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Nach einem Schock lässt Noora ihr Leben in der Großstadt, ihre beginnende Karriere als Ärztin und ihre Liebe zu Pia hinter sich. Sie kehrt in die Einsamkeit Lapplands zurück, in die Landschaft ihrer Kindheit. Anlass für diese Zäsur ist der schreckliche Tod ihrer Eltern bei einem Brand der Rentierfarm. Die Polizei hält es für ein Unglück. Noora versucht zur Ruhe zu kommen, zu sich selbst zu finden. Beziehungen sind nicht wichtig in dieser Zeit, doch manchmal fragt sie sich, ob sie sich je wieder auf eine Liebe einlassen kann. Sie baut eine Huskylodge auf. Es passieren unheimliche Dinge. Zunehmend fühlt sie sich verfolgt. War der Tod der Eltern wirklich ein Unfall? Wer aus der Vergangenheit könnte es auf Noora abgesehen haben? Die Ereignisse spitzen sich dramatisch zu. In Norwegen nimmt sie am härtesten Schlittenhundrennen der Welt, teil ... Traumhafte Landschaftsschilderungen und ein bedrohliches Szenario. Ein spannender Roman um Natur, Selbstfindung, Liebe und Gefahr. Anhang: ein kleiner Reiseführer zu den Schauplätzen der Handlung.
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Seitenzahl: 468
Veröffentlichungsjahr: 2019
Patricia Kay Parker
In der Stille des Nordlichts
Thriller
Konkursbuch Verlag Claudia Gehrke
Nach einem Schock lässt Noora ihr Leben in der Großstadt, ihre beginnende Karriere als Ärztin und ihre Liebe zu Pia hinter sich. Sie kehrt in die Einsamkeit Lapplands zurück, in die Landschaft ihrer Kindheit. Anlass für diese Zäsur ist der schreckliche Tod ihrer Eltern bei einem Brand der Rentierfarm. Die Polizei hält es für ein Unglück. Noora versucht zur Ruhe zu kommen, zu sich selbst zu finden. Beziehungen sind nicht wichtig in dieser Zeit, doch manchmal fragt sie sich, ob sie sich je wieder auf eine Liebe einlassen kann. Sie baut eine Huskylodge auf. Es passieren unheimliche Dinge. Zunehmend fühlt sie sich verfolgt. War der Tod der Eltern wirklich ein Unfall? Wer aus der Vergangenheit könnte es auf Noora abgesehen haben? In Norwegen, während ihrer Teilnahme am härtesten Schlittenhundrennen der Welt, spitzt sich die Situation dramatisch zu.
Traumhafte Landschaftsschilderungen und ein bedrohliches Szenario. Spannender Roman um Natur, Selbstfindung, Liebe und Gefahr.
Die Printausgabe enthält zusätzlich einen kleinen Reisführer mit farbigen Bildern zu den Orten, die im Roman vorkommen
Inhaltsverzeichnis
Titelseite
Zum Buch
Teil 1 Kapitel 1
Kapitel 2
Kapitel 3
Kapitel 4
Kapitel 5
Kapitel 6
Kapitel 7
Kapitel 8
Kapitel 9
Kapitel 10
Kapitel 11
Kapitel 12
Kapitel 13
Kapitel 14
Kapitel 15
Kapitel 16
Teil 2 Kapitel 17
Kapitel 18
Kapitel 19
Kapitel 20
Kapitel 21
Kapitel 22
Kapitel 23
Kapitel 24
Teil 3 Kapitel 25
Kapitel 26
Kapitel 27
Kapitel 28
Kapitel 29
Kapitel 30
Kapitel 31
Kapitel 32
Kapitel 33
Kapitel 34
Kapitel 35
Kapitel 36
Kapitel 37
Kapitel 38
Kapitel 39
Zur Autorin
Impressum
Mit unbewegtem Gesicht starrte ich auf die bis auf den Grund niedergebrannten, rauchenden Reste, die noch bis vor wenigen Stunden mein Elternhaus gewesen waren. Ein riesiger schwarzer Fleck in der weißen, sonst so friedlichen Schneelandschaft im hohen Norden von Finnland.
Ohnmächtige Fassungslosigkeit lähmte mich, schnürte mir die Kehle zu, verhinderte es, mich von diesem schaurigen Bild der Zerstörung abzuwenden.
Übelkeitserregender Geruch von Verbranntem hing in der Luft. Umhüllte mich wie eine Decke. Der Druck in meiner Brust nahm stetig zu, und ich rang keuchend nach Atem. Meine Beine verloren die Kraft, und ich schwankte gefährlich. Halt suchend krallte sich meine Hand reflexartig in die nächststehende Birke, um die das Absperrband der Polizei geschlungen war. Ich war unfähig, mich zu bewegen. Unfähig zu weinen oder zu schreien. Mein Körper wollte nicht aufhören zu zittern. Einerseits vor Entsetzen, aber auch vor klirrender Winterkälte. Ich fühlte die raue Baumrinde unter meinen eisigen Fingern nicht. Handschuhe und Jacke waren im Auto geblieben, als ich bei dem schrecklichen Anblick, der sich mir bot, ins Freie gestürzt war. Jetzt schien ich alles, was um mich herum geschah, wie in Zeitlupe wahrzunehmen. Einige Feuerwehrmänner rollten die Löschschläuche ein, andere packten diverse Gerätschaften zusammen, und der Einsatzleiter fertigte ein Protokoll an. Niemand beachtete mich. Keiner sprach mich an, während ich um meine Fassung kämpfte.
Ein Polizeiwagen des Ermittlungsbeamten aus Kittilä stand im abgesperrten Hof meiner elterlichen Rentierfarm neben dem rußgeschwärzten Stall, in dem mein Vater das Futter für die winterliche Zufütterung aufbewahrte. Ich erkannte den Kommissar, der Fotos von diesem grausigen Ort machte. Er hatte mit mir die Schule besucht, aber sein Name fiel mir nicht ein.
Abrupt hielt er in seiner Bewegung inne, als er mich durch den Sucher der Kamera erblickte. Es schien eine Ewigkeit zu dauern, bis er die wenigen Schritte zu mir herübergekommen war.
Seine Worte nahm ich kaum wahr.
»Noora, es tut mir sehr leid, dass wir uns unter diesen Umständen wiedersehen.« Seine Stimme war leise, beinahe zaghaft.
Ich fühlte mich elend und schwach. Als ich nicht antwortete, sprach er unbeholfen weiter.
»Es ist noch ungeklärt, wodurch das Feuer ausgelöst wurde. Das wird durch die Brandexperten noch ermittelt werden müssen. Brandstiftung kann nicht ganz ausgeschlossen werden. Deine Eltern …«, er stockte, als ob es eine Qual wäre weiterzusprechen. »Sie waren noch im Haus, das wohl innerhalb kürzester Zeit komplett in Flammen stand. Es wird davon ausgegangen, dass sie wahrscheinlich im Schlaf überrascht worden sind. Vielleicht waren sie aber auch aus anderen Gründen nicht in der Lage, sich ins Freie zu retten. Das Bestattungsinstitut hat ihre Leichen nach Rovaniemi gebracht. Die Obduktion findet morgen früh in der Gerichtsmedizin der Universität statt.«
Seine Worte gingen fast gänzlich im Nebel unter, der mich immer enger umschloss.
Meine Knie wurden weich, als plötzlich die Übelkeit in mir hochkam. Gerade noch rechtzeitig drehte ich mich weg und erbrach mich würgend neben dem Baumstamm in den Schnee.
Noch nie hatte ich mich so schwach und hilflos gefühlt. Ich sank in die Hocke und stützte mich mit einer Hand ab. Die Situation hätte mir peinlich sein können, aber sie war es nicht. Diese Empfindung drang nicht zu mir durch. Alles, was ich in mir fühlte, war eine bodenlose, alles verschlingende Leere.
Der Kommissar – sein Name war Aku, fiel mir plötzlich wieder ein, und ich erinnerte mich, dass er in der Schule immer gehänselt wurde und seit der ersten Klasse nur noch Aku Ankka hieß, wie der finnische Donald Duck –, er fasste mich am Arm und zog mich wieder hoch.
»Es ist zu kalt im Schnee. Ich will nicht noch einen Menschen verlieren.« Der Blick aus seinen scheuen Augen bohrte sich in mich, durchdrang für einen Moment mit seiner Intensität den dichten, erstickenden Nebel, obwohl ich taub und blind für alles war. Seltsam, welche Gedanken gerade in Situationen mit extremem emotionalem Stress in Menschen aufkommen. Mein Verstand versuchte, gegen die verzweifelte Hilflosigkeit anzukämpfen, die mein Inneres immer tiefer einzusaugen drohte und mir jeden sinnvollen Gedanken unmöglich machte. In mir wütete es, brodelte es.
»Komm, ich fahr dich zu einem Hotel. Hier kannst du nicht bleiben. Hast du schon ein Zimmer?«
Ich schüttelte abwesend den Kopf. Mit sanfter Gewalt zog Aku mich vom Ort der Zerstörung weg. Willenlos ließ ich es geschehen, froh darüber, dass er die Führung übernahm.
