In diesem Sommer - Véronique Olmi - E-Book

In diesem Sommer E-Book

Véronique Olmi

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8,99 €

  • Herausgeber: Kunstmann, A
  • Kategorie: Krimi
  • Sprache: Deutsch
  • Veröffentlichungsjahr: 2013
Beschreibung

Ein Sommerwochenende: Drei Paare treffen sich in einem Ferienhaus in der Normandie, um den 14. Juli zu feiern, wie jedes Jahr. Auf der Terrasse über dem Meer, im Schatten der großen Kiefer zusammen essen; die alten Zeiten beschwören und den jüngsten Klatsch austauschen – jetzt, wo alle älter und die Kinder schon bald erwachsen sind, sehnt sich jeder nach der Geborgenheit vertrauter Rituale. Doch in diesem Jahr ist es anders als sonst: Delphine und Denis, die Gastgeber, stehen kurz vor der Trennung; Nicolas und die Schauspielerin Marie versuchen sich durch demonstrative Nähe über seine Depression und das Ende ihrer Karriere hinwegzutäuschen, und Lola hat wieder einen neuen Liebhaber mitgebracht. Und dann taucht noch der rätselhafte junge Dimitri auf. Warum erzählt er jedem eine andere Geschichte? Hat er es auf Jeanne, die Tochter der Gastgeber, abgesehen? Als beide in einer Gewitternacht vermisst werden, machen sich die Erwachsenen in ganz neuen Paarungen auf die Suche.

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Seitenzahl: 263

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Véronique Olmi

In diesem Sommer

Roman

Aus dem Französischenvon Claudia Steinitz

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Verlag Antje Kunstmann

Für meine Schwester Valérie

»Und das tröstete mich damals und tröstet mich heute: Alles, wovon ihr glaubt, ihr hättet es euch ausgedacht, ist real. Man muss es nur überleben.«

JOYCE CAROL OATES

DELPHINE UND DENIS waren als Erste losgefahren, um das Haus vorzubereiten. Alex und Jeanne würden am nächsten Tag im Zug nachkommen, beide mit einem Schulkameraden, das war ihre Bedingung dafür gewesen, mit den Eltern und deren Freunden das Wochenende des 14. Juli in Coutainville zu verbringen. Sie würden also zu zehnt im Haus sein, dachte Delphine, das war gut. Sie brauchte Leute, so viele Leute wie möglich zwischen sich und Denis.

IN LETZTER ZEIT FÜHLTE LOLA sich müde, nervös, unkonzentriert. Sie war zufrieden, dass der 14. Juli sie aus Paris wegbrachte und ihre Radiosendung Sommerpause machte. Samuel, mit dem sie seit einem Jahr zusammen war, kannte das Haus von Delphine und Denis in Coutainville nicht. Er war glücklich über die drei Tage am Meer, wie ein Kind, das sich auf ein lang ersehntes und ausgemaltes Ereignis freut. So nahm Lola Samuel meistens wahr: wie ein Kind. Er war zwölf Jahre jünger als sie, gerade sechsundzwanzig, und von der Begeisterung jener erfüllt, die noch wenig wissen.

NICOLAS HATTE MARIE NICHT GESAGT, dass er in der Bar gegenüber der Produktionsfirma auf sie warten würde. Er hatte ihre Koffer ins Auto gepackt und wusste, dass sie froh sein würde, nach Coutainville zu fahren, sobald ihr Vorsprechen beendet war. Am Vorabend hatte er mit ihr die Rolle der Großmutter geübt, die ein Heim für Kinder aidskranker Mütter aufmacht. Er hatte ihr mit hoher Stimme die Repliken gegeben, eine aufsässige Sozialarbeiterin, die sich dem Projekt widersetzt. Dann hatten sie zusammen ausgewählt, was Marie für das Vorsprechen anziehen würde, und an der Art, wie Marie am Ende mit strahlendem Lächeln sagte: »Eigentlich ist es uns total egal!«, an der Art, wie sie sich lange im Bett herumwälzte, ehe sie einschlafen konnte, hatte er erkannt, wie sehr sie an diesen zehn Drehtagen und an dieser Rolle hing. Man hatte ihr schon lange nicht mehr so viele Tage angeboten, aber es war schon das zweite Mal, dass man ihr vorschlug, eine Großmutter zu spielen. Sie war gerade zweiundfünfzig geworden.

OHNE DIE KINDER kam ihnen die Fahrt länger vor. Das Schweigen zwischen ihnen störte Delphine und Denis nicht, daran waren sie gewöhnt. Aber die Bemerkungen von Alex und Jeanne, wenn sie bei ihnen waren, die Erinnerungen, die ihnen kamen, weil der Weg zwischen Paris und Coutainville förmlich damit gepflastert war, beschworen die Zeiten ihrer frühen Kindheit, als ihre Eltern noch Lust und Freude aneinander hatten, sich etwas zuflüsterten und dann lachten, als Denis einen kurzen Blick in den Rückspiegel warf, um sich zu vergewissern, dass sie schliefen, um dann einen Finger auf Delphines Schenkel zu legen, ihn langsam hinauf zu ihrem Bauch zu bewegen und erst aufzuhören, wenn sie ihn mit einem leisen, glücklichen Lachen darum bat. Oder nicht aufzuhören. Das kam vor. Vor allem auf dem Rückweg, wenn sie nachts fuhren und am Sonntag so spät in Paris ankamen, dass die Kinder ins Bett gingen, ohne sich auszuziehen, am nächsten Morgen zerknittert aufwachten und sich ein bisschen über ihre verantwortungslosen Eltern ärgerten, die vor der Rückfahrt nach Paris unbedingt noch den Sonnenuntergang über dem Meer hatten sehen wollen.

