In Extremis - Tim Parks - E-Book

In Extremis E-Book

Tim Parks

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Beschreibung

In Extremis ist ein existenzieller Roman und gleichzeitig einer der lustigsten, der über Tod und Familie geschrieben wurde. Thomas weiß, dass es etwas gibt, was er seiner Mutter noch sagen muss, bevor sie stirbt. Aber wird er das rechtzeitig schaffen? Und wird er den Mut haben zu sagen, was er vorher nicht sagen konnte? Sein Telefon brummt, in seinem Kopf dreht sich alles und er kann sich nicht darauf konzentrieren, was gerade passiert und worauf es ankommt. Soll er versuchen, den Familienkonflikt zu lösen, in dem sich sein Freund gerade befindet? Sollte er die Trennung von seiner Frau nochmal überdenken? Warum ist er so ungeheuer verwirrt, ja geradezu paralysiert? In diesem überaus anregenden Roman erkundet Tim Parks, wie tief unsere Identität in unserer familiären Vergangenheit wurzelt. Können wir das jemals wirklich ändern?

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Tim Parks

IN EXTREMIS

Roman

Aus dem Englischenvon Ulrike Becker

 

 

Verlag Antje Kunstmann

 

 

 

 

Zum Buch

In Extremis ist ein existenzieller Roman und gleichzeitig einer der lustigsten, der über Tod und Familie geschrieben wurde.

Thomas weiß, dass es etwas gibt, was er seiner Mutter noch sagen muss, bevor sie stirbt. Aber wird er das rechtzeitig schaffen? Und wird er den Mut haben zu sagen, was er vorher nicht sagen konnte? Sein Telefon brummt, in seinem Kopf dreht sich alles und er kann sich nicht darauf konzentrieren, was gerade passiert und worauf es ankommt. Soll er versuchen, den Familienkonflikt zu lösen, in dem sich sein Freund gerade befindet? Sollte er die Trennung von seiner Frau noch mal überdenken? Warum ist er so ungeheuer verwirrt, ja geradezu paralysiert?

In diesem überaus anregenden Roman erkundet Tim Parks, wie tief unsere Identität in unserer familiären Vergangenheit wurzelt. Können wir das jemals wirklich ändern?

„Ich kenne kein anderes Buch, das zugleich so berührend und lustig ist. Ein eindrückliches Portrait eines Mannes, zerrissen zwischen seiner Geliebten und seiner schrecklich netten Familie und Freunden, ein Buch über das Leben und den Tod, über Liebe und Freundschaft.“

Peter Stamm

Über den Autor

Tim Parks, geboren in Manchester, wuchs in London auf und studierte in Cambridge und Harvard. Seit 1981 lebt er in Italien. Seine Romane, Sachbücher und Essays sind hoch gelobt und mit vielen Preisen ausgezeichnet. Er unterrichtet Literarisches Übersetzen an der Universität Mailand, schreibt u.a. für The Guardian, The New Yorker und The New York Review of Books, und übersetzt, u.a. die Werke von Moravia, Calvino, Calasso, Tabucchi und Machiavelli. Zuletzt erschien Thomas & Mary (Kunstmann 2017).

 

 

 

 

ERSTER TEIL

I

MUTTERS LEICHNAM. Daran denke ich immer wieder.

Soll ich ihn besichtigen?

Warum fällt mir die Entscheidung so schwer?

Ich war auf einer Physiotherapeutenkonferenz in Amersfoort. Dort wurde viel über den Beckenboden und über Analmassage gesprochen. Zum ersten Mal entschloss ich mich, die Behandlung selbst auszuprobieren. Ein Kinderarzt aus Portugal hatte beim Frühstück darauf geschworen. Sie hatte ihm das Leben gerettet. Der Physiotherapeut, der aus Kalifornien stammte, warnte mich, dass eine einzelne Massage unter Umständen nur alte Schmerzen wieder wachrufen würde. Doch ich war neugierig. Hinterher, unter der Dusche, spürte ich einen unangenehmen Druck, ein Brennen in der Blase und als Begleiterscheinung einen Stimmungswandel: Gereiztheit. Das kam mir nur allzu bekannt vor. Dann, als ich beim Abtrocknen einen Blick auf meinen Laptop warf, sah ich, dass eine E-Mail von meiner Schwester eingetroffen war, adressiert an meinen Bruder und an mich. »Mums Zustand verschlechtert sich rapide. Kommt lieber sofort.«

Die Frage war also: den Vortrag halten, zu dem man mich eingeladen hatte, oder unverzüglich abreisen. Es sind die Entscheidungen, mit denen man sich schwertut, die einen ins Grübeln bringen – darüber, wer man eigentlich ist –, und manchmal auch zum Verzweifeln. Doch in diesem Fall war es leicht. Ich würde gerade mal zwei Stunden verlieren; ich fühlte mich meinen Gastgebern, die meine Reise bezahlt und sich sehr großzügig gezeigt hatten, verpflichtet. Die Sache mit dem Leichnam ist etwas anderes. Wenn ich Leichnam sage, habe ich eigentlich das Gefühl, es sollte kein Problem sein, ihn ›zu besichtigen‹. Besichtigen ist das Wort der anderen, nicht meines, so als würde man sich ein Grundstück anschauen, oder einen Tatort. Und wenn ich ›Mutter‹ sage, dann möchte ich sie tatsächlich unbedingt sehen. Tränen kommen. Aber wenn es darum geht, seine Mutter zu sehen, kann man wohl kaum von ›besichtigen‹ sprechen. Mein Problem besteht darin, ›Mutters Leichnam zu besichtigen‹.

Was mich an der Massage besonders beeindruckt hat, war das Feingefühl des Mannes. Er kam zu mir ins Hotel, klopfte leise an die Zimmertür. Als ich die Hosen herunterließ, war es mir unmöglich, nicht an ein homosexuelles Rendezvous zu denken. Der Mann bemerkte meine Verlegenheit und setzte alles daran, aus der Sache nicht mehr und nicht weniger zu machen als sie war: der Hausbesuch eines Physiotherapeuten, um einen Patienten zu massieren. »Legen Sie sich ein Kissen unter, Kumpel«, sagte er. Vielleicht dachte er, alle Engländer würden sich mit »Kumpel« anreden. Mit seinen ungefähr fünfundvierzig Jahren und dem kinnlosen, pockennarbigen Gesicht war er kein gut aussehender Mann, aber es war äußerst angenehm, ihn um sich zu haben. Ein Mann, der sich in seiner Haut wohlfühlt, dachte ich. Er strahlte Wohlbefinden aus. Ich war neidisch. Was ich möchte, hatte ich meiner Analytikerin bei unserem ersten turbulenten Treffen erklärt, ist, mich in meiner Haut und in meinem Leben wohlzufühlen. Sie hatte die Stirn gerunzelt, wie um zu sagen: Nicht so schnell, Señor Sanders, nicht den zweiten Schritt vor dem ersten machen.

Wenn ich zurückblicke, komme ich auf etwa ein halbes Dutzend andere medizinische Eingriffe in dieser Region. Alle schmerzhaft, einer unerträglich. Ausnahmslos erniedrigend. Auf allen vieren, erhöht auf einer Untersuchungsliege. Von hinten ausgeführt. Du ein Tier; die anderen, in weißen Kitteln, üben die komplette, kastrierende Kontrolle über dich aus. Warum rede ich jetzt davon? Habe ich nicht behauptet, ich könne nur an den Leichnam meiner Mutter denken? Doch das stimmt nicht ganz. Woran ich in Wirklichkeit denke, oder was ich zu entscheiden versuche, ist, ob ich den Leichnam – ihren Leichnam – besichtigen soll, in dem Wissen, dass es ihr nicht recht wäre. Sie würde es als erniedrigend empfinden, obwohl sie das nicht mehr kann, da sie nun tot ist. Dieser Physiotherapeut dagegen wies mich an, mich auf den Bauch zu legen, mit gespreizten Beinen auf ein Kissen, und fing an, meinen Po zu massieren, ganz so, wie man es bei Babys macht. Ich war überrascht, angespannt vor dem erwarteten Übergriff. Er plauderte darüber, wie er zu diesem Berufsfeld gekommen war, schon vor etlichen Jahren. Sein Plan war es jedenfalls nicht gewesen, als er die Ausbildung zum Physiotherapeuten begonnen hatte. Er schmunzelte. Seine Stimme war rau und sympathisch. Das sanfte Kreisen oben auf den Pobacken war genau das, was ich bei unseren Kindern gemacht hatte, wenn sie nicht schlafen konnten, vor Jahren, als sie noch Babys waren. Immer noch wartete ich angespannt auf den Übergriff. Er plauderte weiter, erzählte, wie Dr. Sharp ihn dazu überredet hatte. Natürlich benutzte er ein Gleitgel, obwohl er es zuvor in seinen Händen angewärmt haben musste, denn ich hatte die übliche alarmierende Kälte, wenn das Gel auf die Haut aufgebracht wird, nicht bemerkt. Dr. Sharp war ein außergewöhnlicher Mensch, sagte er. Er besaß Charisma. Und außergewöhnlicherweise stellte ich jetzt fest, dass er bereits drin war. Ich hatte gar nichts gemerkt. Vermutlich trug er einen Handschuh. Es fühlte sich warm und voll und unbestreitbar angenehm an.

»Mein Job«, sagte er lachend.

