In meinem kleinen Land - Jan Weiler - E-Book

In meinem kleinen Land E-Book

Jan Weiler

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Beschreibung

«Erst seit es Navigationssysteme gibt, ist Voerde überhaupt auffindbar. Man muss gefühlte sechzehnmal die Autobahn wechseln. Und das auf einer Strecke von vielleicht vierzig Kilometern. Noch vor wenigen Jahren führte dies unweigerlich zu ausführlichen Orientierungsfahrten durch das westliche Ruhrgebiet …   Die Stadt Voerde ist ein aus mehreren Gemeinden zusammengebastelter, nicht unbedingt trostloser, allerdings ebenso wenig tröstlicher Ort, bei dessen Ausgestaltung viel Wert auf die Verwendung von Waschbeton gelegt wurde. Solche Gemeinden gibt es zu Tausenden in unserem kleinen Land. Voerde ist so wenig besonders, dass man es leicht vergessen kann. Und dann gibt es hier aber doch etwas ganz Besonderes.»   Jan Weiler machte sich auf, um sein Land und die Menschen darin kennenzulernen – von oben nach unten, von rechts nach links hat er es sich angeschaut. Seine zufälligen Erlebnisse und Begegnungen hielt er fest, in einem amüsanten und ganz persönlichen Reisetagebuch.

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Seitenzahl: 386

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Jan Weiler

In meinem kleinen Land

Ihr Verlagsname

Über dieses Buch

«Erst seit es Navigationssysteme gibt, ist Voerde überhaupt auffindbar. Man muss gefühlte sechzehnmal die Autobahn wechseln. Und das auf einer Strecke von vielleicht vierzig Kilometern. Noch vor wenigen Jahren führte dies unweigerlich zu ausführlichen Orientierungsfahrten durch das westliche Ruhrgebiet …

 

Die Stadt Voerde ist ein aus mehreren Gemeinden zusammengebastelter, nicht unbedingt trostloser, allerdings ebenso wenig tröstlicher Ort, bei dessen Ausgestaltung viel Wert auf die Verwendung von Waschbeton gelegt wurde. Solche Gemeinden gibt es zu Tausenden in unserem kleinen Land. Voerde ist so wenig besonders, dass man es leicht vergessen kann. Und dann gibt es hier aber doch etwas ganz Besonderes.»

 

Über Jan Weiler

Jan Weiler, 1967 in Düsseldorf geboren, arbeitete als Texter in der Werbebranche, absolvierte dann die Deutsche Journalistenschule in München und war viele Jahre Chefredakteur des «Süddeutsche Zeitung Magazins». Heute lebt er als Autor mit seiner Familie in der Nähe von München. Sein erstes Buch «Maria, ihm schmeckt’s nicht!» gilt als eines der erfolgreichsten Romandebüts der letzten Jahre, und auch die Fortsetzung «Antonio im Wunderland» stand viele Monate auf der Bestsellerliste. Außerdem erschienen von ihm «Gibt es einen Fußballgott?» und «Drachensaat» (Kindler Verlag).

Für alle Buchhändlerinnen der Welt

Neun Monate Deutschland

Willkommen zu diesem Buch. Ich darf Sie gleich darauf aufmerksam machen, dass Sie sich keinen Reiseführer gekauft haben. Wenn dies Ihre Absicht war, findet die Produktenttäuschung wenigstens ganz am Anfang statt. Was Sie in Händen halten, ist ein Reisetagebuch. Und das ist etwas ganz anderes. Es stehen keine Handreichungen für Ausflüge zu Sehenswürdigkeiten drin. Ebenso fehlen Listen mit günstigen Hotels, in denen man ein gutes Frühstück bekommt. Auch Reiserouten für Schnäppchenjäger sind nicht enthalten. Aber was sonst? Eindrücke, Geschichten, Gespräche über und in unserem erstaunlichen kleinen Land.

Ich habe es von September 2005 bis Juni 2006 während einer Lesereise kennengelernt und darüber Buch geführt, indem ich jeden Tag notierte, was passiert war. Dieses Prinzip führt natürlich zu Ungerechtigkeiten, denn man kann fast keinem Ort gerecht werden, indem man dort nur einen Tag verbringt. Das Procedere war täglich gleich: mit dem Zug anreisen, per Taxi oder zu Fuß ins Hotel. Dann spazieren gehen. Etwas essen. Menschen in Theatern, Buchhandlungen oder Kulturzentren vorlesen. Schlafen. Frühstücken. Schreiben. Mit dem Zug wieder abreisen. Auf diese Weise bleibt einem Ort nur eine kurze Zeit, um sich einzuprägen. Es entgeht dem Besucher natürlich so manches. Man übersieht die Schönheit Dortmunds, und leider war ich nicht im Sommer in Speyer, sondern am kältesten Wintertag. Mein Urteil über Itzehoe fällt wahrscheinlich ungerecht aus, jenes über Dresden ist womöglich gemein. Manchmal bekommt man falsche Eindrücke, sieht nicht richtig hin. Ich bitte dafür um Entschuldigung. Andererseits macht gerade das die Reise interessant. Was bleibt beim flüchtigen Kennenlernen einer Stadt hängen? Wo sieht man hin, was will man wissen? Und kann man sich in eine Stadt verlieben? Aber ja!

Orte sind wie Menschen. Sie haben Charakter, Charme, Ausstrahlung. Oder auch nicht. Sie sind hässlich oder zu klein. Sie sehen grau aus oder alt oder freundlich. Sie grüßen überschwänglich oder gar nicht. Sie wollen dich einladen oder verscheuchen. Davon – und von den Menschen in diesen Orten – handelt dieses Buch.

 

Komischerweise ist mir die Frage, wo Deutschland am schönsten ist, in diesem Dreivierteljahr kaum gestellt worden. Aber oft bin ich gefragt worden, wo Deutschland denn am schlimmsten sei. So merkwürdig gehen wir Deutsche mit unserem Land um. Eigentlich haben wir es gar nicht verdient. Also: Am schlimmsten war es nirgends. Außerdem setzt sich diese Beurteilung immer aus mehreren Komponenten zusammen. Das schlimmste Hotelzimmer sah ich in Hildesheim, aber da war die Lesung sehr schön. Die merkwürdigste Lesung fand im Kursaal in Wyk auf Föhr statt, aber die Insel ist großartig. Das beste Hotel hatte ich in Regensburg, die schönsten Frauen sah ich in Dresden. Die brutalsten Städte sind Pforzheim und Dortmund, die heimeligsten Bamberg und Lübeck. Das Publikum in Oldenburg ist so einmalig gutgelaunt wie sonst nur in Vellmar, das in Andernach klimpert bei Lesungen gern mit Eiswürfeln, und in Hamburg hat man es schwer. Eckernförde glänzt toll in der Sonne, die Erlanger lachen gerne, in Passau gibt es Studenten und in Jork Äpfel. In Bielefeld haben sie hinterm Bahnhof Junkies, und in Hagen frittiert man die Hot Dogs.

In Hannover war ich albern, in Braunschweig erkältet, in Erkrath verkatert und in Ennepetal gerührt. In Celle ging ich zum Arzt, in Freiburg ins Krankenhaus und fast überall in Kirchen, weil es sie überall gibt und man sie leicht findet. Die Kirchen sind im Norden heller als im Süden. Dafür sind die Städte im Süden reicher als im Norden.

In Bremen gibt es Weltklasse-Currywurst, in Erfurt ein Oktoberfest, in Rottenburg einen Bischof, in Leipzig eine Messe, in Lübeck ein Marzipanmuseum und in Karlsruhe einen Zoo. Thüringen ist wunderschön, der Kraichgau herrlich, Brake klein, Duisburg staubig und Koblenz frostig.

