In der Stille der Tod - Lieneke Dijkzeul - E-Book
Beschreibung

Was am Ende bleibt, ist die Liebe

Asli Verkallen meldet ihren Mann Richard bei der Polizei als vermisst. Die junge Frau ist vollkommen aufgelöst. Hatte ihr Mann einen Unfall? Wurde er Opfer eines Verbrechens? Oder hat er wirklich eine Geliebte, mit der er durchgebrannt ist, wie die Polizei vermutet? Mit einem Mal geraten alle Gewissheiten in Aslis Leben ins Wanken. Doch ihre größte Sorge gilt ihrem Sohn: Keja ist dreizehn Jahre alt, Autist und kam ohne Gehör zur Welt. Wer würde ausgerechnet ihm den Vater nehmen?

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EPUB

Seitenzahl:374


Lieneke Dijkzeul

In der Stille der Tod

Kriminalroman

Aus dem Niederländischen von Christiane Burkhardt

Deutscher Taschenbuch Verlag

Für Bull

1

In seiner Reglosigkeit schien er geschrumpft zu sein, aber vielleicht war es auch die Haltung, die seine Schultern schmaler, seine Beine kürzer, ja sogar seine Hände kleiner wirken ließ. Er lag auf dem Rücken, den Kopf unbequem an den Nachttisch gelehnt, das Kinn auf der Brust, die rechte Hand auf dem Bauch und den linken Arm brav neben dem Körper. Die Beine in der Nadelstreifenhose wirkten, als hätte er sie entspannt von sich gestreckt, und das Licht der Deckenleuchte ließ eine dünne Staubschicht auf den glänzend braunen Schuhen erkennen. Auf dem hellblauen Hemd prangte ein riesiger hellroter Fleck. Aber vielleicht war er gar nicht mal so groß, wenn man berücksichtigte, dass er die Todesursache war.

Sie selbst hatte sich ebenfalls minutenlang nicht gerührt, so als hätte sich seine Starre in einer seltsamen Verbundenheit auf sie übertragen. Nur, dass sich ihr Brustkorb hob und senkte, während seiner reglos blieb, und ihr Verstand wieder einsetzte, ihr sagte, dass sie diese Starre durchbrechen musste. Ihre Atmung hatte ihr dabei geholfen: gieriges Schnappen nach Luft war jetzt wieder möglich. Die Atmung war das einzige Geräusch in der kleinen Küche, ja, im ganzen Haus.

Auch von draußen drang kein Laut herein. Der Wind, der noch am Nachmittag das tote Laub von Bäumen und Sträuchern laut raschelnd vor sich hergejagt hatte, war wieder abgeflaut. Er hatte an den Dachziegeln gerüttelt und das Gebälk krachen lassen und so das Haus zum Leben erweckt. Jetzt hüllte es sie stumm und feindselig ein.

Es war niemand da, der ihr bei dem, was nun geschehen musste, helfen konnte. Und das war so viel, dass sie gar nicht wusste, wo sie anfangen sollte.

Der Kühlschrank meldete sich: ein tiefes Brummen, das in ein monotones Summen überging. Der Kühlschrank funktionierte, und auch sie musste funktionieren. Los!, sagte ihr Verstand. Das Wichtigste zuerst, dann läuft der Rest wie von selbst.

Er musste weg. Das war ihr von Anfang an klar gewesen. Und weil er wegmusste, würde sie ihn anfassen müssen.

Sie bückte sich, zögerte kurz und packte dann mit beiden Händen sein rechtes Handgelenk. Noch nie zuvor hatte sie einen Toten berührt. Nicht einmal ihre Großmutter, obwohl sie den kleinen, hutzligen Körper so sehr geliebt hatte. Doch seine Haut fühlte sich warm an, das Handgelenk kräftig und fest. Aber was hatte sie auch erwartet? Er war seit höchstens zehn Minuten tot. Oder seit zwanzig oder dreißig, so genau konnte sie das nicht sagen. Die Zeit vergeht schnell, wenn viel passiert.

Hysterie drohte auch noch ihren letzten Rest Selbstbeherrschung zu zerstören, und sie biss die Zähne zusammen. Nur die Ruhe bewahren! Tu, was du tun musst!

Sie zog.

Schon das Gewicht seines Armes überraschte und warnte sie vor dem, was folgen würde. Sie spannte die Muskeln an und zog fester. Er bewegte sich gerade mal so weit, dass sein Kopf mit einem dumpfen Knall auf dem Steinboden landete. Sofort ließ sie los. Sein Arm fiel nach unten, sein Ehering klirrte auf den Fliesen.

O Gott, ich schaff das nicht! Sie umarmte sich selbst, als könnte sie das trösten, war aber nicht in der Lage, den Blick von seinem Gesicht abzuwenden. Durch die Erschütterung hatte sich sein linkes Auge halb geschlossen, was seinem Blick etwas Lauerndes verlieh. Er musterte sie argwöhnisch – mit Recht. Sie stieß eine Mischung aus Schluchzen und Lachen aus, bückte sich und packte erneut das rechte Handgelenk.

 

 

Nach einer gefühlten Ewigkeit hatte sie ihn so gedreht, dass sein Kopf zur Haustür zeigte. Jetzt konnte sie sich rittlings über ihn stellen und beide Handgelenke packen. Keuchend vor Anstrengung versuchte sie die Entfernung zwischen Kopf und Tür zu schätzen. Mindestens drei Meter.

Sie würde es nicht schaffen. Er war über eins achtzig, wog ungefähr fünfundsiebzig Kilo. Das Gewicht eines Toten. Es war unmöglich, ihn nach draußen zu schleifen, nicht einmal über den glatten Fliesenboden. Aber selbst wenn ihr das gelingen sollte, wartete draußen der Plattenweg. Kleine, sandige Steinplatten, die zu seinem Auto führten.

Sie setzte sich auf den Barhocker vor der Küchentheke. Ein Nadelstreifenbein lag ihr im Weg, und in einer plötzlichen Wutaufwallung trat sie dagegen. Das Bein bewegte sich, und sie dachte schon … Aber sie konnte ihn schlecht mit Tritten hinausbefördern. Den Kopf in den Händen, stützte sie die Ellbogen auf den kalten Granit, roch den Schweiß in ihren Achseln und spürte den am Rücken klebenden Pulli.

Sie musste nachdenken, dringend nachdenken. Menschen transportierten schwere Lasten: Kühlschränke, Waschmaschinen, Wäschetrockner. Sie machten das mit einer Sackkarre. Sie hatte keine Sackkarre. Aber eine Gartenkarre. Die stand nebenan in der Garage. Sie wiederholte es noch einmal schweigend, weil sie sich an diesen rettenden Strohhalm klammern, sich einreden wollte, dass es für jedes Problem eine Lösung gab. Die Gartenkarre hatte vier Räder und war etwa einen Meter lang – ein richtiger Wagen, und damit viel besser als eine Sackkarre. Trotzdem würden immer noch mehr als achtzig Zentimeter überstehen.