Das Wetter war schön. Das Morgenlicht vibrierte in der warmen Luft, würde aber bald den Himmel überschwemmen. Denis stoppte kurz vor Caen, um zu tanken. Er kündigte es Delphine nicht an. Er sagte nicht: »Ich muss tanken, willst du einen Kaffee?« Früher hatte er das getan. Ein gemeinsamer Kaffee an der Autobahn, kurz bevor sie sie verließen und auf der Landstraße bis Coutainville fuhren, ihre Freude, auf dem Land zu sein, den säuerlichen Duft des Heus, die Feuchtigkeit der Erde zu riechen, die ungeduldige Freude, sich dem Haus zu nähern, das Spiel mit den Kindern, wenn Denis am Fuß eines Hügels Gas gab und sie warnte: »Wenn wir oben sind, stürzen wir in den Abgrund, danach ist nur noch Leere, seid ihr bereit? Los geht’s!« Und es machte immer ein bisschen Angst. Sogar Delphine, sie wusste nicht, weshalb. Oben auf dem Hügel, wenn die Fortsetzung der Straße unsichtbar war, hatte sie immer diesen kurzen Schmerz im Bauch, diese irrationale Furcht, ins Leere zu stürzen.

Nachdem er getankt hatte, ging Denis in die Cafeteria; Delphine stieg aus, folgte ihm aber nicht. Sie lehnte sich an die Motorhaube des Mercedes, um eine Zigarette zu rauchen, sie spürte die frische Luft auf dem Gesicht, durchzogen von warmen Wellen, die Lust auf das Meer, Lust auf Sand und Ruhe machten. Ein Mann bat sie um Feuer, sie reichte ihm ihr Feuerzeug, ohne ihn anzusehen. Er blieb neben ihr stehen, nachdem er ihr das Feuerzeug zurückgegeben hatte, als stünde sie genau in der Raucherecke, als dürfte er sich nicht entfernen.

»Wir haben Glück mit dem 14. Juli, was? So ein Wetter!«

Sie lächelte ihn kurz an.

»Ja, wir haben Glück«, sagte sie.

»Fahren Sie ans Meer?«

»Ja.«

»Da wird es voll sein.«

»Ja.«

Und dann schwieg der Mann. Er sah sie an. Und fand sie hübsch, denn sie war hübsch, sie war es immer gewesen, und nichts änderte etwas daran, nicht die Mutterschaften, nicht die Zeit und nicht mal diese Traurigkeit, jetzt, wo Denis und sie so schlecht zusammenlebten, so uneins und bitter. Sie war groß, schlank, apart, sie pflegte sich, die Augen immer geschminkt, die Blusen fast immer passend zu ihrer Farbe, einem dunklen, beinah violetten Blau, ihre Lippen waren schmal, ihre Zähne ein wenig vorstehend, was ihr einen merkwürdig jugendlichen Charme verlieh, besonders, wenn sie lachte, denn dann sah es so aus, als würde sie das Leben verschlingen, mit ihren kleinen weißen, etwas vorstehenden Zähnen hineinbeißen. Sie war vierzig und beklagte sich nicht darüber, weil sie wusste, wie sehr sie sich in zehn und in zwanzig Jahren nach diesem Alter zurücksehnen würde, vielleicht war es das, was den Männern gefiel, die Unbekümmertheit, mit der sie ihre vierzig Jahre annahm. Sie spürten ihr Verlangen, glücklich zu sein.

»Werden Sie baden gehen?«

»Entschuldigung?«

»Ich frage, ob Sie baden werden, das Wasser soll sechzehn Grad haben, das stand gestern im Internet, beim Strandwetter, sechzehn sind nicht viel!«

»Nein, das ist nicht viel.«

»Man muss bis zum Nachmittag warten, wenn sich das Meer erwärmt hat, um drei oder vier ist es sicher angenehm.«

»Nein«, sagte sie, »am schönsten ist das Baden abends, wenn die Wellen das Meer gründlich durchgerührt haben; dann ist es lauwarm, dann ist es geradezu sanft, trotz der Wellen.«

Dann ließ sie die Kippe vor ihre Füße fallen und trat sie sorgfältig mit der Schuhspitze aus, ohne den Blick von ihr und von der roten Ballerina abzuwenden, die ein so hübscher Farbtupfer auf dem glänzenden Asphalt war. Als die Autotür zuknallte, hob sie den Kopf: Denis war gerade eingestiegen. Sie folgte ihm. Ungewollt fing sie seinen Blick auf, als er den Kopf drehte, um rückwärts aus der Parklücke zu fahren. Der Blick war ebenso hart wie seine Stimme, als er sehr schnell, sehr leise sagte:

»Du lässt nichts anbrennen!«

Und als das Manöver beendet war, fuhr er etwas zu schnell über den Parkplatz zur Autobahnauffahrt. Delphines Körper zuckte unwillkürlich zurück, als er haarscharf an einer Frau vorbeifuhr, die mit einem Kind an der Hand über die Straße ging. Sie sagte nichts. Die Frau hingegen brüllte vor Wut und vor Schreck und schlug mit der flachen Hand auf den Kofferraumdeckel. Denis sagte nur, als er vorbei war:

»Blöde Kuh!«

»Große Klasse«, sagte Delphine.

