In der Schlinge - Victor Ast - E-Book

In der Schlinge E-Book

Victor Ast

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Beschreibung

Der prominente Physiker, David Fastman, der Professor der Universität in Princeton, wird von dem deutschen Professor Albert von Riddagshausen nach Frankfurt am Main eingeladen. David Fastman ist es gelungen das Problem der Supraleitfähigkeit bei hohen Temperaturen zu lösen. Noch bis vor kurzem hatte dies keiner für möglich gehalten. Verständlich, dass jeder jetzt exklusiv darüber verfügen möchte. Schließlich steckt dahinter die Vision eines fast verlustfreien Energietransports zu minimalen Kosten. Wer das Patent für diese Technik besäße, hätte tatsächlich die Macht, sich die ganze Welt untertan zu machen. Durch Erpressung versucht die britische MI6 den Professor von Riddagshausen zu zwingen, alles über Fastmans Ergebnisse zu erfahren, damit Großbritannien die einzig herrschende Weltmacht werden kann. Der russische KGB tut dies ebenso. Für Professor von Riddagshausen scheint es keinen Ausweg zu geben. Er befindet sich in der Schlinge. Nachdem die amerikanische CIA über Fastmans Reise nach Deutschland erfährt, wird Professor Riddagshausen klar, dass sich David Fastman in lebensbedrohlicher Gefahr befindet. Um Fastman zu schützen, schickt die CIA zwei Agenten nach Deutschland. Diese haben auch die Anweisung, Fastman zu beseitigen, falls es nicht möglich sein sollte ihn zu schützen und die anderen Geheimdienste dadurch die Möglichkeit hätten Fastman zu entführen. Danny, einer der Agenten, ist damit nicht einverstanden und mit dem stillen Einverständnis des Chefs entscheidet er sich auf eigene Faust handeln. Er setzt sich mit Fastman in Verbindung und die beiden beschließen, sich als alte Studienfreunde vorzugeben. Danny zieht in das Gästehaus der Familie von Riddagshausen ein, das Fastman zu Verfügung gestellt wurde…

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Seitenzahl: 335

Veröffentlichungsjahr: 2014

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Victor Ast

In der Schlinge

®by Christine Lipowicz

Imprint

In der Schlinge Victor Ast published by: epubli GmbH, Berlin, www.epubli.de Copyright: © 2014 Victor Ast

Vorwort

Am Anfang der Geschichte meint man, ein beinahe übliches Klischee vor sich zu haben: Wie es in der bisherigen Literatur, deren Verfilmung und anderen Filmen fast immer der Fall ist, kehrt das Opfer des Holocaust nach Deutschland zurück und erkennt den Täter von damals, dessen sehr anständige Familie aber nichts von den Geschehnissen der Vergangenheit weiß.

Das scheinbare Klischee verschwindet fast sofort, als der Täter aus seiner eigenen Perspektive gezeigt wird. Immer sympathischer erscheint er, und immer klarer erkennt man auch ihn als Opfer. Auch seine Geschichte ist grausam. Ein moralisch hochstehender Mensch, der auch und gerade aufgrund seiner hohen Moral zum Täter werden konnte und damit gleichzeitig zum Opfer.

Die Geschichte soll schildern, wie leicht man einen Menschen eines Kriegsverbrechens beschuldigen kann, der in Wahrheit nach dem Prinzip des kleineren Übels handelnd, sich einerseits schuldig gemacht, andererseits aber zahlreiche Menschenleben gerettet hat. Bei dem hier angeschnittenen Schuld-Problem handelt es sich um die große tragische Verkettung des “Unschuldig-schuldig Werdens”, die seit Ewigkeiten aktuell ist und auch bleiben wird. Und zwar unabhängig davon, um was für ein Land es sich handelt.

Zudem möchte die Geschichte zeigen, dass es nicht stimmt, dass die Deutschen Nazis waren, sondern dass die Nazis damals die Deutschen waren. Es hätten auch die anderen sein können. Es ist immer nur eine Frage der Situation, des Machthabers und der Zeit.

Die in die Story eingefügten kleinen Anspielungen an den Vietnam – Krieg können hierfür als Beispiel dienen. Die Nebengeschichten über die Geheimdienste, die auch für Spannung sorgen, zeigen ebenfalls, dass sogar das Ende des grausamsten aller Kriege, des zweiten Weltkrieges, kein Ende des Kampfes um die Weltherrschaft war und dass dieser Kampf nie enden wird, wenn die Menschen nicht anfangen umzudenken.

Ich hoffe, dass es mir gelungen ist, eine spannende, aber gleichzeitig auch sehr ernsthafte Geschichte auf eine Weise zu erzählen, dass jede Gesellschaftsschicht sie interessant finden wird.

Ich hoffe auch, mit dem Buch etwas dazu beizutragen, die Opfer, aber auch die Täter jedes unsinnigen Krieges aus einer anderen Perspektive als bisher zu sehen und zu erkennen, dass jeder Krieg nur Opfer bringt und dass die wirklichen Täter nicht die ganzen Völker sind, sondern diejenigen, die über diese Völker herrschen.

Victor Ast.

Kapitel 1

Der Reiz des Neuen, als einer der ersten Passagiere mit dem Jumbojet der Boeing 747 über den Atlantik zu fliegen, war für David Fastman inzwischen verflogen. Nun kehrte er aus der Gegenwart der Neuen Welt in die Vergangenheit der alten Heimat, nach Deutschland, zurück, und der Gedanke daran schnürte ihm den Hals zu.

Die grell durch das Seitenfenster schießende Sonne hatte ihn hochschrecken und eher instinktiv als bewusst auf die Uhr sehen lassen. Hatte er sie auf mitteleuropäische Zeit umgestellt? Ja doch, kurz nach dem Start. Fast neun Uhr. Er warf einen erschrockenen Blick auf seinen Nachbarn, einen bulligen Typ im blauweiss gestreiften Hemd mit breiten roten Hosenträgern, der schnaufend die Frankfurter Allgemeine las. Ludwig Wenger war Deutschamerikaner und stammte eigentlich aus Kaufering, war aber bereits im Alter von vierzehn mit seinen Eltern nach San Diego gezogen, wo sein Vater die technische Leitung eines graphischen Betriebes übernommen hatte. Dank seines barocken Mitteilungsdrangs, der Fastman allerdings schnell ermüdet hatte, hatte er das Gefühl, jetzt mehr über Ludwig Wenger zu wissen als dieser selbst. So wusste er, dass er in San Diego eine Fleischerlehre absolviert hatte und schon früh mit einer Steakhouse–Kette viel Geld verdiente. Jetzt wollte er auch in Frankfurt ein Steakhouse eröffnen.

