In freiem Fall - Gianrico Carofiglio - E-Book

In freiem Fall E-Book

Gianrico Carofiglio

4,8
9,99 €

oder
  • Herausgeber: Goldmann
  • Kategorie: Krimi
  • Sprache: Deutsch
  • Veröffentlichungsjahr: 2015
Beschreibung

Der zweite Guido-Guerrieri-Roman aus der Feder des ehemaligen Mafiajägers

Niemand in Bari will Martina Fumai dabei helfen, ihren gewalttätigen Exfreund vor Gericht zu bringen, denn er ist der Sohn eines mächtigen Richters. Auch Guido Guerrieri weiß, dass dies das Ende seiner Karriere bedeuten könnte. Und doch kann er der Versuchung des scheinbar aussichtslosen Falls nicht widerstehen – ebenso wenig wie der Faszination von Schwester Claudia, der Leiterin des Frauenhauses, in dem Martina wohnt. Die Jeans und Lederjacke tragende Nonne hilft Guerrieri bei seinen Ermittlungen – und birgt auch selbst ein schreckliches Geheimnis …

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EPUB
MOBI

Seitenzahl: 272




Gianrico Carofiglio

In freiem Fall

Roman

Aus dem Amerikanischen von Stefanie Retterbush

Buch

Verzweifelt sucht Martina Fumai nach einem Anwalt. Doch niemand will sie vor Gericht vertreten. Denn der Mann, der Martina verfolgt und bedroht, ist der Sohn eines einflussreichen Richters. Niemand in Bari würde es wagen, sich gegen ihn zu stellen. Niemand – bis auf einen. Avvocato Guido Guerrieri ist sofort bereit, Martina zu helfen. Nicht zuletzt deshalb, weil er von der jungen Frau fasziniert ist, die ihn in Martinas Namen um Hilfe bittet: Gekleidet in Jeans und schwarzer Lederjacke stellt sie sich ihm als »Schwester Claudia« vor. Von nun an begleitet die jedem Klischee widersprechende Nonne den Anwalt bei seinen Ermittlungen. Und Guido Guerrieri findet nach und nach nicht nur heraus, wie er gegen Martinas psychopathischen Exfreund vorgehen muss, sondern auch, welches Geheimnis die rätselhafte Claudia umgibt …

Autor

Gianrico Carofiglio wurde 1961 in Bari geboren und arbeitete in seiner Heimatstadt viele Jahre als Antimafia-Staatsanwalt. Seit 2007 ist er als Berater der italienischen Regierung für den Bereich organisierte Kriminalität tätig. Bisher sind in Italien vier Romane von ihm erschienen, drei davon um den Anwalt Guido Guerrieri. Seine Bücher feierten sensationelle Erfolge und wurden mit zahlreichen literarischen Preisen geehrt, u. a. mit dem renommierten »Premio Bancarella«.

Von Gianrico Carofiglio außerdem bei Goldmann:

Reise in die Nacht Das Gesetz der Ehre

Die italienische Originalausgabe erschien 2003 unter dem Titel »Ad occhi chiusi« bei Sellerio editore Palermo.

1. Auflage Deutsche Erstveröffentlichung August 2008 Copyright © der Originalausgabe 2003 by Gianrico Carofiglio All rights reserved Copyright © der deutschsprachigen Ausgabe 2007 by Wilhelm Goldmann Verlag, München, in der Verlagsgruppe Random House GmbH Umschlaggestaltung: Design Team München Umschlagmotiv: Bildagentur Huber, Garmisch Satz: Uhl+Massopust, Aalen AM · Herstellung: MW

eISBN 978-3-641-18529-9

www.goldmann-verlag.de

www.randomhouse.de

Inhaltsverzeichnis

Buch und AutorCopyrightErster Teil
Kapitel 1Kapitel 2Kapitel 3Kapitel 4Kapitel 5 Kapitel 6 Kapitel 7 Kapitel 8 Kapitel 9 Kapitel 10 Kapitel 11 Kapitel 12 Kapitel 13 Kapitel 14 Kapitel 15 Kapitel 16 Kapitel 17 Kapitel 18 Kapitel 19 Kapitel 20 Kapitel 21 Kapitel 22 Kapitel 23
Zweiter Teil
Kapitel 1 Kapitel 2 Kapitel 3 Kapitel 4 Kapitel 5 Kapitel 6 Kapitel 7 Kapitel 8 Kapitel 9 Kapitel 10 Kapitel 11 Kapitel 12

Erster Teil

1

Niemand hört wirklich auf zu rauchen.

