In dieser ganz besonderen Nacht - Nicole C. Vosseler - E-Book

In dieser ganz besonderen Nacht E-Book

Nicole C. Vosseler

4,4
8,99 €

Beschreibung

Eine hinreißend romantische Geistergeschichte vor der beeindruckenden Kulisse San Franciscos

Nach dem Tod ihrer Mutter muss Amber, die in einer deutschen Kleinstadt gelebt hat, nach San Francisco ziehen – zu ihrem Vater, den sie kaum kennt. Sie fühlt sich einsam und verlassen. Eines Abends begegnet sie dort in einem leer stehenden Haus Nathaniel, einem seltsam gekleideten Jungen. Er scheint der Einzige zu sein, der sie versteht. Aber er bleibt merkwürdig auf Distanz. Als Amber den Grund dafür erfährt, zieht es ihr den Boden unter den Füßen weg: Nathaniel stammt aus einer anderen Zeit und die beiden können niemals zusammenkommen. Doch in einer ganz besonderen Nacht versuchen die beiden das Unmögliche …

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EPUB
MOBI

Seitenzahl: 679




Nicole C. Vosseler

In dieser

ganz besonderen

Nacht

1. Auflage 2013

© 2013 für die deutschsprachige Ausgabe

cbt/cbj Verlag, München

in der Verlagsgruppe Random House GmbH

Alle deutschsprachigen Rechte vorbehalten

Umschlaggestaltung: *zeichenpool, München

Umschlagbilder: © Shutterstock (N.N., stavklem, letterstock, NatUlrich)

KK · Herstellung: hag

Satz: omnisatz GmbH, Berlin

ISBN: 978-3-641-08734-0

www.cbt-jugendbuch.de

Zeit ist …

zu langsam für die, die warten,

zu flüchtig für die, die sich fürchten,

zu lang für die, die trauern,

zu kurz für die, die sich freuen.

Aber für die, die lieben,

ist Zeit Ewigkeit.

HENRY VAN DYKE

Für all die verwaisten Seelen dieser Welt,

die darum kämpfen, wieder heil und ganz zu werden.

Wenn man stirbt, so heißt es, zieht das ganze Leben an einem vorbei. Aber als ich starb, war es nur die Erinnerung an das letzte Jahr, die durch mich hindurchschoss. Zwölf Monate, die alles auf den Kopf stellten, was ich über das Leben und den Tod und die Dinge dazwischen zu wissen glaubte. Das Jahr, das kurz nach meinem sechzehnten Geburtstag im Dezember begann und an dessen Ende mein Herz aufhörte zu schlagen.

Ich sah mich wieder auf dem Friedhof stehen, zwischen den Gerippen der Bäume, die sich dunkel gegen den blassen Winterhimmel abzeichneten. Die nackten Äste reckten sich in die Höhe, als wollten sie sich verzweifelt an den fahlgrauen Wolken festklammern, weil ihre Wurzeln im Boden keinen Halt mehr fanden. Ich wusste, wie sich das anfühlte, keinen Boden mehr unter den Füßen zu haben. Ohne Halt zu sein.

Einzelne Schneeflocken irrten umher und sanken zwischen den Holzkreuzen zu Boden, fingen sich in den braunfleckigen Blumen der Kränze und Gestecke und schmolzen auf den Bändern mit Abschiedsworten und letzten Grüßen. Meinen Geburtstag hatten wir noch zusammen verbracht, ein Weihnachten hatte es für Mam nicht mehr gegeben. Es kam mir unwirklich vor, hier zu stehen, an diesem frischen Grab, vor der Haube aus Schnee und Blumenschmuck über dem ausgehobenen und wieder aufgeschaufelten Erdreich. Genauso unwirklich wie die Beerdigung vor gut einer Woche, als sich hier all die Menschen in Schwarz und Grau versammelt hatten, von denen ich viele kaum oder gar nicht kannte. Die mir einer nach dem anderen die Hand gegeben und mit belegter Stimme immer dieselben Beileidsfloskeln gemurmelt hatten, auf die ich nichts zu erwidern wusste. Unwirklich hatte das laute Weinen meiner sonst so beherrschten Oma geklungen, und während mein Opa sich immer wieder über die nassen Augen rieb, waren meine trocken geblieben, die Lider unnatürlich weit aufgerissen, wie festgeklebt. Als würde ich eine Rolle in einem Film spielen, so kam ich mir immer noch vor. In einem sehr, sehr falschen Film, in dem das alles jemand anderem passierte. Nicht mir.

Trotz der warmen Stiefel waren meine Füße zu Eisklötzen erstarrt und mir war kalt. Ich zog die Schultern hoch und die zu kurz gewordenen Ärmel meiner dicken Jacke weiter über die Handgelenke. Keiner hatte daran gedacht, mir für diesen Winter eine neue zu kaufen, es war einfach nicht mehr wichtig gewesen. Ein frostiger Hauch streifte meine Wange und ich sah auf.

Wenige Schritte von mir entfernt beugte sich eine alte Frau über eines der Grabkreuze. Einen weichen, fast ein bisschen verwunderten Ausdruck auf dem zerfurchten Gesicht, wischte sie mit der bloßen Hand den frischen Schnee von den Armen des Kreuzes. Ihre knotigen Finger zitterten dabei, vielleicht weil sie alt war, vielleicht weil sie um einen lieben Menschen trauerte. Vielleicht fror sie aber auch nur; die braune Strickjacke über dem geblümten Kleid war viel zu dünn für diesen kalten Tag, und ihre Füße, über denen die groben Wollstrümpfe Falten schlugen, steckten in vom Schnee durchweichten Filzpuschen. Als hätte sie gespürt, dass ich ihr zusah, hob sie den Kopf und blickte suchend umher. Von einem eigenartigen milchigen Blau waren ihre Augen, die sich mit meinen trafen und dann ungläubig weiteten. Ihr Mund öffnete sich zu einem stummen Laut, und vorwurfsvoll, beinahe anklagend richtete sie den Zeigefinger auf mich. Ich hatte keine Ahnung, wer sie war und was sie von mir wollte, und doch gelang es mir nicht, wegzuschauen oder mich umzudrehen. Es war wie in einem dieser Albträume, in denen man um Hilfe schreien will, aber keinen Ton herausbringt. So wie mein Leben in den vergangenen sechs Monaten zu einem einzigen bösen Traum geworden war, aus dem ich einfach nicht mehr aufwachte.

»Amber.«

So leise er meinen Namen auch aussprach, brach mein Vater damit doch den Bann, und ich wandte den Kopf. Die Hände tief in den Taschen seiner verwaschenen Jeans vergraben, sah er mich an, ein ebenso mitfühlendes wie unsicheres Lächeln um den schmalen Mund. Auch er hatte die Schultern unter seiner Daunenjacke hochgezogen und seine Nasenspitze war rot gefroren; er war solche kalten Winter nicht gewohnt.

Mein Vater. Ich versuchte dauernd, es mir vorzusagen, um mich daran zu gewöhnen, aber es funktionierte nicht. Er blieb einfach nur Ted für mich.

Mam hat immer steif und fest behauptet, ich sei nach der Heldin eines ollen Schmökers benannt, den sie als Mädchen heiß geliebt hatte. Aber ich war mehr davon überzeugt, sie hat von Anfang an geahnt, wie ähnlich ich Ted einmal sehen würde. Mein Haar, das unter der Mütze hervorschaute und über meine Schultern fiel, war lang und glatt wie das von Mam, bevor sie es sich kurz vor der OP abrasiert hatte; durch die Bestrahlung und die Chemo wäre es sowieso ausgefallen. Doch während ihres von dunklem Mahagonibraun gewesen war, hatte meines eine Farbe irgendwo zwischen Blond und Karamell mit einem Schuss Kupfer. Wie Bernstein – Amber. Wie das von Ted, das er immer noch so trug wie auf den Fotos aus den Neunzigern, an den Seiten zu kurz, im Nacken zu lang und ständig ein bisschen verstrubbelt. Hoffnungslos altmodisch war auch seine Brille mit den übergroßen Gläsern, Modell Bill Gates, und wenn er mich dahinter anblinzelte, so wie jetzt, erinnerte er an eine verwirrte Eule.

»Ich weiß, es fällt dir schwer«, sagte er behutsam. Seine Augen, von demselben dunklen Blau wie meine, waren gerötet. Mehr als einmal hatte ich beobachtet, wie er sich mit dem Zeigefinger unter die Brillengläser fasste und einzelne Tränen wegwischte; dabei hatten Mam und er sich getrennt, als ich noch nicht einmal ein Jahr alt gewesen war. Er zog eine Hand hervor und streckte sie nach meiner Schulter aus, die ich sofort zurückriss. Nichts wusste er über mich, gar nichts. Woher denn auch?

In seinem länglichen, fast rechteckigen Gesicht zuckte ein Muskel, und seine Finger verharrten noch einen Augenblick unschlüssig in der Luft, bevor er sie wieder in der Hosentasche versenkte. »Wir müssen leider los.«

Ich nickte mechanisch und bückte mich, um meinen Rucksack vom Boden aufzuheben und zu schultern. Als ich mich aufrichtete, warf ich noch einen Blick über die Grabkreuze hinweg.

Von der alten Frau war nichts mehr zu sehen.

