Verlag: Oetinger Kategorie: Für Kinder und Jugendliche Sprache: Deutsch Ausgabejahr: 2016

In einer Sommernacht wie dieser E-Book

Tanja Heitmann  

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E-Book-Beschreibung In einer Sommernacht wie dieser - Tanja Heitmann

Als die 17-jährige Leo auf den undurchschaubaren Alexei trifft, gibt der ihr nicht nur Rätsel auf, sondern bringt auch ihre Gefühle ganz schön durcheinander. Doch dann passiert ein Mord, und Leo muss sich fragen, ob Alexei etwas damit zu tun hat. Dass sie trotzdem weiterhin an ihn glaubt, bringt sie am Ende sogar in Lebensgefahr. Aber es macht Leo auch stärker. Kann sie ihrer Liebe wirklich trauen?" In einer Sommernacht wie dieser" von Bestseller-Autorin Tanja Heitmann verbindet atmosphärische Romantik mit einer guten Portion Thrill.

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E-Book-Leseprobe In einer Sommernacht wie dieser - Tanja Heitmann

IM WALD

Schnell, nur fort, so weit es geht.

Nicht auf das krachende Geäst unter den schweren Stiefelsohlen seiner Verfolger horchen, nicht über die Schulter blicken, keine verdammte Sekunde verschwenden. Alles, was zählt, ist, zu entkommen.

Die Lunge brennt, die gebrochene Nase macht das Atmen unmöglich, und das Auge … Sein Auge. Nicht drüber nachdenken!

Doch er kann nicht anders.

Es hatte sich angefühlt, als wäre das rechte Auge unter der Wucht des letzten Schlags, der auf ihn niedergegangen war, aus seiner Höhle gesprungen. Jetzt war er auf dieser Seite blind, die gesamte rechte Gesichtshälfte war tot.

Ohne das Tempo zu verlangsamen, führt er die Hand zur Stirn. Er muss es einfach wissen.

Mit klammen Fingern ertastet er eine klebrige Augenbraue, aufgeplatzt wie Asphalt in der Sonne, und darunter …

Er tritt ins Leere.

Und fällt.

1

Das Erste, was Leo sah, war ein fallender Mensch.

Die Arme weit ausgebreitet, so als würde er fliegen.

Doch er flog nicht, sondern fiel.

Ein Sturz von der obersten Plattform des Baugerüsts, das die alte Villa umgab. Der Aufschlag des Mannes entging Leo. Das Taxi, auf dessen Rücksitz sie mit weit aufgerissenen Augen saß, zwängte sich genau in diesem Moment an einem Kipplaster vorbei.

Kaum hielt das Taxi an, sprang Leo auch schon heraus und rannte auf die Stelle zu, wo der Mann aufgekommen sein musste. Abgeschlagener Putz knirschte unter ihren Schuhsohlen, und sie musste über einen Stapel Holzplatten steigen, ehe sie vor einem gewaltigen Rhododendron zum Stehen kam, in dem der Mann mit immer noch ausgebreiteten Armen gelandet war.

»Geht es Ihnen gut?« Besorgt beugte sich Leo vor und berührte einen seiner verdreckten Arbeitsstiefel. »Hören Sie mich?«

Der Mann stöhnte, dann hob er den Kopf und blickte sie verwirrt an.

»Warten Sie, ich helfe Ihnen.« Gerade als Leo sich zwischen die Zweige des Strauches zu ihm zwängen wollte, wurde sie bei der Schulter gepackt und beiseitegezogen.

»Lass mal, Mädchen«, sagte ein Mann mit bellender Stimme. »Wir machen das schon.«

Leo wollte widersprechen, aber da tauchten bereits zwei weitere Männer auf und griffen dem Gestürzten unter die Arme.

»Vorsichtig!«, rief Leo. »Er könnte sich was gebrochen haben oder am Rücken verletzt sein.«

»Unsinn, dem ist nichts passiert. Und du kommst da jetzt mal weg«, knurrte der Mann, der sie immer noch an der Schulter festhielt, und zog sie ein Stück zurück.

Leo kam ins Stolpern. Mit einem atemlosen »He!« schüttelte sie seine Hand ab, dann war ihre Aufmerksamkeit auch schon wieder bei dem Verletzten, der unter Stöhnen auf die Beine gezerrt wurde. Er war dürr und trug die gleiche staubige Bauarbeiterkluft wie die beiden Männer, die ihn aus dem Gebüsch befreit hatten. Sein Gesicht war zu sonnenverbrannt, um sein Alter zu schätzen. Irgendwas zwischen dreißig und fünfzig, vermutete Leo. Die Art, wie er seinen rechten Arm hielt, verriet, dass der Sturz keineswegs glimpflich ausgegangen war.

Hastig holte Leo ihr Handy aus der Rocktasche, nur um festzustellen, dass sie keinen Empfang hatte. Sie wirbelte um die eigene Achse und winkte dem Taxifahrer zu, der mit verschränkten Armen neben seinem Wagen stand.

»Rufen Sie bitte einen Krankenwagen über Funk!«

»Nicht nötig«, mischte sich die bellende Stimme wieder ein.

Gereizt warf Leo dem Mann einen Blick zu. Er war zwar einen halben Kopf kleiner als sie, aber von massiver Statur. Sein Gesicht war puterrot, allerdings nicht von der Sonne, sondern es sah eher so aus, als ob dieser Mann unter Dauerstrom stand. Die buschigen Augenbrauen waren zusammengezurrt und betonten die tief eingegrabene Zornesfalte, während sich unter seinem verkniffenen Mund das Kinn wie bei einer Bulldogge vorschob.

»Hast du gehört, was ich gesagt habe, Kleine?«

Unwillkürlich wich Leo einen Schritt zurück und ärgerte sich sofort darüber. Zurückweichen war nicht ihr Stil. »Vielleicht machen Sie mal die Augen auf und sehen genau hin«, sagte sie. »Der Arm des Mannes ist hundertpro gebrochen. Gut möglich, dass das sogar operiert werden muss. Außerdem kann bei einem Sturz aus solcher Höhe sonst was passiert sein – innere Blutungen oder eine üble Gehirnerschütterung.«

Die Bulldogge musterte sie abfällig. »Hör mal, du kannst so viel Fräulein Doktor spielen, wie du willst. Aber nicht hier und nicht jetzt. Wenn ich sage, der Mann hat nix, dann hat der nix.«

»Ja, klar«, sagte Leo, um dann dem untätig herumstehenden Taxifahrer zuzurufen: »Wenn Sie nicht sofort einen Krankenwagen holen, zeige ich Sie wegen unterlassener Hilfeleistung an, verstanden?«

Fluchend rannte die Bulldogge auf den Taxifahrer zu, der sich einem plötzlichen Sinneswandel folgend in sein Taxi gesetzt hatte und nach dem Funkgerät griff.

Mit einem Grinsen wandte sich Leo wieder dem Verletzten zu, der leicht wankend zwischen seinen beiden Helfern stand. »Sollen wir den Arm irgendwie stabilisieren, bis der Notarzt da ist?«, fragte sie.

Drei Augenpaare blickten sie ratlos an.

»Dann tut es nicht mehr so weh bei jeder Bewegung. Ich habe mir vor zwei Jahren mal den Oberarm beim Windsurfen gebrochen, der Weg zum Krankenhaus war die Hölle, was echt nicht hätte sein müssen«, redete Leo weiter, ohne damit eine Reaktion zu erzielen. Sie wurde einfach nur angestarrt. Mittlerweile von einem halben Dutzend Augenpaaren.

Weitere Arbeiter waren dazugekommen und tuschelten miteinander. Dabei beobachteten sie Leo, als sei sie eine Erscheinung und nicht etwa ein knapp siebzehnjähriges Mädchen in einem zerknitterten Sommerkleid und irgendwie mit einem Haarband hochgebundenen Haaren.

»Kann mal jemand einen Erste-Hilfe-Koffer holen?«, fragte Leo.

Statt einer Antwort wurde sie nur noch intensiver angestarrt.