Man unterbricht bestenfalls. Für ein paar Tage. Oder Monate, oder auch Jahre. Aber wirklich aufhören, das tut keiner. Die Zigarette ist immer auf der Lauer. Es kann vorkommen, dass sie mitten in einem Traum auftaucht, fünf oder zehn Jahre, nachdem du »aufgehört« hast.

Dann fühlst du ihr Papier zwischen den Fingern; hörst das leise, dumpfe, beruhigende Geräusch, das sie macht, wenn du mit ihr auf die Schreibtischplatte klopfst; spürst, wie deine Lippen den ockerfarbenen Filter berühren; hörst das Streichholz über die Reibfläche kratzen und siehst die blaugelbe Flamme vor dir aufleuchten.

Du spürst sogar, wie der Rauch in deine Lungen eindringt, siehst, wie er sich zwischen den Akten, Büchern und der Kaffeetasse vor dir ausbreitet.

Und genau in diesem Moment wachst du auf. Und denkst, dass eine Zigarette, eine einzige, eigentlich keinen Unterschied macht. Dass du sie dir ruhig anstecken könntest, für den Notfall liegt ja immer ein Päckchen in der Schreibtischschublade oder sonst irgendwo. Aber du weißt natürlich, dass es so nicht laufen würde. Dass du dir nach der ersten die zweite anzünden würdest, und dann noch eine und noch eine. Manchmal schafft man es, manchmal nicht. Aber egal, wie es läuft, in diesen Momenten wird dir klar, dass der Ausdruck »mit dem Rauchen aufhören« völlig abstrakt ist. Die Wirklichkeit sieht anders aus. Abgesehen von Träumen gibt es natürlich auch konkretere Auslöser. Alpträume, zum Beispiel.

Ich hatte schon vor ein paar Monaten mit dem Rauchen aufgehört.

Ich kam gerade vom Gericht zurück, wo ich die Akte eines Verfahrens eingesehen hatte, bei dem ich die Nebenkläger vertreten sollte. Und ich hatte schreckliche Lust, in den erstbesten Tabakladen zu gehen, mir eine Packung starke, beißende Zigaretten zu kaufen – gelbe MS, etwa – und zu rauchen, bis es mir die Lungen zerriss.

Der Auftrag kam von den Eltern eines kleinen Mädchens, das einem Pädophilen ins Netz gegangen war. Er war zur Schule der Kleinen gegangen, hatte sie angesprochen, und sie war ihm gefolgt. Hand in Hand waren sie im Eingang eines alten Mietshauses verschwunden. Die Hausmeisterin der Schule hatte die Szene mitbekommen und war ihnen gefolgt. Als sie das Haus betrat, war das Schwein gerade dabei, seinen Hosenschlitz am Gesicht des Kindes zu reiben, das die Augen zudrückte und ganz still war.

Auf das laute Schreien der Frau hin war der Kerl abgehauen, freilich nicht, ohne vorher den Mantelkragen hochzuklappen. Ein simples, aber effizientes Mittel, um nicht erkannt zu werden. Tatsächlich hatte die Hausmeisterin sein Gesicht nicht richtig gesehen.

Als das Kind später mit Hilfe einer erfahrenen Psychologin angehört wurde, stellte sich heraus, dass es nicht das erste Mal gewesen war. Und auch nicht das zweite oder dritte Mal.

Die Polizei leistete ganze Arbeit, sie identifizierte den Triebtäter und lichtete ihn heimlich ab. Vor dem Gemeindeamt, wo er arbeitete und als vorbildlicher Angestellter galt. Das kleine Mädchen erkannte ihn wieder. Mit klappernden Zähnen deutete sie auf das Foto und wandte den Blick sofort wieder ab.

Bei seiner Verhaftung fanden die Polizisten eine ganze Sammlung von Fotos. Horrorbilder.

Die Bilder, die ich an diesem Morgen in der Akte gesehen hatte.