»Genau«, antwortete er nur.

Und das war alles.

SIE KAMEN VON UNTEN nach Coutainville, von dort, wo die Kinder auch heute, mit elf und beinah sechzehn Jahren, noch wetteiferten, wer das Meer als Erster sah und »Das Meer!« rufen durfte, wie ein unglaublicher Sieg, und das sogar bei Ebbe, worüber sie lachen mussten, aber trotzdem: Wer als Erster die weiße Schranke sah, hinter der die Mole begann, und ein paar Sekunden später das Meer oder dessen Sandboden, hatte gewonnen. Nichts. Nur die Freude, als Erster im Auto »Das Meer!« gerufen zu haben. Die Freude, dass die Mitfahrer etwas leiser, bewundernd und respektvoll antworteten: »Ja, da ist es! Das Meer …« Und dann bog das Auto ab, fuhr nie bis zur Mole; das Haus lag versteckt, ein kleiner Sandweg mit Splittern von Muschelschalen und Schiefer führte in die Sackgasse, an dessen Ende sie auftauchten, das Haus und sein Garten.

Durch das stets von Salz und Sand getrübte Fenster ihres Schlafzimmers schaute Delphine aufs Meer. Jedesmal, wenn sie es wiedersah, schämte sie sich irgendwie. Das Meer war da. Voll. An seinem Platz. Ohne Skrupel. Delphine fragte sich, ob sie nicht zögerte, anstatt zu leben. Ein schwaches Gefühl von Vergeblichkeit, immerzu. Als wäre die Luft verbraucht. Sie drehte sich um, als Denis hereinkam, um seinen Koffer auf sein Bett zu stellen. Sie teilten dasselbe Zimmer, schliefen aber jeder in einem Einzelbett, in Kinderbetten sozusagen. Sie sah ihn an, seine kahl gewordene Stirn, seinen langen Körper, vor Müdigkeit etwas gebeugt, aber immer noch schön, ja, ein schöner Mann, sportlich und selbstsicher, mit dem Charme derer, die mit fünfundfünfzig anziehender sind als mit zwanzig, weil ihr Körper endlich vom Leben erfüllt ist und weil sie gekämpft haben, um ihren Platz zu finden. Er würde ihr immer noch gefallen. Wenn sie ihm heute begegnete, bei Freunden, im Kino, würde sie wollen, dass er sie ansieht und anspricht.

»Wollen wir beim Italiener essen?«, fragte sie ihn.

»Beim Italiener?«

»Ja. Das haben wir doch früher immer gemacht. Schließlich haben wir Urlaub …«

»Du hast doch immer Urlaub.«

Sie wandte sich ab, um wieder aufs Meer zu schauen. Nein, vielleicht würde ihr dieser Mann doch nicht gefallen, wenn sie ihm bei Freunden, im Kino begegnete, vielleicht würde der Instinkt ihr sofort raten, sich in Acht zu nehmen, denn ohne Zärtlichkeit kann man nicht leben.

Sie hatte ihn überrascht, er rechnete nicht damit, und sowieso war es lächerlich, ein Tête-à-Tête im Restaurant, die Stille mit Banalitäten füllen, ein Martyrium. Er schaute sie an und sah ihre zarten Schultern unter dem Kleid aus bedruckter Seide leicht erschauern, sah ihr langes Haar, ihren Rücken, ihren schmalen Po. »Sie ist hübsch«, dachte er, und dann packte ihn die Wut.

»Ich muss zum Dachdecker, warte nicht mit dem Essen auf mich«, sagte er und ging eilig hinaus.

Delphine starrte immer noch auf das Meer hinter den schmutzigen Scheiben. Man kann sie niemals richtig putzen, dachte sie, sie sind zu hoch, und selbst wenn man sie putzen würde, wäre es albern, ja wirklich, man würde jemanden kommen lassen, und dann? Zwei, drei Tage später könnte man von vorn anfangen, das wäre idiotisch. Und diese Idiotie trieb ihr die Tränen in die Augen. Was für ein Ärger!

Das Meer zog sich langsam zurück, ein schmales Band aus feuchtem Sand tauchte auf. Delphine dachte, dass sicher viele Leute am Strand waren und Geschrei jeden Alters, aller Zeiten ertönte. Sie kamen in den Ferien her, als Kinder, dann als Erwachsene, als Eltern, Großeltern, saßen auf Klappstühlen unter einem Sonnenschirm, einen großen Sonnenhut auf dem Kopf. Man sah die Kinder im Sand spielen und dem Wasser gefährlich nah kommen, man hörte die Mahnungen der Eltern, die bald alt werden und sich ihrerseits unter den Sonnenschirm zurückziehen würden. Delphine ging zu ihnen hinaus. Zu all den Generationen, die herumschreien. Im Angesicht des Meeres.