Mit gesenktem Kopf trottete ich Ted hinterher, den abschüssigen Weg zwischen den Grabfeldern hindurch, und der Schnee gab unter unseren Sohlen ein gummiartiges Knirschen von sich. Hinter dem schmiedeeisernen Tor des Friedhofs wartete Gabi auf uns, Mams beste Freundin und meine Patentante, die ein Teil unseres Lebens gewesen war, solange ich zurückdenken konnte. Schneeflocken glitzerten in ihren braunen Locken. Die Hände in den Taschen des bordeauxroten Wollmantels, lehnte sie an ihrem klapprigen Toyota, mit dem sie uns zum Flughafen fahren würde.

Weil mein Vater, den ich kaum kannte, mich einfach aus meiner Umgebung herausriss wie irgendein Unkraut im Garten und mich auf seine Seite der Welt mitnahm.

Nach San Francisco.

TEIL EINS

The City by the Bay

Der Verstand ist eine Welt für sich,

in der ein Himmel zur Hölle werden kann und eine Hölle zum Himmel.

JOHN MILTON

1

Die Räder meines Trolleys klackerten über den glatten Boden der Flughafenhalle, durch die ich Ted hinterherstolperte. Eine Schar asiatischer Flugbegleiterinnen in gemusterten Wickelröcken und passenden Blusen, jede ein Trolleyköfferchen im Schlepptau, trippelten kichernd und schnatternd in ihren Riemchensandalen an uns vorbei, das lackschwarze Haar zu einer Hochsteckfrisur festbetoniert und geschminkt wie für das Cover eines Hochglanzmagazins.

Nach elf Stunden im Flieger, in denen ich abwechselnd vor mich hingedöst und sinnlos aus dem Fenster gestarrt hatte, weil mir der ausklappbare Minibildschirm nur die Wahl zwischen Liebesschnulzen, hirnlosem Actiongeballer und irgendwelchem Kinderkram ließ, fühlte ich mich wie von einem Bulldozer überfahren. Ich war noch nie so weit geflogen, nur mit Mam in die Türkei und nach Ägypten. Jeder Knochen, jeder Muskel tat mir weh und mein Kopf war wie mit Watte ausgestopft. Noch dazu hatte die seltsam aussehende quietschgelbe Masse heute Morgen, die wohl Rührei hätte sein sollen, ein pelziges Gefühl in meinem Mund hinterlassen, das sich auch gegen Kaugummi und diverse Dosen Cola light widerstandsfähig zeigte.

Die Wärme von Gabis Umarmung, als sie sich in der Abflughalle von mir verabschiedete, und der pudrige Duft ihres Parfüms, den ich noch einige Stunden nach dem Abheben an mir erschnuppern konnte, waren längst verflogen. Du wirst dich schneller dort einleben, als du jetzt denkst. In ein paar Wochen sieht alles schon viel freundlicher aus, glaub mir!, hatte ich noch ihre Stimme im Ohr. Das war typisch Gabi, für sie war das Glas immer halb voll statt halb leer. Tschüss, mein Liebes! Mach’s gut dort drüben! Schick mir eine SMS, wenn ihr gelandet seid! Und mail mir bald oder ruf an! Müde hatte sie ausgesehen; unter ihren warmherzigen braunen Augen, aus denen ständig Tränen kullerten, waren tiefe Schatten zu sehen. Nach und nach hatte Gabi in den letzten Monaten ihre Arbeitsstunden in der Praxis für Physiotherapie reduziert, um mit mir zusammen den Haushalt zu schmeißen und sich um Mam zu kümmern, und als das nicht länger ging und Mam ins Krankenhaus musste, war Gabi trotzdem immer irgendwie da gewesen. Bis Ted kam, hatte sie sogar bei uns in der Wohnung geschlafen, damit ich nachts nicht allein war. Ohne sie wären wir wesentlich schlechter dran gewesen, Mam und ich. Und obwohl ich vernünftig sein und einsehen wollte, dass Gabi ein Recht darauf hatte, wieder ihr eigenes Leben zu führen, wünschte ich mir nichts sehnlicher, als dass Mam mich bei ihr hätte wohnen lassen, anstatt mich zu Ted zu schicken. Und schreib mal eine Karte – mit der Golden Gate Bridge drauf! Oder einem Cable Car!

Bis zur Passkontrolle hatte ich mich noch an den dünnen Strohhalm geklammert, mit meinen Papieren könnte etwas nicht in Ordnung sein, mir würde die Einreise verweigert und ich müsste auf der Stelle den nächsten Flug zurück nehmen. Schließlich war ich zwar die Tochter eines Amerikaners, aber in Deutschland geboren, und Mam und Ted waren nie verheiratet gewesen. Mein neu ausgestellter amerikanischer Pass, für den Gabi mit mir und einer Mappe voller wichtig aussehender Dokumente ins Konsulat nach Frankfurt gefahren war, hielt jedoch der Prüfung durch die Beamtin in schwarzer Uniform und ihrem Scanner stand, und mit einem Nicken und einem angedeuteten Lächeln gab sie mir zu verstehen, ich solle weitergehen. Welcome to America.

Grell stach mir das Sonnenlicht in die Augen, als wir ins Freie traten, und ich kniff die Lider zusammen. Klasse, meine Sonnenbrille war natürlich irgendwo ganz unten in meinem Koffer; keiner hatte mir gesagt, dass ich die hier Ende Dezember brauchen würde. Und warm war es, zumindest zu warm für meine dicke Jacke und die gefütterten Stiefel. Missmutig blinzelte ich zum Himmel hinauf, der hinter leichten Dunstschlieren knallblau leuchtete. Auf der rechten Seite erstreckte sich ein lang gezogener Bau mit glatter, von Querschlitzen durchzogener Fassade, vor dem sich auf einer hochgebockten Schiene eine silberglänzende Bahn heranschob, die in ihrem futuristischen Design genau zu dem Flughafengebäude aus Stahl und Glas passte. Und jenseits der Betonbrüstung, die die Zufahrtsstraße vor mir einfasste, ließ mich ein kräftiger Windstoß einen Blick durch dichte Sträucher auf ein Labyrinth aus Asphalt erhaschen, das sich dahinter ausdehnte; mehrspurige Straßen, die sich in Kurven, Schleifen und Bögen über- und untereinander hindurchwanden. Als hätte hier jemand mit großer Begeisterung seine ganz persönliche Vorstellung von einer Stadt der Zukunft verwirklicht, vermutlich ein Trekkie mit Leib und Seele, der Mister Spock als sein Idol verehrte.

Ich umklammerte den Schultergurt meines Rucksacks fester. Irgendwie schien ich die Einzige zu sein, die wirklich kapierte, was das hier für mich bedeutete. Ich und vielleicht noch Julia. Scheitel an Scheitel und mit angezogenen Knien hatten wir die letzten Nachmittage auf ihrem Bett verbracht, weil ich es in der so gut wie leer geräumten Wohnung nicht mehr aushielt, und hatten in einvernehmlichem Schweigen an die Decke gestarrt. Als könnten wir dadurch die Uhren anhalten und das Unvermeidliche vielleicht doch noch abwenden.

Nach dem ersten Schock, als ich geknickt meine Neuigkeit verkündete, hatte es bei den anderen einen Schalter umgelegt. Heyyy, Frisco – Hammer! Amiland, wie geil! Mensch, hast du ein Schwein!, hatten sie durcheinandergerufen. Sandra hatte himmelschreiend schief »Ca-li-for-nia drea-min’ on such a winter’s daayy« angestimmt, und Hannes, dem sicher irgendwann noch Schwimmhäute wachsen würden, weil er jeden Sommer mehr Zeit im See als sonst wo verbrachte, hatte eine Hand mit abgespreiztem Daumen und kleinem Finger locker geschüttelt und grinsend »Hang Loose!« gejohlt. Mir entfuhr ein leises Schnauben, als ich daran dachte. Klar fanden das alle toll! Sie konnten ja auch weiter in ihrem kuscheligen Nest bleiben, in dem es sich prima von der großen Welt träumen lässt, während ich diejenige war, die alles hinter sich lassen musste. Meine Stadt, mein Zuhause, meine Freunde.

Ja, sicher, sie würden mich vermissen, das hatten sie zigfach wiederholt, und womöglich wollten sie mir es mit ihrer Begeisterung nur leichter machen. Trotzdem hatten sie fast im selben Atemzug mit glänzenden Augen herausgesprudelt, was ich dort drüben doch alles sehen und erleben könnte, und manchmal hatten sie fast ein bisschen neidisch geklungen. Als ob ich in einem Preisausschreiben gewonnen hätte. Sie taten gerade so, als wechselte ich einfach die Schule oder würde in einen Nachbarort umziehen und wäre in den nächsten zwei Jahren nur einen Katzensprung entfernt. Mir kam es vor, als lebten sie in einer anderen Welt. In der das Schlimmste, was einem zustoßen konnte, darin bestand, dass man wegen der Fünf in Mathe sitzen blieb. Dass die Eltern sich scheiden ließen wie die von Hannes oder häufig stritten wie bei Sandra. Während ich einfach aus dieser Welt herausgefallen war, hinein in eine, in der eine Mutter von heute auf morgen todkrank werden und niemand etwas dagegen tun konnte. Eine Welt, in der einfach nichts mehr stimmt und in der man ziemlich allein herumhockt, weil man von den anderen wie durch eine Glasscheibe getrennt ist.

»Kommst du?« Ted stand neben der offen stehenden Tür eines erbsengrünen Taxis, das mit Fog City Cab beschriftet war. Eine dicke Nebelsuppe hätte definitiv besser zu meiner Laune gepasst. Der Fahrer hob gerade Teds Trolley in den Kofferraum; als ich näher schlurfte, warf er meinen Koffer mit seinen immerhin beachtlichen 23,8 Kilo schwungvoll hinterher. »Rutsch rüber und schnall dich an!«

Ich schob mich auf die andere Seite des Rücksitzes, verstaute meinen Rucksack im Fußraum und sortierte erst mal meine müden Arme und Beine.