„Und am Römerberg tut sich was. Die wollen die historische Häuserzeile wieder aufbauen und eine Fressgass in die Schneise schlagen. Und bei der Messe und beim Flughafen lässt sich auch noch was machen. Wer zuerst kommt, verstehen Sie?“ hatte er grinsend wie ein Breitmaulfrosch getönt, in seine Hosenträger–Takelage gegriffen und die Bänder knallen lassen, dass jeder Widerspruch zwecklos war. Wozu auch widersprechen? Als Mann des Geistes und der Wissenschaft wusste Fastman, dass man fleischgewordenen Profitkolossen am besten aus dem Wege ging. Aber es war ja nicht möglich: das Los der Reichen hatte ihm in der Businessclas nun mal diesen primitiven, unsympathischen Profitgeier aus Kaufering beschert, und für zehn Stunden war er unausweichlich an seiner Seite.

Der Breitmaulfrosch grinste ihn süffisant an. „Na, Rausch ausgeschlafen? Ist schon alles vorbei. Was sollte ich Sie zum Frühstück wecken? Ich hab’ der Stewardess gesagt: Lass ihn schlafen. Wer weiß, in welch seligen Armen er schlummert. Der frühstückt sowieso in Frankfurt.“

„Danke“, sagte Fastman. Er hatte ja recht.

Mit Bestürzung sah er, dass Wenger die Zeitung zusammenfaltete. In wenigen Minuten würden sie bereits in Frankfurt am Main landen! Er geriet in Panik. Am liebsten wäre er jetzt auf seinem Platz geblieben und wieder zurück nach New York geflogen. Hatte diese Reise überhaupt einen Sinn, oder war es vielleicht doch ein Fehler, hierher zu kommen? War er überhaupt fähig, sich noch einmal der Vergangenheit zu stellen? Wollte er es denn tatsächlich?

Hätte ihm Bill Harley die Fotos von der Europareise nicht gezeigt, und besonders dieses eine Foto nicht, könnte er jetzt noch einige Stunden bequem in seinem Bett schlafen und sich während des Frühstücks in Ruhe überlegen, mit wem er am kommenden Wochenende Tennis spielen wollte. Immer wieder geisterte das Foto vor seinen Augen herum, selbst in seinen Träumen. Es zeigte einen Mann, der wie er Professor der Physik war und an der Frankfurter Johann–Wolfgang–Goethe–Universität lehrte. Es war der Mann, dem sein Besuch galt. Der Mann, der sich jetzt Albert von Riddagshausen nannte und vor sechsundzwanzig Jahren und vier Monaten, im Juli 1943, Hauptmann Heinrich Schulze gewesen war. Das Foto war ja deutlich genug, dass man sein Gesicht eindeutig erkennen konnte! Das große braune Muttermal an der linken Wange und die nachdenklichen blauen Augen unter der hohen Stirn eines Intellektuellen. Nur seine Haare waren nicht mehr so blond wie damals. War es überhaupt möglich, dass dieser Hauptmann Heinrich Schulze und Professor Albert von Riddagshausen ein und dieselbe Person waren? Er rief sich die Telefonate mit Albert von Riddagshausen und besonders das letzte ins Gedächtnis. Wie höflich und sanft, beinahe schüchtern er geklungen hatte, als er ihm vor drei Tagen anbot, über sein Gästehaus zu verfügen. Wie begeistert und geehrt er war, ihn seinen Mitarbeitern und Studenten vorstellen zu können und ihn auch privat im Kreise seiner Familie begrüßen zu dürfen. Das war doch nicht die Stimme eines Mörders, eines Kriegsverbrechers, der ihm zuschrie: „Nutz die Gelegenheit und hau ab! Verdammt noch mal, hau ab, Junge! Worauf wartest du? Verschwinde! Sonst muss ich dich auch erschießen! Tu es mir nicht an, verdammt noch mal! Vergiss deine Überraschung! Vergiss mein Gesicht! Vergiss alles, was du hier siehst, und hau endlich ab!“ Diese Worte hatten ihn mehr als ein Vierteljahrhundert verfolgt, und bis zu dem ersten Telefonat hätte er Stein und Bein schwören können, die Stimme dieses Mannes jederzeit wieder zu erkennen. Aber seitdem fragte er sich: War das wirklich die gleiche Stimme?

„Please fasten your seat–belt, Sir“, bat ihn die Stewardess.

Oh, er hatte sich noch nicht angeschnallt.

„Sorry!“

Sie schenkte ihm ein Lächeln als Antwort.

„He’s been sleeping up till now, you know?“ antwortete Wenger mit verschwörerischem Unterton.

Fastman stutzte. Wengers Stimme erschien ihm mit einem Mal eigenartig fremd, näselnder, eleganter, mehr Florett, nicht dieser in dunklem, tiefem Schlund rasselnde bayerische Säbel. Und dann wurde es ihm schlagartig klar: Albert von Riddagshausen hatte mit ihm ausschließlich Englisch gesprochen! Er konnte ja nicht ahnen, auf deutsch verstanden zu werden! Für ihn war er ja Doktor David Fastman, der berühmte Physiker vom Institute for Advanced Study in Princeton. Für Hauptmann Heinrich Schulze dagegen war er damals, vor sechsundzwanzig Jahren, David Grundman, ein jüdischer Bastard, ein Untermensch gewesen. Und damals hatte er ihn auf deutsch angeschrieen …

Das Dröhnen der im Sinkflug gedrosselten Triebwerke riss ihn aus seinen Gedanken. Die Maschine neigte sich nach links, machte einen großen Bogen und ließ die Stadt an der Ost– und einige Sekunden später an der Nordseite vorbeigleiten, bevor sie auf die andere Seite drehte, um von Osten die Landebahn zu erreichen. Fastman warf einen Blick aus dem Fenster. Deutlich erkannte er die Dächer der südlich des Zentrums gelegenen Ortschaften. Frankfurt, Schicksalsstadt am Main. Hier wurde er vor genau vierunddreißig Jahren und vier Monaten geboren und hier verbrachte er die ersten acht Jahre seines Lebens. Trotzdem würde es nie seine Stadt sein … Da unten lagen seine Mutter, sein Vater und seine beiden kleinen Schwestern Nella und Anita. Kein Grab, das ihren Namen trug, wie Ratten hatte man sie verscharrt. Wieder trat ihm die Szene vor Augen, hörte er die lauten Schüsse, sah die entsetzten Mädchen, Schulzes Gesicht. Warum hat Schulze ihn laufen lassen?