»SAMUEL!«, SAGT LOLA schon zum dritten Mal, »du sollst mich in der Öffentlichkeit nicht küssen, ich mag das nicht, es ist mir peinlich.«

»So ein Quatsch, dieser Zug ist völlig leer, und neulich Abend im Kino hast du mich die ganze Zeit geküsst. Und bei den die Maillol-Statuen! Was war da?«

»Die Maillol-Statuen, das war ganz am Anfang, am Anfang macht man immer solche Sachen, das gehört zum Spiel.«

»Keine Frau hatte jemals so was mit mir angestellt, das kann ich dir sagen. Mich unter meinem Mantel zu streicheln, mitten im Januar, vor den Statuen in den Tuilerien!«

»Schon deshalb wurde es Zeit, dass du bei reifen Frauen landest, sie haben mehr Fantasie.«

Um kundzutun, dass die Diskussion beendet war, legte Lola die Füße auf den Sitz gegenüber und schaute hinaus auf die vorbeiziehende Landschaft, aber es gab nicht viel zu sehen. Meistens fuhr der Zug an Böschungen entlang oder an Einfamilienhaussiedlungen, in deren menschenleeren Gärten aufblasbare Schwimmbecken und Klettergerüste standen. Das trostlose Bild der Langeweile, der allmählichen Kapitulation.

»Samuel, denkst du, wenn du einen leeren Garten siehst, an übergewichtige Kinder, die sich vor idiotischen Fernsehserien mit Hamburgern vollstopfen?«

»Nein. Ich denke, dass sie vielmehr geflohen sind, so schnell sie konnten, und hoch oben auf einem Baum oder in einer Stadt voller Musik tief durchatmen.«

»Du bist ein Siegertyp, deine Kommunikationsfirma wird bald Gewinn abwerfen, bravo!«

Samuel war nett. Vor ein paar Monaten war er sogar alles gewesen, was sie mochte: begeistert, aufmerksam, voller Energie, und verliebt, ja, so verliebt, wie man es nur sein kann, wenn man den anderen so wenig kennt und es einfach ist, dieses noch unscharfe Wesen in unsere Träume eintreten und unseren Fantasien dienen zu lassen. Sie lauschte auf den harten Tonschnitt, als der Zug in einen Tunnel fuhr. Wie das knallte, lebendig und brutal. Sie überlegte sich, dass sie diesen Ton mit dem des Windes koppeln könnte oder vielleicht mit dem Knallen eines ausgebreiteten Lakens im Wind. Lola war zehn Jahre lang Kriegsreporterin im Nahen Osten gewesen. Vor zwei Jahren war sie nach Frankreich zurückgekommen und produzierte gerade eine Radiosendung über die Stille. Sie zog sich gern in dieses fortwährende Lauschen zurück. Das Geräusch des auftauchenden Lebens, ohne Worte. Es hatte in Kanada angefangen, in einem Wald in der Nähe von Calgary. Da war dieses wiegende, eindringliche Knarren. Sie hatte gefragt, was da so rauschte und klagte, wie ein heiserer Aufprall. »Die Bäume«, hatte man ihr geantwortet. Nicht die Äste, nicht die Blätter, nicht der Wind. Der Baum selbst.

»Ich freue mich, dass wir drei Tage am Meer sind, du wirst begeistert sein vom Haus von Denis und Delphine, und so ein Glück mit dem Wetter, was!«

»Ja. Ich hätte die Normandie nicht gern im Regen erkundet. Ich hasse Regen.«

O ja, wirklich, er weiß so wenig, dachte sie, wie kann ein Liebhaber sagen, dass er Regen hasst? Dabei hatte Samuel nichts von diesen armseligen Typen, die zwölf Monate im Jahr der Sonne hinterherjagten und sich zum schönen Wetter beglückwünschten, als wäre es eine persönliche Auszeichnung. Sie streichelte seine Wange. Betrachtete seine grünen, zu hellen Augen, sein lockiges Haar, das die noch rundlichen Wangen einrahmte. Nichts war abgenutzt.

Der Zug wurde langsamer, passierte, ohne anzuhalten, einen verlassenen Bahnhof. Hinter dem Bahnhof sah man eine Bar, ohne die Aufschrift lesen zu können, ein Moped stand davor. Lola dachte, dass sie das Geräusch des in den Tunnel einfahrenden Zuges mit dem eines Eisengitters unterlegen würde, an dem ein warmer Wind rüttelt. War es möglich, die Wärme des Windes zu hören? Samuel schmiegte sich an sie, als wäre sie eine Frau, die beruhigt. Eine Frau von achtunddreißig, bei der man Zuflucht findet.

Nun brachte sie also einmal mehr einen unerfahrenen Jungen zu Delphine und Denis nach Coutainville. Der sie nicht kannte. Sie blieb frei.