Es war ein hoffnungsloses Unterfangen, denn selbst wenn sie es schaffte, ihn in die Gartenkarre zu packen und zum Auto zu schieben – was dann? Sie würde ihn nicht ins Auto hieven, geschweige denn mitsamt dem Auto im Fluss verschwinden lassen können. Aber er musste hier weg, auch wenn sie nicht mehr so genau wusste, warum. Konzentrier dich! Es hatte irgendwas damit zu tun, dass keine Spuren zurückbleiben durften, auch nicht in der Nähe des Hauses. Es musste so aussehen, als wäre es schon seit längerem nicht mehr bewohnt. Keine Spuren.

War er erst mal draußen, konnte sie drinnen Ordnung machen. Sie würde nicht das Geringste vergessen, aber das war nichts im Vergleich zu dem, was ihr jetzt bevorstand.

Sie ließ sich vom Barhocker gleiten und ging um die Leiche herum, ohne sie eines Blickes zu würdigen. Trotzdem nahm sie am Rand ihres Gesichtsfelds wahr, dass sein Sakko durch das Schleifen über den Boden verrutscht, der rote Fleck auf dem Hemd jedoch nicht größer geworden war. Tote bluten nicht.

Er wirkte ungepflegt. Seine Krawatte hing schief, und die Manschetten schauten viel zu weit unter seinen Ärmeln hervor: ein Kneipengänger, dessen Gesicht nach zu vielen, hastig hinuntergekippten Schnäpsen rot angelaufen ist. »Bring mir noch einen!« Auch wenn sein Gesicht nicht mehr rot, sondern zu einer Farbe verblasst war, die sie nicht benennen konnte.

Sie öffnete die Haustür, trat in die Dunkelheit hinaus, fröstelte in der kalten Abendluft und ging dann nach rechts zur Längsseite des Hauses. Mit der Außenbeleuchtung im Rücken umrundete sie ihr Auto, öffnete das Tor der Garage und spähte hinein. Sie durfte hier kein Licht anmachen, denn die Garage war von der Straße aus einsehbar.

Die Gartenkarre lehnte hochkant an der Wand. Daneben stand der Rasenmäher. Sie durfte nicht vergessen, die Gartenkarre zurückzuräumen. Nicht vergessen, den Rasenmäher zurückzustellen. Musste sie die Räder der Gartenkarre reinigen? Eher nicht. Warum kannte sie sich mit solchen Sachen nicht aus? Weil sie noch nie über so etwas hatte nachdenken müssen. Meine Güte, was man sich alles merken musste! Aber der Anfang war gemacht, und bisher hatte sie sich tapfer geschlagen. Es gab keine Alternative und auch kein Zurück mehr.

Sie schob den Rasenmäher beiseite, griff nach der Gartenkarre und ließ sie draußen auf alle vier Räder fallen. Dann packte sie den Handgriff und schob die Karre auf zwei Rädern über den Gartenweg. Vor der Küchentür stellte sie sie ab. Sie wollte gerade ins Haus gehen, als ihr wieder einfiel, dass sie nicht in der Lage sein würde, die Leiche nach draußen zu schleifen.

Denk nach, verdammt! Die Karre musste zu ihm und nicht umgekehrt. Der Prophet und der Berg.

Sie zog die Karre über die Schwelle und schloss die Tür. Im Schein der Küchenlampe kam ihr das Transportmittel doch recht primitiv vor. Flecken und Kratzer unbekannter Herkunft befanden sich auf dem stumpf gewordenen Metall und Spinnweben an den Rädern. Ein vergessener Gegenstand.

Wieder packte sie seine Handgelenke. Es war nicht mehr so schlimm wie beim ersten Mal, weil sich die Haut nicht mehr so lebendig anfühlte, sondern kälter. Aber das war bestimmt nur Einbildung. Vielleicht lag es daran, dass er auf dem kalten Boden lag. Aber jetzt bloß nicht mehr denken, erst wenn es sein musste! Gehirn an und wieder aus. Von nun an würde sie einen Gegenstand in ihm sehen müssen. Einen Gegenstand, der ihr im Weg war.

 

 

Es war hoffnungslos. Kostbare Minuten verstrichen, bis sie bereit war, sich das einzugestehen. Einfach nur hoffnungslos. Mittlerweile klebte ihr die Jeans förmlich an den Schenkeln, und die Träger ihres BHs schnitten ihr unter dem verschwitzten Pulli schmerzhaft in die Schultern. Er war zu groß. Zu groß, zu plump und viel zu schwer. Eine formlose Masse. Wie konnten Menschen nur so eine Arbeit verrichten und mit Toten ringen? Bestatter – eine beschönigende Bezeichnung für eine ganze Reihe furchtbarer Dinge, die man tun musste. Sie konnte das nicht, wollte das nicht. Ihr kamen die Tränen, und ihre Nase schwoll zu. Sie ging in die Hocke, lehnte sich an den Unterschrank, fuhr sich mit dem Ärmel über die Nase und starrte auf die glänzenden Fliesen.

Sie hatte keine andere Wahl. Es war die Erschöpfung, die sie ans Aufgeben denken ließ. Die Karre war zwar zu klein für die Leiche, aber groß genug für deren Rumpf. Vielleicht war sie die Sache falsch angegangen. Vielleicht war es einfacher, ihn an den Beinen hochzuziehen als an den Schultern. Außerdem musste sie dafür sorgen, dass die Gartenkarre nicht wegrollte.

Sie stand auf und schob die Karre zwischen Leiche und Wand. Der Platz war gerade ausreichend. Warum war sie nicht früher darauf gekommen? Weil sie im tiefsten Innern immer noch Panik und Todesangst hatte. Weil ihr die Kehle immer noch wehtat und sie nur mit Mühe schlucken konnte.

Mit roher Kraft packte sie seine Knöchel, zerrte seine Beine nach oben und benutzte ihr Knie, um sie anzuwinkeln. Er war ein Gegenstand, nichts als ein Gegenstand.

Seine Beine landeten mit einem lauten Knall auf der Ladefläche, und die Wut schenkte ihr eine neue Eingebung: Sie stellte sich auf die schmale Seite, hob seine Beine erneut hoch, grub ihre Nägel in die eleganten dunkelgrauen Socken und zog, und zog und zog.

 

 

Es war fast wie ein Wunder: Obwohl die Gartenkarre mitrutschte, sorgte die glatte, metallene Ladefläche dafür, dass auf die Beine sein Po folgte, Millimeter für Millimeter. Irgendwann konnte sie nicht mehr weiter, stand mit dem Rücken zur Wand. Sie musste die Beine in die Senkrechte bringen, während ihr die Kante der Gartenkarre schmerzhaft in die Knöchel schnitt. Aber der Rumpf folgte, während sich seine angewinkelten Knie auf der Höhe ihrer Ohren befanden. Verbissen zerrte sie an seiner Hose – ihre Hände waren einfach zu klein, um seine Schenkel zu umfassen. Sie ließ die Hose los und entwand sich seinen Beinen.

Er lag jetzt bis zur Taille auf der Ladefläche, die Knie an die Wand gelehnt, den rechten Arm zwischen Wand und Karre, den linken am Boden, rechtwinklig zum Körper. Sie sah ihn an, wartete, bis sich Atmung und Puls wieder beruhigten. Er bot einen entsetzlichen Anblick. Sein Kopf war seltsam verdreht, der Mund halb offen. Sein Blick war mit einem zynischen Funkeln auf sie gerichtet und sein Jackett zerknittert und schmuddelig. Er sah aus, als wäre er in eine Rauferei verwickelt gewesen. Umso besser!

