In der Stille der Tod - Teil 2 - Lieneke Dijkzeul - E-Book
Beschreibung

Teil 2 des eSequels

Der neue Fall für Kommissar Paul Vegter als eSequel in 4 Teilen.

Asli Verkallen meldet ihren Mann Richard bei der Polizei als vermisst. Die junge Frau ist vollkommen aufgelöst. Hatte ihr Mann einen Unfall? Wurde er Opfer eines Verbrechens? Oder hat er wirklich eine Geliebte, mit der er durchgebrannt ist, wie die Polizei vermutet? Mit einem Mal geraten alle Gewissheiten in Aslis Leben ins Wanken. Doch ihre größte Sorge gilt ihrem Sohn: Keja ist dreizehn Jahre alt, Autist und kam ohne Gehör zur Welt. Wer würde ausgerechnet ihm den Vater nehmen?

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EPUB

Seitenzahl:100


Lieneke Dijkzeul

In der Stille der Tod

Teil 2

Kriminalroman

Aus dem Niederländischen von Christiane Burkhardt

Deutscher Taschenbuch Verlag

7

Vegter wurde vom Läuten des Telefons geweckt. Trotz seiner guten Vorsätze hatte er nach seiner Fertigmahlzeit einer Flasche Rotwein nicht widerstehen können. Der Wein hatte dafür gesorgt, dass er schnell eingeschlafen, aber dafür nachts mehrfach aufgewacht war. Daraufhin hatte er sich geschworen, dass es das letzte Mal gewesen sei. Er wurde langsam zu alt für mehr als eine halbe Flasche.

Als das Telefon klingelte, schlief er tief und fest. Orientierungslos tastete er mit halb geschlossenen Augen den Nachttisch ab und blickte auf den Wecker. Zwanzig nach sechs.

»Vegter.«

»Der Alte hat es doch glatt geschafft!«, sagte Talsma anstelle einer Begrüßung. »Das wird Ihnen gar nicht gefallen, Vegter.«

»Was denn?«

»Die Schlagzeilen«, sagte Talsma. »Ich zitiere: ›Schenkt die Polizei Vermisstenfall genügend Beachtung?‹ In Riesenlettern. Und darunter: ›Besorgter Vater schlägt Alarm‹.«

»Das ist nicht dein Ernst!«

»Doch«, sagte Talsma, der schon seit Stunden wach zu sein schien.

»In welcher Zeitung?«

»In der, die Sie nicht lesen wollen.«

Vegter saß aufrecht im Bett. »Hast du die etwa abonniert?«

»Ich nicht, aber Akke. Wegen des Kreuzworträtsels. Ich hole sie allerdings morgens immer aus dem Briefkasten.«

»Das steht aber nicht auf der Titelseite?«

»Doch.«

»Ich bin in einer Stunde auf dem Revier.«

»Ich auch«, versprach Talsma.

Vegter stellte fest, dass Talsma sich offensichtlich köstlich amüsierte. Er hatte viel Sinn für Humor, außerdem hatte er einen entscheidenden Vorteil: Es war schließlich nicht seine Schuld, wenn sich ein besorgter Vater in einem Boulevardblatt über die Polizei beschwerte. Vegter schwang die Beine aus dem Bett und zögerte. Erst duschen oder Kaffee trinken? Der Kaffee machte das Rennen.

 

 

Im Wohnzimmer funkelte ihm die Vase entgegen, die eigentlich gar keine war. Sie war noch genauso fehl am Platz hier wie am Abend zuvor. Vegter hielt sich eigentlich nicht für spontan, auch wenn Stef und später Renée ihn deswegen schon ausgelacht hatten. Aber wenn er an den Kauf seines Hauses dachte, daran, wie er Wolf bei sich aufgenommen hatte, oder an die Anschaffung dieses Objekts, war ihre Skepsis vielleicht doch nicht ganz abwegig. Jetzt, am frühen Morgen fragte er sich jedoch, ob er das Ding nicht einfach zum Altglas geben sollte. Aber seine Schönheit sprach dagegen. Hinzu kam, dass die Vase nicht durch die Containeröffnung passen würde. Er würde sich überlegen müssen, wann er ihr die Vase am besten überreichte. Falls es den idealen Moment überhaupt gab. Er hatte keine Lust, wie ein nicht verkleideter Weihnachtsmann vor ihrer Tür zu stehen. Das bedeutete jedoch, dass er es nicht mehr lange hinausschieben konnte. Würde sie einen billigen Versuch darin sehen, etwas zu retten, was vielleicht gar nicht mehr zu retten war? Und wie sollte er ihr um Himmels willen erklären, was er wollte, wenn er es nicht einmal selbst wusste?