EHE SIE IN COUTAINVILLE ANKAMEN, machten Nicolas und Marie immer in Coutance Halt. Sie kauften bei Lemonnier Sandgebäck und Baisers, tranken einen Kaffee im Tourville, und schon waren sie im Urlaub. Seit sechzehn Jahren feierten sie den 14. Juli bei Denis und Delphine. Nicolas und Denis hatten sich im Lycée Chaptal kennengelernt, wo sie zur selben Basketballmannschaft gehörten; sie hatten abends zusammen trainiert, an den Wochenenden Spiele und Turniere, Kurse und Auswahlwettkämpfe absolviert. Mit dem Abitur in der Tasche war jeder seiner Wege gegangen. Nicolas begann Geschichte zu studieren, während sich Denis auf die Aufnahmeprüfung für das ISC Paris vorbereitete, die renommierte Businessschule, die seinem Vater so viel bedeutete. Eines Abends hatten sie sich zufällig in der Rue du Bac wiedergetroffen; Denis führte seinen Hund aus, einen schwarzen Labrador namens Pepsi, und Nicolas war unterwegs zu einem Cognacverkäufer, der seine Flaschen mit individuellen Etiketten versah und deshalb die meisten Schauspieler von Paris als Kunden hatte, die an den Premierenabenden Cognac mit so lustigen Namen wie »Das doppelte Lotterchen« oder »Boeing Boeing« verschenkten. Nicolas wollte seine Bestellung abholen: Die Flasche hieß »Don Juan«, Marie spielte Elvira, sie war fünfundzwanzig und er machte ihr seit acht Monaten den Hof. Neben dem Cognac schenkte er ihr am Premierenabend einen Verlobungsring. Sie nahm ihn auf der Stelle an. Drei Monate später waren sie verheiratet, Don Juan ging auf Tournee, Nicolas besuchte die Truppe an den Wochenenden und während der Schulferien und kannte bald Don Juan, die Fahrpläne der SNCF und alle Provinzlokale, die nachts geöffnet hatten, auswendig.

Die Sonne verlieh Coutance den Anstrich eines Badeortes. Das Meer war nur noch ein paar Kilometer entfernt, die Luft war schon anders, trotz der Sonne eher frisch; man hörte die Möwen, ohne sie zu sehen, Autos mit Booten auf dem Anhänger fuhren vorbei.

»Ich glaube, ich nehme an, wenn Denis mir vorschlägt, seine Stute zu reiten.«

»Nicolas! Denis wird dir niemals anbieten, Tina zu reiten! Er wird dir einen der alten Gäule aus dem Club andrehen, und dann kommst du wieder nicht hinterher.«

»Versuch nicht, mich davon abzubringen, weil du Schiss hast. Gaul oder nicht, ich habe Riesenlust, einer von den Männern auf dem Prospekt zu sein, weißt du: das Bild, auf dem sie mit wehenden Haaren und Cashmerepullover um die Schultern über den Strand galoppieren!«

Marie strich über Nicolas’ kurzes Haar:

»Fehlt nur noch der Cashmerepullover, mein Schatz.«

Ihr Auto, ein alter, dunkelgrüner Peugeot, hatte keine Klimaanlage. Marie öffnete das Fenster und fing mit der Hand die Luft draußen ein; durch den leichten, der Geschwindigkeit geschuldeten Widerstand schien es ihr nach einer Weile, als würde ihre Hand anschwellen, taub werden wie nach einem Insektenstich und sich von ihrem Körper lösen. Das Vorsprechen am Morgen war seltsam lange her, und die Erniedrigung, als man sie gebeten hatte, eine dritte Aufnahme zu machen, hatte vielleicht eine andere als sie empfunden, eine, die sie dort zurückgelassen hatte. Sie fragte Nicolas, ob er sie lieber in ihrem schwarzen Badeanzug oder in dem gestreiften Bikini sehe. Natürlich erinnerte er sich an keinen von beiden.

»Was ist eigentlich die Frage, Marie?«

»Im Moment sind sowieso Pareos in Mode; ich habe einen Pareo mitgenommen.«

»Was ist eigentlich die Frage?«

»Habe ich dir gesagt, dass Anaïs will, dass wir Ende August zu ihr fahren? Ich habe gesagt: ›Dein Vater wird sicher einverstanden sein.‹ Oder? Du bist doch einverstanden? Tel Aviv ist Ende August besonders schön, wenig Leute, keine religiösen Feste.«

»Egal, was die Frage ist, die Antwort ist Nein: Du hast nicht zugenommen.«

»Danke.«

Nicolas fuhr etwas langsamer und strich mit der Hand über Maries Bluse:

»Wenn du gestattest, überprüfe ich es.«

Sie sah ihn mit einem kleinen Lächeln an, dieser Mann gefiel ihr außerordentlich. Das traf sich gut.