„Sehr geehrte Damen und Herren, hier spricht der Kapitän“, meldete sich der Lautsprecher. „In wenigen Minuten werde ich die Maschine auf der Landebahn des Frankfurter Airports aufsetzen. Im Namen der Pan American bedanke ich mich ganz herzlich für den gemeinsamen Flug und für Ihr Vertrauen.“

Wenige Minuten später berührte die Boeing 747 deutschen Boden, den Boden, den er nie mehr in seinem Leben hatte betreten wollen. Und nun besuchte er ausgerechnet die Stadt, in der er statt einer schönen Kindheit die Hölle erlebt hatte. In dieser Stadt nun sollte er Ehrengast des Mannes sein, der … War er aber wirklich der, für den er ihn hielt? Und das eines einzigen Fotos wegen? Wie würde er sich aus der Affäre ziehen, falls Albert von Riddagshausen tatsächlich jener Hauptmann Heinrich Schulze war? Aber er war ja nicht auf die Zusammenarbeit mit den Europäern angewiesen. Vor allen Dingen nicht mit den Deutschen. Trotzdem: Wenn tatsächlich der damalige Hauptmann Heinrich Schulze vor ihm stünde, dann würde er ihn so verprügeln, dass er keine Kraft mehr hätte, um Gnade zu flehen. Auge um Auge, Zahn um Zahn würde er vergelten. Aber nein. Er schalt sich, als Jude selbst in antisemitische Denkmuster zu verfallen.

„Welcome to good old Germany!“ dröhnte Wenger auf der Gangway und klopfte ihm hart auf die Schulter.

„Danke“, sagte er unsicher. Er blinzelte ihm ins Gesicht. „Und gute Geschäfte.“

„Den frommen Wunsch nehm’ ich auf jeden Fall mit.“ Wenger grinste. „Man weiß ja nie, wofür er gut ist.“

Fastman lächelte verlegen. Dann ließ er ihm den Vortritt, in der Hoffnung, er würde in der Masse der Passagiere verschwinden. Aber dann sah er, dass sie noch in den Shuttle einsteigen mussten, und unglücklicherweise stellte sich Wenger in dem überfüllten Bus direkt neben ihn. Nein, er würde nicht als Racheengel kommen. Er wusste nicht, als was er kam. Als Zerrissener. Dabei hatte er nach so vielen Jahren gehofft, sich endlich von der schrecklichen Vergangenheit befreien und positiv in die Zukunft blicken zu können. Warum, warum also war er nach Deutschland gekommen. Ihm fiel der Satz ein: Der Tod ist ein Meister aus Deutschland. Ja, vielleicht hatte ihn der Tod gerufen. Der Tod: Ein Mann namens Heinrich Schulze alias Albert von Riddagshausen. Wie verhielt man sich, dachte er, wenn man beim Tod auf Besuch war?

Am Gepäckband war Wenger endlich enteilt. Nicht dass er ihn verachtete, er mochte ihn bloß nicht, und deshalb war er froh, endlich für ein paar Minuten mit sich allein zu sein.

Als er seinen Koffer vom Band gehoben hatte, wusste er schlagartig, dass er sich völlig unauffällig verhalten würde, so dass Albert von Riddagshausen niemals auf die Idee käme, enttarnt worden zu sein. Er war ja nur vier Tage zu Besuch. Nur bis Montag. Diese vier Tage musste er noch unbedingt überstehen. Erst dann würde sein Plan Wirklichkeit werden … Wie in Trance eilte er durch die arrival hall. Man würde ihn abholen, hieß es. Aber wer? Erst in letzter Minute hatte er von Riddagshausen informieren können, dass er zwei Tage früher kam. Ob von Riddagshausen noch so schnell seinen Plan ändern konnte und selbst kam, um ihn abzuholen? Hoffentlich nicht!

Dr. David Fastman. Welcome to Germany!

Eine mittelgroße, schwarzhaarige junge Frau hielt eine Tafel hoch. Fastman war erleichtert. Als er auf sie zuging und direkt vor ihr stand, hielt er den Atem an. Bevor er etwas sagen konnte, blitzte plötzlich eine Szene vor seinen Augen auf, die er schon einmal gesehen hatte. Wo? In dem Schwarzweißfilm seiner dunklen Gedächtnistruhe, der immer wieder in seinen Träumen aufgeführt wurde? Oder in einer fernen Wirklichkeit? Genau diese junge Frau hatte zu seiner Mutter gesprochen. Er strich sich über das linke Ohr. Wie immer, wenn er sich neben einer attraktiven Frau unsicher fühlte. Und jetzt fühlte er sich sehr unsicher. Aber nicht, weil diese Frau attraktiv war. Sie war es nicht. Oder? Er war nicht in der Lage, die junge Frau mit ihren großen, dunkelblauen und traurig blickenden Augen nach ihrem Attraktivitätsgrad einzustufen. Sie hatte etwas an sich, das ihn faszinierte. Irgendetwas, das er nicht definieren konnte. Er war nur sicher, dass es nicht ihre Schönheit war. Es dauerte eine Weile, bis er ihr ein Handzeichen gab.

„Are you Doctor Fastman?“ fragte sie ihn mit einer Stimme, die ihn erneut aus der Fassung zu bringen drohte. Er hatte das Gefühl, diese Stimme schon ewig zu kennen.

„Yes, my name is Fastman, David Fastman“, sagte er und fügte schnell hinzu: „Wir können uns aber auf Deutsch unterhalten.“

„Oh, Sie sprechen Deutsch? Das wusste ich gar nicht. Ich bin Sara Riddagshausen“, sagte sie lächelnd. „Mein Vater bittet um Entschuldigung und Verständnis dafür, dass er Sie nicht persönlich auf dem Flughafen begrüßen kann. Er musste um neun einen Vortrag halten und bat mich, ihn so lange zu vertreten. Spätestens um zwölf kommt er direkt nach Hause.“ Sie gab ihm die Hand. „Ich hoffe, es macht Ihnen nichts aus, bis dahin mit meiner Mutter und mir vorlieb zu nehmen.“

„Nein, ganz und gar nicht“, sagte er lachend, erleichtert, dass nicht von Riddagshausen ihn abholte.

Er entdeckte einen Blumenladen wenige Meter vor sich. „Darf ich Sie für eine kurze Weile verlassen?“ Ohne ihre Antwort abzuwarten, ließ er sie stehen.

Ein paar Minuten später stand er mit zwei großen Blumensträußen vor ihr.

„Der eine ist für Sie.“

„Und der andere für meine Mutter, nehme ich an“, sagte sie und übernahm lächelnd den für sie bestimmten Strauß. „Danke. Das ist wirklich sehr nett von Ihnen.“

Er war froh, dass es ihm gelungen war, die Situation wieder in den Griff zu bekommen. „In welche Richtung müssen wir eigentlich jetzt?“

„Hierhin.“ Sara deutete mit dem Blumenstrauß nach links auf einen Baustellenzaun, hinter dem neben einem Kiosk ein Fotogeschäft der Porst–Kette lag.

