, sagte ich. Er quittierte das mit einem Nicken.

»Und jetzt werde ich Sie beide alleine lassen, damit Sie sich noch privat unterhalten können«, sagte er. »Viel Glück, Commander Cochrane.«

»Vielen Dank, Admiral«, sagte ich. Wesley nickte meinem Vater zu, und dann wurde der Bildschirm dunkel, und das Wappen des Marinenetzwerks von Quantar wurde eingeblendet. Mein Vater schaltete den Monitor per Tastendruck ab.

»Das alles tut mir leid, Peter«, sagte er, als ich mich wieder hinsetzte. Ich ließ mich in den Sessel fallen, und plötzlich lastete das ganze Gewicht der jüngsten Ereignisse schwer auf mir.

»Sie müssen sich nicht entschuldigen, Sir«, erwiderte ich.

»Ich glaube doch«, sagte er. Und dann schwiegen wir beide. Ich dachte an Natalie, daran, wie jung und schön sie gewesen war. Ich hatte mich damit abgefunden, dass wir aus dienstlichen Gründen für eine Weile getrennt wären, nachdem ich von ihrer Versetzung erfahren hatte, aber nicht mit diesem endgültigen Abschied. Und dann überkam mich die Erinnerung an Derrick. Es war sein Tod bei einem Shuttleunfall gewesen, als er neue Kadetten ausgebildet hatte, der mich dazu bewogen hatte, meine Schnapsidee von einer Karriere als Profi-Footballspieler aufzugeben. Stattdessen hatte ich den Entschluss gefasst, der Unions-Marine und dem Lichtschiff-Programm beizutreten. Ich hatte mich anstrengen müssen, um aufgenommen zu werden, und hatte es dann auch aus eigener Kraft geschafft. Doch nun hatte ich irgendwie das Gefühl, dass meine Mission noch nicht beendet wäre. Ich fummelte am Kästchen mit meinen – nein, Derricks – Commander-Sternen herum und fragte mich, ob ich ihn wohl enttäuscht hätte, weil ich nicht auf die Starbound gekommen war.

Ich wehrte die Traurigkeit ab, die mich zu überwältigen drohte, und sah meinen Vater an. Wir beide kämpften gegen die Tränen an, während wir in der Stille des großen Büros saßen. Ich konnte mir nicht vorstellen, was er durchgemacht haben musste, als er seine Frau, meine Mutter, durch Krebs verloren hatte, kaum dass die Historiker von der Erde gekommen waren. Natürlich hatten sie auch das Wesen und die Technologie mitgebracht, mit der man sie hätte heilen können, aber der Kontakt war zu spät erfolgt. Und dann hatte er auch noch seinen ältesten Sohn verloren, denjenigen, in den er all seine Hoffnungen und Träume gesetzt hatte – und nun war nur noch ich übrig. Ich fragte mich, ob ich ihm auch nur annähernd so viel bedeutete wie Derrick. Nach meinem Dafürhalten war das nicht der Fall. Wie auch? Ich hatte mich für ein Leben als Zweitgeborener entschieden und mich Sport, Spiel und sonstigen Zerstreuungen gewidmet. Derrick war seit dem Tag seiner Geburt in die Fußstapfen unseres Vaters getreten: die Pflichten als Sohn eines Herzogs, die militärische und zivile Ausbildung, immer bestrebt, die an ihn gestellten Erwartungen zu erfüllen. In diesem Moment, als ich meinen Vater ansah, schwor ich mir, dass ich alles in meiner Macht Stehende tun würde, um ihm der Sohn zu sein, den er sich wünschte – der Sohn, der es würdig war, seine Nachfolge anzutreten.

Schließlich brach mein Vater das Schweigen. »Wir leben in schwierigen und komplexen Zeiten, Peter«, sagte er. »Ich glaube, bevor die Erdenmenschen mit ihrer Technologie und Wissenschaft gekommen sind, führten wir ein viel einfacheres Leben. Doch dann änderte sich plötzlich alles, als ich die irdischen Schiffe im Anflug auf Quantar sah. Bis dahin war unser Universum kleiner und übersichtlicher.«

»Natürlich, Sir«, sagte ich unsicher. Er lehnte sich in seinem Sessel zurück.

»Das waren gute Zeiten voller Hoffnung«, sinnierte er. »Nur du und Derrick, deine Mutter und ich. Und jetzt sind nur noch wir beide übrig.« Er sah mich wieder an. »Ich möchte dich nicht auch noch verlieren.«

»Das werden Sie nicht, Sir«, sagte ich. »Ich verspreche es.« Und das meinte ich mit jeder Faser meines Seins.

Mein Vater nahm mein Versprechen stumm zur Kenntnis. Dann stand er auf, ging um den Schreibtisch herum und umarmte mich. Erst nach ein paar Momenten löste er die Umarmung wieder.

»Viel Glück, mein Sohn«, sagte er. »Du bist jetzt alles, was ich noch habe. Ich weiß, dass du uns alle stolz machen wirst.« Ich wusste auch, wen er mit alle meinte: alle lebenden und toten Angehörigen der Familie und alle Cochranes von Quantar, die vor meiner Zeit gelebt hatten. Ich ergriff seine ausgestreckte Hand und schüttelte sie.