»Nob Hill, bitte«, rief Ted dem Fahrer zu, der schon auf seinen Sitz gehüpft war und den Motor anließ. Das Autoradio sprang mit an und füllte unter stampfenden Rhythmen den Innenraum mit plärrendem Latino-Pop, während ich gerade anfing, mich aus meiner Jacke zu pellen. »Eins-vier-sieben-vier Sacramento Street. – Amber! Anschnallen!«

»Jaa doch! Ich bin kein Baby mehr!«, schimpfte ich vor mich hin, griff aber trotzdem nach der Gurtschnalle. Ich hatte sie kaum einrasten lassen, als das Taxi unter aufheulendem Motor ruckartig ausscherte und mit quietschenden Reifen so scharf anfuhr, dass es mich in den Sitz zurückschleuderte, bevor der Fahrer das Gaspedal durchtrat und die Straße entlangraste.

Erschrocken sah ich Ted an. Ein Schmunzeln vertiefte die Kerben beiderseits seiner Mundwinkel. »Das ist Taxifahren in San Francisco.«

Na prima. Ich hatte gerade erst einen Langstreckenflug inklusive Landung auf der ins Wasser gebauten Piste überstanden, die mir den Magen umgedreht hatte, nur um in einer Stadt mit wild gewordenen Taxifahrern anzukommen. Hoffentlich erfüllten die milde lächelnde Madonna mit dem goldenen Heiligenschein auf dem Armaturenbrett und der heftig schaukelnde Rosenkranz am Rückspiegel ihren Zweck.

»Im Urlaub gewesen?«, erkundigte sich der Fahrer, ein schmaler schwarzhaariger und schnauzbärtiger Mann mit dunklem Teint, dessen Amerikanisch von einem harten Akzent unterlegt war. Interessiert musterte er Ted im Rückspiegel, während er ganz nebenbei den Wagen in den Verkehr auf der Autobahn einfädelte.

»Familienangelegenheiten«, erwiderte Ted und warf mir einen Seitenblick zu. »Ich habe meine Tochter zu mir geholt.«

»Ihre Tochter?« Die Augen im Rückspiegel richteten sich neugierig auf mich und ich rutschte tiefer in den Sitz; ich ahnte, was gleich kommen würde. »Da haben Sie ja früh angefangen«, setzte er prompt mit einem rauen Lachen hinzu.

Ich verdrehte die Augen. Die Leute klangen immer, als sei ich das Ergebnis einer Teenager-Schwangerschaft gewesen; dabei war Mam zweiundzwanzig gewesen, als sie mich bekommen hatte, und Ted gerade mal ein Jahr jünger.

»Schau.« Ted zeigte über die Wasserfläche rechts neben der Straße. Ich konnte noch einen Blick auf das von Scheinwerfermasten gekrönte Oval eines kleinen Stadions am Ufer werfen, bevor es hinter einem verschachtelten Apartmentkomplex am Fuß eines Hügels verschwand. »Der Candlestick Park«, erklärte Ted. »Da spielen die Giants. – Baseball«, setzte er hinzu. »Wenn du Lust hast, besorg ich uns mal Karten.«

»Ich mach mir nicht so viel aus Sport«, murmelte ich und kratzte einen getrockneten Klecks Pseudo-Rührei vom Oberschenkel meiner Jeans.

»Das war aber früher anders.« Ted klang irritiert; offenbar erinnerte er sich an den einen Sommer, in dem er bei uns zu Besuch gewesen war und mit Mam und mir Fußball-WM gucken musste und wir ihm erst mal mit Flaschendeckeln im leeren Pizzakarton die Abseitsregel erklärten. »Du bist doch auch immer gern laufen gegangen.«

Ich zuckte mit den Schultern und konzentrierte meine ganze Aufmerksamkeit darauf, die Spitze meines Stiefels in den Winkel zwischen Fahrersitz und Mittelkonsole zu bohren. Früher war eben früher und jetzt war jetzt. Früher waren Mam und ich manchmal sonntagvormittags in unsere Joggingklamotten und Laufschuhe gestiegen und hatten mit im selben Takt hin- und herpendelnden Pferdeschwänzen eine Runde am See gedreht, aber nachdem sie das nicht mehr konnte, hatte ich auch keine Lust mehr dazu gehabt.

»An der Jefferson High kannst du zwischen einer Menge Sportarten wählen«, hörte ich Ted neben mir sagen. »Vielleicht findest du etwas, das dir Spaß macht.«

Jefferson High war ein schlechtes Stichwort. Ein ganz schlechtes. Bisher hatte ich erfolgreich verdrängt gehabt, dass ich hier auch zur Schule gehen musste, und der Gedanke, in ein paar Tagen als die Neue dort aufzuschlagen, ließ mich noch tiefer auf dem Sitz hinabrutschen. Hastig kramte ich mein Handy aus dem Rucksack, schaltete es ein und suchte ein Netz. Es vibrierte in meiner Hand und auf dem Display war ein kleiner Briefumschlag zu sehen.

Von: Lukas

Guten Flug! Lass mal von dir hören! XOXO

Mein Herz machte einen kurzen Satz und krampfte sich dann zusammen. Am Tag vor Heiligabend hatte ich Lukas das letzte Mal gesehen, dann war er wie jedes Jahr in den Weihnachtsferien mit seiner Familie zum Skilaufen in die Berge gefahren. Plötzlich hatte ich einen Kloß im Hals und meine Hand zitterte.

»Alles okay?«, fragte Ted.

»Klar«, würgte ich hervor. Julia hatte sich verplappert, als ich mich am Tag vor meinem Abflug von ihr und Sandra verabschiedete; mit hochrotem Kopf hatte sie bang abgewartet, wie ich darauf reagieren würde, dass Lukas sich in der Woche vor Weihnachten gleich zweimal mit Svenja aus der Parallelklasse getroffen hatte. In unserem Café. Ich konnte es ihm eigentlich nicht mal übel nehmen; es ist nicht besonders spaßig, eine Freundin zu haben, deren Mutter gerade stirbt. Irgendwann konnte ich einfach nicht mehr mit ihm und den anderen abhängen oder Filme anschauen, nicht mehr mit Lukas auf seinem Bett herumlungern und Musik hören, weil mich jeder Ton aus den Boxen, jede Umarmung und jeder Kuss im nächsten Moment hätte in Stücke gehen lassen. Vor allem konnte ich nicht von ihm verlangen, zwei Jahre auf mich zu warten und so lange die laut Internet exakt 9.383,704 Kilometer zwischen uns mit E-Mails, SMS und Skype zu überbrücken. Ich wusste ja aus eigener Erfahrung, wie wenig das taugt, um einem auch nur eine Illusion von Nähe vorzugaukeln.

»Ist wirklich alles gut bei dir?« Ted musterte mich, seine Stirn in besorgte Falten gelegt.

Ich starrte ihn finster an. Ja, sicher, alles bestens! Abgesehen davon, dass Mam nicht mehr da ist und du mir jetzt noch den letzten Rest, der von meinem Leben übrig geblieben ist, kaputt machst.

»Yapp«, gab ich patzig zurück. Ein erleichtertes Lächeln zeichnete sich auf seinem Gesicht ab und er streckte den Arm zu mir herüber. Mit einem Ruck brachte ich mein Knie aus seiner Reichweite und quetschte mich so weit in die hinterste Ecke des Rücksitzes, wie es der Gurt zuließ. Aus dem Augenwinkel sah ich, wie Ted sich abwandte und sich mit einem tiefen Atemzug durch die Haare fuhr.

Ich dachte an Lukas. An die Art, wie er sich mit der flachen Hand über sein blondes, stoppelkurzes Haar rubbelte, wenn er verlegen war, und einen dabei mit seinen grauen Augen von unten herauf anschielte. An sein Grinsen, das immer ein wenig schief geriet und dadurch doppelt lässig rüberkam, und wie sich sein Gesicht konzentriert zusammenzog, wenn er auf seinem Skateboard Anlauf für einen seiner Tricks über Stufen, Mauersimse und Parkbänke nahm, bevor seine Miene in ein triumphierendes Strahlen umschlug. Nichts als Einzelheiten fielen mir ein; Bruchstücke, die kein komplettes Ganzes ergaben, wie ein in der Sonne ausgebleichtes Foto, dessen Farben an manchen Stellen zu unscharfen Klecksen zerflossen waren. Und ich konnte mich nicht mehr daran erinnern, wie es sich angefühlt hatte, wenn er mich im Arm hielt und küsste. Wenn ich genauer darüber nachdachte, hatte ich überhaupt schon lange nichts mehr gefühlt. Nicht so richtig jedenfalls. Konnte man Gefühle einfach vergessen?

Ungefähr siebenunddreißig Mal setzte ich zu einer SMS an Lukas an, aber sobald ich ein paar Worte eingetippt hatte, kamen sie mir auf dem Display dumm und armselig vor, und ich löschte alles wieder. Schließlich verschob ich das Ganze auf morgen, simste Gabi kurz, dass ich gut gelandet war, danach auch noch Julia und Sandra. Dann machte ich es wie Ted und sah schweigend zum Fenster hinaus.