 

Was ich auch gefragt wurde: Und? Wie sind sie so, die Deutschen? Komische Frage, denn sie wird ja immer von Landsleuten gestellt. Die müssten ja selber wissen, wie sie sind. Trotzdem beantworte ich die Frage gerne, denn die Deutschen sind viel besser als ihr Ruf. Sie sind freundlich. Höflich. Hilfsbereit. Sie haben Humor.

Ich bin nie wirklich schlecht behandelt worden auf meiner Reise. Manchmal drücken sich die Leute einfach schlecht aus. Oder sie denken für einen Moment nicht nach. Oder sie haben den Kopf voll mit anderen Dingen und können gerade nicht höflich sein. Das kann einem überall passieren, nicht nur in Deutschland.

Einmal habe ich in einem IC eine Fahrkarte für den Nahverkehr dabeigehabt. Der Schaffner hat keinen Zuschlag von mir verlangt. Wissen Sie, wieso? Weil die Heizung im Zug nicht funktionierte. In Rostock haben sie extra für mich die Küche wieder aufgemacht, als ich spätabends zurück ins Hotel kam. Eine Taxifahrerin aus Ennepetal hat mich an einem Schneesamstag, als überall das Licht ausging, durchs Chaos gefahren, obwohl man sie woanders noch viel dringender gebraucht hätte.

 

Übrigens: Es gibt womöglich eine deutsche Mentalität, aber kaum eine regionale. Die Menschen lachen überall an den gleichen Stellen. Es gibt keine sturen Westfalen oder exaltierten Rheinländer oder schwierig zu erobernde Norddeutsche oder dankbare Thüringer. Alles Unsinn. Manchmal lachen die Zuschauer lauter, manchmal leiser, manchmal gibt es Szenenapplaus, manchmal nicht.

Könnten Sie einhundert deutsche Städte aus dem Kopf aufzählen? Ich hätte es nicht gekonnt. Dabei hat unser kleines Land sogar noch viel mehr. Ich habe jedenfalls einhundert gesehen, und die allermeisten haben mir gefallen. Und noch viel mehr als die Städte haben mir die Menschen gefallen, also die Deutschen. Man traut es sich beinahe nicht zu formulieren, aber im Großen und Ganzen haben wir es nicht schlecht getroffen.

Dass dieser Befund so schwerfällt, hat mit meiner Generation zu tun. Wir sind kritisch aufgewachsen: konsumkritisch, religionskritisch, politkritisch, kulturkritisch. Unser Land zu mögen finden wir nationalistisch, unsere Sprache peinlich, den Deutschen an sich unerträglich, besonders im Urlaub. Das ist auch sehr ehrenwert, führt aber zu keiner sonderlich tiefen Identifikation mit unserem Land. Ging mir auch so. Aber es hat sich geändert.

Ob ich etwa nach dieser Reise durch mein Land so etwas wie ein Patriot bin? Nein. Aber mir gefällt es hier. Ich bin ganz und gar nicht stolz darauf, Deutscher zu sein, aber ich bin es gerne, weil mein Land friedlich ist und schön und weil ich die Deutschen mag, nachdem ich ziemlich viele von ihnen getroffen habe.

 

Die meisten Texte in diesem Buch erschienen zunächst als Weblog im Online-Angebot der ZEIT. Sie wurden anschließend für dieses Buch umgeschrieben und gekürzt. Viel Spaß damit.

 

Jan Weiler, November 2006

Düsseldorf. Wo denn sonst?

12. September 2005

Am Anfang zufällig in Düsseldorf. Das ist schon etwas Besonderes. Es hätte auch Karlsruhe oder Jena sein können. Aber da bin ich nicht geboren, sondern eben in Düsseldorf, der Landeshauptstadt von Nordrhein-Westfalen. Auch so eine Sache, die sie in Köln nicht haben verwinden können, denn Köln ist größer. Dafür ist Düsseldorf schöner, schön geworden in den vergangenen zehn Jahren. Schön und nahezu schuldenfrei, wie man hört, sobald man das Flugzeug verlassen und Düsseldorfer Boden betreten hat. «Mir geht’s super», brüllt einen diese Stadt an.

 

Düsseldorf hat sich tatsächlich erstaunlich herausgemendelt aus seiner Existenz als sogenannter Schreibtisch des Ruhrgebietes. So nannten die Erwachsenen Düsseldorf, als ich ein Kind war. Man sagte damals, dass im Ruhrgebiet geschuftet und in Düsseldorf verwaltet würde. Düsseldorf, das waren schwere Büromöbel, der Geruch nach Zigarren und der quecksilbrige Rhein, dem man als normal intelligenter Mensch nie zu nahe kam. Darin zu baden hätte bedeutet, in Minutenfrist von Säuren, Laugen, Schwermetallen und scharfem Unrat skelettiert zu werden.

Immerhin war der geschundene Fluss wunderschön anzusehen. Im Sommer konnte er bis zur Fahrrinne austrocknen. Dann entdeckte man vom Ufer aus Plunder, der zu anderen Zeiten hineingeraten war. Im Frühjahr hingegen schwoll der Rhein auf eine beängstigende Breite an, setzte die Schrebergärten von Oberkassel und Lörick unter Wasser, drohte sogar schwappend an den Wiesen leckend den Dämmen und verzog sich doch, ohne großen Schaden anzurichten, nach Holland.

Ich wurde im Stadtteil Flingern geboren, in einem Krankenhaus in der Flurstraße, in dem heute keine Kinder mehr auf die Welt kommen. Es werden jetzt alte Menschen dort behandelt, die unter Depressionen leiden. Das nennt man Geronto-Psychiatrie. Als ich klein war, kamen mir alte Leute viel älter vor als heute.

Der Umstand, dass mit dem Ruhrgebiet viel Industrie in der Nähe lag, mit dem Rhein ein wichtiger Verkehrsweg durch die Stadt führte und die ganze Gegend genau in der Mitte Europas lag (der Osten Europas gehörte bekanntlich nicht zu Europa), machte Düsseldorf attraktiv als Sitz für multinationale Konzerne. Rund um diese Firmen entstanden Hunderte kleine und ein paar riesige, sich selbst als symbiotisch empfindende, von ihren Kunden jedoch oft als parasitär empfundene Werbeagenturen. Diese Putzerfische des Industriezeitalters haben die Stadt in den vergangenen fünfzig Jahren beträchtlich geprägt. Bis heute sind einige der größten Agenturen des Landes in Düsseldorf beheimatet, wo es nach wie vor Kunden gibt, anders als beispielsweise in Berlin.

Und dann kann Düsseldorf auch noch mit der Kunstakademie auftrumpfen. Mit Beuys also. Mit Immendorf. Mit Lüpertz. Und mit seiner Musikszene. Und mit seinem Altbier, seinem Schauspielhaus, seiner Königsallee, seiner blöden herrlichen Altstadt.

Leider muss man an dieser Stelle auch den Fußballclub Fortuna Düsseldorf erwähnen, dessen zielstrebiger Abstieg bis in die vierte Liga von viel Häme besonders der Nachbarstädte begleitet wurde.

Die Fortuna spielte früher im Rheinstadion, einer Betonschale realsozialistischer Anmutung, wie man sie in Bukarest oder Kiew erwarten würde. Ich habe die Stadionwurst als Höhepunkt vieler Spieltage in Erinnerung. Es handelte sich um eine recht lange, rote, würzige Wurst und wurde zumindest der ersten beiden Attribute wegen vom Fan gerne als «Apachenpimmel» bestellt. Die Fortuna hatte Ende der siebziger Jahre einigen Erfolg, stieg dann aber immer häufiger ab, irgendwann ohne wieder aufzusteigen. Und dennoch: Fortuna Düsseldorf verfügt auch nach der Sprengung des Rheinstadions über eine schicke und im Gegensatz zu den sportlichen Leistungen des Vereins international konkurrenzfähige Sportstätte mit Cabriodach, die auch hier inzwischen «Arena» heißt und ansonsten den Namen des Hauptsponsors trägt.

