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Influenza E-Book

Gina Kolata

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Beschreibung

Gina Kolata ist ein packender Thriller über einen der rätselhaftesten Fälle der Medizingeschichte und zugleich eine kenntnisreiche Darstellung der modernen Virenforschung gelungen, deren Bedeutung in einem Zeitalter neuer Viruserkrankungen aktueller ist denn je. (Dieser Text bezieht sich auf eine frühere Ausgabe.)

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Seitenzahl: 459

Veröffentlichungsjahr: 2015

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Gina Kolata

Influenza

Die Jagd nach dem Virus

Aus dem Englischen von Irmengard Gabler

FISCHER E-Books

Inhalt

Für meine Eltern [...]Prolog1 Das Seuchenjahr2 Krankheit und Tod in der Vergangenheit3 Von Seeleuten und Schweinen4 Ein schwedischer Abenteurer5 Schweinegrippe6 Der Rechtsstreit7 John Daltons Augen8 Ein Zwischenfall in Hongkong9 Von Alaska nach Norwegen10 Rätsel und Theorien11 Epilog: Der Vogelgrippe auf der SpurAnmerkungenDank

Für meine Eltern

Prolog

Wenn jemand über die Grippe von 1918 Bescheid wissen sollte, dann ich.

Ich habe im Hauptfach Mikrobiologie studiert und auch ein Seminar in Virologie belegt, aber die Grippe von 1918 kam nie zur Sprache. Auch in den Geschichtsveranstaltungen, an denen ich teilnahm, war sie kein Thema, nicht einmal in meiner Lieblingsvorlesung über die wichtigsten Ereignisse des zwanzigsten Jahrhunderts, in der doch in aller Ausführlichkeit der Erste Weltkrieg besprochen wurde. Während meiner journalistischen Laufbahn schrieb ich etliche Artikel über Medizin im Allgemeinen und Influenza im Besonderen, zuerst für die Zeitschrift Science, später auch für die New York Times, aber mit der Grippe von 1918 wurde ich nie konfrontiert.

Im Nachhinein ist mir meine eigene Unwissenheit unbegreiflich, zumal die Grippe von 1918 jede andere Epidemie dieses Jahrhunderts in den Schatten stellt. Diese Seuche war so verheerend, dass ein ähnliches Virus heutzutage in nur einem Jahr mehr Menschenleben fordern würde als Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Krebs, Schlaganfälle, chronische Lungenleiden, Aids und Alzheimer zusammen. Sie war die grausame Realität am Ende des Ersten Weltkriegs und beeinflusste den Lauf der Geschichte. Sie forderte in Amerika in nur einem Jahr mehr Menschenleben als im Ersten und Zweiten Weltkrieg, in Korea und Vietnam Soldaten fielen.

Die Grippe von 1918 betraf sowohl meine Familie wie auch die meines Mannes. Mein Vater hielt große Stücke auf den Rat eines alten Arztes, der die Grippe überlebt hatte und daraufhin jede Atemwegserkrankung mit Erythromycin bekämpfte. Als ich noch klein war, musste ich daher, sobald ich Fieber bekam, dieses Antibiotikum einnehmen. Dennoch sah ich lange Zeit keinen Zusammenhang zwischen dem unerschütterlichen Glauben des besagten Arztes an das Wundermittel, das man erst Jahrzehnte später entdeckt hatte, und dem einschneidenden Erlebnis der Grippe. Als ich älter wurde und man allmählich von einer Überfütterung mit Antibiotika sprach, bildete ich mir sogar ein, auf den Arzt meines Vaters herabsehen, ihn als unzeitgemäß abtun zu müssen.

In der Familie meines Mannes war die Grippe eine erschütternde Erinnerung. Seine Mutter war noch ein junges Mädchen, als ihr Vater den Folgen dieser Virusinfektion erlag und ihre Mutter mit vier Kindern zurückließ. Irgendwie begriffen aber weder mein Mann noch ich so recht, was eigentlich passiert war. Seine Mutter hatte immer erzählt, ihr Vater sei an einer Lungenentzündung gestorben, die er sich als Arbeiter in einer Gießerei zugezogen hatte.