Wolf strich ihm um die Beine, und während Vegter auf den Kaffee wartete, füllte er die Näpfe mit frischem Wasser und Futter. Er trank den heißen Kaffee und sah dem Kater dabei zu, wie er laut krachend die Trockenfutterbröckchen zermalmte. Wurde er nicht zu dick? Er sah fantastisch aus, sein Fell war dicht und glänzend, sein Blick klar, und die weißen Schnurrhaare bildeten einen stolzen Kranz um seine rosa Nase. Als Johan gestorben war, hatte ihn der Tierarzt vor Übergewicht bei Katzen gewarnt – das könne zu Diabetes führen. Er stellte den leeren Becher weg und ging ins Bad. Unter der Dusche fiel ihm ein, dass diese Warnung natürlich auch für Menschen galt und er sie sich zu Herzen nehmen sollte.

Welche Folgen konnte der Artikel haben? Zunächst einmal eine Flut von Anrufen irgendwelcher Leute, die felsenfest behaupteten, Verkallen irgendwo gesehen zu haben. Es konnte durchaus etwas Auswertbares dabei sein, aber meist beschränkten sich die Informationen auf Aussagen wie: »Ich stand gestern neben ihm im Supermarkt.« Dann einen milden Tadel des Hoofdinspecteurs, der sich dazu verpflichtet fühlen würde, obwohl er ganz genau wusste, dass sie sich bloß an die Vorschriften gehalten hatten.

Der Druck, der durch den Zeitungsartikel ausgeübt wurde, konnte sie allerdings auch dazu nötigen, die Ermittlungen früher auszuweiten als geplant.

Er trocknete sich ab, zog sich an, ließ Wolf hinaus, goss die Zimmerlinde und beschloss, sein Frühstück in die Bäckerei unweit des Reviers zu verlegen und die Vase wieder ins Auto zu packen, um sie jederzeit liefern zu können.

 

 

Talsma wartete schon im Flur auf ihn, die Zeitung unter dem Arm.

»Und was machen wir jetzt mit Akkes Kreuzworträtsel?«, fragte Vegter.

»Das ist in einem anderen Teil der Zeitung.« Talsma bleckte seine Keramikzähne. »Sonst wäre die Hölle los!«

In seinem Zimmer breitete Vegter die Zeitung auf dem Schreibtisch aus. Der Leitartikel, den ein Foto des lachenden Verkallen zierte, wurde auf Seite drei fortgesetzt: zum Zeichen, dass die Zeitung die Sache ernst nahm.

Ein erfolgreicher Geschäftsmann, glücklich verheiratet, mit gutem familiären Hintergrund und großem Kummer wegen seines behinderten Sohnes. Und dann diese unglaubliche Nachlässigkeit der Polizei.

»Tja.« Er schlug die Zeitung wieder zu. »Gibt es schon erste Reaktionen?«

»Eine. Von einer Frau, die sich sicher ist, Verkallen beim Tanken gesehen zu haben.«

