• Herausgeber: Goldmann
  • Kategorie: Krimi
  • Sprache: Deutsch
  • Veröffentlichungsjahr: 2011
Beschreibung

Endlich! Ein neuer Fall für Avvocato Guido Guerrieri

Eine ungewöhnliche Aufgabe für Avvocato Guido Guerrieri: Manuela, eine Studentin aus Rom, ist spurlos verschwunden, und der Polizei fehlt jeglicher Hinweis. Nun soll die Akte geschlossen werden – doch die verzweifelten Eltern bitten Guerrieri, dies zu verhindern. Schnell wird klar, dass er hier weniger juristisch nach einem Formfehler zu suchen hat, als vielmehr nach einer Möglichkeit, das unerklärte Verschwinden der jungen Frau doch noch aufzuklären und seinen Auftraggebern Gewissheit über das Schicksal ihrer Tochter zu verschaffen.
Und je mehr Guerrieri nachforscht, desto deutlicher wird, dass all jene, die Manuela gut kannten, mehr wissen, als sie sagen – und mit allen Mitteln versuchen, die grausame Wahrheit zu verbergen …

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EPUB
MOBI

Seitenzahl: 388


Gianrico Carofiglio

In ihrer dunkelsten Stunde

ROMAN

Aus dem Italienischen

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2. Auflage

Copyright © der Originalausgabe 2010

by Gianrico Carofiglio

Copyright © der deutschsprachigen Ausgabe 2011

by Wilhelm Goldmann Verlag, 

in der Verlagsgruppe Random House GmbH, Neumarkter Str. 28, 81673 München

Redaktion: Wibke Kuhn

Satz: Uhl + Massopust, Aalen

ISBN 978-3-641-04507-4V004

www.goldmann-verlag.de

1

Alles begann mit dem harmlosen Anruf eines früheren Kommilitonen.

Sabino Fornelli ist Anwalt für Zivilrecht. Wenn einer seiner Mandanten ein strafrechtliches Problem hat, ruft er mich an, übergibt mir den Fall, und damit ist die Sache für ihn erledigt. Wie viele Zivilrechtler hält er Strafkammern für verruchte und gefährliche Orte, von denen er sich lieber fernhält.

An einem Nachmittag im März war ich gerade mit einer Berufungsklage beschäftigt, die am nächsten Tag verhandelt werden sollte, als Sabino Fornelli anrief. Wir hatten uns schon seit ein paar Monaten nicht mehr gesprochen.

»Ciao, Guerrieri, wie geht es dir?«

»Gut, und dir?«

»Wie immer. Mein Sohn ist gerade für drei Monate nach Amerika gegangen, eine Art Schüleraustausch.«

»Schön. Gute Idee, da wird er etwas erleben, woran er sich immer erinnern wird.«

»Ich werde mich auch immer daran erinnern: Seit er weg ist, macht meine Frau mich fertig mit ihren Ängsten. Ich drehe langsam durch.«

Wir tauschten noch eine Weile Höflichkeiten aus und kamen dann zum Punkt. Er hatte zwei Mandanten, die mich in einer sehr heiklen und dringenden Sache sprechen wollten. Er senkte die Stimme, als er heikel und dringend sagte, auf eine Weise, die ich ein wenig übertrieben fand. Der schlimmste Fall, den mir Fornelli bisher übergeben hatte, war eine dramatische Angelegenheit mit Beschimpfungen, Schlägen und Hausfriedensbruch gewesen.

Aufgrund dieser Vorgeschichte nahm ich seine Definition von »heikel und dringend« nicht allzu ernst.

»Morgen fahre ich nach Rom, Sabino, und ich weiß noch nicht, wann ich zurückkomme. Übermorgen ist Samstag, also könnten sie frühestens am …« Ich überflog kurz meinen Terminkalender. »… Montagabend kommen, nach acht. Worum handelt es sich denn?«

Kurze Pause.

»Nach acht geht in Ordnung. Aber ich komme auch mit, dann erklären wir dir zusammen, worum es geht. Das ist besser, aus verschiedenen Gründen.«

Jetzt war ich an der Reihe, eine kurze Pause zu machen. Es war das erste Mal, dass Fornelli die Mandanten, die er zu mir schickte, begleitete. Ich wollte ihn gerade fragen, was das für verschiedene Gründe waren und warum er mir das nicht am Telefon erklären konnte, aber irgendetwas hielt mich davon ab. Also sagte ich nur, dass es mir recht sei, wenn wir uns am Montag um halb neun bei mir trafen, und damit war das Gespräch beendet.

Ich überlegte noch ein paar Minuten, worum es wohl gehen würde. Doch ich fand keine Antwort und widmete mich schließlich wieder meiner Berufungsklage.

2

Ich mag die Prozesse am Obersten Gerichtshof. Die Richter sind fast immer gut vorbereitet. Es kommt selten vor, dass jemand während des Prozesses einschläft, und die vorsitzenden Richter sind, bis auf wenige Ausnahmen, ziemlich höflich, selbst dann, wenn sie einen bitten, sich kurz zu fassen und nicht allzu viel Zeit zu verschwenden.

Im Gegensatz zu dem, was in den Amtsgerichten und den Berufungsgerichten abläuft, hat man im Obersten Gerichtshof den Eindruck, in einer ordentlichen Welt mit einer funktionierenden Justiz zu leben. Es handelt sich nur um einen Eindruck, denn die Welt ist nun einmal nicht ordentlich, und die Justiz funktioniert auch nicht. Aber dieser Eindruck ist sehr angenehm. Aus diesem Grund bin ich normalerweise gut gelaunt, wenn ich einen Prozess in oberster Instanz führen darf, selbst wenn ich dafür früh aufstehen muss.

Es war ein schöner Tag, kalt und strahlend. Das Flugzeug widerlegte meine banalen Vorhersagen durch pünktliches Abfliegen und Landen. Auf der Fahrt vom Flughafen zum Obersten Gerichtshof hatte ich dann ein sehr ungewöhnliches Erlebnis. Der Wagen war gerade losgefahren, als ich auf dem Beifahrersitz ein Dutzend Bücher in Taschenbuchausgaben bemerkte. Bücher, die in den Wohnungen anderer Leute herumliegen, machen mich grundsätzlich neugierig. Aber erst recht in einem Taxi, wo man sie normalerweise nicht erwartet! Ich warf einen Blick auf die Umschläge. Ein paar waren mittelmäßige Krimis, aber dazwischen waren auch Nächtliche Irrfahrt von Simenon, Eine Privatsache von Fenoglio und sogar Gedichte von García Lorca.

»Wie kommt es, dass Sie diese Bücher hier haben?«

»Ich lese sie zwischen den Fahrten.«

Volltreffer. Eine trockene Antwort auf eine dumme Frage. Was tut man wohl mit Büchern? Man liest sie.

»Wissen Sie, ich habe nur gefragt, weil es nicht so … so oft vorkommt, dass man Bücher in einem Taxi findet, so viele Bücher jedenfalls.«

»Das stimmt aber nicht. Viele meiner Kollegen lesen gern.«

Er hatte fast keine dialektale Färbung und schien seine Worte sorgsam zu wählen. Er verwendete sie so vorsichtig, als wären sie empfindliche und auch ein wenig gefährliche Gegenstände. Rasierklingen.