Für den Bau der LTU-Arena gab es eigentlich keinen vernünftigen Grund. Zu den unvernünftigen und damit auch wieder sympathischen Gründen zählt der Wunsch der Düsseldorfer, ein super Stadion zu haben. Falls mal eine WM oder Olympische Spiele in die Stadt kommen.

 

Als ich drei Jahre alt war, zogen wir in einen Vorort von Düsseldorf. Nach Meerbusch. Wenn Düsseldorf der Schreibtisch des Ruhrgebietes ist, dann ist Meerbusch sein Schlafzimmer. Mein Vater verließ gegen halb neun das Haus und kam irgendwann am späten Nachmittag wieder zurück. Dann ging er in den damals noch von winzigen Beeten eingefassten Tennisclub. Nach dem Spiel musste man den Platz mit schweren Matten abziehen. Das durften die Kinder machen und bekamen dafür ein Eis. Zumindest manchmal. Die Erwachsenen verbrachten viel Zeit im Club und saßen nach dem Match in ihren engen kurzen Hosen und Lacoste-Hemden auf der Terrasse des Clubhauses. Die lederumwickelten Griffe der Holzschläger lugten wie steife Schwänze aus Snauwaert-Taschen. Es lag immer Sex in der Luft, deutscher Vorstadtsex, diese unbeschreibliche Siebziger-Jahre-Geilheit. Heute ist die Anlage überwuchert von Efeu und Büschen, die giftige Früchte tragen. Die meisten der Plätze werden nicht mehr bespielt, und die aufgenagelten Kunststofflinien wellen sich. Es gibt schon lange keine von abgeblendeten Autoscheinwerfern beleuchteten Mitternachtsturniere mehr, keine Karnevalspartys, keine Kinderturniere mit Fanta, keine vom orangefarbenen Boden gefärbten Schuhe.

Es ist kaum ein Plopp mehr zu hören und kaum Stöhnen, selten der rhythmisch speiende Rasensprenger. Die meisten der Gründungsmitglieder sind tot oder spielen Golf. Schlägerköpfe schauen aus Golfsäcken heraus und bekommen ein Mützchen, damit sie nicht frieren oder schmutzig werden.

 

Das Schöne am Rheinland ist, dass man sich als Besucher sofort herrlich amüsieren kann. Der eigentlich nicht brüllkomische Erwerb von Ohrenpfropfen wird in einer Stadt wie Düsseldorf leicht zu einer surrealen Szene.

Ich im Kaufhaus zu einer Verkäuferin: «Guten Tag, haben Sie Ohropax?» Darauf die Verkäuferin, freundlich, aber sehr überrascht: «Dat issene jute Frage.»

Ich: «Und wie ist die Antwort?»

Verkäuferin, sehr laut: «Elke, ham wir Ohropax?»

Elke: «Dat issene jute Frage.»

Zweiter Versuch im Drogeriemarkt gegenüber. Ich zur Kassiererin: «Guten Tag, haben Sie Ohropax?»

Kassiererin: «Am Ständer, wo die Kondome dranhängen.»

Aha. Am Ständer mit den Kondomen. Und als sei diese Antwort nicht schon komisch genug, setzt sie hinzu: «Wo denn sonst?» Diese Gegenfrage bringt mich aus dem Konzept. Ich kann nachts nicht einschlafen deswegen und denke über meinen Wunsch nach, im nächsten Leben als Nase von Nicole Kidman wiedergeboren zu werden. Wenn schon in aller Welt leistungslos berühmt, dann als Nase von Nicole Kidman, denke ich noch und schlafe dann doch ein.

 

Schließlich die Lesung in einer großen Düsseldorfer Buchhandlung. Sehr schön, meine Babysitterin von vor dreißig Jahren war auch da, sie arbeitet dort. Ich erinnere mich, dass sie Mitte der siebziger Jahre wunderbar roch und ein grünes Mofa Marke Hercules besaß. Manchmal durfte ich mitfahren. Dann hielt ich sie von hinten fest umklammert und atmete ihren Duft ein. Ich glaube, sie war meine erste Liebe. Ich traue mich aber nicht, an ihr zu riechen, denn das findet sie bestimmt reichlich merkwürdig. Außerdem ist ihr Mann da.

 

Noch fünf Tage bis zur Bundestagswahl. Wen soll ich nur wählen? Vielleicht Gregor Gysis Linkspartei, denn sein Satz, dass man nicht arm sein müsse, um gegen Armut zu sein, leuchtet mir sehr ein. Er hätte auch sagen können: Man muss nicht reich sein, um für Reichtum zu sein. Der Sozialismus ist nicht nur für arme Leute da. Fescher Dandy.

Voerde. Waschbetown

13. September 2005

Voerde ist bei Dinslaken. Dinslaken ist bei Oberhausen. Oberhausen ist bei Duisburg. Duisburg ist bei Krefeld. Krefeld ist bei Düsseldorf. Nach Voerde zu fahren kommt einem vor, als reiste man in das Innere einer Matroschka.

Erst seit es Navigationssysteme gibt, ist Voerde überhaupt auffindbar. Man muss gefühlte sechzehnmal die Autobahn wechseln. Und das auf einer Strecke von vielleicht vierzig Kilometern. Noch vor wenigen Jahren führte dies unweigerlich zu ausführlichen Orientierungsfahrten durch das westliche Ruhrgebiet. Die vielen Geisterfahrermeldungen in der Region handelten wohl von Verzweifelten, die nach Voerde suchten. Gegen diese Theorie spricht nur, dass es kaum Gründe gibt, die für einen Besuch der Stadt Voerde sprechen.

Sie feiert fünfundzwanzigjähriges Bestehen. Es ist ein aus mehreren Gemeinden zusammengebastelter, nicht unbedingt trostloser, allerdings ebenso wenig tröstlicher Ort, bei dessen Ausgestaltung viel Wert auf die Verwendung von Waschbeton gelegt wurde. Solche Gemeinden gibt es zu Tausenden in unserem kleinen Land. Man findet dort immer ein intaktes Vereinsleben vor, dazu Städtepartnerschaftsschilder am Ortseingang und Parkplätze, von denen es nicht weit in die Einkaufsstraße ist. Voerde ist so wenig besonders, dass man es leicht vergessen kann, wenn man gefragt wird, wo man denn in nächster Zeit so hinkommt. Und dann gibt es hier aber doch etwas ganz Besonderes. Etwas so Erinnernswertes, dass es mich noch lange begleiten wird. Die Buchhandlung.

Man bekommt eine Ahnung davon, wie es auch anderorts sein könnte, wenn alle Buchhändler so wären wie hier in Voerde. Das Publikum: Manche sind sehr weit gefahren, um sich in der warmen Buchhandlung aneinanderzudrängeln. Kuschelstimmung. Herrlicher Abend.

 

Nur noch vier Tage bis zur Bundestagswahl. Wen soll ich nur wählen? Stoiber vielleicht, also die CSU. Ich wohne ja in Bayern. Stoiber hat gerade die Ostdeutschen beleidigt. Dabei müsste er doch wissen, was jeder weiß, der um Mitmenschen wirbt: Wer ficken will, muss freundlich sein. Andererseits: Die im Osten können ihn ja gar nicht wählen. Und zu den Bayern ist er immer freundlich. Das ist mir sehr unangenehm.