Heute finde ich es bemerkenswert, wie lange ich zu der Einsicht brauchte, dass 1918 eine schreckliche Seuche Tod und Zerstörung über die Welt gebracht und nahezu jede Familie betroffen hatte. Allerdings war ich in meiner Unwissenheit nicht allein. Die Grippeepidemie von 1918 ist eines der großen Rätsel der Geschichte.

Mein so genanntes Aha-Erlebnis hatte ich 1997, als ich für die New York Times einen Artikel über einen bemerkenswerten Aufsatz in der Zeitschrift Science schrieb. Er handelte von ersten Bemühungen, den genetischen Code des Virus von 1918 zu rekonstruieren, und war ein wichtiger Bestandteil eines medizinischen Krimis, der genauso erstaunlich ist wie die Grippe von 1918 selbst. Es geht darin um Wissenschaft und Politik, die sich von ihrer übelsten und ihrer besten Seite zeigen, um ein Virus, einen der bösartigsten Mörder, die es je gegeben hat. Und er handelt von Menschen, die von der Idee besessen waren, diesem Mörder auf die Spur zu kommen. Wie jeder gute Krimi besteht diese Geschichte aus viel Spannung und Spürsinn.

Es ist an der Zeit, diese Geschichte endlich zu erzählen. Die Lösung des Rätsels könnte nämlich dazu beitragen, die Menschheit vor einem ähnlichen Schicksal wie im Jahre 1918 zu bewahren, sollte dieses entsetzliche Virus jemals zurückkehren.

1 Das Seuchenjahr

Die folgende Kriminalgeschichte handelt von einem Massenmörder, der vor 80 Jahren sein Unwesen trieb und nie gefasst wurde.

Diesen Mörder werden wir nun überführen.

Jeffery Taubenberger, Molekularpathologe

Als die Seuche in jenen kühlen Herbsttagen ins Land kam, hielt man sie zuerst für eine schreckliche neue Kriegswaffe. Die Krankheitserreger, hieß es, seien in Aspirintabletten injiziert worden, die der deutsche Pharmakonzern Bayer hergestellt habe. Sobald man ein Aspirin gegen Kopfschmerzen zu sich nehme, würden sich die Keime im ganzen Körper verbreiten. Damit sei das Schicksal des Unglücklichen besiegelt.

Nein, widersprachen andere, die Seuche sei auf einem deutschen Schiff[1] ins Land gebracht worden, das im Schutz der Dunkelheit in den Hafen von Boston eingedrungen sei und die Keime freigesetzt habe, die sich dann in der ganzen Stadt verteilt hätten. Immerhin habe die Krankheit in Boston ihren Anfang genommen. Es gab sogar eine Augenzeugin, eine alte Frau, die beobachtet haben wollte, wie eine schmutzig aussehende Wolke von der Bucht hinüber zu den Docks getrieben sei.

Nein, Deutsche seien in U-Booten in den Hafen von Boston eingedrungen, hätten sich mit Ampullen, die die Keime enthielten, an Land geschlichen und die Erreger in Theatern und in Versammlungen freigesetzt, wo man für Kriegsanleihen warb. Dies war die Meinung von Oberstleutnant Philip S. Doane, Leiter der Hygieneabteilung der Notarztflotte, und der musste es schließlich wissen. Es stand auf der Titelseite des Philadelphia Inquirer.[2]

Bald war die Seuche überall. Und keiner war vor ihr sicher.

Die Krankheit wütete vor allem unter den Jungen und Gesunden. Heute noch war einer ein kerngesunder Mensch, stark und unverwundbar. Saß in seinem Büro und arbeitete. Oder strickte einen warmen Schal für einen der tapferen Soldaten, die in den Krieg gezogen waren. Oder war selbst Soldat, hatte sich freiwillig gemeldet und war im Trainingslager zum ersten Mal von Heim und Familie getrennt.