»Ach ja, das kann ich mir schon vorstellen. Aber Sie haben hier ja eine Art Bibliothek.«

»Weil ich gern mehrere Bücher gleichzeitig lese. Je nach Stimmung. Also nehme ich mehrere mit, von denen ich einige fertig lese. Die anderen lasse ich im Auto, und so häufen sie sich an.«

»Ich lese auch gern mehrere Bücher gleichzeitig. Was lesen Sie denn gerade?«

»Einen Roman von Simenon. Er gefällt mir auch deshalb, weil ein Teil der Geschichte im Auto spielt, und ich sitze ja ständig im Auto. Ich habe das Gefühl, dass ich das Buch dadurch besser verstehe als andere. Und dann die Gedichte von García Lorca. Ich mag Lyrik, auch wenn das eine anspruchsvollere Lektüre ist. Und wenn ich müde bin, lese ich die anderen.« Er zeigte auf einen der kommerziellen Krimis. Er nannte weder den Namen des Autors noch den Titel, und das fand ich richtig von ihm. Ich fand, dass die Art und Weise, wie er über seine aktuelle Lektüre und die darin enthaltene Hierarchie sprach, eine präzise, prägnante und gut durchdachte Ästhetik zum Ausdruck brachte, und das gefiel mir. Ich versuchte, sein Gesicht besser zu erkennen, das ich von hinten und im Rückspiegel nur undeutlich sehen konnte. Er schien um die fünfunddreißig zu sein, war blass und hatte einen Anflug von Schüchternheit in den Augen.

»Woher kommt diese Leidenschaft für die Literatur?«

»Wenn ich Ihnen das erzähle, werden Sie mir nicht glauben.«

»Erzählen Sie es mir.«

»Bis zu meinem achtundzwanzigsten Lebensjahr hatte ich kein Buch in die Hand genommen außer meinen Schulbüchern. Aber dazu muss ich sagen, dass ich eine Behinderung hatte: Ich stotterte. Ziemlich schlimm. So was kann einem das Leben ruinieren, wissen Sie.«

Ich nickte. Dann fiel mir ein, dass er mich ja nicht sehen konnte, jedenfalls nicht gut.

»Ich kann es mir vorstellen. Aber jetzt sprechen Sie sehr gut«, sagte ich. Aber ich dachte daran, wie vorsichtig, behutsam er mit den Worten umging.

»Irgendwann habe ich es nicht mehr ausgehalten. Ich bin zu einer Logopädin gegangen und habe mein Stottern behandeln lassen. Es war ein Kurs, bei dem wir laut aus Büchern vorlesen mussten.«

»Und so haben Sie mit dem Lesen angefangen?«

»Ja. Ich habe die Bücher entdeckt. Und als der Kurs zu Ende war, habe ich weiter gelesen. Es heißt ja, dass nichts nur durch Zufall geschieht. Vielleicht musste ich stottern, damit ich das Lesen entdeckte. Ich weiß es nicht. Aber mein Leben hat sich seitdem vollkommen verändert. Ich kann mich überhaupt nicht mehr erinnern, wie ich früher meine Tage verbracht habe.«

»Das ist wirklich eine schöne Geschichte. Ich wünschte, mir würde auch so etwas passieren.«

»Inwiefern? Lesen Sie denn nicht gern?«

»Doch, doch, sehr sogar. Vielleicht ist es sogar meine Lieblingsbeschäftigung. Ich wollte sagen, dass ich wünschte, irgendetwas würde sich radikal verändern, so wie bei Ihnen.«

»Ach so«, sagte er. Dann blieben wir stumm, während das Auto auf der Taxispur die Via Ostiense entlangglitt.

Wir gelangten zur Piazza Cavour, ohne in irgendeinen Stau zu geraten. Mein neuer Freund hielt an, schaltete den Motor aus und drehte sich zu mir um. Ich dachte, er wolle mir sagen, was ich ihm schulde, und fasste nach meiner Brieftasche.

»Es gibt einen Satz von Paul Valéry …«

»Ja?«

»Der geht ungefähr so: Der beste Weg, die eigenen Träume wahrzumachen, besteht darin aufzuwachen.«

Wir sahen uns noch eine Weile an. In den Augen dieses Mannes war etwas Komplizierteres als Traurigkeit. So etwas wie zur Gewohnheit gewordene Angst, die er beherrschen gelernt hatte, weil er wusste, dass sie immer da sein würde, immer auf der Lauer. In meinen Augen lag vermutlich Staunen. Ich fragte mich, ob ich jemals etwas von Valéry gelesen hatte. Ich war mir nicht sicher.

»Ich dachte, dieser Satz könnte eine Anregung für Sie sein, aufgrund dessen, was Sie vorher gesagt haben. Über Veränderungen. Ich weiß nicht, ob es anderen Leuten auch so geht, aber ich möchte das, was ich lese, gern mitteilen. Wenn ich einen Satz wiederhole, den ich gelesen habe, oder einen Gedanken oder ein Gedicht, dann habe ich ein wenig das Gefühl, auch daran beteiligt zu sein. Und das finde ich sehr schön.«

Die letzten Worte sagte er beinahe so, als wolle er sich rechtfertigen. Als habe er plötzlich gemerkt, dass er vielleicht zu weit gegangen war. Deshalb wollte ich ihm schnell etwas erwidern.

»Danke. Das geht mir auch so, schon seit meiner Kindheit. Nur dass ich es noch nie so gut ausgedrückt habe.«

Bevor ich das Taxi verließ, gab ich ihm die Hand, und während ich mich wieder in einen Anwalt verwandelte, dachte ich, dass ich am liebsten dort geblieben wäre, um mich weiter über Bücher und andere Dinge zu unterhalten.

Ich war mindestens eine Stunde zu früh da. Das Verfahren kannte ich in- und auswendig, so dass es überflüssig war, noch einmal in die Akte zu schauen, und so beschloss ich, einen Spaziergang zu machen. Ich überquerte den Tiber auf dem Ponte Cavour. Das Wasser war gelblichgrün und funkelte fröhlich wie Quecksilber. Es waren nicht viele Leute unterwegs, vereinzelt hörte man gedämpfte Motorengeräusche und Stimmen im Hintergrund. Ich hatte das starke und wunderbar sinnlose Gefühl einer grandiosen Ruhe, die nur für mich allein geschaffen worden war. Jemand hat einmal gesagt, dass das Glück uns dann überkommt, wenn wir nicht damit rechnen und – oft genug – wenn wir es nicht einmal merken. Wir merken es erst dann, wenn es vorbei ist, und das ist wirklich dumm. Auf dem Weg zur Ara Pacis kam mir eine Episode in den Sinn, die bereits ein paar Jahre zurücklag.

Ich bereitete mich damals mit zwei Freunden auf die letzten Prüfungen vor dem Staatsexamen vor. Wir hatten uns angefreundet, weil wir zusammen lernten, zur selben Zeit unsere Examensarbeit schrieben und zusammen fertig werden würden. So etwas verbindet, zumindest ein wenig. In Wirklichkeit waren wir sehr unterschiedlich und hatten sehr wenig gemeinsam. Angefangen bei unseren Zukunftsplänen. Ich meine, sie hatten welche und ich nicht. Sie hatten Jura studiert, weil sie Richter werden wollten, ohne den Hauch eines Zweifels, mit großer Überzeugung. Ich hingegen hatte Jura gewählt, weil ich nicht wusste, was ich studieren sollte.