Schweigend saß ich neben ihm im Polizeiauto, das sich langsam seinen Weg über die schneebedeckten Straßen bahnte.
Sonst kam kaum jemand hier raus zur Farm, aber jetzt hatten die Fahrzeuge der Einsatzkräfte deutlich ihre Spuren hinterlassen wie eine tiefe Wunde in der sonst unberührten Schneelandschaft. Obgleich es erst Nachmittag war, war die Sonne bereits gänzlich untergegangen, sodass lediglich ein schmaler Streifen am Horizont sanft beleuchtet war. Am wolkenlosen Himmel glitzerten unzählige Sterne, und der volle Mond warf ein gespenstisches Licht auf die stille Einsamkeit.
»Noora.« Aku hatte mehrfach meinen Namen genannt, bis seine Stimme endlich durch die Mauer in mein Bewusstsein drang.
Erst jetzt fiel mir auf, dass er das Autoradio ausgeschaltet hatte. Wie lange hatte ich neben ihm gesessen, ohne mich zu bewegen? Am Straßenschild erkannte ich, dass wir fast schon in Kittilä waren. »Noora, wir konnten deinen Bruder noch nicht informieren. Er ist in keinem Melderegister verzeichnet.«
Jari wusste noch nicht, was geschehen war, stellte ich erschrocken fest. Ich hatte nicht daran gedacht, ihn anzurufen, als die Polizei heute zu Beginn meines Dienstes im Krankenhaus erschienen war, um mich von dem Unglück in Kenntnis zu setzen. Vielleicht hatte ich unbewusst gehofft, er wäre ebenso informiert worden, weil ich Angst davor hatte, die Überbringerin dieser Nachricht zu sein.
»Er lebt seit Jahren in Schweden. Ich werde mit ihm telefonieren.« Meine Stimme, leise, kratzig, brach. Es waren die ersten Worte, die ich seit Stunden sprach. Sie bewirkten, dass der Polizist kurz seinen Blick vom Straßenverlauf wandte und mich von der Seite ansah.
»Was ist mit dem Hund? Ist Joke auch im Feuer umgekommen?«
Irritiert starrte er mich an. Versuchte, den Zusammenhang meiner Worte zu ergründen.
»Joke, der Hund meiner Eltern. War er auch im Haus?« Warum hatte er nicht angeschlagen? Der alte Rüde folgte meinem Vater für gewöhnlich wie ein Schatten. Warum hatte er ihn nicht vor dem Feuer gewarnt?
»Die Tatortarbeit ist noch nicht abgeschlossen. Wir haben den Hund noch nicht gefunden. Aber vielleicht liegt er irgendwo unter den Trümmern.«
Ernst blickte er mich an.
»Ich würde dir gerne morgen einige Fragen stellen.« Seine Stimme brach ab, als hätte er noch etwas sagen oder fragen wollen, als ob ihm noch etwas auf der Zunge läge. In jedem schlechten Krimi würde der Kommissar jetzt nach Personen fragen, mit denen meine Eltern im Streit waren, oder aber nach Anhaltspunkten für einen Selbstmord suchen, dachte ich bitter. Ich rechnete es Aku hoch an, es nicht zu tun. Zumindest jetzt noch nicht.
»Bitte komm morgen früh auf die Polizeistation, okay?« Forschend sah er mich an, wartete auf ein Zeichen, dass ich ihn gehört hatte.
Ich nickte. Es kostete mich zu viel Kraft, gegen das überwältigende Gefühl des Entsetzens und der Hilflosigkeit anzukämpfen und bei Verstand zu bleiben, als dass ich meine Antwort hätte in Worte fassen können.
Am Ortseingang bog Aku plötzlich nach links zum Einkaufszentrum von Kittilä ab und steuerte das Fahrzeug direkt vor den Alko, der Ladenkette, in der es neben Bier, Wein und Sekt auch Hochprozentiges zu kaufen gab.
»Ich bin gleich wieder da«, erklärte er knapp. Eisige Luft strömte ins Wageninnere, als er ausstieg und durch den Schnee zum Eingang stapfte. Mich fröstelte. Erst jetzt stellte ich fest, dass die Heizung im Fahrzeug auf Hochtouren lief.
Ich starrte auf das rot leuchtende Logo der finnischen Alkohol-Kette, einem Schriftzug, der mit seiner leichten Aufwärtsbewegung handgeschrieben wirkte. Da ich selbst kaum Alkohol trank, besuchte ich nur selten einen solchen Laden.
Ich realisierte Akus Rückkehr erst, als er sich auf den Fahrersitz setzte und mir eine schwere Papiertüte auf den Schoß legte.
»Das wird dir helfen loszulassen.« Warmes Mitgefühl klang in seiner Stimme mit. Ich hatte den Eindruck, dass er genau nachempfinden konnte, wie es mir ging, doch wagte ich nicht, nach dem Verlust in seinem Leben zu fragen.
Nachdem sein Kollege meinen Mietwagen auf dem Hotelparkplatz abgestellt und mir den Schlüssel übergeben hatte, kümmerte sich Aku um das Hotelzimmer und begleitete mich zum Aufzug. Ich war dankbar für seine Hilfe, auch wenn ich nicht in der Lage war, es ihm zu zeigen.
»Bis morgen«, verabschiedete sich mein Schulfreund und reichte mir seine Visitenkarte. Es schien, als wollte er mich zum Abschied umarmen, und irgendetwas in mir wünschte sich, er würde es tun, doch es blieb bei einem unsicheren Zögern, bevor er sich zum Gehen wandte.
Leise surrend fuhr der Aufzug in die zweite Etage des zweigeschossigen Gebäudes. Ich war allein. Wie in Trance betrat ich mein Hotelzimmer, schloss die Tür hinter mir und lehnte mich kraftlos gegen sie. Ich fand mein Handy in meiner Jackentasche und wählte Jaris Nummer. Es klingelte, bis die Mailbox anging.
»Jari, ich bin’s. Es ist etwas Schreckliches passiert. Bitte ruf mich zurück.«
Ich legte auf und starrte für Minuten die gegenüberliegende Wand an, ohne etwas wahrzunehmen. Es war jetzt zehn Stunden her, seit man es mir mitgeteilt hatte. Die Polizisten hatten an der Krankenhausrezeption auf mich gewartet, nachdem ich ausgerufen worden war, und ich hatte bereits beim Anblick ihrer ernsten Gesichter erkannt, dass etwas Furchtbares vorgefallen sein musste. Erst in der Abgeschiedenheit meines Büros teilte mir die junge Polizistin mit, dass die Farm seit der Nacht brenne und meine Eltern wahrscheinlich dem Feuer zum Opfer gefallen seien. Sie versuchte, einen sachlichen Ton zu treffen, doch ihre Stimme brach mehrfach, weil ihr die Überbringung der Todesnachricht schwerfiel. Sie schien noch keine Erfahrung damit zu haben. Es gab auch Menschen, die sich nie daran gewöhnen konnten. Als Ärztin kannte ich dieses Gefühl, Angehörigen eine schlimme Nachricht überbringen zu müssen. Die Worte der Polizistin rissen mir den Boden unter den Füßen weg.
Telefonisch hatte ich mir sofort einen Platz im nächsten Flugzeug nach Kittilä gebucht und einen Mietwagen reserviert. Ich hatte funktioniert, ohne meine Emotionen zuzulassen, bis ich auf der Farm angekommen war und der Realität ins Gesicht blicken musste. Und auch jetzt fühlte ich mich unfähig zu weinen, zu trauern. Ich war erstarrt.
Mir fiel mit einem Mal die Papiertüte wieder ein, die Aku mir im Auto in die Hand gedrückt und die ich seitdem nicht wieder losgelassen hatte. Langsam zog ich eine Flasche Finlandia Wodka heraus.
Meine Hände begannen zu zittern, während ich auf das Etikett mit den Rentieren starrte, die vor einer blutroten Mitternachtssonne über die Tundra fegten. Bilder unserer Rentierherden, Bilder meines Vaters, der die Tiere fütterte, suchten sich ihren Weg in meine Gedanken. Ganz sicher hatte Aku beim Einkauf nicht meine emotionale Reaktion auf das Etikett bedacht. Halt suchend stolperte ich ein paar Schritte vorwärts und setzte mich auf das Bett, bevor meine Beine unter mir nachgaben.
Alkohol ist keine Lösung, redete mein Verstand zum wiederholten Male auf mich ein. Der Stimme in meinem Kopf zum Trotz schraubte ich den Verschluss der Wodkaflasche auf.
Ich suchte nicht nach einer Lösung, denn die lag ganz sicher nicht auf dem Grund dieser Flasche. Was ich finden wollte, war ein Moment des Vergessens. Einige Stunden Flucht aus der grausamen Realität. Der Schluck brannte in meiner Kehle, und ich schüttelte mich angewidert. Und doch setzte ich die Flasche erneut an die Lippen und nahm einen weiteren Schluck der klaren Flüssigkeit.