Ich schaute nach Flügen. Ich würde das Ticket nach Madrid verfallen lassen und einen Flug nach Heathrow oder Gatwick buchen müssen. Ich googelte. Meine Blase brannte wie Feuer. Die Flüge waren teuer, aber in dieser Situation blieb mir kaum eine Wahl. Wie ausführlich soll man Preise vergleichen, wenn die eigene Mutter im Sterben liegt? Und wie, fragte ich mich, konnte es sein, dass ein so beruhigendes, ja angenehmes Erlebnis wie diese Massage so große Schmerzen wachrief, denn der Schmerz wurde jetzt immer stärker, ganz zu schweigen von meiner aufgewühlten Stimmung? Ich kannte das. Allerdings hatte sich meine Mutter größte Mühe gegeben, das günstigste Angebot für ihr Sterben herauszusuchen, um etwas von dem Geld, das sie uns vererben wollte, zu sparen. Das war ihr sehr wichtig gewesen. Uns ein bisschen Geld zu hinterlassen. Ihr vielleicht wichtiger als uns. Selbst wenn sie dafür mit Schmerzen bezahlen musste. Ich wechselte von KLM zu easyJet und sparte neunundfünfzig Euro, obwohl mich dieser Deal eine Stunde kostete. Ich würde gerade noch genug Zeit haben, um in Schiphol schnell einen Happen zu essen. Jetzt musste ich meinen Vortrag halten.

Natürlich hätte ich den Vortrag vor der Massage halten sollen statt danach. Dann hätte ich den Physiotherapeutinnen in gutem Glauben versichern können, dass ich schmerzfrei war, und zwar schon seit Jahren. Mein Fall war eine Erfolgsgeschichte. In gutem Glauben kann man andere leichter überzeugen. Andererseits war die schiere Tatsache, dass eine bloße Massage die Schmerzen zurückgebracht hatte – nur vorübergehend, versicherte mir der Therapeut –, der Beweis dafür, dass meine Beschwerden tatsächlich mit den Muskeln und Muskelverspannungen zusammenhingen, wie sie hier behaupteten, und nicht mit einer Infektion oder mit Krebs, und von daher in gewisser Weise beruhigend.

Aber was, wenn es nicht vorübergehend war? Wenn diese eine sanfte Massage den Alptraum zurückgebracht hatte, auf Jahre hinaus? Was wäre dann mit mir und Elsa?

Als Erster sprach der portugiesische Kinderarzt. Sein Englisch war schlecht und er war nicht daran gewöhnt, über peinliche Themen zu reden. Alle anwesenden Physiotherapeuten waren Frauen. Kräftig gebaute Niederländerinnen. Er sprach holprig und machte Fehler. Aber er war auf südländische Art gut aussehend, und mindestens zehn Jahre jünger als ich. Die Damen genossen seine Schüchternheit, seine Verlegenheit, sein schlechtes Englisch. Er redete über Beckenbodenschmerzen, Rückenschmerzen, plötzlich einschießende stechende Schmerzen in den Beinen, Harndrang, Spannungen im Unterleib, innere Unruhe. »Ich fing an zu denken, ich muss mich umbringen«, erklärte er unvermittelt. »Ich stelle mir das nie zuvor vor. Aber das Leben ist schrecklich. Für viele Monate. Außerdem, ich bin impotent. Es gibt keine Lust. Ich klage jedes Mal mit meiner lieben Frau und meinen Kindern. Ich werde ein schlechter und unglücklicher Mensch. Sehr unglücklich. Sie wissen? Und jeden Tag ich bin elendig.«

Die niederländischen Frauen hörten aufmerksam zu. Ich fragte mich, warum keine Männer gekommen waren. Gibt es in den Niederlanden nur weibliche Physiotherapeuten? Die Amerikaner, die die Konferenz leiteten, waren Männer. Oder stehen die niederländischen Männer der Anwendung der Analmassage besonders skeptisch gegenüber? Der portugiesische Arzt redete länger als vorgesehen. Vor allem über die Erfahrung der Selbstmassage mit Dr. Sharps berühmtem Zauberstab. Das hatte ihm das Leben gerettet, wiederholte er. Ich hatte den Eindruck, er war sich der potenziell verführerischen Wirkung solcher intimen Geständnisse sehr wohl bewusst. Einige der Frauen sahen vielversprechend aus. Ich indes musste einen Zug erreichen.

»Es ist ein ganz normaler Muskel.«

Der Physiotherapeut, der mich massiert hatte, ergriff jetzt das Wort, um zwischen unseren beiden Berichten kurz etwas zu erläutern. Das war nicht geplant gewesen. Andererseits hatte ich ihm nicht erzählt, dass meine Mutter im Sterben lag. Auch nicht, dass ich seit seiner Massage unter Schmerzen und Harndrang litt.

»Es handelt sich im Grunde um das gleiche Gewebe wie beim Schultermuskel. Niemand findet es peinlich, sich die Schulter massieren zu lassen, oder?«

Der Therapeut ging ans Ende des Raums und schob ein lebensgroßes Kunststoffskelett nach vorne, in dessen Torso wie bei einem dreidimensionalen Puzzle in attraktiven Farben die Organe eingefügt waren. Der unbeseelte Plastikmann hing ganz entspannt an seinem Haken an dem fahrbaren Gestell und schlenkerte fröhlich klappernd mit den Gliedern. Alles an ihm war locker und leicht, so wie mein Körper es nie sein wird. Der Therapeut öffnete den Bauchraum, griff hinein und zog den Beckenboden heraus. Er bestand aus pinkfarbenem Silikon und hatte ungefähr die Form einer dieser Gummi-Saugglocken, mit denen man Verstopfungen im Abfluss der Küchenspüle löst, oder auch die eines überdimensionierten, in der Mitte durchgeschnittenen Tennisballs.

»Das hier sollte elastisch sein«, sagte der Therapeut, quetschte die Glocke zusammen und ließ wieder los, sodass sie zurückschnellte. Er setzte sie auf seinen Mittelfinger, der dort, wo sich der After befindet, durch eine Öffnung hindurchglitt.»Stattdessen fühlt er sich bei den betroffenen Männern, und auch bei vielen Frauen, so steif an wie ein alter Stiefel.«

Wieder staunte ich über die Lockerheit des Mannes. Trotz seiner Kinnlosigkeit und seiner Pockennarben erweckte er den Eindruck, voll und ganz präsent zu sein, was dem gut aussehenden portugiesischen Kinderarzt dagegen nicht so gut gelungen war. Der Kinderarzt hatte irgendwie gewirkt, als wäre er halb versteckt, selbst in den Momenten seiner intimsten Geständnisse. Vielleicht lag es daran, dass er in einer fremden Sprache sprach, oder dass er sich ganz generell nicht wohl in seiner Haut fühlte. Er wirkte zerbrechlich, in sich zurückgezogen. Vielleicht gehört das zum Krankheitsbild. Man konnte ihn besichtigen, aber man konnte ihn nicht wirklich sehen. Im Gegensatz dazu war die Direktheit des Therapeuten, der sich im billigen grauen Jogginganzug und Turnschuhen locker hin und her wiegte, herzerfrischend, sogar schön. Er war ein gesunder Mann.

Jetzt war ich an der Reihe. Ich zog einen Tisch von der Wand ab, damit ich mich daran anlehnen und halb stehend, halb sitzend zu meinem weiblichen Publikum sprechen konnte, souverän und doch ungezwungen. Natürlich hatte ich schon in jungen Jahren gelernt, wie wichtig die Körperhaltung bei einer öffentlichen Rede ist. Meinen Vater auf der Kanzel zu beobachten hatte dazu gereicht. Der Unterschied zwischen dem Reverend Sanders, der im Respekt einflößenden Schwarz-Weiß seiner Robe erhöht über der Gemeinde stand, und dem nervösen Ted Sanders, der sich nach dem Mittagessen mit geöffnetem Hosenbund in den Sessel fallen ließ, war drastisch. Auch meine Mutter zeigte gern Haltung und verstand sich darauf, Körpersprache mit Redekunst zu verbinden. Noch vor einem Monat hatte sie mir erzählt, sie habe vor einer zweihundertköpfigen Gemeinde gepredigt. Es war offensichtlich, dass sie stolz auf sich gewesen war. »Unbedingt«, beharrte Dr. Sharp, als ich, erst letzte Woche, gefragt hatte, ob es wirklich nötig war, dass ich kam. Würde es nicht reichen, schlug ich vor – denn ich war ein bisschen müde und überlastet –, einen schriftlichen Bericht für die Teilnehmer zu verfassen, oder vielleicht ein Video-Interview zu geben? Letztendlich würde ich darin doch genau dasselbe sagen.

»Nein, es ist zwingend erforderlich, dass Sie persönlich kommen«, wiederholte Dr. Sharp. »Es geht nichts über die Wirkung eines Menschen aus Fleisch und Blut.« Er schickte ein hörbares Schmunzeln von Kalifornien aus durchs Telefon. »Jemand, der Thomas heißt, sollte sich dessen bewusst sein.«

Ich war erstaunt, dass er auf meinen Namen anspielte.

»Na, hoffentlich will niemand den Finger in meine Wunden legen«, sagte ich lachend, und er erwiderte: »Wenn jemand es versucht, zahle ich Ihnen das Doppelte.«

Er meinte es ernst. Tatsächlich zahlte er schon jetzt wesentlich mehr, als ich sonst für einen zwanzigminütigen Vortrag bekam. Aber dies ist auch nicht mein übliches Fachgebiet. Er bezahlte einen wahren Wucherpreis dafür, dass ich mein Fleisch und Blut vor fünfzig niederländischen Physiotherapeutinnen zur Schau stellte. Letztendlich gab das den Ausschlag für meine Entscheidung, nach Amersfoort zu fliegen, um den Vortrag zu halten, obwohl angesichts von Mutters Zustand jederzeit damit zu rechnen war, dass ich plötzlich nach London musste, und obwohl bereits zwei Tage später woanders eine Konferenz mir vertrauterer Art stattfand; und obwohl ich, so unglaublich das auch klingen mag, gerade dabei war, mich zu verlieben, oder das jedenfalls glaubte, und eigentlich keine Minute länger als unbedingt nötig unterwegs sein wollte, denn jeder Tag meiner Abwesenheit war ein verlorener Tag, was meinen Einsatz im Kampf um meine Interessen anging, ein Tag, an dem Elsa womöglich die weise Entscheidung treffen würde, doch lieber einen weiten Bogen um so ein altes Wrack wie Thomas Sanders zu machen.