Diese Überzeugung der anderen betrachtete ich mit gemischten Gefühlen. Ein Teil von mir behandelte sie mit Herablassung. Ich fand, dass meine Freunde einen engen Horizont und bescheidene Träume hatten. Ein anderer Teil von mir beneidete sie jedoch um diese klare Perspektive, diese deutliche Vorstellung von dem, was sie von der Zukunft erwarteten. Das war etwas, was mir fremd war, was ich nicht nachvollziehen konnte und was in meinen Augen etwas mit Sicherheit zu tun hatte. Ein Gegenmittel für die unterschwellige Angst, die meine verschwommene Weltsicht auszeichnete.

Gleich nach dem Staatsexamen fingen die anderen schon an, wie wild für die Referendarprüfung zu lernen, ohne sich eine Pause zu gönnen. Ich hingegen fing an, wie wild herumzuexperimentieren. Ich machte ein für mich vollkommen sinnloses Praktikum in einer Kanzlei für Zivilrecht, überlegte mir, absurde Kurse an ausländischen Universitäten zu absolvieren oder mich an der Fakultät für Geisteswissenschaften einzuschreiben, beschäftigte mich mit einem Roman, den ich schreiben wollte und der mein Leben und das seiner zahlreichen Leser verändern würde und von dem ich Gott sei Dank keine einzige Zeile zu Papier brachte. Kurz gesagt, ich hatte genaue Vorstellungen und klare Ziele.

Dank dieser klaren Ziele beschloss ich überraschenderweise, mich auch fürs Richteramt zu bewerben, als die Ausschreibung veröffentlicht wurde. In dem Moment, in dem ich Andrea und Sergio dies mitteilte, machte sich eine leichte Verlegenheit zwischen uns breit. Sie fragten mich, was ich mir eigentlich dachte, da ich bekanntlich seit dem Examen kein Buch mehr in die Hand genommen hatte. Ich erwiderte, dass ich dann eben in den drei Monaten bis zur schriftlichen Prüfung lernen würde und dass ich es einfach versuchen wollte. Vielleicht würde mir ja währenddessen einfallen, was ich mit meinem Leben anfangen wollte.

Ich versuchte in den wenigen Monaten tatsächlich zu lernen, denn klammheimlich hegte ich die Hoffnung auf ein Wunder, eine Abkürzung, eine magische Wendung. Der Traum aller Großmäuler.

Später, an einem Februarmorgen inmitten der dummen Achtzigerjahre brachen Andrea Colaianni, Sergio Carofiglio und Guido Guerrieri dann mit dem alten Alfa Sud von Andreas Vater auf, um in Rom an der großen Prüfung für das Richteramt teilzunehmen.

Von dieser Reise sind mir nur einzelne Fragmente in Erinnerung geblieben – Momentaufnahmen einer Tankstelle, Kaffee, Zigarette, Pipipause, eine halbe Stunde prasselnder Platzregen mitten auf dem Apennin –, aber ich erinnere mich noch gut an das Gefühl von Leichtigkeit und völliger Verantwortungslosigkeit. Ich hatte ein wenig gelernt, aber nicht wirklich in die Angelegenheit investiert wie meine Freunde. Ich hatte nichts zu verlieren, und falls es nicht klappte, würde mir keiner einen Vorwurf machen können.

»Wozu kommst du eigentlich überhaupt mit, Guerrieri?«, fragte mich Andrea noch einmal nach einer Weile, nachdem er das Radio leiser gedreht hatte. Wir hörten eine Cassette, die ich extra für die Reise aufgenommen hatte; darauf waren Have you ever seen the rain, I don’t wanna talk about it, Love letters in the sand, Like a rolling stone, Time passages und ich glaube, gerade als Andrea das sagte, spielte Piano Man von Billy Joel.

»Ich weiß auch nicht. Ein Versuch, eine Wette, was weiß ich. Klar, selbst wenn ich Glück haben sollte, würde ich das Richteramt nicht als eine Mission ansehen. In mir brennt nicht das heilige Feuer wie in euch.«

Das war genau die Art von Gerede, die Andrea auf die Palme brachte, weil es ins Schwarze traf.

»Was soll der Scheiß? Was heißt hier heiliges Feuer? Was hat das mit einer Mission zu tun? Ich will diese Stelle, ich habe Lust dazu, mir wird das gefallen – ich meine, mir würde das gefallen«, korrigierte Andrea sich abergläubisch, »und ich finde, dass es etwas Sinnvolles ist.«

»Ich auch. Ich glaube, dass man die Gesellschaft von unten her verändern muss. Ich glaube, dass man als Richter – wenn man ein guter Richter ist, natürlich – dazu beitragen kann, die Welt positiv zu verändern. Sie von der Korruption, der Kriminalität, allem Kranken zu befreien«, fügte Sergio hinzu.

An seine Worte erinnere ich mich am besten, und ich habe dabei ein zwiespältiges Gefühl, irgendwo zwischen Rührung und Bestürzung. Darüber, wie diese naiven Vorsätze später von den Abgründen des Lebens verschluckt wurden.

Ich wollte noch etwas erwidern, aber dann fand ich, dass ich eigentlich kein Recht dazu hatte, denn ich war ja so etwas wie ein blinder Passagier inmitten ihrer Träume. Also zuckte ich nur die Achseln und drehte das Radio wieder lauter. In dem Moment verhallte die Stimme von Billy Joel, und die Gitarre von Creedence Clearwater Revival erklang: Have you ever seen the rain. Draußen hatte sich soeben ein Gewitter gelegt.

Das Examen bestand aus drei schriftlichen Prüfungen: Zivilrecht, Strafrecht und Verwaltungsrecht. Die Reihenfolge wurde jedes Mal neu ausgelost.

Diesmal ging es mit Verwaltungsrecht los, einem Fach, in dem ich einfach gar nichts wusste, und aus diesem Grund gab ich nach drei Stunden auf und begrub meine heimlichen und unsinnigen Hoffnungen. Die Schiebetür, die mich von der Welt der Erwachsenen trennte, öffnete sich in jenen Tagen noch nicht für mich, ich blieb noch eine Weile im Wartezimmer. Dort sollte ich noch eine ganze Weile bleiben.

In den Jahren, die danach kamen und gingen, fragte ich mich des Öfteren, wie mein Leben wohl ausgesehen hätte, wenn ich durch irgendeinen unerwarteten Glücksfall jenes Examen doch bestanden hätte.

Ich wäre von Bari weggegangen, wäre ein anderer Mensch geworden, und vielleicht wäre ich nie zurückgekommen. Wie Andrea Colaianni, der das Examen zwar bestand und weit weg von zu Hause Staatsanwalt wurde, aber trotzdem irgendwann einsehen musste, dass er die Welt allein nicht würde ändern können.

Sergio Carofiglio schaffte es nicht. Ihm lag noch mehr daran, Staatsanwalt zu werden als Colaianni – falls das möglich war –, aber er schaffte die schriftliche Prüfung nicht. Er versuchte es noch einmal und dann noch ein drittes Mal, aber mehr als drei Versuche erlaubte das Gesetz nicht. Als ich hörte, dass er es auch das dritte Mal nicht geschafft hatte, hatten wir uns schon aus den Augen verloren, aber ich konnte die Niederlage und die Schmach nachfühlen, die das für ihn bedeutet haben musste. Einige Zeit später lernte er die Tochter eines Industriellen aus dem Veneto kennen, heiratete und zog in die Nähe von Rovigo, wo er in der Firma seines Schwiegervaters arbeitete und seine Bitterkeit und seine Träume im Nebel ertränkte. Vielleicht ist das aber auch nur eine Vorstellung aus meiner Fantasie, und in Wirklichkeit ist er glücklich und wohlhabend und dankt dem Himmel, dass er kein Staatsanwalt geworden ist.