»Warum?« Ich hustete. Verzog mein Gesicht.
»Warum?« Tränen füllten meine Augen. Tränen der Trauer oder des Ekels. Aber was machte es für einen Unterschied? Ich zwang mich weiterzutrinken. Wollte den Schmerz ertränken, der immer stärker in meiner Brust tobte und endlich ausbrechen wollte. Irgendwann ließ ich schließlich los, löste mich aus der schweigsamen Lähmung, ließ den Tränen freien Lauf, während der gequälte Schrei aus meiner Kehle drang. Weinend presste ich die Hände auf mein Gesicht, mein Körper wurde von Krämpfen geschüttelt, blicklos saß ich in der schwärzesten Nacht meines Lebens zusammengekauert in einem anonymen Hotelzimmer. Schließlich siegten die Erschöpfung der langen Reise in den finnischen Norden und der steigende Alkoholpegel und ließen mich in einen traumlosen Schlaf sinken.
Ich war fünf Jahre alt, als ich das erste Mal meinen Vater zur Rentierscheidung, dem alljährlichen Zusammentreiben der großen, weitläufig verstreuten Herden, begleiten durfte.
Mein Vater war Rentierzüchter, ein Beruf, der traditionell innerhalb der Familie Generation für Generation auf den ältesten Sohn überging.
Jari und ich sind Zwillinge. Mein Bruder hatte im Gegensatz zu mir das dunkle Haar unseres samischen Vaters geerbt, während ich eher unserer typisch skandinavischen Mutter mit ihren hohen Wangenknochen und den blonden glatten Haaren ähnelte, die ich meist zu einem geflochtenen Zopf zusammengebunden trug. Er war einen ganzen Kopf größer als ich, obgleich ich mich für eine Frau nicht als klein bezeichnen würde, und war zudem mit einer knappen Stunde Vorsprung der Erstgeborene.
Aber wir waren nicht nur optisch unterschiedlich. Manchmal war ich sogar der Überzeugung, mein Bruder sei im Krankenhaus vertauscht worden.
Jari vergrub seine Nase viel lieber in Büchern mit Worten und Zahlen, während ich es liebte, meinem Vater bei der Bewirtschaftung der Farm zur Hand zu gehen. So wurde ich von klein auf sein ständiger Schatten und träumte davon, eines Tages in seine Fußstapfen zu treten und die Familientradition fortzuführen.
Es war ein eisiger Morgen Ende November. In der Nacht war Neuschnee gefallen, und der Himmel war noch vor Sonnenaufgang in ein geisterhaftes blaues Licht getaucht.
Aufgeregt saß ich in einen grünen Thermoanzug gepackt neben meinem Vater im altersschwachen Toyota-Kastenwagen, der schwerfällig über die rutschige Piste holperte.
Meine Eltern teilten sich mit zwanzig Rentierzüchtern aus der Region ein riesiges Zuchtgebiet mit einer Größe von ungefähr 15.000 Quadratkilometern, in dem die Herden frei umherwanderten und in jedem Winter zur Rentierscheidung gemeinsam zusammengetrieben wurden, um die Jungtiere den Müttern und so den Besitzern zuzuordnen. Außerdem galt es, die Tiere, die für den Fleischhandel geschlachtet werden sollten, auszuwählen und zu markieren.
Erwartungsvoll folgte ich meinem Vater zum Lagerplatz der Arbeiter. Meine Hand lag schützend auf dem lapin puukko, einem Outdoor-Messer, das in einer wunderschön verzierten Scheide aus Leder steckte. Mutter hatte es mir, bevor wir fuhren, an den Hosenbund gehängt und damit ein stolzes Strahlen in meine Augen gezaubert.
»Hej«, begrüßte uns Pertti Lehtonen, dem die benachbarte Farm gehörte, sofern man bei diesen Entfernungen von Nachbarn sprechen konnte, und klopfte meinem Vater freundschaftlich auf den Rücken, während ich mich mit großen Augen umsah. Viele der Züchter waren in Vaters Alter oder sogar noch viel älter. Unter den zwanzig bärtigen Gestalten in Thermoanzügen war nur eine einzige Frau.
Die meisten von ihnen kannte ich vom Sehen, wenn man sich bei Einkäufen in Äkäs, der nächstgelegenen kleinen Ansammlung von Häusern, oder in Kittilä über den Weg lief.
Am Rande des Lagerplatzes dröhnten die Maschinen auf, als ein Teil der Männer auf ihren Motorschlitten in die Wälder ausschwärmte.
Für die Zurückgebliebenen gab es bis zur Rückkehr der Treiber viel Arbeit. Zuerst sammelten wir zusammen mit Pertti und seinem Sohn Tero in der Umgebung Holz, das wir über einem Baumstumpf aufschichteten. Schon bald loderte ein wärmendes Feuer in der Schneelandschaft. Anschließend half ich, die Korrale für die zusammengetriebenen Rentiere aufzubauen. Pertti, an dessen wuchernden dunklen Barthaaren sich Eiskristalle gebildet hatten, lächelte mir zu und lobte mich, indem er mir während der Arbeit anerkennend auf die Schulter klopfte. Ich war glücklich darüber, dass ich schon so gut mit anpacken konnte. Es gab mir das Gefühl, zu ihnen zu gehören. Zu der kleinen Rentierzüchtergemeinschaft, diesen rauen Gesellen mit dem härtesten Job in ganz Finnland, wie Vater zu sagen pflegte.
Bald würde die eigentliche Arbeit beginnen, und ich durfte das erste Mal dabei sein. Meine Aufregung stieg, doch ich musste noch lange warten, bis ich die Motorschlitten in der Ferne hörte. Die Männer hatten schließlich eine der großen Herden im Zuchtgebiet aufgespürt und zusammengetrieben.
Ich schaute fasziniert zu, wie die großen, halbwilden Tiere in ein Gehege getrieben wurden, um sie dort zu sortieren. Viele süße Kälber waren in der Gruppe. Sie wurden ihren Müttern zugeordnet und mit dem Zeichen des jeweiligen Züchters versehen, einer Messerkerbe im Ohr.
Ich konnte die Augen nicht von einem jungen Kalb mit einem sehr eigenen silberfarbenen Fell abwenden. So gern hätte ich ihm durch das weiche Tierhaar gestreichelt.
Mein Vater zog mich in seine Arme.
»Sie gefällt dir, oder?« Es war mehr eine Feststellung als eine Frage. Ich nickte. »Sie ist aus unserer Herde. Wir beide werden sie jetzt markieren, und dann soll sie dein eigenes Rentier sein. So ein wunderschönes Tier muss einfach meinem wunderbaren Mädchen gehören.« Vater lachte über das glückliche Strahlen in meinem Gesicht.
Meine Wangen glühten, als ich mit ihm in den Korral stieg. Er umschloss meine kleine zittrige Kinderhand und führte mit mir gemeinsam den Markierungsschnitt am Ohr des Kalbes aus.
Mein erstes eigenes Rentier. Ich war mir sicher, ich würde jetzt die Familientradition fortführen und Züchterin werden. Ich wollte werden wie mein Vater.
Während die Herden nach Tieren getrennt wurden, die weiter zur Zucht vorgesehen waren, und solchen, die noch an Ort und Stelle auf dem verschneiten Waldboden geschlachtet wurden, blieb ich bei meiner kleinen Vahtsa, die ich nach einer samischen Bezeichnung für zehn bis zwanzig Zentimeter gefallenen Neu- auf alten Schnee benannt hatte. Verträumt beobachtete ich, wie sie von ihrer Mutter gesäugt wurde, und vergaß die Welt um mich herum.
Das permanente Klingeln meines Handys, das ich extra laut gestellt hatte, um Jaris Anruf nicht zu verpassen, weckte mich. Mein Kopf drohte zu platzen, als ich die Augen öffnete. Ein Presslufthammer bohrte sich quälend in meine Stirn. Ich fühlte mich jämmerlich.
»Noora?« Ich vernahm die besorgte Stimme meines Bruders am Telefon und versuchte eine Antwort zu formen, während das Zimmer um mein Bett herum nicht aufhören wollte zu schaukeln.
»Noora? Bist du dran? Hörst du mich?«
»Ja. Ich …« Meine Worte erstickten im Schluchzen.
»Was ist passiert? Rede mit mir.« Seine Stimme klang jetzt höchst alarmiert.
»Sie sind tot. Beide tot.« Ein gequältes Wimmern entrang sich mir.
»Wer?« Hörbare Panik stieg in Jari auf. Ich spürte es deutlich. Er schien es zu wissen und wollte es dennoch von mir hören. Als Bestätigung seiner furchtbaren Vorahnung. Mein Kopf dröhnte, und ich brauchte einige Augenblicke, bis ich mich etwas gefasst hatte.