In der Stille vernahm sie das Klicken des Stundenzeigers. Abwegigerweise sah sie auf ihre Armbanduhr statt auf die an der Wand. Neun. Das dürfte hinkommen. Sie hatte gerade gekocht, als er hereingekommen war, hatte den Salat angemacht und das Fleisch mit Kräutern eingerieben. Bloß nicht daran denken! Die Zeit spielte schließlich keine Rolle. Einfach weitermachen!

Sie schob die eine Hand unter seine Schultern und die andere unter seinen Nacken, nahm zusätzlich den Fuß zu Hilfe, um ihn anzuheben, und kniete sich hin, als das nicht klappte. Ihr warmer Atem auf seinem Gesicht, der Duft seines Aftershaves, seine nachwachsenden Bartstoppeln und die Haare in seiner Nase: widerlich. Aber sie würde es schaffen.

 

 

Sie schaffte es nicht. Er lag auf der Gartenkarre, besser gesagt, sein Rumpf. Aber nicht sein Kopf und auch nicht seine Arme und Beine. Die Karre stand jetzt vor der Küchentürschwelle, doch sie schaffte es nicht, diese zu überwinden. Wenn sie an ihm zog, rutschte er wegen des glatten Untergrunds, über den sie gerade noch so froh gewesen war, herunter. Packte sie die Karre direkt zwischen seinen Beinen, schlug sein Kopf – der bleischwere Kopf, der viel schwerer war, als Köpfe eigentlich sein sollten – nach hinten auf die Schwelle. Und nicht nur sein Kopf, auch seine Schultern hingen nach unten.

Sie setzte sich der kalten Nachtluft aus, sah durch die offene Tür nach draußen. In keinem der anderen Häuser brannte Licht.

Ihr war etwas aufgefallen. Als sie die Gartenkarre aus der Garage geholt hatte, war ihr etwas ins Auge gefallen. Etwas, das ihr jetzt nutzen konnte. Was war das bloß gewesen?

Ein Seil.

Ein aufgerolltes dünnes Seil an einem Nagel. Damit würde sie seine Arme und Beine so zusammenbinden können, dass sein gesamtes Körpergewicht auf der Karre ruhte. Sie war nicht dumm, hatte für alles eine Lösung.

Sie stieg über ihn hinweg, verließ das Haus, schleppte sich zur Garage und nahm das Seil vom Nagel: Es war eher eine dicke Schnur, die schwach nach Teer stank. Auf dem Rückweg blickte sie zum Himmel empor, wo zwischen Wolkenfetzen bereits seit Jahrmilliarden tröstend die Sterne funkelten.

Sie legte ihm die Hände auf den Bauch, band sie an den Gelenken so fest wie möglich zusammen, machte eine Schlaufe um seine Knöchel, stellte sich hinter seinen Kopf und hängte sich mit ihrem ganzen Gewicht in das Seil. Langsam wanderten seine Beine nach oben. Auch sein Rücken krümmte sich, so als wollte er wieder aufstehen. Sein Kopf rollte auf dem Rand der Gartenkarre hin und her.

Noch so ein Fehler, der ihr allerdings erst auffiel, als sie versuchte, das Seil durch die Grifföffnung zu schieben. Die Seilrolle war zu dick. Sie hätte die benötigte Länge zuerst abmessen und das Seil dann entsprechend abschneiden müssen. Aber woher sollte man die richtige Länge kennen, wenn man noch nie zuvor jemanden zur Roulade gebunden hatte?

Vorsichtig lockerte sie das Seil. Die Beine senkten sich, der Kopf kam zur Ruhe. Mit vor Erschöpfung zitternden Händen wühlte sie in einer Schublade, fand die Küchenschere, schnitt das dünne Seil durch und räumte die Schere wieder weg. Jetzt bloß nicht ausruhen, das kommt später! Sie wickelte das Seilende mehrmals um ihre Hand und zog erneut daran.

 

 

Auf den ersten Metern stieg der Weg leicht an, bevor er zum Garten hin wieder abfiel. Sobald die Gartenkarre mit allen Rädern auf dem Pflaster stand, fuhr sie los, weg von ihr, als wäre sie motorisiert. Sie stoppte sie, holte das Seil ein und korrigierte den Kurs, von dem die Karre wegen eines hervorstehenden Steins abzukommen drohte.

Der Weg wurde eben, die Räder kamen zum Stillstand, woraufhin sie sich umdrehte und zu ziehen begann. Es war, als zöge sie einen Schlitten. Ein Eindruck, der sowohl durch die Kälte als auch durch ihren Wölkchen bildenden Atem verstärkt wurde. Nur dass auf diesem Schlitten kein jauchzendes Kind saß, und unter ihren Füßen kein Schnee knirschte.

Vor der Kühlerhaube seines Autos, das dort parkte, wo der Weg breiter wurde, blieb sie stehen. Spielte es irgendeine Rolle, wo er liegen würde? Nein, hier war es passiert: Nichts Böses ahnend war er aus dem Auto gestiegen, und weil sich seine Augen noch nicht an die Dunkelheit gewöhnt hatten, hatte er seinen Angreifer, der ihm mit einem Messer auflauerte, nicht bemerkt. Sie sah die Szene immer deutlicher vor sich. Er war völlig überrumpelt worden und hatte sich vergeblich gewehrt. Ein Stich, und alles war vorbei gewesen. Er war hier zusammengebrochen und gleich darauf gestorben. Der Angreifer hatte … Was genau hatte der Angreifer anschließend getan? Er hatte ihm den Geldbeutel gestohlen. Wer einen Überfall begeht, will Geld.

Sie bückte sich, zog so lange am Seil, bis er von der Ladefläche glitt und halb auf die Seite fiel. Sie drehte ihn wieder auf den Rücken und tastete sich in der Dunkelheit am Seil entlang, bis er davon befreit war. Sie rollte es auf und steckte es in ihre Jeanstasche. Ihre Handflächen brannten, und ihre Finger fühlten sich dick und schwer an. Sie suchte in seiner Hosentasche nach dem Geldbeutel und verstaute ihn in ihrer anderen Hosentasche.

Der Autoschlüssel.

Er steckte in seiner vorderen Hosentasche, und sie legte ihn neben seine rechte Hand.

Wie kaltblütig sie war! Wie eiskalt und besonnen. Besser hätte sie das auch von langer Hand nicht planen können. Vage dämmerte ihr, dass sie auch deshalb so euphorisch war, weil sie seit heute Mittag nichts mehr gegessen, sondern nur ein Glas Wein getrunken hatte. Aber das war nicht weiter wichtig. Hauptsache, die Euphorie war da und half ihr, das durchzustehen.

Jetzt zurück ins Haus, wo noch tausend Dinge erledigt werden mussten. Sie würde sämtliche Spuren verwischen, sie auslöschen. Nur schade, dass das nicht auch mit ihren Erinnerungen ging.

2

Er war mit der Straßenbahn bis zur Endhaltestelle gefahren, wenn auch aus Versehen, weil er kurz eingenickt war. Als er ausstieg – was er nur tat, weil der Fahrer ihn durchdringend ansah –, fielen ihm die Ferienhäuser wieder ein.

