In guten wie in toten Tagen - Gina Mayer - E-Book

In guten wie in toten Tagen E-Book

Mayer Gina

4,8

Beschreibung

Helenas Hochzeit soll das gesellschaftliche Ereignis des Jahres werden: Das Kleid, die Torte, die Gäste - alles muss perfekt sein, wenn sie vor den Altar tritt. Vor allem aber ist der Bräutigam perfekt: Tom Schenker, von allen Schülerinnen angehimmelter Vertrauenslehrer des Gymnasiums. Helena war schon in ihn verliebt, als er noch ihr Deutschlehrer war. Genau wie die meisten ihrer Freundinnen. Eine Woche vor der Hochzeit steigt der klassische Jungesellinnenabschied. Bis spät in die Nacht ziehen die jungen Frauen, beschwingt und reichlich alkoholisiert, durch die Bars und Clubs der Stadt. Zum krönenden Abschluss werden noch ein paar Pillen eingeworfen. Am nächsten Morgen ist Helena verschwunden und Tom wurde brutal ermordet. Und keine der Freundinnen kann sich erinnern, was in der Nacht wirklich passiert ist.

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zum abschiedzum abschied schenkst du mir ein buch in roten samt gebunden aber die Seiten sind leer  

1

Garten- und Landschaftsbau. Früher hatte Cara immer geglaubt, dass das was mit Blumen zu tun hätte. Säen, gießen, düngen, ernten, umtopfen. Und so. Heute wusste sie es besser. Die Arbeit in einer Gärtnerei bestand nur aus Schaufeln und Schleppen. Komposterde, Friedhofserde, Blaukorn, Rasendünger, Torf, Rindenmulch. Man schippte das Zeug in Schubkarren, Eimer, Säcke und bugsierte es von einer Ecke in die andere, hievte es auf die Ladefläche des Lkw und wieder herunter. Vor acht Monaten hatte sie die Ausbildung zur Gärtnerin begonnen. Seit acht Monaten hatte sie ständig Rückenschmerzen.

»Weil du nicht richtig hebst«, sagte Renzo, ihr Chef. »Du musst in die Knie gehen, der Rücken bleibt gerade.« Renzo hatte leicht reden. Er war fast zwei Meter groß und stark wie ein Bär. Genau wie die anderen Gärtner bei Heinrich Galabau. Renzos Bruder Benno, Kalle, Mirko und Vitali.

Cara war auch nicht gerade klein und schwächlich. Hatte sie zumindest bislang geglaubt. Aber seit sie in der Gärtnerei arbeitete, fühlte sie sich mickrig und kraftlos.

»Verdammter Mist«, fluchte sie leise, während sie zum dritten Mal vergeblich versuchte, eine Schubkarre mit Rasensamen aus der Lagerhalle in den Hof zu befördern. Am Ausgang zum Hof gab es eine Schwelle, so niedrig, dass man sie kaum wahrnahm. Aber mit der Schubkarre kam sie einfach nicht darüber hinweg.

»Komm, lass mich mal machen«, sagte Vitali, der jetzt hinter ihr auftauchte, einen Sack mit Universaldünger auf dem Rücken.

»Ich schaff das auch allein«, keuchte Cara. Sie zog die Schubkarre zurück in die Halle, holte Schwung und ging zügig auf den Ausgang zu. Das Rad holperte über die Schwelle, die Karre neigte sich zur Seite, ganz langsam, und wäre unweigerlich gekippt, wenn Vitali seinen Düngersack nicht fallen gelassen und zugepackt hätte.

»Verdammt.« Cara wischte sich den Schweiß von der Stirn. Vitali nahm die Schubkarre und schubste sie über die Schwelle, als wäre es ein Puppenwagen.

