In Hongkong ist das Leben kurz - Mignon G. Eberhart - E-Book
Beschreibung

Zu einer Ehe gehören zwei, zu einer Scheidung ebenfalls. Wenn nun der eine Partner seit Jahren verschollen ist, bleiben zwei Möglichkeiten: man findet ihn und holt sein Einverständnis ein; oder man findet ihn nicht und läßt ihn für tot erklären. Eine dritte Möglichkeit hat Marcia nie sehen wollen. Selbst als sie erkennt, daß das Unmögliche Wirklichkeit ist, verschließt sie immer noch die Augen. Denn sie fürchtet das Erwachen und die Stunde der Wahrheit mehr als alles andere ... (Dieser Text bezieht sich auf eine frühere Ausgabe.)

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Seitenzahl:201


Mignon G. Eberhart

In Hongkong ist das Leben kurz

Kriminalroman

Aus dem Amerikanischen von Maria Lampus

FISCHER Digital

Inhalt

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1

An einem Spätnachmittag im August kam die Botschaft aus Hongkong. Wir hatten gebadet und saßen auf dem Rasen beim Swimming-pool. Von Dino sprachen wir nicht. Trotzdem war er da.

»Unser eigenes Heim noch vor Weihnachten?« sagte Richard.

»Wann willst du denn mit deinem Schwiegervater sprechen?«

»Laß ihn erst kräftiger werden. Er hat zwei schlimme Wochen hinter sich.«

Er drehte mich zu sich um. Stockend fuhr ich fort: »Es ist so schwer, es ihm zu sagen.«

»Alles ist abgemacht. Du kannst es nicht mehr verschieben.«

»Er hat ja außer mir niemanden mehr.«

Seine Augen blitzten zornig. »Willst du mich nun eigentlich heiraten?«

Ich lehnte den Kopf an seine nasse, braune Schulter. »Ach Dick!«

Er gab nicht nach. »Denkst du noch immer an Dino?«

»Ich will ihn nicht zurückhaben. Möchte nur wissen, daß es ihm – gutgeht.«

»Er ist seit drei Jahren weg. Wenn er am Leben wäre, würde er inzwischen zurückgekommen sein«, fuhr Richard rücksichtslos fort. »Weil er dann nämlich kein Geld mehr hätte. Ich glaube, er ist tot.«

»Mr. Lowry glaubt aber an seine Rückkehr –«

»Schön. Aber willst du unsere Zukunft opfern, um Mr. Lowry zu schonen?«

»Nein.«

Unerbittlich sagte er: »Vor vier Wochen wolltest du es ihm schon sagen. Erst gestern abend wieder.«

»Er war schon ins Bett gegangen«, entgegnete ich schwach.

Richard ließ mich los und stand auf. »Wir sagen es ihm jetzt.«

»Warte lieber. Er hat einen so schweren Anfall gehabt!«

»Schon vor vierzehn Tagen. Und so schwer war er auch wieder nicht. Komm –«

»Aber Dick, es war vorgesehen, daß ich in einer Woche gehe und –«

»Willst du wirklich die Märtyrerin spielen?« bemerkte er nüchtern.

»Nein! Nur, er war immer wie ein Vater zu mir. Der einzige, den ich je gekannt habe.«

»Er ist aber Dinos Vater – also nur dein Schwiegervater. Jetzt wollen wir mal reinen Tisch machen. Du hast die Wahl: Mr. Lowry oder ich. Ich brauche dich, Marcia. Ich könnte es nicht ertragen, daß du mir jedesmal wegläufst, wenn Mr. Lowry seine Zustände kriegt.«

»Es ist das Herz –«

»Entschließe dich«, sagte er. Und er meinte es ernst.

»Na gut. Ich sage es ihm jetzt. Er vermutet es sowieso.«

»Er weiß es. Er kann mich nicht ausstehen«, sagte Richard grob. Als Richard vorige Weihnachten zurückkam und uns besuchte, war Mr. Lowry ganz freundlich. In letzter Zeit aber beobachtete er mich mit Argusaugen und stellte sich krank, wenn ich mit Richard ausgehen wollte.