Es war eine Zeile aus acht Häusern, die alle auf ziemlich großen Grundstücken standen – erbaut zu einer Zeit, als diese nur einen Bruchteil dessen gekostet hatten, was man heute dafür hinlegen musste. Inzwischen war die Stadt näher gerückt, und die Häuser lagen längst nicht mehr so abgeschieden wie früher.

Er war schon öfter hier gewesen. Dass es sich um Ferienhäuser handelte, hatte er erst begriffen, als er sie im Herbst leer vorgefunden hatte. Sie waren gar nicht mal so klein und ziemlich stabil gebaut. Alle bestanden aus Stein und hatten ein Ziegeldach, manche sogar noch eine Garage daneben. Es waren Häuser für die vom Schicksal Begünstigten, die irgendwie genügend Geld zusammenbekommen hatten, um sich ein zweites Domizil leisten zu können. Gott gab und Gott nahm, und manchmal gab ER denen, die bereits genug hatten, und nahm von denen, die es nicht geschafft hatten, einen gewissen Lebensstandard zu erreichen. Dabei wurde ER allerdings von einer Schar Beamter unterstützt, was man IHM durchaus übel nehmen konnte, weil ER nun einmal über alles bestimmte, auch über die Beamten. Man konnte IHM also durchaus Vorwürfe machen, aber das war sinnlos, denn Vorhaltungen gegenüber war ER taub. ER ließ es einfach geschehen, und das zweifellos zu Recht, denn es gab auch noch so etwas wie Selbstbestimmung. Die durfte man nur nicht zu wörtlich nehmen, wegen der Beamten. So nahm Gott einen in die Zange und war am Ende immer fein raus.

Wenn es ihm nicht gut ging, fragte er sich schon ab und an, ob man Gott Launenhaftigkeit vorhalten konnte. Willkür. Vetternwirtschaft. Aber solche Fragen waren verkappte Vorwürfe, und denen gegenüber war ER wie gesagt taub. Womit der Kreis geschlossen wäre. In gewisser Weise gefiel ihm das, denn er mochte logische Gedankengänge, auch wenn sie zu einem alles andere als ermutigenden Schluss kamen.

Zum Glück kam es immer seltener vor, dass es ihm nicht gut ging. Vielmehr wurde er immer pragmatischer, ja fatalistischer. Doch das konnte gefährlich werden. Abstumpfung führte dazu, dass man hungerte, im schlimmsten Fall sogar erfror, weil man sich nicht richtig um sich kümmerte. Doch ihm würde das nicht passieren, zumindest nicht in absehbarer Zeit. Ein aufmerksamer Straßenbahnschaffner hatte seinen Selbsterhaltungstrieb geweckt und ihn an diesem kalten Abend zu einer Zeile mit Häusern von vom Schicksal Begünstigten geführt. Niemand würde ihm Probleme machen, wenn er sich in den verlassenen Behausungen kurz umsah.

Es ließ sich auch nicht mehr länger hinausschieben. Bald war Weihnachten, auch wenn ihm entfallen war, wann genau. Aber das bedeutete, dass die Häuser wieder bewohnt sein würden. Dann würden die Fenster hell erleuchtet sein, Lichterketten in speziell dafür angepflanzten Tannen hängen, Feuerkörbe glühen und überall Autos parken.

Das hier war seine Chance, und sei es nur, weil ihm überall sonst der Zugang zu Licht und Wärme verwehrt blieb. Deshalb nahm er den Weg zu dem Haus, das er die »Nummer fünf« getauft hatte. Er war schon einmal dort gewesen, hatte es aber immer fest verschlossen vorgefunden – ganz im Gegensatz zu den Häusern Nummer zwei und sieben beispielsweise, wo man die Lektion erst gelernt hatte, nachdem er vorbeigeschaut hatte. Diese Unbekümmertheit hatte ihn gestört. Das war natürlich paradox, aber ein gewisser sportlicher Ehrgeiz musste schon sein. Andere schlossen ihre Häuser ab, und man selbst nahm die Herausforderung an, sich dennoch Zutritt zu verschaffen. »Einbrechen« war ein Wort, das er nie benutzte. Einbrechen war kriminell, und kriminell war er kein bisschen: Kriminelle waren ungebildet, konnten sich nicht ausdrücken, hatten Tätowierungen und trugen Kettchen aus Katzengold, außerdem wandten sie Gewalt an. Er verschaffte sich Zutritt und sah nach, ob die vom Schicksal Begünstigten ihm vielleicht etwas abtreten konnten.

 

 

Im Haus Nummer fünf brannte Licht, das hatte er bereits von Weitem gesehen. Doch davon ließ er sich nicht abschrecken, denn in der Einfahrt funkelte ein dickes Auto. Obwohl er schlechte Erfahrungen mit anwesenden Hausbewohnern gemacht hatte – sie erschraken, es entstand unnötig Panik, manche wurden sogar aggressiv, wofür er viel zu alt und friedliebend war –, durfte man ein nicht abgeschlossenes Auto nicht unterschätzen. Denn darin konnten Dinge liegen, die von den Begünstigten nicht genügend geschätzt wurden. Sie ließen sich zwar nicht immer umgehend zu Geld machen, doch ausgeschlossen war es nicht. Außerdem hatten sich auch Tauschgeschäfte schon oft als vorteilhaft erwiesen.

Vorsichtig näherte er sich dem Auto, den leblosen Körper entdeckte er allerdings erst, als er nur noch wenige Schritte von ihm entfernt war. Ein formloser Haufen, der sich dunkel von den helleren Steinplatten abhob. Der Haufen rührte sich nicht und gab auch keinerlei Geräusch von sich.

Er blieb stehen. Bei anderen Gelegenheiten hatte er durchaus schon solche Haufen angetroffen, genauso reglos, allerdings laut schnarchend. Und das stets im Sommer. Aber häufig erwachten sie plötzlich wieder zum Leben, wenn man vorsichtig ihre Taschen abtastete. Dann sprangen sie schreiend auf, versuchten einen zu packen, sodass man gezwungen war, hastig den Rückzug anzutreten: Was für eine Demütigung!

Doch das hier war etwas anderes. Das hier roch nach Problemen. Am besten, man nannte die Dinge beim Namen. Andererseits: Wer sich nicht rührte, konnte einem auch nicht gefährlich werden. Und im Haus war alles still.

Er beugte sich über den Haufen, der sich als Mann entpuppte, zumindest dem Geruch nach. Seine Nase verriet ihm häufig mehr als seine Augen, die ständig tränten und mit denen er die Welt wie durch einen Gelbfilter sah. Grauer Star in fortgeschrittenem Stadium.

Ein Mann im Anzug mit offenem Jackett, darunter ein helles Hemd. Das Hemd ließ ihn erneut zögern. Auf diesem befand sich ein großer Fleck. Ein schwärzlicher Fleck in Höhe des Herzens, der sich in Richtung Bauch ausbreitete. Vielleicht war der Fleck die Ursache für die Stille, die den Mann umgab. Eine Stille, die auch bedeutete, dass niemand schreien würde. Das war eine einmalige Gelegenheit, es musste auch gar nicht lange dauern. Eine kurze Durchsuchung, mehr war gar nicht nötig. Im Haus waren ja bestimmt Leute, die in der Lage waren, Ärger zu machen.