Die Autobahn (Highway? Freeway? Keine Ahnung, worin der Unterschied bestand) zwischen braunen oder grün bewachsenen Hügeln und dem immer wieder aufblinkenden Wasser sah genauso aus wie in amerikanischen Filmen oder Serien, genauso breit, genauso vielspurig und von genauso vielen überdimensionierten Autos befahren. Die Verkehrsschilder wie das auf der Spitze stehende gelbe Quadrat mit den schwarzen Pfeilen, die grünen Tafeln mit der weißen Schrift – Third St, Civic Center, Bay Bridge, Downtown SF oder Daly City –, all das kannte ich aus dem Fernsehen, aber es war mir nicht vertraut. Zwischen den Gewerbegebäuden, Hotelburgen und riesigen Baustellen, die die Straße säumten, kam ich mir komplett verloren vor.

Vor uns tauchte in einer Senke eine Skyline auf, ein Säulenwald nüchtern grauer Wolkenkratzer, hinter denen sich eine Dunstwolke zusammenballte, und das Taxi jagte in die Stadt hinein.

Wie in einem Slalom bahnte sich unser Fahrer seinen Weg an den anderen Autos vorbei, indem er andauernd zackig die Spur wechselte, sodass ich auf dem Rücksitz hin und her geschleudert wurde und immer wieder mit der Schulter gegen die Autotür stieß. Ich atmete auf, als der Verkehr dichter wurde und unser Taxi zu einer zahmeren Fahrweise zwang.

Moderne Glasfassaden wechselten sich mit mehrstöckigen Gebäuden aus braunen oder rötlichen Backsteinen ab, die mich mit ihren Feuerleitern an Fotos von amerikanischen Großstädten aus den Goldenen Zwanzigern erinnerten. Ein Eindruck, den die großflächigen Werbeplakate an den Fassaden gleich wieder zunichtemachten, ebenso wie die bunten Wirbel von Graffitis und die zahllosen kreuz und quer verlaufenden Kabel und Leitungen, die sich zu einem lockeren Netz hoch oben über den Straßen verflochten. Überall hingen noch Lichterketten und Lamettagirlanden, standen geschmückte Weihnachtsbäume, Rentiere und Weihnachtsmänner herum, was für mich bei diesem Wetter völlig daneben wirkte.

Ich dachte an die Häuser und Straßen, zwischen denen ich mein ganzes Leben verbracht hatte. An den Kindergarten mit den alten Kastanien und an den Tag, an dem ich mich dort mit Julia gestritten hatte, wer zuerst auf die Schaukel durfte; nachdem wir uns geeinigt hatten, waren wir unzertrennlich gewesen. An den Spielplatz mit dem Klettergerüst, auf den Mam mit mir sonntagnachmittags gegangen war, und an die italienische Eisdiele mit dem besten Pistazieneis EVER. An den Gehweg zwischen unserem Zuhause und der Bäckerei an der Ecke, auf dem ich mit meinem kleinen grünen Fahrrad zum ersten Mal ohne Stützräder gefahren war. An meinen ersten Schultag in dem alten Jugendstilbau der Grundschule und an die Tage im Betonbunker des Gymnasiums, den auch die bunt lackierten Fensterrahmen und Türen nicht freundlicher machten, und wie Mam und ich jede Woche in den großen Supermarkt einkaufen gefahren waren. Immer schon donnerstags, weil Mam für die Freitage und Samstage die meisten Aufträge bekam, Hochzeitsfotos und Taufbilder. Erinnerungen an eine Zeit, in der meine Welt noch in Ordnung gewesen war.

Mit etwas Glück würde ich vielleicht in den Sommerferien nach Hause fliegen; wenn ich Pech hatte, auch erst wieder in zwei Jahren, mit achtzehn, sobald ich endlich selbst über mich bestimmen konnte. Noch 704 Tage bis dahin, das hatte ich vor dem Abflug ausgerechnet. 704 Tage in einer anderen Stadt, einem anderen Land. Auf einem anderen Kontinent.

Vor dem Hintergrund der Straßenschluchten tauchte in der Scheibe mein Spiegelbild auf. Mein ovales Gesicht mit den leicht auseinanderstehenden Augen und dem großen Mund. Eine blassere Ausgabe von Mams Gesicht auf uralten Fotos, als sie ungefähr in meinem Alter gewesen war. Bevor ihres mit den Jahren kantiger wurde, dafür aber den Kontrast zu dem spitzen Kinn und der ein bisschen kräftig geratenen Nase ausglich, der mich an meinem störte. Bevor die Krankheit in den letzten Monaten noch den letzten Rest Weichheit von Mams Gesicht genagt und nur scharfe Knochen und tiefe Höhlungen übrig gelassen hatte. Fremd kam mir mein Spiegelbild im Autofenster vor, seltsam verzerrt und durchsichtig. Als ob es mich gar nicht mehr wirklich gab.

Das Taxi hielt an einer roten Ampel, und während der Fahrer im Takt der Popmusik aus dem Radio mit dem Kopf vor und zurück ruckte und seine Finger einen schnelleren Beat auf das Lenkrad trommelten, rollte über die Kreuzung vor uns gemütlich eine grüne und silberne Straßenbahn, die mit ihrer sanft gerundeten Karosserie und den kleinen Scheiben einer altmodischen Spielzeugbahn ähnelte. Am Fuß einer Straßenlaterne war ein Fahrrad angekettet, dessen Rahmen flauschiger blauer Flokatistoff überzog, und eine nicht mehr wirklich junge Frau mit wasserstoffblonder Plustermähne führte in einem pinkfarbenen Nickianzug, auf dem eine goldene Stickerei glitzerte, ihre drei weißen Zwergpudel aus. Die Ampel wechselte auf Grün und das Taxi tauchte durch Häuserschluchten hindurch.

Dahinter lockerte sich das Straßenbild auf. Klassische Bauten mit Säulen und Kuppeln standen etwas zurückgesetzt vom Fahrbahnrand, blendend weiß und majestätisch wie Tempel der Antike in ihrer Glanzzeit. Ich hätte erwartet, dass Ted dazu etwas sagen würde, doch er blieb weiterhin stumm, und obwohl ich gern gewusst hätte, was das für Bauwerke waren, fragte ich ihn nicht danach; einige Wimpernschläge später waren wir auch schon daran vorbeigefahren.

Die meisten der oft steil ansteigenden und dann wieder abfallenden Straßenzüge, in die das Taxi der Reihe nach einbog, bestanden aus schmalen, Wand an Wand aneinandergebauten Häusern mit Erkern und hohen Fenstern unter den flachen Dächern. Mal schlicht und schmucklos, mal mit allerlei Schnickschnack in Form von Stuckbordüren und verzierten Simsen, hatten sie immer ihre bunt angestrichene Fassade gemeinsam, in Himmelblau, Primelgelb, Lavendel oder Mintgrün, Veilchenlila, Rosa oder sogar Knallpink. Wie auf einer Postkarte. Wirklich außergewöhnliche Farben, die sich dann aber in immer neuer Reihenfolge wiederholten, genau wie die Laubbäume oder Palmen auf den Bürgersteigen, die Kletterpflanzen und die in Fuchsia und Violett blühenden Sträucher an den Hausfassaden. Irgendwie sahen hier alle Straßen gleich aus.

Einige Häuserblocks weiter preschte unser Taxi eine Steigung hinauf, und ich hätte schwören können, dass es auf der Kreuzung dahinter mit dem Fahrgestell aufsaß. Gleich darauf bremste der Fahrer abrupt, und ich keuchte auf, als ich nach vorne geschleudert wurde und der blockierende Gurt mir schmerzhaft in den Oberkörper schnitt. Von rechts kroch unter metallenem Rattern und Glockengebimmel ein nach allen Seiten offenes kastenförmiges und sehr nostalgisch aussehendes Gefährt aus Holz heran: einer der berühmten Cable Cars von San Francisco, vollgestopft mit Fahrgästen, die im Vorbeifahren eifrig mit ihren Kameras und Handys die Aussicht knipsten. Unser Fahrer rutschte ungeduldig auf seinem Sitz herum, bis der Cable Car vorbeigezuckelt war, dann gab er Gas. Das Taxi bollerte über die Schienen und kam gerade noch so vor einem flott heranfahrenden Auto über die Kreuzung.

»Dort vorne an der Ecke können Sie uns rauslassen«, wies Ted den Fahrer an, der daraufhin erstaunlich sanft an einem beigefarbenen Haus mit weißen Fensterrahmen hielt. »Steig bitte auf dieser Seite hier aus«, wandte sich Ted an mich, bevor er die Tür öffnete.

Wir waren da.

2

Mit weichen Knien kletterte ich aus dem Taxi. Das schmale Straßenschild über der Fußgängerampel verriet, dass die Querstraße, auf der ich stand, »Hyde« hieß, und während der Fahrer bei laufendem Motor unser Gepäck aus dem Kofferraum wuchtete und Ted ihn bezahlte, schulterte ich meinen Rucksack und besah mir das Haus vor mir genauer. Unter dem schnörkeligen Schriftzug Lilypad mit einer endlos langen Telefonnummer und dem Logo einer Seerose waren die Tüllgardinen der Schaufensterscheiben im Erdgeschoss malerisch zusammengerafft. Neonbuchstaben verkündeten rot glühend OPEN, und ein Klappschild auf dem Bürgersteig listete rot auf weiß die Dienstleistungen bei Lilypad auf: Spa Manicure. Spa Pedicure. Skin Care. Waxing. Body Massage. Da sollte ich wohnen?

»Schönen Tag noch!«, rief der Taxifahrer, sprang in den Wagen und brauste davon, um wenige Augenblicke später mit kreischenden Reifen irgendwo abzubiegen.