»Das kann man ihm nicht übelnehmen«, sagte ich und steckte mein nasses Haar auf. Da hörten wir, wie Mrs. Clurg schnaufend den Weg vom Hause herunterkam.

Es war die Botschaft aus Hongkong. Sie kam eine Woche bevor ich in einen anderen Staat umziehen und dort meinen Wohnsitz nehmen sollte, um später, im November, Richard heiraten zu können. Wir drehten uns beide um. Ich glaubte, daß Mr. Lowry einen Anfall gehabt hätte. Mrs. Clurg kam hinter dem riesigen Fliederbusch hervor und rief: »Er hat Nachricht von Dino! Eben eingetroffen! Luftpost aus Hongkong …«

Stille. Mrs. Clurg wischte sich den Schweiß von der Stirn. Dann sagte Richard: »Na also. Jetzt klärt sich ja alles. Komm, Marcia.«

Ohne Richards stützende Hand wäre ich wohl kaum den Kiesweg bis zum Haus hinaufgekommen. Es regte sich kein Lüftchen; trotzdem fröstelte ich im nassen Badeanzug, als ich Mr. Lowry sah. Um seinen Rollstuhl lag braunes Packpapier verstreut. Die blauen Augen strahlten vor Freude – oder Triumph? Dino war mein Mann. Daniel Lowry. Seit drei Jahren verschollen. Seine letzte Nachricht – eine Postkarte aus Bangkok. Seitdem – nichts. Mr. Lowry hatte überall Erkundigungen eingezogen, doch ohne jeden Erfolg.

Mit zitternden Knien setzte ich mich auf einen der chinesischen Stühle, die irgendwer vor Jahren Mr. , Lowry aus Hongkong geschickt hatte.

»Von Dino. Wußte ich doch, daß er noch lebte. Von Dino. Schau –« Er hielt ein Stück blaßgrünen, fast weißen Jade in seinen zitternden Händen.

Richard fragte: »Wo ist Dino?«

Mr. Lowry sah ihn eiskalt an. »Kann ich nicht genau sagen. Nur, daß Mr. Chen etwas von ihm weiß.«

»Mr. Chen?«

»Er schickt mir dieses Stück Jade. Sein Name steht auf dem Packpapier als Absender.«

»Ist das alles? Nichts Schriftliches? Nur dieses – dieses Ding?«

»Dieses Ding, wie du es nennst, ist ein Stück Jade.«

»Ich weiß. Aber was hat das denn mit Dino zu tun?«

Wieder sah ihn mein Schwiegervater kalt, durchbohrend an.

»Ich kenne Mr. Chen. Er ist alt. Uralt. Aber er schickt mir das nicht ohne Grund. Und der Grund ist Dino. Ich fliege nach Hongkong, um Dino zu suchen.«

Richard setzte sich langsam auf das Geländer. »Wer ist Mr. Chen?«

Wieder musterte ihn Mr. Lowry kühl und siegessicher. Er hatte mich gern. Ich liebte ihn sehr, aber Dino war sein Sohn. »Mr. Chen war unser Repräsentant in Hongkong. Noch zur Zeit meines Vaters, der dort ein Importgeschäft hatte. Als ich mich zur Ruhe setzte, gab ich das Geschäft auf. Mr. Chen gehört noch zum alten China, nicht zum neuen China. Du wirst dich erinnern, daß Dino mehrmals in Hongkong war, um das Geschäft aufzulösen. Daher kennt ihn Mr. Chen. Er hat ein gutes Gedächtnis, dieser Mr. Chen, und er setzt Freundschaft über alles. Er ist ein Ehrenmann. Mr. Chen weiß etwas über Dino.«

»Aber Mr. Lowry«, sagte Richard behutsam und wischte mit seiner nassen Hand über den nassen Schenkel. »Wenn dieser Mr. Chen etwas über Dino wüßte, würde er es Ihnen dann nicht schreiben?«

Mr. Lowry verzog den bläulichen Mund. »Du kennst die Chinesen nicht. Sogar ich kenne sie kaum. Bin schon lange nicht dort gewesen. Aber es hat etwas zu bedeuten. Mr. Chens Name als Absender.«

»Ohne Adresse?« meinte Richard behutsam.