Hannsheinz Porst als Sowjetspion entlarvt!

Neben der Bild–Schlagzeile stach ihm noch eine andere in die Augen:

moralisches Desaster: Massaker amerikanischer Soldaten in My Lai!

Er musste spontan an das Foto denken, das ihm den Anstoß gegeben hatte, nach Deutschland zu fliegen. Er verglich das Gesicht auf diesem Foto mit Sara. Sie hatte überhaupt keine Ähnlichkeit mit Heinrich Schulze alias Albert von Riddagshausen. Ihre Haare waren pechschwarz und ihre Haut dunkel. Eher ein südländischer Typ. Und deutscher als Heinrich Schulze auszusehen war einfach unmöglich. Vielleicht war Saras Mutter Italienerin oder Spanierin – wenn ihr Vater tatsächlich Heinrich Schulze war.

„Sie werden sich in unserem Gästehaus mit Sicherheit sehr wohl fühlen“, sagte Sara. „Es ist ein sehr bequemes kleines Häuschen und liegt auf dem gleichen Grundstück, keine fünfzig Meter von unserer Villa entfernt.“

Da war sie wieder, diese Unsicherheit. Sie ging eindeutig von ihr aus. Die junge Frau verunsicherte ihn total. Warum? Er war ihr doch zum ersten Mal begegnet. Und doch hatte er das merkwürdige Gefühl, dass er sie schon zeit seines Lebens kannte.

„Waren Sie schon mal in den Staaten?“ fragte er, um sich abzulenken.

„Nein. Ich bin aber ziemlich sicher, dass ich es irgendwann nachholen werde.“ Ihr Gesicht wirkte ratlos, als ob sie sich schuldig fühlte, noch nicht dort gewesen zu sein. „Meine Freundin versucht schon seit längerer Zeit, mich zu überreden. Sie fliegt öfter hinüber. Ich wollte schon längst mit, aber es kam immer etwas dazwischen. Gerade am Dienstag, also vorgestern, ist sie wieder geflogen. Beinahe hätte ich sie begleitet.“

„Und wieso haben Sie nicht?“ wollte er wissen und schob schnell hinterher: „Ich bin natürlich froh, dass Sie es sich anders überlegt haben, sonst hätte ich ja nicht das Vergnügen gehabt, Sie kennen zu lernen.“

„Ganz meinerseits“, lächelte sie verbindlich. „Vor acht Wochen, als Annika, so heißt meine Freundin, die Tickets buchen wollte, hatte ich mich schon fast entschlossen, Anfang November mit der Arbeit im Krankenhaus anzufangen. Sie können es ja nicht wissen: Ich bin vor kurzem mit meinem Medizinstudium fertig geworden. Fast bis Ende Oktober hat es gedauert, bis ich mich dazu durchgerungen hatte, mich selbst nicht zu betrügen.“

„Was für einen Selbstbetrug meinen Sie?“

„Ich wollte zwar immer Medizin studieren, aber nie eine Ärztin werden, die kranke Menschen behandelt.“

„Wie bitte?“ fragte er überrascht. „Die gesunden Menschen brauchen doch keinen Arzt.“

„Den Arzt nicht! Den Mediziner aber wohl“, sagte Sara nachdrücklich. „Ich bin fest davon überzeugt, dass die Rolle der Medizin besser verstanden und neu überdacht werden muss. Nicht nur das Heilen ist Aufgabe der Medizin, sondern auch die wissenschaftliche Erforschung der naturgesetzlichen Heilungszusammenhänge.“

„Sie wollten also Medizinerin und nicht Ärztin werden, wenn ich Sie richtig verstanden habe.“

In diesem Augenblick konnte er sich merkwürdigerweise ganz genau daran erinnern, wie sein Vater seine Mutter ständig davon überzeugen wollte, dass gerade die Physiker und die Mediziner, nicht jedoch die Ärzte, wie er immer betonte, in der Entwicklung der Medizin eine entscheidende Rolle spielten, und wie seine Mutter immer zustimmend lachte, weil sie ebenfalls davon überzeugt war.

Die junge Frau blieb vor einem roten VW-Käfer stehen.

„Das ist mein Wagen“, sagte sie.

„Dann haben wir etwas gemeinsam“, sagte David.

„Ja?“ Sie drehte sich interessiert zu ihm um.

„Das Auto. Ich fahre auch einen Käfer. Allerdings einen weißen. Einen Weißkohlkäfer gewissermaßen“, sagte er lachend.

„Dann wissen Sie auch, dass Ihr Reisekoffer zu groß ist.“

„Ja, das weiß ich. Aber die Rückbank ist groß genug.“

Sara öffnete den Wagen, und David verstaute seinen Reisekoffer und seine Tasche.

Während der Fahrt überfiel ihn wieder die alte Unruhe: Nach sechsundzwanzig Jahren war er wieder in Deutschland, ohne sich verstecken zu müssen! War das überhaupt möglich? Vergeblich versuchte er, Straßen und Häuser zu erkennen. Hatte er alles vergessen? Er war überrascht, keine Ruinen zu sehen. Die Häuser hier schienen schon seit Ewigkeiten zu stehen. Es war noch nicht lange her, dass in den amerikanischen Medien Bilder eines total zerstörten Deutschlands in Umlauf gewesen waren, und er hatte sich damals bei dem irritierenden Gefühl ertappt, dass er sich innerlich darüber freute.

„Übrigens“, riss ihn Sara aus seinen Gedanken, „wie kommt es, dass Sie unsere Sprache so perfekt beherrschen? Fast akzentfrei, würde ich sagen.“

„Na ja, es ist schließlich meine Muttersprache“, sagte er schlicht.

„Ihre Muttersprache? Davon hat mir mein Vater ja gar nichts erzählt. Im Gegenteil, er war froh, dass ich gut genug Englisch spreche, um mich mit Ihnen zu unterhalten. Dann sind Sie tatsächlich Deutscher?“

„Ob ich Deutscher bin? Meine Eltern waren damals jedenfalls der festen Überzeugung, der gleichen Nation wie Heine, Schiller, Goethe oder Mendelssohn anzugehören. Als ich aber 1935 geboren wurde …“

„Gott sei Dank, dass Sie damals nicht hier waren“, unterbrach sie ihn, „sonst hätte Ihre Familie die Hölle miterlebt. Ich habe Sie aber unterbrochen. Entschuldigung.“

„Ich wollte nur sagen, dass meine Familie aus Deutschland kommt und ihr die Hölle leider nicht erspart blieb. Egal. Das ist jetzt sowieso schon so lange her. Ich bin ein deutscher Jude. Jetzt ist es wirklich nicht mehr so wichtig, und ich möchte Sie damit auch nicht belästigen.“

Sie warf ihm einen nachdenklichen Seitenblick zu und konzentrierte sich eine Weile schweigend auf den Verkehr.