»Sind nur noch ein paar Schritte«, erklärte Ted. »Das zweite Haus auf der linken Seite ist es. Soll ich deinen Koffer nehmen?«

Ich schüttelte den Kopf und hievte meinen Trolley den Bordstein hinunter. Wir überquerten die Fahrbahn und stapften dann bergan.

Laternenpfosten und Stoßstange an Stoßstange parkende Autos säumten die steile Straße; sämtliche Motorhauben blickten uns entgegen – eine Einbahnstraße. Bis auf den grauen Betonklotz am oberen Ende des Blocks waren die Häuser hier in gedämpften Farben gehalten, in Mattbraun, Zartgrau, Altrosa, immer mit Weiß abgesetzt, und bei ausnahmslos allen wölbten sich in den oberen Stockwerken unterschiedlich gestaltete Erker vor, die zusammen mit den vereinzelt stehenden Laubbäumen dem Straßenzug etwas Verspieltes gaben. Auf der Hyde Street fuhr mit dröhnendem Dieselmotor ein Bus vorbei, und aus der Ferne hörte ich die Sirene eines Polizei-, Feuerwehr- oder Rettungswagens, die genauso jammernd klang wie in amerikanischen Krimis. Sonst war es still.

Neben dem hellbraunen Eckhaus mit seinen kantigen Linien und der vergitterten Einfahrt zur Tiefgarage wirkte das zweite Haus in der Zeile, gelb wie Vanillepudding, fast ein bisschen altmodisch. Um den halbrunden Erker in der Mitte waren Gitterplattformen mit verschnörkeltem Geländer und Feuerleitern angebracht, und weiße Ornamente aus Stuck schmückten den Zwischenraum unter den hohen, zweigeteilten Fenstern der vier durchgängigen eckigen Erker, die sich zu beiden Seiten anschlossen; die Fassade des Erdgeschosses bestand dagegen aus Backsteinen in einem sanften Graubraun. Obwohl es erst Nachmittag war und draußen die Sonne schien, brannte die Lampe über der verglasten Front des Eingangs mit den fast schwarzen Rahmen, und die schlanken weißen Säulen links und rechts waren mit Tannengirlanden aus Plastik umwickelt, in denen rote Glaskugeln hingen.

»Komm, ich trag ihn dir hoch.« Ted streckte die Hand nach meinem Trolley aus.

»Danke, kann ich selber«, murrte ich. Aus dem Augenwinkel sah ich, wie sich am Fenster unmittelbar über uns die Gardine bewegte.

Ted seufzte, ging dann aber mit seinem Koffer voraus, während ich meinen mit beiden Händen packte und Stufe für Stufe an dem zierlichen schmiedeeisernen Treppengeländer vorbei hinaufschleifte. Schnaufend kam ich oben an und mein Blick blieb auf den glänzend polierten Ziffern aus Messing über der Tür kleben. 1474, Sacramento Street. Meine neue Adresse.

Ted hatte seinen Schlüsselbund hervorgenestelt und schloss auf; mit einem kurzen Blick auf die beschrifteten Klingelknöpfe stellte ich fest, dass hier eine Menge Leute wohnten, grob geschätzt waren es wohl um die vierzig Parteien.

Auch in der großzügigen Halle mit den vanillegelben Wänden und braunen Türen waren die Deckenlampen eingeschaltet und verbreiteten ein gedämpftes Licht, dazu blinkten die Lämpchen des mit Unmengen von Glitzerkram behängten riesigen Christbaums auf der rechten Seite hektisch. Eine auf antik gemachte, glänzende Steinbank stand im Winkel neben der Eingangstür; im Spiegel dahinter erhaschte ich einen Blick auf mich, rotgesichtig und verschwitzt, meine Haare auf der einen Seite platt gedrückt, auf der anderen zerzaust, und ich streckte mir selbst die Zunge heraus. Vor einem endlosen Gang mit zahlreichen Türen drückte Ted neben der breiten Treppe mit dem weiß lackierten Geländer auf den Knopf der beiden Aufzüge. Während ich noch überlegte, ob die glänzenden braun-weißen Steinfliesen, auf denen die Trolleyräder ratterten wie Knallfrösche, tatsächlich aus Marmor sein könnten, hörte ich hinter uns eine Tür aufgehen.

»Ah, Professor Fowler, Sie sind zurück!«

»Hallo, Mrs Hanson«, erwiderte Ted freundlich, und jetzt drehte auch ich mich um.

Im Türspalt stand eine mollige Frau, die gut an die siebzig war und deren zu sorgfältigen Löckchen gelegtes Haar in einem Lilaton schillerte, der perfekt auf ihren Jogginganzug aus glänzendem Material abgestimmt war. Aus der Wohnung hinter ihr drang überlaut eine aufgeregte Männerstimme in breitestem Amerikanisch, gefolgt von einem schwungvollen Werbejingle; offenbar lief der Fernseher oder ein Radio.

»Wie schön, Sie haben uns wirklich gefehlt!«, rief sie aus, ein strahlendes Lächeln auf ihrem runden, zerknitterten Gesicht. »Hatten Sie einen guten Flug?« Neben ihren Turnschuhen mit dem breiten Streifen in Metalliclila schob sich ein riesiges weißes Plüschknäuel durch den Türspalt: eine Monsterkatze, die mich interessiert aus ihren gelben Augen anblinzelte, bevor sie sich schnurrend am Türrahmen zu reiben begann.

»Ja, danke.« Ted machte eine Geste mit der flachen Hand zu mir hin. »Meine Tochter Amber. – Mrs Hanson, die gute Seele des Hauses.«

»Aber nicht doch«, erwiderte sie und winkte unter einem leisen Lachen verlegen ab; dann nahm sie mich genauer in Augenschein und klatschte in die Hände. »Nein, so ein großes Mädchen haben Sie schon, das hatten Sie mir gar nicht gesagt!« Das Lächeln verschwand von ihrem Gesicht, und mit betrübter Miene fügte sie hinzu: »Das mit deiner Mutter tut mir ja so unsagbar leid! Du armes, armes Kind! Mein allerherzlichstes Beileid!« Ächzend bückte sich Mrs Hanson und hob ihre Katze hoch, die mit einem unwilligen Maunzen Protest einlegte. »Mein Beileid natürlich auch Ihnen, Professor!«

Meine Kehle war plötzlich eng und ich musste heftig schlucken. Schon klar, es gehörte sich, sein Beileid auszudrücken, und es war bestimmt auch gut gemeint, und trotzdem hasste ich es wie die Pest. Immer erwischte es mich unvorbereitet, und immer genau dann, wenn ich gerade einmal für fünf Minuten nicht daran gedacht hatte, dass Mam nicht mehr da war. Ich hasste diese Art von Mitgefühl, die wie eine trübe Brühe an mich hinschwappte und mich durchtränkte, dass ich bis ins Mark fror und mir schlecht wurde. Ich sehnte mich danach, nicht ständig mit diesen bedauernden, kummervollen und doch neugierigen Blicken bedacht zu werden. Danach, nicht dauernd in diesem behutsamen Tonfall angesprochen und wie ein rohes Ei behandelt zu werden. Ich wünschte mir, dass man normal mit mir umging, so wie früher. Aber noch mehr wünschte ich mir, alles könnte tatsächlich noch so wie früher sein, bevor Mam überhaupt krank geworden war. Ich gab ein gemurmeltes »Danke« von mir und starrte dann angestrengt auf die zerschrammten Spitzen meiner Stiefel.

»Haben Sie beide denn Silvester schon etwas vor?«, hörte ich Mrs Hanson über das nun doch zufriedene Schnurren der Katze hinweg fragen, und ich unterdrückte ein Stöhnen. Silvester mit einer neugierigen Nachbarin war so ziemlich das Letzte, was ich jetzt brauchen konnte.

Pling. Der eintreffende Aufzug versprach Rettung.

»Wir müssen erst mal richtig ankommen«, antwortete Ted diplomatisch, schnappte sich meinen Trolley und verfrachtete ihn in den Aufzug. »Dann sehen wir weiter. Ihnen einen schönen Tag, Mrs Hanson.« Mit der einen Hand nahm er seinen eigenen Koffer auf und schob mich mit der anderen vor sich her in den Aufzug.

»Danke, Ihnen auch! Und alles Gute!«, rief Mrs Hanson; dann hatte Ted schon den Knopf mit der Zahl Drei darauf gedrückt und die Tür ging zu.

Verstohlen musterte ich Ted, während der Aufzug mit uns aufwärts ruckelte. Einen Fuß in den groben Bergstiefeln über den anderen gekreuzt und die Hände in den Taschen seiner Jeans, lehnte er mit dem Rücken an der Wand. In einem grauen Hoodie mit dem verwaschenen Aufdruck SFSU unter der offen stehenden Daunenjacke und seinen schwarzen Rucksack über der Schulter, eine Spur von rötlichen Bartstoppeln auf dem Gesicht und die Augen hinter den Brillengläsern klein vor Müdigkeit, ähnelte er eher einem Studenten nach der letzten Examensklausur als einem Universitätsprofessor. Vor allem passte er irgendwie überhaupt nicht in dieses gediegene, fast ein wenig protzige Haus.

Auf eine Art war er immer in meinem Leben vorhanden gewesen, in Form von Fotos, E-Mails und bunten Postkarten, die fremdländische Briefmarken und Stempel trugen, genau wie die Pakete, die fast immer lange nach Weihnachten eintrafen. In Telefonaten, in denen seine Stimme von Knistern und Rauschen und einem blechernen Nachhall verzerrt klang, und in den Erzählungen von Mam, die konsequent immer ins Englische wechselte, wenn sie von ihm sprach. Trotzdem war er nie mehr als eine unwirkliche Vorstellung gewesen; die paar Mal, die wir Zeit zusammen verbracht hatten, konnte ich locker an beiden Händen abzählen, und jedes Mal wenn ich kurz davor gewesen war, ihn »Papa« oder »Daddy« zu nennen, war er wieder abgereist. An irgendeinen so entlegenen Ort der Welt, dass ich ihn manchmal nicht einmal auf Google finden konnte.