»Hat nichts zu sagen. Weißt du einen Grund, warum er mir dieses hier schicken sollte?« Mr. Lowry rückte seine Brille zurecht und betrachtete das Jadestück. »Freilich verstehe ich nichts von Jade«, begann er; ich wußte, daß er ein wenig angeben würde. Seine Kenntnisse traten meist plötzlich und überraschend in Erscheinung, wenn ein Gebiet zur Sprache kam, für das er sich einmal interessiert hatte. Diesmal war es Jade. »Es ist kein Feits Yu.«

»Hm?« Richard war überrascht.

Es wäre unfreundlich und respektlos, meinen Schwiegervater gewaltsam auf das Thema zurückzubringen. Aber er merkte meine Ungeduld und sagte hastig: »Sogenannter Kaiser-Jade. Gemmen-Jade aber bestimmt. Hellgrüner Nephrit.«

»Mr. Lowry!« platzte Richard heraus.

»Seht euch das an.« Mr. Lowry hielt uns das kleine Medaillon entgegen. Hellstes, schimmerndes Grün. Zwei Hirsche wundervoll eingraviert, Laub im Hintergrund.

»Ein altes Stück«, sagte Mr. Lowry und berührte es zart. »Jade lernt man nur durch Berührung lieben. Mr. Chen schickt es mir aus heiterem Himmel. Es bedeutet etwas. Dino. Ich muß erfahren, was Chen weiß.«

Eine kurze Pause. Wir hörten Mrs. Clurg langsam den Kiesweg heraufkommen. Richard sagte ganz ruhig: »Warum schreiben Sie diesem Chen nicht? Oder rufen ihn an?«

Mr. Lowry sah wütend aus, siegesbewußt und ungeduldig. »Mein lieber Dick, Chen ist kein seltener Name. Der ist wie Müller oder Schulze. In Hongkong muß es Dutzende davon geben. Ich habe keine Adresse. Nur den Namen: Chen Ho Lung.«

Richard überlegte sich das, während Mrs. Clurg näher kam und stehenblieb. Dann fragte er zerstreut: »Warum nennen Sie ihn dann Mr. Chen?«

»Weil er so heißt«, erwiderte Mr. Lowry gereizt. »Erst kommt der Nachname. Nein, laßt mich in Ruhe. Ich muß nach Hongkong. Muß mit Chen reden. Ich bin entschlossen, Dino zu finden.«

Für mich wurde es nun Zeit, den feuchten Badeanzug auszuziehen, darum sagte ich: »Gut, Vater. Aber ich fahre nach Hongkong.«

Richard sprang auf und rief: »Nein!«

Mr. Lowrys Augen funkelten. Blaue Augen, die denen Dinos ähnelten – und doch wieder nicht. Dann brachte er eiskalt alles auf einen Nenner. »Wenn Dino lebt – und das glaube ich sicher –, dann brauche ich dich wohl nicht daran zu erinnern, Dick, daß Marcia seine Frau ist.«

Richard stand da wie ein Fels und starrte ihn an. Es war, als hätten wir beide, Richard und ich, auf nichts anderes gewartet, als auf diese Jadebotschaft aus Hongkong. Er sagte: »Gerade wollten wir es Ihnen sagen, Mr. Lowry. Dino ist seit drei Jahren weg. Marcia hat nichts von ihm gehört. Das ist böswilliges Verlassen. Marcia wird mich heiraten. Sie reist nächste Woche ab. Alles ist schon geregelt –«

Mr. Lowry richtete sich auf und fiel dann zusammen – ein wenig zu schwach und fast zu rührend, sagte aber dann mit kräftiger Stimme: »Ich hab ja auch Augen im Kopf. Ihr braucht mir nichts von Scheidung zu erzählen, hab’s schon kommen sehen. Nach dem sogenannten Enoch-Arden-Gesetz kann man einen Vermißten erst nach sieben Jahren für tot erklären lassen. Marcia könnte zwar in einen anderen Staat übersiedeln; sie könnte eine Scheidung aufgrund böswilligen Verlassens erreichen. Ich glaube aber nicht, daß sie eine solche Scheidung wünscht.«

»Ich –« wollte ich einwerfen.