»Mama und Papa. Es hat einen Brand gegeben auf der Farm.«
Entsetztes Schweigen am anderen Ende der Leitung. Ich keuchte, als der imaginäre Dolch sich ruckartig in meine Augenhöhle bohrte. Das Zimmer um mich herum drehte sich und ließ eine Woge der Übelkeit in mir aufwallen.
»Noora, bist du noch da?« Ich konzentrierte mich auf Jaris beherrschte Stimme, die hohl durch den Hörer klang. »Noora, ich muss noch etwas umorganisieren. Ich nehme die nächstmögliche Flugverbindung nach Kittilä. Und dann werden wir uns um alles Weitere gemeinsam kümmern, okay? Ich komme so schnell ich kann zu dir.«
»Aber was ist mit deiner Familie?« Ich schloss die Augen, um dem sich drehenden Zimmer zu entgehen. Atmete tief durch, um das Gefühl, mich übergeben zu müssen, zu unterdrücken. Warum hatte ich so viel Wodka getrunken? Ich war den Alkohol nicht gewohnt.
»Bei dir werde ich jetzt sicher dringender gebraucht.«
Es beruhigte mich etwas, dass er bald bei mir sein würde, und ich fühlte mich weniger allein.
Aber musste ich mich so einsam fühlen? Auf dem erleuchteten Display erkannte ich neben Jaris noch vierzehn weitere unbeantwortete Anrufe fast ausschließlich von einer Nummer. Pia. Irgendwo zwischen der Ungewissheit am Flughafen und den schrecklichen Eindrücken seit meiner Ankunft auf der Farm hatte ich sie komplett in den Hintergrund verdrängt.
Ich setzte mich auf und stellte fest, dass ich mich abends nicht einmal mehr entkleidet hatte. Der Wodka hatte ganze Arbeit geleistet, und ich hatte den dringend benötigten Schlaf bekommen, damit mein Körper, aber was noch wichtiger war, mein Kopf, Ruhe finden konnten. Ein paar Stunden hatte ich Erleichterung gefunden, doch jetzt, völlig verkatert, fühlte ich mich genauso elend wie zuvor.
Es tat noch immer entsetzlich weh, und der Schmerz, die Wut und das Unverständnis für das, was geschehen war, trieben mir Tränen in die Augen, wenn Bilder von der zerstörten Farm und meinen Eltern in mir hochkamen. Wie lange würde es wohl dauern, bis mir nicht mehr alles so hoffnungslos vorkam? Wann wäre ich wieder in der Lage, einen klaren Gedanken zu fassen? Der Schock saß bleischwer auf meiner Brust und lähmte mich, sodass mir das Atmen schwerfiel.
Ich blickte an die Decke, zögerte den Rückruf noch etwas hinaus, obwohl mir bewusst war, dass ich jetzt nicht länger damit warten sollte.
Ich tippte auf den Anrufbutton auf meinem Display und wartete, das Handy krampfhaft ans Ohr gepresst. Am anderen Ende klingelte es einige Male. Beinahe erleichtert wollte ich schon auflegen, als plötzlich Pias merklich beherrschte Stimme ein »Hej, Noora!« durch die Leitung schickte. »Hast du vergessen, dass wir verabredet waren? Ich versuche seit gestern Abend, dich zu erreichen. Ich habe sogar im Krankenhaus nach dir gefragt und dort endlich erfahren, dass du kurzfristig verreisen musstest.«
»Pia, es ...«, begann ich, doch sie war noch nicht bereit, mir zuzuhören.
»Erst war ich sauer. Dann habe ich mir Sorgen um dich gemacht, als ich dich nicht erreichen konnte. Wo zum Teufel steckst du eigentlich?« Ihre Stimme verlor etwas von der Beherrschung. Es schwang eine gewisse Portion Zorn mit, aber auch etwas Undefinierbares, beinahe Ängstliches. Ich versuchte, ihre Stimmung durch die Leitung zu ergründen, und stellte wieder einmal fest, wie wenig ich diese Frau kannte und wie wenig ich ihre Reaktionen einzuschätzen wusste. Aber das war typisch für mich. Meine Spezialität waren wohl komplizierte Beziehungen ohne Zukunft. Aber darüber sollte ich mir jetzt keine Gedanken machen. Wer wusste schon, ob diese Beziehung überhaupt für die Ewigkeit bestimmt war. Schließlich waren wir ja erst vor wenigen Monaten zusammengekommen.
»Pia, es tut mir leid, dass ich mich jetzt erst melden kann«, setzte ich schwach an. Es hörte sich selbst für mich nicht sehr überzeugend an.
»Wo bist du?« Sie hatte meine Verletzlichkeit sofort erfasst. Der Zorn war so schnell verschwunden, wie er gekommen war, und machte Besorgnis Platz. »Noora, geht es dir gut?«
»Nein.« Ein unterdrücktes Schluchzen entrang sich mir, und ich kämpfte sekundenlang um meine Fassung, um Pia meine momentane Schwäche nicht zu zeigen. »Es tut mir leid. Ich bin nicht ganz bei mir.«
Sie sagte nichts. Nur ihr gleichmäßiger Atem war zu vernehmen, während sie mir geduldig die Zeit gab, die ich benötigte, mich wieder zu fassen. Schließlich fand ich die Worte, Pia zu erklären, was auf der Farm geschehen war. Sie unterbrach mich nicht.
»Kann ich irgendetwas für dich tun?«, fragte sie, als ich geendet hatte. »Soll ich zu dir kommen?«
Ich wischte mit dem Handrücken die Tränen aus meinen Augen.
»Nein, ich komme schon irgendwie zurecht. Und mein Bruder Jari wird heute Nachmittag auch hier sein.« Mit einem beklemmenden, beängstigenden Gefühl dachte ich an die Dinge, die jetzt vor mir lagen. Ich würde den Tag bei der Polizei verbringen und musste die Beerdigung meiner Eltern in die Wege leiten. Und was sollte mit der Farm oder mit dem, was davon nach dem Brand noch übriggeblieben war, geschehen? Mein Kopf war so voll, dass er zu platzen drohte, was aber auch an den Nachwirkungen des Wodkas liegen konnte, die meine Schläfen pochen ließen.
»Wie lange wirst du in Kittilä bleiben?«
Am liebsten wollte ich gar nicht mehr weg. Wollte in die Stille der einsamen Natur fliehen, den Ort, an dem ich früher immer Trost und Frieden gefunden hatte. Aber ich wagte nicht, ihr das zu sagen. Zu unrealistisch war der Gedanke. Irgendwann musste ich wieder zurück in die Hauptstadt. Zurück zur Arbeit.
»Ich weiß es nicht, Pia. Ich habe hier noch einiges zu erledigen.«
Ein unangenehmes Schweigen entstand zwischen uns.
»Okay.« Sie stockte kurz, bevor sie weitersprach. »Noora, ich würde gern für dich da sein. Ich weiß, es fällt dir oft schwer, andere Menschen an dich heranzulassen. Du bist es gewohnt, Dinge mit dir selbst auszumachen. Aber wenn du mich brauchst … hörst du, dann bin ich jederzeit für dich da!« Die Eindringlichkeit ihrer warmen Stimme klang in meinen Ohren nach, als wir aufgelegt hatten. Ich wusste, sie meinte es aufrichtig, aber ich konnte ihre Hilfe nicht annehmen.
Dumpf hämmerte der Bass durch meinen Körper. Von meinem etwas abseits gelegenen Platz an der Bar betrachtete ich die sich rhythmisch windenden Leiber der Tanzenden. Diese vielen Menschen auf so engem Raum, die zur Schau gestellten Intimitäten, die bei derartigen Veranstaltungen zu beobachten waren. Frauenpaare, die beim Tanzen ihre Unterleiber aneinander rieben und hemmungslos knutschend die Hände nicht voneinander lassen konnten, je später die Nacht wurde und je höher der Alkoholpegel stieg.
Ich hatte immer wieder feststellen müssen, dass diese wie Pilze aus dem Boden der finnischen Hauptstadt wachsenden Frauenpartys nicht meine Welt waren. Offenbar wurde dadurch das enorme Bedürfnis der Szene nach eigenen Veranstaltungen gestillt, aber ich verspürte ein solches nicht.
Diesmal war ich auch nur mitgegangen, weil eine gute Freundin in ihren Geburtstag hineinfeiern wollte. Doch von dieser Freundin und den restlichen Gästen hatte ich die letzte Stunde kaum einen Blick erhaschen können, nachdem sie von der sich wogenden, zuckenden Masse auf der Tanzfläche verschluckt wurden.
Auf dem erhöhten Hocker lehnte ich mit dem Rücken an der Theke. Mein Pepsi-Glas hielt ich auf dem Schoß.
Meine Augen blieben zwischen den Tänzerinnen für einen Moment an einem Profil hängen und lösten ein diffuses Gefühl des Erkennens in mir aus. Irritiert versuchte ich, die Person besser zu sehen, als im nächsten Augenblick die Nebelmaschine die Menge in eine dichte Wolke einhüllte.