»Ich werde mein Bestes tun, Sir«, sagte ich und zog die Hand wieder zurück. Mit einem Kopfnicken nahm ich zur Kenntnis, dass das Gespräch beendet war, ergriff meine Mütze und wandte mich zum Gehen. Ich ging zur Bürotür, öffnete sie und blieb noch einmal stehen, um einen Blick auf meinen Vater zu werfen. Er saß wieder am Schreibtisch und ließ den Blick durchs Fenster über die Skyline von New Briz schweifen. Beim Anblick dieses starken und mächtigen Mannes, der nun so hilflos wirkte, wollte ich schier verzagen. Es hängt nun alles von mir ab, sagte ich mir.

Ohne ein weiteres Wort trat ich über die Schwelle und schloss die Tür hinter mir.

2

AUF DER HOCHSTATION

Acht Stunden später – nachdem ich hastig gepackt und mit einem Hyperschallflugzeug vom Flughafen New Briz gestartet war – befand ich mich auf der Hochstation im Quartier des Erd-Historikers Serosian, der der Starbound zugeteilt worden war. Meine Taschen hatte ich auf meine vorläufige Koje geworfen und war dann hergekommen, um mich mit meinem Freund und Mentor zu treffen. Ich hoffte auf ein bisschen Trost und vielleicht auch noch auf ein paar weise Ratschläge von ihm.

Während meiner drei Jahre an der Militärakademie hatte ich viele Stunden in Serosians Gesellschaft verbracht. Er hatte mich sofort nach meinem Eintritt in die Armee als Schützling unter seine Fittiche genommen, wofür ich ihm immer dankbar gewesen war. Allerdings kannte ich ihn schon länger – er war nämlich auch Derricks Mentor gewesen –, aber höchstens flüchtig. Ich musste wohl immer bei einem Footballspiel oder mit meinen Kumpels unterwegs gewesen sein, wenn er angerufen hatte. Und dann hatte er eines Tages mit der schlimmsten Nachricht überhaupt vor dem Haus meines Vaters gestanden. Wir hatten an diesem Tag miteinander gesprochen, aber ich erinnere mich nicht mehr an die Worte; ich war vor Schmerz regelrecht wie betäubt. Doch ich erinnere mich, dass ich ihn ein paar Wochen später angerufen und ihm von meinem Wunsch erzählt hatte, in die Lichtschiff-Marine einzutreten.

Daran hatten sich viele lange Nächte angeschlossen, in denen wir über Ethik und Taktik debattierten, Militärgeschichte erörterten und über die Schlachten während des imperialen Bürgerkriegs und meine persönlichen Kämpfe bei meinen Kommandos sprachen. Wenn ich Zeit hatte, entspannten wir uns bei einer Partie Schach. Und es war der Schachtisch, an den wir uns auch heute wieder setzten und dann über einem Spiel brüteten, das wir wahrscheinlich nie beenden würden.

»Schach ist wie Mathematik«, hatte Serosian einmal gesagt. »Alles im Universum ist ein Ausdruck physikalischer Gesetze, die man letztlich auf Zahlen herunterbrechen kann.« Ich wusste nicht, ob ich diesbezüglich mit ihm konform ging. Wie sollte man Gefühle wie Liebe – oder Trauer – numerisch quantifizieren oder als Algorithmus darstellen? Jedoch hatte ich ihm diese Frage nie gestellt; und er würde es wohl auch vorziehen, sie nicht zu beantworten, selbst wenn er eine Antwort gehabt hätte.

Er hatte mir oft gesagt, dass Schach seine Methode sei, junge Kadetten zu prüfen: um festzustellen, ob sie kritisch und logisch zu denken vermochten und ob sie zugleich intuitiv handelten und für Esoterik aufgeschlossen seien. Ich hatte ihn einmal gefragt, welches Motiv er außer meinen offenkundigen familiären Verbindungen noch gehabt hätte, als mein Mentor zu fungieren. Seine Antwort war einfach: Ich war der erste Kadett, der ihn jemals beim Schach geschlagen hätte.

Ich analysierte die Konstellation auf dem Brett. Ich spielte immer Weiß, er immer Schwarz. Ich hatte einen Läufer und vier seiner Bauern geschlagen, er einen Turm und drei Bauern von mir. Ich fragte mich, wie meine Siegchancen standen; zumindest schien ich leicht im Vorteil zu sein. Anhand der Konstellation auf dem Brett schätzte ich meine Aussichten jedoch auf unter fünfzig Prozent ein.

»Sie können nicht mehr gewinnen«, sagte Serosian an der anderen Seite des Raums, während er sich noch ein Glas Wein einschenkte. »Falls Sie solche Überlegungen anstellen sollten. Selbst für ein Remis veranschlage ich Ihre Chancen nur noch auf dreiunddreißig Prozent.« Er steckte wieder den Korken in die Weinflasche, nahm auf dem Stuhl mir gegenüber am Tisch Platz und ließ den Blick über das Brett schweifen. »Sie haben schon einen schweren taktischen Fehler gemacht«, stellte er fest, nachdem er sich einen Überblick verschafft hatte.

