In der Stille der Tod - Teil 4 - Lieneke Dijkzeul - E-Book
Beschreibung

Teil 4 des eSequels

Der neue Fall für Kommissar Paul Vegter als eSequel in 4 Teilen.

Asli Verkallen meldet ihren Mann Richard bei der Polizei als vermisst. Die junge Frau ist vollkommen aufgelöst. Hatte ihr Mann einen Unfall? Wurde er Opfer eines Verbrechens? Oder hat er wirklich eine Geliebte, mit der er durchgebrannt ist, wie die Polizei vermutet? Mit einem Mal geraten alle Gewissheiten in Aslis Leben ins Wanken. Doch ihre größte Sorge gilt ihrem Sohn: Keja ist dreizehn Jahre alt, Autist und kam ohne Gehör zur Welt. Wer würde ausgerechnet ihm den Vater nehmen?

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EPUB

Seitenzahl:99


Lieneke Dijkzeul

In der Stille der Tod

Teil 4

Kriminalroman

Aus dem Niederländischen von Christiane Burkhardt

Deutscher Taschenbuch Verlag

20

Das Foto war nicht besonders gelungen – die Körnung grob, die Farben unnatürlich. Aber trotz der schlechten Qualität erkannte sie sich sofort. Sich und einen davonrennenden Keja auf dem Gartenpfad, ihre Fußspuren im Schnee: Sie mit verstörtem Blick, die Hände in Abwehr ausgestreckt, während der Riemen ihrer Tasche von der Schulter gerutscht war. Hinter ihr Keja, schon halb mit dem Rücken zur Kamera und die Arme ausgebreitet, als würde er Anlauf nehmen, um abzuheben: ein Vogel auf der Flucht.

Sie prangten auf der Titelseite, und die Bildunterschrift lautete: »Witwe Asli Verkallen und ihr behinderter Sohn Keja: Beide stehen nach dem Mord am Ehemann beziehungsweise Vater völlig unter Schock.« Der dazugehörige Artikel war notgedrungen nicht sehr lang, da sich die Zeitung doch halbwegs an die Fakten halten musste.

Sie stand im kalten Flur, hatte die Heizung nur ein bisschen höhergedreht und spürte den kühlen Fußboden unter den nackten Füßen. Wider Erwarten hatte sie geschlafen. Nicht lange, nur zwei oder drei Stunden. Trotzdem ging es ihr beim Aufstehen besser. Sie stand mit dem festen Vorsatz auf, diesen Tag nicht in Lethargie zu verbringen. Heute würde sie alles tun, was getan werden musste. Sie würde sich nicht länger von den Ereignissen treiben lassen, sondern die Zügel selbst in die Hand nehmen. Sie durfte sich von Papa Verkallen nicht einschüchtern lassen. Von nun an musste sie eigenständig handeln, und je eher sie sich daran gewöhnte, desto besser. Sie würde die Bank anrufen, und nicht nur die Bank, sondern alle erforderlichen Behörden, damit sie einen Überblick über ihre Lage bekam. Es würde nicht leicht sein, die ganze Bürokratie zu durchschauen, aber bestimmt gab es Menschen, die bereit waren, ihr zu helfen. Solche Menschen gab es immer: Menschen mit Verständnis für jemanden, der einen nahen Angehörigen verloren hat, trauert und durcheinander ist. Sie würde niemandem etwas vorspielen müssen, denn sie trauerte.

Aber jetzt stand das in der Zeitung, und all die Energie, mit der sie aufgewacht war, wurde von diesem hässlichen, billigen Papier, dem hässlichen, billigen Foto aufgesogen. Sie hatte den Zeitungsjungen gehört, die knirschenden Reifen seines Fahrrads im Schnee und das Klappern des Briefkastens. Ein höchstens sechzehnjähriger Junge, dem sie schon ein paarmal begegnet war: ein weißes, unausgeschlafenes Gesicht, halb von einer Kapuze verdeckt. Er hatte keine Ahnung, welches Leid er jeden Morgen auf dem Fußabstreifer hinterließ.

Sie las den Artikel ein zweites Mal: Nicht in der Lage zu reagieren … Überwältigende Trauer … Noch keine Gelegenheit, das zu verarbeiten.