Bestürzt starrte ich weiter auf die Stelle, an der ich das Gesicht gesehen hatte. Mein Herz hämmerte unangenehm heftig gegen meinen Brustkorb. Wie hatte ich annehmen können, dass niemand aus meinem beruflichen Umfeld mich auf einer solchen Veranstaltung sehen würde? Bald würden es alle wissen.
Langsam lichtete sich der Nebel wieder.
Mangels Partnerin an meiner Seite hatte ich es in der Klinik vorgezogen, meine sexuelle Orientierung nicht anzusprechen. Ich hatte nie lügen müssen, da mich bisher niemand direkt danach gefragt hatte. Aber das könnte sich schnell von heute auf morgen ändern.
Wo hatte ich diese Frau schon einmal gesehen? Ich war mir nicht sicher. Aber sie kam mir bekannt vor, und ich brachte sie intuitiv mit meinem beruflichen Umfeld in Verbindung.
Kurz war ich versucht, die Party zu verlassen, aber das wäre meinen Freundinnen gegenüber nicht höflich gewesen, einfach zu verschwinden, ohne mich zu verabschieden. Suchend sah ich mich um, aber ich konnte sie nirgends entdecken.
Außerdem war diese Frau, wenn ich sie überhaupt kannte – ein Irrtum war schließlich nicht ausgeschlossen – ja wohl selbst lesbisch und vielleicht wie ich nicht geoutet. Sie war sicher auch nicht erfreut, mich hier zu sehen.
Ich war noch in meine Gedanken versunken, als sie sich aus dem Nebel löste und sich den Weg durch die Feiernden direkt auf mich zu bahnte. Ich überlegte noch, ob ich mich abwenden sollte. Vielleicht hatte sie mich noch nicht erkannt. Doch es war zu spät. Unsere Augen trafen sich, und es war unmöglich, das Erkennen zu leugnen.
Pia Söderholm. Dreißig Jahre. Hochgewachsen. Dunkelbraune Haare. Frecher Kurzhaarschnitt. Attraktiv. Und Tochter meines Vorgesetzten Chefarzt Professor Mikael Söderholm.
Nur Augenblicke später war sie bei mir und lächelte mich offen an. Sie wirkte so locker, während ich spürte, dass ich mich immer mehr versteifte.
»Noora Tamminen, welch eine Überraschung, dich hier zu treffen.«
Ich straffte mich und versuchte, eine entspannte Haltung einzunehmen, um – mit eher mäßigem Erfolg – meine Verlegenheit zu überspielen.
»Hallo Pia, ja, das ist wirklich eine Überraschung.«
Privat sah sie anders aus als auf dem Kongress, auf dem wir uns das erste und bisher einzige Mal getroffen hatten. Stolz hatte ihr Vater sie mir vorgestellt. Seinen aufstrebenden Stern am medizinischen Himmel. Erfolgreiche und brillante Jung-Fachärztin für Neurochirurgie.
Jetzt hatte sie ihr exquisites Businesskostüm gegen eine Jeans im Used-Look und ein schwarzes enges Tank-Top getauscht, das mehr preisgab als zu verdecken. Ich nahm den leichten Schweißfilm auf ihrem Dekolleté wahr.
»Kann ich mich zu dir setzen?« Die Musik hatte wieder eingesetzt, und sie musste schreien, damit ich sie verstand. Aber es war wohl eher eine rhetorische Frage, denn sie saß bereits auf dem Barhocker neben mir, bevor ich etwas erwidern konnte, und bestellte sich einen Longdrink.
Sie bezahlte bei der Barkeeperin und prostete mir zu, bevor sie am knallig pinken Strohhalm sog.
Die ganze Situation kam mir befremdlich vor. Sie benahm sich so, als würden wir uns schon lange kennen, während ich noch darüber grübelte, wie ihr Vater die Tatsache auffassen würde, dass ich Gefühle für Frauen hegte. Er hatte auf mich immer einen äußerst konservativen Eindruck gemacht. Und wenn ich ehrlich war, konnte ich mir auch nicht vorstellen, wie er seine zukünftige Schwiegertochter herzlich in die Arme schloss.
»Er weiß es nicht.« Ich las es mehr von Pias Lippen, als dass ich ihre Antwort auf meine nicht gestellte Frage vernahm. In meinem Gesicht erschienen noch mehr Fragezeichen.
»Mein Vater«, stellte sie klar. »Das war es doch, was du dich gefragt hast. Zumindest konnte ich es so auf deinem Gesicht ablesen. Die Antwort ist, dass er nicht weiß, dass ich mich zu Frauen hingezogen fühle. Er träumt noch immer von dem jungen Mediziner, der seiner Tochter den Hof macht.« Ihre makellosen Zähne blitzten, als sich ihre Lippen zu einem breiten Grinsen verzogen. Diese Tatsache schien Pia sehr zu erheitern. »Ich selber habe es eher auf eine charmante, gutaussehende Ärztin abgesehen.«
Ihre Hand legte sich auf meinen Oberschenkel, und die Hitze breitete sich augenblicklich aus. Einen Moment war ich versucht, die Berührung zu unterbinden. Es war ungewohnt, dass jemand so direkt war, aber ich musste mir eingestehen, dass es nicht unangenehm war.
»Wir müssen uns wohl oder übel gegenseitig vertrauen.«
Gedanken schwirrten wirr durch meinen Kopf und überforderten mich, doch mir wurde bewusst, dass mein Gegenüber ein größeres Risiko einging als ich. Ich entspannte mich soweit es ging, denn unsere Begegnung hatte mich, mehr als ich erwartet hatte, irritiert.
»Gehst du oft tanzen?«, versuchte ich das Gespräch in eine unverfängliche Richtung zu lenken.
Sie schüttelte mit gespielter Trauermiene den Kopf. »Nein, wie du ja weißt, bleibt uns in unserem Job nicht wirklich die Zeit dafür. Stressige Arbeitszeiten, Nachtdienste, Wochenenddienste.«
Plötzlich wurde mir bewusst, dass ihre Hand noch immer auf meinem Oberschenkel ruhte. Sie fühlte sich gut an. Zu gut.
Alarmglocken schrillten unvermittelt in meinem Kopf. Das passte nicht zu meinem derzeitigen Lebensentwurf. Und vor allem hatte es keine Zukunft, mit der Tochter des Chefs etwas im Verborgenen anzufangen. Ich warf einen flüchtigen Blick auf meine Armbanduhr und stand abrupt auf.
»Ich muss los.«
»Noora, warte.«
»Ich kann nicht.« Ich ergriff die Flucht und schob mich hastig durch die Menge.
Doch Pia Söderholm ließ nicht locker, sondern folgte mir, bis wir draußen in der kalten Nachtluft standen und die ersten Schneeflocken des Winters vom dunklen Himmel herabtanzten.
»Shit«, entfuhr es mir. Mein Parka lag im Auto meiner Freundin, mit der ich zur Party gefahren war. Sie hatte angeboten, mich nach Hause zu fahren. Die Temperatur war deutlich gefallen, und ich fror nach der stickigen, hitzigen Luft in der Disco. Suchend sah ich mich nach der Bushaltestelle um und konnte nur fröstelnd hoffen, dass der nächste Bus bald kommen würde. Ich setzte mich wieder in Bewegung.
»Noora, jetzt warte doch mal.« Sie war dicht hinter mir. »Bleib stehen. Bitte.«
Pia prallte gegen mich, als ich so plötzlich stehen blieb, wie ich losgegangen war.
»Was willst du?« Ich drehte mich um, war mir mehr als deutlich ihrer Nähe bewusst.
Eine Gänsehaut überzog ihre nackten Arme. Feine Schneeflocken hatten sich in ihren Haaren verfangen.
»Ich will dich.«
»Das ist doch verrückt. Wir kennen uns doch gar nicht.«
»Na dann wird es Zeit, dass wir das ändern.« Von Pias Zeigefinger baumelte ein Schlüsselbund. »Komm, Noora, es ist kalt. Ich fahre dich nach Hause.«
Ich ließ es zu, dass sie mich in die Wohnung begleitete und sich unsere Lippen berührten, sobald sich die Tür hinter uns geschlossen hatte.
»Vielleicht sollten wir das nicht tun.« Ich war erschrocken und verunsichert über die intensiven Gefühle, die ihre Berührungen in mir auslösten. Mein Körper schien ausgehungert zu sein nach einer langen Zeit ohne Zärtlichkeit und reagierte augenblicklich auf sie.
Ich wusste selbst nicht genau, was mich noch zögern ließ.
»Doch Noora, wir sollten es tun. Ich hatte schon auf dem Kongress das Bedürfnis, dich zu berühren.« Sie lachte auf. »Aber stell dir mal das Gesicht meines Vaters vor, wenn er es mitbekommen hätte, und außerdem war ich mir nicht sicher, ob du lesbisch bist. Jetzt hat sich meine Ahnung glücklicherweise bewahrheitet.«
Drei Monate lag unsere Begegnung zurück. Eine Zeit, in der wir uns jobbedingt nur unregelmäßig und heimlich treffen konnten. War es das, was ich mir von einer Beziehung erhoffte, oder sperrte ich mich unbewusst dagegen, mich richtig auf Pia einzulassen, sie an meinem Leben teilhaben zu lassen?