Krefeld. Die Zwischenstadt

14. September 2005

Besonders im Westen unseres kleinen Landes spricht man von Ballungsräumen, wenn man eigentlich meint, dass keiner mehr so richtig durchblickt vor lauter Stadtgrenzen. Ein Reisender wähnt sich in Duisburg, befindet sich aber für einen Moment in Mülheim, um dann in Oberhausen festzustellen, dass das Ortsschild von Bottrop auftaucht, wo man Moers vermutet hat. Hier von einer Ballung zu sprechen, wäre sehr euphemistisch. Vermengungsraum träfe es eher, oder auf Speisekartendeutsch: «Städteeintopf nordrheinischer Art». Gleich daneben befindet sich Krefeld.

Ortsunkundige denken, Krefeld liege im Ruhrgebiet, aber das stimmt nicht und hat wie alles hier in der Gegend mit dem Rhein zu tun, der die Landschaft bei Krefeld schlingernd, aber präzise in «linker Niederrhein» und «Städteeintopf» teilt. Krefeld befindet sich links des Flusses, und selbst, wenn man bloß über eine Rheinbrücke zu fahren braucht, an deren Ende Duisburg beginnt, selbst wenn also ganz nahe etwas Gewaltiges beginnt, das man sogar vom Weltall aus sehen kann, selbst wenn man in Krefeld so gut wie drin ist im glühenden Pott, selbst wenn man schon auf einem normalen Falk-Plan nicht mehr auseinanderhalten kann, wo was beginnt und endet: Krefeld ist irgendwie voll daneben. Im Osten der glühende Pott, im Westen bloß Weiden, Wiesen, Kartoffeläcker und die Ahnung, dass dann irgendwann Holland kommt, was nach kaum fünfundzwanzig Kilometern dann auch der Fall ist.

Krefeld ist auf diese Weise eine Zwischenstadt, gleichsam Tor zur Welt und Tor zum Arsch der Welt, je nachdem, woher man gerade kommt. Früher hatte die Stadt einen gewissen Glanz, das muss man festhalten. Gustav Mahler führte 1902 seine dritte Symphonie in Krefeld ur auf. Herrlich. Ur auf. Die Stadt war reich und sauber. Die Textilindustriellen ließen sich ihre Villen von Bauhausarchitekten entwerfen. In Krefeld machte man sich die Hände nicht schmutzig wie in Duisburg oder Essen. Das hatte Tradition. Nicht einmal in den Krieg zogen die Krefelder, weil Friedrich der Große seinen Werbern verbot, in der Stadt Rekruten anzuheuern. So edel fand er Krefeld. Leider gibt es inzwischen kaum noch Arbeit, nicht einmal für die, die sich die Hände gerne schmutzig machen würden. Und daher verströmt die Stadt eine gewisse Melancholie, eine Verschlafenheit, die den Besucher zu ständigem Gähnen inspiriert. Immerhin haben sie immer noch einen Zoo und einen leidlich erfolgreichen Eishockey-Club. Die Fußballer aus dem Stadtteil Uerdingen hingegen sind nach dem Rückzug des Bayer-Konzerns innerhalb von wenigen Jahren in die Amateur-Oberliga runtergereicht worden.

Städteplanerisch wirkt Krefeld an einigen Ecken etwas kopflos, was sich übrigens auch im Stadtwappen widerspiegelt. Es zeigt einen Dionysos mit abgeschlagenem Haupt unter dem Arm. Krefeld ist nach dem Abwurf von Brandbomben ein vernarbter Ort, wie es viele in Deutschland gibt. Die schönen Bürgerhäuser, die Parks, die herrschaftlichen Villen irritieren bei der Durchfahrt beinahe mehr als die Zweckbauten, die Umgehungsstraßen, der scheußliche architektonische Pragmatismus der Nachkriegszeit. Eines oder das andere, damit könnte man leben. Aber beides zusammen macht traurig.

 

In Krefeld eine Lesung abzuhalten, ist für mich nicht einfach, denn meine halbe Familie kommt aus Krefeld. Und meine Schwiegereltern auch, jedenfalls fast. Sie wohnen in einem westlich gelegenen Nachbarstädtchen, und natürlich möchte mein Schwiegervater gerne kommen. Ich sehe der Sache mit gemischten Gefühlen entgegen, denn schließlich mache ich ihn während der Lesung nach. Ich imitiere seine Art zu reden, seine Stimme, sein Lachen. Als guter Schwiegersohn reserviere ich Plätze in der ersten Reihe.

Das Theater, in dem ich lese, war früher eine Schule. Meine Mutter ist hier hingegangen. Damals gab es noch mit dem Lineal auf die Finger. Meine Mutter ist sehr diszipliniert, womöglich hat das mit der rustikalen Erziehung ihrer Generation zu tun. Sie sagte früher oft «The early bird catches the worm» zu mir, was leicht holpernd übersetzt heißt: «Der frühe Vogel fängt den Wurm.» Dieses Lob an den Frühaufsteher fand ich immer schon albern, denn wenn man die Logik des Satzes ernst nimmt, bedeutet er im Umkehrschluss, dass man als Wurm möglichst lange im Bett bleiben sollte, um nicht gefressen zu werden. Ist jetzt nur die Frage, wo man sich gesellschaftlich verortet, bei den Vögeln oder den Würmern.

Tatsächlich kommen meine Schwiegereltern zu der Lesung, und das irritiert mich anfangs schwer. Ich höre meinen Schwiegervater laut lachen, häähää. Und als ich fertig gelesen habe und mich verbeuge, steht er auf, stellt sich zu mir und verbeugt sich tief und würdevoll vor dem verdutzten Publikum.

Viersen. Korn mit Tabasco

15. September 2005

Am nächsten Tag muss ich nach Viersen, einem Ort am Niederrhein, der 70000 Einwohner und erdgeschichtliche Bedeutung als Wimbledon des Billards hat. Hier finden nämlich die jährlichen Karambolage-Weltmeisterschaften statt. Billard ist im Grenzland zwischen Belgien, Deutschland und Holland sehr verbreitet. Der Sport bezieht einen großen Teil seiner Seriosität aus dem Umstand, dass die Spieler einem gewissen Dresscode unterworfen sind und meistens Fliegen und Westen tragen, mit denen sie aussehen wie flämische Nachtclubkellner.

 

Auch der Laden, in dem ich abends lese, kommt mir zunächst halbseiden vor. Er liegt an einer stark befahrenen Ausfallstraße und heißt «Conny’s Come in». Wenn man so etwas auf seinem Reiseplan liest, wird man unruhig. Das klingt ja doch gefährlich nach Rotlicht. Man stellt sich vor, dass dort gelangweilte Osteuropäerinnen Lapdance machen und sich von niederrheinischen Zuckerrübenbauern Fünf-Euro-Scheine in die Wäsche stecken lassen. Dann gehen die Damen von der Bühne, und der holländische Besitzer kündigt eine Lesung an. Ich erscheine in dem roten Licht, setze mich so wondratschekesk auf einen Barhocker und lese eine Seite. Dann lässt mir der Chef einer Drückerkolonne, der lieber Weiber sehen will, ein Pimm’s bringen, und ich gehe von der Bühne. Den Barhocker lasse ich stehen, der wird noch gebraucht, von der nächsten Tänzerin.

Natürlich ist dann alles ganz anders. «Conny’s Come in» ist eine kulturelle Institution in der Gegend, wahrscheinlich wichtiger als die meisten städtischen Bühnen im Umkreis, falls es die überhaupt gibt. Früher hieß die ursprünglich gutbürgerliche Gaststätte mal «Zum deutschen Eck» und diente in der Nazizeit als Versammlungsort der NSDAP. Ein gewisser Conny pachtete das Lokal vor siebenundzwanzig Jahren und baute es immer weiter aus. Heute finden dort auf mehreren Bühnen Lesungen, Jazz-Konzerte und Kabarett-Abende statt, manchmal sogar gleichzeitig.