Ich blieb, nachdem ich die Prüfung abgebrochen hatte, in Rom. Das Zimmer in der Pension war für drei Monate im Voraus bezahlt worden, das heißt für die Dauer der schriftlichen Prüfungen. Und so erlebte ich, während meine Freunde sich mit Straf- und Zivilrecht herumschlugen, in dieser Stadt die schönsten Ferien meines Lebens. Da ich nichts zu tun hatte, machte ich lange Spaziergänge, kaufte billige Bücher, legte mich auf die Parkbänke der Villa Borghese, las und schrieb sogar. Ein paar grauenhafte Gedichte, die Gott sei Dank verloren gegangen sind. Auf der Spanischen Treppe lernte ich zwei übergewichtige Amerikanerinnen kennen, mit denen ich eine Pizza essen ging. Die Einladung auf ihr Zimmer hingegen schlug ich aus, denn ich glaubte, verschwörerische Blicke zwischen ihnen zu bemerken, und angesichts der Tatsache, dass jede von ihnen zwischen achtzig und neunzig Kilo wog, wollte ich kein Risiko eingehen.

Die Welt wimmelte von unendlichen Möglichkeiten in jenem milden, unerwarteten römischen Frühling, während ich auf der Schwelle zwischen dem »nicht mehr« meines Daseins als Jugendlicher und dem »noch nicht« meines Erwachsenenlebens zögerte. Sie war ein schmaler Streifen, gezeichnet von Begeisterung und Vergänglichkeit. Es war schön, dort zu stehen. Und nur das Vergängliche ist perfekt.

All das fiel mir in dieser Stunde wieder ein, die mir aufgrund einer merkwürdigen Alchemie so schwebend und leicht erschien wie jene Tage vor zwanzig Jahren. Ich hatte das unsinnige, berauschende Gefühl, das Band würde sich neu aufwickeln und ich könnte noch einmal von vorne anfangen. Es war ein Schauern, eine Vibration. Sehr angenehm.

Dann merkte ich, dass es schon zehn Uhr war, und um nicht zu spät zu kommen, ging ich schnell zur Piazza Cavour zurück.

3

Wenn man zum Obersten Gerichtshof geht, ist die erste Etappe der Robenraum.

Die Robe ist obligatorisch für alle Verhandlungen am Obersten Gerichtshof, aber abgesehen von den in Rom ansässigen Anwälten bringt kaum jemand seine eigene mit. Vielmehr leiht man sich eine, als wäre es ein Bühnenkostüm oder eine Karnevalsverkleidung.

Wie immer hatte sich vor dem Robenraum eine kleine Schlange gebildet. Ich suchte nach einem bekannten Gesicht, aber ich sah niemanden, den ich kannte. Dafür stand direkt vor mir jemand, der aussah wie das Endergebnis von generationenlanger, intensiver Inzucht. Er hatte dichte schwarze Augenbrauen, verstörend blond gefärbte Haare mit roten Strähnen darin und einen Unterbiss und trug einen alpin anmutenden grünen Janker. Ich stellte mir sein Fahndungsfoto vor, unter der Schlagzeile »Ring von Kinderschändern ausgehoben«, oder sein Konterfei auf einem Wahlplakat mit einer rassistischen Kampfansage.

Ich lieh mir eine Robe und versuchte krampfhaft, nicht an ihr zu riechen, denn das hätte mir den ganzen Vormittag verdorben. Wie immer dachte ich ein paar Sekunden lang daran, wie viele Anwälte sie wohl schon angehabt hatten und wie viele Fälle sie schon miterlebt hatte. Dann sagte ich mir wie immer, dass das ein banaler Gedanke war, und machte mich auf den Weg zum Verhandlungsraum.

Mein Prozess kam als einer der ersten dran, und eine halbe Stunde nach Beginn der Verhandlungen war ich an der Reihe.

Der Bericht erstattende Richter fasste in wenigen Minuten die Prozessgeschichte zusammen, erklärte, warum mein Mandant verurteilt worden war, und erläuterte schließlich die Gründe für meinen Einspruch.

Der Angeklagte war der jüngste Sohn eines angesehenen Anwalts aus Bari. Zu der Zeit, um die es ging, das heißt vor etwa acht Jahren, war er einundzwanzig Jahre alt und studierte mit äußerst mäßigen Ergebnissen an der Fakultät für Jura. Sehr viel bessere Ergebnisse erzielte er als Kokaindealer. Er war sehr bekannt bei allen, die in bestimmten Milieus Koks oder gelegentlich auch andere Stoffe brauchten. Diesen Job verrichtete er gewissenhaft, pünktlich und zuverlässig. Er lieferte frei Haus und ersparte auf diese Weise seinen Kunden das peinliche Herumirren auf der Suche nach einem Dealer.

Nachdem alle ihn kannten und alle wussten, was er tat, wurden schließlich auch die Carabinieri auf ihn aufmerksam. Sie überwachten sein Handy und beschatteten ihn ein paar Wochen lang, und als der passende Moment gekommen war, durchsuchten sie seine Wohnung und seine Garage. In dieser Garage fanden sie ein knappes Pfund erstklassigen venezolanischen Kokains. Zuerst versuchte er sich herauszureden, indem er behauptete, die Drogen gehörten nicht ihm, auch andere Hausbewohner hätten Zugang zu der Garage, und das Zeug könne jedem gehören. Doch da waren die Telefonate, und schließlich beschränkte er sich darauf zu tun, was ihm sein Anwalt – ich – geraten hatte, und zwar, die Aussage zu verweigern. Es war der klassische Fall, in dem alles, was er sagte, gegen ihn verwendet werden würde.

Nach einigen Monaten wurde die Untersuchungshaft in Hausarrest umgewandelt, und nachdem ein Jahr verstrichen war, wurde er freigelassen, unter der Bedingung, sich regelmäßig bei der Polizei zu melden und seinen Wohnort nicht zu verlassen. Der Prozess zog sich hin, und die Verteidigungsstrategie zielte, abgesehen von allem anderen Gerede, darauf ab, die Verwendbarkeit der Abhörprotokolle anzuzweifeln. Falls dieser Einwand akzeptiert wurde, würde das die Anklage erheblich schwächen.

Ich hatte die Rechtmäßigkeit der Abhörprotokolle bereits in erster Instanz angezweifelt. Die Richter hatten den Einwand zurückgewiesen und meinen Mandanten zu zehn Jahren Gefängnis und einer unverhältnismäßigen Geldstrafe verurteilt. Ich hatte die Rechtmäßigkeit der Abhörprotokolle in zweiter Instanz bestritten. Ich wurde wieder abgewiesen, aber das Strafmaß wurde reduziert.