Ich hatte Lust, jemandem die Fresse einzuschlagen. Dem Schwein, nach Möglichkeit. Oder seinem Anwalt. Der hatte doch tatsächlich geschrieben: »Die Aussagen des Mädchens gehen auf krankhafte vorpubertäre Phantasien zurück und entbehren jeglicher Glaubwürdigkeit«. Ich hätte ihm wirklich gerne die Fresse eingeschlagen. Ich hätte sie auch gerne dem Haftrichter eingeschlagen, der den Pädophilen lediglich unter Hausarrest gestellt hatte. In der Begründung für diese Entscheidung hieß es: »Um einer möglichen Wiederholung der Tat, deren der Beschuldigte verdächtigt wird, vorzubeugen, wird es, trotz der Schwere des Vorgefallenen, für ausreichend erachtet, die persönliche Freiheit des Beschuldigten in Form von Hausarrest einzuschränken.«

Er hatte Recht. Rein technisch hatte er Recht, das wusste ich, schließlich war ich Anwalt. Oft genug hatte ich dieses Prinzip selbst geltend gemacht. Für meine Mandanten – Einbrecher, Diebe, Betrüger, Bankrotteure. Auch für den einen oder anderen Drogenhändler.

Nicht aber für Kinderschänder.

Wie dem auch sei, ich wollte irgendjemandem die Fresse einschlagen.

Oder rauchen.

Oder sonst irgendetwas tun, bloß nicht ins Büro zurückgehen und arbeiten.

2

Ich ging aber doch ins Büro zurück und arbeitete bis zum späten Nachmittag durch, ohne Pause, nicht einmal, um kurz etwas zu essen. Danach sagte ich Maria Teresa, ich hätte noch etwas Dringendes zu erledigen, und ging in meine Stammbuchhandlung.

Dort wanderte ich bis Ladenschluss zwischen den Regalen umher und verließ als Letzter das Geschäft. Der Rollladen war bereits halb heruntergelassen, die Angestellten standen in Reih und Glied neben der Kasse und blickten mich unfreundlich an.

Ich klingelte an Margheritas Tür und wartete, dass sie mir aufmachte.

Obwohl ich den Schlüssel zu ihrer Wohnung hatte, benutzte ich ihn fast nie. Und sie tat dasselbe mit meiner Wohnung, die zwei Stockwerke tiefer lag.

Jeder von uns hatte seine Wohnung beibehalten, mit den Büchern, den Postern, den Schallplatten und allem Übrigen – insbesondere der Unordnung, was mein Appartement betraf.

Margheritas Wohnung war im Dachgeschoss, groß, schön und aufgeräumt. Ohne es mit der Aufgeräumtheit zu übertreiben. Die Aufgeräumtheit eines Menschen, der sein Leben im Griff hat. In unserer Beziehung hatte sie das Sagen, aber mir war es recht.

Die einzige Veränderung, die wir vorgenommen hatten, betraf ihre Wohnung und bestand im Kauf eines riesigen Bettes, des größten, das zu finden gewesen war. Es stand jetzt in ihrem Schlafzimmer. Für meine persönlichen Dinge hatte sie mir eine Ecke in ihrem Kleiderschrank abgetreten, außerdem belegte ich ein Regalbrett im Bad. Mehr nicht.

Häufig schlief ich bei ihr. Wenn auch nicht immer. Manchmal hatte ich Lust, bis tief in die Nacht fernzusehen, was allerdings immer seltener vorkam; manchmal wollte ich bis tief in die Nacht lesen. Manchmal war sie es, die alleine schlafen wollte, ohne jemanden in ihrer Nähe zu haben. Manchmal ging einer von uns beiden mit seinen Freunden aus. Manchmal blieb ich in meiner Wohnung, weil Margherita beruflich unterwegs war. Wenn sie weg war, ging ich nie in ihre Wohnung. Sie fehlte mir immer schon nach wenigen Stunden.

Ich drückte gerade noch einmal auf den Klingelknopf, als die Tür geöffnet wurde.

»Nervös?«

»Taub?«

»Wenn du fasten willst, brauchst du’s mir nur zu sagen – ohne lange um den heißen Brei herumzureden.«

Ich wollte nicht fasten, und aus ihrer Wohnung duftete es nach frisch gekochtem Essen. Zum Zeichen meiner Kapitulation hob ich die Hände auf Brusthöhe und zeigte ihr meine Handflächen, dann zwängte ich mich zwischen ihr und dem Türrahmen durch.