»Lass gut sein, von denen kann nur Radu ein bisschen Deutsch.« Eine neue Stimme in dem Durcheinander. Klar und ruhig. Sie gehörte einem Jungen, der gerade vom Fahrrad stieg. Ein altersschwaches Teil, das anscheinend nur von seinem flaschengrünen Anstrich mit gelben Streifen zusammengehalten wurde. Der Junge nickte in Richtung des Verletzten. »Radu ist der mit dem kaputten Arm. Aber der versteht bestimmt nicht, was du mit ›Erste Hilfe‹ und ›stabilisieren‹ meinst.«

»Das erklärt einiges.«

Leo musterte den Jungen, der auf sie zukam. Er hatte dasselbe braun gebrannte Gesicht und trug die gleichen abgenutzten Arbeiterklamotten wie die anderen Männer, allerdings war er eindeutig jünger. Vielleicht so um die achtzehn Jahre alt, schätzte Leo. Und seine Haare waren nicht kurz geschoren und voller Staub vom Putz, sondern er hatte rausgewachsene Locken, denen die Sonne einen Goldstich ins dunkle Braun gebleicht hatte.

»Kannst du Radu – in welcher Sprache auch immer – sagen, dass der Krankenwagen gleich kommt?«

»Nein, ich spreche nur ein paar Brocken Rumänisch. Außerdem wäre das eh verschenkt, weil das mit dem Krankenwagen nichts wird.« Er deutete mit dem Kinn in Richtung Taxi.

Der Fahrer hatte in der Zwischenzeit Leos Gepäck auf dem Vorhof zwischen Farbeimern und Bauschutt abgeladen und machte sich anschließend aus dem Staub, während die Bulldogge mit einem mittlerweile tiefroten Gesicht auf sie zukam.

»Du schuldest mir dreißig Euro für die Taxifahrt und außerdem noch einen Fünfziger, Mädchen. Den Fuffi musste ich diesem Arschloch von einem Taxifahrer nämlich in die Hand drücken, damit er das Funkgerät weglegt und sich verpisst.«

Sprachlos starrte Leo den Mann an.

»Und ihr«, sagte er den Arbeitern, die unschlüssig hinter Leo standen, als wäre sie ein menschlicher Schutzschild gegen seinen Zorn, »ab mit euch! Plecat, plecat!«

Sofort kam Bewegung in die Beine der Männer, und sogar der Verletzte humpelte trotz sichtlicher Schmerzen davon. Der Einzige, den das alles nicht zu kümmern schien, war der Junge mit dem Fahrrad. Mit aufmerksamem Blick blieb er neben Leo stehen und beobachtete die Szene.

Mittlerweile hatte Leo begriffen, warum die Bulldogge dafür gesorgt hatte, dass kein Krankenwagen kam. »Das sind alles Schwarzarbeiter. Deshalb wollen Sie nicht, dass der Mann ärztlich behandelt wird – egal, was ihm passiert ist. Weil das Ganze dann auffliegen würde. Sind Sie hier der Baustellenleiter?«

Die Bulldogge nickte. »Ja, das bin ich. Horst Bender. Und wer zur Hölle bist du? Etwa die Freundin von diesem arroganten Arschloch da?« Er zeigte auf den Jungen, der als Reaktion bloß die Hände in die Hosentaschen steckte.

»Ich bin Leonie Kressberg, die Tochter von Clemens Kressberg, in dessen Auftrag Sie die Villa renovieren.«

Damit hatte dieser Bender nicht gerechnet. Nachdenklich schob er sich die Zunge von innen gegen die Wange. »Schau mal einer an … Wie auch immer, Herr Clemens hat vorhin angerufen und gesagt, dass er erst morgen kommt. Deshalb schieben wir hier ja noch Überstunden, damit der Kasten endlich fertig wird.«

Leo kroch die Wut kalt den Nacken hoch. »Und weil Sie unter Zeitdruck stehen, beschäftigen Sie auf der Baustelle meines Vaters Schwarzarbeiter? Das ist echt ein Ding. Am besten packen Sie jetzt schon einmal Ihre Sachen zusammen, denn wenn mein Vater davon erfährt, schmeißt er Sie eh hochkant raus.«

Doch anstatt klein beizugeben, grinste Bender sie abfällig an. »Das glaube ich nicht, Schätzchen.«

»Was Sie glauben, ist mir komplett egal. Ich kenne meinen Vater, der würde so was auf keinen Fall dulden. Also sehen Sie lieber zu, dass der verletzte Mann anständig medizinisch behandelt wird, sonst …«

»Sonst was?« Bender baute sich eine Handbreit vor Leo auf, die muskulösen Arme vor der Brust verschränkt, so als könne er sie wie ein Bulldozer rammen, wenn er nur wollte.

Leo schob das Kinn vor. Der reinste Bluff, in Wahrheit raste ihr Herz wie wild. »Kommen Sie mir ja nicht auf die Tour.« Leider klang sie nicht halb so gelassen, wie sie es sich erhofft hatte.

Und leider fiel Bender auch nicht darauf herein. Ohne sie weiter zu beachten, wandte er sich seinen Arbeitern zu und rief ihnen etwas in einer Sprache zu, die Leo nicht verstand. Aber sie verstand den Gesichtsausdruck der Arbeiter: Sie sahen sie plötzlich feindselig an. Unbehagen stieg in Leo auf, und sie war froh, nicht allein zu sein, auch wenn der Junge neben ihr bloß mit gekrauster Stirn dastand.

»Falls es dich interessiert …« Bender drehte sich mit einem Grinsen zu Leo um. »Ich habe den Arbeitern erzählt, dass du das Töchterchen vom Chef bist – und dass du sie hier nicht mehr sehen willst. Scheint ihnen nicht zu gefallen.« Er breitete die Arme in einer »Was kann man da tun?«-Geste aus und rempelte Leo dabei an.

»Das reicht jetzt.« Der Junge schob sich vor Leo.

Sofort begannen Benders Kiefermuskeln zu mahlen. »Scheiße, was soll das? Ich dachte wirklich, ich hätte dir deine vorlaute Einmischerei abgewöhnt, Alexei«, knurrte er. »Warum gehst du nicht auf deiner Spielwiese ein paar Blümchen zupfen, anstatt dich immer wieder in Sachen reinzuhängen, die dich nix angehen?«

»Nun, ich arbeite hier. Da kann ich ja schlecht so tun, als würde ich nichts mitbekommen.«

Je ruhiger dieser Alexei wurde, desto lauter wurde Bender. Fast wünschte sich Leo, er würde es auf sich beruhen lassen. Nein, dachte sie dann, jemand muss diesem wichtigtuerischen Mistkerl die Stirn bieten. Und Alexei schien es tatsächlich draufzuhaben.

»Was zur Hölle soll das?!«, rief Bender voll ungebrochener Angriffslust. »Du arbeitest nicht mehr unter meinem Kommando, du gehörst nicht mehr zu meinen Leuten!«

»Nein, das haben wir glücklicherweise hinter uns«, sagte Alexei, der immer noch schützend vor Leo stand.

Bender murrte etwas Unverständliches, dann sagte er: »Genau, wir beide haben nichts mehr miteinander zu schaffen. Du bist mir damals am Lagerfeuer einmal zu viel in die Parade gefahren mit deiner Aufrührer-Tour. Seitdem bist du raus! Deshalb kann dir also völlig egal sein, was in meinem Trupp passiert. Ich regele meine Angelegenheiten, du regelst deine, und ansonsten gehen wir uns aus dem Weg. Verstanden?«

»Das sehe ich anders.«

Zwischen der Bulldogge Bender und dem hochgewachsenen Alexei breitete sich eine Anspannung aus, die sämtliche Warnsignale bei Leo auslöste. Hier würde es gleich krachen. Alexei verlagerte bereits sein Gewicht, so als würde er sich auf einen Angriff vorbereiten, während die Sehnen an Benders Hals verräterisch vortraten. Bei dieser Auseinandersetzung ging es um mehr als um den verletzten Arbeiter, ein Brand, der schon länger zwischen den beiden Männern schwelte.

Es fehlte nicht mehr viel, und die Spannung würde sich wie eine explosive Mischung entzünden.