»Ja«, erwiderte ich. »Und zwar den, dass ich mich zur Marine gemeldet habe.« Er lachte – erstaunlich laut für einen Mann, der eine so leise, wenn auch tiefe Stimme hatte. Wenn man uns so sah, hätte man uns eher für Brüder halten können als für Mentor und Student. Wir hatten das gleiche dunkle Haar und die tiefblauen Augen, sogar eine ähnliche Kinnpartie. Serosian wirkte vielleicht ein Jahrzehnt älter und war einen Kopf größer als ich, obwohl ich selbst schon beachtliche eins fünfundachtzig groß war. Ich wusste aber auch, dass das Äußere meines Freundes kein exakter Gradmesser für sein Alter war. Die Anti-Aging-Techniken der Erdenmenschen waren noch nicht bis nach Quantar im Allgemeinen und zur Familie Feilberg von Carinthia im Besonderen vorgedrungen; deshalb vermutete ich, dass Serosian ungefähr zwanzig Jahre älter war, als er aussah.

»Ich hatte mich sowieso schon darüber gewundert«, sagte er in Erwiderung auf meine thematische Abschweifung und machte dann einen Zug mit einem Bauern. »Sie hätten doch jede Laufbahn einschlagen können. Das diplomatische Korps, die Handelsflotte, sogar Profi-Football, nach dem, was ich gehört habe.«

Ich antwortete mit dem Zug eines Springers. »Wir sind eine Marine-Familie, das wissen Sie doch«, sagte ich. »Derrick hat mich natürlich auch beeinflusst. Und überhaupt – welche Laufbahn könnte mir wohl mehr bieten als die Erforschung des Weltraums und die Wiederentdeckung unseres verlorenen Erbes, eines untergegangenen menschlichen Imperiums?«

»Vermutlich nicht viele«, sagte er und startete einen Angriff mit seiner Dame. »Ich werde Sie in fünf Zügen schachmatt gesetzt haben.«

Ich lächelte. »Erinnern Sie sich noch, wie Sie mich auf die Bedeutung der Intuition hingewiesen hatten?«, sagte ich, schlug seinen Königsturm mit der Dame und bot ihm Schach. Er runzelte die Stirn.

»Nun, es sieht so aus, als ob dieses Spiel doch noch etwas länger dauern könnte als gedacht«, sagte er. »Aber egal, wir haben sowieso noch andere Dinge zu besprechen.«

»Ja, das stimmt«, sagte ich. Serosian magnetisierte die Tischplatte mit einem Klick auf eine Schaltfläche, worauf sie sich drehte und das Schachbrett verschwand. Ich nahm noch einen Schluck Wein, einen Shiraz von den Caderlands, und stellte das Glas dann ab.

»Wie fühlen Sie sich, Peter?«, fragte er. Ich ließ mir seine Frage für einen Moment durch den Kopf gehen. Ich war mir nicht ganz sicher, wie ich mich fühlte, aber ich schuldete ihm wohl eine Antwort.

»Im Moment wie betäubt«, sagte ich.

»Das dürfte auch am Wein liegen«, erwiderte er.

»Natürlich«, sagte ich. »Aber ich verspüre schon den ganzen Tag Schock, Wut, Resignation, Niedergeschlagenheit, noch mehr Wut – die ganze Palette.«

»Das ist nur normal«, erwiderte er. »Natalie war ja auch eine besondere Frau.«

»Diese Umstände sind aber alles andere als normal«, sagte ich. »Zuerst Derrick, jetzt Natalie …« Ich verstummte und senkte den Blick. »Wie oft werde ich das noch durchmachen müssen?«, fragte ich.

Darauf hatte er nicht sofort eine Antwort parat. Also saßen wir für einen Moment da und schauten in unsere Weingläser. »Dazu kann ich nur eines sagen, Peter: Der Weltraum ist ein gefährlicher Ort«, sagte er. »Es geschehen immer wieder Unfälle und Pannen und sogar Katastrophen. Aber es ist schon selten, dass man zwei nahestehende Menschen in so kurzer Zeit verliert. Sie sind in dieser Hinsicht schon einmalig.«

»Das ist wohl kaum ein Trost«, sagte ich und unterzog meinen Freund einer Musterung. Er war verschlossen und unergründlich wie immer, die Art von Mensch, dem höchstens zufällig etwas herausrutschte.

»Wenn ich einen Vorschlag machen dürfte?«, sagte er.

»Ja, bitte.«

»Vielleicht würde es Ihnen helfen«, sagte er, »wenn Sie vor der Abreise noch einen kleinen Gottesdienst für Natalie besuchen – mit Ihren guten Kameraden, die sie auch kannten. Nehmen Sie sich Zeit, ihrer Liebe und Ihrer Liebe für sie zu gedenken, bevor Sie gehen.«

»Sie wissen aber schon, dass ich nicht wie Sie an die Lehren der Kirche glaube«, sagte ich.

»Sie müssen gar keiner besonderen Glaubensrichtung angehören, um ihren und Ihren Verlust zu betrauern, Peter«, sagte er. »Sie müssen nur tief im Herzen wissen, dass Sie durch Ihre Taten das Andenken an sie bewahren.«

Für einen Moment dachte ich darüber nach und fand keine Gründe, die dagegen gesprochen hätten. Es schien vielmehr eine gute Idee zu sein. »Ich glaube, ich werde Ihren Rat befolgen«, sagte ich. »Benachrichtigen Sie Marker, Layton und den Rest der infrage kommenden Besatzungsmitglieder, die sich auf der Impuls melden sollen. Hoffentlich werden sie heute Abend alle hier sein. Aber so, wie ich Marker kenne, wird er sie mit mehr als nur einem stillen Gedenken ehren wollen.«

Serosian lächelte. »Dann sollten Sie sich vielleicht ein Beispiel an ihm nehmen«, sagte er.