»Bitte schön.«

»Danke, Klitschko.« Sie zog eine Grimasse und massierte sich die schmerzenden Schultern. »Vielleicht sollte ich doch lieber in einem Nagelstudio anfangen.«

»Dann musst du dir aber das Fluchen abgewöhnen.«

»Scheiße.«

»Siehst du. Bleib mal lieber hier.«

»Aber ich kann mir doch nicht ständig von dir helfen lassen.«

»Warum nicht? Ich helfe dir, du hilfst mir. Wo ist das Problem?«

»Ich helfe dir? Wie denn?«

»Ich muss heute noch ein Angebot rausschicken.« Vitali wies mit dem Kopf auf das Bürogebäude auf der anderen Seite des Hofs. »Kannst du das Ganze noch mal durchlesen? Ich hab’s nicht so mit der Rechtschreibung.«

»Renzo auch nicht. Ist auch egal. Die Kunden achten doch eh nur auf die Preise.«

»Ich will aber, dass alles richtig ist.«

Cara stellte sich wieder vor die Schubkarre und bugsierte ihre Ladung quer über den Hof. Angebote rauszuschicken und Anschreiben zu verfassen gehörte gar nicht zu Vitalis Aufgaben, das machte normalerweise Evi, Renzos Frau. Vitali wollte sie nur aufbauen. Und ihr das Gefühl geben, dass sie nicht vollkommen fehl am Platz war.

Vitali war Azubi wie Cara, aber schon im dritten Lehrjahr. Wenn er nicht gewesen wäre, hätte Renzo sie vermutlich längst rausgeschmissen. »Ist doch nicht so schlimm«, sagte er immer, wenn er ihr mal wieder zur Seite sprang. »Kann doch jedem passieren.«

Es passierte aber nicht jedem. Es passierte nur Cara. Der einzigen Frau im Team. Weil sie eben doch zu schwach war. »Garten- und Landschaftsbau ist ein Männerberuf«, hatte ihr Vater gesagt, als er von ihrer Berufswahl erfahren hatte. »Ich geb dir ein halbes Jahr. Dann schmeißt du hin.«

Das war der Hauptgrund, warum Cara bisher noch nicht aufgegeben hatte. Und Vitali natürlich.

Er war Russe und lebte erst seit ein paar Jahren in Deutschland. Man hörte es ihm an, er rollte das R und dehnte manche Worte so, dass man sie fast nicht verstand, und verwechselte öfter die Artikel. Die Ausbildung zum Landschaftsgärtner hatte er angefangen, weil die Gärtnerei gleich bei ihm um die Ecke lag. »Da bin ich morgens schnell da und auch schnell wieder zu Hause«, hatte er Cara an ihrem ersten Tag bei Heinrich Galabau erzählt.

Sie hielt das für einen Scherz und lachte, aber es war sein Ernst.

»Uns haben sie eingetrichtert, dass wir uns gar nicht genug Gedanken über unsere Ausbildung machen können«, sagte sie. »›Wägen Sie die Vor- und Nachteile eines Berufs sorgfältig ab‹ und so. Und du guckst nur, dass du es nicht zu weit zur Arbeit hast.«

»Bei dir ist es ja auch was anderes«, sagte Vitali. »Du hast doch Abitur. Warum studierst du nicht?«

»Mein Abschluss war nicht so gut«, sagte Cara. »Und ich bin eher ein praktischer Typ.« Zwei Lügen. Sie hatte einen Schnitt von 1,6 und für die Ausbildung in der Gärtnerei hatte sie sich nur entschieden, weil sie wusste, dass sie ihren Vater damit auf die Palme brachte. Seine Tochter. Studierte nicht, sondern machte eine Ausbildung in einem Handwerksberuf.

Ob sie es jemals zur Gesellenprüfung bringen würde, stand auf einem anderen Blatt. Falls sie es schaffte, wäre es Vitalis Verdienst.

Am Anfang hatte es sie total genervt, dass er sie ständig beobachtete. Und ihre Fehler ausbügelte, bevor sie einer der anderen bemerkte. Inzwischen hatte sie sich daran gewöhnt.

Als sie nach Feierabend aus der Gärtnerei kamen, stand da ein roter Polo auf dem Parkplatz.

»Deine Schwester holt dich ab«, stellte Vitali fest. Er klang enttäuscht. Weil er sie sonst nämlich immer noch zur Bushaltestelle brachte, bevor er nach Hause radelte.