Plötzlich kam ihm die Gegend, durch die sie fuhren, bekannt vor. Das weiß gestrichene Haus dort auf der linken Seite, war es nicht das Haus, in dem Hans Martens gewohnt hatte? Und gleich daneben stand der kleine Kiosk, wo sein Vater immer auf dem Wege zur Uni die Zeitung und Zigaretten kaufte. Der Kiosk war jetzt nicht mehr grau wie damals, sondern hätte mit seiner bunten Werbefassade genauso gut in Princeton oder New York stehen können. Gleich würden sie an der Stelle vorbeifahren, wo ihn damals der Lastwagen überfahren und beinahe getötet hatte. Hundert Meter weiter, auf der rechten Seite, stand wie damals das Gymnasiumsgebäude. Das Gymnasium, das er unbedingt besuchen wollte …

„Über dieses Thema müssen wir uns aber noch mal unterhalten. Wenn Sie meine Familie, die damals Gott sei Dank auf der richtigen Seite gekämpft hat, kennen gelernt haben, werden Sie auch verstehen, wieso das für mich so wichtig ist. Versprochen?“

Sie bog nach links ein, überquerte eine schmale Straße und fuhr durch ein großes Eisentor auf ein Grundstück. Nach etwa zwanzig Metern hielt sie auf der rechten Seite des gepflasterten Weges, direkt vor einem kleinen, weiß gestrichenen, offensichtlich erst kürzlich erbauten Haus mit hellrotem Ziegeldach.

„Das ist Ihre Bleibe während Ihres Aufenthaltes in Frankfurt. Herzlich willkommen!“

Zuerst führte sie ihn in ein helles Wohnzimmer mit einem großen Fenster und einer Terrassentür. Eine Sitzgruppe aus schwarzem Leder fügte sich harmonisch zu einem rechteckigen weißen Couchtisch, einem Zeitungsständer und einem Bücherschrank in gleicher Farbe. Ebenso wenig fehlten eine weiße Braun–Stereoanlage und ein schwarzes Loewe–Opta–Fernsehgerät. Auf dem Parkettboden lag ein roter Teppich. Die Tür auf der rechten Seite führte in ein kleines Esszimmer, das von der schmalen Küche nur durch eine Theke getrennt war. Sie gingen die Treppe hinauf. Sara zeigte ihm das überwiegend lindgrün möblierte Schlafzimmer, in dem ein großer Schrank und ein Doppelbett standen. Vom Schlafzimmer führte die Tür in das ebenfalls lindgrün geflieste Bad. Gegenüber lagen zwei Gästezimmer mit je einem kleinen Bad. Wieder in der Küche, zeigte ihm Sara kurz die Bedienung der Haushaltsgeräte.

„Ich bin sicher, dass das Häuschen Ihnen gefallen wird und Sie Ihren Aufenthalt genießen werden.“

Genießen? dachte er irritiert. Aber woher sollte sie wissen, dass womöglich etwas ganz anderes dabei herauskommen würde?

„Meine Mutter wartet auf uns“, fuhr sie fort. „Ich hoffe, Sie werden nicht nein sagen, wenn ich Sie auch in ihrem Namen zum Frühstück einlade.“

„Mit Sicherheit werde ich nicht nein sagen“, sagte David. „Und das aus einem einfachen Grund: Ich habe im Flieger nämlich das Frühstück verschlafen. Und mein Sitznachbar dachte, wer so selig schlummert, den darf man nicht wecken. Aber ich muss mich erst mal etwas frisch machen und umziehen. Ich beeile mich. Eine halbe Stunde. Ist das okay?“

„Natürlich. Soll ich Sie abholen?“

„Nicht nötig. Sie haben ja gesagt, dass Ihre Villa keine fünfzig Meter von hier entfernt ist. Spätestens in dreißig Minuten werde ich bei Ihnen anklopfen.“

„Dann bis gleich“, sagte Sara und verließ das Gästehaus.

Kapitel 2

Unter der Dusche schoss es ihm durch den Kopf: Es könnte auch Sara gewesen sein, die zu seiner Mutter gesprochen hatte! War es nicht verrückt? Er kam hierher, um einen Verbrecher zu enttarnen, und die erste Person, die ihm begegnete, war ausgerechnet seine Tochter, die ihren Vater für einen Helden hielt. Wie sehr wünschte er sich jetzt, dass ihre Eltern damals tatsächlich auf der richtigen Seite gestanden hätten.

Er rasierte sich und betrachtete sich aufmerksam im Spiegel. Der gleiche dunkelbraune Teint, die gleiche gerade und eher kleine Nase wie damals. Zwar trug er die Haare jetzt viel länger, aber sie waren immer noch lockig und pechschwarz. Wird Schulze ihn wieder erkennen? An seinen grünen Augen vielleicht, seinem auffälligsten Kennzeichen. Damals konnte er ja noch keinen Schnurrbart und keine dicken Koteletten tragen. Nein, Schulze würde ihn nicht erkennen. Damals war er noch ein Kind gewesen.

Fastman strich sich noch einmal mit der Handfläche übers Gesicht, schaltete das Rasiergerät aus und legte es behutsam in das Fach unter dem Spiegel. Was für ein Mensch mochte Saras Mutter sein? Wie würde sie ihn empfangen? Eigentlich war es merkwürdig, dass er sie aus Saras Perspektive sah, als Saras Mutter und nicht als Schulzes Ehefrau. Als ob er Saras und nicht ihres Vaters Gast wäre. Er blickte auf die Uhr. Es war kurz vor halb elf. Die halbe Stunde war fast um.

Fastman nahm die für Saras Mutter bestimmten Blumen, schloss die Haustür ab, steckte den Schlüssel in die Tasche und ging auf die Villa zu. Keine fünfzig Meter weiter, wie Sara gesagt hatte, erblickte er das zweistöckige Haus mit dem mächtigen Eingangsportal zwischen zwei dicken, etwa vier Meter hohen Säulen, die einen weiträumigen Balkon trugen. Zwischen allen Fenstern des Erdgeschosses, die ihrer Höhe wegen eher wie Terrassentüren wirkten, rankten sich Pflanzen empor, und das dunkelrote Dach schien die Größe des Gebäudes noch zu betonen.

Sara erwartete ihn bereits lächelnd an der Haustür. Ohne ein Wort nahm sie ihn an der Hand und führte ihn in den riesigen Salon.

Wieder erschien sie ihm merkwürdig vertraut, als würde er sie schon lange Zeit kennen. An wen erinnerte sie ihn nur?

