In der Stille der Tod - Teil 1 - Lieneke Dijkzeul - kostenlos E-Book
Beschreibung

Teil 1 des eSequels

Der 3. Fall für Kommissar Paul Vegter als eSequel in 4 Teilen.

Asli Verkallen meldet ihren Mann Richard bei der Polizei als vermisst. Die junge Frau ist vollkommen aufgelöst. Hatte ihr Mann einen Unfall? Wurde er Opfer eines Verbrechens? Oder hat er wirklich eine Geliebte, mit der er durchgebrannt ist, wie die Polizei vermutet? Mit einem Mal geraten alle Gewissheiten in Aslis Leben ins Wanken. Doch ihre größte Sorge gilt ihrem Sohn: Keja ist dreizehn Jahre alt, Autist und kam ohne Gehör zur Welt. Wer würde ausgerechnet ihm den Vater nehmen?

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EPUB

Seitenzahl:86

Beliebtheit


Lieneke Dijkzeul

In der Stille der Tod

Teil 1

Kriminalroman

Aus dem Niederländischen von Christiane Burkhardt

Deutscher Taschenbuch Verlag

Für Bull

1

In seiner Reglosigkeit schien er geschrumpft zu sein, aber vielleicht war es auch die Haltung, die seine Schultern schmaler, seine Beine kürzer, ja sogar seine Hände kleiner wirken ließ. Er lag auf dem Rücken, den Kopf unbequem an den Nachttisch gelehnt, das Kinn auf der Brust, die rechte Hand auf dem Bauch und den linken Arm brav neben dem Körper. Die Beine in der Nadelstreifenhose wirkten, als hätte er sie entspannt von sich gestreckt, und das Licht der Deckenleuchte ließ eine dünne Staubschicht auf den glänzend braunen Schuhen erkennen. Auf dem hellblauen Hemd prangte ein riesiger hellroter Fleck. Aber vielleicht war er gar nicht mal so groß, wenn man berücksichtigte, dass er die Todesursache war.

Sie selbst hatte sich ebenfalls minutenlang nicht gerührt, so als hätte sich seine Starre in einer seltsamen Verbundenheit auf sie übertragen. Nur, dass sich ihr Brustkorb hob und senkte, während seiner reglos blieb, und ihr Verstand wieder einsetzte, ihr sagte, dass sie diese Starre durchbrechen musste. Ihre Atmung hatte ihr dabei geholfen: gieriges Schnappen nach Luft war jetzt wieder möglich. Die Atmung war das einzige Geräusch in der kleinen Küche, ja, im ganzen Haus.

Auch von draußen drang kein Laut herein. Der Wind, der noch am Nachmittag das tote Laub von Bäumen und Sträuchern laut raschelnd vor sich hergejagt hatte, war wieder abgeflaut. Er hatte an den Dachziegeln gerüttelt und das Gebälk krachen lassen und so das Haus zum Leben erweckt. Jetzt hüllte es sie stumm und feindselig ein.

Es war niemand da, der ihr bei dem, was nun geschehen musste, helfen konnte. Und das war so viel, dass sie gar nicht wusste, wo sie anfangen sollte.

Der Kühlschrank meldete sich: ein tiefes Brummen, das in ein monotones Summen überging. Der Kühlschrank funktionierte, und auch sie musste funktionieren. Los!, sagte ihr Verstand. Das Wichtigste zuerst, dann läuft der Rest wie von selbst.

Er musste weg. Das war ihr von Anfang an klar gewesen. Und weil er wegmusste, würde sie ihn anfassen müssen.

Sie bückte sich, zögerte kurz und packte dann mit beiden Händen sein rechtes Handgelenk. Noch nie zuvor hatte sie einen Toten berührt. Nicht einmal ihre Großmutter, obwohl sie den kleinen, hutzligen Körper so sehr geliebt hatte. Doch seine Haut fühlte sich warm an, das Handgelenk kräftig und fest. Aber was hatte sie auch erwartet? Er war seit höchstens zehn Minuten tot. Oder seit zwanzig oder dreißig, so genau konnte sie das nicht sagen. Die Zeit vergeht schnell, wenn viel passiert.

Hysterie drohte auch noch ihren letzten Rest Selbstbeherrschung zu zerstören, und sie biss die Zähne zusammen. Nur die Ruhe bewahren! Tu, was du tun musst!

Sie zog.