»Hab ich dir erlaubt, einzutreten?«

»Ich hab dir ein Buch mitgebracht.«

Sie blickte auf meine leeren Hände, und ich zog die Tüte der Buchhandlung aus meiner Jackentasche. Da schloss sie die Tür hinter mir.

»Was ist das?«

»Konstatinos Kavafis. Ein griechischer Dichter. Hör dir das an: Ithaka.«

Ich schlug das kleine, weiße Buch auf, setzte mich aufs Sofa und begann zu lesen.

»Wünsch dir eine lange Fahrt,

der Sommer Morgen möchten viele sein,

da du, mit welcher Freude und Zufriedenheit!

in nie zuvor gesehene Häfen einfährst;

halte ein bei Handelsplätzen der Phönizier

und erwirb die schönen Waren,

Perlmutt und Korallen, Bernstein, Ebenholz

und erregende Essenzen aller Art,

so reichlich du vermagst, erregende Essenzen;

besuche viele Städte in Ägypten,

damit du von den Eingeweihten lernst und wieder lernst.

Immer halte Ithaka im Sinn.

Dort anzukommen, ist dir vorbestimmt.

Doch beeile nur nicht deine Reise.

Besser ist, sie dauere viele Jahre …«

Margherita nahm mir das Buch aus der Hand, legte ihren Zeigefinger als Lesezeichen zwischen die Seiten und betrachtete den Umschlag – keinerlei Abbildung, auch hier nur ein Gedicht – ihre Finger glitten über den glatten, weißen Kartoneinband, während sie die Strophe las. Dann kehrte sie zu dem Gedicht zurück, das ich ihr vorgelesen hatte, und bewegte stumm die Lippen.

Am Ende richtete sie den Blick wieder auf mich und gab mir einen raschen Kuss.

»Na gut. Du darfst bleiben. Wasch dir die Hände, such eine CD aus und deck den Tisch. Genau in dieser Reihenfolge.«

Ich wusch mir die Hände, legte Tracy Chapman auf, deckte den Tisch und schenkte mir ein Glas Wein ein. Ich hatte immer noch Lust auf eine Zigarette, aber das Schlimmste war für heute überstanden.

3

Nach dem Abendessen hatten wir beide Lust, auszugehen. Es gab da ein Lokal, das vor wenigen Monaten aufgemacht hatte, ein ehemaliges, renoviertes Fabrikgebäude, in dem nicht nur Speisen und Getränke angeboten wurden, sondern auch Bücher, Zeitungen und sogar Spiele. Das Tollste aber war ein winziger Kinosaal, in dem ab Mitternacht alte Filme gezeigt wurden, nonstop bis in die frühen Morgenstunden.

Egal, zu welcher Nachtstunde man hinkam, das Lokal war immer gut besucht. Auf mich wirkte es wie eine Art Vorposten gegen den monotonen Alltagsrhythmus. Tag/Arbeit/Wachsein/Leute. Nacht/Haus/Schlaf/Einsamkeit.

Vor allem das Kino war etwas ganz Besonderes. Mein Ideal von einem Kino.

Es hatte rund fünfzig Plätze, Reden war erlaubt, man konnte herumlaufen, man durfte trinken. Manchmal wurden zwischen einem Film und dem nächsten Spaghetti serviert, gegen Morgen auch Milchkaffee in großen, henkellosen Tassen und Croissants mit Nutellafüllung.

Ich hatte am nächsten Tag keine Verhandlung und musste deshalb nicht in aller Herrgottsfrühe aufstehen. Margherita konnte sich ihre Arbeitszeit sowieso frei einteilen. Also zogen wir uns an und verließen gut gelaunt das Haus.

Magazzini d’oltremare lautete der Name des Lokals. Wir kamen kurz nach elf dort an, und es war wie üblich ziemlich viel los, selbst an einem ganz gewöhnlichen Werktag. Die Leute an den Tischen waren mir zum Großteil bekannt, wenigstens vom Sehen; es waren mehr oder weniger die Leute, die man in gewissen Lokalen, bei gewissen Konzerten und auf gewissen Festen trifft. Mehr oder weniger Leute wie ich selbst.