Ich hatte denselben Einwand nun zum Obersten Gerichtshof gebracht, und an jenem Morgen war ich dort, um einen letzten Versuch zu machen, damit mein Mandant – der in der Zwischenzeit eine richtige Arbeit gefunden hatte, eine Freundin und sogar ein kleines Kind hatte – nicht die nächsten Jahre im Gefängnis verbringen musste, und das wären weiß Gott nicht wenige Jahre, selbst wenn man die eventuelle Strafmilderung, vorzeitige Entlassung und andere Faktoren berücksichtigte. Am Obersten Gerichtshof gibt es normalerweise kein Publikum, die Verhandlungszimmer sind von abstrakter Schlichtheit, und vor allem werden dort rein juristische Sachverhalte diskutiert: Die brutalen Fakten, um die es in den Strafprozessen geht, bleiben vor den Türen der schallgedämpften Räume.

So gesehen, könnte man denken, dass sowohl das Urteil als auch die Situation dort frei sind von der emotionalen Energie, die die Ermittlungsverfahren kennzeichnet.

Aber das ist nicht so, und dafür gibt es einen bestimmten Grund.

Wenn du beim Obersten Gerichtshof gelandet bist, ist das Ende des Prozesses in Sicht. Eine der Möglichkeiten ist, dass das Gericht deinen Einspruch abweist. Und wenn das Gericht einen Einspruch gegen eine Haftstrafe zurückweist, kann das für deinen Mandanten bedeuten, dass er anschließend ins Gefängnis wandert, um seine Strafe abzusitzen.

Das lässt das, was im Obersten Gerichtshof geschieht, gleich sehr viel weniger abstrakt werden; es verwandelt die dünne Luft der Verhandlungsräume in eine dramatische Vorahnung sehr viel weniger zarter, meist schrecklicher Dinge.

Der Generalstaatsanwalt forderte, dass man meinen Einspruch abweisen sollte. Er sagte nicht viel, aber man merkte, dass er die Akte genau studiert hatte, und das war alles andere als selbstverständlich. Er widerlegte geschickt meine Argumente, und ich dachte, dass ich an Stelle der Richter seiner Interpretation gefolgt wäre und den Einspruch abgelehnt hätte.

Dann wandte sich der Vorsitzende an mich: »Herr Anwalt, das Kollegium hat Ihren Einspruch gelesen und auch das Memorandum. Ihr Standpunkt ist klar. In der Verhandlung bitte ich Sie, sich auf das Wesentliche zu beschränken und auf das, was weder im Einspruchsplädoyer enthalten ist noch im Memorandum.«

Sehr höflich und sehr deutlich. Beeil dich bitte, erspar uns das, was wir schon wissen, und lass uns vor allem keine Zeit verlieren.

»Danke, Herr Präsident. Ich werde versuchen, mich kurz zu fassen.«

Ich war wirklich sehr schnell. Ich erinnerte daran, weshalb die Anhörprotokolle meiner Auffassung nach ungültig waren und dass das Urteil deshalb revidiert werden musste. Nach fünf Minuten war ich fertig. Der Vorsitzende dankte mir dafür, dass ich mein Versprechen gehalten hatte, entließ mich höflich und rief den nächsten Fall auf. Die Entscheidung würde am Nachmittag verkündet werden. Das ist üblich am Obersten Gerichtshof: Erst werden alle Einsprüche angehört, und dann ziehen sich die Richter in den Beratungsraum zurück. Danach, manchmal erst am späten Nachmittag, kommen sie wieder heraus und verlesen die Entscheidungen eine nach der anderen. Meist verlesen sie sie in einem leeren Saal, denn keiner hat Lust, stundenlang auf dem Flur zu verbringen, zwischen kaltem Marmor und verhallenden Schritten. Die Anwälte, vor allem die, die wie ich von außerhalb kommen, haben folgende Lösung gefunden: Man wendet sich an einen Pförtner, bittet ihn, sich um die betreffende Angelegenheit zu kümmern, und überreicht ihm ein geknicktes Blatt Papier mit der eigenen Handynummer, in dem ein Zwanzig-Euro-Schein steckt.

Dann geht man, und von diesem Moment an schreckt man jedes Mal hoch, wenn das Handy klingelt, denn es könnte ja der Pförtner sein, der mit sachlichem Ton den Ausgang des Prozesses verkündet.

Bei mir war das der Fall, als ich schon am Flughafen war. Ich war kurz vor dem Einsteigen und wollte gerade mein Handy ausschalten.

»Herr Guerrieri?«

»Ja?«

»Der Ausgang Ihres Revisionsprozesses. Das Gericht hat Ihren Antrag abgewiesen. Die Kosten gehen zu Ihren Lasten. Guten Abend.«

Guten Abend, sagte ich zu dem stummen Telefon, denn der Mann hatte sofort aufgelegt, um jemand anderes anzurufen und ihm seine persönliche Urteilsverkündung (zu einem günstigen Tarif) zukommen zu lassen.

Im Flugzeug versuchte ich vergeblich zu lesen. Ich dachte an den Moment, in dem ich meinem Mandanten sagen musste, dass er innerhalb von wenigen Tagen ins Gefängnis wandern und dort mehrere Jahre verbringen würde. Diese Aussicht löste eine unangenehme Traurigkeit in mir aus, gemischt mit einem Gefühl der Niederlage.

Ich weiß. Er hatte gedealt, das heißt, er war kriminell gewesen, und wenn sie ihn nicht geschnappt hätten, würde er vielleicht immer noch weiterdealen und gut dabei verdienen. Aber in den Jahren zwischen der Festnahme und dem Urteil des Obersten Gerichtshofs war er ein anderer Mensch geworden. Ich fand es einfach unerträglich, dass sich die Vergangenheit plötzlich erhob, in der aseptischen und grausamen Gestalt eines endgültigen Urteils, und alles zerstörte.

Nach so vielen Jahren kam mir das vor wie eine unerträgliche Grausamkeit. Die dadurch umso unsinniger war, dass man niemandem die Schuld geben konnte.

Während ich das dachte, überkam mich ein leichter, kranker Schlaf. Als ich die Augen wieder öffnete, waren die Lichter der Stadt ganz nah.

4

Sobald ich wieder zu Hause war, rief ich meinen Mandanten an. Ich versuchte, die kompakte Stille zu ignorieren, die entstand, als ich es ihm sagte. Ich versuchte das Leben, das in jener Stille zerriss, zu ignorieren, und als ich auflegte, dachte ich mir, dass ich langsam zu alt für diesen Beruf war.

Dann versuchte ich mit dem, was ich im Kühlschrank fand, ein Abendessen zuzubereiten, aber in Wirklichkeit schüttete ich vor allem eine ganze Flasche vierzehnprozentigen Primitivo-Wein hinunter. Ich schlief wenig und schlecht, und das ganze Wochenende war wie eine lange, zähe, graue Überfahrt. Am Samstag ging ich ins Kino und wählte den falschen Film aus. Am Ausgang erwartete mich feiner, unbarmherziger Regen. Es regnete auch noch den ganzen Sonntag, den ich zu Hause mit einem Buch verbrachte, doch das Buch war nicht das richtige. Das Beste an diesem Tag waren ein paar Episoden von »Happy Days«, die auf einem Satellitensender liefen.

Als ich am Montagmorgen aufstand, sah ich, dass zwischen ein paar Restwolken die Sonne durchkam. Ich freute mich, dass das Wochenende vorbei war.

Ich verbrachte den ganzen Morgen bei Gericht, mit unbedeutenden Urteilen und Formalien.