»Ich bin jetzt aber nicht in der Stimmung, in der Station Halligalli zu machen«, sagte ich.

Er sah mich mit schräg gelegtem Kopf an. »Sie sind noch jung«, sagte er. »Es ist vielleicht für lange Zeit das letzte Mal, dass Sie Gelegenheit haben, sich zu amüsieren. Ich empfehle Ihnen, noch mal einen draufzumachen. Es sei denn, Sie können sich wirklich nicht dazu überwinden.«

Ich dachte darüber nach. Bei Marker würde es zweifellos auf ein Saufgelage hinauslaufen. Eigentlich schien das gar nicht einmal eine so schlechte Idee zu sein. Zumal ich noch einen ganzen Tag hatte, bevor mein Shuttle zur Hochstation Candle eintreffen würde. Ich wechselte das Thema, ohne ihm eine definitive Antwort zu geben.

»Sie haben mich zu sich eingeladen, um mich zu warnen, nicht wahr?«, sagte ich. »Wegen der Impuls. Wegen Captain Zander.« Er nickte kommentarlos, also fuhr ich fort. »Wussten Sie, dass man mich aufgefordert hat, notfalls zu meutern, um die Impuls zu schützen?«, sagte ich. Er schüttelte den Kopf.

»Dieses Detail war mir nicht bekannt, aber es wundert mich auch nicht, so wie ich Admiral Wesley kenne«, sagte er.

»Auf jeden Fall ist er loyal gegenüber der Marine«, sagte ich. Serosians Stirnrunzeln vom Schachspiel kehrte zurück.

»Das ist sein einziger großer Fehler, Peter«, sagte er. »Er ist wohl schon zu alt, um sich auf das neue Paradigma einzustellen. Wir alle müssen zusammenarbeiten, um Erfolg zu haben: Quantar, die Erde und Carinthia. Die Kernunion steckt noch in den Kinderschuhen und ist sehr zerbrechlich. Sie könnte jederzeit auseinanderfallen, falls das Imperium erneut Machtansprüche erhebt.«

»Ich weiß, dass mein Vater ihm vertraut«, sagte ich. Das wurde mit einem Seitenblick quittiert.

»Ach, wirklich«, erwiderte er und ließ meine Aussage dann so stehen. »Es tut mir leid wegen der Situation, in die man Sie gebracht hat, doch im Lichte des Angriffs im Levant-System ist es wahrscheinlich die richtige Vorgehensweise.«

»Und was ist mit dem Historiker auf der Impuls?«, fragte ich. »Was wissen Sie von ihm?« Serosians Stirnrunzeln verstetigte sich.

»Er stammt von einer anderen Schule als ich«, sagte er schließlich, als ob damit alles gesagt sei.

»Andere Schule?«, fragte ich. »Was meinen Sie damit?« Serosian schien zunächst nicht antworten zu wollen, tat es dann aber doch.

»Es gibt einige unter uns im Orden der Historiker, die glauben, der Menschheit sei am besten gedient, wenn es jedem Individuum freistünde, sein Potenzial auszuschöpfen«, erklärte er. »Wir glauben an die Förderung und Stärkung unserer Schutzbefohlenen, an das Konzept des ›unter die Fittiche nehmen‹. Deshalb hatte ich auch beschlossen, als Mentor für Sie und zuvor für Derrick tätig zu werden. Aber es gibt noch eine andere Gedankenschule, eine andere Sekte, die glaubt, dass es im besten Interesse der Menschheit sei, wenn das Individuum in der Menschheit untergeht und die kollektiven Bedürfnisse der menschlichen Gesellschaft Vorrang haben. Sie glauben, dass zu viel Individualismus und eine zu große Vielfalt zur Auflösung gesellschaftlicher Normen im Imperium führten und eine Atmosphäre schufen, in der akzeptiert wurde, dass Korruption in dem Maß allgegenwärtig war, wie das Verhalten der Individuen rationalisiert wurde. Sie glauben, das hätte letztlich zum Zusammenbruch des Konzern-Imperiums geführt. Sie wollen, dass die Menschheit geprüft wird, dass die Menschen zu Gruppenaktionen verleitet und sanktioniert werden, wenn sie die Gemeinschaft im Stich lassen und Erwartungen nicht erfüllen. Es besteht eine heikle Balance zwischen den beiden Philosophien, und die Kirche hat hier auch keine Präferenzen. Tralfane gehört der letzteren Schule an. Er wird in jeder Hinsicht Druck auf Sie ausüben, Peter, und das wird nicht angenehm«, schloss er.

Ich nahm mir etwas Zeit, um das sacken zu lassen, denn das alles war quasi Neuland für mich. »Ich weiß Ihre Ehrlichkeit zu schätzen«, sagte ich und konzentrierte mich dann wieder auf die aktuellen Angelegenheiten. »Dieser Angriff … kam er vom Ersten Imperium?«, fragte ich meinen Freund und musterte ihn.