Junge Leute kommen gerne her. Für sie gibt es eine Getränkekarte, die kaum einen Wunsch offenlässt. Über zwanzig Biere werden serviert, aber auch sehr ulkige Getränke wie «Rostiger Nagel» (Korn mit Tabasco, ein Euro fünfzig) oder «Eierfa» (Eierlikör mit Fanta, zwei Euro). Wer lieber Longdrinks mag, für den gibt es «Amaretto Apfel/Kirsch» (drei Euro) und andere klebrige Köstlichkeiten.

 

Kaum ist die Lesung vorbei, ertönt laute Jazz-Musik. Auf der Bühne nebenan hat man gewartet, bis ich fertig bin, dann geht die wöchentliche Jam-Session los. Ein wirklich eindrücklicher Ort, so mitten zwischen Kuh- und Trauerweiden.

 

Noch ein Tag bis zur Wahl. Was soll ich nur wählen? Angela Merkel vielleicht? Ihre Sprache hat so was Formelhaftes. Jedenfalls habe ich bei ihr den Eindruck, dass sie immer schon so geredet hat, auch bei der FDJ. Schön fände ich, wenn sie ihre Ansprachen mit den Worten «Parole Emil!» beenden würde. Aber den Gefallen tut sie uns nicht.

Rostock. Im Auftrag der freien Marktwirtschaft

19. September 2005

Die zweite Woche der Reise führt in den Norden. Wunderbar. Es ist noch ein wenig warm, der verregnete Sommer noch nicht ganz zu Ende. Flug nach Hamburg, weiter nach Rostock. Man gelangt gut mit dem Zug dorthin, einem Regionalzug, der durch Mecklenburg trödelt, mit Berufstätigen an Bord, oder wie man hier wahrscheinlich sagt: Werktätigen. Man unterhält sich eher nicht. Draußen fährt Schwerin vorbei, und wie die Landschaft, so das Leben hier: keine besonderen Vorkommnisse, alles verlässlich flach, manche Orte sehen aus wie gescheiterte Beziehungen.

Früher waren Fahrten mit der Bahn über Land noch melancholische Trips. Man schaute aus dem Fenster, hauchte das Glas an und malte Männchen hinein. Das ist aber aus der Mode. Die meisten Bahnkunden (früher: Reisende) schauen gar nicht mehr aus dem Fenster, sondern auf den Flachbildschirm, den der Anbieter eingebaut hat, um die Menschen zu berieseln. Das kann man auch selber. Ich zerstreue mich mit meinem neuen iPod, den ich extra für diese Reise mit ihren monatelangen Zugfahrten angeschafft habe.

Der Gesamteindruck dieses fraglos wunderbaren Gerätes wird durch die mitgelieferten Ohrhörer getrübt. Die taugen nichts und schmerzen, denn meine Ohren sind nicht dafür geschaffen, dass man etwas hineinsteckt. Die Löcher sind zu klein, kein Fremdkörper hält darin, und die Windungen meiner Ohrmuscheln lassen so etwas wie Tragekomfort ebenfalls kaum zu.

Die iPod-Hörer taten also erst weh und fielen dann heraus, und ich beschloss, dass ich die weißen, statussymbolhaften Ohrstöpsel des iPod durch etwas Uncooles ersetzen musste.

Deshalb hatte ich noch in Krefeld einen Media Markt betreten, um andere Kopfhörer zu kaufen. Der Bursche in der Kopfhörer-Abteilung riet mir zu einem Paar Stöpseln, die man wie Knetgummi in Form drücken müsse, um sie dann ins Ohr zu stopfen, wo sie sich von selber wieder aufplustern würden, um dann einen sagenhaften Bass-Sound zu erzeugen. Er selbst habe auch so welche, sagte er. Das ist normalerweise ein gutes Kriterium dafür, etwas nicht zu kaufen. Ich tat es trotzdem und probierte die Dinger gleich aus.

Ich pfriemelte die Teile in die Ohren und betrachtete mich im Außenspiegel eines Autos. Ich sah, wie die beiden Stöpsel ganz langsam links und rechts aus den Ohren wuchsen, es sah aus, als würden meinen Ohren kleine Sektkorken entweichen. Dann machte es «plopp» (rechts) und dann «plopp» (links), und ich nahm den Mist und ging wieder in den Media Markt, um ihn umzutauschen.

 

Rostock habe ich schon einmal besucht. Das ist sehr lange her. Ich war damals vierundzwanzig und arbeitete fleißig daran mit, das Beitrittsgebiet von westdeutschen Konsumgütern zu überzeugen, soweit das nicht schon die DDR-Politik erledigt hatte. Ich war damals Werbetexter und interviewte in Rostock auf der Straße auskunftsfreudige Bürger zum Thema Nuss-Nougat-Creme. Die Ergebnisse («erstklassig», «so etwas gab es früher nicht», «herrlich») wurden anschließend in einem Tonstudio geschnitten und als Radiospots gesendet. Wir übernachteten in einem großen Hotel in Warnemünde, von dem man sich zuraunte, es sei komplett verwanzt und die Stasi habe dort jeden Gast ausgehorcht. An der Hotelbar saßen ab zwanzig Uhr Pharmavertreter und Prostituierte.

Einige Zeit später errang die Stadt Rostock weltweite Bekanntheit, weil einige Einwohner des Stadtteils Lichtenhagen den dort in einem Plattenbau untergebrachten Asylbewerbern Molotow-Cocktails durchs Fenster warfen und die Feuerwehr daran hinderten, die hundert Eingeschlossenen zu befreien. Besonders erinnerlich ist dabei das Foto eines Rostockers mit Deutschland-Trikot und vollgepisster Jogginghose, der gerade den Arm zum Hitlergruß hebt. Die Zeitschrift «Titanic» druckte das Bild und schrieb darunter: «Bitte ein bit.» Hat jede Stadt die Einwohner, die sie verdient? Oder ist das nur Zufall und hätte überall sonst genauso passieren können? Wahrscheinlich. Mölln in Schleswig-Holstein ist auch so ein Ort trauriger Berühmtheit. Früher konnten sich Bürgermeister noch damit trösten, dass auch hässliche Bilder mit der Zeit verblassten, aber heutzutage währen sie ewig, sind in alle Zukunft abrufbar. Katastrophenorte bleiben Katastrophenorte und heißen Eschede, Ramstein oder Bad Kleinen, wo der Zug nach Rostock anhält.

 

Lesung in einer großen Buchhandlung, danach hungrig ins Hotel. Dort ist schon alles dunkel. Ich frage nach, ob es nicht doch noch ein Häppchen gebe, es müsse nicht einmal warm sein. Daraufhin bindet sich eine junge Frau die Kellnerschürze um und knipst das Licht im Essenssaal an. Der Koch, der schon nach Hause wollte, setzt seine Mütze auf und brät mir einen Fisch. Ganz alleine sitze ich im riesigen Hotelrestaurant, wo bereits fürs Frühstück eingedeckt ist. Dabei blättere ich in einem winzigen Büchlein, das ich geschenkt bekommen habe. Das englischsprachige Werk mit dem Titel «County of Rostock» misst bloß fünf mal fünf Zentimeter und stammt noch aus DDR-Zeiten. Es beinhaltet neben einem erbaulichen Vorwort («the area has certainly seen many ups and downs in its history») etwa zweihundert sehr hübsche Farbfotos von Besuchen Erich Honeckers bei der Rostocker FDJ, auch Aufnahmen vom Hafen, von Holzschuhen, einer gutbesuchten Bäckerei, der Jugendweihe, den Märkten und Häusern und Bürgern der Stadt. Die ist wirklich hübsch und unterhält Partnerschaften in der ganzen Welt, eine davon übrigens mit der Stadt Bremen. Noch aus früheren Zeiten, als dieses Bremen Ausland war. Damals gab es noch keine Nuss-Nougat-Creme und keine Asylanten in Rostock. Merkwürdig, wie am Ende alles zusammenhängt.