Obwohl Leos Instinkt sie dazu drängte, sich schleunigst in Sicherheit zu bringen, stellte sie sich neben Alexei. Nicht nur das, sie legte ihm auch ihre Hand auf den Unterarm. Die Berührung dauerte nicht länger als ein paar Herzschläge, trotzdem spürte sie, wie sich seine Härchen unter ihren Fingerspitzen aufrichteten. Dann lockerte sich seine eben noch angespannte Haltung, als hätte Leo einen geheimen Punkt auf seiner Haut berührt, und ein Ausdruck von Verwunderung legte sich über sein Gesicht.

»Alles klar?«, fragte Leo, wobei sie nicht recht wusste, was genau sie damit meinte.

Alexei erwiderte stumm ihren Blick. Da war etwas im Blau seiner Augen … Wie ein Strudel, der einen mitriss, ehe man auch nur einen Gedanken an die Gefahr verschwenden konnte.

»Wenn du nichts mehr zu sagen hast, du Klugscheißer, würde ich vorschlagen, dass du dich aus meinem Revier verpisst«, beendete Benders Knurren den Moment. Im Gegensatz zu Alexei waren seine Hände immer noch zu Fäusten geballt. »Und nimm deine neue Freundin am besten gleich mit.«

Ein feines Beben ging durch Alexeis Schultern, wie das Abstreifen eines Traums. Dann sah er Bender an. »Ein Tipp noch. Herr Kressberg wird es ganz bestimmt nicht locker nehmen, wenn ihm plötzlich die Arbeiter abhauen und er den Sommer auf einer Baustelle verbringen darf. Und genau das wird passieren, wenn das Gerücht die Runde macht, dass Leute, die sich auf seiner Baustelle verletzen, einfach weggescheucht werden.«

»Du kannst dir deine Tipps sonst wohin stecken. Ich sage es dir jetzt noch ein letztes Mal: Was ich mit meinen Leuten mache, geht dich nichts an. Überhaupt nichts.« Bender verpasste Alexei einen Stoß gegen die Brust.

»Das würde ich an deiner Stelle nicht noch einmal machen«, sagte Alexei mit einer unheimlichen Ruhe.

»Ach ja?« Bender leckte sich die Lippen, ein erstes Zeichen von Unsicherheit.

Leo hielt unwillkürlich den Atem an. Alexei stand nur da und erwiderte ungerührt Benders herausfordernden Blick. Schließlich wich Bender zurück, wobei er sich seine Fingerknöchel rieb.

»Genau das ist das Problem mit dir, Alexei«, raunte er. »Du weißt nicht, wo dein Platz ist. Nur weil du einen auf harter Kerl machst, heißt das noch lange nicht, dass dir keiner was kann. Wenn du nicht aufpasst, wirst du dich eines Tages mit einem Sack überm Kopf wiederfinden, während man dir mit einem Knüppel einbläut, wie man sich als kleiner abgewichster Niemand zu benehmen hat.«

»Dann habe ich ja was, worauf ich mich freuen kann«, erwiderte Alexei gelassen.

»Augenblick mal«, mischte Leo sich ein. »Wie meinten Sie das mit dem Sack über dem Kopf? Ist das ein dummer Scherz oder eine Drohung?«

Bender würdigte Leo keines Blickes, aber die Art, wie er seine Fäuste senkte, verriet, dass er sich wieder im Griff hatte. Nach allem, was Clemens Kressbergs Tochter bereits von seinem Führungsstil mitbekommen hatte, wollte er wohl nicht noch eine Schlägerei obendrauf setzen. »Wir klären das ein anderes Mal«, sagte er zu Alexei, ehe er Leo zunickte. »Grüß deinen Herrn Vater von mir, Fräulein. Und sag ihm, ich lasse mir nicht gern vorschreiben, wie ich meinen Job zu erledigen habe. Sonst kann er sich nach einem anderen Baustellenleiter umsehen – den er in Havelseck allerdings nicht finden wird. Hier gibt es nur mich.«

Damit drehte Bender sich um und schnauzte die Arbeiter, die sich das Spektakel aus einem Sicherheitsabstand angesehen hatten, an. Mit geduckten Köpfen kehrten sie zu ihren Aufgaben zurück, während Bender in einem Baucontainer verschwand.

2

»Bellt dieser Bender nur, oder beißt der auch?«, fragte Leo den Jungen. Nein, fragte sie Alexei. Ein schöner, wenn auch ungewöhnlicher Name … und irgendwie passend.

»Ist wohl besser, wenn du künftig einen Bogen um ihn machst.« Alexei massierte sich den Nacken – offenbar war die Auseinandersetzung doch nicht so spurlos an ihm vorbeigegangen, wie seine Miene vorgab.

Leo schnaufte. »So wie du? Das war ja eben ganz schön knapp.«

»Und wennschon.«

»Ach so … Dann ist diese unhöfliche Tour hier in der Gegend wohl der Standard.«

Alexei warf ihr einen Blick zu. Leo staunte darüber, wie leuchtend blau seine Augen waren, und spürte die Macht des Sogs, in dem sie sich zu verlieren drohte. Unwillkürlich schlang sie die Arme um ihren Oberkörper.

Seine Lippen zuckten. Doch anstatt darauf zu antworten, brachte er nur ein »Man sieht sich« hervor.

»Hey«, rief Leo ihm hinterher. »Du kannst doch jetzt nicht einfach gehen!«

Zu ihrer Überraschung blieb Alexei tatsächlich stehen. Allerdings nicht ihretwegen, sondern weil ein anderer Junge hinter dem Bauwagen hervorgetreten war, der sich ausgiebig zwischen seinen strohblonden Dreadlocks kratzte, so als wisse er nicht recht, wo er da bloß hineingeraten war.

»Was war denn los, Alter? Hattest du schon wieder Stress mit Bender?«, fragte Dreadlock leicht gedehnt. Offenbar bedeutete jedes Wort für ihn eine extragroße Anstrengung. »Du legst wohl Wert drauf, dass er am Ende noch den Vorhof mit dir aufräumt. Dabei ist deine Visage schon verbeult.«

Unter Alexeis T-Shirt begannen die Schulterblätter zu beben, dann begriff Leo, dass er ein Lachen unterdrückte. Allem Anschein nach brachte ihn der Junge mit dem schwarzen Flesh Tunnel im Ohrläppchen dazu, seine Abwehrhaltung zu vergessen. »Wie konnte man von dem Aufstand nichts mitbekommen?«, rief er dem Jungen zu, der jetzt gemächlich auf sie zuschlenderte. »Hast du dir hinterm Bauwagen dein Resthirn weggequalmt, du Pothead?«

Der Junge grinste. »Nicht heftig genug, um die schlechte Stimmung in deinem Umfeld ausblenden zu können. Du musst langsam mal von dieser Aggro-Schiene Bender gegenüber runterkommen, sonst macht der mit dir noch kurzen Prozess. Du weißt doch, wie der Typ tickt.« Er blinzelte Leo zu. »Hallo, hallo, wen haben wir denn da? Du bist wohl die neue Reinemachmaus für den Herrschaftspalast, was? Hab schon von dir gehört. Geiler Job, der Kasten sieht von drinnen so klasse aus, dass Kressberg eigentlich Eintritt nehmen müsste.«

Leo grinste. »Da bin ich aber froh, dass es in der Villa schon besser aussieht als davor. Ich werde die nächsten Wochen nämlich hier wohnen.«

»Der Kressberg lässt dich in seiner Villa wohnen?« Der Junge pfiff anerkennend durch die Zähne. »Musst du dafür noch was anderes machen als putzen?«

»Joschi, halt die Klappe«, warnte Alexei den Jungen.

»Ich mein ja nix Dreckiges, okay?«

Leo grinste. »Na, dann ist ja gut, denn sonst hätte ich die Ehre meines Vaters nämlich auch bis aufs Blut verteidigt. Ich heiße übrigens Leo, Leo Kressberg.«

Man konnte gemächlich mitzählen, wie die Erkenntnis, mit wem er es da gerade zu tun hatte, bei Joschi durchsickerte. »Du bist ohne Scheiß Kressbergs Tochter?« Als Leo nur breit grinste, wedelte er mit der Hand, als habe er sich verbrannt. »Da habe ich ja noch mal Schwein gehabt, dass ich nichts über knappe Zimmermädchenuniformen mit Strapsen erzählt habe.« Er lachte kicksig, zu bedröhnt, um verlegen zu sein.