»Sag mal, hängst du jetzt immer mit diesem Russen zusammen?«, fragte Helena, nachdem sie eingestiegen war. »Immer wenn ich hier vorbeikomme, seh ich euch beide zusammen. Pass bloß auf, dass du ihn nicht zu sehr ermutigst. Sonst entführt er dich und bringt dich auf seine Datscha in Sibirien. Da kannst du dann von morgens bis abends Gurken schälen und Soljanka kochen. Oder wie das Zeug heißt.«

»Spinnst du? Ich ermutige ihn überhaupt nicht«, entgegnete Cara empört. »Wir sind nur Kollegen.«

»Das sieht er aber anders. Wie der dich vorhin angeschmachtet hat, als er sich von dir verabschiedet hat! Der steht ja wohl total auf dich«, spottete Helena und natürlich hatte sie damit recht. Natürlich war Vitali bis über beide Ohren in sie verliebt, das war auch Cara klar.

»Na und? Ich steh aber nicht auf ihn.«

»Ich weiß.« Helena hupte, weil ihr ein dicker Mercedes die Vorfahrt genommen hatte. »Du hast ja auch Stil. Außerdem hast du echt was Besseres verdient.«

»Warum bist du heute überhaupt hier? Ich dachte, du wolltest erst am Wochenende kommen?«

Helena wohnte seit drei Jahren in Münster, wo sie Englisch und Sport auf Lehramt studierte. Aber ihre Wochenenden und die Semesterferien verbrachte sie fast immer in Geldern. Am Anfang war sie wegen ihrer Freundinnen nach Hause gekommen – und wegen Cara natürlich. Aber seit letztem Sommer gab es einen neuen Grund für Helena, in ihre Heimatstadt zu fahren, sobald sich eine Gelegenheit dazu bot.

»Tom und ich haben noch so viele Dinge zu besprechen. Die Hochzeit rückt doch immer näher.«

Tom Schenker. Er unterrichtete Deutsch und Sport am Anne-Frank-Gymnasium, in der Schule, die sowohl Cara als auch Helena besucht hatten. Tom war Vertrauenslehrer und spielte Gitarre und American Football und sah darüber hinaus auch noch hinreißend aus. Und war seit vier Monaten mit Helena verlobt und in genau sieben Wochen wollten sie heiraten.

»Außerdem wollte ich dich was fragen«, fuhr Helena fort. »Oder vielmehr: Ich wollt dich um was bitten. Eine Riesen-Mega-Bitte, um genau zu sein.«

»Echt? Was denn?«

»Mein Junggesellinnenabschied.«

»Ja?«

»Hast du Lust … kannst du dir vorstellen, das für mich zu organisieren?«

»Was – ich? Eine Junggesellinnenparty? So in der Fußgängerzone mit Bauchladen und Spielchen und allem Drum und Dran? Ist das dein Ernst?«

»Na klar ist das mein Ernst. Wir machen noch mal richtig einen drauf, bevor ich mich auf ewig binde. Das wird genial. Ist allerdings eine Menge Arbeit, das ist mir klar …«

»Das ist das kleinste Problem.« Cara schluckte. »Aber ich hab doch überhaupt gar keine Erfahrung mit so was. Traust du mir das denn zu?«

»Na klar«, sagte Helena noch einmal.

»Okay.«

»Supi!« Helena strahlte und machte vor lauter Freude versehentlich einen kleinen Schlenker auf den Bürgersteig. Eine Fußgängerin drohte ihr mit der Faust, aber das bemerkte sie nicht.

»Wann willst du den Junggesellinnenabschied denn feiern?«

»Am Wochenende vor der Hochzeit«, meinte Helena. »Das heißt konkret: in sechs Wochen.«

»Okay«, meinte Cara langsam.

»Ich bin dir nicht böse, wenn du Nein sagst.«

»Quatsch. Ich mach das total gern für dich. Wen soll ich denn einladen?«

»Na, meine Mädels eben. Isy, Jacky, May, Viola, Julia und Ronja. Und du bist natürlich auch dabei.«

»Isy? Meinst du, sie kommt?«

Helenas beste Freundin Isy studierte in den USA. Zur Hochzeit wollte sie anreisen, aber ob sie nun schon eine ganze Woche vorher kommen konnte?