DAS IST EIN SCHÖNER PLANET, dachte Delphine, ein sehr schöner Planet: das Meer, der Himmel, die Bäume, der Regen und die Sonne. Wenn Gott existiert, ist er ein genialer Bühnenbildner. Nur schade, dass er unbewohnbar ist. Schade, dass er nicht gemacht ist, um darauf zusammenzuleben. Sie neigte lächelnd den Kopf. Serge kam auf sie zu, sie stand auf, um ihm die Hand zu geben:

»Wann sind Sie denn angekommen? Ich dachte, die Fensterläden waren zu.«

»Vorhin erst.«

»Ist Denis nicht da?«

»Er ist beim Dachdecker. Und Sie? Wann sind Sie … Sind Sie schon lange da?«

»Gabrielle hat ihr Französisch-Abi gemacht, sie haben sie erst am 7. Juli gehen lassen; das war vielleicht ein Elend, acht Tage länger in Paris zu bleiben, weil Sylvie sie natürlich nicht allein lassen wollte. Das verstehe ich. Schließlich war das Abi in diesem Jahr wirklich nicht ohne, Gabrielle hat die Textinterpretation gewählt, das Thema, dreimal dürfen Sie raten … Delphine? Delphine, hören Sie mir zu?«

Denis war da. Er hatte gebadet. Er kam aus dem Wasser. An seinen tiefen Atemzügen erkannte sie, dass er lange geschwommen war, weit hinaus, voller Glück.

»Und was war das Thema in diesem Jahr?«

»Eine Rede von Obama, aber das habe ich doch gerade gesagt.«

»Nein, aber nicht die ganze Rede? Doch?«

Denis beugte sich vor, um sein Handtuch aufzuheben und sich kräftig den Körper abzureiben, während er aufs Meer hinaussah, das Gesicht ein wenig verzogen, wie immer bei einer Anstrengung. Er hatte schöne Beine. Die ihm nicht gefielen. Den meisten Männern gefallen ihre Beine nicht, sie haben unrecht, dachte Delphine. Ein Ball landete vor Denis’ Füßen. Ein Junge kam angerannt und kniff wegen der Sonne die Augen zu. Denis hob den Ball auf, ohne ihn zurückzugeben, und sie unterhielten sich einen Moment.

»Also wirklich, er mag ja den Friedensnobelpreis haben, aber eine Rede ist nicht das, was ich Literatur nenne.«

»Und was ist Literatur?«

Der Mann lachte. Er dachte, Delphine mache einen Scherz, sie sei einverstanden, dass es keine Literatur war, und er erging sich über die Volksbildung und die Privatisierung der Post. Delphine beobachtete immer noch über seine Schulter hinweg Denis und den Jungen. Denis war so groß, etwas herabgebeugt zu dem Kleinen, der jetzt lachte und von einem Fuß auf den anderen hüpfte. So war er auch mit seinen eigenen Kindern gewesen: nett, liebenswürdig, eilig. Sie war vierundzwanzig Stunden am Tag da. Denis musste nur auftauchen, für ein Wochenende, ein paar Stunden, und Jeanne und Alex tranken seine Worte, schufen sich mit ihrem Vater wärmende, genüsslich der Abwesenheit gestohlene Erinnerungen. Sie waren immer voller Dankbarkeit für ihn, weil seine Zeit so kostbar war, es war eine Gunst, dass er ihnen ein wenig davon schenkte. Delphine war da, und das war selbstverständlich, vielleicht musste sie sogar ihren Kindern dankbar sein, weil sie ihr ihren Platz gaben. Aber sie waren herangewachsen. Und hatten die Grenzen verwischt. Denis gab dem Jungen den Ball, der Kleine rannte davon. Der Mann wandte den Kopf, um zu sehen, was Delphine über seine Schulter hinweg beobachtete.

»Na so was! Denis!«

Er eilte mit offenkundiger Erleichterung auf ihn zu. Denis hatte seine Züge bestens im Griff, nur Delphine nahm den kurzen Augenblick heftiger, widerwilliger Überraschung darüber wahr, sie am Strand zu sehen, und als der Mann bei ihm war, zeigte er das einladende, offene Lächeln, das seine zweite Haut, seine Maske als Generaldirektor war. Er könnte sogar am Strand einen Vertrag unterzeichnen, dachte sie. Sie beschloss, sich nicht von der Stelle zu rühren. Nicht die Komödie der Ehefrau zu spielen, die ihrem Mann entgegengeht und ihn fragt, was beim Dachdecker rausgekommen ist und ob er mit ihr zusammen das erste Bad des Jahres nimmt. Wie sie es früher getan hatten. Das erste Bad des Jahres, rennend, Hand in Hand, mit den unvermeidlichen fröhlichen Schreien, weil das Wasser so kalt ist in der Normandie, und dem gefürchteten und zugleich lustigen Moment, wenn es den Unterleib erreichte, mit dem Lachen und den Grimassen; und dann, nachdem man bis drei gezählt hatte und eingetaucht war, tat es so gut, endlich drin zu sein und zufrieden zu sagen: »So kalt ist es gar nicht« und sich mit salzigem Mund und rasendem Herzen zu küssen. Denis war etwas verlegen, weil sie sich nicht rührte und ihn so aus der Entfernung anschaute; sie wusste es, sie sah es an seinem gereizten und irgendwie vorwurfsvollen Blinzeln.

»Warst du noch nicht baden? Serge geht gerade, beeil dich, das Meer zieht sich zurück.«

Er kam zu ihr, mit dem Mann, von dem er nicht wusste, wie er ihn loswerden sollte.