Als ich das Telefongespräch mit ihr beendete, fiel mein Blick auf die Uhr meines Handys. Es war schon nach neun. Aku würde mich auf der Polizeistation bestimmt schon erwarten.
Das grelle Licht im Badezimmer ließ meine von strähnigen mittelblonden Haaren umrahmte Haut noch blasser erscheinen, und als ich in den Spiegel über dem Waschbecken schaute, starrte ich in verquollene, rotumrandete, blaue Augen. Das würde keine Schminke kaschieren können. Aber das Problem erübrigte sich, da ich für gewöhnlich ungeschminkt war und meinen Schminkbeutel auch nicht eingepackt hatte.
Ich entkleidete mich und ließ das heiße Wasser der Dusche mit geschlossenen Augen auf mich prasseln, was meine pochenden Kopfschmerzen geringfügig linderte.
Aku reichte mir mit einem kurzen Blick in mein Gesicht ein Glas Wasser und zwei Schmerztabletten, die ich dankbar annahm. Er ließ mich Platz nehmen und verließ sein Büro, um wenig später mit zwei dampfenden Tassen zurückzukehren.
»Der ist wahrscheinlich so stark, dass der Löffel darin stehen bleibt, aber vielleicht ist es jetzt genau das Richtige für dich.« Mir fiel der entschuldigende Tonfall seiner Stimme auf, als er mir den Kaffee über den Tisch zuschob und sich setzte. Schweigend nahm ich die Tasse entgegen.
»Wie fühlst du dich?«
Ich umschloss den heißen Becher mit beiden Händen und genoss die Wärme an meinen klammen Fingern. Der Schmerz ließ mich zusammenzucken, als ich mir beim ersten Schluck die Zunge an dem dunklen Gebräu verbrannte. Vorsichtig schluckte ich, bevor es mir möglich war, ihm zu antworten.
»Bescheiden, aber ich werde schon irgendwie klarkommen.« Meine Zunge fühlte sich seltsam pelzig an, wo der heiße Kaffee sie getroffen hatte.
Ich wappnete mich für die vielen Fragen, die der Kommissar mir gleich stellen musste, um seine Ermittlungen voranzubringen.
Doch statt Fragen auf mich abzufeuern, sagte Aku nur: »Es wurde gestern Abend noch eine dritte Leiche gefunden, als die Feuerwehr anfangen konnte, die Trümmer beiseite zu räumen, um nach der Brandursache zu forschen.« Er hielt inne und wartete, bis die Worte mein Bewusstsein erreicht hatten.
»Wir konnten die Leiche, wenn sie auch keinen schönen Anblick bot, inzwischen identifizieren. Es war Jussi, der alte Farmmitarbeiter deines Vaters. Ich bin mir sicher, du kanntest ihn. Der Arzt, der den Tod bescheinigt hat, geht von einer natürlichen Todesursache aus. Er kannte Jussis Krankengeschichte und ist der Meinung, der alte Mann habe einen weiteren Schlaganfall erlitten und im Sturz die Petroleumlampe umgeworfen.«
Ich hörte schweigend zu und hielt meine Tasse krampfhaft umklammert, als könnte sie mir irgendeinen Halt geben. Ich war mir nicht sicher, ob ich wollte, dass er weitersprach.
»Jussi war wohl nicht mehr in der Lage gewesen, das Feuer zu löschen oder deine Eltern zu warnen. Ein Hundekörper wurde im selben Raum gefunden. Wir nehmen an, dass es Joke war. Soviel wir wissen, hatte Jussi keinen eigenen Hund.«
Er sah mich an und ließ mir Zeit, die neuen Informationen zu verarbeiten. Ein kehliger Laut der Verzweiflung entrang sich mir. Ich war unfähig, meine Gedanken, meinen Schmerz in Worte zu fassen.
Der arme Jussi. Ich kannte ihn seit meiner Kindheit. In diesen Jahren, in denen es den Rentierzüchtern wirtschaftlich immer schlechter ging, war er die einzige Hilfe meines Vaters gewesen, seit ich weggezogen war. Er hatte zeitweise auf der Farm gewohnt, und ich erinnerte mich an Abende am Lagerfeuer, während Jari und ich seinen Geschichten über das Leben mit den Herden in der kalten Tundra lauschten. Soviel ich wusste, hinterließ der alte Mann niemanden. Schwermut darüber erfüllte mich. Ein Leben ging zu Ende, und es gab keine Familie, die den Toten betrauerte. Keinen Angehörigen, der ihn zu Grabe tragen würde.
»Du meinst, es war alles nur ein schreckliches Unglück?« Meine Stimme klang brüchig, weil ich die aufsteigenden Tränen zurückhielt. Der Tod von diesen drei wundervollen Menschen war unfassbar und sinnlos. Aku sah auf einmal ganz müde aus. Seinen Augenrändern nach zu urteilen, war er die ganze Nacht auf den Beinen gewesen. Er nickte, als könnte auch er das Geschehene nicht in Worte fassen.
»Wenn es dich irgendwie tröstet: Laut Obduktion sind deine Eltern an einer Rauchvergiftung verstorben, bevor das Feuer in ihr Schlafzimmer übergegriffen hat. So haben sie nichts bemerkt.«
Meine Eltern friedlich schlafend in ihrem Bett. Was sie wohl am Abend gemacht hatten? Meine Mutter hatte vermutlich neben dem Kaminofen auf dem Schaukelstuhl aus hellbeige lackiertem Holz gesessen und gestrickt oder gehäkelt. Im Winter hatte sie viel gestrickt. Im Sommer kam sie aufgrund der Arbeiten auf dem Hof selten zu ihren geliebten Handarbeiten. Jedes Jahr erhielt auch ich neue Mützen, Socken und Handschuhe, die ich stolz mit einem leichten Gefühl von Wehmut trug.
Was waren ihre letzten Gedanken, Träume gewesen, bevor sie für immer einschliefen? Hofften sie, Jari und mich zu Weihnachten wiederzusehen? Weihnachten, ich hatte noch keine konkreten Pläne gemacht, da ich die Hälfte der Festtage Dienst im Krankenhaus hatte. Nun gäbe es keine gemeinsamen Weihnachten mehr mit meinen Eltern. Jari war der Einzige, der mir geblieben war. Aber Jari hatte inzwischen seine eigene kleine Familie. Meine Gedanken sprangen zwischen Vergangenheit und Zukunft hin und her. Immer wieder ihr Schlafzimmer, wie es langsam von Rauch erfüllt wurde und der friedliche Atem immer mehr abebbte, bis sich ihre Brust nicht mehr hob und senkte.
Ich versuchte, die Bilder, die unaufhaltsam vor meinem geistigen Auge aufstiegen, zu verdrängen, indem ich zu praktischen, sachlichen Dingen überging.
»Wann werden die Leichen freigegeben, damit die Beerdigung stattfinden kann?«
»Sie sind bereits freigegeben und werden in Kürze von der Universitätspathologie in die örtliche Pietät überführt.«
»Gut, dann kann ich alles vorbereiten.« Ich musste bald mit meinem Bruder sprechen. Es gab noch vieles zu erledigen und noch viel mehr Entscheidungen zu treffen. Das wollte ich nicht allein.
Schweigend saßen wir uns gegenüber und tranken den Kaffee, der inzwischen abgekühlt war. Es war alles gesagt, was gesagt werden musste, und ich war Aku sehr dankbar für diesen Moment der Ruhe.
»Noora, lass mich rein«, hörte ich Jaris kräftige Stimme, noch bevor er an meine Zimmertür klopfte.
Ich öffnete ihm, und Bruder und Schwester standen sich einige Augenblicke reglos gegenüber. Trauer und hilfloser Zorn schnürte uns beiden die Kehle zu, als wir uns in die Arme schlossen. Ein Gefühl der Schwäche überrollte mich, und ich ließ es, jetzt wo mein Bruder mich hielt, zu und ergab mich der Empfindung. Ließ mich fallen für einen Moment. Heftiges Zittern durchfuhr meinen Körper, als mir bewusst wurde, dass ich endlich nicht mehr allein war, dass mein Bruder bei mir war und wir gemeinsam alle Entscheidungen treffen würden.
Lange hielt Jari mich in seinen Armen und wartete, bis das Beben meines Körpers abebbte. Tröstend fuhr seine Hand mir über den Rücken.
Ich räumte meine achtlos hingeworfene Kleidung vom einzigen Stuhl, damit er sich setzen konnte. Verstohlen schaute ich mich um und stellte mit Erleichterung fest, dass der Papierkorb, in dem ich am Morgen die noch zur Hälfte gefüllte Wodkaflasche entsorgt hatte, vom Zimmerservice geleert worden war. Ich wollte nicht, dass mein Zwilling erfuhr, dass ich mich und meine Trauer im Alkohol ertränkt hatte.