»Sie muss dabei sein«, sagte Helena. »Unbedingt.«

»Dann wären wir zu acht.«

»Gut gerechnet.«

»Wir brauchen coole Outfits.«

»So was kann man bestimmt im Internet bestellen …«

»Spinnst du? Nee, ich lass mir schon selber was einfallen.«

»Genial«, jubelte Helena. »Du bist toll, Cara. Das wird einfach nur grandios, da bin ich mir sicher.«

Caras Kopf begann zu rattern. Das Motto der Party wäre auf jeden Fall Hiphop, das war klar. Helena und ihre Freundinnen hatten jahrelang zusammen in der Hiphop-Gruppe ihrer Schule getanzt. Cara würde T-Shirts bestellen und sie mit ihrem Logo bedrucken lassen – und mit einem coolen Spruch.

Sie nagte an ihrer Unterlippe. Mit einem coolen Spruch. Als ob das so einfach wäre. Sie war erbärmlich schlecht darin, sich witzige Sprüche auszudenken. Wenn sie bloß Helena hätte fragen können, die sprudelte nur so vor Ideen. Aber das kam natürlich nicht infrage, es sollte schließlich eine Überraschung sein.

Bei den Spielideen würde sie einfach Helenas Freundinnen mit ins Boot holen. Jede von ihnen sollte sich eine Mutprobe ausdenken, die Helena absolvieren müsste. Schließlich kannten sie Helena am besten.

Sie schrieb noch am selben Abend die Einladungen und verschickte sie per E-Mail. Und als sie am nächsten Abend von der Arbeit nach Hause kam, hatte sie fünf Antworten. Jacky, Ronja, Viola, May und Julia hatten sich gemeldet.

»Yippie!«, schrieb Jacky. »Ich komme!!!«

»Freu mich schon:))))!!!!«, erklärte Ronja, und Viola und May sagten ebenfalls zu. Und als Cara das Laptop gerade wieder ausschalten wollte, kam auch Isys Antwort. Obwohl sie ihren Flug nach Deutschland bereits reserviert hatte und nun noch einmal umbuchen musste, wollte sie unbedingt bei Helenas »Hen-Night« dabei sein.

Hen-Night – das Wort hörte Cara zum ersten Mal, es gefiel ihr. Das war viel cooler als »Junggesellinnenabschied«. Und brachte sie auf eine Idee.

Sie schnappte sich einen Stift und einen Notizblock und begann zu kritzeln. Zeichnete Entwürfe für T-Shirts und Kopfbedeckungen und schrieb Slogans darunter. Und ließ den Block wenige Minuten später zufrieden sinken.

Hen-Night – das war einfach genial: Helena wäre die Hiphop-Hen. Und der Rest der Mädchen wären die Chicken. Passend zu den bedruckten T-Shirts würde Cara im Internet Flügel bestellen – weiß für Helena, gelb für die Freundinnen. Und Schnäbel aus Pappe. Sie würde einen Bauchladen aus Eierkartons basteln und Eierlikör besorgen und natürlich Überraschungseier. Ein Chinarestaurant in der Stadt verkaufte gebratene Hühnerfüße – vielleicht würde sie sich auch damit eindecken. Ein bisschen Grusel musste sein.

»Wer sagt’s denn«, murmelte sie und lehnte sich zufrieden zurück. Sie würde Helena den weltbesten Junggesellinnenabschied organisieren. Eine Abschiedsparty, an die sie sich ihr Leben lang erinnern würde.

Ihre große Schwester. Seit Cara zurückdenken konnte, war Helena der wichtigste Mensch in ihrem Leben. Ihre beste Freundin, ihr großes Vorbild. Ihre erste Erinnerung überhaupt war Helenas Einschulung: wie stolz Helena ihre selbst gebastelte Schultüte mit den Marienkäfern präsentiert hatte. Wie neidisch Cara auf die Süßigkeiten in der Tüte gewesen war. Und an die Tränen und das Geschrei hinterher, auch daran erinnerte sie sich noch, auch wenn sie das lieber vergessen hätte.