»Nein, also … Ich muss zurück. Sylvie wartet auf mich«, sagte er.

»Wollen Sie nicht mit meiner Frau baden gehen? Das ist ein Fehler, sie ist eine gute Schwimmerin.«

»Serge hat dir gerade erklärt, dass er es eilig hat«, sagte Delphine in eisigem Ton, und der Nachbar machte sich davon.

»Gehst du nicht baden?«

Sie wagte ihm nicht zu sagen, dass sie keine Lust hatte, allein zu gehen.

»Was ist, gehst du nun baden oder nicht?«

»Was kümmert dich das?«

Er zögerte einen Moment. Streckte ganz kurz die Hand zu Delphines Haar aus, ohne diese Regung zu verstehen.

»Nichts«, sagte er. »Es ist mir egal.«

Und er ging, sein Handtuch um den Hals, wie ein Boxer. Er verließ den Strand, lief sehr aufrecht, ohne im Sand zu rutschen, denn er sagte sich, dass sie ihn vielleicht anschaute. Aber sie schaute ihn nicht an. Sie ging zum Meer, das sich schon zurückzog; man musste lange über den nassen Sand laufen, ehe man das Wasser erreichte, und dann noch mal lange laufen, ehe es bis zu den Schenkeln ging und man eintauchen konnte. Delphine lief gern so bei Ebbe, trat in warme Pfützen, auf die Sandhäufchen, die die Würmer hinterlassen hatten, die weichen Algen, die zerbrochenen Muscheln, die ein bisschen wehtaten, all diese Spuren des Meeres, wenn es noch nicht verschwunden ist.

Später trafen sie sich zu Hause wieder, und jeder wusste, was er zu tun hatte, ehe die Kinder und die Freunde am nächsten Tag kommen würden. Marie und Nicolas, die treuen, beruhigenden Stammgäste, Lola und ihr neuer Freund, den sie kaum kannten und von dem sie nichts erwarteten; Jeanne und Alex mit ihren Freunden, eingeladen als Spielgefährten, zum Zeitvertreib. Delphine kümmerte sich darum, dass in den Schlafzimmern und Bädern nichts fehlte, versicherte sich, dass die Putzfrau ihre Anweisungen befolgt hatte. Dann ging sie Rosen schneiden. Um auch etwas zu tun. Denis kontrollierte seinen Weinkeller, holte Gartenmöbel und den Grill heraus. Die Sonne stand jetzt hoch, und das Meer war unsichtbar. Schon sah man die Gestalten, die auf die Jagd nach Krabben und Sandaalen gingen. Jedes Jahr war es so, die gleichen Gesten, die gleichen Bilder in derselben Landschaft und die Freude, sich wiederzusehen, mit klar verteilten Rollen und dem gemeinsamen Wunsch, dass alles gelingen sollte. In diesem Jahr aber würde nichts so ablaufen wie erwartet.

»JEANNE IST SCHÖN«, meinte Marie. »Es ist unglaublich, wie weiblich die Mädchen heutzutage mit sechzehn sind, wir sahen doch aus wie Pummelchen, oder? Wir waren noch Babys.«

Delphine sah ihre Tochter an, die mit ihrer Freundin Rose unter der großen Kiefer im Garten saß. Sie lackierten sich mit eifrigem Ernst die Fußnägel, ohne ein Wort zu wechseln.

»Ihre Freundin gefällt mir nicht besonders«, sagte sie.

»Habt ihr gesehen, was sie liest?«, fragte Lola. »Closer und Voici, dabei kaut sie Kaugummi, das ist genau der Typ Mädchen, wie sie in allen Einkaufszentren rumhängen.«

