In der Stille der Tod - Teil 3 - Lieneke Dijkzeul - E-Book
Beschreibung

Teil 3 des eSequels

Der neue Fall für Kommissar Paul Vegter als eSequel in 4 Teilen.

Asli Verkallen meldet ihren Mann Richard bei der Polizei als vermisst. Die junge Frau ist vollkommen aufgelöst. Hatte ihr Mann einen Unfall? Wurde er Opfer eines Verbrechens? Oder hat er wirklich eine Geliebte, mit der er durchgebrannt ist, wie die Polizei vermutet? Mit einem Mal geraten alle Gewissheiten in Aslis Leben ins Wanken. Doch ihre größte Sorge gilt ihrem Sohn: Keja ist dreizehn Jahre alt, Autist und kam ohne Gehör zur Welt. Wer würde ausgerechnet ihm den Vater nehmen?

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EPUB

Seitenzahl:93


Lieneke Dijkzeul

In der Stille der Tod

Teil 3

Kriminalroman

Aus dem Niederländischen von Christiane Burkhardt

Deutscher Taschenbuch Verlag

13

Jedes Foto brauchte seine Zeit. Wie konnte sie Kejas ersten Geburtstag überblättern? Dort stand die Torte mit der einen flackernden Kerze. Keja verständnislos und mit ängstlichem Blick dahinter. Umringt von der Familie – zu vielen Menschen für einen kleinen Jungen, der nachweislich kein Interesse an Gesellschaft hat. Vergeblich hatte sie versucht, Richard zu erklären, dass Keja bei so vielen Gesichtern durchdrehen würde. Aber sein Sohn wurde ein Jahr alt, und das musste gefeiert werden, genau wie die Geburtstage von Peters Kindern. Übertrieben, mit großen Geschenken. Sie selbst hatte sich damals immer noch nicht daran gewöhnt gehabt, dass Geld scheinbar keine Rolle spielte. Richard hatte ein Dreirad gekauft, obwohl Keja noch nicht einmal laufen konnte.

Da stand er, hinter seinem verängstigten Sohn. Ein Glas Bier in der Hand, das Gesicht zu einer Grimasse verzogen, in der sie Verzweiflung erkannte. Warum war ihr das damals nicht aufgefallen? Vielleicht weil sie viel zu sehr damit beschäftigt gewesen war, alles zu organisieren, so wie es von ihr erwartet wurde. Einen Kindergeburtstag, der kein Kindergeburtstag war, sondern ein Fest für Erwachsene. Häppchen und Getränke, ein perfekt aufgeräumtes Haus. Ein Sohn, der sich nicht perfekt benahm, sich nicht an die ungeschriebenen Regeln hielt und stattdessen die Hände vor die Augen schlug und schrie. Dieses schreckliche, grundlose Schreien, das sie aus Erfahrung fürchtete und wovor sie Richard gewarnt hatte.

Sie wandte den Blick ab von dem Foto, auf dem er seinen brüllenden Sohn aufs Dreirad setzte und ihn festhielt, weil er sonst heruntergefallen wäre. Die großen Hände mit den weißen Knöcheln, die den kleinen Körper umklammerten. Papa Verkallen im Hintergrund mit undurchdringlicher Miene, bunte Luftschlangen über dem Kopf.

Sie fuhr sich durchs Haar, das sich endlich wieder anfühlte wie ihr eigenes: weich und fest zugleich. Sie musste da durch. Es gab keine andere Möglichkeit, sich von ihm zu verabschieden, und Richard hatte es verdient. Hatte er es verdient? Auf diese Frage gab es keine Antwort. Sie schob den Stuhl nach hinten. Schwarzer Kaffee mit viel Zucker.

 

 

In der Küche lauschte sie auf die Stille, wartete darauf, dass die Maschine aufhörte zu brodeln. Es war nicht dieselbe Stille wie vorher, die immer zeitlich begrenzt gewesen war: ein Vorbote von Richards Heimkehr. Dann seine Stimme, die im Lauf der Jahre lauter geworden war, so wie er auch die Haustür immer lauter hinter sich zugeknallt hatte. Die Tür war eine Warnung: Ich bin zurück.

Sie gab Zucker in den Becher und rührte um.

Auf dem Weg ins Wohnzimmer sah sie zwei Schatten, die sich hinter dem Mattglas der Haustür abzeichneten. Und noch bevor es klingelte, wusste sie, wer das war.

*

Brink fragte sich, warum er immer die unangenehmsten Aufgaben bekam. Es war halb zehn, und er saß nun schon seit fast zwei Stunden in seinem Auto vor dem Mehrfamilienhaus, in dem Gemma van Son wohnte. Erst war er in den sechsten Stock gegangen, um die Türen bis zu der von van Son abzuzählen, damit er wusste, welche ihre war – nur um anschließend festzustellen, dass sie vom Auto aus gar nicht einsehbar war. Jetzt fror er, und seine Laune sank parallel zur Temperatur im Wageninnern. Zu allem Überfluss musste er auch noch aufs Klo, aber bestimmt tauchte die Gute ausgerechnet dann auf, wenn er gerade um die Ecke an einen Baum pinkelte.