»Das steht noch nicht fest«, sagte er, ohne zu zögern – als ob er die Frage schon erwartet hätte. »Aus einer ersten Analyse der Verdrängungswelle geht hervor, dass es sich um eine Hoagland-Welle handelt, die keiner der bekannten Frequenzen des Ersten Imperiums entspricht. Das könnte daran liegen, dass wir sie noch nicht in unseren Katalogen haben oder dass es sich um einen neuen Wellentyp handelt. Auf jeden Fall brauche ich die Telemetrie von der Impuls, um mich zu vergewissern.«

»Wenn es aber nicht das Erste Imperium ist, auf die eine oder andere Art, wer könnte es dann sein?«, fragte ich.

Serosians Gesicht verdüsterte sich. »Es könnten auch andere Mächte am Wirken sein«, sagte er.

»Andere Mächte?« Ich fragte mich, wen er da wohl im Sinn hatte. »Sie meinen die Sri? Ich dachte, Ihr Orden hätte sie im Bürgerkrieg ausgelöscht.« Serosian hatte mir viele Geschichten über den geheimen Krieg zwischen der Kirche der Letzten Tage und den Sri während der Ära des Ersten Imperiums erzählt.

»Es stimmt wohl, dass ihre Heimatwelt Altos während des Krieges angegriffen wurde, aber sie wurde nicht zerstört – jedenfalls nicht militärisch«, sagte er. »Wir wissen nicht, wohin sie dann gegangen sind. Es wäre möglich, dass einige von ihnen auf Corant überlebt haben oder vielleicht auch auf einer anderen Welt.«

Das flaue Gefühl im Bauch meldete sich bei der Erwähnung der Kapitale des alten Imperiums zurück. Corant war der Legende nach eine märchenhafte Welt aus Gold und Bronze, mit kristallenen Seen und rauschenden Flüssen und mit nur einer größeren Stadt. Industrie war nicht erlaubt – alle Güter wurden von anderen Welten des Imperiums in die Kapitale eingeführt. Und auf dem Land befanden sich der Legende nach riesige Landsitze der reichsten und loyalsten Vasallen des Imperators. So war es überliefert.

Die Sri waren aber ein Kapitel für sich. Sie standen im Ruf, eine geheime Gesellschaft technologischer Genies zu sein, die ihr Wissen einsetzten, um der menschlichen Natur eine maschinelle Komponente zu verleihen. Die Kirche hatte ihre Technologie als unnatürlich geächtet und erhebliche Mittel aufgewandt, um sicherzugehen, dass sie während des Bürgerkrieges zerstört wurde. Anscheinend waren sie damit aber nicht so erfolgreich gewesen, wie die Chronisten es gern darstellten.

»Und falls es solche Mächte da draußen gibt, was müssen wir uns darunter vorstellen?«, fragte ich.

Serosians Gesicht verwandelte sich in eine emotionslose Maske, die ich nicht zu deuten vermochte. »Pure Wissenschaft, ohne Berücksichtigung des Spirituellen«, sagte er. »Technologie um der Technologie willen. Es ist eine materialistische Sichtweise des Universums, kalt und seelenlos, und eine, die in die Sklaverei führt.« Nachdenklich führte er die Hand ans Kinn, während ich darauf wartete, dass er fortfuhr. »Falls die Sri da draußen sind, Peter, sind sie weitaus gefährlicher als ein auferstandenes Imperium«, sinnierte er. »Und wenn die Union sich nicht gegen sie verteidigen kann, wird die Kirche handeln müssen.«

»Handeln? Was soll das bedeuten?«, fragte ich, obwohl ich mir nicht sicher war, ob ich die Antwort überhaupt hören wollte.

»Sie vernichten, um jeden Preis«, sagte er. Die nächste Frage wollte ich dann schon gar nicht mehr stellen, aber ich musste es tun.

»Und was ist mit uns?«, sagte ich. »Mit den Welten der Union? Was, wenn wir euch bei eurem kleinen privaten Krieg gegen die Sri nur ›in die Quere kommen‹?« Serosian vermied es, mir in die Augen zu sehen.

»Die Technologien, die gegen das Universum entfesselt werden könnten …«, hob er an und verstummte wieder. »Die Waffen …« Er zögerte wieder und schüttelte den Kopf. »Deshalb müssen Sie Erfolg haben, Peter, deshalb sind die Lichtschiff-Missionen so wichtig. Alle anderen Szenarios mag man sich nicht einmal vorstellen.«

»Und wenn die Sri sich mit einem wiederbelebten Imperium verbünden?«, fragte ich. Er beugte sich vor und sah mir in die Augen.

»Falls das Erste Imperium noch immer da draußen existiert und falls es unter dem Einfluss der Sri steht, dann ist niemand von uns mehr sicher«, sagte er. »Achten Sie auf Ihren Rücken, Peter. Der Anwärter auf die Führung von Quantar wäre nämlich ein gefundenes Fressen für diese beiden potenziellen Feinde.«

Ich nickte und stellte ihm eine weitere Frage. »Und was ist mit diesem Captain Zander?«

»Was soll mit ihm sein?«

»Er hat die Impuls doch direkt in den Angriff geführt, bei dem Natalie und meine Landsleute umgekommen sind«, sagte ich. »Soll ich ihm vertrauen, oder soll ich ihn hassen?«

Serosian sah mich nachdenklich an. »Was auch immer in Levant geschehen ist, es war kein Unfall«, stellte er fest. »Sie sollten wegen des Verlusts von Natalie keinen Menschen hassen, den Sie gar nicht kennen. Ihr Hass sollte sich vielmehr auf diejenigen richten, die sie mit ihren Maschinen getötet haben. Hassen Sie das Imperium, Peter.«

Dann stand er vom Tisch auf, ging zum Fenster und blickte auf die leuchtende Kugel von Quantar.