Ich gab mich bewusst distanziert und selbstironisch, was meinen Umgang mit Leuten aus diesen Kreisen betraf – mehr oder weniger Linke und mehr oder weniger Intellektuelle, die mehr oder weniger keine Geldsorgen hatten und mehr oder weniger zwischen dreißig und unter fünfzig waren (na ja, der ein oder andere über fünfzig war auch dabei) –, aber ich fuhr fort, in diesen Kreisen zu verkehren. Genau wie all die andern.

Der erste Film, der in dieser Nacht auf dem Programm stand, war Haus der Spiele. Einer meiner zehn Lieblingsfilme. Eine wunderschöne, total verrückte Nachtstory über Psychiater und Betrüger.

Bis der Film anfing, dauerte es noch mindestens eine Dreiviertelstunde. Margherita sah zwei Freundinnen an einem Tisch sitzen, sie ging hin, um ihnen hallo zu sagen, und die beiden fragten, ob wir uns zu ihnen setzen wollten. Margheritas Freundinnen waren ein Paar und hießen beide Giovanna; sie trugen beide Männerkleidung, hatten beide dasselbe, maskuline Auftreten und ähnelten sich überhaupt so sehr, dass ich mich fragte, wie es wohl mit der Rollenaufteilung innerhalb ihrer Beziehung aussah – so es denn eine gab. Sie gingen in denselben Kampfsportverein wie Margherita.

»Seht ihr euch den Film noch an?«, fragte Margherita.

»Nein, ich glaube nicht. Giovanna muss morgen früh raus«, sagte Giovanna.

»Ja, wir trinken noch rasch unseren Rum aus und gehen dann schlafen«, setzte Giovanna hinzu.

Mich ignorierten die Giovannas schlichtweg. Ich meine, sie waren beide Margherita zugewandt, sprachen ausschließlich mit ihr, und ich hätte schwören können, dass die Art, wie sie sie ansahen, nicht ganz unschuldig war.

Irgendwann fragte Giovanna Margherita, ob sie denn nun den Fallschirmspringerkurs mit ihnen beiden machen würde.

Welchen Fallschirmspringerkurs?

»Ich bin noch am Überlegen. Lust hätte ich schon. Ich wollte das schon immer mal ausprobieren. Nur dass ich mir nicht sicher bin, ob ich es zeitlich schaffe.«

Es gelang mir, mich in die Unterhaltung einzuklinken.

»Darf ich fragen, was es mit diesem Fallschirmspringerkurs auf sich hat?«

»Ach, ein Freund der beiden Giovannas gibt Unterricht im Fallschirmspringen. Er hat sie schon oft zu einem seiner Kurse eingeladen – weißt du, man kann bei ihm den Fallschirmspringerschein machen. Na ja, und die Giovannas haben mich eingeladen, mitzumachen.«

Sie haben dich eingeladen, weil sie dich ins Bett kriegen wollen, deshalb. Von wegen Fallschirmspringerschein – den Lesbenschein wollen sie dir verpassen, sonst gar nichts. Ja, genau, den Schein der fliegenden Lesben.

Das sagte ich aber nicht. Klar. Ein Linker sagt so etwas nicht; er denkt es höchstens. Davon abgesehen, hätte ich den beiden Giovannas zugetraut, dass sie mir schon aus viel geringerem Anlass die Eier amputieren und den Rest des Abends damit flippern könnten.

Also schwieg ich, während sie sich über den Fallschirmspringerkurs unterhielten; darüber, wie aufregend so ein Kurs sei, und dass man eigentlich gar nicht so viel Zeit dafür bräuchte – zwei Stunden in der Woche für Theorie und Training –, den Schein bekomme man ja schon nach drei Sprüngen.

Ich war drauf und dran, eine bissige Bemerkung zu machen, etwa, wie unentbehrlich der Fallschirmspringerschein für eine freischaffende, junge Karrierefrau an der Schwelle zum neuen Jahrtausend wäre. Und wie toll es sei, dass man diesen Lappen schon nach drei Sprüngen bekäme. Nach nur drei Sprüngen, Mensch, Leute, das ist doch ein Klacks.