Am Nachmittag ging ich in die Kanzlei. Meine neue Kanzlei. Es gab sie zwar schon seit vier Monaten, aber jedes Mal, wenn ich die schwere Panzertür aufdrückte, auf der der Architekt bestanden hatte, überkam mich ein Gefühl der Verwirrung. Wo zum Teufel war ich? Und vor allem: Wer hatte mich dazu gebracht, meine alte, kleine, behagliche Kanzlei zu verlassen und an diesen fremden Ort umzuziehen, der einen chemischen Geruch nach Plastik, Holz und Leder verströmte?

In Wirklichkeit hatte es eine Reihe hervorragender Gründe für diesen Umzug gegeben. So hatte zunächst Maria Teresa endlich ihr Jura-Examen gemacht und mich gefragt, ob sie in meiner Kanzlei bleiben könnte – aber als Praktikantin, nicht mehr als Sekretärin. Daraus hatte sich die Notwendigkeit ergeben, jemanden für das Sekretariat zu finden. Ich stellte einen etwa sechzigjährigen Mann namens Pasquale Macina ein, der viele Jahre für einen älteren Kollegen gearbeitet hatte und arbeitslos geworden war, als dieser starb.

Ungefähr zur selben Zeit bat mich ein befreundeter Universitätsprofessor, seine Tochter, die Strafrecht studierte, in meine Kanzlei aufzunehmen. Sie hatte ihre Referendarzeit bereits hinter sich, aber sie hatte in der Kanzlei ihres Vaters immer nur Zivilrecht gemacht und gemerkt, dass ihr das überhaupt nicht lag.

Consuelo ist adoptiert und kommt ursprünglich aus Peru. Ihr Gesicht ist rund und pausbackig, was nett und lustig aussieht wie bei einem Goldhamster. Es gibt allerdings Momente, in denen man ihren Gesichtsausdruck alles andere als lustig nennen würde. Wenn Consuelos schwarze Augen aufhören zu lächeln, ist ihre Botschaft ganz einfach: Wenn ich nicht mehr kämpfen soll, müsst ihr mich eben umbringen.

Ich holte sie in die Kanzlei, und so war die Zahl der Beschäftigten innerhalb weniger Monate von zwei auf vier angewachsen, und das in einem Büro, das vorher schon eher klein gewesen war und jetzt aus allen Nähten platzte.

Ich musste neue Räume suchen. Ich fand eine große Wohnung in der Altstadt, sehr schön, aber renovierungsbedürftig. Ich mag Renovierungsarbeiten ungefähr so gern wie Darmspülungen. Der Architekt, den ich ausgesucht hatte, hielt sich für einen Künstler und wollte nicht mit Banalitäten wie der Meinung des Auftraggebers oder mit Nebensächlichkeiten wie Kosten von Materialien oder Möbeln oder gar Honorarfragen behelligt werden.

Es dauerte drei albtraumhafte Monate, bis die Renovierung beendet war. Ich hätte zufrieden sein sollen, aber es gelang mir einfach nicht, mich an die neue Situation zu gewöhnen. Ich konnte mich einfach nicht mit der Art von Anwälten identifizieren, die solche Kanzleien hatten. Wenn ich früher so eine Kanzlei betrat – bevor ich selbst so eine hatte –, dachte ich immer, dass der Besitzer ein armer Idiot war. Jetzt war ich selber dieser arme Idiot, und es fiel mir schwer, das zu akzeptieren.

Ich schloss die unnütze Panzertür hinter mir, begrüßte Pasquale, begrüßte Maria Teresa, begrüßte Consuelo und schloss mich in mein Zimmer ein. Ich fuhr den Computer hoch und hatte kurz darauf die Termine des Nachmittags auf dem Bildschirm. Es waren drei. Der erste mit einem Techniker von der Stadtverwaltung, der gern Trinkgelder annahm für seine Dienste. Juristisch heißt so was Bestechung und ist ein ziemlich unerfreuliches Vergehen. Der Funktionär hatte eine Hausdurchsuchung durch die Finanzpolizei hinter sich und war jetzt panisch vor Angst, weil er sicher war – nicht ohne Grund –, bald verhaftet zu werden. Der zweite Termin war mit der Frau eines alten Mandanten, eines professionellen Einbrechers, der gerade zum x-ten Mal festgenommen worden war. Zum Abschluss dann würde mein Kollege Sabino Fornelli mit seinen Mandanten zu mir kommen wegen jenes Falls, über den man nicht am Telefon sprechen durfte.

5

Fornellis Mandanten waren ein Mann und eine Frau. Ein Ehepaar, beide etwa zehn Jahre älter als ich, schätzte ich, als ich sie sah. Ein paar Tage später, als ich die Akten mit ihren Personalien las, sollte ich feststellen, dass wir beinahe gleich alt waren.

Der Mann rührte mich besonders. Der leere Blick, die gebeugten Schultern, die zu weiten Kleider. Als ich ihm die Hand gab, traf ich auf ein wirbelloses, unglückliches Lebewesen.

Die Frau wirkte normaler, sie war relativ sorgfältig gekleidet, aber auch ihre Augen hatten etwas Krankes, was auf eine seelische Verletzung zurückzuführen war. Ihr Eintreten war wie ein feuchter, kalter Windstoß.

Das gegenseitige Vorstellen war von einer leichten Beklemmung begleitet, die die ganze Zeit über nicht weichen sollte.

»Herr und Frau Ferraro sind seit vielen Jahren meine Mandanten. Tonino, Antonio …« Er wandte sich zu dem Mann, wohl in der Befürchtung, ich könne denken, dass die Frau Tonino hieß. »… hat mehrere Einrichtungs- und Küchenhäuser in Bari und der ganzen Provinz. Rosaria ist Gymnastiklehrerin, aber seit ein paar Jahren unterrichtet sie nicht mehr und hilft ihm bei der Buchhaltung. Sie haben zwei Kinder.«

An dieser Stelle brach er ab und blieb stumm. Ich sah erst ihn an, dann Antonio, Rufname Tonino, dann Rosaria. Am Ende sah ich wieder ihn an, wobei das fragende Lächeln, das ich aufgesetzt hatte, langsam zu einer Grimasse wurde. Von draußen hörte man ein Geräusch von aufeinanderprallendem Blech, wahrscheinlich ein Auffahrunfall. Fornelli sprach weiter.

»Eine Tochter, das ist die Ältere, und einen Sohn, den Kleinen, der sechzehn ist. Er heißt Nicola und geht aufs naturwissenschaftliche Gymnasium. Das Mädchen heißt Manuela, sie ist zweiundzwanzig und studiert in Rom an der Luiss-Universität.«

Er machte eine Pause, als wolle er Atem schöpfen oder seine Kräfte sammeln.

»Manuela ist seit sechs Monaten verschwunden.«

Ich weiß nicht, warum ich nach dieser Enthüllung die Augen schloss, aber ich musste sie sofort wieder öffnen, weil ich hinter den Lidern gleißende Kreise sah.

»Verschwunden? Inwiefern verschwunden?«

Das war wirklich eine sehr gute Frage, dachte ich eine Sekunde später. Inwiefern verschwunden? Vielleicht meinten sie, sie habe sich bei einem Zaubertrick in Luft aufgelöst. Du bist wirklich in Form heute, Guerrieri.

Der Vater sah mich an. Sein Gesichtsausdruck war undefinierbar; er bewegte ein paar Muskeln, als wolle er sprechen, aber er sagte nichts. Ich hatte den Eindruck, dass er es einfach nicht schaffte. Während ich ihn ansah, nahmen in meinem Kopf die Worte eines alten Lieds von Francesco De Gregori Gestalt an: Conoscete per caso la faccia di una ragazza di Roma, la cui faccia ricorda il crollo di una diga?Kennt ihr zufällig ein Mädchen aus Rom, dessen Gesicht an einen gebrochenen Damm erinnert? Genau das war das Gesicht von Herrn Ferraro, Möbelhändler und verzweifelter Vater: ein gebrochener Damm.