»Wo?«

»An der A1 bei Antwerpen.«

»Automarke? Kennzeichen?«

»Daran kann sie sich nicht erinnern.«

»Wann hat sie ihn gesehen?«

»Vor drei Tagen.«

Vegter seufzte. Er ertappte sich bei dem Gedanken, dass er keine Lust auf diesen Tag hatte. Nicht auf die Flut von Informationen, die ihn überrollen und zu hundert Prozent unbrauchbar sein würden. Er ertappte sich auch bei der Frage, warum die Leute in Gottes Namen nicht einfach ihr Leben leben konnten, ohne sich Probleme einzuhandeln. So schwer konnte das doch nicht sein! Ging es nicht einfach nur darum, Entscheidungen zu treffen, wohl überlegte Entscheidungen? Dann fiel ihm Renée ein, die unfreiwillig und völlig schuldlos einem drogenabhängigen Verrückten zum Opfer gefallen war. So einfach war es eben doch nicht. Es war eher mangelnde Motivation, die ihn so denken ließ. Menschen, die mit einem Verbrechen konfrontiert wurden, konnten schließlich nichts dafür, dass er das Gefühl hatte, alles schon einmal gesehen zu haben. Dass sich die Verbrechen wiederholten und nur die Umstände variierten. Das war schon immer so gewesen, aber er wurde dafür bezahlt, die Wahrheit herauszufinden, damit Gerechtigkeit hergestellt werden konnte. Ein grauer Dezembermorgen war jedenfalls nicht der richtige Moment, um sich zu fragen, ob die Anwendung von Gesetzen dasselbe war wie Gerechtigkeit. Dieser Richard Verkallen schien ein tüchtiger Bürger zu sein. Er hatte ein Recht darauf, dass Polizei und Justiz sich seines Falls annahmen, und sei es nur, weil er Steuern zahlte. Richard Verkallen war ein Mann mit Familie, mit einem Beruf und mit Zukunftserwartungen, und er verdiente seine Aufmerksamkeit.

Er sah auf die Uhr. »Wir rufen seine Frau an und fahren zu ihr.«

 

 

Asli Verkallen sah aus, als hätte sie kaum geschlafen. Am Telefon hatte sie verwirrt reagiert. »Ich wollte mich gerade bei Ihnen melden.«

»Weshalb?«

»Das erkläre ich Ihnen lieber nachher. Wenn Sie doch ohnehin kommen …«

Nun stand sie in der Tür, klein und verfroren, in demselben Pullover wie am Vortag. Sie zog den dicken Rollkragen noch etwas höher, während sie die beiden ins Wohnzimmer führte. Im Flur hing eine Jacke über der Heizung, darunter stand ein Paar Sportschuhe, und auf den Fliesen waren getrocknete Fußspuren zu sehen.

Ganz so, als hätten sie sich abgesprochen, setzten sie sich wieder auf dieselben Plätze wie am Tag zuvor: Vegter und Talsma auf das riesige Sofa, Asli Verkallen in den roten Sessel. Vegter fiel auf, dass der Hocker in einer Zimmerecke stand. Vielleicht hatte sie Staub gesaugt. Andererseits war der Boden gestern makellos gewesen, und es wäre logischer gewesen, sie hätte den Flur gewischt. Aber unter solch außergewöhnlichen Umständen waren die Leute nicht mehr sie selbst.

Auf dem Wohnzimmertisch lag die Zeitung, die Seite mit dem sensationslüsternen Artikel über ihren vermissten Mann war aufgeschlagen. Asli Verkallen sah, dass sein Blick darauffiel, und er beschloss, das Gespräch damit zu beginnen.

»Ihr Schwiegervater meinte, selbst aktiv werden zu müssen«, sagte er. »Aber das hat er Ihnen bestimmt erklärt.«

»Ich habe nicht mit ihm gesprochen.«

»Nicht?« Vegter konnte sein Erstaunen nur schlecht verbergen, und er sah, dass auch Talsma die Brauen hochzog.

»Nein.«

»Haben Sie mit dem Bruder Ihres Mannes gesprochen?«

»Nein.« Sie verschränkte unbeholfen die Finger.

Vegter schwieg einen Moment. Eine Frau meldet ihren Mann vermisst, seine Eltern sind so beunruhigt, dass sie sich an die Zeitung wenden, nehmen aber keinen Kontakt zur Schwiegertochter auf? Und sie auch nicht zu ihnen?

»Gestern sagten Sie, die Familie habe Schwierigkeiten gehabt, Sie zu akzeptieren«, hob er vorsichtig an. »Muss ich daraus schließen, dass Ihr Verhältnis nach wie vor schlecht ist?«

»Ja.« Sie konnte nur mit Mühe die Tränen zurückhalten.