Aber ich nahm mich zusammen, und das war gut so. Denn aus einem fliegenden Flugzeug in den Himmel hinauszuspringen, ins Nichts, mutig und furchtlos, gehörte zu meinen geheimsten und verbotensten Träumen. Ein Traum, den ich nie den Mut gehabt hatte, irgendjemandem zu gestehen, und den ich auch nie den Mut haben würde, zu verwirklichen, das wusste ich jetzt, wo ich die vierzig überschritten hatte, nur allzu gut.

Ein Traum, der tiefe Wurzeln in meinen Ängsten und Kindheitsphantasien hatte und mir immer wieder die Vergänglichkeit des Daseins vor Augen führte. Wie auch all die anderen großen und kleinen Dinge, die ich gern getan hätte und mich nie getraut hatte. Und auch nie trauen würde.

Die beiden Giovannas schafften es, Margherita davon zu überzeugen, dass sie die Zeit für diesen Kurs finden würde. Sie vereinbarten, sich in zwei Tagen beim Fallschirmspringerverein zu treffen und sich alle drei mit dem Rabatt, den sie durch den Freund der beiden Giovannas bekamen, anzumelden.

»Ich gehe mir den Film ansehen; er fängt in ein paar Minuten an. Aber du kannst ruhig noch bleiben«, sagte ich gleichmütig.

»Nein, nein, ich komme mit. Meine Freundinnen gehen sowieso gleich.«

Die beiden Giovannas nickten. Eine von ihnen schüttete mit einer knallhart wirkenden Geste den Rest ihres Glases hinunter. Dann verabschiedeten sie sich von uns – genau genommen, von Margherita – und verschwanden.

Als wir den kleinen Kinosaal betraten, waren die Lichter bereits gelöscht; der Film begann gerade. Bevor ich mich den nächtlich surrealen Stimmungen David Mamets hingab, schoss es mir durch den Kopf, dass ich wahnsinnig gern einmal ins Leere gesprungen wäre, aus einem Flugzeug oder von irgendeinem sehr hohen Ort hinunter.

Ins Leere. Ohne Angst.

4

Wollen Sie wissen, Avvocato, wo ich das Geld herhabe?«

Nein, ich wollte nicht wissen, wo er das Geld herhatte, der Herr Filippo Abbrescia, genannt Pupuccio il nero, das schwarze Bübchen. Er war einer meiner ältesten Mandanten, von Beruf Dieb und Versicherungsbetrüger, auch wenn er vor Gericht angab, er sei Maurer.

Wir hatten am nächsten Tag eine Verhandlung vor dem Berufungsgericht, wieder einmal wegen Betrugs und Mitgliedschaft in einer kriminellen Vereinigung, und er war gekommen, um mir mein Honorar zu bringen. Deshalb wollte ich lieber nicht wissen, woher er das Geld hatte, das er mir jetzt über den Tisch zuschob. Er sagte es mir trotzdem.

»Avvocato, ich hab im Lotto gewonnen. Zum ersten Mal in meinem Leben!«

Er machte ein komisches Gesicht, das schwarze Bübchen. Ich sagte mir, dass es das Gesicht eines Menschen war, der Geld immer nur gestohlen hatte, sein Leben lang, und jetzt nicht fassen konnte, dass er plötzlich welches gewonnen hatte. Ich sagte mir, dass er Dieb und Betrüger geworden war, weil er wie viele andere nie die Chance gehabt hatte, etwas anderes zu werden. Ich sagte mir, dass ich drauf und dran war, zu verblöden und rettungslos sentimental zu werden.

Also rief ich Maria Teresa und übergab ihr die Scheine, die Pupuccio auf meinen Schreibtisch gelegt hatte; dann unterhielt ich mich mit ihm darüber, was am nächsten Tag passieren würde.

Ich sagte ihm, wir hätten zwei Möglichkeiten. Den Berufungsprozess regulär durchzuziehen, sei eine davon. Pupuccio hatte in erster Instanz vier Jahre bekommen – eine glimpfliche Strafe, dachte ich, für all die Betrügereien, die er begangen hatte. Sicher, ich könne versuchen, einen Freispruch herauszuholen, aber wenn sie das Urteil ersten Grades bestätigten, würde er sofort wieder hinter Gitter wandern. Die zweite Möglichkeit bestünde darin, mit dem Generalstaatsanwalt einen Vergleich auszuhandeln. In der Regel seien Generalstaatsanwälte Vergleichen durchaus zugeneigt – die Richter der Berufungsgerichte übrigens auch. Alles gehe rasch über die Bühne, die Verhandlung sei noch vor Mittag zu Ende, und man könne gemütlich nach Hause oder sonst wohin gehen.