Unbeirrt fuhr Mr. Lowry fort: »Sie hält es für fair und richtig, Dino noch eine Chance zu geben.«

Plötzlich sagte Richard: »Nein, das tut sie nicht. Er hat schon –« Aber auch hier widersprach Mr. Lowry. »Sicher kann Marcia jederzeit geschieden werden, und ihr beiden könnt heiraten. Aber jetzt weiß ich bestimmt, daß Dino lebt. Und wenn er zurückkommt, ist eure Ehe ohnehin zerstört.«

»Gesetzlich –« begann Richard, aber Mr. Lowry winkte ab.

»Zweifellos wirst du einen gesetzlichen Weg finden«, sagte er. »Aber wie kommt ihr euch dann vor, wenn Dino irgendwann zurückkehrt, ohne von der Scheidung und eurer Heirat gewußt zu haben? Gesetzlich – ja, aber moralisch? Na, ihr wißt ja beide Bescheid. Wir haben doch immer geglaubt, daß man Dino gekidnappt hat.«

»Augenblick, Mr. Lowry. Sie haben das geglaubt, nicht Marcia –«

»Es ist die einzige Möglichkeit. Der einzige Grund, warum Dino so lange verschollen war.«

»Aber man hat von Ihnen kein Lösegeld verlangt –«

»Das hat nichts zu sagen. Dafür gäbe es tausend Gründe! Nein, du wirst sehen, daß ich recht habe. Dino ist irgendwo gekidnappt worden. In Thailand – oder in Kambodscha oder –«

»Sie wissen doch nicht, wo er hingegangen ist«, sagte Richard. Unwillkürlich gab ich ihm ein Zeichen zu schweigen. Lowrys Gesicht war schon rot angelaufen. Aber Richard achtete nicht auf mich. Lowry fuhr fort: »Hat alles nichts zu sagen. Chen weiß etwas. Dino ist in Not.« Er rang nach Luft. Wieder gab ich Richard ein Zeichen, ihn nicht aufzuregen. Mit zitternder Stimme fuhr er fort: »Dino ist mein Sohn. Wir hatten Differenzen, aber das ist alles vorbei. Er ist mein Sohn, und ich will ihn zurückhaben. Ich fahre nach Hongkong.«

Mrs. Clurg trat vor. Der Holzboden der Veranda knarrte unter ihrem schweren Schritt. Sie war Haushälterin seit Dinos Kindheit, jetzt teilten wir uns die Arbeit und die Pflege von Dinos Vater. Mrs. Clurg war die unumstrittene Autorität im Hause. Sie sagte: »Du wirst dich zu Tode erkälten, Marcia. Geh und zieh dir trockenes Zeug an. Und was Ihre Reise nach Hongkong anbelangt, Mr. Lowry –« sie schnaubte verächtlich, »daß ich nicht lache!«

 

Das klärte die Lage. Ganz einfach: Wenn Dino noch lebte, wenn er Hilfe brauchte, dann mußte ihn jemand finden. Und dieser Jemand war ich. Am Abend vor meiner Abreise sprach es Mr. Lowry aus.

Wir saßen im Mondschein auf der Veranda und tranken Kaffee. Plötzlich sagte er: »Dick Blake will nicht, daß du nach Hongkong gehst. Am liebsten ginge ich selbst. Aber irgend jemand muß es ja tun. Dino und ich, wir haben uns im Streit getrennt. Jetzt tut es mir leid. Ich bin ein alter Mann«, sagte Mr. Lowry mit etwas übertriebener Rührseligkeit. Ich liebte ihn, aber ich kannte ihn auch. Als wüßte er, daß er etwas zu dick auftrug, fuhr er rasch fort: »Und du kannst nicht an eine Heirat mit Dick denken, bis du über Dino Gewißheit hast, bis du ihn gesehen hast. Denn ich sage dir, ich weiß, daß er noch lebt.«

Ich schwieg. Wir hatten genug darüber gesprochen. Ob der Jade Bedeutung hatte oder nicht, wer konnte das wissen?