Im vorderen Teil des Salons war auf der linken Seite eine Sitzgruppe aus weißem Leder um einen Couchtisch aus demselben Material postiert, an deren rechter Flanke ein Zeitungstisch aus weißem Marmor stand, ganz bedeckt mit Tagespresse– und Illustrierten stapeln. Auch einige leinengebundene Bücher entdeckte er auf dem Tisch. Den Parkettboden bedeckte ein edler Teppich, dessen dunkelrote Farbe sehr gut mit dem weißen Marmor harmonierte. Zur Fensterfront hin wuchsen unzählige Pflanzen, sogar kleine Bäume, so dass die ganze linke Seite des Salons wie ein kleiner Vorgarten anmutete. Gegenüber der Eingangstür befand sich eine große, fast die ganze Wand einnehmende Glasfront, die durch verglaste Schiebetüren zur Terrasse führte. Davor stand ein schwarzer Steinwegflügel, hinter dem ebenfalls eine Schiebetür zu einem weiteren Raum führte. Die zwischen Schiebetür und Saloneingang gelegene Ecke war geradezu symmetrisch möbliert, nur dass hier bis auf den weißen Teppich alles in Lindgrün gehalten war. An den Wänden hingen schwere Gemälde, die meisten Porträts zeigten bedeutsam aus dem Rahmen schauende Personen. Obwohl er sich zwang vorbeizuschauen, zog ihn ein magischer Bann in ihr Blickfeld. Und auch hier glaubte er, einige der Porträtierten wieder zu erkennen wie aus den Tiefen eines Traums, in dem einem alles vertraut ist, ohne dass man es jedoch benennen kann.

„Moni, das ist Mister David Fastman, Vaters Gast. Ich hoffe“, wandte sie sich jetzt an David, „es spricht nichts dagegen, dass Sie sich als Gast der ganzen Familie fühlen.“ Sie sah ihm einen kurzen Augenblick direkt in die Augen, ohne dass er allerdings ihren Blick zu deuten verstand. „Das ist meine Mutter, Monika Riddagshausen.“ Sie hielt immer noch Davids Hand.

Es fiel ihm schwer, sich ihrem Händedruck zu entziehen und ihre Mutter mit dem offiziellen Blumenstrauß zu begrüßen.

„Frau von Riddagshausen, freut mich, Sie kennen zu lernen. Und vielen Dank für die Einladung zum Frühstück. Ich hab’ Ihrer Tochter schon erzählt, dass ich im Flugzeug das Frühstück verschlafen habe.“

„So? Dabei gibt es da doch so gute Sachen. Erst mal vielen Dank für die wundervollen Blumen. Wie ist denn der Service in dem neuen Riesenflieger? Ich hörte, Sie sind mit dem neuen Großflugzeug gekommen. Wie heißt es noch mal?“

„Boeing 747.“

„Nein, es hatte noch einen anderen Namen.“

„Jumbojet.“

„Genau.“

„Der Service ist wirklich ausgezeichnet.“

„Mit welcher Gesellschaft sind Sie geflogen?“

„Mit der Pan Am.“

„Schön. Und Sie haben das Frühstück verschlafen?“

„Ja.“

„Na, besser, als wenn Sie die Landung verschlafen hätten, nicht wahr?“

Er lachte etwas bemüht. „Ja, da haben Sie recht.“

Die blonde, schlanke, etwa einen Meter siebzig große, sehr gepflegte und elegante Frau – er schätzte sie auf höchstens Anfang vierzig –, fand Fastman verwirrend sympathisch. Aber was ihn besonders verwirrte, war die Tatsache, dass er auch bei ihr dieses merkwürdig vertraute Gefühl empfand, und er fragte sich, ob es vielleicht an dem Band der gemeinsamen Muttersprache liegen konnte, selbst wenn ihn diese Antwort nicht befriedigte. Aber welches andere geheime Band mochte sie dann miteinander verbinden?

Seine Verwirrung schien nicht unbemerkt zu bleiben.

„Fühlen Sie sich nicht wohl, Mister Fastman? Das kommt vor nach einem so langen Flug. Das kenne ich. Sehr gut sogar. Und wenn Sie noch nicht gefrühstückt haben, ist es erst recht kein Wunder.“

Das Esszimmer hinter der weißen Schiebetür war sehr groß und hell. Die Mahagoni–Möbel, der dunkelrote Teppich und die schneeweißen Wände schienen den Gast geradezu offiziell zum Wohlfühlen zu verpflichten.

Monika von Riddagshausen zeigte ihm seinen Platz und setzte sich mit Sara an dem großen ovalen Mahagoni–Esstisch nieder.

„Bedienen Sie sich, Mister Fastman“, sagte sie und machte eine einladende Handbewegung. „Was darf ich Ihnen noch zum Trinken anbieten? Kaffee oder Tee? An das Wasser habe ich schon gedacht. Das kenne ich … Bei Ihnen in den Staaten muss immer Wasser auf dem Tisch stehen.“

„Oh, danke, wenn ich das hier so sehe, kann ich nur sagen: Wie gut, dass ich das Frühstück verschlafen habe.“

„Sie können sich nicht vorstellen, Mister Fastman, was Ihr Besuch für meinen Mann Albert bedeutet. Aus mehreren Gründen sogar. Ich hoffe …“ Sie unterbrach sich und sah zur Eingangstür, von wo ein leichtes Knarren zu hören war.

Sein Herz galoppierte. Jetzt konnte er nicht mehr zurück! Bis zum offiziellen Begrüßungstag am Montag an jener Uni, an der auch seine Eltern gelehrt hatten, hieß es einen klaren Kopf zu bewahren! Vielleicht hat Albert von Riddagshausen noch das gleiche Arbeitszimmer wie sein Vater und arbeitet immer noch hinter dem gleichen Schreibtisch. Ein unerträglicher Gedanke. Er horchte. Was tut dieser Mann so lange im Flur? Das dauert ja ewig!

„Hallo, Papa, da bist du ja endlich.“ Saras Stimme riss ihn aus seinen Gedanken. Als er seinen Kopf nach rechts drehte, stand von Riddagshausen in der Tür.

„I’m so glad to finally meet you, Dr. Fastman“, sagte von Riddagshausen und ging mit ausgestreckten Händen auf David zu.„I am pleased to greet you as my visitor in our house.“

David erhob sich von seinem Stuhl, drehte sich zur Eingangstür und ging einen Schritt auf den Mann zu. Ja! Das war diese sanfte Stimme, die er schon von den Telefongesprächen kannte. War es aber auch die Stimme des Hauptmanns Heinrich Schulze? Er vermied es, ihm direkt ins Gesicht zu schauen, und warf stattdessen einen kurzen Seitenblick auf Sara. Sie strahlte. Sie schien sich über dieses Treffen zu freuen. Offensichtlich hing sie sehr an ihrem Vater.