Ich trank noch einen Schluck Wein und fragte mich, wo ich da nur hineingeraten war.

3

ERKUNDUNG DER HOCHSTATION

Am Abend waren erst George Layton und John Marker von meinem Team ausgewählter Kadettenausbilder eingetroffen. Also vergatterte ich sie gleich zu dem improvisierten Gedenkgottesdienst für Natalie und die anderen. Ich setzte eine allgemeine Ankündigung auf dem Frequenzband der Station ab, und als wir uns um 20:00 Uhr versammelten, hatten sich etwa zwei Dutzend Quantar-Offiziere und Mannschaftsmitglieder zu uns gesellt. Die Leitung des Gottesdienstes fiel mir zu, was meinem Rang und zum anderen meiner Stellung in der Gesellschaft von Quantar geschuldet war. Ich sprach die paar Worte, die mir gerade einfielen, und dann zündeten wir alle eine Kerze für die Toten an, gefolgt von zwölf Schweigeminuten – jeweils eine für jede verlorene Seele. Währenddessen dachte ich an Natalie, an Derrick und daran, was ich in dieser kurzen Zeit alles verloren hatte.

Zum Schluss stellten die Teilnehmer nacheinander ihre Kerzen auf den provisorischen Altar, den ich errichtet hatte. Manche fügten auch noch Fotos ihrer verstorbenen Freunde hinzu. Als die Leute gegangen waren, blies ich die Kerzen aus, ließ das sonstige Arrangement aber unangetastet.

Während ich mit Marker und Layton davonging, versuchte ich einen klaren Kopf zu bekommen und mir auch über meine Gefühle klar zu werden. Tatsache war, dass der emotionale Bruch mit Natalie schon ein paar Monate zuvor stattgefunden hatte, als sie von ihrem neuen Dienstposten erfahren hatte. Unsere Trennung erfolgte aufgrund militärischer Notwendigkeiten, und ich wusste, dass das auch das Aus für unsere persönliche Beziehung bedeuten würde. Ihr gefiel das nicht, und mir genauso wenig, aber wir mussten uns damit abfinden. Nachdem ich meine Gefühle erst einmal abgeschaltet hatte, hatte ich jetzt den Eindruck, dass ich nicht mehr wusste, wie ich sie wieder einschalten sollte.

Marker bestand darauf, dass wir an unserem letzten freien Abend zusammen ausgingen, und Layton war damit einverstanden. Also war ich doch zu einem Streifzug durch die Station gezwungen. Wir besuchten etliche Bars und Restaurants, und schließlich verschlug es uns an einen Stehtisch in unserer Lieblingskneipe, Paddys Pub auf dem Touristendeck. Ab morgen drohte gewissermaßen der Ernst des Lebens.

Corporal John Marker war ein großer Mann mit karamellfarbener Haut, ein Erbe seiner gemischten Abstammung von den Ureinwohnern auf dem Kontinent Australien auf der Erde. Ich hatte ihn immer damit aufziehen wollen, dass er in meinen Augen eher wie ein Maori als ein Aussie aussah. Aber er war viel zu groß, als dass ich ihm gegenüber eine dicke Lippe hätte riskieren wollen. Layton sah aus wie ich, ein typischer Engländer von der Erde mit Haut so weiß wie Schafswolle.

Marker war sechsundzwanzig und damit schon ziemlich alt für das Kadettenkorps. Er war zwei Jahre älter als Layton, der wiederum ein Jahr älter war als ich. Ich war gerade erst im letzten Monat dreiundzwanzig geworden, und dies war mein letztes offizielles Besäufnis, bevor ich meinen Dienst auf der Impuls antrat. Mit zweijähriger Verspätung war ich ins Lichtschiff-Programm aufgenommen worden, doch diesen Rückstand hatte ich durch doppelte Kursbelegung aufgeholt und dadurch, dass ich den Lehrgang in drei statt vier Jahren abgeschlossen hatte. Und natürlich war ich zum Schluss auch noch Jahrgangsbester geworden.

Marker hob sein Glas mit Stout. »Auf Natalie«, sagte er. Layton und ich wiederholten den Trinkspruch, und ich nahm einen Schluck Bier. Es schmeckte in mehr als einer Hinsicht bitter.

»Es tut uns beiden leid, Commander«, sagte Marker. Ich nickte.

»Danke Ihnen beiden«, sagte ich. »Natalie war etwas ganz Besonderes für mich. Also sollten wir ihr mit unserer Leistung auf der Impuls auch alle Ehre machen.«

»Einverstanden«, sagte Layton. »Ich wünschte nur, dass wir unseren ersten Einsatz mit der Starbound fliegen würden.«

»Das wünschen wir uns alle«, sagte ich und nahm noch einen Schluck Bier. »Aber diese Mission ist extrem wichtig für Quantar. Ich werde die Starbound auch vermissen und die Abenteuer, die wir mit ihr hätten erleben können.«

Marker geriet bei diesen Worten in Wallung, und ich sah, dass der Alkohol von ihm Besitz ergriff. Er hatte viel mehr getrunken als Layton und ich.