Die Frau sprach jetzt weiter.

»Manuela ist im September verschwunden. Sie wollte das Wochenende bei Freunden verbringen, die einen Trullo in der Gegend zwischen Cisternino und Ostuni haben. Am Sonntagnachmittag hat eine Freundin sie zum Bahnhof von Ostuni gebracht. Und seit diesem Tag haben wir nichts mehr von ihr gehört.«

Ich nickte, denn ich wusste nicht, was ich sagen sollte. Ich hätte gern Solidarität und Nähe vermittelt, aber was sagt man verzweifelten Eltern, deren Tochter verschwunden ist? Das tut mir aber leid, aber macht euch keine Sorgen, so was kommt vor. Bestimmt taucht eure Tochter bald wieder auf, das Leben geht seinen normalen Lauf und das Ganze wird euch vorkommen wie ein Albtraum.

Ein Albtraum? Ich dachte, wenn ein erwachsener Mensch für so lange Zeit verschwindet – und sechs Monate sind eine lange Zeit –, dann ist entweder etwas Schlimmes passiert, oder derjenige hatte vor, sich aus dem Staub zu machen. Sicher, es gibt die Möglichkeit eines Gedächtnisverlusts, aber in diesem Fall irrt derjenige herum und wird früher oder später gefunden. Älteren Leuten passierte so etwas manchmal. Aber Manuela war kein älterer Mensch. Wie auch immer, was hatte ein Anwalt damit zu tun? Ich meine, was hatte ich damit zu tun? Warum waren sie zu mir gekommen? Ich überlegte, wann ich diese Frage stellen konnte, ohne unsensibel zu wirken.

»Die Freundin ist sicherlich von der Polizei vernommen worden?«

»Natürlich. Die Carabinieri haben ermittelt, wir haben Kopien von allen Akten, wir bringen sie dir vorbei«, sagte Fornelli.

Aber wozu? Ich rutschte auf meinem Stuhl hin und her wie immer, wenn ich nicht verstehe, was los ist, und mich unwohl fühle.

»Also, ich erkläre dir alles ganz kurz. Manuela hat kein Auto, sie war mit Freunden zu den Trulli gefahren. Am Sonntagnachmittag sollte sie zurückfahren, aber keiner konnte sie direkt nach Bari mitnehmen, weshalb sie sich zum Bahnhof von Ostuni bringen ließ, wo sie den Zug nehmen wollte.«

»Weiß man, ob sie ihn auch genommen hat?«

»Wir nehmen es an, aber wir wissen es nicht genau. Sicher ist nur, dass sie die Fahrkarte gekauft hat.«

»Warum seid ihr so sicher, dass sie die Fahrkarte gekauft hat?«

»Die Carabinieri haben den Mann vom Fahrkartenschalter vernommen. Sie haben ihm die Fotos gezeigt und er hat Manuela erkannt.«

Ich fand das ungewöhnlich. Fahrkartenverkäufer sehen – wie auch andere Berufsgruppen, die mit vielen Menschen in Berührung kommen – ihren Kunden sehr wenig ins Gesicht. Sie sehen sie eigentlich gar nicht, und wenn, vergessen sie sie sofort wieder. Das ist normal, an ihnen ziehen so viele Gesichter vorbei, dass sie sich nicht an einzelne erinnern können, es sei denn, es gäbe einen besonderen Grund dafür. Fornelli ahnte, was ich dachte, und antwortete mir, ohne dass ich die Frage stellen musste.

»Manuela ist ein sehr schönes Mädchen, ich denke, dass der Fahrkartenverkäufer sich deshalb an sie erinnerte.«

»Und es war nicht möglich festzustellen, ob sie dann tatsächlich auch in den Zug gestiegen ist?«

»Das kann man nicht mit Sicherheit sagen. Die Carabinieri haben die Schaffner aller Züge jenes Nachmittags befragt. Ein einziger glaubte sich zu erinnern, ein Mädchen gesehen zu haben, das aussah wie Manuela, aber er war sich wesentlich weniger sicher als der Mann am Schalter. Sagen wir mal, es ist wahrscheinlich, dass sie in den Zug gestiegen ist – das wirst du auch den Protokollen entnehmen –, aber sicher ist es nicht.«

»Wann wurde ihr Verschwinden bemerkt?«

»Tonino und Rosaria haben eine Villa in Castellaneta Marina. Sie waren dort mit Nicola. Manuela war ein paar Tage bei ihnen gewesen und war dann weitergefahren. Sie hatte gesagt, sie würde das Wochenende im Trullo ihrer Freunde verbringen. Von dort aus hatte sie angerufen, um ihnen mitzuteilen, dass sie am Sonntagnachmittag nach Rom fahren würde, mit dem Zug oder mit jemandem, der ein Auto hatte. In der Woche darauf musste sie zur Uni, ich glaube, um mit einem Professor zu sprechen oder mit dem Sekretariat.«

»Sie musste mit einem Professor sprechen«, sagte die Mutter.

»Genau, so war es. Wie auch immer, am Montag haben sie bemerkt, dass sie verschwunden war. Tonino und Rosaria sind Sonntagnacht nach Bari zurückgekehrt. Am Morgen darauf hat sie nicht angerufen, aber das war nichts Besonderes. Am Nachmittag rief Rosaria an, aber das Handy von Manuela war abgeschaltet.«

Die Mutter mischte sich noch einmal ein, während der Vater weiterhin stumm blieb.

»Ich habe es zwei-, dreimal versucht, aber sie war nicht zu erreichen. Daraufhin schickte ich ihr eine SMS mit der Bitte, sich bei mir zu melden, aber das tat sie nicht. Da fing ich an, mir Sorgen zu machen. Ich rief den ganzen Nachmittag lang immer wieder an, aber ihr Telefon blieb ausgeschaltet. Schließlich rief ich Nicoletta an, ihre Freundin und Mitbewohnerin in Rom, und die sagte mir, dass Manuela nie angekommen war.«

»Wissen Sie, ob sie in Bari in der Wohnung war?«

Diesmal antwortete Fornelli, denn Rosaria war so außer Atem, als wäre sie eine Treppe hochgelaufen.