Schon das Gewicht seines Armes überraschte und warnte sie vor dem, was folgen würde. Sie spannte die Muskeln an und zog fester. Er bewegte sich gerade mal so weit, dass sein Kopf mit einem dumpfen Knall auf dem Steinboden landete. Sofort ließ sie los. Sein Arm fiel nach unten, sein Ehering klirrte auf den Fliesen.

O Gott, ich schaff das nicht! Sie umarmte sich selbst, als könnte sie das trösten, war aber nicht in der Lage, den Blick von seinem Gesicht abzuwenden. Durch die Erschütterung hatte sich sein linkes Auge halb geschlossen, was seinem Blick etwas Lauerndes verlieh. Er musterte sie argwöhnisch – mit Recht. Sie stieß eine Mischung aus Schluchzen und Lachen aus, bückte sich und packte erneut das rechte Handgelenk.

 

 

Nach einer gefühlten Ewigkeit hatte sie ihn so gedreht, dass sein Kopf zur Haustür zeigte. Jetzt konnte sie sich rittlings über ihn stellen und beide Handgelenke packen. Keuchend vor Anstrengung versuchte sie die Entfernung zwischen Kopf und Tür zu schätzen. Mindestens drei Meter.

Sie würde es nicht schaffen. Er war über eins achtzig, wog ungefähr fünfundsiebzig Kilo. Das Gewicht eines Toten. Es war unmöglich, ihn nach draußen zu schleifen, nicht einmal über den glatten Fliesenboden. Aber selbst wenn ihr das gelingen sollte, wartete draußen der Plattenweg. Kleine, sandige Steinplatten, die zu seinem Auto führten.

Sie setzte sich auf den Barhocker vor der Küchentheke. Ein Nadelstreifenbein lag ihr im Weg, und in einer plötzlichen Wutaufwallung trat sie dagegen. Das Bein bewegte sich, und sie dachte schon … Aber sie konnte ihn schlecht mit Tritten hinausbefördern. Den Kopf in den Händen, stützte sie die Ellbogen auf den kalten Granit, roch den Schweiß in ihren Achseln und spürte den am Rücken klebenden Pulli.

Sie musste nachdenken, dringend nachdenken. Menschen transportierten schwere Lasten: Kühlschränke, Waschmaschinen, Wäschetrockner. Sie machten das mit einer Sackkarre. Sie hatte keine Sackkarre. Aber eine Gartenkarre. Die stand nebenan in der Garage. Sie wiederholte es noch einmal schweigend, weil sie sich an diesen rettenden Strohhalm klammern, sich einreden wollte, dass es für jedes Problem eine Lösung gab. Die Gartenkarre hatte vier Räder und war etwa einen Meter lang – ein richtiger Wagen, und damit viel besser als eine Sackkarre. Trotzdem würden immer noch mehr als achtzig Zentimeter überstehen.

Es war ein hoffnungsloses Unterfangen, denn selbst wenn sie es schaffte, ihn in die Gartenkarre zu packen und zum Auto zu schieben – was dann? Sie würde ihn nicht ins Auto hieven, geschweige denn mitsamt dem Auto im Fluss verschwinden lassen können. Aber er musste hier weg, auch wenn sie nicht mehr so genau wusste, warum. Konzentrier dich! Es hatte irgendwas damit zu tun, dass keine Spuren zurückbleiben durften, auch nicht in der Nähe des Hauses. Es musste so aussehen, als wäre es schon seit längerem nicht mehr bewohnt. Keine Spuren.

War er erst mal draußen, konnte sie drinnen Ordnung machen. Sie würde nicht das Geringste vergessen, aber das war nichts im Vergleich zu dem, was ihr jetzt bevorstand.

Sie ließ sich vom Barhocker gleiten und ging um die Leiche herum, ohne sie eines Blickes zu würdigen. Trotzdem nahm sie am Rand ihres Gesichtsfelds wahr, dass sein Sakko durch das Schleifen über den Boden verrutscht, der rote Fleck auf dem Hemd jedoch nicht größer geworden war. Tote bluten nicht.

Er wirkte ungepflegt. Seine Krawatte hing schief, und die Manschetten schauten viel zu weit unter seinen Ärmeln hervor: ein Kneipengänger, dessen Gesicht nach zu vielen, hastig hinuntergekippten Schnäpsen rot angelaufen ist. »Bring mir noch einen!« Auch wenn sein Gesicht nicht mehr rot, sondern zu einer Farbe verblasst war, die sie nicht benennen konnte.