Als ich schließlich, fast eine Stunde später als vorgesehen, von meinem Platz aufstand, um zu reden, verbrachte ich dennoch dreißig Sekunden, wenn nicht gar eine volle Minute damit, mich schweigend halb sitzend, halb stehend auf und an diesem Tisch in eine bequeme Position zu manövrieren, während ich lächelnd mein Publikum betrachtete, entspannt atmete, die Leute sehen ließ, wer ich war, vor allem aber sicherstellte, dass ich gelöst und schmerzfrei wirkte, obwohl ich, wie bereits erwähnt, seit der Massage nach dem Mittagessen ganz und gar nicht mehr schmerzfrei war. Im Gegenteil, ich hatte mittlerweile sogar ganz erhebliche Schmerzen. Was äußerst unschöne Erinnerungen wachrief. So viel zum Thema Neugier.

Als Einstieg hielt ich mich an die von Dr. Sharp vorgeschlagene Gliederung: ein kurzer biografischer Abriss, um zu zeigen, was für ein Mensch ich war, die Erwähnung meiner vorwiegend akademisch geprägten beruflichen Laufbahn, eine kurze Schilderung der chronischen Schmerzen, die ich mit Ende vierzig bekam und gegen die die Schulmedizin nichts auszurichten vermochte, und zum Schluss der Bericht über meine Entdeckung des Ansatzes von Sharp und Morrison, meinen E-Mail-Austausch mit dem Arzt, endlich das Licht am Ende des Tunnels usw., obwohl ich natürlich nie nach San Diego in die Klinik von Sharp and Morrison gereist war und auch nie eine physiotherapeutische Behandlung nach dem berühmten San-Diego-Protokoll erhalten hatte. Bis heute.

»Nein, das ist doch umso besser«, hatte Dr. Sharp begeistert gesagt. »Wirklich, viel besser.«

Dr. Sharp war, wie mir langsam klar wurde, immer entweder begeistert oder entrüstet, ein Mann, der einen mit seiner grenzen losen missionarischen Energie entweder betörte oder abstieß. »Dann sieht es weniger so aus, als wollten wir etwas verkaufen«, sagte er, »oder als hätten wir Sie einer Gehirnwäsche unterzogen. Sie haben nur unser Modell übernommen, aus dem Buch, und haben es nach ein paar Gesprächen selbstständig angewendet. Ohne weitere Hilfe.«

»Wenn ich zurückschaue«, fasse ich nach zwanzig Minuten intimer und unschöner Details für die Physiotherapeutinnen zusammen, »erscheint es mir unmöglich, diese Krankheit, ihre Heilung und die Erfahrung insgesamt in den einfachen Kategorien von Ursache und Wirkung zu erklären. Viele Jahre lang stand ich in vielerlei Hinsicht unter Stress, dann hatte ich über mehrere Jahre hinweg alle nur erdenklichen Schmerzen. Ich suchte nach schnellen medizinischen Lösungen, unterzog mich urologischen Eingriffen, doch alles war vergeblich und meine Frustration wurde immer größer, bis ich ganz allmählich begriff, dass ich selbst das Problem war. Mein Körper und ich waren eins. Meine Schmerzen und ich waren ein und dasselbe. Ich würde an mir arbeiten müssen – körperlich und geistig, ohne die Hilfe der konventionellen Schulmedizin.«

Dr. Sharp, bemerkte ich, der in Wirklichkeit kein Arzt, sondern Doktor der Psychologie ist, strahlte zustimmend, während ich das alles ausführte, doch statt mich zu beruhigen gab mir seine Begeisterung, vielleicht in Kombination mit dem wütenden Brennen in meinem Unterleib, eher das Gefühl, alles, was ich erzählte, sei verlogen. Natürlich sagte ich die Wahrheit – abgesehen vielleicht vom Verschweigen dieser neuen Schmerzen infolge meiner allerersten Massage von der Art, wie wir sie hier anpreisen sollten, doch wozu die Sache unnötig kompliziert machen –, ich sagte die Wahrheit von vor zwei Stunden; die Wahrheit, die galt, als Dr. Sharp mich nach unserer E-Mail-Korrespondenz eingeladen hatte, mich leibhaftig, in Fleisch und Blut, vor diese Physiotherapeutinnen hinzustellen, und doch fühlte es sich so an, als sei es nicht die Wahrheit; in Wirklichkeit kam es mir sogar besonders irreführend und verlogen vor, einesteils vielleicht, weil mir in den letzten Jahren die Notwendigkeit, beim Halten einer Rede, oder auch beim Unterrichten, bei jedem öffentlichen Diskurs, wie ein Schauspieler gewissermaßen eine Rolle zu spielen, sehr bewusst geworden war, andernteils vielleicht, weil es zwar die Wahrheit von vor wenigen Stunden, aber dennoch nicht die ganze Wahrheit war. Meine Frau hatte diesen Einwand bei mehreren Gelegenheiten vorgebracht, und ich war mir dessen plötzlich sehr bewusst. »Alles, was du den Leuten über deine sogenannten gesundheitlichen Probleme erzählst«, sagte meine Frau zu mir, »ist verlogen. Weil du nie die ganze Wahrheit sagst.« Ex-Frau, genauer gesagt. Sie meinte damit natürlich meine Untreue, meine Doppelzüngigkeit, die der ganzen Sache ihrer Ansicht nach zugrunde lag. Es mache sie wütend, sagte sie, dass ich für meine Offenheit beklatscht wurde, obwohl ich in Wirklichkeit ganz und gar nicht offen war. »Nur die ganze Wahrheit ist die Wahrheit, sonst nichts«, sagte meine Frau. Und sie hatte recht. Aber wie soll man in nur zwanzig Minuten die ganze Wahrheit erzählen? Noch dazu, wenn die eigene Mutter an der Schwelle des Todes steht.

»Mich würde interessieren«, sagte eine ziemlich matronenhaft aussehende Frau in der zweiten Reihe, »wie sich das alles auf Ihre Ehe ausgewirkt hat.«

Es waren jetzt die Fragen aus dem Publikum dran. Dr. Sharp hatte zwanzig Minuten Vortrag vorgeschlagen, gefolgt von zehn bis fünfzehn Minuten Fragen und Antworten, dann durfte ich gehen. Mein Zug fuhr um fünf nach fünf. Das wusste er nicht. Er dachte, ich würde später abreisen. »Wenn Sie nichts dagegen haben«, hatte er gesagt. Das war heute Morgen gewesen, vor der Massage. Tatsache war: Fragen verstärkten die Authentizität des Redners, zeigten, dass hinter dem vorbereiteten Vortrag jemand steckte, der bereit war zu kommunizieren. »Realität entsteht im Grunde erst durch Interaktion«, hatte Dr. Sharp gesagt, »zumindest bei den meisten Menschen.« Deshalb lernte man letztendlich eher wenig aus Büchern. »Die Leute lesen Bücher, sogar fantastische Bücher«, sagte er, »die brillant geschrieben und instruktiv und so weiter sind, aber sie lernen daraus sehr wenig, weil sie dabei passiv bleiben, sie können dem Autor keine Fragen stellen, bekommen keine Erwiderungen. Sie können ihn nicht anfassen.« In gewisser Hinsicht, sagte Dr. Sharp, blieben Bücher für immer im Reich des Hypothetischen stecken, weil die Wörter, aus denen sie bestanden, stumm waren. Sie verließen nie die bedruckte Seite, und deshalb konnten die Menschen sie nicht verinnerlichen.

Jetzt stand ich also einer Frage gegenüber, die tatsächlich einen Finger in meine Wunden legte. Die Auswirkungen meiner Beschwerden auf meine Ehe. Ohne Gleitgel und ohne sanfte Massage.

»Ich meine nicht die physischen Beschwerden an sich«, führte die matronenhafte Physiotherapeutin aus, und insgeheim wundert man sich über das Niveau, auf dem die Leute in den Niederlanden Englisch sprechen, verglichen mit, sagen wir mal, Portugal, oder auch Spanien, oder Italien oder Frankreich, »sondern Ihre Enttäuschung über die Ärzte, Ihr neu erwachtes Körperbewusstsein, dann die vielen Versuche, Ihren Lebensstil zu ändern, die Sie beschrieben haben. Hat sich das auf Ihr Privatleben ausgewirkt?«