Wir saßen still im tiefen Schatten. Schließlich sprach Mr. Lowry: »Ich darf dich nicht bitten, Dino noch eine Chance zu geben. Aber wenn du willst – nein, sag jetzt nichts. Ich will kein Versprechen. Wir kennen beide Dinos Schwächen. Angenommen, er hat sich geändert, wie ich immer hoffte; angenommen, er ist jetzt wirklich der Dino, den du geheiratet hast?«

»Er ist älter«, sagte ich. Er war nie der Dino, den ich glaubte geheiratet zu haben.

Mr. Lowry verstand mich falsch. »Sicher ist er auch wieder zur Besinnung gekommen. Ich will nicht drängen, aber überleg es dir. Denk daran, was eure Ehe heute für ihn sein könnte. Auch für mich. Du bist mir wie eine Tochter. Wie du auch zu Dick Blake stehst – du bist noch immer Dinos Frau.« Er legte seine zitternde Hand auf meine. »Ich kenne dich. Ich weiß, daß du Dino noch eine Chance geben wirst.«

Ich trug das Kaffeegeschirr ins Haus. Mr. Lowry glaubte gewonnen zu haben, was nicht stimmte. Und doch war mir klar, daß er mir meine Verpflichtung in Erinnerung gebracht hatte.

Aber ich hoffte doch, zu Mr. Lowrys Beruhigung das Rätsel von Dinos Verschwinden lösen zu können. Wenn ich nur nicht entdecken mußte, daß Dino auf eine uns unbekannte Art ums Leben gekommen war. Seinen Tod hatte ich nie gewünscht. Wenn er mich freiwillig verlassen hatte, dann war es wohl seine Sache. Hatte man ihn aber gekidnappt, dann mußte ich ihm helfen. Ich war mir klar darüber, daß ich nach Hongkong fuhr, um die Wege für eine Heirat mit Richard auf anständige Weise zu ebnen. Ich machte mir nichts vor.

Auch als kranker Mann im Ruhestand hatte Mr. Lowry noch immer weitgehende Beziehungen. Er gab mir einen Brief an den Generalgouverneur der Kronkolonie Hongkong mit.

Einen Paß besaß ich schon, weil mir Tante Loe im vergangenen Sommer eine Reise nach England geschenkt hatte, um sie zu besuchen. Auch der Impfschein für die Pockenimpfung war vorhanden. Ich erhielt noch ein paar Schutzimpfungen und fühlte mich fiebrig und elend, als mich Richard zum Kennedy Airport fuhr.

»Es ist ja doch alles für die Katz«, sagte er mit einem Blick auf das Flugzeug.

»Ich muß aber.«

»Muß das denn wirklich sein?« Und dann nahm er mich in die Arme, zum Entsetzen eines älteren Geistlichen – und zum offensichtlichen Vergnügen einer jungen Frau. Er sah mir in die Augen und sagte: »Ich liebe dich, Marcia.« Statt weiterer Gefühlsäußerungen, die ich erwartet und gewünscht hätte, sagte er ganz sachlich: »Du weißt also, was du zu tun hast. Erst zum amerikanischen Konsulat. Dann gibst du dem Generalgouverneur den Brief, den Mr. Lowry dir mitgegeben hat. Wahrscheinlich wird er dir den Weg zur Polizei ebnen. Außerdem sind dort alle großen Zeitungen und Zeitschriften vertreten. Journalisten sind immer clever. Vielleicht kannst du dort einen brauchbaren Tip bekommen.«

»Mr. Lowry will nicht, daß die Presse davon erfährt.«

»Mr. Lowry ist ein sturer alter … na, lassen wir das. Wenn du Mr. Chen nicht findest, komm sofort zurück. Es hat keinen Sinn, Dino zu suchen, wenn du Chen nicht findest. Hast du ihn aber gefunden, und er weiß was von Dino, dann komm trotzdem gleich wieder nach Hause. Den Rest übernehme ich …« Er gab mir einen Kuß, dann ging ich hinüber zur Maschine. Nach ruhigem, überraschend kurzem Flug über San Francisco, Honolulu und Tokio landete ich in Kai Tak, dem Flughafen von Hongkong.