Sie öffnete die Haustür, trat in die Dunkelheit hinaus, fröstelte in der kalten Abendluft und ging dann nach rechts zur Längsseite des Hauses. Mit der Außenbeleuchtung im Rücken umrundete sie ihr Auto, öffnete das Tor der Garage und spähte hinein. Sie durfte hier kein Licht anmachen, denn die Garage war von der Straße aus einsehbar.

Die Gartenkarre lehnte hochkant an der Wand. Daneben stand der Rasenmäher. Sie durfte nicht vergessen, die Gartenkarre zurückzuräumen. Nicht vergessen, den Rasenmäher zurückzustellen. Musste sie die Räder der Gartenkarre reinigen? Eher nicht. Warum kannte sie sich mit solchen Sachen nicht aus? Weil sie noch nie über so etwas hatte nachdenken müssen. Meine Güte, was man sich alles merken musste! Aber der Anfang war gemacht, und bisher hatte sie sich tapfer geschlagen. Es gab keine Alternative und auch kein Zurück mehr.

Sie schob den Rasenmäher beiseite, griff nach der Gartenkarre und ließ sie draußen auf alle vier Räder fallen. Dann packte sie den Handgriff und schob die Karre auf zwei Rädern über den Gartenweg. Vor der Küchentür stellte sie sie ab. Sie wollte gerade ins Haus gehen, als ihr wieder einfiel, dass sie nicht in der Lage sein würde, die Leiche nach draußen zu schleifen.

Denk nach, verdammt! Die Karre musste zu ihm und nicht umgekehrt. Der Prophet und der Berg.

Sie zog die Karre über die Schwelle und schloss die Tür. Im Schein der Küchenlampe kam ihr das Transportmittel doch recht primitiv vor. Flecken und Kratzer unbekannter Herkunft befanden sich auf dem stumpf gewordenen Metall und Spinnweben an den Rädern. Ein vergessener Gegenstand.

Wieder packte sie seine Handgelenke. Es war nicht mehr so schlimm wie beim ersten Mal, weil sich die Haut nicht mehr so lebendig anfühlte, sondern kälter. Aber das war bestimmt nur Einbildung. Vielleicht lag es daran, dass er auf dem kalten Boden lag. Aber jetzt bloß nicht mehr denken, erst wenn es sein musste! Gehirn an und wieder aus. Von nun an würde sie einen Gegenstand in ihm sehen müssen. Einen Gegenstand, der ihr im Weg war.

 

 

Es war hoffnungslos. Kostbare Minuten verstrichen, bis sie bereit war, sich das einzugestehen. Einfach nur hoffnungslos. Mittlerweile klebte ihr die Jeans förmlich an den Schenkeln, und die Träger ihres BHs schnitten ihr unter dem verschwitzten Pulli schmerzhaft in die Schultern. Er war zu groß. Zu groß, zu plump und viel zu schwer. Eine formlose Masse. Wie konnten Menschen nur so eine Arbeit verrichten und mit Toten ringen? Bestatter – eine beschönigende Bezeichnung für eine ganze Reihe furchtbarer Dinge, die man tun musste. Sie konnte das nicht, wollte das nicht. Ihr kamen die Tränen, und ihre Nase schwoll zu. Sie ging in die Hocke, lehnte sich an den Unterschrank, fuhr sich mit dem Ärmel über die Nase und starrte auf die glänzenden Fliesen.

Sie hatte keine andere Wahl. Es war die Erschöpfung, die sie ans Aufgeben denken ließ. Die Karre war zwar zu klein für die Leiche, aber groß genug für deren Rumpf. Vielleicht war sie die Sache falsch angegangen. Vielleicht war es einfacher, ihn an den Beinen hochzuziehen als an den Schultern. Außerdem musste sie dafür sorgen, dass die Gartenkarre nicht wegrollte.

Sie stand auf und schob die Karre zwischen Leiche und Wand. Der Platz war gerade ausreichend. Warum war sie nicht früher darauf gekommen? Weil sie im tiefsten Innern immer noch Panik und Todesangst hatte. Weil ihr die Kehle immer noch wehtat und sie nur mit Mühe schlucken konnte.

Mit roher Kraft packte sie seine Knöchel, zerrte seine Beine nach oben und benutzte ihr Knie, um sie anzuwinkeln. Er war ein Gegenstand, nichts als ein Gegenstand.

Seine Beine landeten mit einem lauten Knall auf der Ladefläche, und die Wut schenkte ihr eine neue Eingebung: Sie stellte sich auf die schmale Seite, hob seine Beine erneut hoch, grub ihre Nägel in die eleganten dunkelgrauen Socken und zog, und zog und zog.