Er ließ seine Finger in die Hosentaschen und anschließend in die Jackett-Innentasche gleiten. Sie schlossen sich um etwas, das sich anfühlte wie ein Handy oder eines der Geräte, die so ähnlich aussahen. Er richtete sich auf, als ihm ein zweites, kleineres Auto auffiel, das neben dem Haus vor der Garage stand. Kurz kam er in Versuchung, aber vielleicht war es vernünftiger, unbemerkt zu verschwinden, solange das noch möglich war. Vielleicht wussten die da drin, dass hier ein Mann mit einem Fleck auf dem Hemd lag, der nicht hierhergehörte.

 

 

Er drehte sich um und trottete den Weg hinunter. Nachdem er die schlecht beleuchtete, unasphaltierte Straße erreicht hatte, beschleunigte er seine Schritte. Keine angenehme Straße – besser, er machte sich hier so schnell wie möglich aus dem Staub. Käme in diesem Moment ein Auto, würde er aussehen wie ein von Scheinwerfern hypnotisiertes Kaninchen. Außerdem lag dieser Mann dort, der – ja, es musste endlich mal laut gesagt werden – eindeutig tot war.

Bei der ersten Gelegenheit bog er rechts ab, um so schnell wie möglich in die Stadt zu gelangen. Unterwegs begegnete er fast niemandem – die erste günstige Fügung an diesem Tag. In nächster Zeit würde er die Häuserzeile meiden, so als lastete ein Fluch auf ihr. Sie befand sich eigentlich auch weit außerhalb seines Reviers. Oder vielleicht besser seines Biotops. Jetzt brauchte er vor allem Menschen, Licht und Wärme. Man fand schließlich nicht jeden Tag einen Toten.

 

 

Als er den Stadtrand erreichte, holte ihn eine Straßenbahn ein. Aber obwohl ihm vom langen Laufen die Füße schmerzten, traute er sich nicht einzusteigen. Die Straßenbahn war ziemlich leer, es würde auffallen, wenn er nicht die geforderte Plastikkarte vor den Scanner hielt. Über diese neumodischen Fahrausweise konnte er sich immer noch aufregen. Die beiden Karten, die er hatte mitgehen lassen (eine mit und eine ohne Foto), hatten nicht lange funktioniert. Das schränkte seinen Radius deutlich ein. Gott und die Verkehrsbetriebe taten wirklich alles, um einem das Leben schwer zu machen. Nach dem Tod musste schon ein unglaublich fantastisches Paradies auf einen warten, damit man nicht posthum vom Glauben abfiel.

 

 

Er brauchte eine Stunde bis ins Zentrum, und als er endlich die Tür der Kneipe aufdrückte, in der man ihn – je nachdem, wer hinterm Zapfhahn stand – gelegentlich noch wohlwollend begrüßte, schlug die Turmuhr halb zwölf. Er fluchte leise, denn halb zwölf hieß, dass Raoul da war und nicht Harry. Harry arbeitete von eins bis zehn, Raoul von zehn bis Kneipenschluss.

Dennoch ging er direkt an die Bar. Die spöttischen Bemerkungen über seine Erscheinung ließ er an sich abperlen und wartete geduldig, bis Raoul Zeit für ihn hatte. Raoul schüttelte jedoch schon den Kopf, bevor er überhaupt etwas sagen konnte. Und in seinem Ärger legte er leichtsinnigerweise das Handy auf den Tresen. Er hatte eigentlich vorgehabt, um zwei Schnäpse zu bitten, aber er hatte schon seit Stunden nichts mehr getrunken. Das Ding schimmerte edel in der Kneipenbeleuchtung. Er beschloss, den Einsatz zu erhöhen. »Gibst du mir eine Flasche jungen Genever dafür?«

Raoul warf einen desinteressierten Blick auf das Telefon. »Was soll ich mit einem geklauten iPhone?«

»Gefundenen.«

»Geklauten«, sagte Raoul erbarmungslos. »Zieh Leine, Bernard! Und dusch erst mal, bevor du herkommst, sonst vergraulst du mir meine Gäste.«

Er öffnete den Mund, aber Raoul war heute wirklich in Hochform: »Den Zorn Gottes nehme ich dafür gern in Kauf. Los, zisch ab!«

Niedergeschlagen trottete er hinaus. Da hatte man den ganzen Tag gearbeitet und sich die Füße wundgelaufen, um gerade mal einen Zehner zu erbeuten, der längst ausgegeben war, und dieses nutzlose Ding. Vielleicht war es wirklich Zeit, nach Hause zu gehen. Gut möglich, dass in einer der Flaschen noch ein Rest war, der reichte, um die Kälte aus seinen Knochen zu vertreiben. Manchmal ließ er für Notfälle wie diesen extra noch etwas in der Flasche, wobei ihm auch zugutekam, dass er nie wusste, in welcher Flasche sich dieser Rest befand, sodass er sich irgendwann selbst damit eine Überraschung bereiten konnte.

 

Zu Hause in dem Kellergeschoss, das er bereits seit Jahren bewohnte, zog er erleichtert die Tür hinter sich zu. Er zündete zwei Kerzen an, zog seine Schuhe aus und streifte seine Socken ab. Die Füße, die dabei zum Vorschein kamen, machten ihm Sorgen. Sie waren bläulich verfärbt und wiesen schwarze Flecken auf, die sich schwammig anfühlten, wenn er darauf drückte. Doch auch die Füße würden ihm längst nicht mehr so wehtun, wenn er etwas getrunken hätte. Er nahm eine der Flaschen und hielt sie gegen das Licht.

Manche rochen nicht einmal mehr nach Alkohol, aber er ließ nicht locker und wurde schließlich belohnt. Er war gerade dabei, den eingetrockneten Rest Branntwein mit etwas Wasser zu verdünnen, als eine Melodie aus seiner Hosentasche ertönte. Fast hätte er die Flasche fallen lassen. Er wühlte in seiner Hosentasche und warf einen Blick auf das aufleuchtende Display.

»Zuhause ruft an«, war da zu lesen.

Ängstlich musterte er die winzigen Symbole, mit denen das Display übersät war. Was bedeutete das, »Zuhause«? Wer war »Zuhause«? Zu seiner Erleichterung verstummte die Melodie abrupt, und nach einer gewissen Zeit verdunkelte sich auch das Display. Er setzte sich auf die Matratze, wickelte seine durchgefrorenen Füße in eine Jacke und ein Handtuch und trank den verlängerten Weinbrand.

Dieser Tag war ein ziemlicher Reinfall gewesen, so viel stand fest. Die Leute waren noch nicht in weichherziger Weihnachtsstimmung, sie hatten sich sogar geweigert ihm zuzuhören, als er ihnen erklärte, dass ihm nur noch fünf Euro für eine Rückfahrkarte fehlten, nachdem ihm jemand den Geldbeutel gestohlen hatte. Und als er ihnen schwor, die fünf Euro selbstverständlich zurückzuüberweisen, wenn sie ihm ihre Kontonummer gäben, hatten sie nur gelacht und waren weitergegangen. Die Welt wird immer brutaler, lautete seine einzige Schlussfolgerung. Morgen würde er ihr erneut trotzen.

Er blies die Kerzen aus, zog Jacke und Handtuch über seinen Körper, fügte noch eine dicke Tisch- sowie eine Wolldecke hinzu und schloss die Augen.