Er beschloss, das Thema auf sich beruhen zu lassen. »Was wollten Sie uns mitteilen?«

»Ich habe in seinem Computer eine E-Mail von einer Frau entdeckt«, sagte sie. »Sie bittet darin um ein Treffen, und Richard hat zurückgemailt, ›Ja, am üblichen Ort‹.«

Talsma zuckte zusammen. Vegter wusste, dass dieser ebenfalls auf eine Spur hoffte. »Diese Mail würde ich gerne sehen.«

 

Sie lief vor ihnen die Treppe nach oben. Vom Flur gingen fünf Türen ab, die alle geschlossen waren. Schlief der Sohn hinter einer davon etwa noch? Andererseits würde der Junge von dem Lärm, den sie machten, nicht aufwachen. Diese Asli Verkallen hatte ein ganz schönes Päckchen zu tragen. Sie öffnete eine Tür, und sie sahen sich in dem kahlen Männerzimmer um: ein Stuhl, ein Schreibtisch, ein Schrank. Verkallen schien kein sehr häuslicher Typ zu sein.

Asli Verkallen fuhr den Computer hoch und öffnete Outlook. »Hier ist sie.«

»Darf ich?«, fragte Vegter.

Sie stand auf.

Sie lasen die E-Mail und Richards Antwort. Vegter drehte sich um. »Wer ist Gemma van Son?«

»Das weiß ich nicht. Vielleicht sollte ich besser sagen: Ich habe sie noch nie gesehen.«

»Aber der Name sagt Ihnen etwas.«

»Ja. Richard hatte ein Verhältnis mit ihr. Zuerst hat er alles abgestritten, und ich habe ihm geglaubt. Aber das war ein Fehler.« Sie senkte den Kopf, als würde sie unter der Last zusammenbrechen.

Vegter sah auf das dichte schwarze Haar hinunter. »Wann begann das Verhältnis?«

»Das weiß ich nicht. Das wollte er mir nicht sagen.«

Talsma schaltete den Drucker ein, und Vegter druckte die E-Mails aus. Beide stammten von dem Tag, an dem Verkallen vermisst gemeldet worden war. Die erste war um 19 Uhr 46 abgeschickt worden, die Antwort um 21 Uhr 12. Verkallen hatte auf jeden Fall die Absicht gehabt, die Frau am Tag seines Verschwindens zu treffen, obwohl er den ganzen Tag im Betrieb gewesen war. Er hatte die Essensverabredung mit seinem Architekten abgesagt. Also musste er vorgehabt haben, abends Gemma van Son zu sehen.

Vegter kontrollierte die anderen Mails und sah auch im Papierkorb nach. Es konnte nicht schaden, einen Polizei-Informatiker auf den Computer anzusetzen. Aber das hatte Zeit.

Als sie wieder nach unten gingen, merkte er, dass sich Talsmas Miene etwas aufgehellt hatte.

Im Flur blieb Asli Verkallen stehen, als erwartete sie, dass sie jetzt gingen. Aber Vegter steuerte auf das Wohnzimmer zu.

Sie folgte zögernd und setzte sich erst, als die Polizisten bereits Platz genommen hatten.

»Diese Gemma van Son«, sagte Vegter. »Wenn ich das richtig verstehe, hatten Sie und Ihr Mann ihretwegen Streit. Wie lang ist das her?«

Sie überlegte. »Ungefähr ein halbes Jahr.«

»Wollten Sie sich scheiden lassen?«

»Nein.«

»Und Ihr Mann?«

»Nein. Er hat gesagt, dass er Ablenkung gebraucht hat, weil ihm die Probleme mit Keja über den Kopf gewachsen sind. Auch, dass es ihm leidtue und dass es nichts zu bedeuten habe. Anschließend haben wir nie mehr darüber gesprochen. Das hat er nicht zugelassen.« Sie starrte unverwandt auf ihre verschränkten Hände. »Wir waren nicht die Familie, die er sich vorgestellt hatte. Er war wütend und unglücklich. Aber er hat eingesehen, dass das keine Lösung ist. Dass auch er für Keja verantwortlich ist. Und er hat versprochen, sich zu bemühen.«

»Warum haben Sie uns das nicht gleich erzählt?«, fragte Vegter.

Sie hob den Kopf. »Weil ich dachte, dass es vorbei wäre. Es lief besser, alles lief besser. Er hatte mehr Geduld mit Keja und mit mir. Aber dann habe ich heute Morgen die Mail gefunden.«