»Die Hausmeisterin wohnt im selben Haus, und sie sitzt auch am Sonntag immer vor der Tür, aber sie hat sie nicht gesehen. In der Wohnung gibt es auch keine Hinweise darauf, dass sie dort gewesen wäre.«

»Nachdem ich mit Nicoletta gesprochen hatte, rief ich noch andere Freunde von Manuela an, aber keiner wusste etwas. Außer dass sie im Trullo gewesen war und Sonntagnachmittag von dort abgereist war. Da haben sie die Carabinieri angerufen – mittlerweile war es Nacht –, aber die sagten ihnen, dass sie nichts tun könnten. Wenn es sich um eine Minderjährige gehandelt hätte, hätten sie eine Suchaktion starten können, aber eine Erwachsene könne hingehen, wohin sie wolle, und auch das Handy abschalten und so weiter.«

»Sie haben Ihnen geraten, am nächsten Morgen vorbeizukommen und eine richtige Vermisstenanzeige zu erstatten.«

»Ja. Danach haben sie noch versucht, die normale Polizei zu rufen, aber die Antwort war im Wesentlichen dieselbe. Dann haben sie mich angerufen. Tonino wollte sich ins Auto setzen und nach Rom fahren, aber ich habe es ihm ausgeredet. Was konnte er dort schon tun? Wohin sollte er gehen? Sie hatten ja schon mit Manuelas Freundin gesprochen, die sicher war, dass sie nicht in der Wohnung angekommen war, und tatsächlich gab es keinen Anhaltspunkt, dass sie wirklich nach Rom gefahren war. Im Gegenteil. Wir verbrachten die Nacht damit, bei allen Freunden Manuelas anzurufen, deren Nummern wir ausfindig machen konnten, aber auch das führte zu nichts.«

Einen Moment konnte ich ganz deutlich die erstickende, unerträgliche Not spüren, die jene Nacht erfüllt haben musste, zwischen den aufgeregten Anrufen und den schleichenden, unsagbaren Ängsten. Ich hatte auf einmal den ebenso absurden wie konkreten Impuls, aufzuspringen und aus meiner eigenen Kanzlei wegzurennen, um dieser Beklemmung zu entkommen. Und tatsächlich rannte ich für einen Augenblick davon, ich entfernte mich geistig, als ließe ich mich von einem anderen Ort magnetisch anziehen, der sicherer und weniger bedrückend war. Ich weiß das, weil mir auf diese Weise ein Teil von Fornellis Erzählung entging. Ich erinnere mich, wie seine Stimme durch den Nebel dieser Entrückung drang, mitten in einer bereits begonnenen Erzählung.

»… und da haben sie gemerkt, dass es da wirklich ein Problem gab, und haben angefangen zu ermitteln. Sie haben eine Menge Leute vernommen, die Protokolle der Handygespräche von Manuela besorgt, die Kontoauszüge eingesehen. Sie haben sich wirklich Mühe gegeben, aber in all den Monaten ist nichts Brauchbares zum Vorschein gekommen, und heute wissen wir kaum mehr als am ersten Tag.«

Warum erzählten sie mir diese Geschichte? Vielleicht war jetzt der richtige Moment gekommen, um das zu fragen.

»Das Ganze tut mir sehr leid. Kann ich Ihnen irgendwie helfen?«

Die Frau blickte meinen Kollegen an. Auch ihr Mann drehte sich langsam zu ihm hin und sah ihn mit diesem Gesicht an, das jeden Moment auseinanderzufallen drohte. Fornelli sah die beiden einen Augenblick an und wandte sich dann an mich.

»Vor ein paar Tagen bin ich zu dem stellvertretenden Staatsanwalt gegangen, bei dem die Akte liegt.«

»Wer ist das?«

»Ein gewisser Carella, der erst seit kurzem dabei ist, wie man mir sagt.«

»Ach ja, der ist vor kurzem gekommen, aus Sizilien, glaube ich.«

»Was hältst du von ihm?«

»Ich kenne ihn noch nicht gut, aber ich würde sagen: anständig. Etwas unscheinbar vielleicht, aber keiner, der Däumchen dreht.«

Fornelli zog unwillkürlich eine fast unmerkliche Grimasse, bevor er weitersprach.

»Als ich ihn aufsuchte, um zu fragen, wie weit er mit der Sache sei, sagte er mir, er würde die Einstellung des Falls beantragen. Die sechs Monate, sagte er, sind so gut wie vorüber, und er sieht keinen Grund, eine Verlängerung der Ermittlungen zu beantragen.«

»Und du?«

»Ich versuchte ihm zu sagen, dass man den Fall nicht einfach so einstellen könne, und er meinte, wenn ich weitere Untersuchungen vornehmen lassen wolle, könne ich das tun und er würde mich darin unterstützen. Andernfalls würde er die Ermittlungen einstellen, was natürlich – wie er sagte – nicht ausschließt, dass der Fall trotzdem noch einmal aufgenommen werden könnte, wenn neue Hinweise auftauchten.«

»Das ist richtig«, sagte ich, während mir dämmerte, weshalb sie zu mir gekommen waren.

»Auf meinen Rat hin wollen Tonino und Rosaria dir den Auftrag geben, die Akte zu studieren und zu überlegen, welche Untersuchungen man dem Staatsanwalt noch vorschlagen könnte, damit der Fall nicht zu den Akten gelegt wird.«

»Ich danke Ihnen für Ihr Vertrauen, aber das ist ein Auftrag für einen Privatdetektiv, nicht für einen Anwalt.«

»Wir glauben nicht, dass es gut wäre, gleich zu einem Detektiv zu gehen. Du bist doch Strafverteidiger, du hast schon viele Akten gesehen, du weißt, was Ermittlungen sind. Ich brauche dir nicht zu sagen, dass Geld keine Rolle spielt. Es ist so viel da, wie du brauchst, für dich und eventuell auch noch für einen Privatdetektiv, wenn du einen zur Unterstützung brauchst.«

Das Problem war nur, dass in meinem Fall ein Honorar für solch eine Leistung nicht zu ermitteln war. Die Gebührentabelle der Anwälte sah keine »Assistenz bei der Suche nach verschwundenen Personen« vor. Dieser unangenehme Gedanke machte sich in meinem Kopf breit, ohne dass ich es überhaupt merkte, und das war mir peinlich. Ich sah mich also um und begegnete sogleich dem Gesicht des Vaters, der vermutlich unter dem Einfluss von Medikamenten stand. Psychopharmaka. Vielleicht war das der Grund für seine geistesabwesende Miene. Mein Unbehagen wuchs. Ich dachte, ich müsse freundlich ablehnen und es dabei belassen. Es war nicht richtig, ihnen Hoffnungen zu machen und ihr Geld zu nehmen. Ich wusste nur nicht, wie ich es ihnen sagen sollte.

Ich kam mir vor wie ein Schwindler aus einem zweitklassigen Hardboiled-Krimi. Einer dieser zerknitterten Privatdetektive, die zu einem potenziellen Auftraggeber immer erst einmal sagen, dass sie den Fall nicht übernehmen wollen – nur, um der Geschichte etwas mehr Rhythmus, mehr Spannung zu geben –, und dann ihre Meinung ändern und sich total in die Sache stürzen. Und den Fall natürlich lösen.

In dieser Geschichte gab es jedoch nichts zu lösen. Vielleicht würde man nie mehr von dem Mädchen hören, vielleicht doch, aber ich war auf jeden Fall nicht der Richtige, um ihnen die Nachrichten zukommen zu lassen, die sie hören wollten.

Ich redete fast, ohne es zu merken und ohne meine Worte wirklich im Griff zu haben. Wie es manchmal geschieht, sagte ich ganz andere Dinge als die, die ich dachte.

»Ich will nicht, dass Sie sich Illusionen machen. Wahrscheinlich – höchstwahrscheinlich – haben die Staatsanwaltschaft und die Carabinieri alles getan, was möglich war. Wenn schwerwiegende Fehler gemacht worden sind, könnte man veranlassen, dass sie zusätzliche Ermittlungen anstellen und dass Versäumnisse bei den Beweismitteln nachgeholt werden, aber machen Sie sich nicht allzu viele Illusionen. Sagtest du, dass du eine vollständige Kopie der Akte hast?«

»Ja, morgen bringe ich sie dir vorbei.«