Es war nicht viel los auf dem Parkplatz, die meisten Autos waren bereits gegen acht weggefahren. Aber jetzt kam ein alter Mann aus dem Treppenhaus und zerrte an einer Leine, an der ein unwilliger Hund hing. Der Hund berührte mit einer Pfote den Schnee und flüchtete wieder nach innen. Der Mann hob ihn hoch und stellte ihn draußen unsanft ab. Er sah zu Brink hinüber und starrte ihn seelenruhig an.

Brink erwiderte seinen Blick.

Der Mann kam quer über den Parkplatz und klopfte ans Seitenfenster. Brink ließ es zwei Zentimeter herunter.

»Suchen Sie jemanden?«

»Nein.«

»Sie stehen schon eine ganze Weile hier.«

Brink begriff, warum der Hund protestierte: Er war schon einmal draußen gewesen. Jetzt diente er als wandelnde Entschuldigung. »Das stimmt.«

»Warten Sie auf jemanden?«

»Nein.«

»Darf ich fragen, was Sie dann hier wollen?« Die Augen unter den grauen Brauen, aus denen lange Haare sprossen, musterten ihn argwöhnisch.

»Nein«, sagte Brink. Aus der Nähe sah auch der Hund alt aus. Er hatte dieselben Augenbrauen wie sein Herrchen und eine platte Schnauze, die so aussah, als hätte der Züchter versucht, ihn direkt nach der Geburt wieder zurückzuschieben – überzeugt davon, dass das Tier zu hässlich war, um einen Käufer zu finden.

»Wie bitte?«

Brinks Blase drückte, und er hatte Lust auf einen Kaffee. Auf den hatte er heute Morgen verzichten müssen, weil Vegter ihn mal wieder zu einer unchristlichen Stunde aus dem Bett geholt hatte. »Hören Sie«, sagte er. »Ich frage Sie ja auch nicht, warum Sie den Hund in die Kälte hinausjagen, obwohl er nicht will.«

»Ich wohne hier.«

»Das tut mir leid für Sie.« Brink fuhr das Autofenster wieder hoch.

Der alte Mann zögerte kurz, gab der Leine einen Ruck und verschwand wieder im Haus. Zufrieden verstellte Brink seinen Sitz und gähnte.

Zehn Minuten später hielt ein Streifenwagen neben ihm. Zwei Beamte stiegen aus, und der Fahrer klopfte an sein Fenster. Seufzend ließ er es herunter. »Immer nur raus mit der Sprache!«

»Ein Anwohner hat uns gemeldet, dass er nicht weiß, was Sie hier wollen, Meneer.«

»Ich auch nicht.« Brink hatte große Lust, weiterhin auf stur zu schalten, beschloss aber, vernünftig zu sein. Er wedelte mit seinem Dienstausweis. »Geht woanders spielen! Ihr fallt viel zu viel auf.«

»Brink, oder?«, sagte der Älteste. »Sei froh, dass wir dich nicht mitnehmen.«

Mist! Das waren die Typen vom Revier West, die ihn schon einmal aufgegriffen hatten, als er in einer Kneipe Ärger bekommen hatte. Nicht reagieren war unkollegial, reagieren peinlich. »Tut mir leid, Leute.«

»Ist schon gut.«

 

 

Brink versuchte es sich wieder bequem zu machen. Gut gelang ihm das nicht, aber er hatte Glück: Die Tür ging auf, und Gemma van Son kam heraus. Hochhackige Stiefel unter einem grauen, etwas zu spießigen Wintermantel. Fönfrisur, Kriegsbemalung. Sie stieg in ihr Auto und fuhr davon.

Sie war eine schreckliche Fahrerin, was Brinks Vorurteile über Frauen am Steuer nur bestätigte, und sie führte ihn direkt zum Haus von Peter Verkallen. Sie parkte schief ein und klingelte. Brink wartete, bis die Tür aufging, und griff zum Telefon.

 

 

»Bei Verkallen?«, sagte Vegter. »Aha. Gib Bescheid, wenn sie wieder zu Hause ist.« Er sah sich nach Talsma um, der noch in den Obduktionsbericht vertieft war, und stellte sich in dem vergeblichen Versuch, seine Unruhe zu vertreiben, ans Fenster. Der Grund für diese war seine Unentschlossenheit.

Eigentlich war es verboten, er hatte auch gar keine Zeit dafür – mal ganz abgesehen davon, dass man sich nicht mitten in einem Mordfall um Privatangelegenheiten kümmerte. Aber wenn nicht jetzt, wann dann?

»Ich bin mal eine Stunde weg«, sagte er unvermittelt.

 

 

Er hatte befürchtet, dass Renée gar nicht zu Hause war, aber ihr Auto stand vor der Tür. Während er den bleischweren Karton aus dem Kofferraum hob, fragte er sich, ob das, was er hier tat, vernünftig oder unvernünftig war und ob dies überhaupt eine Rolle spielte. Durch den Schneematsch schlitterte er zum Hauseingang.