Offen gestanden, sind auch wir Anwälte solchen Kompromissen zugeneigt. Alles geht rasch über die Bühne, und man kann gemütlich in seine Kanzlei oder sonst wohin gehen. Aber das sagte ich Pupuccio nicht.

»Und wenn wir einen Vergleich machen, wie viel krieg ich dann?«

»Also, ich denke mal, wir könnten uns auf zweieinhalb Jahre einigen. Einfach wird die Sache nicht, der Staatsanwalt ist eine harte Nuss, aber wir können es versuchen.«

Das war gelogen. Ich kannte den Generalstaatsanwalt, der am nächsten Tag zur Verhandlung erscheinen würde, sehr gut: Der hätte sich auch mit zwei Monaten zufriedengegeben, Hauptsache, es ging schnell und er brauchte keinen Finger zu rühren. Er war nicht gerade arbeitswütig, um es mal so auszudrücken. Aber das konnte ich Pupuccio, dem schwarzen Bübchen und seinesgleichen natürlich nicht erzählen.

Das Programm, das ich in solchen Fällen abspulte, war immer dasselbe: den Staatsanwalt als harte Nuss hinstellen; sagen, ich könnte es mit einem Vergleich versuchen, aber ohne Garantie; eine Strafe in Aussicht stellen, die erheblich höher war als die, von der ich insgeheim ausging; sich in der Verhandlung auf das Strafmaß einigen, mit dem ich von Anfang an gerechnet hatte; meinen Ruf als verlässlichen und cleveren Anwalt bestätigen; das restliche Honorar einstreichen.

»Zweieinhalb Jahre? Und das soll einen Vergleich lohnen, Avvocato? Da können wir es auch gleich mit der Berufung versuchen …«

»Sicher, das können wir«, erwiderte ich seelenruhig. »Aber wenn der Richter die vier Jahre bestätigt, sitzt du sie ab. Das muss dir klar sein.«

Fachmännische Pause.

»Unter drei Jahren kann man zur Bewährung für soziale Dienste eingeteilt werden«, sagte ich dann. »Die Entscheidung liegt bei dir.«

Jetzt machte er eine Pause.

»Also gut, Avvocato, aber sehen Sie zu, dass ich weniger als zwei Jahre kriege. Hab schließlich niemanden ermordet. Zwei, drei Betrügereien, mehr war das nicht.«

Ich überlegte mir, dass es zusammengerechnet mindestens zweihundert Betrügereien waren, auch wenn die Carabinieri nur etwa fünfzehn davon aufgedeckt hatten; desgleichen hatte er einer kriminellen Vereinigung angehört, die Betrug sozusagen im Akkord beging, und sein Führungszeugnis war gespickt mit einschlägigen Vorstrafen. Aber es schien mir nicht angebracht, mit Herrn Filippo Abbrescia über diesen Sachverhalt zu streiten.

»Gut so, Pupuccio. Du unterschreibst mir jetzt eine Sondervollmacht und kommst morgen nicht zur Verhandlung.« So kann ich mir das Theaterspielen ersparen und die Sache ruckzuck mit dem Staatsanwalt regeln, dachte ich.

»In Ordnung, Avvocato, aber sehen Sie zu, dass Sie die Mindeststrafe für mich rausholen.«

»Keine Sorge, Pupuccio. Schau morgen Nachmittag in der Kanzlei vorbei, dann sag ich dir, wie es ausgegangen ist. Und lass dir von meiner Sekretärin eine Quittung ausstellen.«

Er hatte sich bereits erhoben, wartete aber noch vor meinem Schreibtisch.