»Und jetzt ein Prosit auf die Starbound«, sagte er so laut, dass jeder im Pub es hörte. »Auf das beste Schiff in der Union!« Darauf erhoben alle Gäste im Pub ihre Gläser.

»Hört, hört!«, sagten Layton und ich. Wir hoben ebenfalls unsere Gläser und stießen mit Marker an. Ich blieb beim Pils, doch Layton riskierte etwas und versuchte ein belgisches Amberbier. Und Marker war sozusagen auf Stout abonniert. Wir alle tranken aus, und dann bestellte Marker beim Barkeeper noch eine Runde.

»Ich glaube es einfach nicht, dass sie uns auseinanderreißen«, sagte Layton in der Pause, in der wir auf dem Trockenen saßen.

»Glaube es ruhig«, meldete Marker sich zu Wort. »Dieser gottverdammte Wesley ist ein Idiot. Er ist nur zufrieden, wenn er den Carinthianern in den Arsch kriechen kann. Solange sie glücklich sind, behält er seinen Job.«

»Hört, hört!«, sagte Layton und hob sein leeres Glas genau in dem Moment, als die Kellnerin Nachschub brachte. Layton gab ihr ein großzügiges Trinkgeld und tätschelte ihr den Hintern, als sie davonging. Sie drehte sich um und lächelte ihn an.

»Die frisst mir bis Mitternacht aus der Hand«, sagte er.

Marker sah mit glasigen Augen auf ihn herab. »Es ist aber schon 00:30 Uhr, du Idiot«, sagte er. Da musste ich lachen. Layton nahm die Beleidigung mit Humor und richtete seine Aufmerksamkeit dann auf mich.

»Trinken die verdammten Carinthianer überhaupt Bier?«, fragte er.

»Ich glaube, sie haben es sogar erfunden«, erwiderte ich genauso launig und nahm wieder einen großen Schluck aus meinem Glas. Marker lachte prustend.

»Na gut, dann trinke ich jetzt mal auf sie«, sagte er und kippte sich wieder einen hinter die Binde.

Wie aufs Stichwort betraten drei Offiziere in carinthianischem Grün den Pub und gingen schnurstracks zur Bar. Einer war ein älterer, grauhaariger Offizier, den ich der Stationsbelegschaft zuordnete, ein anderer ein junger rothaariger Mann im Rang eines Ensign, und der dritte war eine athletisch wirkende Frau im Rang eines Commanders.

»Sie sieht gut aus«, sagte Layton, als die drei Carinthianer ihre Barette abnahmen und in einer Ecke der Bar Platz nahmen. Ich sah, wie sie ihr auf vorschriftsmäßige militärische Länge gekürztes Haar mit einer Hand glatt strich und einen Schluck Schwarzbier nahm. Sie sah wirklich gut aus, war aber keine ausgesprochene Schönheit. Ich sah, wie sie einen flüchtigen Blick in meine Richtung warf und mir zunickte. Ich wandte den Blick schnell ab, denn ich wollte nicht den Eindruck erwecken, sie anzustarren.

Markers dröhnende Stimme riss mich aus meiner verstohlenen Musterung.

»Wissen Sie, Commander«, sagte er mit leiser und dann anschwellender Stimme. Dazu stieß er mich leicht mit dem Ellbogen an. »Sie wissen gottverdammt gut, dass ich Ihnen bis zu den Stufen des Imperator-Palasts folgen würde!«, sagte er und hob sein Glas. »Wenn die gottverdammte Unions-Marine uns nur machen lassen würde!«

»Ich weiß, John«, sagte ich und versuchte ihn zu beruhigen. »Ich freue mich darauf, Sie beide an Bord der Impuls zu haben.«

»Ich hoffe nur, die Fischköppe von der carinthianischen Marine wissen überhaupt zu schätzen, was sie da bekommen!«, sagte beziehungsweise schrie er förmlich. Obwohl es ziemlich laut in der Bar war, erregten Markers Stimmübungen die Aufmerksamkeit von immer mehr Gästen, insbesondere der drei Carinthianer. Er legte den Arm um mich und fing wieder an zu pöbeln, diesmal klar in Richtung der carinthianischen Offiziere.

»Das hier ist der beste gottverdammte Offiziersabsolvent in der Flotte«, sagte er und tippte mir wiederholt mit dem Zeigefinger auf die Brust, während er Bier auf dem Boden verschüttete. »Sein Name ist Cochrane. Peter Cochrane, und ihr solltet das besser respektieren!«, sagte er, wobei seine Aussprache immer verwaschener wurde. »Ihr kriegt unseren Besten!« Dann umschlang er mich in einer bärigen Umarmung.

»Danke, John«, sagte ich und blinzelte den Carinthianern um Entschuldigung heischend zu. Marker hielt mich derweil umklammert. Der ältere Offizier schaute pikiert drein, und der Ensign hatte ebenfalls einen Ausdruck der Missbilligung im Gesicht, doch die Frau lächelte mich verhalten an – wahrscheinlich mehr aus Mitgefühl als sonst etwas, sagte ich mir.