Ich lehnte mich auf dem Tisch zurück und betrachtete das Publikum. Ein paar Hundert Kilometer entfernt verschlechterte sich der Zustand meiner Mutter rapide. Es waren jetzt noch dreieinhalb Stunden bis zu meinem Flug, von denen ich eine gute Stunde im Zug sitzen würde, dessen Abfahrt mittlerweile kurz bevorstand. Ich durfte ihn auf keinen Fall verpassen. Und doch zögerte ich. Es war eine sehr gute Frage, die diese dralle Niederländerin gestellt hatte; in gewisser Hinsicht war es sogar die entscheidende Frage. Dann sah ich an ihrem Gesichtsausdruck, dass die Frage zugleich wohlwollend war. Anteil nehmend. Keinesfalls aus morbider Neugier gestellt. Diese niederländische Physiotherapeutin, meiner Einschätzung nach etwa Anfang fünfzig, wollte wirklich wissen, was im Leben der Männer und Frauen, die sie behandelte, vor sich ging – was sie durchmachten, auch emotional. Damit sie sie besser behandeln konnte. Man könnte einwenden, dass es eine sehr persönliche Frage war. Aber war es nicht der Tenor dieser gesamten Veranstaltung, dass die Probleme, die Dr. Sharp behandelte, sehr persönlich waren? Dass das Leben im Allgemeinen eine sehr persönliche Angelegenheit war und die Behandlung derer, die unter solchen Beschwerden litten – und zu ihnen hatte ich ganz eindeutig gehört –, deshalb zwangsläufig nicht nur persönlich, sondern sogar intim sein musste? Was könnte intimer sein als eine Massage im Po? Tatsächlich hatten die etwa fünfzig Physiotherapeutinnen kurz nach dem Mittagessen, während ich ohne Hose vor dem Therapeuten auf meinem Hotelbett lag, die gleiche Technik, die er bei mir anwendete, abwechselnd aneinander ausprobiert. So grotesk es auch klingen mag – fünfzig niederländische Physiotherapeutinnen im Alter zwischen vierundzwanzig und sechzig und von jeder erdenklichen Größe und Statur hatten die Esstische in diesem Konferenzzentrum in Amersfoort umarrangiert, um sich darauf auszustrecken, sich gegenseitig einen Finger in den After zu stecken und sich zu massieren. Stellen Sie sich das mal bildlich vor. Während meine Mutter in London im Sterben lag. Sie hatten das getan, um am eigenen Leib zu spüren, um welche Empfindungen es ging, sowohl in der gebenden als auch in der empfangenden Rolle, wenn sie Leidende wie mich behandelten. Wie es sich anfühlte, wenn ein Finger in ihren Po eindrang, um vorne, hinten und an den Seiten die Beckenwand abzutasten; und wie man diese Penetration und dieses Abtasten so ausführen konnte, dass es sich für die Person, deren Po auf diese Weise penetriert und abgetastet wurde, nicht wie ein gewaltsamer Übergriff anfühlte. Und diese Bereitschaft von ihrer Seite, vonseiten der niederländischen Physiotherapeutinnen, dachte ich, dies zu tun – ihren Patienten auf diese unattrak tive Art und Weise zu Hilfe zu kommen, anzuerkennen, dass das, was einen Menschen ausmachte, auch, und in manchen Fällen vielleicht vor allem, sein oder ihr Hinterteil war, sein oder ihr Beckenboden, der eventuell eine Massage brauchte, und zwar keine unpersönliche und ganz bestimmt keine automatische, so als wären alle Patienten gleich, sondern eine intime, von ständigen Rückfragen begleitete Massage – Tut es hier weh, oder hier? Und wenn ich hier drücke, und hier? – und sich dabei die ganze Zeit der Elastizität oder Rigidität des Muskels gewahr zu sein, der durch den Darm hindurch berührt wird, welcher, ganz egal wie penibel sich der Patient oder die Patientin auch auf die Behandlung vorbereitet haben mag, zweifellos eine leichte Patina von Kot trägt – diese Bereitschaft von ihrer Seite ließ jede Zurückhaltung meinerseits, der ich hier gegen gute Bezahlung darüber sprechen sollte, wie ich die betreffenden Schmerzen überwunden hatte, lächerlich erscheinen. Es wäre lächerlich, mich zu weigern, über meine Ehe und ihren Zusammenhang mit meinen Beschwerden zu sprechen, nachdem ich die Einladung, hierherzukommen und einen Vortrag zu halten, angenommen hatte, zum Teil natürlich, weil ich dafür so gut bezahlt wurde (schließlich bin ich nicht dumm), aber auch, weil ich ehrlich davon überzeugt war, dass ich ohne Dr. Sharps Buch, das ich trotz seiner Bemerkungen über die Grenzen von Büchern und des Lesens sehr wohl verinnerlicht hatte und dem ich große Verdienste zuschrieb, weil die darin enthaltenen Wörter in meinem Fall durchaus die Seiten verlassen hatten, in meinem Kopf herumgegangen waren und sogar meine Verhaltensmuster verändert hatten, dass ich ohne dieses Buch immer noch an heftigen Schmerzen im Unterleib und im Dammbereich leiden würde – was ich allerdings in diesem Moment, dank dieser Massage, tatsächlich tat, aber das tut hier nichts zur Sache – und immer noch sechs Mal pro Nacht aufstehen müsste, um auf die Toilette zu gehen, etwas, von dem ich inständig hoffe, dass es nicht in den kommenden Tagen und Wochen wieder einsetzte, denn sonst würde ich diese Massage vermutlich sehr stark bereuen. Denn warum um alles in der Welt sollte Elsa sich so etwas antun?

»Sie brauchen die Frage nicht zu beantworten«, sagte die Frau nachsichtig. Offenbar ließ ich mir mit der Antwort mehr Zeit als üblich. Tatsächlich hatte ich angefangen zu lächeln, obwohl zweifellos auch Menschen anwesend waren, die genau sehen konnten, dass mir eigentlich nicht nach Lächeln zumute war. Ich spielte meine Rolle. Mein Gesicht wurde zu einem Lächeln verzogen, obwohl ich eigentlich nicht lächelte. Oder nein, ich lächelte doch, lächelte tatsächlich, aber so, wie man lächelt, wenn man vor einer schier unmöglichen Aufgabe steht, schier überwältigt ist vom Ausmaß einer scheinbar unschuldigen Frage. Man steht vor dieser Aufgabe, denkt über die Anforderungen nach, und schüttelt den Kopf in dem Wissen, dass man ihr auf keinen Fall gewachsen ist. Man kann dieser Frage nie und nimmer ganz gerecht werden. Die Aufgabe niemals erfüllen. Und in seiner Verzweiflung, oder schlicht Resignation vor etwas, das eine Nummer zu groß für einen ist, lächelt man. So ein Lächeln musste jetzt auf meinem Gesicht erschienen sein, und nachdem ich es gelächelt hatte, ließ ich es noch stehen, übertrieb es, damit alle erkannten, dass es ein Lächeln war, wie man es angesichts der Unmöglichkeit usw. usf., obwohl sie natürlich alle nicht wissen konnten, dass meine Mutter an der Schwelle des Todes stand, und auch nicht, dass ich trotz meines Alters absurderweise glaubte, verliebt zu sein.

»Ehe. Krankheit«, sagte ich lächelnd. »Wie kann man diese Dinge jemals – um unter den Umständen mal einen kleinen Scherz zu riskieren – wirklich durchdringen?«

Ich zögerte, während ein oder zwei meiner Zuhörerinnen kicherten. In Bezug auf die Englischkenntnisse trennte sich hier vermutlich die Spreu vom Weizen, wenn ich sie mit solchen Spitzfindigkeiten bombardierte. »Wir haben gehört, wie Salvatore über die Auswirkungen seiner Beschwerden auf die Familie gesprochen hat«, sagte ich. Ich seufzte. »Wenn ein fröhlicher Mann in Trübsal versinkt, dann wirkt sich das unweigerlich auf sein Privatleben aus. Und wenn ein attraktiver Mann wie Salvatore mit Impotenz zu kämpfen hat, dann wirkt sich das unweigerlich auf seine Ehe aus.«

Ich hielt inne. Worauf wollte ich hinaus? Tatsächlich benutze ich den Begriff der Auswirkung – ›impact‹ – nur zögerlich in Verbform, quasi als Ausrutscher auf einem metaphorischen Gummihandschuh, so als läge auf dem Verb ›impact, auswirken‹, eine Patina von Kot. Ich muss unwillkürlich an die Zeit denken, als der Gebrauch von impact als Verb einen klaren Amerikanismus darstellte, obwohl er inzwischen absolut akzeptabel ist, ja sogar als schick gilt – genauso wie hoffentlich eines Tages auch die Analmassage wenn schon nicht als schick so doch zumindest als akzeptabel gelten wird. Ganz zu schweigen davon, sich mit siebenundfünfzig neu zu verlieben. Und wenn derartige Verschiebungen stattfinden, Verschiebungen, gegen die ich mich ursprünglich gewehrt habe, indem ich immer wieder die Fahne des korrekten Sprachgebrauchs hochgehalten und jeden korrigiert habe, der meine Seminare besuchte, nur um mitanzusehen, wie die Verschiebung sich unauf haltsam durchsetzte, genau wie es bei der Verwendung von ›impact‹ als Verb geschehen ist, dann kommt irgendwann der Moment, in dem ich eine Kehrtwendung mache und mich zwinge, die neue Form so oft und so emphatisch wie nur möglich zu benutzen, vermutlich um mich für die Anmaßung zu bestrafen, ich wisse, was Standardenglisch ist und was nicht, für die Einbildung, meine persönliche Professorenmeinung könne gegen die überwältigende Realität dessen, was alle anderen machen und sagen, Bestand haben. Doch selbst wenn ich mich füge und mit dem Strom schwimme – plötzlich das genaue Gegenteil von dem lehre, was ich zuvor gelehrt habe – kann ich es doch nicht lassen, den erwähnten Gummihandschuh überzustreifen, mich dem Gefühl hinzugeben, dass die Sprache früher besser gewesen ist, als ›impact‹ noch ausschließlich ein Substantiv war und sich nicht auf andere Wortarten ausgewirkt hat. Und noch während ich spreche, ist zweifellos etwas in meiner Stimme, das die Leute aufhorchen lässt, das ihnen sagt: Professor Sanders benutzt dieses Verb zögerlich und dennoch emphatisch, mit einer Art bitterer, selbstzerstörerischer Ironie. Es ist unangenehm. Er hat sich entschlossen, mit dem Strom zu schwimmen, aber er hat offenbar das Gefühl, der Strom sei ein Abwasserkanal. »Der Grund«, hatte der Therapeut mir erklärt, als ich mir nach der Massage die Hose wieder anzog, »warum die anderen Ärzte, von denen Sie sprachen, Ihnen so wehgetan haben, ist der, dass sie das, was sie taten, nur ungern getan haben. Verstehen Sie? Sie wussten, sie müssen ihren Finger dort hin einstecken, weil es ihre diagnostische Pflicht ist, aber sie hätten es lieber nicht getan. Und wenn man innerlich zerrissen ist, dann macht man seine Sache schlecht, man handelt gereizt, voller Unbehagen. Man überträgt Unbehagen und Gereiztheit.« Ganz generell, sagte der Physiotherapeut, waren viele Schmerzen, die auf der Welt erlitten wurden, in der einen oder anderen Hinsicht das Resultat der inneren Zerrissenheit der Menschen. Sie wollten nicht tun, was sie ihrer Meinung oder der Anweisung anderer nach tun mussten.