Es kostete ihn große Anstrengung, sich auf den Beinen zu halten.

„Ich danke Ihnen für die Einladung, Herr von Riddagshausen“, antwortete er steif. „Das Häuschen, ich meine: das Haus, das Sie mir zur Verfügung gestellt haben, ist außerordentlich komfortabel.“

„Sie sprechen ja perfekt Deutsch! Das ist aber eine Überraschung.“

„Stell dir vor, seine Familie stammt aus Deutschland“, sagte Sara.

„Ah, dann ist Ihre Familie in die USA ausgewandert?“ fragte von Riddagshausen und schüttelte ihm freundlich die Hand.

„Nein, nicht meine Familie, ich bin ausgewandert.“

„Das müssen Sie uns erzählen“, sagte von Riddagshausen.

Er musste jetzt aktiv sein, dachte Fastman. Egal wie, einfach aktiv! Schon nach den ersten zwei Sätzen wusste er, wer sein Gastgeber war. Die gleiche Sprachmelodie. Jeder Satz mit tiefen Tönen angefangen, immer höher bis zur Mitte, um dann wieder abzufallen. Diese Stimme hatte sich vor sechsundzwanzig Jahren unauslöschlich in sein Gedächtnis eingebrannt. Aber nicht nur diese Stimme, sondern ganz bestimmte Worte und Sätze. Er wagte es, einen kurzen Blick auf ihn zu werfen. Das braune Muttermal auf der linken Wange, die blauen Augen, die ihn jetzt sehr intensiv und fragend anschauten …

„Später, nicht jetzt“, sagte Fastman. „Das ist eine längere Geschichte.“

„Natürlich. Wie Sie wollen. Sie sind unser Gast. Ich hoffe, Sie hatten einen angenehmen Flug“, sagte von Riddagshausen.

Nur nicht wieder erzählen, dass er das Frühstück verschlafen hatte. Das wäre lächerlich, dachte er.

„Ich muss mich bei Ihnen dafür entschuldigen, dass ich Sie nicht persönlich vom Flughafen abholen konnte.“

„Machen Sie sich deswegen keine Gedanken, Herr von Riddagshausen. Es gibt manchmal wichtigere Sachen als einen Kollegen am Flughafen abzuholen.“

„Aber ich bitte Sie, Dr. Fastman. Sie sind doch nicht nur ein Kollege, sondern eine weltweit anerkannte Kapazität.“

„Das ist aber wirklich etwas übertrieben, Herr von Riddagshausen. So prominent bin ich ja nun auch wieder nicht“, fiel ihm Fastman ins Wort. Im gleichen Augenblick schossen ihm wieder Sequenzen aus dem Schwarzweißfilm durch den Kopf. Er hörte wieder die Schüsse. Und die Schreie der Mädchen. Er sah das leblose Gesicht seiner Mutter vor sich. Fastman musste eine Pause machen, um sich zu beherrschen. Ihm war mit einem Mal so schwindlig, dass er sich unwillkürlich hinsetzte.

„Fühlen Sie sich nicht gut?“ fragte von Riddagshausen besorgt.

„Es ist nichts Schlimmes“, sagte David. „Der Flug dauerte immerhin zehn Stunden, und über England hatten wir auch ziemlich heftige Turbulenzen. Wahrscheinlich macht mir auch der Timelag zu schaffen. Entschuldigung! Wissen Sie, ich bin zum ersten Mal in Deutschland, ich meine als Erwachsener. Und da ist für mich alles noch etwas verwirrend.“

„Das ist ganz natürlich. Wie alt waren Sie eigentlich, als Sie Deutschland verließen?“

„Acht. Das war im Sommer 1943“, sagte Fastman ganz automatisch.

„Da wurde ich gerade geboren“, sagte Sara. „Am 28. Juli.“

Von Riddagshausen wechselte mit seiner Frau bestürzte Blicke. Sara schien es zu bemerken.

„Sehen Sie, David“, schaltete sie sich ein. „Pardon, Mister Fastman. Ob Sie es wollen oder nicht, das Thema ist zur Zeit in Deutschland unvermeidbar! Und es wird, fürchte ich, noch lange ein Thema sein. Wir alle, und vor allem die Generation meiner Eltern, werden mit Sicherheit noch sehr lange an der Schuld tragen. Selbst für die Taten, die sie nie begingen und nie begangen hätten und auch niemals hätten begehen können!“ Sie sah Fastman traurig an. „Um so mehr liegt es mir am Herzen, Ihnen zu zeigen, dass es damals in Deutschland auch anständige Menschen gab.“

„Das weiß ich doch“, unterbrach sie David. „Solchen Menschen verdanke ich schließlich mein Leben! Und ich verspreche Ihnen, dass ich mich dem Thema, wenn es Ihnen so am Herzen liegt, nicht verweigern werde. Aber nicht jetzt, bitte.“

„Wenn Sie erlauben, Dr. Fastman, möchte ich Saras Gedanken nur ganz kurz ergänzen“, hörte Fastman von Riddagshausen sagen. „Dieses Thema hat Sara immer sehr berührt. So hat sie zum Beispiel sehr darunter gelitten, dass ich, es war, glaube ich, 1954, meine Teilnahme an einem Physikersymposium in Princeton absagte, weil damals keiner der Physiker aus den USA uns Deutschen die Hand geben wollte. Wir wurden nicht nur nicht akzeptiert, sondern einfach nicht wahrgenommen. Und nicht wahrgenommen zu werden, verstehe ich als die höchste Stufe der Verachtung. Wissen Sie, Herr Doktor Fastman, keine Nation der Welt außer uns Deutschen, hat es nötig zu zeigen, dass wir keine Teufel sind. Das war es, was meine Tochter meinte. Vielleicht verstehen Sie jetzt auch etwas besser, warum meine Familie und ich uns so freuen, dass Sie als amerikanischer und dazu sehr bekannter Physiker unsere private Einladung angenommen haben.“

Er schien sehr berührt zu sein.

Fastman glaubte, einen leichten Schimmer in seinen Augen wahrzunehmen.

„Wir haben mit Sicherheit noch einen sehr langen Weg vor uns, um uns von diesem Komplex zu befreien“, fuhr sein Gastgeber fort. „Und diejenigen, die das nicht verstehen, haben leider aus unserer tragischen und grausamen Geschichte nichts gelernt … Ich bin mir nicht sicher, ob gerade jetzt der richtige Zeitpunkt war, darüber zu sprechen, und ich bitte Sie tausendmal um Verzeihung, wenn es Ihnen nicht recht gewesen sein sollte. Aber es musste raus“, sagte von Riddagshausen und holte tief Luft.