»Damit wäre dann wohl alles geklärt.« Alexei packte seinen Freund am Oberarm und machte Anstalten, ihn hinter sich herzuziehen. Doch Joschi hielt die Stellung, obwohl er neben dem breitschultrigen Alexei wie ein Strich in der Landschaft wirkte.

»Und du bist dir sicher, dass du eine Kressberg bist? Den Upperclass-Nachwuchs aus Berlin habe ich irgendwie anders in Erinnerung, als ich dort als Straßenmusiker unterwegs gewesen bin«, bemerkte Joschi mit einem Fingerzeig auf Leos Flohmarkt-Outfit.

Während Alexei genervt stöhnte, amüsierte Leo sich bestens, obwohl sie sich ihres verknitterten Kleids nun doppelt bewusst war.

»Ich habe gerade eine Endlos-Anreise hinter mir, inklusive ausgefallener Klimaanlage im Zug. Wenn wir uns das nächste Mal über den Weg laufen, ziehe ich mich meiner sozialen Schicht entsprechend an, versprochen. Und du bist Straßenmusiker?«

»Das wäre Joschi, wenn seine Gitarre nicht in der Pfandleihe Staub ansetzen würde«, erklärte Alexei trocken.

Joschi stupste ihn von der Seite an. »Was bist du denn schon wieder so ätzend? Sei lieber froh, dass hier endlich mal eine Frau aufschlägt. Zu viele Männer auf einem Haufen sind einfach ungesund.«

Als Alexei ihm einen finsteren Blick zuwarf, wich Joschi einen Schritt zurück und stolperte dabei fast über Leos Kofferberg. »Ist das dein Zeug?«

Leo nickte.

Beeindruckt klatschte Joschi in die Hände, still stehen war offensichtlich nicht seine Sache. »So viel Krempel. Du willst hier einziehen und nicht bloß Urlaub machen, richtig?«

Wie auf Befehl lief Leo rot an. Sie hatte wirklich elend viel Zeug mitgenommen, aber es fiel ihr immer schwer, etwas zurückzulassen. Das galt auch für tausendfach gelesene Lieblingsbücher, ihre Nagellacksammlung und einen Farn im Topf. »Wenn es möglich wäre, würde Leo sogar die Tapete mitnehmen«, machte sich ihr Vater jedes Mal über ihre Einpackwut lustig, während ihre Mutter nicht müde wurde, darauf hinzuweisen, man könne doch immer und überall alles nachkaufen. Darum ging es Leo jedoch gar nicht: Ihre Sachen standen auch für ein Stück Zuhause – und das hatte sie sich in den Jahren nach der Scheidung ihrer Eltern hart erkämpft.

»Ich wusste ja nicht, was mich in der Pampa erwartet. Da habe ich halt alles Mögliche eingepackt«, verteidigte sie sich. »Und so verkehrt habe ich damit ja wohl nicht gelegen. Hier gibt es schließlich nicht einmal Handyempfang.«

»Lass gut sein«, wiegelte Alexei ab, dem die Sache mindestens genauso unangenehm war wie Leo. »Sollen wir dir helfen, die Sachen ins Haus zu tragen? Dieser Farn im Topf sieht jetzt schon halb tot aus.«

»Das wäre klasse, danke.« Dann kam Leo ein Gedanke. »Es macht echt wenig Sinn, wenn ich mich weiter als Jeanne d’Arc aufspiele und nach dem Verletzten suche?«

Alexei verzog den Mund, wobei eine blasse Narbe in seiner Unterlippe zum Vorschein kam, wo sie vermutlich einmal schlimm aufgeplatzt war. Passend zu seiner schiefen Nase, die unverkennbar auch schon einmal etwas abbekommen hatte. Lauter kleine Brüche in einem ansonsten bestechend ebenmäßigen Gesicht.

»Vertrau mir: Niemand will dich im Augenblick weniger sehen als Radu. Das war vorhin eindeutig zu viel Aufmerksamkeit für seinen Geschmack. Der wird sich schleunigst absetzen, bevor Bender ihn in die Finger kriegt und zusammenstaucht, weil er so dämlich war, vom Baugerüst zu fallen.«

»Und Radus Arm? Der muss behandelt werden.«

»Kann schon sein.«

Leo hielt seinem Blick stand. »Das ist definitiv so.«

»Du bist ganz schön hartnäckig, was?« Zu Leos Überraschung lächelte Alexei – allerdings nur einen Herzschlag lang, dann war sein ernster Ausdruck auch schon zurück. »Falls der Arm wirklich gebrochen ist, wird Radu nach Rumänien abreisen müssen. So kann er schließlich nicht arbeiten – egal, wie sehr seine Familie auf das Geld angewiesen ist.«

»Aber dann …«, setzte Leo an.

»Jetzt mal kein ›Aber‹«, unterbrach Alexei sie. »Wir kümmern uns um deine Sachen und damit genug.«

»Willkommen am herrlich idyllischen Potsdamer See mit seinen grundentspannten Bewohnern. Mehr gute Laune geht nicht«, feixte Joschi und schulterte eine pralle Reisetasche.

3

Im letzten Jahr hatte Leos Vater Clemens die Jugendstilvilla am Potsdamer See gekauft, mitsamt einem weitläufigen Park, der sich vom Anwesen bis hinunter zum See erstreckte. »Von Berlin aus fährt man knapp zwei Stunden durchs Grün und lässt anschließend die Seele baumeln mit Blick aufs Wasser«, hatte Clemens geschwärmt. »Ein Wunder, dass mir dieses Schmuckstück niemand vor der Nase weggekauft hat.«

Vermutlich lag es daran, dass das einstige Schmuckstück in einem erbarmungswürdigen Zustand gewesen war – was Leos Vater, der ein erfolgreicher Architekt war, natürlich nicht schreckte. Außerdem lag der Potsdamer See jenseits sämtlicher Tourismuspfade, was nichts anderes bedeutete, als dass es anstelle eines hübschen Städtchens nur ein Dorf namens Havelseck und statt Cafés und Restaurants bloß einen einzigen Tante-Emma-Laden gab. Und der war – ungelogen – in einem ehemaligen Kuhstall untergebracht und kam ganz ohne schicken ›Landliebe‹-Stil aus. Warum auch nicht? In dieser Ecke der Brandenburger Seenplatte trieben sich keine Urlauber auf der Suche nach hübsch verpackten Mitbringseln herum. »Dafür verschandeln einem die Touris auch nicht das Seeufer mit ihren Handtüchern«, hatte Clemens seiner Tochter am Telefon weiter vorgeschwärmt, um sie zu einem Besuch zu überreden.

Leo hatte nur gebrummt. Die Lust auf Action und vor allem aufs Shoppen wäre ihr zu diesem Zeitpunkt ihrer Sommerferien eh vergangen. Bevor sie nämlich an den Potsdamer See fahren würde, stand noch ein Kurztrip mit ihrer Mutter Charlotte nach Paris an, bei der Städtereisen stellvertretend nicht etwa für Kultur-, sondern Konsumrausch standen. Kein Wunder, dass ihre Eltern geschieden waren. Unterschiedlichere Vorstellungen von Spaß konnte man nicht haben.

 

»Wow, das sieht ja aus wie in einem Schloss«, rutschte es Leo heraus, nachdem sie sich durch den Türspalt beim Eingang gequetscht hatte. Die Haustür ließ sich wegen des Baugerüsts vor der Fassade nur ein Stück weit öffnen.

»Hab ich doch gesagt: Die Hütte ist der Hammer.« Joschi vergaß vor lauter Begeisterung, den Rucksack abzustellen, sondern drehte sich mit ihr einmal um die eigene Achse. Je mehr seine Bekifftheit verflog, desto quirliger wurde er.