»Nichtsdestotrotz«, fuhr ich, immer noch an die matronenhafte niederländische Physiotherapeutin gewandt, die mich mit ihren hellen, weit geöffneten Augen unverwandt anschaute, fort, »könnte man die Sache auch umkehren und statt zu fragen, wie sich die Beschwerden auf meine Ehe ausgewirkt haben, die Frage stellen, wie sich meine Ehe auf die Beschwerden ausgewirkt hat.« Ich zögerte. »Man könnte sogar darüber nachdenken, ob nicht häusliche Unzufriedenheit unmittelbar zum Entstehen des Krankheitsbildes beigetragen hat.« Wieder zögerte ich und lächelte das Lächeln der Unmöglichkeit. »Um es kurz zu machen«, sagte ich, »und ohne der einen oder der anderen Seite die Schuld zu geben, wir haben uns getrennt.«

Sofort beteuerte die Frau, es täte ihr leid, sie habe keine heikle Frage stellen wollen, und ich erklärte, es brauche ihr keineswegs leidzutun. Sie hatte eine sehr gute Frage gestellt, und ich hoffte nur, meine Antwort sei hilfreich gewesen. Doch leider, leider hatte ich selbst jetzt tatsächlich guten Grund, mich zu entschuldigen, sagte ich, denn ich musste unverzüglich aufbrechen, um den nächsten Zug zum Flughafen noch zu erreichen. Ich musste nach London, zu meiner todkranken Mutter. Ich hatte, sagte ich den Physiotherapeutinnen, aufgrund des Zeitplans, den man mir ausgehändigt hatte, angenommen, dass mein Vortrag um diese Zeit längst beendet sein würde, doch da wir mittlerweile fast neunzig Minuten verspätet waren, lief ich ernsthaft Gefahr, diesen Zug zu verpassen, und infolgedessen auch meine Maschine, daher …

Daher was?

Dr. Sharp sprang auf, schüttelte mir die Hand und bat die fünfzig Physiotherapeutinnen, mir zu applaudieren, was sie auch taten, und zwar ziemlich lange, wodurch ich gezwungen war, noch zu bleiben und den Applaus entgegenzunehmen, obwohl ich ihnen immer wieder bedeutete, aufzuhören, und so den Eindruck erweckte, dass meine Bescheidenheit es mir verbot, einen derart großzügigen Beifall auszukosten, obwohl der eigentliche Grund nur der war, dass ich es eilig hatte. »Warten Sie einen Moment«, sagte Dr. Sharp, als das Klatschen allmählich verebbte, »ich begleite Sie im Taxi. Nur um sicherzugehen, dass Sie Ihren Zug nicht verpassen.« Er wandte sich ans Publikum. »Thomas wird Ihnen jetzt Tag eins und zwei des dreiwöchigen Behandlungsplans erläutern«, sagte er knapp, und ich glaube, erst in dem Moment wurde mir bewusst, dass der Physiotherapeut, der mich massiert hatte, ebenfalls Thomas hieß. Definitiv kein Zweifler, dachte ich. So viel zum Thema Namen.

Zwei Minuten später wartete ich mit meiner bereits gepackten Reisetasche in der Eingangshalle des Konferenzzentrums auf Dr. Sharp, der sich mehr Zeit ließ als erwartet. Ich ging nach draußen, um zu sehen, ob das Taxi schon wartete, was nicht der Fall war, blieb nervös in der Kälte stehen, bis es eintraf, ging zurück in die Halle und blieb nervös dort stehen, weil Dr. Sharp immer noch nicht heruntergekommen war. Es wurde, gelinde gesagt, langsam eng, dachte ich. Ich schaltete mein Handy ein und schickte eine SMS an Elsa, in der ich ihr mitteilte, dass der Vortrag ganz gut gelaufen war, ich jetzt aber nach London fliegen musste, wo es meiner Mutter immer schlechter ging. Nicht heim nach Madrid. »Ich vermisse dich schrecklich«, schrieb ich. Stimmte das eigentlich, fragte ich mich, ehe ich auf Senden tippte, oder war es nur eine Floskel? Natürlich wollte ich ihr zeigen, welche Bedeutung ich unserer beginnenden Beziehung beimaß, aber im Augenblick hatte ich viel zu viel im Kopf, um irgendjemanden zu vermissen, inklusive meine Mutter. »Großmutter ist sehr krank«, schrieb ich an alle vier Kinder. »Wenn ihr sie noch mal sehen wollt, müsst ihr euch umgehend auf den Weg machen.« Sollte ich meiner Frau auch eine SMS schicken? Ex-Frau? Dr. Sharp war immer noch nicht da. Ich entschied mich dagegen.

Der Eingangsbereich des Konferenzzentrums war menschenleer, und ich fing an mich zu fragen, ob ich etwas missverstanden hatte. Links neben der Rezeption waren Toiletten, aber das hatte Zeit, bis ich im Zug war. Hatte Dr. Sharp tatsächlich gesagt, er würde mit mir zum Bahnhof fahren? Hatte vielleicht der Applaus seine Worte entstellt und ich wartete umsonst auf ihn? Er kam gar nicht. Ich sollte unverzüglich ins Taxi steigen. Nachdem ich gesehen hatte, dass es hier eine Toilette gab, verspürte ich jetzt umso mehr den Drang, sie zu benutzen. Und spielte es überhaupt eine Rolle, ob man rechtzeitig vor dem Tod eines geliebten Menschen bei ihm eintraf? Was änderte das schon? Durch die offene Tür hörte ich die Stimme von Thomas dem Therapeuten, der über die Notwendigkeit sprach, Patienten mit der Geografie ihres Beckenbodens vertraut zu machen, den sie sich, erklärte er, zur besseren Verständlichkeit als Zifferblatt einer Uhr vorstellen sollten, bei dem, wenn man von oben draufschaute, die Prostata auf zwölf Uhr und das Steißbein auf sechs Uhr lagen. »Unsere Arbeit spielt sich größtenteils zwischen zehn und zwei Uhr ab«, sagte er, und ich lächelte bei dem Gedanken, dass jemand mit begrenzten Englischkenntnissen das leicht missverstehen und annehmen könnte, die Massagen würden meistens um die Mittagszeit durchgeführt. Es waren nur noch zwanzig Minuten bis zur Abfahrt meines Zuges, als ich jetzt doch beschloss, auf die Toilette zu gehen.

Ich konnte nicht pinkeln. Es war ein ganz normaler Toilettenraum mit dem üblichen Schild, das den Besuchern, in diesem Fall auf Niederländisch, Deutsch und Englisch, empfahl, sich die Hände zu waschen, und einem Kondomautomaten neben der Tür, der in einem Konferenzzentrum seltsam fehl am Platz wirkte, es sei denn um der Tatsache Rechnung zu tragen, dass Konferenzen neben den offiziell erklärten noch eine ganze Reihe weiterer Funktionen erfüllen. Der portugiesische Kinderarzt, dachte ich, war hier gut versorgt, trotz seiner liebevollen Aussagen über seine Frau und seine Familie. Ein Produkt hieß Banana Boy. Oder vielleicht gerade wegen dieser Aussagen. Ein Typ, der zugibt, dass er getrennt lebt und leidet, ist nicht gerade attraktiv. Wer will schon eine Affäre mit einem leidenden Mann haben? Einem Versager. Obwohl ich nicht gesagt hatte, dass ich litt. Ich sehe mich auch nicht als Versager. Tatsächlich war dies eine äußerst glückliche Zeit für mich. Oder etwa nicht? Zumindest die letzten zwei Monate. Wie dem auch sei, ich verspürte jedenfalls nicht das geringste Interesse, die weiblichen Reize der niederländischen Physiotherapeutinnen eingehender zu erforschen. Ich konnte immer noch nicht pinkeln. Es brannte, aber es kam nichts. Es wird nur schlimmer werden, dachte ich, bei dem Stress mit Zug und Flug, und Mutter im Sterben. So viel zum Thema Glück. Die Massage war fatal gewesen. Ganz zu schweigen von der Finger-in-die-Wunde-Frage. Sollte nicht Thomas seinen Finger in die Wunden der anderen stecken, protestierte ich im Stillen, statt die anderen ihren in seine?

»Da sind Sie ja!« Dr. Sharp steckte seinen Kopf zur Tür herein. »Ich habe mich schon gefragt, wo Sie abgeblieben sind.«

Genau in diesem Moment kam endlich der Strahl. Da der Doktor in der Tür stehen blieb, verwendete ich noch ein paar Sekunden darauf, mir die Hände zu waschen, eine Schicklichkeit, auf die ich sonst vermutlich verzichtet hätte.