Was konnte sie tun, außer die Zeitung vor Keja zu verstecken? Sie ging in die Garage, stopfte sie tief ins Altpapier. Es gab nichts, was sie tun konnte, sie war machtlos.

*

Die Nacht in der Zelle hatte aus Gemma van Son eine ungepflegte, unattraktive Frau gemacht. Von ihrem perfekten Augen-Make-up waren nur noch schwarze Schlieren auf den Wangen übriggeblieben, und aus raffinierten Lidschattennuancen waren fleckige blaue Bögen in ihren Lidfalten geworden. Noch immer trug sie ihren grauen Wollmantel, der jetzt unschön zerknittert war. Sie blieb in der Mitte des Raumes stehen und betrachtete den Stuhl, auf dem sie am Vortag gesessen hatte, so als befürchtete sie, einen tödlichen Stromschlag zu bekommen. Das nimmt einem jeden Glamour, dachte Vegter. So eine Nacht in der Zelle, die nur die grundlegendsten Bedürfnisse abdeckt. Egal, ob schuldig oder nicht: Die Menschen wurden dort mit einer ungewohnten Einsamkeit konfrontiert, mit völliger Isolation, und sie merkten, dass dies vielleicht erst der Anfang war. Die Zelle machte sie klein und weckte Urängste. Die Zelle war primitiv und barbarisch. Aber sie hatten keine andere Wahl.

»Setzen Sie sich.«

Talsma machte sich am Aufnahmegerät zu schaffen und nickte, dass alles in Ordnung sei. Vegter ließ sich Zeit, wartete, bis sie ihren Mantel geglättet und ein Bein über das andere geschlagen hatte. Er wusste, dass sie sich das noch einmal anders überlegen würde, und wartete auch darauf geduldig: dass ihr dämmerte, dass übereinandergeschlagene Beine zu frivol waren, sie verletzlich machten, weil ein Stück Schenkel sichtbar wurde.

Sie stellte die Füße nebeneinander und starrte auf ihre zwischen die Beine geklemmten Hände.

»Gestern haben wir über Ihr Verhältnis mit Richard Verkallen gesprochen«, sagte Vegter. »Und festgestellt, dass dieses Verhältnis beendet war – wenn auch nur von Verkallens Seite aus. Sie haben das anders gesehen. Heute möchte ich von Ihnen wissen, wo Sie am Abend seines Todes gewesen sind.«

Sie sah nicht auf. »Zu Hause.«

»Kann das irgendjemand bestätigen?«

»Nein.«

»Warum nicht?«

»Ich wohne allein«, sagte sie gereizt. »Ich war krank und lag im Bett.«

»Sie haben die Verabredung nicht abgesagt«, fuhr Vegter fort. »Und Richard auch nicht. Sie haben sich also getroffen.«

»Nein.«

»Sie haben ihn wie verabredet gegen sechs im Ferienhaus getroffen. Haben Sie einen Schlüssel zu dem Haus?«

»Nein.«

»Sie lügen!«, sagte Vegter gelassen. »An Ihrem Schlüsselbund hängt ein Schlüssel dafür.«

Brink war gar nicht begeistert gewesen, als sie ihn erneut losgeschickt hatten. Bei seiner Rückkehr war er schlecht gelaunt gewesen, weil der Schnee Ränder auf seinen Wildlederschuhen hinterlassen hatte. Talsma hatte ihm zu Gummistiefeln geraten.

»Warum lügen Sie bei etwas, das sich so leicht überprüfen lässt?«, fragte er. »Sie scheinen nicht zu begreifen, dass Sie in großen Schwierigkeiten stecken.«

Sie sagte nichts darauf.

»Wann kamen Sie ins Ferienhaus?«

»Ich bin nicht dort gewesen.«

»Ihr Auto wurde dort gesehen.«

»Das kann nicht sein. Ich …« Sie verstummte.