Alexei hingegen ließ sich Zeit. Zuerst schob er die schweren Taschen rein und schlüpfte dann aus seinen verdreckten Stiefeln, ehe er ihnen auf Socken folgte. Mit den Stiefeln in der Hand schaute er sich aufmerksam um. Dabei fiel Leo eine rote aufgeworfene Stelle auf seinem Handrücken auf, als habe er sich dort verbrannt oder etwas Säureartiges abbekommen. Schnell presste sie ihre Lippen aufeinander, bevor ihr die Frage rausrutschte, ob er persönlich etwa Erfahrungen mit Arbeitsunfällen hatte.

»Die Halle hat sich ja wirklich gemacht.« In Alexeis Stimme schwang Respekt mit. »Als ich sie das letzte Mal gesehen hab, gab es noch keinen richtigen Fußboden, der Wandputz war bis aufs rohe Mauerwerk runtergeschlagen, und es sah aus wie in einem Lager für Baumaterial. Wahnsinn, wie groß sie jetzt wirkt.«

Obwohl Leo mit einem Architekten als Vater schon einiges an aufsehenerregenden Bauten zu sehen bekommen hatte, nickte sie zustimmend. Nur interessierte sie im Augenblick etwas ganz anderes als die Höhe der Zimmerdecke.

»Warum bist du denn schon so lange nicht mehr in der Villa gewesen, wenn du hier arbeitest?«

Alexei legte den Kopf schief. »Du bist ganz schön neugierig.«

»Kann sein.«

Sie musterten einander, bis Leo nicht mehr an sich halten konnte und schmunzelte. Fast sah es so aus, als wollte Alexei sie auflaufen lassen, aber dann erwiderte er ihr Lächeln. Nur ein kleines bisschen, nicht mehr als ein Zucken seiner Mundwinkel – aber immerhin brachte es seine Augen zum Strahlen. Erzählen tat er trotzdem nichts, das übernahm Joschi, der gerade den Inhalt von Leos Rucksack inspizierte.

»Nimm’s nicht persönlich, dass du keine anständige Antwort aus dem Kerl rausbekommst. Alexei liebt es, den großen Schweiger zu geben. Dabei ist es eine schnell erzählte Geschichte, warum er bei der Grünzeugfraktion gelandet ist.« Joschi stockte, als er aus den Tiefen des Rucksacks ein längliches Gerät hervorholte. »Hallo, was haben wir denn da?«

»Damit kann man Locken machen, auch wenn es nicht so aussieht«, erklärte Leo.

»Echt? Ich hatte da eben eine ganz andere Assoziation, mehr so in Richtung Vibrationstechnik.«

Der Blick, den Alexei ihr zuwarf, schien »Das hast du nun davon« zu sagen.

Leo beschloss, dass die Story es wert war, Joschi ihre Krimskrams-Sammlung durchwühlen zu lassen, solange er die Finger von ihrem Tagebuch ließ. Nicht dass etwas Spannendes drinstand, denn das letzte Jahr war das ruhigste in ihrem Leben gewesen – nichts als geregelter Internatsalltag mit Leuten, die sie bereits in- und auswendig kannte, ohne sich einem von ihnen sonderlich nah zu fühlen. Einschläferndes Einerlei eben. So gesehen waren diese beiden Jungen eine willkommene Abwechslung.

»Und wie ist das nun mit der kürzesten Story aller Zeiten?«

Widerwillig legte Joschi den Lockenstab beiseite. »Alexei ist genau wie ich auf der Durchreise in Havelseck hängen geblieben. Und was macht man komplett abgebrannt in so einem Kaff? Man heuert beim Ausbeuter und Mega-Drecksack Bender an. Mit dem Unterschied, dass ich mir immer noch den Arsch auf dem Bau aufreißen darf, während unser werter Freund dank seiner stahlharten Bizeps abgeworben worden ist.« Joschi klopfte Alexei auf die tatsächlich auffallend breiten Schultern. »Unser Box-Champion«, neckte er, ohne bei seinem Freund eine Reaktion hervorzurufen. Allem Anschein nach hatte Alexei beschlossen, die Sache auszusitzen.

»Boxen klingt cool.« Leo hatte selbst ein paar Stunden Unterricht genommen und anschließend einen Heidenrespekt davor gehabt, wie viel Ausdauer und Geschicklichkeit man für diesen Sport mitbringen musste. Daher auch die Haltung, die Alexei wie von selbst angenommen hatte, als die Auseinandersetzung mit Bender zu eskalieren gedroht hatte: Er wusste, wie man sich verteidigt.

Trotz Leos Begeisterung zuckte Alexei nur mit den Schultern. Kein Thema, das ihn zum Reden brachte.

»Ja«, trällerte Joschi umso eifriger. »Aber Alexeis Jackpot ist sein phasenweise absolviertes Schweigegelübde, wie du gerade persönlich feststellen darfst. Das war die Eintrittskarte zum Traumjob. Offenbar vermuten manche Leute, dass man, wenn man düster genug vor sich hin sinniert, auch gleich eine schöne Seele hat.«

Mit gerunzelter Stirn wandte Leo sich Alexei zu. »Muss ich das verstehen?«

»Joschi meint, dass ich jetzt nicht mehr auf dem Bau schufte, sondern dort drüben.« Alexei zeigte auf die offen stehende Flügeltür, durch die helles Licht einfiel.

Immer noch irritiert, warf Leo einen Blick in den angrenzenden Raum, der eine Art Ballsaal war. Die Wände waren zwar bereits fertig gemalert und das Parkett frisch abgeschliffen, ansonsten stand das weiträumige Zimmer allerdings leer.

»Was kann man denn da drin arbeiten? Staubkörnchen auflesen oder was?«

Als Alexei sie sanft durch die Flügeltür schob, glaubte Leo, frisch geschnittenes Gras zu riechen. Als säße der Duft auf seiner Kleidung oder gar auf seiner Haut. Ein Geruch nach Sommer, Licht und Tagen voller Leichtigkeit. Verblüfft blinzelte sie.

Alexei deutete auf die bodentiefe Fensterfront. »Mein Job ist dort draußen. Im Park.«

»Wow.« Leo war kurz davor, sich die Augen zu reiben. Hinter der Villa erstreckte sich eine verschwenderisch große Rasenfläche, durchsetzt mit Blumenbeeten, eingegrenzt von Hecken und mächtigen Bäumen bis hinab ans Seeufer. Eine Welt aus Blau und Grün.

»Du bist der Gärtner.«

»Nicht wirklich«, sagte Alexei. »Mehr der Bursche, der für die grobe Arbeit zuständig ist: Grünschnitt entsorgen, umgraben, häckseln. Sachen eben, für die man keine Ahnung vom Job haben muss. Der richtige Gärtner ist Viktor Kranz, der hat den Park in den Jahren, in denen die Villa leer stand, so gut es ging instand gehalten. Frag mich nicht, wie er in dieser Zeit über die Runden gekommen ist. Aber jetzt steht er bei deinem Vater im Lohn.«

»Und du mit ihm, du mieser Verräter«, maulte Joschi. »Hast kurzerhand die Seiten gewechselt, ohne einen Gedanken an deinen armen Freund J zu verschwenden.« Zum Trost steckte er sich einen Lolli in den Mund, den er im Vorderfach von Leos Rucksack gefunden hatte.

Alexei stand mit verschränkten Armen vor seinem Freund, sodass Leo die Gelegenheit bekam, ihn einer genaueren Inspektion zu unterziehen. Wieder stachen ihr die Unebenmäßigkeiten in seinem Gesicht, wie die von einer Narbe geteilte Braue, ins Auge. Vermutlich vom Boxen, obwohl der Sport heutzutage eigentlich wenig mit Platzwunden zu tun hatte. Seltsamerweise wirkte Alexei dadurch fast noch attraktiver. Gäbe es diese Brüche nicht, dann wäre er einfach nur ein gut aussehender Typ, der auffallen, aber nicht hervorstechen würde. Doch Alexei stach hervor, das hatte er vom ersten Augenblick an getan.

»Ist der Job als Gärtner denn besser?«, fragte Leo.