»Avvocato?«

»Ja?«

»Avvocato, warum wollen Sie mir eigentlich unbedingt eine Quittung ausstellen? Das Geld müssen Sie hinterher doch versteuern. Ist das nötig? Ich weiß noch, dass Sie die ersten Male, die ich zu Ihnen gekommen bin, keine Quittungen ausgestellt haben.«

Ich war sitzen geblieben und sah ihn von unten herauf an. Pupuccio hatte Recht. Viele Jahre lang hatte ich mein Geld größtenteils schwarz verdient. Im Zuge zahlreicher Veränderungen, die in meinem Leben eingetreten waren, hatte ich dann irgendwann begonnen, mich dafür zu schämen. Nicht weil ich mich gründlich mit der Sache auseinandergesetzt hätte. Ich schämte mich einfach dafür, den Fiskus zu betrügen. Seither stelle ich – wenigstens meistens – Rechnungen aus, deren Höhe sich danach richtet, was ich als Tribut an die Staatskasse für angemessen halte. Und bezahle einen Haufen Steuern. Ich bin einer der vier oder fünf reichsten Anwälte von Bari. Der Steuererklärung nach.

Diese Dinge konnte ich Herrn Filippo Abbrescia, genannt Pupuccio il nero, natürlich nicht erzählen. Er hätte sie nicht verstanden; im Gegenteil, er hätte geglaubt, dass ich nicht mehr ganz bei Trost sei, und hätte den Anwalt gewechselt. Was ich nicht wollte. Er war ein guter Klient, ein alles in allem anständiger Mensch, der pünktlich bezahlte. Manchmal sogar mit Geld, das nicht aus irgendeinem Delikt stammte.

»Die Steuerfahnder, Pupuccio, die Steuerfahnder. Sie sind uns Anwälten in letzter Zeit ständig auf den Fersen. Wir müssen höllisch achtgeben. Sie verstecken sich in der Nähe einer Kanzlei, warten, bis ein Klient rauskommt, und fragen ihn, ob er eine Quittung hat. Wenn er keine hat, gehen sie in die Kanzlei und prüfen alles nach. Und dann haben wir hier die längste Zeit gearbeitet. Ich gehe das Risiko lieber nicht ein.«

Pupuccio wirkte erleichtert. Ich war vielleicht ein Hasenfuß, aber immerhin zahlte ich meine Steuern nur, um größere Übel zu vermeiden. Er hätte das nicht getan, aber er konnte es verstehen.

Zum Abschied legte er nach militärischer Art die Hand an einen imaginären Mützenschirm. Ciao, Avvocato; ciao Pupuccio.

Dann drehte er sich um und ging.

Ich ließ mindestens eine Minute verstreichen, um sicher zu sein, dass er die Kanzlei verlassen hatte, dann begann ich laut vor mich hin zu schimpfen.

»Ich bin ein Arsch. In Ordnung, ich bin ein Arsch. Gibt es irgendein Gesetz, das mir das verbietet? Nein. Also kann ich ein Arsch sein, wie und wann es mir gefällt.«

Dann legte ich den Kopf auf die Rückenlehne meines Sessels zurück und starrte an die Decke.

In dieser Stellung verharrte ich, bis irgendwann das Telefon klingelte.

5

Maria Teresa nahm wie üblich nach dem dritten Klingelzeichen ab. Kurz darauf hörte ich das Summen der internen Leitung.

»Was gibt’s?«

»Da ist Inspektor Tancredi vom mobilen Einsatzkommando.«

»Stell ihn durch.«

Tancredi war fast so etwas wie ein Freund. Ohne dass wir je privat miteinander verkehrt hätten, hatte ich das Gefühl – und er, glaube ich, auch –, dass uns etwas verband. Er war der Typ von Polizist, mit dem man gerne zu tun hätte, wenn man Opfer eines Verbrechens geworden ist. Und den man meiden würde wie die Pest, wenn man ein Verbrechen begangen hat. Vor allem eine bestimmte Art von Verbrechen. Tancredi befasste sich mit Triebtätern, Vergewaltigern, Kinderschändern und Ähnlichem. Und bisher war keiner von diesen Halunken froh gewesen, dass er sich mit ihm befasst hatte.

»Carmelo. Wie geht es dir?«

»Ciao, Guido. So weit ganz gut. Und dir?« Er hatte eine tiefe Stimme und einen leichten sizilianischen Akzent. Wer ihn nur vom Telefon kannte, hätte sich einen Koloss vorgestellt, riesig, dick und mit Bauch. Dabei war Tancredi höchstens einen Meter siebzig groß, dünn, hatte ziemlich lange Haare, die immer ungekämmt waren, und einen schwarzen Schnurrbart.

ENDE DER LESEPROBE