»Sie waren sogar noch bis weit nach sieben dort«, sagte Vegter. »Das ging auch gar nicht anders – schließlich mussten Sie noch Ihre Spuren verwischen, nachdem Sie Richard hinausgeschleift haben.« Er machte eine kurze Pause. »Sie haben ihn neben seinem Auto abgelegt und sind dann wieder hineingegangen.«

Kaum hatte er die Worte ausgesprochen, bereute er sie auch schon. Er gab Täterwissen weiter, das er nicht weitergeben durfte – nicht einmal, wenn er fest davon überzeugt war, die Täterin vor sich zu haben.

»Das stimmt nicht! Ich war zu Hause im Bett!« Ihre Knöchel waren weiß.

»Mevrouw van Son!«, sagte Vegter. »Sie hatten eine Verabredung. Sie waren froh über die Verabredung, weil das bedeutete, dass Richard wenigstens bereit war, Ihnen zuzuhören. Sie haben gehofft, ja geglaubt, Richard davon überzeugen zu können, dass Sie zusammengehören, wie Sie es ihm beharrlich eingeredet haben. Sie waren vielleicht nicht ganz fit, Sie waren erkältet, aber die Verabredung war wichtiger als eine läppische Erkältung.«

»Das stimmt nicht!«

»Dann sagen Sie mir bitte, was Sie an diesem Abend sonst gemacht haben.« Manchmal kam er sich vor wie ein Quizmaster, den nach zehn Staffeln kein Kandidat mehr überraschen kann. Das Ergebnis war letztlich unwichtig, man musste einfach nur sein Programm abspulen.

»Ich war zu Hause im Bett.«

»Sie waren im Ferienhaus, und zwar schon bevor Richard kam. Sie hatten die Heizung angemacht, Wein und etwas zu essen mitgebracht. Sie haben für ihn gekocht. Und dann haben Sie auf ihn gewartet.«

»Nein.«

»Sie waren dort. Sie haben auf ihn gewartet.« Vegter warf einen Blick auf seine Uhr. Kurz nach zehn. Er war schon jetzt hundemüde. Er wollte zu seinem Enkel, wieder an diesem privaten Kosmos teilhaben, an der Atmosphäre höchsten Glücks, und sich mit eigenen Augen davon überzeugen, dass es seiner Tochter gut ging. Dabei hatte er gerade erst vor einer Stunde mit ihr telefoniert.

»Sie wollten ihn zu etwas zwingen, wozu er keine Lust mehr hatte«, sagte er. »Er hatte eine Entscheidung gefällt, doch Sie wollten das nicht akzeptieren.«

»Er soll eine Entscheidung gefällt haben?« Sie lachte schrill. »Es ist noch keine Woche her, dass wir bei Peter und Marjo zu Abend gegessen haben. Anschließend ist er mit zu mir gekommen.« Es klang beinahe triumphierend.

»Sie meinen, Sie haben noch mit ihm geschlafen?«, fragte Talsma skeptisch.

»Ich meine, dass er noch mit mir geschlafen hat. Er hat keine Entscheidung gefällt! Er konnte gar keine Entscheidungen fällen.« Zum ersten Mal schien sie so etwas wie Scharfsinn zu besitzen. »Er hat mit mir geschlafen und nicht mit seiner Frau.«

Talsma reagierte sofort. »Sie waren also sein sexuelles Ventil, mehr nicht.«

»Das stimmt nicht. Sie verstehen überhaupt nichts.«

»Er hat sich nicht einmal mehr die Mühe gemacht, Ihnen etwas zu versprechen«, sagte Talsma. »Er hat nicht mehr von Scheidung geredet – im Gegenteil! Er hat alles getan, um Sie loszuwerden. Er hat Sie sogar gebeten zu kündigen.«

»Das stimmt nicht!«

»Und ob das stimmt!«, sagte Talsma ungerührt. »Sie schreiben das selbst in einer der E-Mails, die ich Ihnen gestern vorgelesen habe.«

»Das hat er wieder zurückgenommen.«

»Dafür gibt es keine Beweise«, sagte Vegter. »Richard wollte das Verhältnis beenden. Aber er hatte keine Chance, weil Sie ihn ständig mit Anrufen, Kurznachrichten und E-Mails bombardiert haben. Sie haben ihn gestalkt, anders kann man das gar nicht nennen. Ständig wurde er mit Ihnen konfrontiert: am Arbeitsplatz, aber auch nach Feierabend. Er konnte Ihnen einfach nicht entkommen. Damit haben Sie nicht nur ihn, sondern auch sich in den Wahnsinn getrieben.«

Er hätte noch hinzufügen können, dass sie es trotzdem genossen hatte, die Hauptrolle in diesem von ihr inszenierten Drama zu spielen. Aber vielleicht wurde es Zeit, seine Rolle als Regisseur gegen die des Souffleurs einzutauschen.