Joschi schnaufte. »Logo. Viktor ist cool, während Bender eigentlich nur noch die Peitsche fehlt, um wie der alte Sklaventreiber auszusehen, der er in Wirklichkeit ist. Deinem Vater kann es gar nicht schnell genug gehen, sein Häuschen aufzubrezeln, damit es samt Park in irgend so einer Schöner Wohnen-Hochglanz-Zeitschrift abgebildet wird. Jedenfalls hat er das Bender gegenüber erwähnt, der sich später darüber ausgeschüttet hat vor Lachen.«

»Deshalb auch der ganze Stress vorn bei der Fassade«, erklärte Alexei. »Dein Vater will die Arbeiten endlich abgeschlossen haben und hat Bender einen Bonus in Aussicht gestellt.«

So viel zum Thema Ruhe, dachte Leo enttäuscht. In Wirklichkeit ging es Clemens in erster Linie darum, seinen Ehrgeiz mit einem perfekt hergerichteten Wochenendhaus zu befriedigen. Bei ihrem Vater lief es halt immer darauf hinaus, sich als erfolgreicher Architekt zu präsentieren.

Während Leo die Freude an der Villa verging, öffnete Alexei eine zwischen den Fenstern eingelassene Tür, so als könne er es gar nicht erwarten, ins Freie zu kommen. Durch die Tür trat man auf eine erhöhte Terrasse, auf der sogar schon ein Tisch samt Stühlen stand. Eine breite Treppe führte hinab in den Garten, der in leuchtenden Farben unter der Mittagssonne lag.

Leo atmete tief ein. Die Luft duftete genau wie Alexei nach frischem Gras und Sonne. Ungläubig blickte sie auf das Bilderbuchparadies, das zwar ein wenig verwildert, aber vielleicht gerade deshalb so wunderschön war.

»Das hier ist der Grund, warum ich es nicht ganz so eilig habe, meine Gitarre wieder auszulösen«, sagte Joschi leise.

»Den Park hat mein Vater mit keinem Wort erwähnt, dabei wäre er das Argument gewesen, um mich hierherzulocken.« Leo stockte. »Vermutlich interessiert er Clemens nicht, schließlich besteht der Garten nicht aus Stein oder Beton.«

Alexei lehnte sich gegen die Brüstung, von der die Terrasse umgeben war. »Na ja, der Park interessiert Herrn Kressberg schon, ansonsten hätte ich den Job wohl nicht bekommen.«

»Dann machst du bei diesem Viktor eine Ausbildung zum Gärtner?«

Alexei lachte.

»Oder ist es bloß ein Sommerjob?«, bohrte Leo weiter, obwohl ihr die eigene hartnäckige Neugier inzwischen selbst ein wenig unangenehm war. Falls Alexei jedoch zu der Schar Schwarzarbeiter gehörte, wollte sie das lieber gleich wissen.

»Das ist ja das reinste Verhör«, sagte Alexei.

»Tschuldigung. Ich bin wohl etwas neben der Spur.« Leo massierte sich die Schläfen. »Ich habe eine komplett durchgetaktete Woche mit meiner hyperaktiven Mutter und ihrem neuen Lover hinter mir. Und heute die anstrengende Anreise, zu deren Krönung mein Vater mich nicht wie verabredet am Bahnhof abgeholt hat. Stattdessen musste ich ihm hinterhertelefonieren, nur um mir dann anzuhören, dass er gerade voll im Stress auf irgendeiner Baustelle sonst wo in Deutschland festhängt. Eigentlich ist es so wie immer: Er ist überall, nur nicht da, wo ich bin.« Das kam jetzt vielleicht zu bitter rüber, aber der angestaute Frust musste unbedingt raus.

Alexeis Finger tanzten über die Brüstung, während er Leo plötzlich mit einem anderen Blick bedachte. »Leben deine Eltern getrennt?«

Das war die erste persönliche Frage, die er ihr stellte – und dann gleich zu ihrem Lieblingsthema. Wobei Leo einen Teufel tun und sich das anmerken lassen würde. Vor Joschi wäre das schon gegangen, aber nicht vor Alexei, der selbst ja so gar nichts von sich preisgeben wollte und nur mauerte. Außerdem war ihr plötzlich wichtig, dass er sie nicht für ein einsames Mädchen hielt. So wollte sie auf keinen Fall gesehen werden.

»Meine Eltern sind schon ewig getrennt, deshalb bin ich die letzten Jahre auch auf einem Internat gewesen. Weil es einfacher ist, als sich zwischen zwei Häfen zu zerreißen.« Leo ließ dabei unter den Tisch fallen, dass ihre Eltern kaum die Zeit gehabt hatten, sich um sie zu kümmern. Ihre Mutter Charlotte ging völlig in ihrer Beziehung zu einem französischen Geschäftsmann auf, während ihr Vater Clemens an seine große Liebe, die Architektur, vergeben war. Trotzdem waren sie gute Eltern – und das war es, was aus Leos Sicht zählte.

»Ist mit meinen Eltern ganz ähnlich gewesen«, sagte Joschi, der, von einer inneren Unruhe getrieben, die Treppenstufen hoch- und runterhopste. »War eine einsame Zeit.«

Leo schüttelte hastig den Kopf. »Ich weiß gar nicht, wann ich in den letzten Jahren überhaupt einmal wirklich allein gewesen bin. Im Internat waren immer tausend Leute um mich rum, da wäre es echt ein Traum, allein zu sein. Deshalb bin ich ja auch hierhergekommen: Endlich mal Ruhe.«

»Dann wollen wir dich jetzt auch nicht länger stören.« Mit einer geschmeidigen Bewegung stieß Alexei sich von der Brüstung ab und schnappte sich Joschi, der gerade in Richtung Villa entwischen wollte. »Du kommst zurecht?«, fragte er Leo, obwohl klar war, dass er wegwollte.

»Sicher«, erwiderte Leo notgedrungen.

Alexei blieb mit dem zappelnden Joschi am Haken stehen und betrachtete seine besockten Füße, als liege ihm noch etwas auf der Seele. Dann schlüpfte er jedoch in seine Stiefel, ohne seinen schimpfenden Freund loszulassen. »Viel Spaß beim Ausspannen«, sagte er noch. »Wir machen uns jetzt mal wieder an die Arbeit.«

Mit einem seltsamen Gefühl der Leere sah Leo den beiden Jungen nach, wie sie sich am Fuß der Treppe trennten und Alexei mit langen Schritten den Rasen überquerte, bis er in den Weiten des Parks verschwand. Leo musste sich regelrecht zwingen, ins Haus zu gehen und alle Gedanken an diesen undurchsichtigen Jungen aus ihrem Kopf zu verbannen.

Eine ganze Villa wartete darauf, von ihr erobert zu werden. Allein …

4

Man sah Viktor Kranz jedes einzelne seiner zweiundsiebzig gelebten Jahre an: die hagere Gestalt, der ihre Haut irgendwann zu groß geworden war und nun rundum Falten warf; die Lippen nur zwei dünne Striche, die ihn wie eine Schildkröte aussehen ließen; eine Schildkröte mit einem Riesenzinken als Nase.

Viktor saß auf einem umgedrehten Eimer in der Nachmittagssonne und rauchte eine von seinen selbst gedrehten Zigaretten, die nach verbranntem Unkraut stanken. Kaum hatte er Alexei bemerkt, holte er seinen Tabakbeutel hervor und begann eine Zigarette für den Jungen zu drehen. Eigentlich rauchte Alexei nicht, aber für ihre gemeinsamen Pausen machte er eine Ausnahme. Er ließ sich neben Viktor auf dem Rasen nieder und hatte seine Zigarette schon fast aufgeraucht, als der alte Mann sich schließlich zum Reden bequemte.

»Aufregender Vormittag«, sagte er mit einem harten Akzent, der seine russischen Wurzeln verriet. »Horst Benders Gebrüll war bis hier hinten zu hören. Hat er zufällig in deine Richtung gebrüllt?«

»Er hat in alle möglichen Richtungen gebrüllt.«

Eine Pause entstand, nichts Ungewöhnliches, wenn man mit Viktor zusammensaß. Der alte Mann verschwendete kein Wort freiwillig, sondern wertschätzte Äußerungen wie seltene Blüten. Sogar wenn er Alexei etwas über das Gärtnern beibrachte, zeigte er es dem Jungen eher oder ließ es ihn selbst herausfinden, anstatt große Reden zu halten.