2

Ich nahm ein Zimmer in einem der internationalen Luxushotels in Kowloon, das Richard für mich telegrafisch vorbestellt hatte. Dann ging ich zu dem größten Gebäude der Insel, wo das amerikanische Konsulat ist. Ich sprach mit mehreren hilfsbereiten Beamten, wurde weitergereicht und schließlich von einem jungen Mann zum Cocktail eingeladen. Er riet mir, wieder nach Hause zu fahren. »Die berühmte Nadel im Heuhaufen ist leichter zu finden als Ihr Mr. Chen. Bedauerlich, daß wir keinen Beleg über den letzten Aufenthalt Ihres Mannes hier haben – das war doch wohl vor sechs Jahren.«

»Ja. In dem Jahr war er zweimal hier, um die Geschäfte seines Vaters abzuwickeln.« Damals war ich siebzehn und von Dino hingerissen.

»Ja. Nach dem Verschwinden Ihres Mannes erhielten wir eine Anfrage von Ihrem Schwiegervater, aber –«

»Ich weiß. Das Konsulat konnte keine Auskunft geben.«

»Inzwischen ist weiter nichts gekommen, Mrs. Lowry. Tut mir leid.«

Dann lud er mich freundlicherweise zum Dinner ein und als ich dankend ablehnte, sagte er, ich erinnere ihn an seine Frau in der Heimat. Das war zwar alles sehr höflich und angenehm, führte aber weder zu Mr. Chen noch zu Dino.

Mr. Lowrys Empfehlung schickte ich dem Gouverneur; ich wurde von ihm und seiner Frau zum Tee eingeladen. Auch sie waren nett und freundlich. Der Generalgouverneur vermittelte mir telefonisch eine Verabredung bei irgend jemandem von der Polizei. Dessen Titel erfuhr ich nie, er war aber offensichtlich ein hoher Beamter. Als ich in seinem Büro ankam, ließ er die englischen Offiziere und die jungen Chinesen nur so umherflitzen; vermutlich, um nach Akten zu suchen. Auch Telefonbücher wurden durchstöbert. Aber man fand keine Unterlagen über Daniel Lowry seit seinen zwei Besuchen vor sechs Jahren. Drei Jahre später kam dann die Anfrage von Mr. Lowry und die Antwort des Polizeipräsidiums, daß seither keine weitere Eintragung über ihn vorhanden sei. Nach seinem Verschwinden hatten wir, außer Bangkok, auch Hongkong angeschrieben. Der Polizeioffizier sagte ruhig, Hongkong habe vier Millionen Einwohner. »Einige Chens sind im Telefonbuch verzeichnet. Aber viele haben gar kein Telefon.«

 

Es war zeitraubender, als ich gedacht hatte, die verschiedenen Spuren zu verfolgen. Trotzdem wurde ich überall sehr freundlich aufgenommen.

Der Hoteldirektor verschaffte mir einen Fremdenführer, der an der Universität studiert hatte und ausgezeichnet Englisch sprach. Er zeigte mir Kowloon und die Viktoria-Insel und informierte mich über die Geschichte der Kronkolonie.

Ich erwartete nicht, auf Dino zu stoßen. Trotzdem suchte ihn mein Blick unwillkürlich in den belebten Straßen. Ich glaubte zwar kaum, ihn zu erkennen, falls er die schwarze, pyjamaähnliche Kleidung der Chinesen und den Kulihut trug. Aber der Dino, den ich kannte, würde nie in solcher Aufmachung herumlaufen. Am Sonntag ging ich zur Kirche und betrachtete den Pomp und die Würde, die den Generalgouverneur und seine Frau umgab.

Als ich Kowloon besser kennenlernte, wurde ich selbständiger, entließ meinen Führer und mischte mich unter die Touristen. Es waren hauptsächlich Amerikaner und Engländer. Aber bald erkannte ich, daß Richard recht gehabt hatte. Es war wirklich alles umsonst, und ich beschloß, wieder nach Hause zu fliegen. Als ich in die Hotelhalle zum Reiseschalter ging, sprach mich ein Kaufmann aus England an, der auch im Hotel wohnte.