Es war in der Tat furchtbar wichtig, dass man rechtzeitig am Sterbebett seiner Eltern eintraf, erklärte mir der Doktor, sobald wir uns auf dem Rücksitz des Taxis eingerichtet hatten, und er sagte, er habe einen Augenblick gebraucht, um sich fertig zu machen, weil er beschlossen hatte, eine Übernachtungstasche zu packen. Ihm war klar geworden, dass ich es nicht mehr zum Bahnhof schaffen würde; ich hätte ihm vorher sagen sollen, dass ich den Zug um fünf Uhr fünf bekommen wollte, und jetzt blieb uns nichts anderes übrig, als gemeinsam ein Taxi direkt bis nach Schiphol zu nehmen, und danach würde er den Fahrer bitten, ihn weiter nach Amsterdam zu bringen, wo er, Dr. Sharp, mit einem wohlhabenden Schweizer Industriellen zu Abend essen würde, der ihm angeboten hatte, das San-Diego-Protokoll finanziell zu unterstützen.

»Aber es sind doch sicher nur fünf Minuten bis zum Bahnhof«, sagte ich. »Das schaffen wir doch noch, oder?«

Ein Taxi nach Schiphol würde ein Vermögen kosten.

»Der besagte Industrielle wird die Rechnung übernehmen«, sagte Dr. Sharp. Und er erklärte, er könne mir weder Namen noch Berufsfeld dieses wohlhabenden Mannes nennen, obwohl dieser auf seinem Gebiet recht berühmt war, weil der Mann nicht öffentlich bekannt machen wollte, dass er unter derart peinlichen Beschwerden gelitten hatte. Er fürchtete, das könne seine Autorität untergraben.

Ich lachte. Heutzutage fiel es den Leuten schwerer, zuzugeben, dass sie Schmerzen in den Hoden hatten, als dass sie schwul waren, sagte ich. Und Dr. Sharp stimmte mir zu. Das Schwulsein, meinte Dr. Sharp sogar, war »inzwischen eher ein Grund zum Prahlen als Anlass für ein Geständnis«. »Wir sind viel zu stark in unserem Selbstbild verhaftet«, sagte er. »Ich sage den Leuten oft: Sie werden nie vollständig geheilt sein, solange Ihnen unwohl ist bei dem Gedanken, dass andere wissen, wer Sie wirklich sind.« Nicht, dass die anderen, räumte er ein, unbedingt wissen wollten, wer man wirklich war. Ganz im Gegenteil. Die meisten Menschen hatten auch so genug um die Ohren, ohne sich die Probleme der anderen anzuhören. Dennoch war es wichtig für einen selbst, nicht ständig zu glauben, man müsse irgendetwas verbergen, denn das war stressig und erniedrigend und verschärfte die Probleme nur noch. Offenheit gehörte zum Heilungsprozess dazu, sagte er.

»Glauben Sie«, fragte ich ihn aus einer neckischen Laune heraus, »dass manche Leute sich als schwul ausgeben, obwohl sie es gar nicht sind, nur um den Ruhm des ›Coming-out‹ zu genießen?«

Dr. Sharp gab keine Antwort.

Das Taxi geriet auf den Schnellstraßen, die aus der Stadt herausführten, in dichten Verkehr. Ich hatte keine Ahnung, wie lange die Fahrt dauern würde, da ich bei der Anreise den Zug genommen hatte. Meine Frau schickte mir eine SMS, um mir zu sagen, dass sie in Gedanken bei mir war und dass ich meiner Mutter herzliche Grüße von ihr ausrichten solle. Das hieß, die Zwillinge hatten mit ihr gesprochen. Aber die Zwillinge hatten mir keine Nachricht geschickt. Meine älteren Kinder auch nicht. Meine Frau beklagte sich nicht darüber, dass ich ihr nicht geschrieben hatte. Sie erinnerte mich daran, dass sie ein guter, liebevoller Mensch war und ich einen Fehler gemacht hatte, als ich sie verließ. Ihr gutes Recht. Vielleicht hatte ich das tatsächlich. Ich versuchte, mich darauf zu konzentrieren, was Dr. Sharp über eine Hormoncreme zur Behandlung von Analfissuren erzählte. Warum hatte ich das Gefühl, es sei von überwältigender Bedeutung, meine Mutter noch einmal zu sehen, bevor sie starb? Und wenn ich dieses Gefühl hatte, warum hatte ich dann nicht das Feedbackgespräch mit den Physiotherapeutinnen sausen lassen und war sofort aufgebrochen? War es Eitelkeit gewesen, das Bedürfnis, mich vor die fünfzig Frauen hinzustellen und meine Geschichte zu erzählen? Bei seinem Vater hatte er den Moment um Haaresbreite verpasst, sagt Dr. Sharp jetzt. Sehr traurig. Bei seiner Mutter hingegen hatte es sich sehr lange hingezogen. Es war nicht so, sagte er, dass man einem sterbenden Elternteil etwas zu erzählen hatte, ihm in melodramatischer Holly wood-Manier noch etwas sagen, ein Geheimnis lüften oder etwas erklären wollte; es ging vielmehr darum, seine Loyalität zu zeigen, solidarisch zu sein. »Wenn man stirbt, möchte man die Menschen um sich haben, die einen zu dem machen, was man ist. Die Angehörigen. Die Familie. Man möchte spüren, dass sie einem diese Zeit schenken, sich die Mühe machen, bei einem zu sein, wenn man sich auf seine letzte Reise begibt.« Die leider, ergänzte ich, keine Reise mehr war, sondern allem Reisen ein Ende setzte.

Er lachte. »Sie sind scharfsinnig, Thomas. Das Zweifeln schärft zweifellos den Verstand!«

Er hegte jedoch keinen Zweifel daran, fuhr Dr. Sharp fort, dass seine Mutter ihn damals tatsächlich bei sich haben wollte, schon allein, weil er gehört hatte, wie sie am Telefon seine Schwester anflehte zu kommen, »bevor es zu spät ist«.

»Ihre Schwester«, sagte ich. »Nicht Sie!«

»Ich war ja schon da«, sagte er lachend.

»Aber hat Ihre Mutter Sie explizit gebeten, nicht zu gehen?«, fragte ich.

»Das nicht«, gab er zu. »Aber ich habe auch nicht gesagt, dass ich gehen wollte.«

Ich staunte, wie sarkastisch und gemein ich mich benahm. Und ich staunte, wie gut gelaunt Dr. Sharp darüber hinwegsah. Vielleicht war ich wütend, weil ich seinetwegen riskierte, meinen Flug zu verpassen. Das Taxi befand sich jetzt in einem langen Rückstau vor der Autobahnauffahrt.

»Tatsächlich«, erklärte ich ihm, »gibt es etwas, das ich meiner Mutter sagen möchte, etwas, das ich ihr nie erzählt habe. Ich möchte diese letzte Gelegenheit nicht verpassen.«

Und was war das? wollte er wissen.

Ich seufzte. Ich wusste es selbst nicht genau, sagte ich. »Ich habe einfach so ein Gefühl – als ob da etwas ist, was noch ausgesprochen werden muss. Ich werde es wissen, wenn ich dort bin. Es wird ganz von selbst herauskommen.«

»Interessant«, fand Dr. Sharp. Oder vielleicht dachte er auch, ich wolle ihn zum Narren halten.

Der Taxifahrer machte das Radio an. Es wurde eine muntere Diskussion auf Niederländisch gesendet. Vielleicht eine Quizshow. Mit lauter Stimme sagte ich, ich müsse unbedingt in einer Stunde und fünf Minuten am Flughafen sein. Würden wir das schaffen? Der Fahrer schaltete das Navi ein, das unsere voraussichtliche Ankunftszeit bei den derzeitigen Verkehrsbedingungen auf siebzig Minuten schätzte. »Wie Sie sehen«, sagte er, »kann ich nicht viel tun.«

»Versuchen Sie, sich zu entspannen«, sagte Dr. Sharp zu mir.

Dann erzählte ich Dr. Sharp, dass einer der Gründe für meine Aufgeregtheit der war, dass die Massage, die sein Physiotherapeut Thomas mir nach dem Mittagessen gegeben hatte, mich einerseits endgültig davon überzeugt hatte, dass der Beckenboden tatsächlich die Ursache meiner Leiden – meiner ehemaligen Leiden – gewesen war, dass aber andererseits allein schon die Berührung desselben diese Leiden erneut hervorgerufen hatte. Sie waren jetzt nicht mehr ehemalig. Was sollte ich nur machen? Der Gedanke, noch einmal monatelang unter chronischen Schmerzen leiden zu müssen, war entsetzlich.

Dr. Sharp wurde nachdenklich. Er war ein jovialer, großherziger, beleibter Mann, der ganz in seinen Projekten aufging, aber durchaus gewillt war, sich für kurze Zeit auf einen anderen Menschen zu konzentrieren, um herauszufinden, was sein Gegenüber brauchte.

»Alles, was Sie mir von sich erzählt haben«, sagte er, »hat mich zu der Überzeugung gebracht, dass es Ihnen gelungen ist, Ihr Problem in den Griff zu bekommen, indem Sie viel Zeit und Kraft in Entspannungstechniken, Yoga, Atemübungen und Ähnliches investiert haben. Vor allem haben Sie gelernt, runterzukommen, Ihr Stresslevel zu reduzieren, und das hat Sie aus Ihrem Schlamassel her ausgeholt. Stress kommt genauso sehr aus uns selbst heraus wie von außen. Doch wenn die Dinge außer Kontrolle geraten, wenn Sie aus Ihrer üblichen Umgebung gerissen werden oder eine Krise über Sie hereinbricht, dann verlieren Sie schnell die Fassung, und schon sind die Schmerzen wieder da.«

Er kam zu dem Schluss, dass ich nach San Diego kommen, mich einen Monat lang seiner Behandlung unterziehen und mir das Problem aus dem Leibe massieren lassen sollte, ein für alle Mal. Anfangs würde es wehtun, aber jenseits dieser Schmerzen lagen Wohlbefinden und Freiheit. »Vor allem«, sagte er, »sollten Sie den Umgang mit dem Selbstmassagestab erlernen, der Sie ermächtigen wird, ihr Schicksal selbst in die Hand zu nehmen.«

›Ermächtigen‹ ist auch so ein Wort, mit dem ich meine Schwierigkeiten habe.