Alexei lag diese Schweigsamkeit und Ruhe, sie band ihn noch mehr an seinen Job als die Schönheit des Parks. Außerdem hatte er, je länger er mit Viktor zusammenarbeitete, das Gefühl, das Worte im Grunde sowieso nicht wirklich hilfreich waren, um einander zu verstehen. Was man tat oder eben nicht tat – das war letztendlich entscheidend. Und Viktor hatte ihm eine Chance gegeben, während Bender in ihm nur einen weiteren Arbeitssklaven gesehen hatte. Wobei er ihn oftmals noch mehr schikaniert hatte als die anderen. Irgendetwas an ihm reizte Bender, vielleicht erahnte er hinter seiner abgerissenen Fassade den Rest von früherem Glanz. Und glänzen durfte man in Benders Nähe nicht, sondern nur buckeln.

Eigentlich war Alexei das alles egal gewesen. Hauptsache, er verdiente genug Geld auf die Hand, um zu überleben. Und wenn es gut lief, dann hatte er so viel zu tun, dass er abends vor Erschöpfung innerhalb einer Sekunde einschlief. Obwohl Bender die Schrauben immer mehr angezogen hatte, hatte Alexei sich nicht ein einziges Mal beschwert. Dann war die Sache am Lagerfeuer passiert, die Bender vorhin erst wieder erwähnt hatte. Es war um die Rumäninnen gegangen, die wegen Arbeit angefragt hatten, und Bender hatte nach ein paar Gläsern Hochprozentigem damit angegeben, dass er jede einzelne dieser Frauen persönlich auf der Besetzungscouch testen würde. Bei den detaillierten Beschreibungen, was genau er mit ihnen anzustellen gedachte, hatte einem schlecht werden können.

»So verzweifelt sahen die Ladys doch gar nicht aus, dass sie auch nur zwei Sekunden freiwillig auf dieser Couch sitzen bleiben würden«, hatte Alexei schließlich in einer Mischung aus Russisch und Rumänisch gesagt, was ihm jede Menge Lacher und Schulterklopfer unter den Arbeitern eingebracht hatte. Nur Bender hatte darüber nicht lachen können, sondern sich angriffslustig vor Alexei aufgebaut.

»Was willst du damit sagen? Dass ich keinen Schlag bei den Weibern habe?«

Alexei hatte ihn nur angesehen, was Benders Ansicht nach Antwort genug war. Ohne Vorwarnung hatte er das Bein gehoben, und sein schwerer Stiefel wäre bestimmt in Alexeis Gesicht gelandet, wenn dieser nicht so geistesgegenwärtig aufgesprungen wäre. Im Gegensatz zu Bender hatte er keinen Schluck von dem Selbstgebrannten angerührt und wehrte den folgenden Schwinger ebenfalls problemlos ab.

»Den einen hattest du gut, aber wenn du es noch mal probierst, schlage ich zurück«, hatte Alexei den vor Wut schnaufenden Mann gewarnt.

Wenn Raddatz, Benders rechte Hand, nicht dazwischengegangen wäre, hätte Alexei nicht gewusst, wie der Streit ausgegangen wäre. Schlicht aus dem Grund, dass er sich kaum erinnern konnte. So lief es bei ihm, wenn die Wut die Kontrolle übernahm. Sie schob jede andere Empfindung und erst recht jeden klaren Gedanken beiseite. Er hatte geradezu gehofft, dass Bender es drauf ankommen ließ. Auch heute wäre es fast wieder so weit gewesen, wenn Leo ihn nicht in letzter Sekunde … Ja, was eigentlich? Berührt hätte? Genau das hatte sie getan – und er hatte darauf reagiert. Verdammt heftig sogar.

Darüber wollte Alexei jetzt lieber nicht nachdenken, vor allem da Viktor neben ihm saß und ihn aus den Augenwinkeln beobachtete, während er zwischen den Zigarettenpausen seine Fingernägel mit einem Taschenmesser säuberte.

Unter Benders Kommando war Alexeis blinde und taube Zeit gewesen, von dem einen oder anderen Wutausbruch einmal abgesehen. Erst unter Viktors stiller Obhut war er langsam wieder zu sich gekommen, obwohl auch über seiner ersten Woche als Gärtnergehilfe ein dichter Nebel lag. Nur der bittere Geschmack von Tabak in seinem Mund und das wohlige Gefühl, seine Hände in Blattwerk und nicht in Bauschutt zu vergraben, waren ihm in Erinnerung geblieben. Eines Tages hatte er sich dann plötzlich bis zu den Knöcheln in umgegrabener Erde wiedergefunden, während Viktor Wurzelknollen in die Löcher gesetzt hatte.

»Das sind Dahlien«, hatte der alte Gärtner erklärt, nachdem ihm Alexeis fragender Blick aufgefallen war. »Eigentlich ist es noch zu früh, sie zu setzen, aber das Frühjahr meint es in diesem Jahr gut mit uns. Wenn mein Instinkt mich nicht täuscht, erwartet uns ein herrlicher Sommer.«

»Dahlien« war das erste Wort, das seit langer Zeit wieder in Alexeis Bewusstsein hängen geblieben war. Im Lauf der nächsten Wochen waren noch jede Menge mehr hinzugekommen – und sie hatten alle mit dem Park hinter der Villa zu tun. Anstatt verschimmelte Wandverkleidungen runterzureißen oder Bodenfliesen zu schleppen, bis seine überanstrengten Rückenmuskeln streikten, stand er seitdem unter freiem Himmel und half dabei, eine Meer aus Rasengrün, Heckenspiel und Blütenpracht zu erschaffen. Benders Gebrüll und Drohgebärden wurden abgelöst von Pausen mit selbst gedrehten Zigaretten und angenehmem Schweigen. Der alte Gärtner hatte ihn aus einem unerfindlichen Grund in Beschlag genommen, und der sonst so herrische Bender, der über seiner Arbeiterschar wie ein Drache über einem Schatz wachte, hatte nichts dagegen unternommen. Vermutlich hatte ihm noch das Kräftemessen mit Alexei in den Knochen gesteckt, oder er hatte in Viktor Kranz einen Gegner gefunden, den er nicht mit seinem üblichen Gehabe hatte beeindrucken können. Eigentlich brauchte Alexei es auch gar nicht so genau zu wissen, schließlich wollte er keine schlafenden Hunde wecken. Im Gegenzug stellte Viktor ihm auch keine Fragen. Normalerweise jedenfalls nicht.

»Die Kleine ist ein hübsches Mädchen, was?« Der alte Mann blinzelte verschwörerisch.

Alexei sah den Rauchschwaden nach.

»So hübsch sogar, dass es dir die Sprache verschlagen hat?« Falls Viktor sich darauf ernsthaft eine Antwort erhoffte, wartete er vergebens.

Alexei stand auf und schlug sich den Staub von seiner ohnehin verdreckten Hose. »Radu ist vom Gerüst gefallen und hat sich verletzt, daher das Geschrei. Bestimmt hat Bender ihn bereits abgeschoben, einen nutzlosen Esser kann er nicht gebrauchen.«

»Das ist schade für Radu, aber was geht dich das an? Oder willst du deinen Hahnenkampf mit Bender nun doch noch austragen, obwohl dieser Mann bestimmt nicht fair kämpft?«

Noch eine Frage, die Alexei wohlweislich überhörte. »Dieses verdammte Wackelgerüst vor der Villa. Wenn Bender nicht an allen Ecken und Enden sparen würde, wäre der Mist gar nicht erst passiert, und Leo wäre nicht so mit ihm aneinandergeraten, dass ich schon dachte, der Choleriker geht gleich auf sie los.«

Viktor nickte. »Jetzt begreife ich. Das hübsche Mädchen hat sich mit dem Ungeheuer Bender gestritten, woraufhin der sonst so abwesend wirkende Alexei aus seinem Dornröschenschlaf erwacht ist. Und das ganz ohne Kuss.« Der alte Mann lachte glucksend über seinen eigenen Witz.