Für wenige Augenblicke vergaß Fastman, wen er vor sich hatte, und empfand sogar Mitleid. Bedächtig nahm er seine Tasse Kaffee in die Hand und trank sie langsam aus.

„Ja, es stimmt, was Sie gesagt haben. Ich meine, was die Wertschätzung deutscher Physiker damals betrifft. Ich kann mich an diese Zeiten noch ganz gut erinnern“, sagte er. „1954 studierte ich schon in Princeton. Eines Tages fragte uns mein hochberühmter Professor, zu dessen erstaunlichsten Charaktereigenschaften es gehörte, dass er tatsächlich jeden, aber auch jeden Tag gut gelaunt war, ganz am Anfang der Vorlesung, ob jemand von uns die Definition eines theoretischen Physikers kennen würde. Er schrieb alle möglichen Antworten an die Tafel, verriet jedoch nicht, welche richtig war. Das war seine Art. Die Antworten, die keiner von uns wusste, gab er immer erst am Ende der Vorlesung. So war es auch damals. Am Schluss sagte er lachend, wir alle hätten uns geirrt. Ein theoretischer Physiker sei nämlich eine Nationalität …“

„Die jüdische“, sagte Sara laut. „Und der berühmte Professor war Albert Einstein …“

„Erraten.“ Fastman lächelte. „Obwohl Einstein nichts weiter gesagt hatte, haben es alle, genau wie Sie, verstanden.“

„Haben Sie Albert Einstein eigentlich auch privat kennen gelernt?“ wollte von Riddagshausen wissen.

„Alle Studenten kannten ihn privat. Ganz Princeton kannte und liebte ihn. Ja! Aber das Wunderbarste für mich war, dass er immer viel Zeit für mich hatte. Und wenn ich daran denke, dass er …“ David brach den Satz ab. Beinahe hätte er etwas gesagt, was er hier und besonders jetzt auf gar keinen Fall sagen durfte. Noch nicht!

„Sie wollten noch etwas über Einstein erzählen“, hörte Fastman von Riddagshausen sagen.

„Nein, nein! Ich wollte nur sagen, die Zeiten, über die Sie gesprochen haben, sind Gott sei Dank endgültig vorbei, und ich gehe davon aus, dass sie auch nicht mehr wiederkehren werden“, sagte Fastman.

Das Telefon läutete.

„Ich gehe ran“, sagte Albert von Riddagshausen. „Es ist bestimmt für mich.“

„Riddagshausen … Einen Augenblick, Frau Merkel, ich stelle in mein Arbeitszimmer um!“ Er warf Fastman einen Blick zu. „Entschuldigung, ich bin gleich wieder da.“ Dann verließ er den Raum.

Wenige Minuten später kam er zurück. Sein Gesicht war blass.

„Leider muss ich noch heute Abend dringend nach Hannover! Der Sekretärin des Lehrstuhls in Hannover ist es nicht gelungen, meinen für heute Abend und morgen früh anberaumten Termin zu verschieben. Es tut mir so Leid, Dr. Fastman!“

„Machen Sie sich keine Gedanken, Herr von Riddagshausen“, sagte Fastman. „Es ist schließlich nicht Ihre Schuld, dass mein Ticket irrtümlicherweise für Donnerstag und nicht für Samstag ausgestellt wurde und ich es zu spät bemerkt habe, um es zu ändern.“

Fastman kam es sehr gelegen, dass von Riddagshausen weg musste: zwei Tage weniger Verlogenheit, dachte er.

„Ich verspreche Ihnen, alles zu tun, um spätestens morgen Nachmittag zurück zu sein!“ Er drehte sich zu den beiden Frauen um. „Und euch verpflichte ich, alles zu tun, damit sich unser Gast hier wohl fühlt!

Kapitel 3

Es war bereits dreiundzwanzig Uhr, als von Riddagshausen das von seinen Auftraggebern reservierte Zimmer 522 des Kastens Hotel Luisenhof, eines seit 1856 bestehenden, in der Nähe des Hauptbahnhofs von Hannover gelegenen Vier–Sterne–Hotels in der Luisestraße aufsuchte. Er wusch sich die Hände und rief zu Hause in Frankfurt an.

„Hallo, Moni, ich bin’s“, sagte er mit sanfter Stimme. „Wie sieht’s zu Hause aus? Bist du allein?“

„Ja, Sara ist mit unserem Gast noch in der Stadt.“

„Hoffentlich verstehen sich die beiden gut. Ich habe sowieso ein ganz schlechtes Gewissen. Dass so was ausgerechnet am ersten Tag seines Besuchen passieren musste …“

„Mach dir keine Gedanken, die beiden scheinen sich wirklich prächtig zu verstehen“, lachte sie. „Wenn ich nicht gewusst hätte, wer dieser David Fastman ist, wäre ich nie auf die Idee gekommen, dass er ein weltberühmtes Physikgenie sein könnte. Ich hätte eher an einen Sportsmann gedacht.“

„Du hast Recht.“

„Und wie läuft es bei dir? Machen deine Doktoranden gute Fortschritte?“

„Ja, eigentlich bin ich ganz zufrieden.“

Als sie ihm eine Gute Nacht gewünscht hatte, war er nicht sicher, ob dieser floskelhafte Wunsch in Erfüllung gehen würde, denn Fastman ließ ihn nicht mehr zur Ruhe kommen. Wenn Fastman Deutschland im Sommer 1943 verlassen hatte, hatte er auch diese schreckliche Zeit teilweise miterlebt. Und vor allen Dingen überlebt! Wie war es ihm nur gelungen, als Jude Deutschland noch so spät zu verlassen?

Er hörte Stimmen, und ihm erschien seine Mutter. Sie drückte seinen Kopf an sich und tröstete ihn: „Du bist kein schlechter Junge, Albert. Du hast das Richtige gemacht. Du hast damals keine andere Wahl gehabt! Vielen Menschen hast du damals das Leben gerettet … Vielleicht waren es Hunderte.“

Er schmiegte seinen Kopf an ihren Hals. Ihre körperliche Nähe beruhigte ihn.

„Hat der kleine Junge es auch geschafft?“ fragte er seine Mutter.

Sie war aber nicht mehr da.

Er hörte Clarks Stimme von oben: „Das wirst du nie erfahren! Dein Leben lang wirst du für deinen Verrat büßen!“

Eine Frau flehte ihn weinend an: „Denken Sie doch an unsere Kinder! Sie sind noch so klein und haben keinem etwas getan!“

„Aber bitte verstehen Sie doch, dass ich keine andere Wahl habe!“ sagte er verzweifelt.

Plötzlich fing die Frau an zu schreien.