»Noora, wir müssen uns bald überlegen, was mit der Farm geschehen soll. Und wir sollten uns nicht zu viel Zeit lassen. Die Kosten laufen weiter, und die Tiere müssen versorgt werden.«
Ich beneidete Jari ein wenig für seine Fähigkeit, alles, wie schrecklich es auch war, unter sachlichen Gesichtspunkten zu sehen. Das vereinfachte das Leben wahrscheinlich ungemein. Es war schon immer seine Stärke gewesen, Zahlen und Fakten vor die Emotionen zu stellen. Diesbezüglich waren wir grundverschieden. So funktionierte ich einfach nicht.
Ich selbst war bereits seit vierundzwanzig Stunden hier und hatte es noch nicht geschafft, mir darüber Gedanken zu machen. Obwohl mir sehr wohl bewusst war, dass wir als Erben in der Verantwortung für die Tiere standen, stand für mich neben der Aufklärung der Brandursache die Bestattung im Vordergrund. Vielleicht aber auch, weil ich die Farm gesehen und die Gespräche mit der Polizei geführt hatte, während mein Bruder sich auf der Fahrt etwas unvoreingenommener über die Zukunft Gedanken gemacht hatte.
Noch befanden sich die Herden im weitläufigen Gebiet der Züchtergemeinschaft, doch bald stand wieder die jährliche Rentierscheidung an. Und nicht nur das. Die Arbeit auf einer Farm ruhte nie, auch wenn es Jahreszeiten gab, in denen sie weniger intensiv war. Aber gerade in den Wintermonaten, wenn so wie jetzt sehr viel Schnee lag, mussten die Rentiere nahezu täglich zugefüttert werden, da sie nicht genügend Flechten finden konnten.
Jari hatte wie fast immer in seiner pragmatischen Art recht. Es musste sehr schnell eine Entscheidung getroffen werden, was mit dem Land und Gut und den Tieren geschehen sollte.
So schrecklich das Unglück auch war, wir hatten nicht die Zeit, in unserer Trauer zu ertrinken. Wir mussten zum Wohl der Tiere sofort handeln, auch wenn ich diese Entscheidung gern noch hinausgezögert hätte. Ich fühlte mich unter Druck gesetzt, unfähig, einen klaren Gedanken zu fassen, obwohl es nicht das allererste Mal war, dass wir mit dieser Frage konfrontiert wurden. Zu gut, als wäre es gestern passiert, konnte ich mich noch an den Sommerabend erinnern, als meine Eltern es angesprochen hatten.
Das Feuer brannte lichterloh und spiegelte sich flackernd im Glas der Flasche, die der drahtige, dunkelhaarige Mann mit dem wettergegerbten Gesicht in der Hand hielt. Wie immer trug er seinen alten, dunkelblauen Trainingsanzug, auf dessen Brust die aufgedruckten Buchstaben »SUOMI« bereits verblassten. Seine Füße steckten in den traditionell finnischen dunkelgrünen hohen Nokian-Gummistiefeln.
Meine Haare noch nass vom letzten Saunagang, saß ich neben meinem Vater und steckte eine Wurst auf den Holzspieß, die ich dann über die Flammen hielt. Ich genoss es, bei ihm zu sitzen und seinen Geschichten von den Sámi, den Ureinwohnern Skandinaviens, zu lauschen, deren Blut in seinen sowie auch meinen Adern floss.
Ich konnte mir noch gar nicht vorstellen, wie mein Studentenleben in Helsinki aussehen würde. Alles in mir sträubte sich gegen diesen Gedanken. Wehmut kam in mir auf, wenn ich daran dachte, die heimische Rentierfarm, die mein Ururgroßvater aufgebaut hatte, für wahrscheinlich sehr lange Zeit, wenn nicht gar für immer, verlassen zu müssen. Ich kämpfte die aufsteigenden Tränen nieder. Nach unserem Schulabschluss hatten wir lange zusammengesessen. Vater, Mutter, mein Zwillingsbruder und ich. Während Jaris Augen bei der Vorstellung, fern der Bewirtung einer Rentierzucht zu studieren, vor Begeisterung leuchteten, hatte sich mein Magen schmerzhaft zusammengekrampft. Es war mir bewusst, dass die Farm seit Jahren kaum noch Gewinne erzielte und dass unsere Eltern aus diesem Grund wollten, dass wir zukunftssichere Berufe erlernten, so wie es die meisten jungen Menschen aus dieser Gegend in die Städte trieb. Aber dennoch, ich hatte bereits jetzt Heimweh nach dem tunturi, der Hochebene über der Waldgrenze, den Mooren, den Hügellandschaften, den Seen und den weiten Flussbetten meiner Heimat. Das alles würde es in Helsinki nicht geben. Im tiefsten Süden Finnlands hatte ich mich an der Universität eingeschrieben, die im medizinischen Fachbereich den besten Ruf hatte. Ich suchte bewusst die größte Entfernung, um meinem Heimweh nicht zu erliegen und sofort zurückzukehren.
Jari, mein Bruder, hatte sich hingegen entschieden, ein Ingenieurstudium an der Technischen Universität Lappeenranta zu absolvieren. Mein Zwillingsbruder und ich würden zum ersten Mal im Leben getrennte Wege gehen und auf eigenen Beinen stehen. Auch das versetzte mir einen Stich ins Herz. Bisher waren wir immer zusammen gewesen. Mein Bruder war mein Halt gewesen und umgekehrt. Gemeinsam hatten wir die Höhen und Tiefen der Pubertät durchlebt.
War es das letzte Mal, dass wir als Familie gemeinsam das Mittsommernachtsfest feierten? Stina, meine alte Huskyhündin, drückte sich gegen mein Bein und forderte mich auf, durch ihr zerrupftes Fell zu streichen. Ihr Körper war mager und vom Alter gezeichnet. Ich würde auch sie auf der Farm zurücklassen. Das war ihr Leben. Sie kannte kein anderes und wäre in der Großstadt nicht glücklich. Stina hob den Kopf und schaute mich mit ihren dunkelbraunen Augen wissend an. Uns stand ein schmerzhafter Abschied bevor. Ich schluckte hastig und versuchte, den Kloß aus meinem Hals zu verbannen.
»Noora, du musst nicht traurig sein. Du wirst uns in der semesterfreien Zeit immer besuchen können.« Meine Mutter war hinter mich getreten und legte mir die Hände liebevoll auf die Schultern. »Das ist eure Chance, etwas Gutes aus eurem Leben zu machen. Was solltest du hier auf der Farm tun? Sie wirft zu wenig ab, um damit eine Zukunft aufzubauen. Wir halten uns finanziell gerade noch über Wasser.«
Starr blickte ich auf den See hinaus. Weit am Horizont konnte ich ein anderes Lagerfeuer leuchten sehen.
Ich wusste, dass meine Eltern recht hatten. Der Gewinn, den wir für Rentierprodukte erwirtschafteten, sank stetig, und dieses Jahr hatten wir bereits viele Tiere an Luchse, Bären, Vielfraße und den steigenden Straßenverkehr verloren. Aber dennoch kam ich mir vor, als ließe ich meine Eltern und die Farm im Stich, wenn ich fortging.
»Schatz, das ist doch kein Schritt für immer. Wenn du mit dem Studium fertig bist, hast du eine gute Grundlage. Und wenn du dann möchtest, kannst du ja versuchen, nach Kittilä oder Rovaniemi ans Krankenhaus oder Gesundheitszentrum zu kommen.«
Ich hörte ihr kaum zu. Etwas anderes beschäftigte mich viel mehr.
»Aber was ist, wenn euch etwas passiert? Wer soll sich dann um die Tiere kümmern, die Farm bewirtschaften, wenn ich nicht mehr hier bin? Ich habe doch von Papa das Handwerk gelernt. Es wäre zu schade, dieses ganze Wissen wegzuwerfen.« Flehend sah ich von meiner Mutter zu meinem Vater.
»Noora, mein Kind.« Er hatte eine so wunderbar sanfte, tröstende Stimme. »Und dafür bin ich sehr stolz auf dich. Aber wenn wir nicht mehr leben oder uns etwas passiert, sodass wir die Farm nicht mehr bewirtschaften können, müsst ihr sie verkaufen. Sie würde euch sonst nur blockieren.« Eindringlich betrachteten seine weisen Augen uns. »Pertti hat schon mehrfach sein Interesse bekundet. Er hat zwei Söhne und zu wenig Land, da sie beide die Zucht weiterbetreiben wollen. Sie haben nicht die Möglichkeiten, von hier wegzugehen, um einen anderen Beruf zu ergreifen. Sie müssen das Beste aus der Situation machen. Pertti wird euch einen fairen Preis zahlen. Mit dem Geld, Noora, kannst du vielleicht eine eigene Praxis anzahlen.«
Er strich mir mit seiner von harter körperlicher Arbeit rauen, schwieligen Hand über die Wange. Eine vertraute Geste.