 

 

Sie musterte ihn einen Moment schweigend, und er kam sich vor wie ein reumütiger Held in einem amerikanischen Weihnachtsfilm.

»Ich wollte das nur schnell abgeben«, sagte er. »Und wenn du mich nicht reinlassen willst, kann ich das verstehen. Eine Erklärung hätte ich allerdings schon gerne.«

Sie lachte. Fröhlich, ermutigend. »Komm rein!«

Im kleinen Salon stellte er den Karton auf den Esstisch. »Marketingleute nennen so was Impulskauf.«

»Und das trifft es hier?« Sie trug einen dicken dunkelblauen Pulli und eine Jeans. Ihre Haare glänzten, und sie war nicht mehr so dünn.

»Ja, denn anschließend lag er mir schwer im Magen. Nicht, weil ich ihn bereut hätte, sondern weil ich mir nicht sicher war, ob du sie annimmst.«

»Sie?«

»Oder es. Ihn. Keine Ahnung.«

Sie ging in die Küche, um eine Schere zu holen, und er sah sich um. Nichts erinnerte an das Chaos nach dem Überfall, den sie nur knapp überlebt hatte. Das Zimmer war sauber und aufgeräumt. Der riesige Farn am Fenster war durch einen neuen ersetzt worden. Aus seiner Mitte spross ein hellgrünes frisches Blatt, das noch zu einem Fragezeichen aufgerollt war. Es gab einen neuen silbergrauen Teppich. Selbst eine professionelle Reinigung hatte das Blut auf dem alten nicht ganz wegbekommen. Es war eine bräunliche Spur zurückgeblieben, die in einem großen, an der Tür endenden Fleck Zeugnis dafür abgab, was hier passiert war. In den Monaten danach hatte er nicht hinsehen können, weil er dadurch zu sehr an seine Fassungslosigkeit erinnert wurde, als er sie gefunden hatte. Und wenn es ihm schon so gegangen war, wie musste ihr dann erst zumute gewesen sein?

Renée kehrte mit der Schere zurück und attackierte das breite Klebeband, mit dem er den Deckel befestigt hatte. Sie entfernte die Lagen Seidenpapier und starrte auf das herausfordernd strahlende Knallblau.

»Ich fand, dass es hierhergehört«, sagte er.

Sie sah von der Vase zu der Ecke, in der die andere, noch schönere, gestanden hatte. Vegter wusste, dass sie unersetzlich war.

»Bilde dir bloß nicht ein, dass ich jetzt heule!«

»Das sollst du auch gar nicht«, sagte er. »Im Gegenteil!«

Sie begann zu weinen.

Er machte einen Schritt auf sie zu und blieb dann stehen. »Ist es okay, wenn ich dich jetzt tröste?«, fragte er förmlich.

»Ach, Idiot!«

Er schlang die Arme um sie, strich ihr das Haar aus dem Gesicht und dachte noch rechtzeitig daran, die kahle Stelle zu meiden, die sie lieber vor ihm verbarg.

Schließlich hob sie den Kopf, den Abdruck seines Jackenreißverschlusses noch als roten Abdruck auf ihrer Wange. »Sie ist wunderschön.«

»Das finde ich auch«, sagte er. »Aber möchtest du sie behalten?«

»O ja!«

Er nahm die Vase aus der Schachtel und stellte sie an den ihr gebührenden Platz. Das Blau passte fantastisch zu dem silbergrauen Teppich, und der Kristallboden fing das graue Tageslicht ein und warf es heller zurück.

»Möchtest du einen Kaffee?«, fragte sie. »Sozusagen als Dankeschön?«

Er sah auf die Uhr.

»Du dürftest eigentlich gar nicht hier sein«, sagte sie.

»Nein. Aber eine Tasse Kaffee muss noch gehen.«

Er folgte ihr in die Küche, lehnte sich an die Theke, während sie den Kaffee kochte, folgte ihr zurück ins Wohnzimmer, zog endlich den Reißverschluss seiner Jacke auf und rührte in seinem Kaffee.

»Paul«, sagte sie. »Es kommt mir fast vor wie Gedankenübertragung! Denn wenn du heute nicht gekommen wärst, hätte ich dich angerufen. Ich möchte gern wieder arbeiten.«

»Bist du sicher, dass …«

»Ja.«

»Wie geht es dir?«

»Gut. Wir haben jetzt keine Zeit zum Reden, aber ich habe so einiges gelernt. Vor allem über mich selbst.« Sie nahm seinen Becher und trank daraus. »Das klingt nach Therapeutengewäsch, aber so meine ich das nicht. Dennoch, es stimmt: Drei Monate sind eine lange Zeit, und jetzt habe ich die Nase voll.« Sie machte eine weit ausholende Geste. »Sechzig Quadratmeter sind auf die Dauer doch etwas wenig.«

»Und deine Hand?«