»Er konnte keine Entscheidungen fällen, haben Sie gesagt. Das dürfte nicht leicht für Sie gewesen sein in den letzten Jahren.« Verständnis schwang in seiner Stimme mit, und sie reagierte mit einem unmerklichen Kopfschütteln.

»Ihre erste große Liebe.« Er machte eine Pause. Sie kamen schon wieder vom Thema ab, aber sie rührte sich nicht, schien endlich zuzuhören. »Ein Mann, der älter ist als Sie, bei dem Sie sich geborgen fühlen. Aber ein Mann mit Vergangenheit. Ein sensibler Mann, dessen Leben nicht so verlaufen ist, wie er sich das vorgestellt hat. Ein Mann mit künstlerischen Neigungen, für die es in seiner Familie kein Verständnis gab. Bei Ihnen hat er Verständnis gefunden, nicht wahr?«

Sie nickte. Dankbar, eifrig. »Er war ein Künstler. Er konnte alles zeichnen, alles! Richard war richtig gut, das habe ich sofort gesehen, obwohl ich nichts von Kunst verstehe.«

»Er hat mit Ihnen darüber gesprochen? Über seinen Frust?«

»Ja.« Stolz schwang in ihrer Stimme mit. »Mit mir konnte er darüber reden. Er hat selbst gesagt, dass sein Vater vielleicht recht hatte. Dass er nicht genug Talent besitzt und das Ganze vielleicht nur ein frommer Wunsch ist. Aber ich habe immer gesagt, dass er auf sein Herz hören soll.«

Auf sein Herz hören. Vegter stöhnte innerlich auf, und so, wie Talsma zusammenzuckte, war dieser ebenfalls extrem genervt. Wenn jemand diesen Frauenzeitschriftenjargon nicht ausstehen konnte, dann Talsma! Doch das musste nicht heißen, dass Gemma van Son unrecht hatte. Vielleicht wäre Richard Verkallen in einer schlichten Mansarde tatsächlich glücklicher geworden als in seiner perfekten Eigentumswohnung. Vermutlich würde er dann sogar noch leben, was ihnen einen Haufen Arbeit ersparen würde.

»Ihnen hat er also sein Herz ausgeschüttet.« Wenn hier schon von Herzen die Rede war, dann aber richtig!

Gemma hatte keinerlei Gespür für Ironie. Sie setzte sich kerzengerade hin. »Ich war die Einzige, die … Er …« Sie verstummte.

»Ja …?«

»Er hat seinen Vater gehasst. Er hat mir erzählt, dass der ihn ein Leben lang kleingemacht hat. Dass sein Vater bloß ein ordinärer Verkäufer war, an nichts anderem als an Geld interessiert. Bestimmt hat er mich deshalb nicht zu seinen Eltern mitnehmen wollen. Ich habe ihm oft genug gesagt, dass mir das egal sei. Aber er wollte nicht, er wollte mir das ersparen.«

Glaubt sie das etwa wirklich? Mensch, Mädchen, wach auf!, dachte Vegter. Aber das Leben war deutlich einfacher, wenn man sich vor Selbsterkenntnis drückte. »Und sein Bruder? Wie war das Verhältnis zwischen den beiden?«

Sie holte tief Luft. »Vielleicht hat er seinen Bruder auch gehasst. Das glaube ich zumindest, obwohl er alles mit Peter gemacht hat. Aber er hat ihn oft ausgelacht, weil Peter von nichts eine Ahnung hat, nur von Autos.«

»Darüber haben sich die beiden unterhalten?«

»Ja. Und über Geld.«

»Hat Sie das gestört?«