Pling. Die Tür des Aufzugs öffnete sich, und wir schwenkten nach rechts in einen langen Korridor ein, in dem sich die Kombination aus gelben Wänden und hellbraunen Türen der Eingangshalle wiederholte. Nur dämpfte hier der Flor eines braunen Teppichbodens unsere Schritte und die Räder der Koffer. Das Haus war wesentlich größer, als es von der Straße aus gewirkt hatte; als Ted endlich vor einer Tür mit der Aufschrift »3g« haltmachte, sah ich, dass der Korridor dahinter noch ewig weiterging.

Ted schloss auf und ließ die Tür hinter uns beiden wieder zuschnappen, bevor er in bemüht heiterem Tonfall verkündete: »Hier wären wir also!«

3

Der schmale Flur mit den weißen Wänden und dem polierten Holzboden machte einen scharfen Knick nach links. Durch den Türrahmen direkt vor mir blickte ich geradewegs auf den riesigen weißen Kühlschrank in der Küche; von rechts fiel durch eine Milchglasscheibe sanftes Licht auf einen Wandschrank und ein schwarz lackiertes Sideboard. Vor einem säuberlich aufgeschichteten Stoß ungelesener Zeitungen stapelte sich ungeöffnete Post und der Anrufbeantworter neben dem Telefon blinkte aufgeregt; achtzehn Nachrichten zeigten die Digitalziffern an. Ted atmete tief durch und stellte seinen Rucksack auf dem Boden ab.

»Ich denke, ich zeige dir am besten erst mal das Apartment.« Er klang unsicher und wirkte erleichtert, als ich nickte.

»Also, das ist die Küche«, erklärte er unnötigerweise, als er mit mir geradeaus in den Raum mit den sonnengelben Wänden und den weißen, teils verglasten Oberschränken trat. »Wie du sicher schon gemerkt hast«, fügte er mit einem nervösen Auflachen hinzu. »Mrs Ramirez kommt zweimal die Woche zum Saubermachen und wir haben auch eine Spülmaschine.« Ted stützte die Hand auf die Arbeitsfläche zwischen der Spüle und dem Gasherd, auf der eine schicke Kaffeemaschine mit passendem Toaster und eine Mikrowelle standen. »Meine Wäsche habe ich bis jetzt immer in Leroy’s Waschsalon gebracht.« Mit dem Daumen deutete er hinter sich. »Das ist nur einen Katzensprung von hier und die haben abends auch lange auf. Aber wenn du willst, schaffen wir uns eine Maschine an. Wir müssen allerdings erst einen Platz dafür finden.« Fragend sah er mich an, und als ich mit den Schultern zuckte, löste er sich von der Küchenzeile. »Unter der Woche wirst du in der Schule zu Mittag essen«, fuhr er fort, während er an dem Tisch mit den zwei Stühlen vorbei zu der Glastür am Ende der Küche ging. »Wenn du magst, kannst du dort auch abends was bekommen. Oder wir essen hier zusammen, sobald ich von der Uni zurück bin. Ich kann ganz gut kochen, vor allem asiatisch. Das hier«, er zog den Vorhang zur Seite und öffnete die Glastür, »ist der Balkon.«

Ich trat zu ihm und betrachtete den winzigen Vorbau mit der hohen Brüstung, auf dem man gerade noch so zu zweit stehen konnte. Die Hauswand gegenüber gehörte offenbar noch zum selben Gebäude und war so nahe, dass man ohne die Jalousien und Vorhänge problemlos den Nachbarn bei ihren Alltagstätigkeiten hätte zusehen können. Das hob ebenso wenig meine Stimmung wie der Blick hinunter auf den handtuchschmalen Innenhof, in dem ein paar kümmerliche Bäumchen wuchsen. Sehnsüchtig dachte ich an unseren Balkon zu Hause, den Mam jeden Frühsommer üppig bepflanzt hatte, mit Fleißigen Lieschen, Ringelblumen, Männertreu und Lavendel, manchmal auch mit Tomaten und Himbeeren, und den weiß blühenden Oleander hatte sie jedes Jahr aus seinem Winterquartier im Keller heraufgeschleppt und dazugestellt. Trotzdem war noch genug Platz gewesen für zwei Liegen und einen Sonnenschirm, unter dem wir sonntags lasen und faulenzten, und in meinen Schulferien waren wir mit Gabi oft bis in die Nacht hinein draußen gesessen und hatten über die Schule und das Leben gequatscht.

»Nebenan«, fuhr Ted fort und schloss die Balkontür, »ist das Wohnzimmer.«

Ich folgte ihm durch den Türrahmen neben dem Kühlschrank in einen großen Raum mit quadratischem Grundriss, in dem das cremefarbene Sofa und die beiden dazugehörigen Sessel samt Couchtisch aus Glas ein bisschen verloren wirkten. Denn die Schrankwand, die eine Seite des Zimmers einnahm, war noch so gut wie leer. Davor stapelten sich Dutzende Umzugskisten und lang gestreckte Kartons, die Möbelteile zum Zusammenbauen enthielten, genauso vor dem Sideboard voller Technikkram rechts von mir, auf dem ein brandneuer Flatscreen stand; bereits zusammengeschraubte CD-Regale lehnten notdürftig an der Wand neben der zweiten Tür des Wohnzimmers. Es roch nach Pappe, frischem Holz und neuem Stoff, und auch ein Hauch von Wandfarbe hing noch in der Luft. Ich wusste, dass Ted noch nicht lange hier wohnte, noch nicht einmal ein Jahr, seitdem er seine Professur an der San Francisco State University angetreten hatte.

»Tut mir leid, dass es hier noch so aussieht«, sagte er und kratzte sich mit schuldbewusster Miene an der Schläfe. »Gleich zu Anfang hatte ich an der Uni eine Menge um die Ohren und nach Karens Anruf gab es so viel zu besprechen und zu regeln. Ich dachte, ich könnte mich jetzt in den Weihnachtsferien in Ruhe darum kümmern, aber …« Er brach ab, doch ich wusste auch so, was er sagen wollte: Dann hatte sich Mams Zustand massiv verschlechtert, und Ted hatte in aller Eile Sonderurlaub beantragt, eine Vertretung für seine Vorlesungen und Seminare organisiert und sich in den nächsten Flieger nach Frankfurt gesetzt.

Ted räusperte sich und wandte sich um, und ich trottete ihm durch den anderen Türrahmen hinterher.

»Da schlafe ich.« Im zweiten Teil des Flurs, der genauso schmal war wie der Bereich hinter der Wohnungstür, nur ungleich länger, zeigte Ted auf die letzte Tür auf der rechten Seite und öffnete dann die Tür gegenüber. »Und das ist mein Arbeitszimmer.«

Der breite Schreibtisch neben dem Fenster war rings um die Aluminiumlampe und den Bildschirm mit aufgeschlagenen Büchern und unordentlichen Papierstößen übersät. Die Bücherregale waren hier schon etwas voller, aber trotzdem standen noch Kisten herum; einige davon waren geöffnet und Holzwolle quoll daraus hervor. In einer der sonst leeren Vitrinen lagen Pfeilspitzen aus Stein und eine Statue aus schwarzem Holz mit teuflischen Gesichtszügen wachte kriegerisch über verstöpselte Behälter aus Glas mit Kräutern und verschiedenen Pulvern. Ein Speer lehnte in der Zimmerecke hinter einem Ballen Plastikfolie, unter dem sich wohl irgendein Möbelstück verbarg, und über der Tür hing eine in Rot, Schwarz und Gold bemalte Dämonenmaske mit gebleckten, spitz zulaufenden Zähnen: Souvenirs und Studienobjekte, die Ted von seinen vielen Reisen und monatelangen Aufenthalten in Südamerika, Asien, Ozeanien und Afrika mitgebracht hatte.

Als ich mich auf der Türschwelle umdrehte, fiel mein Blick auf eine ganze Menge gerahmter Fotografien an der Wand zwischen Teds Schlafzimmer und dem Wohnzimmer, die mich magisch anzogen. Verblüfft starrte ich auf mein Gesicht, eine Aufnahme vom vorletzten Sommer, auf der ich bei einer Bootsfahrt auf dem See vergnügt in Mams Kamera blinzelte, während der Wind mir die Haare zerwühlte. Eins nach dem anderen betrachtete ich die Bilder und nahm dabei kaum wahr, wie Ted die Deckenleuchte über mir einschaltete. Ein Foto von meiner Konfirmation vor zwei Jahren. Klassenfotos vom Gymnasium und aus der Grundschule. Mam und ich am Strand in der Türkei, zu Piratentüchern geknotete Bandanas um den Kopf, wie sie mich an sich drückte und mit der anderen Hand die Kamera hochhielt; ich hörte förmlich unser Cheese!, das wir dabei kichernd gerufen hatten. Ein Foto von mir und meiner grasgrünen Schultüte an meinem ersten Schultag war darunter und eines, auf dem ich mit breitem Grinsen meinen ersten fehlenden Milchzahn zeigte, meine Haare mit grellrosafarbenen Gummis zu zwei Rattenschwänzen hochgebunden. Ich als ganz kleines Mädchen, wie ich in Rüschenbikini und mit Sonnenhütchen bis zu den Knien in einem Springbrunnen stand und gerade mit verschmierter Schnute von der Kugel Eis hochguckte, die ich in der Waffel vor mir herbalancierte. Aus jedem Jahr war ein Foto dabei, aus manchen auch zwei oder mehr, und obwohl ich die meisten aus unseren Alben zu Hause kannte, waren auch welche darunter, die ich noch nie gesehen hatte.