Vermutlich gibt es in jedem größeren Touristenhotel so etwas wie ein unterirdisches Nachrichtensystem. Inzwischen war wohl jedem bekannt, daß ich einen gewissen Mr. Chen suchte, wie auch mir Gerüchte über andere Touristen zu Ohren kamen. Während ich meine Flugkarte in die Handtasche steckte, sagte der englische Kaufmann, dessen Namen ich nie erfuhr: »Vielleicht habe ich eine Nachricht, die Sie interessieren könnte, Mrs. Lowry. Es gibt einen kleinen Antiquitätenladen mit dem Namen Chen Ho Lung an der Tür. Ich frage mich, ob das der Mann ist, den Sie suchen. Es ist eigentlich mehr ein Trödler, aber er hat ein paar gute Sachen. Das hier habe ich für meine Frau gekauft.« Er zog ein Päckchen aus der Tasche, entfernte das schmuddelige Papier, und ein Stück glatter, blaßgrüner Jade kam zum Vorschein. Fast weiß. Der Stein konnte unmöglich ein genaues Duplikat dessen sein, was man Mr. Lowry geschickt hatte, doch auch hier waren zwei Tiere mit Laub im Hintergrund eingraviert. Die Ähnlichkeit war so groß, daß man annehmen konnte, es sei einst ein Gegenstück des anderen Medaillons gewesen.

Der englische Kaufmann mußte eine Veränderung an mir bemerkt haben, denn er fragte: »Stimmt was nicht?«

»Ich glaube, Sie haben den richtigen Mr. Chen gefunden. Wo –« Er unterbrach mich. »Na, am besten, ich führe Sie jetzt hin. Es ist auf der Insel, ziemlich abgelegen. Ja, ich bringe Sie hin.«

Wir fuhren mit der Fähre von Kowloon zur Insel Hongkong. Wie immer war der Hafen mit Frachtschiffen, ein paar Zerstörern, Dschunken und Hausbooten fast verstopft. In der Mitte der Insel erhob sich ein steiler Bergkegel, dessen Hänge mit Apartmenthäusern übersät waren. Mit einem Taxi fuhren wir zunächst in eine Seitenstraße, bis wir einen schmalen Weg erreicht hatten. Hier mußten wir aussteigen und zu Fuß zwischen primitiven Obst- und Gemüseständen weitergehen. Menschenmengen in europäischer und chinesischer Kleidung, sowie zerlumpte Flüchtlinge schoben sich mühsam durch Staub und Gestank. Mein englischer Freund wand sich gemächlich zwischen Männern, Frauen, Kindern und Hunden hindurch, dann blieb er stehen. Er wies auf ein Schild neben einer offenen Tür. »Hier ist es.« Unter einigen Zeilen in chinesischer Schrift las ich den Namen Chen Ho Lung.

»Ich glaube, es war ein Angestellter, der mir den Jade verkauft hat«, sagte der Engländer, wohl um mir nicht zuviel Hoffnung zu machen. »Der Inhaber schien sich im Hintergrund aufzuhalten.« Dann fügte er mit echt englischem Takt hinzu: »Ich warte draußen.«

Ich ging hinein. Die Straße war eng, staubig und sonnig gewesen – der Laden war eng, staubig und dunkel. An den Wänden hingen Gitarren und Banzos; in einer schmutzigen Vitrine lag nur Plunder – Fächer aus Sandelholz, Weihrauchstäbchen, Aschenbecher. Ich sah aber auch antike Schuhschnallen aus wundervollem weißem Jade, wie sie zu den Prachtgewändern der Mandarine gehört hatten. Alles war staubig und trostlos; nur ein Regal wirkte sauber. Darauf standen Gefäße mit einer geheimnisvollen Arznei, genannt »Tiger-Balsam«. Die Luft im Laden war abgestanden und muffig. Es roch nach Sandelholz. Plötzlich lag ein Hauch feinen Parfüms im Raum, der mir irgendwie bekannt vorkam. Gleich danach wußte ich es – Chanel Nr. 5. Wahrscheinlich hatte eine amerikanische Touristin am Vormittag hier eingekauft.