3

»Er geht nicht ans Telefon.« Die Frauenstimme war schrill vor Nervosität. »Schon gestern Abend nicht, und heute Morgen auch nicht.«

»Ich habe Ihren Namen nicht richtig verstanden«, sagte Slagter mit stoischer Ruhe.

»Asli Verkallen.«

Slagter notierte ihn. »Sie versuchen, Ihren Mann auf dem Handy zu erreichen, aber er geht bisher einfach nicht dran.«

»Nein.«

»Gestern Abend nicht und heute Morgen auch nicht.«

»Nein.«

»Wie oft haben Sie versucht, ihn zu erreichen?«

»Insgesamt viermal.«

»Und Sie haben ihn gestern Abend zu Hause erwartet?«

»Ja.«

»Haben Sie sich gestern Abend auch schon Sorgen gemacht?«

»Nein. Er wollte erst spät nach Hause kommen, den Grund dafür habe ich vergessen. Irgendeine Besprechung, glaube ich. Vielleicht auch ein Geschäftsessen, so genau weiß ich das nicht mehr.«

»Und in solchen Fällen ist es nicht ungewöhnlich, wenn er nicht ans Telefon geht?«

»Nicht, wenn er in einer Besprechung ist.«

»Was haben Sie gemacht?«

»Wie meinen Sie das?«

»Gestern Abend«, sagte Slagter geduldig. Sie klang nicht hysterisch, und besser, es blieb auch dabei. »Ihr Mann ist gestern Abend nicht ans Telefon gegangen. Was haben Sie da gemacht?«

»Ich bin ins Bett gegangen. Ich dachte, sein Termin dauert vielleicht länger und anschließend geht man noch irgendwo was trinken oder so.«

»Kommt das öfter vor?«

»Ja. Aber als ich heute Morgen aufgewacht bin, war er immer noch nicht zurück.«

Slagter warf einen Blick auf die Adresse, die er sich notiert hatte. Eines der besseren Wohnviertel. »Ihr Mann ist Geschäftsmann. Kann es sein, dass er im Hotel übernachtet hat, und Sie das vergessen haben?«

»Nein, denn dann hätte ich ihm saubere Sachen mitgegeben: ein frisches Hemd, Socken …«

Slagter sah auf seine Armbanduhr. Kurz vor zehn. »Haben Sie sich schon mit seiner Firma in Verbindung gesetzt?«

»Ja. Aber dort ist er auch nicht. Ehrlich gesagt wartet man dort schon auf ihn, er hatte um neun einen Termin.«

»Hat er seinen Pass bei sich?«, fragte Slagter.

»Ich … keine Ahnung«, erwiderte sie verwirrt.

Slagter war schon lange bei der Polizei. Es wäre nicht das erste Mal, dass eine Frau ihren Mann vermisst meldet, und dann stellt sich heraus, dass der beschlossen hat, sich mit einer Jüngeren, mit der man sich amüsieren kann, ins Ausland abzusetzen. »Wie alt ist Ihr Mann?«

»Vierzig.«

Ein gefährliches Alter. »Ihr Mann ist gestern Morgen ganz normal zur Arbeit gegangen?«

»Ja.«

»Ihnen ist also nichts Ungewöhnliches aufgefallen?«

»Wie meinen Sie das?«

»War er so wie immer?«, fragte Slagter freundlich. »Hat er ganz normal gefrühstückt? Hatte er an, was er sonst auch anhat, wenn er zur Arbeit geht?«

»Ja, ja, alles war genau wie immer.«

»Wie lautet sein Autokennzeichen?«

Sie nannte es, ohne zu zögern, was ihn verwunderte. Erstaunlich viele konnten es nicht auswendig.

»Haben Sie Kinder?«

»Einen Sohn. Er ist dreizehn.«

»Ist ihm etwas aufgefallen?«

»Das weiß ich nicht«, sagte Asli Verkallen. »Ich habe ihn nicht gefragt. Ich wollte ihn nicht beunruhigen.«

»Es muss ihm doch aufgefallen sein, dass sein Vater nicht zum Frühstück erschienen ist«, sagte Slagter.

»Er schläft noch.«

Weihnachtsferien. Ein dreizehnjähriger Junge. Slagter dachte an seine eigenen Kinder, die inzwischen Gott sei Dank erwachsen waren – falls man das so nennen konnte. Als sie in der Pubertät gewesen waren, hatten sie an den Wochenenden so lange im Bett gelegen, bis er sie hinausscheuchte.

»Ich habe Ihre Meldung aufgenommen und werde sie weiterleiten«, sagte er. »Wir rufen dann zurück.«

»Ja, unternehmen Sie denn nichts?« Während des Gesprächs war ihre Stimme tiefer geworden und hatte ein angenehm warmes Timbre angenommen. Jetzt wurde sie wieder höher.

»Wir rufen zurück«, wiederholte Slagter. »Machen Sie sich in der Zwischenzeit nicht allzu große Sorgen. Es gibt fast immer eine logische Erklärung.«

»Eine logische Erklärung« kann alles Mögliche sein, dachte er, als er erneut zum Telefon griff: ein Unfall, ein Todesfall, plötzliche Wahnvorstellungen, Krankheiten … Außerdem hatte er vergessen zu fragen, ob sie die Krankenhäuser schon abtelefoniert hatte. Aber wenn, hätte sie das bestimmt erzählt.

»Vegter.«

»Eine Vermisstenmeldung, Inspecteur.«

»Wer wird vermisst?«

»Richard Verkallen, vierzig Jahre alt. Er ist gestern Morgen ganz normal zur Arbeit gegangen, es gab keinerlei Auffälligkeiten. Er wollte später als sonst nach Hause kommen, wegen einer Besprechung oder eines Geschäftsessens, ganz genau wissen wir das nicht. Seine Frau hat noch am späten Abend versucht, ihn telefonisch zu erreichen, aber er ist nicht drangegangen. Heute Morgen auch nicht. Zur Arbeit ist er heute Morgen auch nicht erschienen, obwohl er einen Termin hatte.«

»Was ist mit seinem Pass?«

»Das weiß sie nicht.«

»War er mit dem Auto unterwegs?«

»Ja.«

»Mail mir die Details.«

Slagter legte auf. Er wettete zehn zu eins, dass der Kerl bereits gestern Abend in einem schicken Skiort beim Glühwein gesessen hatte und sich jetzt fragte, wie er die Kopfschmerzen wieder loswurde.

 

 

Paul Vegter stand am Fenster und blickte auf die graue Straße hinaus. Die Weihnachtsbeleuchtung, die über sie gespannt war, wehte im wieder aufgefrischten Wind – billige bunte Lämpchen im klaren Morgenlicht. Das Café gegenüber war ebenfalls weihnachtlich geschmückt. Den Eingang flankierten zwei mickrige Tannen in rotbraunen Übertöpfen. Plastik, wie er tags zuvor festgestellt hatte. Die silbernen Girlanden waren durch den Dauerregen stumpf geworden, und dünne Elektrokabel führten unter der Tür hindurch ins Lokal. Die Fenster waren in den Ecken weiß besprüht worden, was Schneegestöber darstellen sollte, und die aufgeklebten Goldsterne hatten jeden Glanz verloren.