Lübeck. Träume von weißen Anzügen

20. September 2005

Lübeck ist so was von zauberhaft! Der Mühlenteich! Die Häuser! Die Geschäfte! Das Marzipan! Zwar steht hier offenbar kein Denkmal für Günter Grass, wohl aber eines von Günter Grass, im Innenhof des gleichnamigen Hauses. Dann ist ja gut.

Mittags angekommen, mache ich einen Rundgang und esse einen Junkfood-Klassiker: Hühnchen, gebacken mit süßsaurer Soße und Reis. Hmm. Schmeckt, als sei sogar die Soße frittiert. Vor dem Schnellimbiss hält ein dicker Türke Hof. Er ist höchstens zwanzig Jahre alt, benimmt sich aber wie Marlon Brando in «Der Pate». Auf seinen Wink erheben sich seine Begleiter von den weißen Plastikstühlen, die vor dem Laden stehen, und öffnen ihm die Beifahrertür eines violettlackierten Dreier-BMWs. Er steigt ein, die Gang fährt ab. Bevor der Wagen wendet, sieht der Dicke mich aus dem Fenster an und lächelt. Die ganze Inszenierung nur für mich, denn sonst ist niemand zu sehen.

 

Abends Lesung in einer schönen und großen Buchhandlung. Die Lübecker gelten als schwierig, dies wurde mir vorher zugetragen. Aber meine Furcht vor schweigenden, die Arme vor der Brust kreuzenden Hanseaten erweist sich als unbegründet, die Menschen hier lachen an den richtigen Stellen und sind sehr freundlich. Sie wollen anschließend mehrheitlich nur eine Unterschrift ins Buch, eher keine ausführlichen Widmungen. Am Vortag in Rostock war das anders. Dort bat mich eine junge Frau namens Claudia um Unterschrift und folgenden Satz: «Für Petra zur Erinnerung an unsere gemeinsame Zeit in Perugia.» Dienstleistungsbeflissen und höflich sagte ich: «Ich hatte aber keine gemeinsame Zeit mit Petra in Perugia.» Darauf Claudia: «Na und? Aber ich.»

«Dann schreiben Sie doch vielleicht die Widmung», sagte ich. Zack, da war sie schon beleidigt. Ich schlug vor: «Für Petra zur Erinnerung an Perugia und Claudia.»

«Na gut.»

 

Halb eins im Bett. Noch schnell Guido Westerwelle im Fernsehen getroffen. Die Bundestagswahl ist vorbei. Jetzt muss eine Koalition gefunden werden, und Westerwelle wird nicht müde, seine Ablehnung «dieser SPD» in jedes Mikrophon zu schleudern. Er tut gerade so, als wollten alle unbedingt mit ihm koalieren. Will aber niemand. Möglich, dass die anderen müssen, aber wollen wollen sie deswegen noch lange nicht. Das ist vielleicht die Tragik der FDP.

Vor dem Einschlafen reisen die Gedanken von Westerwelle zu meinem neuen weißen Anzug. Ich habe ihn mir vor ein paar Wochen anlässlich der Einladung zu einer sogenannten Mottoparty («Dress in white!») zugelegt. Ich hasse Mottopartys, und eigentlich soll mir der rechte Hoden abfallen, wenn ich auf einer auftauche. Leider habe ich nicht genug Sozialkontakte, um mich an derartige Beschlüsse halten zu können.

Der weiße Anzug steht mir komischerweise hervorragend – und er hat Nano-Technik. NANO-TECHNIK. Wenn man Flüssigkeit auf den Anzug schüttet, dann perlt sie einfach ab, als habe sie Angst vor dem Anzug. Flüssigkeit – sogar Salatöl – will nicht auf diesen Anzug. Das ist für einen weißen Anzug natürlich praktisch. Als ich ihn also auf der Party trug und erwähnte, dass er NANO-TECHNISIERT sei, schütteten mir den ganzen Abend enthirnte Kumpels Bier und Rotwein auf die Jacke und erfreuten sich am Perl-Effekt, der sich keineswegs abnutzte und übrigens sogar mit Zigarettenasche funktionierte. Ich blieb trocken, sauber und fröhlich und fühlte mich wie eine Kreuzung aus Tom Wolfe und Jean Pütz.

Wyk. Das Husten im Kurgartensaal

21. September 2005

Früh raus, um nach Wyk auf Föhr zu fahren. Föhr ist die Insel südlich von Sylt, neben Amrum und oberhalb von Pellworm. Nordfriesland. Jetzt raten Sie mal, wie lange man mit dem Zug von Lübeck nach Wyk braucht? Da kommen Sie nie drauf. Sechs Stunden und achtunddreißig Minuten. Für einhundertzwanzig Kilometer. Nicht zu glauben. Ohne jemals im Kongo gewesen zu sein, ahne ich, dass die Bahnstrecke von Brazzaville nach Makunda Tsiaki besser ausgebaut ist als das Regionalbahnnetz der Deutschen Bahn in Schleswig-Holstein.

Auf der Fahrt hat man viel Zeit zum Nachdenken. Zum Beispiel darüber, dass wir unser Land nicht genug kennen. Keine Ahnung, ob Engländer alle mal nach Cornwall oder nach Bristol fahren und ob alle Schweden Småland kennen. Jedenfalls glaube ich, dass wir Deutschen uns nicht gut genug in Deutschland auskennen. Ich zum Beispiel habe mehr italienische Städte samt Kirchen und Museen besucht als deutsche, und ich glaube, dass dies bei vielen meiner hochinteressierten und weitgereisten Landsleute genauso ist. Saarbrücken? Hä? Sächsische Schweiz? Öh. Schwäbische Alb? Nä!

Ich hätte dazu einen Vorschlag: Alle Jugendlichen müssten während ihrer Schulzeit insgesamt vier Monate auf Kennenlernreise. Einen Monat in den Osten, einen Monat in den Norden, einen in den Süden und einen Monat in den Westen. Mit Führungen. Eine ganze Reiseindustrie könnte so entstehen, weit über die existierende Jugendherbergskultur hinaus. Am Ende könnte jeder sagen, dass er sein Land mal vom Wattenmeer bis zu den Alpen gesehen hat. Und jeder könnte sich für oder gegen Deutschland entscheiden, weil er es kennt.

 

Natürlich mache ich diesen Vorschlag nur leise, denn es ist peinlich, daran zu erinnern, dass wir entwicklungsfähige Kenntnisse unseres Landes und unter anderem deshalb kein ausgeprägtes Nationalbewusstsein haben. Man gerät gleich in so eine völkische Ecke. Ich ziehe ihn also zurück, meinen Vorschlag. Entschuldigung. Ich bin sofort wieder ein braver, in den siebziger und achtziger Jahren sozialisierter Deutscher, der sich aus lauter Angst vor übertriebenem Nationalismus nicht darüber beklagt, dass kein Mensch weiß, wo Iserlohn ist. Und ich reihe mich nach diesem Gedankenspiel auch sofort wieder brav in die Phalanx modernistischer deutscher Autoren ein, die reflexartig erklären, dass es keinen Grund gebe, zu wissen, wo Iserlohn liegt, weil man ohnehin nie hinfahren würde.

 

Schade, dass man immer nur einen Tag bleibt. Das reicht nicht, nicht einmal auf der kleinen Insel Föhr, wo die Orte heißen wie in Asterix-Heften: Wrixum, Boldixum, Oevenum, Midlum. Fünfzehn Kilometer Sandstrand haben die hier. Man bekommt frischen Fisch und rote Wangen und glänzende Augen, denn hier ist alles so schön weiß (Häuser), blau (Himmel), grün (Weiden). Das ergibt zusammen mit den Reetdächern, der Tracht und der gepflegten Einkaufsstraße eine durchaus prachtvoll zu nennende Folklore.