Zu meiner Überraschung sah ich rückwärts im Laden einen Coromandel-Wandschirm von großer Schönheit. Er schien nur seinem eigentlichen Zweck zu dienen, den hinteren Raum zu verdecken. Ich fand es nicht ungewöhnlich, einen so wertvollen Wandschirm aus Indien hier zu sehen. Ich rief: »Ist jemand da?« Mit klopfendem Herzen wartete ich auf das Erscheinen von Mr. Chen. Hinter dem Wandschirm bewegte sich etwas; ein magerer Mann undefinierbaren Alters trat hervor. Er trug ein schwarzes chinesisches Hemd, hatte rötliches Haar, bläuliche Augen, einen gelblichen Schnurrbart. Es konnte nicht Mr. Chen sein. Sein Aussehen war irgendwie verwahrlost und heruntergekommen. Sein Englisch aber war sehr kultiviert. »Bitte, Madam?«

Das war also der Mann, den mein Bekannter als den Angestellten bezeichnet hatte. »Ich dachte – nun, ich möchte Mr. Chen sprechen.«

Seine Augen flackerten. Er hob einen rotseidenen Fetzen auf und begann, eine Vitrine zu putzen, die es dringend nötig hatte. »Ach so, Sie haben den Namen an der Tür gelesen. Mr. Chen ist schon vor zwei Jahren gestorben.«

»Aber ich habe – das heißt, mein Schwiegervater hat erst vor drei Wochen von ihm gehört!«

Er polierte weiter. »Tut mir leid. Das ist ein Irrtum.«

Ich gab nicht nach, allein schon wegen der Flugkarte, die ich in der Tasche hatte. »Wir haben aber erst vor etwa drei Wochen ein Päckchen erhalten – ein Stück Jade von Mr. Chen. Ich bin Mrs. Daniel Lowry. Die Sendung war an Mr. Lowry adressiert.«

Kein Zweifel, er war aufgeregt. Man sah es an seinem raschen Blick, an den nervösen Händen. »Nein. Nein, ganz unmöglich«, sagte er überstürzt. »Mein Name ist George Hobson. Mr. Chen nahm mich auf, als ich – als ich arbeitslos war. Er vermachte mir den Laden. Mr. Chen konnte den Jade nicht geschickt haben – und mir ist nichts davon bekannt.«

Ich unterbrach ihn. »Sie hatten aber so ein Stück da. Ein Duplikat. Sie haben es erst heute verkauft. Ich habe das Stück gesehen.«

Ich drehte mich um, um mir das von dem Engländer bestätigen zu lassen, doch Mr. Hobson sagte hastig: »Ach ja. Ich erinnere mich. Es war aber der einzige Stein dieser Art, den ich je besaß. Ich kann Ihnen leider nicht helfen …«

Als ich mich ihm wieder zuwandte, glaubte ich, mein Bekannter sei an der Tür, denn der Laden verdunkelte sich plötzlich. Es war, als stünde jemand an der Tür. Nur ein kurzer Augenblick – dann ging der Schatten wieder weg.

Der junge Mann mit dem welken Gesicht, das plötzlich noch verfallener aussah, legte den seidenen Lappen aus der Hand. Er wollte mich offensichtlich schnell loswerden. »Darf ich Ihnen etwas anderes zeigen, Madam? Nein? Dann …« Er ging zur Tür, und ich mußte wohl oder übel folgen. Ehe ich mich’s versah, komplimentierte er mich hinaus. »Danke, Madam. Bedaure sehr. Guten Tag.«

Ich hörte, wie hinter mir die Tür geschlossen und ein Riegel vorgeschoben wurde. Mr. Hobson schien an Kunden nicht sehr interessiert zu sein.

Die lauten Stimmen und das Stoßen und Drängen auf der Straße verwirrte mich. Mein freundlicher Engländer war nirgends zu sehen. Dann aber kam er zwischen zwei Gemüsewagen auf mich zu. »Entschuldigen Sie. Ich ging jemandem nach. War es der richtige Mr. Chen?«