Zuerst spürt man vielleicht einen dumpfen Schmerz im Kopf. Dann fangen die Augen an zu brennen. Man beginnt zu frösteln, schleppt sich ins Bett und rollt sich ein. Aber ganz gleich, in wie viele Decken man sich hüllt, nichts hält einen warm. Man fällt in einen unruhigen Schlaf, träumt wirres Zeug, während das Fieber unaufhörlich steigt. Und wenn man aus dem Schlaf in eine Art Dämmerzustand gleitet, schmerzen die Muskeln und der Kopf, und man ist sich vage bewusst, dass man, während der Körper sich schwach dagegen wehrt, Schritt für Schritt dem Tod entgegengeht.

Es kann ein paar Tage dauern oder ein paar Stunden, aber nichts kann das Fortschreiten der Krankheit aufhalten. Ärzte und Krankenschwestern haben gelernt, die Symptome zu deuten. Die Gesichtsfarbe wird bräunlichviolett. Man hustet Blut, und die Füße verfärben sich schwarz. In der Endphase schnappt man nur noch verzweifelt nach Luft, und aus dem Mund tritt blutiger Speichel. Man stirbt, besser gesagt, man ertrinkt, weil die Lungen sich mit rötlicher Flüssigkeit füllen.

Und der obduzierende Arzt stellt fest, dass die Lungen schwer und nass im Brustraum liegen, vollgesogen mit einer dünnen, blutigen Flüssigkeit und nicht mehr zu gebrauchen.

 

Man nannte die Seuche von 1918 Grippe oder Influenza, obwohl sie sich von jeder früheren Form der Grippe unterschied. Sie ließ eher an die Erfüllung einer biblischen Prophezeiung denken, an die Offenbarung des Johannes, die besagt, dass die Welt zuerst von Krieg, dann von Hungersnot heimgesucht wird. Nachdem sich das vierte Siegel der Weissagung auftat, ist von einem fahlen Ross die Rede, »und der darauf saß, des Name hieß Tod, und die Hölle folgte ihm nach«.

Die Seuche brach im September 1918 aus, und als sie vorbei war, waren mehr als zwanzig Millionen Menschen tot. Sie erreichte die entlegensten Winkel des Erdballs. Einige Inuitdörfer wurden beinahe ausgelöscht. Zwanzig Prozent der Bevölkerung Westsamoas starben. Und stets nahm das Virus eine ungewöhnliche Zielgruppe ins Visier, nämlich junge Erwachsene, die normalerweise von ansteckenden Krankheiten weitgehend verschont bleiben. Die Sterblichkeitsdiagramme waren W-förmig[3], wobei die Spitzen für Babys und Kleinkinder unter fünf Jahren, für ältere Menschen zwischen 70 und 74 und für junge Erwachsene zwischen 20 und 40 standen.

Kinder wurden zu Waisen, Familien zerstört. Einige von denen, die die Zeit erlebt hatten, sagten im Nachhinein, diese Erfahrung sei viel zu schrecklich, um darüber zu reden. Andere versuchten das Erlebnis mit den übrigen Albträumen des Kriegs zu verdrängen, sie mit den Schrecken der Schützengräben und des Senfgases in einem entlegenen Winkel ihres Gedächtnisses zu verstauen. Die Seuche kam, als die Welt des Kriegführens müde wurde, fegte in wenigen Monaten über den Globus, verschwand, als der Krieg aufhörte. Sie ging auf ebenso mysteriöse Weise, wie sie gekommen war. In wenigen Monaten hatte sie mehr Menschen dahingerafft als jede andere Krankheit in der Weltgeschichte.

Wenn wir von Seuchen sprechen, haben wir dabei fremdartige, entsetzliche Krankheiten vor Augen. Aids. Ebola. Milzbrand. Und natürlich den Schwarzen Tod. Besorgt fallen uns erschreckende Symptome ein. Oder wir denken an ehemals starke, junge Männer, die, zu Skeletten abgemagert, mit greisenhaften Zügen und auf Stöcke gestützt durch die Straßen humpeln und vor Kälte zittern. Heutzutage machen wir uns Gedanken über biologische Kriegsführung – ein neues Virus etwa, eine Kombination aus Pocken und Milzbrand oder aus Pocken und Ebola. Oder wir fragen uns angstvoll, ob demnächst nicht irgendwo auf der Welt, in irgendeiner heißen Gegend, wieder ein gefährlicher neuer Erreger ausbrechen wird.