In Wyk auf Föhr übernachte ich im Kurhotel, wo jetzt in der beginnenden Nachsaison vor allem ältere Menschen absteigen. Und was machen die den ganzen Tag in diesem Luftkurort? Na was wohl, husten natürlich. Sie werden von mir aber jetzt kein Seniorenbashing lesen, weil man gegen den Senior von heute kaum mehr etwas haben kann, denn er ist im Regelfall zu jung, um in der Waffen-SS gewesen zu sein. Wenn man heute einen Achtzigjährigen fragt, was er in der Nazizeit gemacht hat, war er in der Regel Schüler oder Flakhelfer. Vor zehn Jahren war das noch anders. Wir Jüngeren müssen uns nun allmählich darauf einstellen, dass die Frage, was der Mann neben uns im Bus wohl im Dritten Reich gemacht haben mag, nicht mehr Anlass zu düsteren Ahnungen sein kann.

 

Die Friesen sind freundliche Menschen mit einem großen Talent für den Fremdenverkehr. Es würde mich nicht wundern, wenn Wyk auf Föhr im Oktober abgebaut würde, um dann über Winter eingelagert und erst Ende April wieder auf markierten Flächen installiert zu werden. Die Bewohner von Wyk legen die gestreiften Hemden ebenso ab wie ihren Dialekt und fahren für fünf Monate heim nach Thüringen.

Auch die Sache mit der Ebbe ist ein großes Mysterium. Natürlich haben wir irgendwann gelernt, wie das mit den Gezeiten funktioniert. Mond und so. Jaja. Natürlich alles Lüge. In Wahrheit sind Ebbe und Flut eine Erfindung der nordfriesischen Fremdenverkehrsdirektion. Die Bürgermeister der Inseln wechseln sich wochenweise damit ab, zu einem als Boje getarnten Stöpsel vor Helgoland zu fahren, den sie ziehen, auf dass das Wasser abläuft. Und warum das Ganze? Es sieht erstens spektakulär aus und bedeutet zweitens einen immensen Landgewinn. Man bekommt einfach mehr Gäste unter.

Das Wasser verschwindet also geisterhaft und macht allerhand Sonderbares sichtbar, zum Beispiel kleine Löcher mit gekringelten Sandhaufen, die ich mit dem großen Zeh inspiziere, was aber keinen großen Erkenntnisgewinn zeitigt. Dafür riecht es ungemein gesund auf einem Wattspaziergang.

Man kann unter günstigen Umständen von Föhr nach Amrum laufen. Allerdings sind die Föhrer durchweg der Ansicht, dass sich der Weg nicht lohnt. Ich laufe über das Watt und beobachte Krebse, die ausgezeichnete Tänzer sind, und sammle natürlich Muscheln. So stakst man wie ein Storch im Watt herum und sieht dabei die meiste Zeit nach unten, was ein Anfängerfehler ist, denn irgendwann bilden sich große Pfützen, die man umlaufen muss. Währenddessen vergrößern sich die Pfützen zu kleinen Teichen, dann zu Seen, und urplötzlich steht man mit käsigen Beinen bis überm Knöchel drin, krempelt die Hosenbeine hoch und wird gewahr, dass es mit der Ebbe so was von vorbei ist. Und dass man es doch recht weit zum Strand hat. Man mäandert in einer komischen Verzweiflung und ohne echte Angst durchs Watt und blickt schließlich, am Ufer angekommen, aufs Meer zurück. Uff. Kleines Abenteuer. Das haben die sich wirklich toll ausgedacht hier.

 

Abends lese ich im Kurgartensaal und stelle schnell fest, dass die Zuschauer überhaupt nicht wegen mir gekommen sind. Sie würden sich auch eine Vorführung des Börner-V-Hobels ansehen oder einen Flohzirkus oder ein Damen-Rodeo. Aber das gibt es heute nicht. Der große Kursaal hat eine professionelle Bühne und dahinter einen dicken schwarzen Vorhang. Zwischen diesem Vorhang und der Wand sind etwa fünfzig Zentimeter Platz. Und da sitze ich auf einem Stühlchen, das Manuskript auf dem Schoß, und höre dem Herrn zu, der mich auf der Bühne ankündigt.

Es ist stockdunkel hinter der Bühne, und wie der Mann so über mich spricht und spricht (er hat sich wirklich sehr gut vorbereitet), denke ich: So muss das sein, wenn einer lebendig begraben wurde und dann der Predigt zuhört. Irgendwann schließt der Herr und donnert: «Begrüßen Sie nun mit mir: Jan Weiler.» Frenetischer Applaus klingt anders, denke ich, und schlüpfe durch den Schlitz im Vorhang. Geblendet vom Bühnenlicht setze ich mich an das Lesetischlein und stelle fest, dass wir immerhin zu fünfundzwanzig sind. In das karge und von nicht zu viel Erwartung gespeiste Klatschen mischen sich krampfartige Huster. Die Leute sind ja schließlich nicht zum Vergnügen hier.

Ich denke, zur Einleitung muss jetzt einfach ein Witzchen her, um das Eis zu brechen. Also sage ich guten Abend und dass das hier eine Verkaufsveranstaltung sei. «Wir haben draußen im Foyer achtzehnteilige Messersets für Sie, zum Preis von einhundertneunzig Euro. Und die Fähre legt erst wieder ab, wenn die alle weg sind.» In der dritten Reihe sitzt eine Dame, die ihrem Gatten die Hand auf den Arm legt und zischt: «Wir gehen!» Er antwortet mit einem rauen Husten. Nach dieser ebenso schwungvollen wie missglückten Einleitung wird es dann aber noch ein sehr netter Abend.

 

Am nächsten Morgen mache ich noch einen Wattspaziergang. Diese Luft! Ich wünschte, ich wäre ein alter Mann und könnte das richtig genießen, nach einem langen Leben als beispielsweise Flakhelfer und Konditor.

Osterholz-Scharmbeck. Meine Nacht als Büfett

22. September 2005

Ich muss heute von Wyk nach Osterholz-Scharmbeck, was bei Bremen und großzügig geschätzt zweihundert Kilometer weiter südlich liegt. Dauert sechseinhalb Stunden. Wenn man unterwegs in den ICE steigt, um schicker zu reisen, dauert es siebeneinhalb Stunden. Herrlich. Man kann stundenlang aus dem Fenster schauen und Butterbrote kauen, Musik hören und Omis betrachten. Wann hat man dafür schon mal Zeit? Eigentlich nie. Ich bin jetzt schon dankbar für diese Reise.

Die Personenfähre, die Touristen und Pendler nach Wyk und wieder zurück an Land nach Dagebüll bringt, ist ein großer eckiger Kahn mit einem zauberhaft angeschmuddelten Restaurant. Es kommt schon mal vor, dass der Kahn bei Ebbe im Watt stecken bleibt. Dann muss man eben warten, bis mindestens eine Handbreit Wasser unterm Kiel ist und sich das Ding wieder aus dem Matsch erhebt.

Ich blättere im Schiffsrestaurant in der eingeschweißten Speisekarte herum und stoße auf folgenden Text, den ich hiermit originalgetreu wiedergebe: «Stellen Sie sich doch mal vor, dass in den 45 Minuten Überfahrt alle Bestellungen aufgenommen, ausgeführt und kassiert werden müssen. Und dabei immer freundlich sein. Na ja, um ganz ehrlich zu sein, gibt es manchmal auch ganz unfreundliche Gäste, die man am besten kielholen sollte, aber die meisten sind so nett wie Sie. Geschworen.» Gebührend eingeschüchtert, bestelle ich ein Brötchen mit Gouda und einen Tee. Ich bin supernett und werde nicht kielgeholt, was wohl auch an dem Trinkgeld liegt, das ich so ängstlich wie großzügig entrichte.