Innen war es noch schlimmer. Dort dudelte unablässig Weihnachtsmusik, angefangen von John Lennon bis Bing Crosby, der schon seit siebzig Jahren von einer Weißen Weihnacht träumte. Rot-grün karierte Tischdecken, Plastiktannenzweige über der Bar und überall flackernde Teelichter in klebrigen Kerzenhaltern.

Er dachte an sein Zuhause, wo er endlich die tiefroten Samtvorhänge aufgehängt hatte. An den Kaminofen, der abends loderte, und die Bogenlampe, die eine goldgelbe Pfütze Licht auf den gebeizten Holzboden warf. Wenn irgendwo Frieden auf Erden herrschte, dann bei ihm daheim, und er hatte nicht das geringste Bedürfnis, diese Atmosphäre mit einem Weihnachtsbaum zu ruinieren, der schon weit vor Heiligabend nadeln würde.

Ingrid hatte ihm einen silbernen Leuchter und eine Schachtel mit Kerzen mitgebracht. Das in Goldpapier eingeschlagene Paket hatte sie gegen ihren Riesenbauch gedrückt, während sie vorsichtig den rutschigen Kiesweg entlanggekommen war. Leuchter und Kerzen wurden mit der Einladung verbunden, am ersten Weihnachtsfeiertag zum Abendessen zu kommen. Eine Einladung, die er gerne angenommen hatte, auch der Kerzenleuchter gefiel ihm. Seine schnörkellose Schlichtheit und der satte Glanz bildeten einen hübschen Kontrast zu dem grob gemauerten Kaminsims, auf den er ihn gestellt hatte. Die Einladung zum Weihnachtsessen war unter Vorbehalt ausgesprochen worden, denn vielleicht würde sein Enkel beschließen, höchstpersönlich mitzufeiern.

Ingrid hatte Angst, er könnte sich einsam fühlen, doch diese Angst war unbegründet. Das Haus, in dem er nach monatelangen Umbauarbeiten endlich wohnte, tat genau das, wofür er es gekauft hatte: Es schenkte ihm Ruhe. Am liebsten wäre er jetzt dort und würde mit Geduld und Umsicht den Ofen anzünden, das Feuerholz, angefangen von den dürren Reisern bis hin zu den gespaltenen Scheiten, darin aufschichten und sich davorsetzen, bis ihn die sengende Hitze zwingen würde, seinen Sessel zu verrücken: ein Buch, eine zweite und dritte Tasse Kaffee. Ab und zu aufstehen, um neues Holz zu holen und eine andere CD einzulegen.

Aber es wurde jemand vermisst, und man erwartete von ihm, dass er etwas unternahm. Er setzte sich an seinen Schreibtisch und las sich die Angaben am Computer durch.

Richard Verkallen. Vierzig, verheiratet. Allem Anschein nach führte er ein geregeltes Leben, hatte es aber trotzdem geschafft, kurz vor Weihnachten spurlos zu verschwinden.

Er blieb einen Moment sitzen, sah sich in seinem schmucklosen Büro um und beschloss, dass der Tag schneller vorübergehen würde, wenn er etwas unternähme. Talsma oder Brink? Talsma natürlich. Vermutlich saßen die beiden gerade im Ermittlungsraum, denn je näher Weihnachten rückte, desto weniger Verbrechen gab es. Das war eine Art Naturgesetz. Talsma pflegte sich mit Papierkram und dem Kreuzworträtsel vom Vortrag zu beschäftigen, während Brink durchs Haus streunte, wenn es ihm zu viel wurde.

Vegter stand auf.

 

 

»Vielleicht ist er auf den Malediven«, sagte Talsma auf dem Weg zum Wagen.

»Das werden wir noch früh genug herausfinden.« Vegter warf einen Blick auf das Café, in dem man es früh um halb elf für angebracht hielt, die Weihnachtsbeleuchtung einzuschalten.

Talsma folgte seinem Blick. »Dieses blöde Weihnachten! Ich wünschte, es wäre schon vorbei.«

»Was macht ihr?«

»Wir fahren gegen jeden ärztlichen Rat nach Friesland.« Talsma lachte. »So entgehen wir den vielen Abendessen mit quengelnden Enkeln und können beide einen Schnaps trinken, ohne dass eine der Töchter fragt, ob das für Mutter auch gesund sei.«

»Darf Akke denn Alkohol trinken?«

»Danach haben wir nicht gefragt. Was man nicht weiß, macht einen nicht heiß.«

Sie stiegen ein, und Talsma ließ den Motor an, während Vegter sich fragte, ob er das an seiner Stelle auch so sehen würde. Wie seine Frau schien Talsma sich ins Unvermeidliche geschickt zu haben, auch wenn er in Wahrheit schwer verbittert war. Vegter hatte Talsmas Frau erst kürzlich getroffen und sich über ihr verändertes Äußeres erschrocken. Sie war schon immer klein und dünn gewesen, aber jetzt war sie beinahe durchsichtig. Handgelenk- und Fingerknochen schimmerten durch die trockene Haut, und ihre Jochbeine stachen regelrecht hervor. Sie hatte den Blick, den er von Aidskranken kannte: den Blick eines Menschen, der weiß, dass er sterben wird. Eine gewisse Distanz lag darin und vages Staunen über den nahenden Abschied. Sie war noch zurückhaltender gewesen als sonst, und auf seine Frage, wie es ihr gehe, hatte sie gesagt: »Den Umständen entsprechend.«

Er hatte sich gefragt, wie die beiden wohl damit umgingen, aber bei dem Gespräch war ihm die unbeholfene Zärtlichkeit aufgefallen, mit der Talsma seiner Frau begegnete. Das Kissen in ihrem Rücken, noch bevor sie darum bat. Die Kaffeetasse auf dem Tischchen, direkt neben ihrem Stuhl. Brille und Zeitung immer in Reichweite. Da hatte er begriffen, dass sie sich nicht mit Worten, sondern mit Taten verständigten.

»Womit verdient der Typ sein Geld?«, fragte Talsma.

»Er ist Teilhaber einer Autowerkstatt. Ein Familienbetrieb, der vom Vater gegründet wurde. Drei Niederlassungen. Eine gut gehende Firma, sollte man meinen.«

»Geld satt?«

»Anscheinend schon.«

»Keine verdächtigen Kontakte, keine Vorstrafen?«

»Auf jeden Fall keine Vorstrafen. Weiter bin ich noch nicht gekommen.«

Talsma bog rechts in die richtige Straße ein, verlangsamte das Tempo und suchte nach der Hausnummer. »Hat sich da jemand ins gemachte Nest gesetzt?«

»Gut möglich. Wir werden der Sache nachgehen.«

 

 

»Es könnte schlimmer sein«, bemerkte Talsma, als sie die Auffahrt betraten.

Vegter nickte. Das Haus stand in einem relativ neuen Viertel mit großen Grundstücken und stattlichen Häusern. Ihm fiel wieder ein, dass man es damals als »Versuchsgelände« bezeichnet hatte, weil die Gemeinde den zukünftigen Bewohnern freie Hand beim Entwurf ihrer Häuser gelassen hatte. In einigen Fällen hatte das zu geschmacklosen Bauten mit Fantasietürmchen, grellweißem Stein, übertriebenen Schmuckgiebeln und anderen Verzierungen geführt. Es gab auch sogenannte Landhäuser mit grün und rot gestrichenen Fensterläden und Fachwerk, umgeben von schmiedeeisernen Zäunen mit goldenen Spitzen. Aber einige Häuser waren von richtigen Architekten gebaut worden, was sich in klaren Linien und originellen Formen äußerte.