Die Grippe steht jedoch nie auf der Liste der tödlichen Seuchen. Sie wirkt ausgesprochen harmlos, kommt pünktlich jeden Winter, und früher oder später steckt sich jeder damit an. Zwar gibt es, sobald sich jemand angesteckt hat, keine geeignete Behandlung, aber das ist nicht so schlimm. Fast alle überstehen diese Krankheit, und Ausnahmen bestätigen die Regel. Sie ist lediglich unangenehm, den meisten von uns macht sie etwa eine Woche lang zu schaffen. Die Influenza an sich ist nicht tödlich, zumindest nicht für junge Erwachsene, die wenig Anlass haben, den Tod oder eine schlimme Krankheit zu fürchten.

Schon der Name »Influenza« weist darauf hin, dass sie in der Regel pünktlich im Winter kommt. Er stammt aus dem Italienischen und wurde angeblich Mitte des achtzehnten Jahrhunderts von italienischen Opfern der Krankheit geprägt: Influenza di freddo, »Kälteeinfluss«[4].

Einer Grippe kann man fast nicht entgehen. Sie überträgt sich über die Atemwege, und man kann wenig tun, um einer Ansteckung vorzubeugen. »Ich weiß, wie man sich vor Aids schützt«, sagt der Historiker Alfred W. Crosby, der sich mit der Grippe von 1918 befasst hat. »Aber wie man eine Grippe vermeidet, weiß ich nicht.«

Und gerade weil die Grippe eine so vertraute Krankheit ist, war der Schrecken, den sie 1918 verbreitete, umso größer. Es war wie in einem makabren Science-Fiction-Roman, in dem gerade das Harmlos-Vertraute sich ins Monströse verkehrt.

Als die Krankheit zum ersten Mal diagnostiziert wurde, zögerten die Ärzte, sie als Grippe zu bezeichnen. Sie glaubten, es mit einem völlig neuen Leiden zu tun zu haben. Einige sprachen von einer Bronchiallungenentzündung, andere von einer seuchenartigen Atemwegserkrankung. Manche Ärzte hielten sie für Cholera oder Typhus[5], für Denguefieber oder Botulismus. Andere nannten sie eine nicht näher zu bestimmende Epidemie. Wer sie als »Influenza« bezeichnete, setzte den Begriff in Anführungszeichen.[6]

Eine Möglichkeit, die Grippe von 1918 zu beschreiben, ist die Zuhilfenahme von Fakten und Zahlen, eine gewaltige Anhäufung erschütternder Daten.

Wie viele Menschen waren damals krank? Mehr als 25 Prozent der nordamerikanischen Bevölkerung.[7]

Und was war mit den Angehörigen des Militärs, allesamt gesunde junge Männer und die bevorzugten Ziele des Virus? Die Marine berichtet, dass 1918 40 Prozent ihrer Soldaten an der Grippe erkrankten. Die Armee schätzte die Anzahl der Betroffenen auf etwa 36 Prozent.[8]

Wie viele starben weltweit? Die Schätzungen reichen von 20 bis zu über 100 Millionen Menschen, aber die wirkliche Anzahl wird sich wohl nie ermitteln lassen. Viele Orte, die von der Grippe heimgesucht wurden, erstellten keine Totenregister, und sogar in Ländern wie den Vereinigten Staaten wurden Bemühungen, sämtliche Grippetoten tabellarisch zu erfassen, durch die Tatsache erschwert, dass es damals noch keine Tests gab, um festzustellen, ob jemand tatsächlich an Influenza erkrankt war. Und doch verblüfft sogar die niedrigste Zahl derer, die schätzungsweise an der Grippe starben. Aids tötete im Vergleich bis zum Jahr 1997 insgesamt 11,7 Millionen Menschen. Der Erste Weltkrieg war für 9,2 Millionen Gefallene und ungefähr 15 Millionen Tote insgesamt verantwortlich. Der Zweite Weltkrieg kostete 15,9 Millionen Soldaten das Leben. Der Historiker Crosby meint, dass unabhängig davon, wie viele Menschen der Grippe von 1918 tatsächlich zum Opfer fielen, eines doch unbestreitbar sei: Das Virus »hat innerhalb eines vergleichbaren zeitlichen Rahmens mehr Menschen getötet als irgendeine andere Krankheit in der Weltgeschichte«.