Dann, während wir auf der Autobahn zwischen Amersfoort und Schiphol im dichten Verkehr feststeckten und meine Mutter in London im Sterben lag, zog Dr. Sharp seine Tasche aus dem Fußraum hervor, ließ den Verschluss aufschnappen und nahm eine von drei oder vier Plastiktüten heraus. Durch das transparente Material sah man einen gelben und bernsteinfarbenen Schlauch, der wie ein kurzer Schnorchel geformt war, nur dass das U offener war als beim Schnorchel und statt eines Mundstücks eine weiße Kugel daran angebracht war, ungefähr in der Größe einer großen Murmel, und am anderen Ende ein Griff, der quer auf dem Schlauch saß, ähnlich wie bei einer Sandkastenschaufel für Kinder. Der gerade Schaft des Instruments steckte unterhalb des Griffs etwa acht Zentimeter tief in einer gelben Gummischeide, aus der ein graues Kabel herausragte, das mit einer kleinen Dose, ebenfalls gelb und mit einer LCD-Anzeige ausgestattet, verbunden war. Zuerst wurde die Kugel in den After eingeführt, erklärte mir Dr. Sharp, lehnte sich zurück und hob auf dem Taxisitz die Knie an, um zu demonstrieren, wie der Leidende das gebogene Ende des Stabs – das Mundstück des Schnorchels, wenn Sie so wollen –, natürlich mit einem Gummihandschuh bezogen, der selbstverständlich gut mit Gleitgel bestrichen war, zwischen die Oberschenkel, unter den Hodensack und in den After schieben sollte. Dann benutzte man den Griff – »Wir sagen Joystick dazu!«, erklärte er lachend –, um mit der Kugel, die jetzt tief im Darm steckte, den Punkt an der Beckenbodenwand anzusteuern, von dem die Schmerzen ausgingen, und schob sie anschließend am Stab weiter vorwärts, seitwärts oder rückwärts, um Druck auszuüben und die Stelle zu massieren. Ganz sanft! Das Display reagierte auf die Anspannung, die in dem flexiblen Schlauch erzeugt wurde, wenn man das U auseinanderdrückte, und zeigte so an, wie viel Druck man von innen auf den Muskel ausübte, sodass man die Werte verfolgen und den Druck im Laufe einiger Monate langsam erhöhen konnte.

»Wir haben den Stab patentieren lassen«, sagte er. »Er entspricht den strengen US-Standards für medizinische Geräte. Er wirkt garantiert.«

Die Begeisterung des Doktors war ansteckend. Er war überzeugt, die Lösung eines Problems gefunden zu haben, mit dem sich Millionen von Männern herumschlugen. Und auch etliche Frauen. Wären die Menschen doch nur bereit gewesen, beim Thema Analmassage auf ihn zu hören. Das Taxi setzte sich in Bewegung, als sich der Stau auf der Autobahn auflöste. Meiner Mutter, die nie auch nur im Traum daran gedacht hätte, sich irgendetwas in den After einzuführen, ganz egal, wie stark ihre Schmerzen waren, lief die Zeit davon.

»Bitte geben Sie mir einen mit«, bat ich Dr. Sharp. »Ich möchte es gern ausprobieren.«

II

DAS LEICHNAM-BESICHTIGUNGS-DILEMMA war nicht plötzlich da gewesen. Es hatte sich eingeschlichen. Der erste Vorbote war eine E-Mail von meiner Schwester, in der sie ihre Ausgaben im Zusammenhang mit dem Tod meiner Mutter auflistete – Kosten, die sie, meine Schwester, in den Stunden direkt nach dem Tod mit dem Geld vom Bankkonto meiner Mutter gedeckt hatte, noch bevor der Tod amtlich und das Konto infolgedessen gesperrt worden war. Mutter hatte meiner Schwester anscheinend genau zu diesem Zweck ihre Bankkarte und die PIN gegeben. Auf die einzelnen Posten warf ich nur einen flüchtigen Blick, denn ich wusste, dass meine Schwester es mit Geld äußerst genau nahm und die kleinen Summen, die meine Mutter hinterließ, ohnehin nicht geeignet waren, um die prekäre finanzielle Situation, in der ich mich seit der Trennung von meiner Frau befand, maßgeblich zu verändern. Doch blieb ich an dem Wort ›Einbalsamierung‹ hängen. Einbalsamierung: £98. »Mutter hätte auf keinen Fall gewollt, dass sie einbalsamiert wird«, schrieb ich unmittelbar in einer Antwortmail an meine Schwester, »wenn doch, dann hätte sie diese Leistung mit Sicherheit in das Bestattungspaket aufgenommen, das sie schon vor Jahren selbst ausgesucht und bezahlt hat.«

Kaum hatte ich diese E-Mail an meine Schwester losgelassen, kam ich mir albern vor, denn natürlich wusste meine Schwester das alles viel besser als ich. Zugleich spürte ich meiner Mutter gegenüber eine gewisse Verantwortung, so als müsse sie jetzt, da sie tot war, vor Dingen geschützt werden, die sie als Übergriff betrachtet hätte, nicht so sehr auf ihren Körper, der, so hatte sie immer betont, eine reine Nebensächlichkeit war, sondern auf ihren Sinn für Anstand, und vor allem auf ihren strengen Glauben an die absolute Trennung von Körper und Seele, sodass alles Geld und alle Mühe, die über die Grundanforderungen der Anständigkeit oder die rein praktischen Bedürfnisse des Körpers hinausgehend für die äußere Erscheinung aufgewendet wurden, in ihren Augen Verschwendung waren. Und Mutter hasste Verschwendung.

Meine Schwester antwortete ohne Groll, eher so, als hätte ich aus reiner Neugier nach dem Sinn einer unerwarteten Ausgabe gefragt, und erklärte mir, da Mutter sich eine Einäscherung gewünscht hatte, war es gesetzlich vorgeschrieben, dass zwei Ärzte die Todesursache beurkundeten und ein dritter sozusagen die Beurkundung beurkundete. Erst dann konnte der Einäscherungstermin vereinbart werden. Das dauerte seine Zeit. Und dann gab es noch eine Warteliste für die Einäscherung selbst, sodass zwischen dem Eintritt des Todes und der Bestattung mindestens zwei Wochen vergehen würden. Die nette Dame vom Bestattungsunternehmen, die meine Schwester zwar nicht persönlich kennengelernt, mit der sie aber mehrmals am Telefon gesprochen hatte, schlug in Anbetracht der Tatsache, dass viele Trauernde heutzutage vor der Bestattung den Leichnam gern noch einmal besichtigen wollten (»um Abschied zu nehmen«, hatte sie erklärt), vor, eine relativ preisgünstige vorübergehende Einbalsamierung zu veranlassen, damit eine Aufbahrung und Besichtigung stattfinden, der Leichnam also gewissermaßen bis zum Datum der Bestattung in einem ansehnlichen Zustand erhalten werden konnte. Onkel Harry, schrieb meine Schwester, war bereits da gewesen, um sich das Ergebnis anzuschauen, und hatte es für ausgezeichnet befunden; Mum sah, zumindest hatte Onkel Harry das behauptet, ganz wie immer aus, in ihrem blassblauen Schneiderkostüm mit passendem Barett, das sie zu besonderen Anlässen getragen hatte. »Nicht, dass ich persönlich vorhätte, sie mir anzuschauen«, schrieb meine Schwester weiter. »Ich ziehe es vor, Mum so in Erinnerung zu behalten, wie sie war. Aber das ist meine Meinung. Du kannst natürlich hingehen, wenn du möchtest.« Und sie fügte hinzu, das fragliche Bestattungsinstitut sei das, das gleich gegenüber des Bahnhofs Hounslow lag.

Wieder antwortete ich unmittelbar auf die E-Mail meiner Schwester, was eine schlechte Angewohnheit von mir ist, denn meine unmittelbare Reaktion entspricht fast nie der ausgereifteren Meinung, die ich ein oder zwei Tage oder auch nur ein paar Stunden später in der betreffenden Angelegenheit vertreten würde. In diesem Fall schon wenige Minuten später. »Bestimmt hast du recht«, antwortete ich. Es war letzten Endes nur »schicklich«, witzelte ich ziemlich frivol, dass Mutter im Sonntagsoutfit zu ihrer Trauerfeier erschien, denn schließlich hatte sie ja immer vehement darauf bestanden, dass man sich »zur Kirche angemessen herausputzte«. Ich war froh, schrieb ich hastig weiter – mir des Dilemmas, in das ich mich gerade verstrickte, noch nicht bewusst, und ich glaube, einer der Gründe, warum man unmittelbar auf E-Mails antwortet, ist der, dass man sonst Gefahr läuft, sie gar nicht mehr zu beantworten, bei den vielen Nachrichten, mit denen man heutzutage bombardiert wird; und außerdem war ich natürlich, nachdem ich in meiner vorherigen Mail so hochtrabend und grob dahergekommen war, jetzt bestrebt, meine Schwester, die immerhin in Abwesenheit ihrer beiden Brüder sämtliche mit dem Tod meiner Mutter verbundenen Pflichten auf sich genommen hatte, zu beschwichtigen –, ich war froh, schrieb ich, dass der Anblick des Leichnams Onkel Harry eher erfreut hatte als das Gegenteil, denn in seinem Alter und angesichts seines Krebses muss der vorherrschende Gedanke in seinem Kopf doch eigentlich der gewesen sein, dass er sich schon allzu bald in derselben Lage befinden würde wie jetzt Mum, nämlich auf dem Rücken ausgestreckt in einer Kiste.