Und sie saßen da und beobachteten die beiden Mädchen, die gleichgültig waren für alles, was um sie herum geschah, die keine Hilfe angeboten hatten, um den Tisch zu decken oder die Salate vorzubereiten. Die drei Frauen versuchten sich vorzustellen, was sie an ihrer Stelle getan hätten, und die Jugendzeit kam ihnen noch nicht so fern vor, fröhliche Ungeduld, gemischt mit Misstrauen und Instinkt. Manchmal tauchte die Vergangenheit wieder auf. Ganz kurz, wie eine Mahnung. Sie gossen sich Wein ein. Marie fand ihre Beine zu blass und ihre Knöchel geschwollen. Ganz bestimmt hatte sie zugenommen. Ihr Körper wurde gleichsam ohne sie, ganz unkontrolliert dicker und älter. Lola dachte, dass sie schon so viele Männer in dieses Haus gebracht hatte, und was sie in den ersten Jahren amüsiert hatte, kam ihr heute abgeschmackt vor. Eine alte Gewohnheit, die keinen Sinn mehr hat und die man aus Nachlässigkeit nicht aufgibt. Sie sah Jeanne und Rose an und erinnerte sich. Sechzehn, das war gut, kurz bevor ihr Leben eine hässliche Wendung nahm. Marie erzählte Delphine von ihrem Casting, der Rolle der »jungen« Großmutter, aber Delphine sah ihre Tochter an und versuchte zu verstehen, was sie mit dieser Freundin verband, diesem Teenie der Shoppingcenter und der Klatschspalten über die Cellulitis der Stars. Rose hatte den Kopf zwischen die Schultern gezogen und den Oberkörper leicht vorgeschoben, wie in Abwehrhaltung – die Gestalt eines kleinen Stiers. Jeanne vertraute ihr wahrscheinlich ihre Geheimnisse an. Verstand sie sie? Antwortete sie darauf? Hatte dieses primitive kleine Geschöpf Einfluss auf ihre Tochter? Marie spürte, dass sich Delphine nicht für das interessierte, was sie ihr erzählte. Ihre Geschichten waren vorhersehbar. Wie lange schon erzählte sie von ihren Plänen, die immer gleich aussahen: die Rolle, das Casting, das Warten? Ihre Freundinnen waren daran gewöhnt. Das war sie: eine Schauspielerin-die-auf-eine-Rolle-wartet. Sie leerte ihr Glas in einem Zug. Die Sonne stand hoch am Himmel, das Meer war in der Nacht zurückgekehrt, wie eine Kulisse, die sich an ihren Platz stellt. Das musste man natürlich ausnutzen, die Gelegenheit eines sonnigen Nachmittags in der Normandie bei Flut durfte man nicht verpassen. Delphine rieb sich schon die Beine mit Sonnencreme ein, weil es ihr Vergnügen bereitete, der leicht süßliche Geruch, die ölige Substanz, die an den Fingern und an der die Sandkörner haften würden, und die Sandkörner würden ins Haus, auf den Boden und in die Betten kommen, jeder würde ein bisschen vom Strand mit sich nehmen, die Erinnerung an einen Tag in der Sonne.

Samuel, die Arme voller Weinflaschen, kam mit Denis und Nicolas zurück. Sie hatten die Einkäufe erledigt, die die Männer machen, das Vergnügen geteilt, gemeinsam in einem teuren Laden zu stehen, ohne sich ein Menü ausdenken oder konkret werden zu müssen. Sie hatten Zeitungen und Zigarren gekauft, außerdem beim besten Konditor Sorbets, die sie im Auto auf der Rückbank vergessen hatten. Lola sah Samuel an, er war glücklich, hier zu sein, wollte alles richtig machen und sich so bereitwillig und sympathisch präsentieren, wie er konnte. Er war der kleine Neue und wusste, dass er bewertet und unvermeidlich getestet wurde. Er hatte Rubbellose gekauft, Millionaires und Bancos, setzte sich neben sie ins Gras und fing an, sie eins nach dem anderen sorgfältig abzukratzen. Lola wusste genau, was Marie und Delphine dachten, spürte ihre stumme Missbilligung. Denis kam zu ihnen.

»Dein Mann hat beschlossen, uns sein Thunfischtatar zu servieren, man kann die Küche nicht mehr betreten«, sagte er zu Marie.

Delphine hasste ihn dafür, »dein Mann« zu sagen und nicht »Nicolas«, diese winzige Distanz, die seine Überlegenheit kundtat, denn für Denis war ein Mann in einer Küche ganz sicher fehl am Platz, wenn er nicht gerade Austern öffnete oder eine Lammkeule tranchierte.

»Ich habe Denis beim Flipper geschlagen«, sagte Samuel, »eine tolle Partie, was, Denis?«

»Ich habe mir überlegt, dass es vielleicht eine gute Idee wäre, einen Flipper im Aufenthaltsraum der Firma aufzustellen. Heutzutage ist überall von Mittagsruhe die Rede, das kommt aus Japan, angeblich brauchen die Angestellten ihr Nickerchen. Ich stelle lieber einen Flipper auf.«

»Soll er die Kinderkrippe ersetzen oder ist es ein Bonus?«, fragte Delphine.

Es gab eine kleine Stille, nur ein Moment. Lola wusste, dass es die wahre, reine, unmittelbare Stille nur im Studio gab. Diese hier vibrierte von lastenden Schwingungen, gleich winzigen Schreien.

»Nicolas hat erzählt, dass du für eine Großmutterrolle vorgesprochen hast«, sagte Denis zu Marie. »Du weißt, dass du verloren bist, wenn du das machst! Dann bieten sie dir nur noch Rollen für alte Frauen an.«

»Man kann in meinem Alter schon Großmutter sein.«

»Das ist doch scheißegal! Es ist eine Frage der Strategie. Wenn du das jetzt annimmst, statt begehrenswerte, leidenschaftliche Frauen zu spielen, bist du erledigt.«

»Man kann doch Großmutter sein und leidenschaftlich, oder nicht?«

Marie überlegte sich, wie verwirrend es war, dass alle Alter so in uns zusammenlebten, ohne dass eines das andere auslöschte oder verdarb. Delphine cremte jetzt ihre Arme ein, langsame, wiederholte Liebkosungen, schaute auf ihre Hände, als würde jemand anderes sie pflegen. Dann sagte sie:

»Jeannes Freundin ist eine dumme Gans.«

Samuel hob erschrocken den Kopf. So konnte man auch über ihn sprechen, kein Zweifel. Denis lächelte unwillkürlich.

»Eine richtige Gans«, sagte er.