Sie wusste noch, wie Helena mit der Lehrerin in der Klasse verschwunden war. Und Cara war mit ihren Eltern im Flur zurückgeblieben.

Sie war drei Jahre alt gewesen. »Das bildest du dir nur ein«, sagte ihre Mutter immer, wenn Cara ihr von Helenas Einschulung erzählte. »Du hast nur das Gefühl, dass du dich daran erinnerst, weil wir so oft davon erzählt haben.«

Aber das stimmte nicht. Wenn Cara die Augen schloss, dann sah sie die ganze Szenerie heute noch vor sich: Sie sah Helena mit einer rosa Schleife im Haar, sie sah ihr grün getupftes Top und den roten Faltenrock und die lustige Schultüte. Und dann die Tür, die sich vor Caras Nase schloss. In diesem Moment war ihr bewusst geworden, dass nun für Helena ein neues Leben anfing, aber für Cara ging alles weiter wie gehabt.

Hinterher waren sie essen gegangen und nach dem Essen hatten ihre Eltern zu streiten begonnen. Worum es bei dem Streit gegangen war, wusste Cara nicht mehr. Sie wusste aber noch, dass sie und Helena auf Helenas Bett gesessen und die Süßigkeiten aus der Schultüte gegessen hatten, bis ihnen schlecht war. Und aus dem Wohnzimmer hörten sie das Geschrei ihrer Eltern.

Freitags gingen Cara und Vitali nach der Arbeit immer noch in die Kneipe. Cara wusste nicht mehr, wann sie damit angefangen hatte und warum, aber auf einmal war es eine feste Gewohnheit. Sie tranken jeder ein Bier, danach stieg Vitali auf sein Fahrrad und Cara in den Bus.

Aber mit dieser Tradition war jetzt erst mal Schluss. Cara hatte einfach keine Zeit mehr dafür. »Ich kann heute Abend nicht«, teilte sie Vitali in der Mittagspause mit. Und erzählte ihm dann von Helenas Junggesellinnenabschied und was sie dafür alles vorbereiten, organisieren, planen, besorgen musste.

»Was? Die Party steigt Ende Mai und deshalb kannst du heute Abend kein Bier mit mir trinken?«, fragte Vitali verständnislos.

»Ich hab keine Ruhe dazu.«

»Quatsch. Ich helf dir beim Organisieren.«

»Das kannst du nicht. Du kennst Helena doch gar nicht.«

»Du kannst sie mir ja vorstellen.«

Das hättest du wohl gerne, dachte Cara. Vergiss es, dachte sie, du und Helena, ihr seid zwei Welten, ihr würdet euch nicht verstehen.

»Heute nicht«, sagte sie. »Nächste Woche wieder.« Oder auch nicht.

Sie skypte jetzt jeden Abend mit Helena.

»Vergiss nicht«, mahnte Helena. »Isy ist Vegetarierin, Julia hat eine Laktoseunverträglichkeit und May darf keine Nüsse essen, sonst erstickt sie. Nicht dass es beim Essen böse Überraschungen gibt.«

»Okay.« Cara notierte die Allergien auf ihrer Liste. »Isy, Viola und May wollen übrigens nach der Party bei uns übernachten.«

»Aber nicht auf Isomatten auf dem Fußboden«, erwiderte Helena prompt. »Wir sind schließlich keine zwölf mehr.«

»Ich wollte aufblasbare Gästematratzen besorgen«, sagte Cara. »Und wir brauchen auch noch Bettdecken und ein Kopfkissen fehlt.«

»Denk bitte auch an das Frühstück am nächsten Morgen. Vielleicht machen wir eher einen Brunch, dann können Julia, Jacky und Ronja auch noch dazukommen.«

»Gute Idee.« FRÜHSTÜCK schrieb Cara in Großbuchstaben auf ihren Zettel und setzte ein Ausrufezeichen dahinter. Die Liste wurde immer länger.