Bei Richard Verkallens Haus war es nahezu gut gegangen: Die nüchterne Linienführung wurde von zwei Reliefsäulen, die das Haustürvordach stützten, nur leicht beeinträchtigt. Der Vorgarten bestand vorwiegend aus einem geometrischen Muster aus Buchsbaumhecken, die Vegter verabscheute: Sträucher, die zu leblosen grünen Quadern verunstaltet und in ein Kieselbett gesetzt worden waren, als habe man Angst, sie könnten fliehen.

Anstelle einer Klingel ertönte ein melodiöses Glockenspiel, das erst verstummte, als ihnen eine junge Frau aufmachte.

»Kriminalpolizei.« Vegter zeigte seinen Ausweis. »Paul Vegter und Ermittlungsbeamter Talsma.«

Eine schmale Hand wurde ihm entgegengestreckt. Deren schwarze Haut schimmerte genauso sanft wie das Gesicht, das von einer beeindruckenden glatten Mähne umrahmt wurde, die allerdings so aussah, als würde sie sich bei der erstbesten Gelegenheit kräuseln. Vegter musste an Renée denken, die er einmal mit etwas gesehen hatte, das sie Glätteisen nannte. Auch ihre Haare neigten dazu, sich bei hoher Luftfeuchtigkeit zu kräuseln.

»Kommen Sie herein.« Die Stimme war tief, warm und ruhig. Doch die Augen sprachen eine ganz andere Sprache. Sie waren groß, und es lag eine Unruhe in ihnen, von der er nicht sagen konnte, ob sie ständig dort war.

Asli Verkallen führte sie in ein großzügig geschnittenes Wohnzimmer mit Blick auf den Garten, der zu Vegters Verwunderung völlig anders gestaltet war als der kahle Vorgarten. Sogar jetzt, mitten im Winter, konnte er erkennen, dass dieser Garten im Sommer eine einzige blühende Pracht war, ein verstecktes Paradies.

Sie nahmen auf einem Rundsofa aus schwarzem Leder Platz. Asli Verkallen blieb stehen. Sie trug eine Jeans und einen dicken grauen Rolli, der nicht verbergen konnte, wie dünn sie war. Sie hatte die Wangenknochen einer kenianischen Marathonläuferin. »Kann ich Ihnen etwas anbieten? Einen Kaffee vielleicht?«

Nachdem sie dankend abgelehnt hatten, nahm auch sie zögernd Platz – nicht auf dem Sofa, sondern in einem hellroten Sessel, der zu groß für sie war. Den dazugehörigen Hocker schob sie beiseite und verharrte in kerzengerader Haltung.

Das ist der Sessel ihres Mannes, dachte Vegter. »Sie haben Ihren Mann vermisst gemeldet«, hob er an.

Sie nickte.

»Und Sie haben seitdem nichts mehr von ihm gehört?«

Sie schüttelte den Kopf. »Ich habe ihn vor einer Viertelstunde erneut angerufen, aber es ging bloß wieder die Mailbox dran.«

»Und Sie machen sich Sorgen?«

»Ja.«

»Warum?«

»Weil das so gar nicht zu Richard passt. Er ist häufig unterwegs, sagt mir aber immer Bescheid, wenn sich seine Pläne ändern, er nicht zum Essen nach Hause kommt oder plötzlich doch.«

»Er ist viel unterwegs, sagen Sie«, meinte Vegter. »Beruflich oder auch aus anderen Gründen?«

»Hauptsächlich beruflich natürlich. Sein Bruder und er sind Geschäftsführer des Betriebs.«

»Eine Autowerkstatt, wenn ich das richtig verstanden habe.«

»Ja. Manchmal ist er hobbybedingt übers Wochenende weg. Mit seinem Bruder fährt er Rallyes in ganz Europa.«

»Haben Sie auch schon versucht, seinen Bruder zu erreichen?«

»Ja, besser gesagt: Er hat mich angerufen. Weil Richard heute Morgen nicht zu seinem Termin erschienen ist. Er dachte, Richard hätte vielleicht verschlafen.«

»Als Sie Ihren Mann vermisst gemeldet haben, sagten Sie, Sie hätten mit der Firma gesprochen.«

»Ja, mit der Hauptniederlassung. Es gibt drei Werkstätten, aber Richards Büro befindet sich in der Hauptniederlassung.«

»Der Betrieb wurde von Ihrem Schwiegervater gegründet?«

»Ja.«

»Haben Ihr Mann und sein Bruder die Firma vergrößert, oder gab es die drei Niederlassungen bereits, bevor die Firma von den beiden übernommen wurde?«

»Damals gab es zwei, vor ein paar Jahren haben sie die dritte eröffnet. Im Moment gründen Sie eine vierte, deshalb hat Richard gerade sehr viel zu tun.«

»Hatten Sie in den letzten Wochen oder Monaten den Eindruck, dass Ihr Mann sich mit Problemen quälte, über etwas nachgegrübelt hat? Dass er überarbeitet war?«

»Nein.«

»Er hat sich nicht anders verhalten als sonst?«

»Nein.«

Sie antwortete entschieden, was bei Vegter den Eindruck erweckte, dass sie vermutlich viel darüber nachgedacht hatte.

»Und die Firma läuft Ihres Wissens nach gut?«

»Ja. Er redet nicht viel darüber. Aber wenn dem nicht so wäre, hätte ich das bemerkt. Vielleicht nicht an ihm, aber an seinem Bruder.«

»Haben Sie ein gutes Verhältnis zu Ihrer Schwiegerfamilie?«

»Wir sehen uns regelmäßig.«

»Das habe ich nicht gefragt«, sagte Vegter freundlich.

Sie schaute auf ihre Hände. Die Nägel waren nicht lackiert und hoben sich wie blasse Muscheln von ihrer dunklen Haut ab. Bis auf den breiten Ehering trug sie keinen Schmuck. »Die Familie hat sich schwer damit getan, mich zu akzeptieren.«

Zum ersten Mal hörte Vegter einen leichten Akzent. »Warum?« Er musste das fragen, obwohl er bereits eine Vermutung hatte, hoffte aber, dass er sich täuschte.

Sie lachte. Ein kleines, flüchtiges Lächeln. »Das können Sie sich bestimmt denken!«

»Wegen Ihrer Hautfarbe«, sagte Talsma, der nicht gern um den heißen Brei herumredete.

»Und wegen meiner Herkunft. Ich stamme aus Somalia.«

»Aber Sie wohnen schon lange in den Niederlanden?«

»Seit siebzehn Jahren. Ich bin zum Studium hergekommen, habe Richard kennengelernt und ihn geheiratet. Damals war das noch nicht so kompliziert wie heute.«

»Um uns ein Bild machen zu können, müssen wir mehr über Ihren Mann wissen«, sagte Vegter. »Deshalb sind wir gezwungen, Sie Dinge zu fragen, die Sie vielleicht als unangenehm empfinden.«

Sie nickte kommentarlos.

Vegter beschloss, so taktvoll zu sein, wieder auf den Bruder zu sprechen zu kommen. »Hat der Bruder Ihres Mannes, bevor er Sie anrief, selbst versucht, ihn zu kontaktieren?«