Wie tödlich war sie? Sie war fünfundzwanzigmal tödlicher als eine gewöhnliche Grippe, tötete 2,5 Prozent ihrer Opfer. Normalerweise stirbt nur ein Zehntel Prozent aller infizierten Personen an der Grippe. Und da ein Fünftel der Weltbevölkerung in diesem Jahr die Grippe hatte, die 28 Prozent Amerikaner mit eingeschlossen, war die Zahl der Toten wirklich verblüffend. Tatsächlich starben so viele Menschen, dass 1918 die durchschnittliche Lebenserwartung in den USA vorübergehend um zwölf Jahre sank. Würde heute eine solche Krankheit ausbrechen und einen ähnlich hohen Prozentsatz der amerikanischen Bevölkerung dahinraffen, dann wären 1,5 Millionen Amerikaner dem Tod geweiht.

Aber Zahlen allein können das grauenvolle Elend nicht vermitteln, das 1918 über die Welt kam und in jedem Land – in den größten Städten wie in den entlegensten Dörfern – den Alltag bestimmte.

Einige Wissenschaftler erzählen von ihrem persönlichen Aha-Erlebnis. Der Historiker Crosby war einmal zu Besuch an der Washington State University und besah sich eine Regalwand mit Almanachen aus aller Welt. Aus einer Laune heraus nahm er sich einen Almanach von 1917 und schlug nach, wie hoch damals die Lebenserwartung in den USA war. Sie lag, wie er sich erinnert, bei etwa einundfünfzig Jahren. Dann nahm er sich den Almanach von 1919 vor. Die Lebenserwartung war ungefähr dieselbe. Schließlich schlug er den Almanach von 1918 auf. Hier habe sich die Lebenserwartung plötzlich nur noch auf neununddreißig Jahre belaufen, sagte er. »Was zum Teufel ist da passiert?«, fragte er sich. »Mit einem Mal ist die Lebenserwartung auf demselben niedrigen Stand wie fünfzig Jahre davor.« Dann erkannte er, wie sich dieser Umstand erklären ließ. Es war die Grippeepidemie, die Krankheit, die sein eigener Vater zwar überstanden, über die er aber nie mit ihm gesprochen hatte. »Wenn man mit Leuten redet, die damals an der Grippe erkrankt waren, dann denken die, nur ihre Straße oder ihre nähere Umgebung sei betroffen gewesen«, bemerkte Crosby. Die fast unvorstellbar große Ausbreitung der Grippe war der Aufmerksamkeit der Menschen irgendwie entgangen. Crosby beantragte einen Zuschuss der National Institutes of Health, um sich mit der Grippe von 1918 auseinander zu setzen, und wurde bald weltweit der führende Experte für dieses nahezu in Vergessenheit geratene Ereignis.

Niemand weiß genau, woher die Grippe von 1918 kam oder wodurch sie so tödlich wurde. Bekannt ist nur, dass sie als gewöhnliche Influenza begonnen, sich dann jedoch verändert hatte. Sie kam im Frühling 1918, löste bei ihren Opfern ungefähr drei Tage lang Schüttelfrost und Fieber aus, kostete aber nur wenige Menschen das Leben. Dann zog sie sich wieder zurück, aber nur, um im Herbst mit verheerender Gewalt erneut auszubrechen.

Im Nachhinein sprechen Mediziner von den zwei Wellen der 1918er Grippe. Die erste war banal und schnell wieder vergessen. Niemand sprach von einer Seuche oder von biologischer Kriegsführung, als die Influenza zum ersten Mal kam. Doch als sie zum zweiten Schlag ausholte, war etwas Monströses aus ihr geworden, das nicht mehr viel Ähnlichkeit hatte mit dem, was man gemeinhin unter einer Influenza versteht.