Zum ersten Mal fragte sich Alexei, was der Gärtner wohl wirklich über ihn dachte. Genau genommen wollte er bloß schleunigst weg, ehe Viktor ihm noch richtig auf den Zahn zu fühlen begann.

»Radus Familie hat sich gerade erst ein Stück Land gekauft. Er kann es sich nicht leisten, ohne eine Entschädigung einfach so von Bender entlassen zu werden.«

»Er wäre nicht der Erste, der mit leeren Händen gehen muss«, gab Viktor zu bedenken.

Ja, aber der Erste, bei dem ich es mitbekommen habe, dachte Alexei. Kälte breitete sich in seiner Brust aus, ein vertrautes Gefühl, dem er sonst immer zu entkommen versuchte. Aber vielleicht war es jetzt langsam an der Zeit, sich diesem nagenden Schuldgefühl zu stellen. Er hatte sich schließlich lange genug versteckt.

»Radu hat es nicht verdient, so behandelt zu werden«, entschied Alexei. »Seine Familie hat es nicht verdient …«

Viktor kratzte sich an seiner imposanten Nase. »Du hast also vor, den edlen Rächer zu geben. Was soll ich dazu sagen … Es ist auf jeden Fall die beste Taktik, um eine Dame zu beeindrucken.«

Alexei biss die Zähne fest zusammen, während er dem alten Mann zum Abschied zunickte, um dann schnell den Kiesweg in Richtung Villa einzuschlagen. Falls sie Radu schon zu den Wohnbaracken hinter dem alten Bahnhof gebracht hatten, würde er sich beeilen müssen. Mit dem Fahrrad dauerte es eine Weile bis dorthin, weil er einen Umweg um den Wald fahren musste. Denn den würde er nicht einmal dann freiwillig durchqueren, wenn sein Leben davon abhing.

5

Die Abenddämmerung brach schneller herein, als Leo erwartet hatte. Eben war sie noch durch die sonnigen Zimmerfluchten der Villa gestromert und hatte die brandneue Dusche ausgiebig eingeweiht. Als sie jedoch zum Anziehen in ihr Zimmer huschte, legte sich bereits ein Grauschleier über das Nachmittagslicht, und jetzt stand sie in der Küche und blickte in den abendlichen Garten hinaus. Seufzend schüttelte sie einen Anflug von Melancholie ab und versuchte stattdessen, ein Essen aus dem Kühlschrankinhalt zusammenzubekommen. Die Batterie grüner Smoothies, auf die ihr Vater offenbar schwor, war bereits abgelaufen, genauso wie die Mandelmilch, mit der sie eh nichts anzufangen wusste. Es lag noch ein Stück Quiche im Gemüsefach, aber sie hatte keine Lust, den Speck herauszupulen. »Also der Klassiker: Nudeln mit Olivenöl.«

Während der Herd summte und Leo Knoblauch schälte, war noch alles in Ordnung. Doch als das Essen fertig war und sie ganz allein an dem wuchtigen Eichenholztisch saß, an dem locker eine Großfamilie Platz gefunden hätte, zog sich ihr Magen zusammen.

Wann war sie das letzte Mal so verflucht allein gewesen?

Vielleicht sollte sie sich nach dem Essen einfach ins Bett legen und so lange lesen, bis ihr die Augen von allein zufielen. Und dabei am besten auch noch Musik hören, damit sie gar nicht erst mitbekam, wie ruhig es in diesem Haus war. Nicht dass sie sich Sorgen machte, ausgerechnet heute Nacht könnte jemand einen Einbruch wagen. Es war vielmehr … die Villa war leer, unbewohnt, fremd. Ihr Vater hatte zwar schon ein paar Nächte hier verbracht, aber davon war nichts zu spüren. Die Möbel rochen fabrikfrisch, genau wie die Handtücher und die Bettwäsche, es gab keinen liebevoll hingestellten Krimskrams und schon gar keine persönliche Note. Das reinste Ausstellungsgelände. Nur dass Leo eben keine Schaufensterpuppe war.

Lieber nicht groß darüber nachdenken, beschloss sie und kämpfte gegen den Blues an.

Ohne großen Erfolg.

Als sie die Essensreste in den Kühlschrank räumte, nahm sie eine der Weißweinflaschen und hielt sie abwägend in der Hand. Eine zwölfprozentige Chance, dem Abend noch einen Anstrich von Gemütlichkeit zu verleihen.

Am Küchentisch trank Leo das erste Glas, was ihr ein wenig wie das Runterschlucken von Medizin vorkam. Während der trockene Wein ihre Speiseröhre entlangkratzte, warf sie zum gefühlten tausendsten Mal einen Blick auf ihr Handy. Tot, absolut tot. Falls irgendwer dort draußen gerade an sie dachte, bekam sie davon ums Verrecken nichts mit. Warum hatte ihr Vater diese katastrophale Netzlosigkeit am See eigentlich mit keiner Silbe erwähnt? Wenn sie das gewusst hätte, hätte sie die Nacht in seiner Berlin-Mitte-Wohnung verbracht. Die war zwar auch groß und hatte eine Aura des Unbewohnten, weil ihr Vater immer unterwegs war, aber wenigstens konnte man sich die Welt an den Küchentisch einladen.

Mit dem zweiten Glas in der Hand und schon etwas angeschickert, schlug Leo den Weg ins Obergeschoss ein. Allerdings bog sie nicht in das Zimmer ab, das ihr Vater für sie vorgesehen hatte. Clemens hatte es mit Möbeln eingerichtet, die er vermutlich für ihren Geschmack hielt. Zweifelsohne hatte er keine Ahnung, was sie mochte, ansonsten wäre die Einrichtung kaum so stylish-unterkühlt ausgefallen, sondern gemütlich und warm. Nein, in diesem Zimmer, das offenbar für eine andere Tochter als sie vorgesehen war, wollte sie jetzt nicht sein.

Leos Hand wanderte zum Knauf einer Tür, hinter der ein kleines, noch leer stehendes Zimmer lag. Sie hatte es zuvor bei ihrer Besichtigungstour entdeckt. Seinem ungünstigen Schnitt nach war es gut möglich, dass es in früheren Zeiten für das Personal vorgesehen gewesen war. Aber es hatte einen unübersehbaren Vorteil, der Leo magisch anzog: die Aussicht. Mit dem Weinglas in der Hand setzte sie sich auf die breite Fensterbank, auf der man es sich gemütlich machen und in den Park hinabblicken konnte.

Wolkenschlieren zogen über den Nachthimmel, ließen einzelne Sterne aufblitzen und warfen wandernde Schatten auf das Meer von Baumkronen. Wie eine samtige Decke entrollte sich der Rasen und fiel dann ab zum See, der, eingerahmt von schwarzen Baumriesen, wie ein Spiegel dalag. In den Beeten zu beiden Seiten schimmerten weiße Rosen, und der Duft von Lavendel lag in der leicht bewegten Luft.

Ganz versunken in die Aussicht nippte Leo am Wein, als plötzlich eine dunkel gekleidete Gestalt zwischen zwei Säulen aus Rotbuchen hervortrat. Nur ihre Umrisse waren zu erkennen, trotzdem begriff Leo sofort, wer dort unten spazieren ging. Sie war Alexei zwar erst einmal begegnet, aber seine Erscheinung hatte sich ihr fest eingeprägt. Im Geist verlieh sie seinen rausgewachsenen Locken einen goldbraunen Anstrich und den Augen dieses klare Blau, das sie gleich von Anfang an so fasziniert hatte. Immer weitere Details gesellten sich hinzu, bis sie selbst erstaunt war, wie gut sie sich den Jungen gemerkt hatte. Hastig trank sie das Glas leer, und der Wein dämpfte augenblicklich ihre Verlegenheit.

Nun überquerte Alexei den Rasen, und Leo erkannte, dass er nicht einfach nur umherschlenderte, sondern etwas im Arm trug. Ein Paket oder Ähnliches. Er legte es sorgsam ab, dann ging er neben einem der Beete in die Hocke, als wolle er Blumen pflücken.