»Armes Aschenputtel«, sagte Helena. »Ganz schön viel zu tun, was? Hoffentlich verfluchst du mich nicht schon. Aber tröste dich, ich hab noch viel mehr zu tun. Ich wünschte, Tom wäre nicht so schrecklich unpraktisch. Er ist mir überhaupt keine Hilfe.«

Denn während Cara nur den Junggesellinnenabschied vorbereitete, musste Helena die ganze Hochzeit organisieren. Mehr als hundert Gäste waren eingeladen, fünfzig weitere kamen zum Sektempfang nach der kirchlichen Trauung. Die Feier sollte in Schloss Haag stattfinden, das hatte ihr Vater so arrangiert, der den Restaurantchef des Hotels persönlich kannte. Er hatte auch den Sekt für den Empfang bestellt und eine Kutsche organisiert, die das Brautpaar von der Kirche zum Schloss bringen sollte. Helena schrieb Einladungskarten, gestaltete Platzkarten und Tischdekorationen, bestellte die Hochzeitstorte und weiße Tauben und verkostete Wein und probierte ein Brautkleid nach dem anderen an. Das Studium lief nebenher. So eine Hochzeit war ein richtiger Fulltime-Job.

Nach der Arbeit ging Cara jetzt immer einkaufen. Die Küchenschränke füllten sich mit laktosefreien Snacks und vegetarischen Frühlingsrollen und lustigen Hahn- und Henne-Tassen fürs Frühstück am nächsten Morgen. »Sag mal, spinnst du eigentlich?«, fragte ihre Mutter, als Cara wieder mit einem Korb voller Einkäufe ankam. »Der ganze Kram für eine Party?«

»Es ist doch nicht irgendeine Party«, sagte Cara. »Es geht um Helenas Junggesellinnenabschied. Das ist schließlich der Auftakt zu ihrer Hochzeit!«

»Na und?« Frau Fliedner beäugte missbilligend das riesige Keramikei, das Cara jetzt aus dem Einkaufskorb zauberte. »Die Hochzeit wird ohnehin schon unglaublich aufwendig – und nun noch eine Riesenparty. Das ist doch total überzogen. Wir sind damals in der Mittagspause zum Standesamt gegangen, das war’s.«

Cara zuckte mit den Achseln. »Helena macht es eben auf ihre Weise.«

Besser als ihr, fügte sie in Gedanken hinzu. Die Ehe ihrer Eltern war ein einziges Desaster gewesen, bis sie vor drei Jahren endlich geschieden worden waren. Ihr Vater wohnte jetzt mit seiner neuen Frau und zwei neuen Kindern im neuen Haus am anderen Ende der Stadt. Cara hatte kaum noch Kontakt zu ihm.

Helena dagegen verstand sich hervorragend mit ihm. Und das war ausgesprochen hilfreich, denn ohne die Unterstützung ihres Vaters hätten sie und Tom sich die gigantische Feier nie und nimmer leisten können. Herr Fliedner zahlte alles und beklagte sich nie, obwohl Helena fast täglich mit neuen teuren Einfällen und Ideen ankam.

»Ich find das einfach unglaublich von Papa«, sagte Helena zu Cara. »Dass er das alles mitmacht. Irre.«

»Es ist doch nur Kohle«, sagte Cara. »Und davon hat er genug.«

Mit Geld war ihr Vater großzügig. Jedenfalls solange die Dinge nach seinen Vorstellungen liefen. Solange seine Töchter funktionierten. Und Leistung brachten und seine Strategien umsetzten und Erfolge erzielten, genau wie die Firmen, die ihn als Unternehmensberater engagierten.

Mit ihrer Mutter schacherte er dagegen um jeden Cent Unterhalt, als wäre es sein letzter.

Hoffentlich achtet Helena darauf, dass sie Papa und Mama bei der Feier weit auseinander setzt, dachte Cara, während sie die Tassen zu den dottergelben Suppentellern stellte, die sie vor einigen Tagen erstanden hatte. Sonst würden sich die beiden den ganzen Tag lang in den Haaren liegen, bis ihre Mutter irgendwann zu heulen anfing.