Die frühesten Spuren der ersten Grippewelle von 1918 wurden von der Zeit ausgelöscht; erst später hat man sie als Warnung aufgefasst. Im Vergleich zu den Schrecken des Kriegs wirkte die Krankheit harmlos und nicht der Rede wert. Aber eine der ersten Städte, die von der Grippe betroffen waren, konnte die Krankheit nicht so leicht übergehen – nicht weil sie so gefährlich, sondern weil sie so ansteckend war.

Es war Februar, und in San Sebastián war die Touristensaison bereits in vollem Gange. Die sonnige Stadt an der Nordküste Spaniens schien eine Welt fernab vom tristen, trostlosen Kriegsalltag jenseits der französischen Grenze. In San Sebastián konnte man im Winter 1918 die nassen, kalten, schlammigen Schützengräben verdrängen. Man konnte auch dem Gerede über den tödlichen grünen Dunst des Senfgases entkommen, einer schaurigen neuen Kriegswaffe der Deutschen, und Zuflucht finden in einem Land, das noch nicht in die Kämpfe verwickelt war, wo die Tage warm und die Nächte mild und voller Düfte waren. Hier konnte man eine Weile vergessen, dass im übrigen Europa Krieg war.[9]

Dann hielt die Grippe in der Stadt Einzug. Sie war kein Grund zur Sorge – nur etwa drei Tage Fieber, Unwohlsein und Schmerzen. Aber sie war ansteckend. Fast jeder, der mit der Krankheit in Berührung kam, wurde ungefähr zwei Tage später selber krank. Die Grippe schien bevorzugt gesunde junge Erwachsene zu befallen und alte Menschen und Kinder zu verschonen, die ihr normalerweise als Erste zum Opfer fallen.

Was war zu tun? Sollte die Welt erfahren, dass in San Sebastián die Grippe grassierte, wäre die Touristensaison vorbei. Wer wollte schon in die Ferien fahren, nur um krank im Hotelbett zu liegen? Vielleicht konnte man die Krankheit geheim halten, argumentierten die Verantwortlichen der Stadt. Und doch verbreitete sich bald die Nachricht, dass man San Sebastián besser meiden solle.

Fast zur selben Zeit erkrankten ein paar Soldaten, aber noch war nicht abzusehen, wie weit die Krankheit um sich greifen würde. Im März erreichte sie das 15. Regiment der U.S. Cavalry auf dem Weg nach Europa.

Zwei Monate später schienen plötzlich alle krank zu werden. In Spanien waren es acht Millionen Menschen, darunter auch König Alfons XIII. Ein Drittel der Bevölkerung Madrids hatte die Grippe, sodass einige Behörden schließen mussten.

Nicht einmal mehr die Straßenbahnen fuhren. Und diesmal war nicht nur Spanien betroffen – die erste Grippewelle hatte sich weit verbreitet.

Die Soldaten sprachen vom »Drei-Tage-Fieber«, nach Aussage einiger Betroffener. Einer davon, ein gewisser Sergeant John C. Acker, schrieb im April in seinem Brief aus Frankreich: »Sie reden hier vom ›Drei-Tage-Fieber‹, aber der Name täuscht, weil es eine ganze Woche oder noch länger dauert. Es erwischt einen völlig unvermittelt: Das Fieber jagt die Quecksilbersäule ganz nach oben, das Gesicht läuft rot an, jeder Knochen im Leib tut weh, und man hat das Gefühl, als würde einem der Kopf gespalten. Das geht drei oder vier Tage lang so, dann verschwindet es wieder, nachdem man kräftig geschwitzt hat, aber der ›Kater‹ hält sich noch ein oder zwei Wochen.«[10]

Anderswo hieß die Krankheit die Spanische Grippe[11] – zur Entrüstung Spaniens, denn schließlich waren auch das übrige Europa, die Vereinigten Staaten und Asien im Frühling des Jahres 1918 davon betroffen. Vielleicht blieb der Name haften, weil Spanien sich noch immer neutral verhielt und im Unterschied zu den anderen europäischen Staaten seine Nachrichten nicht zensierte und daher auch aus der Grippe keinen Hehl machte.