»Ich weiß, du wolltest immer in meine Fußstapfen treten. Aber du musst auch an die Absicherung deiner Zukunft denken, mein Schatz. Die Rentierzucht geht immer weiter zurück. Es ist heutzutage einfach nicht so wie früher, wo man sich dadurch ein gutes Einkommen sichern konnte. Deine Kinder sollen doch auch gut aufwachsen können.«
»Aber Papa …« Ich rollte mit den Augen. »Wer sagt denn, dass ich überhaupt Kinder haben werde.«
»Ich hoffe doch sehr, dass ich mit meinen Enkeln mit dem Rentierschlitten durch die Schneelandschaft fahren kann.« Bei diesem Gedanken zeigten sich die kleinen Lachfältchen um die Augenwinkel meines Vaters. Das war nicht der Zeitpunkt, mit ihnen über meine Familienplanung zu diskutieren, also beließ ich es dabei.
Natürlich fügte ich mich aus Vernunftgründen den Wünschen meiner Eltern, aber konnte ich glücklich werden ohne das Leben und die Arbeit in der einsamen Winterlandschaft hier im Norden? Wie hätte ich ihnen auch begreiflich machen können, dass ich mir gar nicht vorstellen konnte, in einem anderen Beruf meine Erfüllung zu finden als hier draußen in der unvergleichbaren Wildnis.
Ich riss mich vom Bild meiner Eltern im Feuerschein los. Es war für sie damals sicher nicht leicht gewesen, ihre Kinder gehen zu lassen, aber sie hatten getan, was sie für richtig hielten. Was meinen Bruder betraf, war die Rechnung aufgegangen. Jari hatte sein Ingenieurstudium erfolgreich abgeschlossen und war nach Schweden gezogen, um dort für ein großes Bauunternehmen zu arbeiten. Er hatte seine Frau Sara kennengelernt und war vor einem halben Jahr zum zweiten Mal Vater geworden.
Ich selbst war inzwischen als Assistenzärztin in der Chirurgie der Universitätsklinik in Helsinki tätig. Und doch träumte ich noch heute, viele Jahre später, von dem einfachen Leben im Einklang mit der Natur. Mein Vater würde nie mehr das Vergnügen der Schlittenfahrt mit seinen Enkelkindern erleben. Ich würde heimatlos und gestrandet in Helsinki sitzen. Weit entfernt von meinem geliebten tunturi. Ich hatte mich auf meine Eltern verlassen. Hatte erwartet, dass sie immer da sein würden, wenn ich zurückkehren wollte, um hier neue Energie zu tanken. Oft hatte ich das Gefühl, meine innere Mitte verloren zu haben. Das hektische Leben in der Hauptstadt fraß mich systematisch auf.
Jetzt waren sie plötzlich nicht mehr da. Und auch die Farm wäre bald nicht mehr da, um mir eine Zuflucht zu bieten. An Pertti verkaufen, hatte Vater gesagt. Der Gedanke tat weh. Ich war auf diesen heftigen Schmerz nicht vorbereitet nach der langen Zeit, die ich bereits im Süden des Landes lebte. Die Dauer der Abwesenheit hatte an meiner Sehnsucht nach dem Farmleben nichts geändert. Im Gegenteil, sie war nur verstärkt worden. Panik und Verlustängste stiegen in mir auf. Ich würde es nicht verkraften, diesen Halt der Natur zu verlieren.
»Jari«, begann ich. Wir saßen auf meinem Hotelbett ganz nah beieinander und hielten einander die Hände, so wie wir es früher schon getan hatten, wenn ich aus einem schlechten Traum erwacht und in sein Bett geklettert war. »Ich kann nicht verkaufen.«
»Falls du bald wieder zurück nach Helsinki musst, kümmere ich mich darum, wenn du willst. Ich kann gleich nachher Pertti anrufen.« Auch er erinnerte sich an das Gespräch, das damals geführt worden war. Er sah nicht, wie ich meinen Kopf schüttelte, sondern starrte die gegenüberliegende Wand an.
»Nein, du verstehst mich falsch. Ich möchte die Farm nicht verkaufen.« Ich hielt den Atem an und wartete, bis meine Worte zu ihm durchgedrungen waren, und sah die verschiedenen Emotionen über sein Gesicht huschen, auch wenn ich nur sein Profil betrachtete. Ich kannte Jari noch immer sehr gut. Verstehen, Überraschung und danach Bestürzung, als er den Sinn und Ernst hinter meinen Worten erfasste. Aber er fing sich und wandte mir das Gesicht zu.
»Noora, das ist lächerlich. Wie soll das funktionieren? Wie stellst du dir das vor? Du hast deinen Arbeitsalltag in Helsinki. Du kannst nicht gleichzeitig eine Rentierfarm bewirtschaften.«
Ich spürte einen Anflug von Trotz in mir aufsteigen. Er verstand meine Liebe zu diesem Landstrich nicht, hatte sich noch nie etwas aus der elterlichen Farm gemacht. Wie konnten wir als Zwillinge nur so verschieden sein?
Plötzlich sah ich alles ganz klar vor mir.
»Nein, da gebe ich dir recht. Nicht gleichzeitig, sondern stattdessen.«
Mein Bruder erhob sich vom Bett und ging durch das Zimmer. Ich wusste, dass er nach Argumenten suchte. So hatte er sich immer verhalten, wenn er anderer Meinung war und ihm nicht sofort einfiel, was er entgegnen sollte.
Dann blieb er stehen und wandte sich mir erneut zu.
»Ich weiß, dass das alles jetzt ein Schock für dich war. Das Feuer, der Tod unserer Eltern. Auch mich trifft es hart. Wie du muss auch ich das alles erst verkraften. Aber wir müssen versuchen, es realistisch zu sehen.« Er hob die Hand, als er sah, dass ich zu einer Erwiderung ansetzte. »Es ist ein furchtbares Unglück geschehen, Noora, ohne Zweifel. Und wir sind in der Pflicht durchzuhalten und die Beerdigungen in die Wege zu leiten. Aber wir müssen uns danach lösen, Abschied von den Toten nehmen und unseren Alltag weiterleben. Es wirdPapa und Mamanicht wiederbringen, wenn wir die Farm behalten. Falls von dem Haus überhaupt noch etwas zu retten ist.«
»Jari, du siehst das falsch.« Warum wollte er mich nicht verstehen?
»Nein, ich sehe das nicht falsch. Als dein älterer Bruder …«
Ich lachte auf. »Das ist jetzt nicht dein Ernst. Älterer Bruder … du bist gerade mal eine knappe Stunde älter als ich.«
»Als dein Bruder«, er ließ sich nicht beirren, »bin ich verpflichtet, auf dich aufzupassen. Es wäre Irrsinn, dein Medizinstudium wegzuwerfen, deine Karriere, um hier im hinterwäldlerischen Kaff ein einsames Leben am Existenzminimum zu fristen.«
Warum war jeder der Ansicht, er wüsste genau, was das Beste für mich sei? Ich hörte Jari nur mit halbem Ohr zu.
»Wir waren beide nicht auf dieses Unglück vorbereitet. Die Herden sind da draußen, und du glaubst, in der Pflicht zu sein, Vaters Erbe als Rentierzüchter antreten zu müssen. Aber Noora, er wollte nie, dass du diese Aufgabe übernimmst. Im Gegenteil, unsere Eltern haben sich ganz klar dagegen geäußert. Sie haben uns gesagt, dass wir die Farm an Pertti verkaufen sollen, um uns diese Entscheidung abzunehmen. Sie wussten, dass irgendwann dieser Moment kommen würde, und sie wollten, dass wir darauf vorbereitet sind. Gib deine Karriere nicht auf. Lass uns den Rat unserer Eltern befolgen.«
Zorn flammte in mir auf. Zu lange hatte ich mich von anderen Menschen leiten lassen, mich ihren Ansichten und Wünschen gefügt, obwohl ich selbst dabei immer unglücklicher wurde. Ich konnte nicht mehr, wollte nicht mehr.
»Es ist mein Leben«, entgegnete ich.
Es war das zweite Mal, dass ich seit dem Brand aufs Land zu unserer Farm rausfuhr. Jari saß schweigend auf dem Beifahrersitz und starrte aus dem Seitenfenster. Beide mieden wir den Augenkontakt. Seit unserem Streit im Hotelzimmer hatten wir nur wenige Worte miteinander gewechselt, wenn es unumgänglich war.
Die Disharmonie mit meinem Zwilling belastete mich. Wir waren einander immer nah, und doch fühlte ich mich von ihm in dieser für uns beide schweren Situation nicht verstanden, was mich sehr enttäuschte.
Ich konzentrierte mich auf die Straße oder zumindest das, was davon übriggeblieben war, nachdem die Fahrzeuge der Feuerwehr und der anderen Einsatzkräfte eine Schneise der Verwüstung in der unberührten Schneelandschaft hinterlassen hatten.
Ich wappnete mich innerlich für den grausamen Anblick und wusste, dass ich es hinter mich bringen musste, wenn ich in meine Zukunft schauen wollte.