Frau Fliedner seufzte. »Wenn Tom nur nicht schon so alt wäre. Neun Jahre. Das ist ein gewaltiger Unterschied.«

»Das ist doch vollkommen egal! Tom und Helena lieben sich, darauf kommt es an. Und sie sind wie füreinander geschaffen. Die werden superglücklich miteinander«, prophezeite Cara.

Ihre Mutter schwieg. Sie hätte es viel lieber gesehen, wenn Tom und Helena erst einmal zusammengezogen wären, anstatt gleich zu heiraten. Aber Helena hatte alle ihre Bedenken und Warnungen und Einwände beiseitegewischt, wie sie es ihr ganzes Leben lang gemacht hatte. »Ich will ihn oder keinen«, sagte sie. »Und er will mich auch. Was gibt es da zu warten?«

Und Cara war ganz ihrer Meinung. Ihre Eltern waren sieben Jahre lang zusammen gewesen, bevor sie geheiratet hatten. Und waren dennoch gescheitert. Das würde Helena nicht passieren.

»Ohne dich wäre ich vollkommen aufgeschmissen«, sagte Helena und griff gerade noch rechtzeitig zu, bevor Caras Fahrrad umkippte. Der Korb war vollkommen überfüllt und am Lenker baumelten zwei pralle Einkaufstaschen.

»Das sehe ich auch so«, meinte Cara.

»Eierlikör?« Helena hatte einen Blick in den Korb geworfen und rümpfte angeekelt die Nase. »Was willst du denn damit? Ist das für den Kaffeeklatsch im Altersheim?«

»Gib her!« Cara riss ihr die Tasche aus der Hand. »Das hat ausnahmsweise nichts mit dir zu tun.«

Sie nahm den Korb vom Lenker und schleppte ihn ins Haus. Und merkte, wie sie unsicher wurde. Kaffeeklatsch. Vielleicht war die ganze Hen-Chicken-Hiphop-Idee ja total daneben. Kindisch, albern, peinlich. Aber jetzt war es zu spät, der Junggesellinnenabschied war übermorgen, bis dahin ließ sich das Konzept auf keinen Fall mehr ändern.

»Was schleppst du dich denn hier ab? Sag doch was, dann helf ich dir!« Nun kam Tom aus der Küche und nahm ihr den Fahrradkorb ab, als wäre sie alt und gebrechlich. Altersheim!

»Danke. Trag das Ganze bitte gleich in mein Zimmer, Helena soll es nicht sehen.«

»Mmmh, Eierlikör«, sagte Tom. »Dass es das Zeug noch gibt. Ich dachte, das wäre längst …«

»Schsch!«, machte Cara, denn nun kam auch Helena ins Haus.

»Ist ja schon gut.« Tom verschwand im Flur.

Helena reichte Cara die beiden vollen Tüten. »Hier. Hab auch nicht reingeguckt. Oh Mann, ich bin mächtig gespannt, was du dir so ausgedacht hast.«

Cara nickte nervös. »Ich wusste gar nicht, dass du heute schon kommst.«

»War eine spontane Idee. Toms Training ist ausgefallen, da hat er mich angerufen. Wir gehen heute Abend zum Probeessen für die Hochzeit.«

»Was – heute erst? Und wenn es euch nicht schmeckt? Ihr könnt doch jetzt keine neue Location mehr suchen.«

»Nee, aber wir können das Menü ändern. Und wenn alle Stricke reißen, feuern wir den Koch und stellen dich ein.« Helena umarmte Cara und küsste sie auf die Stirn. »Wird schon alles gut gehen. Ich bin so glücklich, mir macht auch ein verpatztes Essen nichts aus. Mich kann überhaupt nichts mehr umhauen.«

Na, hoffentlich gilt das auch für einen verpatzten Junggesellinnenabschied, dachte Cara.

Tom war inzwischen wieder zurück. Er legte einen Arm um Helena und zog sie an sich. »Das wäre auch noch schöner, wenn wir uns von solchen Kleinigkeiten die Stimmung vermiesen lassen würden«, sagte er zärtlich und küsste sie. »Du weißt doch: in guten wie in schlechten Tagen!«

Helena schloss die Augen und schmiegte sich an ihn und ihr Körper verschmolz mit seinem wie Schokoglasur auf einer Hochzeitstorte. Sie seufzte glücklich und Cara seufzte ebenfalls. Die große Liebe, von der alle träumten. Helena hatte sie gefunden.