Wie dem auch sei, die Ausweitung der Epidemie bleibt nach wie vor unklar. Damals waren die Ärzte noch nicht dazu verpflichtet, Influenzafälle zu melden – dies wurde in den USA erst nach und infolge der zweiten Grippewelle von 1918 Pflicht. Man sah damals noch keinen Sinn darin, eine Krankheit, die man für unbedeutend hielt, im Auge zu behalten. Einträge über Grippeopfer waren sporadisch, zumeist nur in Einrichtungen wie Gefängnissen, dem Militär und einigen Fabriken üblich, die über Krankheitsfälle Buch führten. Es gab keinen systematischen Versuch, einer Epidemie auf die Spur zu kommen.

Es gibt Akten, aus denen hervorgeht, dass sich in den Ford-Motorwerken im März mehr als tausend Arbeiter krank gemeldet hatten. Im San-Quentin-Gefängnis erkrankten von April bis Mai fünfhundert der 1900 Häftlinge.[12] Am 4. März brach die Grippe im Ausbildungslager Camp Funston in Kansas aus, in dem 20000 Rekruten untergebracht waren. Im selben und im nächsten Monat erreichte sie über ein Dutzend Armeecamps, aber niemand schien sich darüber zu wundern. Schließlich waren Erkältungen und Grippeerkrankungen nichts Ungewöhnliches in solchen Lagern, in denen Tausende von Männern auf engstem Raum miteinander lebten und die Gefahr der Ansteckung denkbar groß war.

Im April 1918 hielt die Epidemie in Frankreich Einzug, legte britische, amerikanische und französische Truppen lahm, die dort stationiert waren, und griff auch auf die Zivilbevölkerung über. Einen Monat später war sie in England, wo König George V. erkrankte.[13] Das war im Juni; um dieselbe Zeit wurden auch in China und Japan die Menschen krank. In Asien sprach man ebenfalls vom »Drei-Tage-Fieber«, manchmal auch vom »Ringerfieber«.[14]

Kein Wunder, dass die Epidemie sich auf die Kriegsführung auswirkte. Unter den Soldaten der kämpfenden Einheiten wütete die Grippe dermaßen, dass einige Befehlshaber sich beklagten, die Krankheit würde die Kampfmoral ihrer Soldaten schwächen.

Die britische Flotte konnte im Mai drei Wochen lang nicht in See stechen, weil 10313 Männer krank waren. Die 29. Division der britischen Armee hatte geplant, am 30. Juni in La Becque einzufallen, musste die Operation jedoch verschieben, weil so viele Männer die Grippe hatten.[15]

General Erich von Ludendorff, Anführer der Offensive im Osten, beschwerte sich, dass die Grippe oder das Flandrische Fieber, wie die Deutschen sie nannten, seine Schlachtpläne über den Haufen warf. Die Soldaten waren nicht nur hungrig, mussten Kälte und Nässe ertragen, wenn sie über den schlammigen Boden robbten, sondern mussten nun auch noch mit der Grippe zurechtkommen, die, so Ludendorff, die Männer schwäche und ihre Kampfmoral sinken ließ. Diese Grippe, fuhr er fort, habe einiges dazu beigetragen, dass seine Offensive im Juli fehlschlug, ein Schlachtplan, mit dem Deutschland angeblich um ein Haar den Krieg gewonnen hätte.

Er schimpfte auch über die Klagen seiner Untergebenen wegen der Grippe. »Es war eine leidige Angelegenheit, mir jeden Morgen von den Stabschefs dieselbe Leier anzuhören, nämlich dass die Grippe die Kampfmoral der Soldaten schwäche.«[16]

Und obwohl ein Großteil der Welt in diesem Frühjahr an Grippe erkrankte, blieben weite Landstriche davon ausgenommen. Die meisten Völker Afrikas, fast ganz Südamerika und Kanada hatten keine Grippeepidemie. Und als der Sommer kam, wurde sogar den Ländern, die am stärksten heimgesucht worden waren, eine Art Galgenfrist gewährt. Die Grippe schien spurlos verschwunden zu sein.

 

Einige Monate später kam sie jedoch zurück.