Einen Schnappschuss gab es, wie ich mich als pausbäckiges Krabbelkind gerade an einem Knie in Jeans (Teds?) hochzog und aus großen Augen verwundert in die Kamera schaute, und ein Babyfoto, auf dem ich nur Pampers anhatte und auf Teds nackter Brust selig schlummerte. Und eines von einem gewaltigen Schwangerschaftsbauch, auf den mit einer dunklen, halb zerlaufenen Paste rings um den vorstehenden Nabel ein Smiley-Gesicht gemalt war. Schemenhaft war am Bildrand eine Hand (höchstwahrscheinlich Mams) zu erkennen, die den Saum einer blauen Bluse hochgezogen hielt.

»Das war knapp zwei Wochen, bevor du zur Welt gekommen bist«, hörte ich Ted neben mir sagen. »Karen hat in dieser Zeit eimerweise Erdbeereis mit Schokoladensauce verschlungen. Ich hab sie immer damit aufgezogen und beim Herumalbern ist dieses Foto entstanden.«

Ich schielte zu ihm hin; ein wehmütiges Lächeln zuckte um seinen Mund und der Glanz in seinen Augen ließ sie verdächtig feucht aussehen. Mit zusammengekniffenen Brauen konzentrierte ich mich schnell wieder auf die Bilder vor mir.

Ich entdeckte ein leicht unscharfes Foto, auf dem Mam sich wohl gerade schwungvoll umgedreht hatte; mit fliegenden Haaren und verführerischem Augenaufschlag machte sie einen Kussmund in Richtung des Fotografen. Daneben hing eines, auf dem sich Mam und Ted auf einem zerschlissenen Sofa eng umschlungen hielten und in die Kamera schauten, ein bisschen verträumt, vielleicht auch leicht beschwipst, jedenfalls irgendwie nicht so ganz von dieser Welt. Beide sahen auf diesem Bild tatsächlich nicht viel älter aus als die Jungs und Mädchen aus der Oberstufe meiner alten Schule, Mam mit schwarz gefärbten Haaren, viel Kajal, glitzerndem Lidschatten und weinrotem Lippenstift, Ted in einem grässlichen Hemd und ohne Brille. Vermutlich war es auf einer Studentenparty geknipst worden, denn im Hintergrund waren verschwommen Leute zu sehen, und von rechts drängte sich ein langmähniger Typ ins Bild, der eine Grimasse schnitt und das Victory-Zeichen machte. Vielleicht war es nach genau dieser Party passiert, die paar Bier zu viel und das Missgeschick mit dem Kondom, das acht Wochen lang unentdeckt blieb. Gabi hatte sich fürchterlich aufgeregt, als sie erfuhr, dass Mam mir das erzählt hatte. Ich fand das nicht weiter schlimm, ich hatte mir nur manchmal gewünscht, eine Sommernacht am See und eine Flasche Rotwein wären am Anfang meines Lebens gestanden, das hätte ich wesentlich romantischer gefunden. Aber so war Mam eben gewesen, immer frei heraus, immer offen sagen, was Sache ist. Außerdem hat sie nicht einfach nur behauptet, sie habe nie bereut, mich bekommen zu haben, und ich sei das Beste gewesen, was ihr je passiert sei – ich hatte es immer gespürt. Bis zuletzt.

»Das da war mit Abstand der aufregendste Tag in meinem Leben.«

Meine Augen folgten Teds Zeigefinger zu einem Foto, auf dem er auf dem Rand eines Krankenhausbetts saß und mit rot geränderten Augen wacklig in die Kamera lächelte, ein rosafarbenes Bündel in den Armen, aus dem ein zerknautschtes Mini-Gesicht und schrumpelige Fingerchen herauslugten. Mam schmiegte sich an ihn, mit verquollenen Gesichtszügen, strähnigen Haaren und sichtbar groggy, aber mit einem Strahlen in den Augen. Gleich darauf blieb mein Blick an zwei gerahmten Ultraschallbildern hängen, unter denen Mams Name stand: Seemann, Karen. Ganz ähnliche Bilder klebten auch in einem von Mams Fotoalben. Auf dem einen der beiden Bilder hier war ich schon ganz gut als Baby zu erkennen, aber auf dem anderen war nur ein winziger schwarz-weißer Klecks zu sehen; seltsame Vorstellung, dass ich das einmal gewesen sein sollte. Und nicht weniger seltsam fand ich die Vorstellung, dass Mam und Ted bei ihrer Trennung offenbar auch diese Ultraschallfotos unter sich aufgeteilt hatten.

Ich grübelte gerade darüber nach, ob diese kleine Galerie vielleicht als nette Geste gemeint war, als versöhnlicher Willkommensgruß, um sein schlechtes Gewissen zu beruhigen oder um bei mir Eindruck zu schinden, da sagte Ted leise: »Das war mit das Erste, was ich nach meinem Einzug hier gemacht habe – diese ganzen Bilder zu rahmen und aufzuhängen.«

Verlegen vergrub ich die Hände tief in den Taschen meiner Jeans und zog die Schultern hoch. Ich wusste nicht, was ich darauf erwidern sollte, wo doch alle diese Fotos bis auf das aus jenem WM-Sommer, das Ted und mich im Europapark zeigte, eines deutlich machten: was Ted alles von mir verpasst hatte in den vergangenen fünfzehn Jahren. Fast mein ganzes Leben. Und das Einzige, was mir einfiel, war ein raues »Wo schlaf ich denn eigentlich?«.

»Ich hoffe, es stört dich nicht, wenn ich spätabends noch arbeite«, meinte Ted, als er die Tür neben der zu seinem Arbeitszimmer öffnete. »Falls doch, müssen wir uns eine andere Lösung einfallen lassen.«

Stumm blinzelte ich in den Raum hinein, der wesentlich größer war als mein altes Zimmer zu Hause, aber sonst genauso aussah. Mein breites Bett mit dem Metallgestell war da und der Nachttisch samt Lampe, meine weißen Regale, der Kleiderschrank und mein Schreibtisch mit der roten Tischleuchte – dabei wusste ich doch, dass das alles in Deutschland zurückgeblieben war und darauf wartete, dass Gabi es entweder verschenkte oder zusammen mit ihrem Freund Heiner abbaute und zum Sperrmüll fuhr, weil das Verschiffen zu teuer gewesen wäre. Ich brauchte ein paar Augenblicke, bis ich kapierte, dass es nur die gleichen Modelle waren; sogar die lindgrünen Vorhänge waren genau dieselben.

»Karen hat mir Fotos von deinem Zimmer und die genauen Bezeichnungen der einzelnen Möbelstücke gemailt«, erklärte Ted und klang stolz, als er hinzufügte: »Ich hab hier tatsächlich alles bekommen und zusammen mit einem Kollegen von der Uni aufgebaut.«

Meine Brauen ruckten aufwärts. »Ihr habt hier auch IKEA?«

Ted schmunzelte. »Nicht direkt hier in San Francisco, aber auf der anderen Seite der Bucht, in Emeryville.«

Erwartungsvoll sah er mich an. Sein Blick war mir unangenehm, und ich schaute mich weiter um, als hätte ich es nicht bemerkt. Obwohl es außer den rot glühenden Digitalziffern des Radioweckers neben dem Bett nichts gab, woran meine Augen wirklich Halt finden konnten. Meine Bücher, alles Mögliche an Krimskrams und der größte Teil meiner Klamotten schaukelten gerade irgendwo auf dem Atlantik an Bord eines Containerschiffs umher und würden erst in gut zwei Wochen hier eintreffen. Was ich nicht gleich brauchte und außerdem zu sperrig war, wie das antike Tischchen, das Mam von ihrer Großtante geerbt hatte, hatte auf Gabis Dachboden Asyl erhalten.

»Wenn du die Möbel lieber anders stehen haben willst …«, begann Ted verunsichert, und ich schüttelte rasch den Kopf. Ich hatte die Bettwäsche entdeckt, mit der Kissen und Zudecke bezogen waren, und musste mir heftig auf die Lippen beißen. Meine Lieblingsbettwäsche war es, die mit den Margeriten, die ich schon so lange besaß, dass das helle Grün des Untergrunds fast zu Weiß ausgewaschen war und sie dünne Stellen hatte. Ich war überzeugt gewesen, Mam hätte sie während des großen Ausmistens weggeworfen, das sie in Angriff nahm, nachdem auch die Spezialisten hier in den USA, denen Ted Kopien von Mams Befunden geschickt hatte, keine bessere Prognose stellen konnten als die Ärzte bei uns. Ich fand es furchtbar, Mam zwischen all ihren Sachen sitzen und sich energisch von so vielem trennen zu sehen, von dem ich immer geglaubt hatte, es bedeute ihr was. Das ist ihre Art, Abschied zu nehmen, hatte Gabi leise über ihre Teetasse hinweg gesagt, als ich bei ihr in der Küche hockte und ihr mein Herz ausschüttete. Manche machen die Reise, die sie sich immer erträumt haben. Andere beschäftigen sich plötzlich wieder mit ihrem vergessenen Glauben oder schreiben Briefe an ihre Lieben. Karen wirft eben Ballast ab, sortiert und ordnet. Sie braucht das jetzt. Nimm ihr das nicht weg. Ich hatte mich in Grund und Boden geschämt und kleinlaut Mam dabei geholfen, unser ganzes bisheriges Leben Stück um Stück aufzulösen, wie man einen abgelegten Strickpulli aufribbelt, auch wenn es mir noch so wehtat. Und irgendwie hatte sie es dabei geschafft, diese Bettwäsche an mir vorbeizuschmuggeln und nach Amerika vorauszuschicken.