Das war im Wesentlichen der Tenor meiner unmittelbaren Antwort. Beschwichtigend und frivol. Doch schon Sekunden nach dem Abschicken, von Berlin aus muss es gewesen sein, fiel mir ein, wie genau und unbeirrt meine Mutter gewirkt hatte, als sie mir zum ersten Mal von den Vorkehrungen berichtete, die sie für ihre Bestattung getroffen hatte. Diese Erinnerung führte mich vier Jahre zurück zu dem Sommer, den ich in ihrem winzigen Haus in der Nähe der Hounslow High Street verbracht hatte. Ich war, das versteht sich von selbst, zu ihr gefahren, weil meine Frau und ich nicht mehr in der Lage oder willens waren, zusammen Ferien zu machen, oder überhaupt Zeit miteinander zu verbringen. Ich hatte meine damalige Geliebte eingeladen, mit mir in England Urlaub zu machen, aber sie hatte abgelehnt. Wenn ich meine Frau nicht verlassen wollte, meinte sie, dann würde sie es sich ganz bestimmt nicht antun, schöne Erinnerungen zu schaffen, die keinerlei Zukunft hatten. Sie wollte nicht mitkommen. Andererseits hatte sie auch nicht direkt Schluss gemacht. Vermutlich wollte sie also Druck auf mich ausüben. Vermutlich wollte meine Frau ebenfalls Druck auf mich ausüben, oder ich wollte Druck auf sie ausüben. Oder auf beide. Jedenfalls war eine Pattsituation entstanden, die auf die schlimmste aller möglichen Welten hinauslief, und da war ich nun, ein Mann, der theoretisch zwei Frauen, de facto aber gar keine hatte, und verbrachte den Sommer im Haus meiner Mutter, vorgeblich, weil diese ältere gläubige Christin meine Gesellschaft brauchte, oder doch dafür dankbar war, denn sie war krank und erst kürzlich operiert – verstümmelt trifft es vielleicht besser – worden, in Wirklichkeit jedoch nur deshalb, weil ich keine Ahnung hatte, was ich sonst mit mir anfangen sollte, keine Ahnung, was ich mit meiner Ehe anfangen sollte, keine Ahnung, was ich mit meiner Geliebten anfangen sollte, keine Ahnung, ob ich meinen Job in Edinburgh behalten oder möglichst weit weg ins Ausland ziehen sollte: quasi vom Familienradar verschwinden, könnte man sagen, so wie ich es letztendlich auch gemacht habe.

Jedenfalls geschah es in jenem Sommer, als ich mich im Haus meiner Mutter aufhielt, in einem Zustand maximaler psychischer Unsicherheit, wie ein Mann, der kurz davor ist, nicht nur einen, sondern gleich mehrere Sprünge ins kalte Wasser zu wagen, oder womöglich gar keinen – und mich obendrein selbst hasste, ohne allerdings gänzlich unglücklich zu sein, wenn auch nur aufgrund der Erleichterung, meiner Frau entronnen zu sein, was beileibe keine Kritik an ihr sein soll, denn das Problem lag allein bei mir –, es geschah, während ich dort war, gegen Ende meines Aufenthalts, dass meine Mutter, die wie gesagt vor Kurzem operiert worden und nicht mehr die Alte war, genau genommen eindeutig in die Phase des endgültigen Verfalls eingetreten war, und dass sie nicht mehr die Alte war, konnte man daran ablesen, wie entschlossen sie vorgab, noch ganz die Alte zu sein, wie sie ihre altbekannte christliche Fröhlichkeit zur Schau stellte, »huhu« die Treppe hinaufrief und Apfeltorte und Kirschkuchen backte, genauso aber auch ihre altbekannte christliche Ernsthaftigkeit, indem sie die Stirn runzelte, sobald ich Dinge wie Yoga oder Meditation erwähnte, die Teufelswerk waren, ganz zu schweigen von Trennung oder Scheidung (ihre nette Nachbarin war wegen einer jüngeren Frau verlassen worden, und das war eine gottlose Grausamkeit seitens des Ehemanns gewesen) – es geschah während meines Aufenthalts in ihrem Haus, womöglich am Abend vor meiner geplanten Abreise, dass meine Mutter mir zum ersten Mal von den Vorkehrungen berichtete, die sie für ihre Bestattung getroffen hatte.

»Nur damit du Bescheid weißt, Thomas«, hatte sie gesagt, »ich habe Vorkehrungen für meine Bestattung getroffen, damit ihr Kinder nicht dafür bezahlen müsst.«

Es war ein Akt der Großzügigkeit. Sie hatte eine unangenehme organisatorische Notwendigkeit erledigt, um anderen, in dem Fall uns Kindern, die Mühe zu ersparen. Ich sollte dankbar sein. Und ich war dankbar. Ich erinnere mich noch genau, wie ich dachte: Prima, eine Sache weniger, die erledigt werden muss.

»Die entsprechenden Unterlagen findet ihr in der obersten Schublade unter dem Bücherregal«, sagte sie.

Aber natürlich steckte mehr dahinter als nur Großzügigkeit, überlegte ich jetzt, wahrscheinlich im Hotel in Berlin, wenn ich mich recht entsinne in der Görlitzer Straße, kurz nachdem ich die scherzhafte und beschwichtigende Antwort wegen der Einbalsamierung an meine Schwester losgelassen hatte. Es war auch ein Versuch, die Kontrolle zu behalten. Sie, meine Mutter, konnte auf diese Weise selbst entscheiden, was mit ihrem Leichnam geschah, auf welche Art und Weise sie bestattet werden würde. Nicht ihre Kinder. »Alles wird sehr schlicht sein«, erklärte sie mir an jenem Abend von dem großen Fernsehsessel aus, den sie erst kürzlich gekauft hatte, weil sie es inzwischen unbequem fand, lange auf normalen Sesseln zu sitzen, obwohl der Nachteil an einem Fernsehsessel darin bestand, dass es manchmal schwierig war, wieder herauszukommen, wenn man erst einmal drinsaß, gerade weil man darin in eine Liegeposition gekippt wurde, weshalb ich, wenn ich ausnahmsweise ohne Hausschlüssel nach Hause kam und klingeln musste, meine Mutter durch die Milchglasscheibe der Haustür, die direkt ins Wohnzimmer führte, als verschwommene dunkle Gestalt wahrnahm, die im Sessel vor und zurück schaukelte, versuchte, sich aus der bequemen Position hochzuschwingen und auf die Beine zu kommen, um die Tür zu öffnen. Manchmal dauerte das drei, vier Minuten. Dann, wenn sie mir schließlich aufmachte, strahlte sie eine geradezu gönnerhafte, gespielte Fröhlichkeit aus, die alle Schwierigkeiten leugnete und jede Erwähnung ihrer Krankheit verbot – sie beschwerte sich nie darüber, dass ich meinen Schlüssel vergessen hatte –, obwohl sich ihre Miene auch rasend schnell in ein puritanisch ernstes Stirnrunzeln verwandeln konnte, wenn deutlich wurde, dass ich getrunken hatte, oder wenn meine schmuddelige Kleidung nach Zigarettenrauch roch.

»Thomas«, sagte sie dann seufzend.

Und ganz im Allgemeinen, wenn ich so zurückblicke, fällt mir wieder ein, dass ich, wenn ich draußen vor der Milchglastür stand und zusah, wie Mutter sich mühsam aus dem Fernsehsessel hochstemmte, oder selbst in den Jahren zuvor, wenn ich einfach nur vor der Tür wartete, bis Mutter erschien, eine verschwommene Gestalt hinter dem billigen Glas, die auf mich zukam und sich dabei oft das Wolltuch enger um die Schultern zog oder mit den Händen ihr Haar ordnete, in den paar Sekunden vor dem Zusammentreffen jedes Mal einen starken und seltsamen Gefühls-Cocktail erlebte, der gleichzeitig von Schuldbewusstsein, Zärtlichkeit, Ungeduld und Unentschlossenheit geprägt war. Die Wahrheit ist, wenn ich meine Mutter besuchte, war ich mir nie ganz sicher, ob ich meine Mutter tatsächlich besuchen wollte oder lieber nicht. Meine Mutter zu besuchen führte zu allergrößter Verwirrtheit hinsichtlich der Frage, wer ich eigentlich bin. Ich wollte sie besuchen und nicht besuchen, beides gleichzeitig.

Die Bestattung würde ganz schlicht ablaufen, wiederholte sie. Nicht mehr als unbedingt nötig, und kein Brimborium. Der Sarg war bezahlt, ebenso die Autos, die alle zur Kirche bringen sollten. Es waren ja bloß ein paar Hundert Meter. Der Ablauf der Trauerfeier, sagte sie, war auch bereits schriftlich niedergelegt; das heißt, sie hatte ihn aufgeschrieben und die Lieder ausgewählt, und sie war sehr schlicht gehalten. Statt Blumen sollten die Gäste eine entsprechende Summe für einen guten Zweck spenden. Auf diese Weise käme ihr Tod anderen zugute, wenn auch nicht den Floristen, die, so vermute ich, in den heutigen schweren Zeiten stark auf Beerdigungen angewiesen sein dürften, um ihren Lebensunterhalt zu bestreiten. Höchstwahrscheinlich sagte sie all das, während im Hintergrund dröhnend die BBC-Nachrichten liefen, denn Mum konnte schon seit Jahren nicht mehr gut hören und drehte die Lautstärke immer voll auf, vielleicht auch während wir unseren allabendlichen Sherry vor dem Essen genossen, den einzigen Alkohol, den meine Mutter sich abgesehen von einem gelegentlichen Glas Weißwein zum Mittagessen je gestattet hatte. Sherry mit pikant gerösteten Erdnüssen.