Und dann streckte ihre Mutter den Kopf in den Flur und machte mal wieder alles kaputt. »Helena. Kannst du eben kommen? Hier ist Isy für dich!«

»Isy?« Helena hob ihren Kopf von Toms Schultern. »Ist sie etwa schon in Deutschland? Oh mein Gott!« Sie löste sich aus seiner Umarmung und rannte ins Wohnzimmer.

»Oh mein Gott«, wiederholte Tom und zwinkerte Cara zu.

Cara lachte und merkte, wie sie rot wurde. Zum Teufel aber auch, obwohl Tom und Helena nun schon monatelang zusammen waren, obwohl er in ihrem Haus aus und ein ging, fühlte sie sich jedes Mal unsicher, wenn sie allein mit ihm war, wenn er sie auch nur ansah. Vor zwei Jahren war er ihr Deutschlehrer gewesen und jetzt war er Helenas Verlobter. Vor zwei Jahren hatte sie ihn noch angehimmelt, genau wie der Rest ihrer Klasse, und jetzt gehörte er praktisch mit zur Familie.

»Nervös?«, fragte Tom spöttisch.

»Und du?«, fragte Cara zurück.

Sein Gesicht wurde plötzlich ernst. »Total«, sagte er. »In meinem ganzen Leben war ich noch nie so aufgeregt.«

Sie wollte etwas entgegnen, aber nun kam Helena wieder zurück in den Flur.

»Schon fertig?«, fragte Tom, und dann sah er sie an. »Oh nein. Was ist denn jetzt los? Schlechte Nachrichten?«

»Total schlechte Nachrichten!« Helena war tränenüberströmt. »Isy kann nicht kommen. Sie ist superkrank und darf nicht fliegen.«

»Das gilt aber hoffentlich nur für den Junggesellinnenabschied«, sagte Cara betroffen. »Bis nächste Woche ist sie doch wieder fit!«

»Sie hat den Flug schon gecancelt«, schluchzte Helena. »Sie hat sich irgendein fieses Virus eingefangen, sie konnte kaum sprechen. Ich könnte ausflippen, meine beste Freundin kommt nicht zu meiner Hochzeit!«

Sie warf sich in Toms Arme und weinte. Obwohl sie gerade eben noch behauptet hatte, dass sie nichts mehr umhauen könnte.

2

Die siamesischen Zwillinge hatte man Helena und Isy in der Schule immer genannt. Nicht weil sie sich so ähnlich sahen, Helena war groß und blond und schlank, Isy dunkelhaarig und viel kleiner. Aber seit der Grundschule waren die beiden unzertrennlich. Beste Freundinnen. Und nun das: Isy fehlte ausgerechnet bei Helenas Hochzeit.

»Das ist der Supergau!«, jammerte Helena. »Isy sollte meine Trauzeugin werden. Und die erste Brautjungfer. Am liebsten würde ich alles verschieben!«

»Nun mach aber mal halblang!« Inzwischen war auch ihre Mutter in den Flur gekommen. »Isy ist krank, aber sie liegt schließlich nicht im Sterben. Und du auch nicht.«

Helena putzte sich die Nase. Tom wischte verstohlen über sein nassgeweintes Hemd. »Ich geh dann mal in mein Zimmer«, sagte Cara. Eine Person weniger bei der Abschiedsparty. Dadurch würde sich einiges verändern, sie musste noch mal durch den Ablaufplan gehen.

»Warte!« Helena griff nach ihrem Arm und riss Cara zurück, mit einer solchen Wucht, dass sie fast gefallen wäre. »Jetzt musst du unsere Trauzeugin werden. Machst du das, ja?«

»Na klar. Gerne.«

»Na siehst du.« Tom legte Helena beruhigend die Hand auf die Schulter. »Alles wird gut.«

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!

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