 

Dann weiter im Zug nach Bremen, von dort nach Osterholz-Scharmbeck, einer kleinen protestantischen Stadt, die zwanzig Kilometer von Bremen entfernt am Teufelsmoor liegt und bis vor einigen Jahren einer amerikanischen Division mit dem passenden Namen «Hell on wheels» als Garnisonsstadt diente.

Ich werde vom Bahnhof abgeholt und zum Hotel gebracht. In dieser sumpfigen Gegend wird Torf gestochen. Früher nannte man die Bewohner dieses Landstriches «Torfköppe». Das ist aber sehr aus der Mode gekommen. Das Hotel wirkt mit seinem dunklen Holz und den stoffbezogenen Wänden sehr englisch. Ich wedle eine September-Mücke von meinem Arm und lege mich aufs Bett. Noch eine Mücke. Na warte, Flügelschwein. Kurzes Nickerchen, auf zur Lesung. Keine besonderen Vorkommnisse.

 

Kleiner Snack im Hotel, dann aufs Zimmer, wo ich das Licht lösche und auch schon beinahe schlafe, als plötzlich: SSSST an meinem linken Ohr. SSST an meinem rechten Ohr. Ich schlage drauf, erwische das Monster, mache Licht, um nachzusehen, ob sein widerlicher Mückenleib schon voll meines Blutes ist. Und dann wird mir klar, dass es in Osterholz-Scharmbeck heute zwei gutbesuchte Veranstaltungen gab, nämlich meine Lesung sowie den Weltmückenkongress. Stechmücken aus allen Erdteilen haben sich heute im Zimmer elf dieses entzückenden Hotels eingefunden, um über die neuesten Antimückenmittel zu kichern und die Weltherrschaft zu diskutieren. Und ich bin das warme Büfett.

Ich schlage wild um mich, stelle mich fuchtelnd aufs Bett, suche systematisch das Zimmer ab, Ecke für Ecke. Und das Zimmer hat viele Ecken, schließlich handelt es sich um ein historisches Fachwerkhaus. Nachdem der Mückengenozid vollbracht ist und das Zucken ein Ende hat, lege ich mich hin und ziehe mir die Decke über den Kopf. Der Kongress endete in einem Blutbad. Das Büfett erhob sich von der Tafel und erschlug jeden Festgast sowie weitere Kerbtiere, die ihm auf die Nüsse gingen. So macht man sich in der Fauna natürlich keine Freunde.

Hamburg. Einblick in den SPIEGEL

23. September 2005

In Hamburg werde ich vom Zug abgeholt und zum SPIEGEL gefahren, wo ich im Ressort des Kultur-SPIEGEL eine Heftkritik machen soll. Die meisten Zeitungen und Zeitschriften pflegen dieses Forum der Selbstgeißelung. Nur wenige Redaktionen halten diese Institution für die Zeitverschwendung, die sie tatsächlich ist.

Es handelt sich bei der Heftkritik (manchmal auch: «Blattkritik») um eine wegen ihres Unterhaltungswertes stets gutbesuchte Konferenz, bei der ein Angehöriger der Redaktion seine Meinung zur aktuellen Ausgabe ausführlich darlegen darf. Er mäkelt dann an Schriftgrößen, Themen, der Qualität der Texte, den einfallslosen Bildunterschriften und der Linie der Chefredaktion herum, was zwar unmittelbar folgenlos bleibt, aber keine spontanen Gehaltserhöhungen nach sich zieht, in manchen Häusern einige Tage später allenfalls ein für beide Seiten unerquickliches Personalgespräch. Auch aus diesem Grund werden Heftkritiken häufig an überforderte und mit Angstflechte überzogene Praktikanten delegiert. Oder an Gäste. Denen gegenüber kann man jeden angesprochenen Missstand mit irgendwelchen undurchschaubaren Produktionsbedingungen begründen.

 

Der SPIEGEL ist für Journalisten ein Traum. Zunächst einmal arbeiten sie in einer Firma, die immer in Großbuchstaben geschrieben wird. Das ist schon einmal was fürs Selbstbewusstsein. Und sie dürfen sorglos lücken- oder sogar fehlerhafte Texte abgeben. Diese Info-Fragmente werden von in einem feuchten Stollen lebenden Kollegen aus der sogenannten «Dokumentation» um die notwendigen Fakten ergänzt. Sehr angenehm, beim SPIEGEL zu arbeiten. Redakteure können sich jederzeit Kaffee und ein Mettbrötchen an den Arbeitsplatz bestellen. Nummer wählen (Durchwahl -2444), zack, paar Minuten später ist der Kaffee da und wird samt Mettbrötchen am Ende des Monats vom Gehalt abgezogen.

Wenn man im SPIEGEL eine Konferenz abhalten will, brüllt man auch nicht etwa «Konferenz» in den Flur, und dann kommen die Kollegen angebummelt oder verstecken sich unter ihren Tischen. Nein, man reserviert über eine Sekretärin bei der «allgemeinen Verwaltung» (Durchwahl -2518) einen Besprechungsraum, der von unsichtbaren, womöglich ehemals investigativen Servicekräften vorbereitet wird. Teilnehmer der Konferenz «11 Uhr Kultur-SPIEGEL» können einem Bildschirm auf dem Flur entnehmen, in welchem Raum (Nummer zwei) sie tagen, damit sie nicht auf der Suche nach den Kollegen versehentlich in eine geheime Strategiebesprechung zur Wiederbeschaffung des Bernsteinzimmers platzen und füsiliert werden.

In den klimatisierten Konferenzzimmern stehen Kekse bereit. Es gibt im SPIEGEL Sommerkekse und Winterkekse. Die Sommerkekse («Bahlsen Summertime») haben keinen Schokoüberzug, damit man sich nicht das Brooks-Brothers-Hemd versaut. Es stehen zudem Kaffee, Säfte, eine Vielzahl von Teesorten und kleine Wasserfläschchen bereit. Die SPIEGEL-Redakteure halten sich beim Konsum aber zurück. Luxus besteht für sie darin, AUF KEINEN FALL etwas zu trinken, gerade weil sie dies jederzeit tun KÖNNTEN, wenn ihnen danach WÄRE. Außerdem ist Saftschorle-Trinken in der Konferenz ein Genuss, und Genuss ist Schwäche, und Schwäche gehört sich nicht beim Sturmgeschütz der Demokratie. «Das ist Hamburg», erklärt mir später ein Freund. Na, dann ess ich halt die Kekse ganz alleine auf.

Es gibt gute und weniger gute Heftkritiker, und es gibt gewaltige Nervensägen. Ich bin so eine, denn ich habe auf der gestrigen Zugfahrt jede Menge Zeit zur Vorbereitung gehabt. Mein Vortrag fällt also eher lang aus. Und länger. Und noch länger. Kurz bevor meinen Zuhörern das Kinn auf die Brust fällt, bin ich fertig und werde zur Belohnung in die WELTBERÜHMTE Kantine des SPIEGEL zum Mittagessen eingeladen.

Die SPIEGEL-Kantine wurde von dem dänischen Innenarchitekten und Designer Verner Panton entworfen. Man muss dort nicht an Stahlblechtrögen anstehen wie etwa bei der «Süddeutschen Zeitung». Nein, im SPIEGEL wird am Tisch bedient. Die Aussicht ist allerdings trostlos, denn die Kantine befindet sich im Erdgeschoss, und man blickt bloß auf eine hässliche Straße. Anschließend noch ein Käffchen in der Snackbar. Schon großartig, dieser SPIEGEL.

 

Abends Lesung in einer großen Buchhandlung in Eppendorf oder Eimsbüttel. Ich kann das nie auseinanderhalten.