Das Rattern von Kofferrädern riss mich aus meinen Gedanken. Ted hatte meinen Trolley aus dem Flur geholt und stellte ihn neben mir ab.

»Du musst völlig fertig sein«, sagte er. »Schlaf dich erst mal aus. Das Badezimmer ist gleich nebenan. Wenn du Hunger oder Durst hast – im Kühlschrank wirst du fündig, ich habe Mrs Ramirez gebeten, uns etwas zu besorgen. Oder wir bestellen uns was.«

Ich nickte halbherzig; ich hatte ihm gar nicht richtig zugehört. In der Tür blieb Ted noch einmal stehen und stieß lang gezogen den Atem aus. »Glaub mir – ich hätte es mir auch anders gewünscht. Ich dachte, du würdest mich vielleicht regelmäßig in den Ferien hier besuchen. Oder ich dich, und wir könnten uns nach und nach besser kennenlernen.« Er machte eine kleine Pause und setzte weich hinzu: »Aber ich bin trotzdem froh, dich jetzt hier bei mir zu haben.«

Ich verschränkte die Arme fest vor der Brust. Ted hatte gut reden; er war in San Francisco geboren und aufgewachsen und hatte bis auf die knapp zwei Jahre in Deutschland seine gesamte Studienzeit hier verbracht. Er war hier zu Hause, während ich hier nichts und niemanden kannte.

Nachdem sich die Tür mit einem feinen Klicken hinter ihm geschlossen hatte, atmete ich auf. Ich schleppte mich zum Bett, nahm meinen Rucksack von der Schulter und setzte ihn auf dem Boden ab. Ungeduldig riss ich den Reißverschluss des großen Innenfachs auf. Meinen Laptop ließ ich drin, ich holte nur die Plastiktüte heraus, die ich daneben verstaut hatte, und zog die zusammengefaltete Strickjacke aus türkisfarbenem Angoragarn hervor. Vorsichtig schlug ich sie auf der Bettdecke auseinander und nahm den silbernen Bilderrahmen in die Hand. Erleichtert stellte ich fest, dass das Glas den Flug heil überstanden hatte. Mam und ich, Arm in Arm, Wange an Wange, fröhlich in die Kamera lachend. Ein Foto aus dem letzten Frühjahr, mit Selbstauslöser gemacht. Nach der Schule war ich in das kleine Studio von Foto-Wolters gefahren, um sie für einen Stadtbummel abzuholen, und weil ihr Drei-Uhr-Termin kurzfristig abgesagt hatte, war sie spontan auf die Idee gekommen, ein paar Bilder von uns beiden zu schießen; Fotos, die ihrem Chef so gut gefielen, dass er eines davon sogar in seinem Schaufenster ausstellte. Mam sah so hübsch aus auf dem Foto, dezent geschminkt, die Haare locker hochgesteckt und in einer hellen grau-blau gemusterten Bluse, die genau zu ihren Augen passte. Viel jünger als achtunddreißig und sprühend vor Energie. Dabei musste da schon der Tumor in ihrem Kopf zu wuchern angefangen haben, bevor er sich einige Wochen später bemerkbar machte, als Mam sich zunehmend matt und müde fühlte, blass und dünn wurde und immer häufiger Kopfschmerzen bekam.

Meine Hände zitterten, als ich den Bilderrahmen auf den Nachttisch stellte, und mein Blick fiel auf einen Zettel auf dem Kopfkissen, von irgendeinem Schokoriegel in orangefarbener Verpackung beschwert. WELCOMEHOME!, stand darauf, daneben waren ein schiefes Herz und ein glupschäugiger Smiley gemalt. Nach Teds Handschrift sah es nicht aus, vielleicht stammte die Notiz von der erwähnten Mrs Ramirez. Ich griff danach und feuerte beides in die hinterste Ecke.

Das hier war nicht mein Zuhause und würde es auch niemals sein.

Ein blödes Stück Papier namens Sorgerechtserklärung war schuld daran, dass ich jetzt in diesem Zimmer stand, das, auch wenn es haargenau so eingerichtet war wie mein altes, noch lange nicht meins war. Ein juristisches Dokument, von Mam und Ted unterschrieben, als ich noch ganz klein gewesen war, für einen damals vollkommen abstrakten Notfall gedacht, der sich nun doch eingestellt hatte. Nur ein Stück Papier, das aber so schwer wog wie ein Steinblock und sich genauso wenig beiseite schieben ließ. Und Mam wollte es auch nicht rückgängig machen, das hatte sie meinen Großeltern unmissverständlich klargemacht, in langen Telefongesprächen, in denen Worte wie »Jugendamt«, »Kindeswohl«, »gemeinsames Sorgerecht« und »Familienrichter« vorkamen und deren Tonfall mit zunehmender Dauer schärfer wurde. Hinterher hatte sie mit leerem Blick durch die Fernsehkanäle gezappt, einen verbissenen Zug auf dem Gesicht unter dem zum Turban geknoteten Tuch, mit dem sie ihren kahlen Kopf verhüllte. Dabei hatte sie so erschöpft ausgesehen, dass ich mich nicht traute, ihr zu sagen, ich würde lieber nur zweihundert Kilometer weit wegziehen, zu Oma und Opa, anstatt zehntausend. Vor allem wollte ich nicht, dass sie dachte, ich hätte sie aufgegeben, wenn ich von mir aus vom DANACH anfing. Wo sie doch die OP auf sich genommen hatte, tapfer ihre Medikamente schluckte und die Infusionen über sich ergehen ließ, nach denen es ihr meistens dreckig ging; alles nur, um noch so viel Zeit mit mir herauszuholen wie möglich. Und DANACH – danach war es zu spät gewesen, danach waren alle Formulare schon ausgefüllt, alle Anträge bearbeitet und bewilligt gewesen und der Flug gebucht. One-way.

Wie ein Ballon, aus dem man die Luft rauslässt, fühlte ich mich mit einem Mal schlapp und leer. Ich schlüpfte aus meiner Jacke und ließ sie einfach fallen, zerrte mir die Stiefel von den Füßen und stieg aus meiner Jeans. Aus meinem Rucksack angelte ich den kleinen Bären mit der Weihnachtsmannmütze, den mir Julia zum Abschied geschenkt hatte, schnappte mir die Strickjacke und kroch unter die Zudecke. Die Bettwäsche roch sogar noch nach unserem Waschmittel, genau wie Mams Lieblingsjacke immer noch ihren Duft verströmte, nach ihrem Parfüm, das mich an einen Sommer am Meer erinnerte. Mein Gesicht in dem flauschigen Gewebe vergraben, starrte ich das Foto von Mam und mir an. Und ich vermisste Mam so sehr, dass ich es körperlich spürte, wie ein klaffendes Loch in meiner Magengegend.

Ich hörte, wie Ted in der Wohnung umherging. In die dudelnde Melodie des hochfahrenden Computers im Arbeitszimmer mischten sich die blechernen Stimmen auf dem Anrufbeantworter. Nach der letzten Nachricht piepsten die Tasten eines Telefons; einige Sekunden später begann Ted unter mattem Auflachen ein Gespräch, von dem bei mir nur Wortfetzen ankamen, teils weil er seine Stimme dämpfte, teils weil er gerade am anderen Ende des Apartments war. Aus dem Stockwerk über mir drangen Schritte herunter und draußen heulte irgendwo erneut die Sirene eines Einsatzfahrzeugs.

Hier in San Francisco war immer noch der 29. Dezember, genau wie bei unserem Abflug in Frankfurt. Es waren immer noch 704 Tage, die vor mir lagen.

Ich zog mir die Decke über den Kopf und wünschte mir, ich müsste nie mehr darunter hervorkommen.

4

Ich ertrank.

Da war diese endlose türkisgrüne Wasserfläche gewesen, still und friedlich, auf der unter einem klarblauen Himmel die Sonne glänzte. Wohin ich auch schaute, sah ich nichts als Meer und Himmel. Spielerisch hatte ich meine Zehen ins Wasser gestippt, das warm war und schmeichelnd wie Seide. Höher und höher war es an meinem Bein hinaufgestrichen, zärtlich und lockend, bis ich nicht anders gekonnt hatte, als mich fallen zu lassen und schwerelos unter die Oberfläche zu gleiten.

In den Lichtsprengseln unter Wasser wirbelte mein Haar um mich herum, während ich mich von der sanften Strömung schaukeln ließ. Vor mir blitzte es auf und ich lächelte. Aus blauen Schatten, von den einfallenden Sonnenstrahlen mit flirrenden Fünkchen übersät, streckte sich mir eine Hand entgegen, an deren Mittelfinger ein schwerer Silberring mit einem Türkis glänzte. Mams Ring. Mams Hand. Ich reckte den Arm vor und trieb auf sie zu. Unsere Fingerspitzen waren kurz davor, sich zu berühren, da schloss sich etwas hart um mein Bein und riss mich mit sich, hinab in die dunkle Tiefe. Ich schrie, ein Schrei, der Luftblasen aus meinem Mund sprudeln ließ, die mich in der Nase trafen, über meine Wangen hinwegfegten und dann davonstoben. Mam. Mam.