»George, würden Sie mir vielleicht dabei helfen, John wieder in seine Koje zu schaffen?«, sagte ich. Marker hing noch immer wie eine Klette an mir.

»Natürlich«, sagte Layton. Er nahm einen Arm und ich den anderen.

»Vielleicht könnten Sie noch Hilfe mit Ihrem Freund brauchen?«, sagte eine rauchige Frauenstimme. Ich drehte mich um und sah den carinthianischen Commander hinter mir stehen.

»Äh, sicher«, sagte ich. Ich freute mich, dass sie die Initiative ergriffen hatte, um meine Bekanntschaft zu machen, aber die Umstände waren eher ungünstig. Ich wusste nämlich nicht, wie sie mir bei einem Mann von Markers Größe überhaupt behilflich sein sollte. Nach meiner Schätzung war sie knapp einen Meter siebzig groß und offensichtlich auch gut in Form, aber ihr »Lebendgewicht« betrug sicher nicht mehr als fünfundsechzig Kilo. Marker hingegen brachte locker fünfzig Kilo mehr auf die Waage, und jetzt begann er auch noch zu schwanken wie eine Pappel im Sturm.

»Sie sind ein Schatz«, sagte er zu ihr.

Sie lächelte und ignorierte ihn ansonsten. Dann drehte sie sich zum jungen Ensign in ihrer Gruppe um und winkte ihn zu sich. Mit einem Ausdruck großen Ekels stellte er sein Bierglas ab und kam zögerlich zu unserem Tisch. Ohne ein Wort stellte er sich neben mich und schob mich dann beiseite. Zuerst begriff ich gar nicht, was hier vorging, bis er und Layton den inzwischen verstummten Marker aus dem Pub hinausbeförderten. Als ich mich umdrehte, war der Stabsoffizier verschwunden, und ich war mit dem carinthianischen Commander allein.

»Äh, was ist denn jetzt passiert?«, sagte ich.

»Ihr Freund sah so aus, als ob er es ohne Hilfe nicht mehr bis nach Hause schaffen würde«, sagte sie. »Deshalb hielt ich es im Geiste der interplanetaren Eintracht für angebracht, meinen Ensign als Unterstützung zu schicken.«

Ich lächelte. »Verstehe«, sagte ich. »Und Ihr anderer Freund?« Sie drehte sich um und richtete den Blick auf den freien Platz in der Nähe der Bar, wo er vor einem Moment noch gestanden hatte, und zuckte die Achseln.

»Ist wahrscheinlich nach Hause zu seiner Frau«, sagte sie und deutete auf ein Separee, das gerade frei geworden war. Ich nahm mein Bier.

»Vielleicht könnten wir uns näher bekannt machen?« Mit wedelnden Handbewegungen bahnte ich mir einen Weg, folgte dem Commander zum Separee und setzte mich. Sie nahm mir gegenüber mit einem Bierglas in der Hand Platz. Ich stellte fest, dass sie auch noch ein Schnapsglas mit einem harten Drink hatte.

Ich reichte ihr die Hand. »Ich bin Peter Cochrane«, sagte ich.

»Das habe ich schon von Ihrem Freund aufgeschnappt«, sagte sie. »Freut mich, Ihre Bekanntschaft zu machen, Commander Peter Cochrane.« Sie schüttelte mir für ein paar Sekunden mit festem Händedruck die Hand. Nachdem ich die Hand zurückgezogen hatte, berührte ich nervös die neuen Rangabzeichen am Kragen, und dann nahm ich einen Schluck von meinem Bier. Ich hatte zwei ganze Sterne und sie drei.

»Und mit wem habe ich das Vergnügen, mit diesem Drink anzustoßen?«, sagte ich im Versuch, das Gespräch am Laufen zu halten.

»Ich bin Commander Dobrina Kierkopf von der königlichen carinthianischen Marine, Abschlussjahrgang ’74«, sagte sie. Dasselbe Jahr, in dem Derrick von unserer Akademie abgegangen war. Dann war sie also sechsundzwanzig, drei Jahre älter als ich. Ich nahm noch einen Schluck Bier, um die Nerven zu beruhigen.

»Sehr erfreut, Ihre Bekanntschaft zu machen, Commander«, sagte ich. »Kierkopf? Ist das carinthianisch?«, fragte ich aus Neugier.

»Eigentlich slowenisch«, antwortete sie. »Wir haben eine Vielzahl germanischer Vorfahren auf unserer Welt, mit großen Beimischungen anderer Nationalitäten von Mitteleuropa auf der alten Erde.«

»Ach so … faszinierend«, sagte ich. Und dann platzte ich, ohne nachzudenken, heraus: »Und, Commander, was führt Sie auf die Hochstation?« Sie lächelte nur stumm, während ich knallrot anlief. Eigentlich war das eine ziemlich unverfängliche Frage …

»Das klingt nach einer Anmache, Commander«, sagte sie. »Verhalten Sie sich öfter so gegenüber ranghöheren Offizieren?«

Ich schluckte schwer. Es war peinlich, dass sie meine Frage so missverstanden hatte. »Verzeihen Sie mir, Commander, ich wollte damit nicht andeuten …«

»Ach, dann finden Sie mich also nicht attraktiv?«, unterbrach sie mich mit einem sehr strengen Ausdruck im Gesicht. »Bin ich Ihnen etwa zu alt?«