Sie befiel die ganze Welt, suchte zuerst die Orte heim, welche sie zuvor weitgehend verschont hatte. Auch die zweite Grippewelle von 1918 war im höchsten Maße ansteckend. Aber diesmal war sie ein Killer. Im Rückblick ist der Weg, den sie einschlug, offensichtlich, denn Demographen haben Statistiken erstellt. Bis August, bemerkt Gerald Pyle, Wissenschaftler an der University of North Carolina, hatte sich die Krankheit »durch die Bewohner des indischen Subkontinents, Südostasiens, Japans und Chinas, weiter Landstriche der Karibik sowie Zentral- und Südamerikas eine breite Schneise geschlagen«.[17]

Bei ungefähr 20 Prozent der Opfer verlief die Krankheit verhältnismäßig milde, und sie erholten sich ohne Komplikationen, alle übrigen jedoch wurden fast augenblicklich todkrank, bekamen nicht mehr genügend Sauerstoff, weil sich ihre Lungen mit Flüssigkeit gefüllt hatten. Sie starben binnen weniger Tage oder gar Stunden, nachdem sie im Fieberwahn vergeblich nach Luft gerungen und schließlich die Besinnung verloren hatten. Bei anderen begann die Krankheit wie eine gewöhnliche Grippe, mit Frösteln, Fieber und Gliederschmerzen. Am vierten oder fünften Tag der Krankheit befielen jedoch Bakterien ihre angegriffenen Lungen, und die Lungenentzündung, die sie daraufhin entwickelten, kostete sie entweder das Leben oder ließ sie nur sehr langsam genesen.[18]

Die zweite Grippewelle erreichte die Vereinigten Staaten über Boston, eingeschleppt von einer Gruppe Matrosen, die im August im Commonwealth Pier vor Anker gingen. Die Seeleute waren nur auf der Durchreise, unterwegs in den Krieg.

Mittlerweile hatte dieser Krieg Auswirkungen auf das gesamte Land. Kein Mann wollte mehr zu Hause bleiben – die schlimmste Beleidigung, die man einem Mann damals an den Kopf werfen konnte, war »Drückeberger«. Und so hatte ein Viertel aller Amerikaner sich freiwillig gemeldet, und wer im Land geblieben war, rechtfertigte sich verlegen, seine angegriffene Gesundheit ließe einen Einsatz an der Front nicht zu. Die Frauen besuchten verwundete Soldaten im Lazarett, brachten ihnen Körbe voller Blumen und Süßigkeiten mit und rollten Mullbinden für die Männer im Ausland.

Und dann wurden einige der Bostoner Matrosen krank.

Am 28. August bekamen acht Männer die Grippe. Tags darauf waren bereits 58 Männer krank. Am vierten Tag war die Anzahl der Kranken auf 81 gestiegen. Eine Woche später war sie bei 119 angelangt, und am selben Tag lieferte man den ersten an Grippe erkrankten Zivilisten im Bostoner City Hospital ein.

Bald gab es die ersten Toten. Am 8. September starben in Boston drei Menschen an der Grippe: ein Marinesoldat, ein Matrose von der Handelsmarine und ein Zivilist.[19]

Am selben Tag tauchte die Grippe in Fort Devens auf, dreißig Meilen westlich von Boston.

Über Nacht wurde Fort Devens zu einem Höllenszenario. Ein Arzt, der im September in das Camp gerufen wurde, schrieb einem Freund einen verzweifelten Brief über eine Epidemie, die außer Kontrolle geraten war. Der Brief des Arztes datiert vom 29. September 1918 und ist mit seinem Vornamen, »Roy«, unterzeichnet. Es ließ sich nicht ermitteln, wer er war und was aus ihm wurde. Sein Brief tauchte erst über sechzig Jahre später in einem Koffer in Detroit wieder auf und erschien in der Dezemberausgabe des Jahres 1979 des British Medical Journal, eingesandt von N.R. Grist, einem schottischen Mediziner an der Universität Glasgow, der ihn als eine Warnung ansah.

Roy schrieb: »Camp Devens befindet sich in der Nähe von Boston und beherbergt ungefähr 50000 Männer, zumindest war das so, bevor diese Epidemie ausbrach.« Die Grippe habe das Camp vor vier Wochen befallen, schrieb er weiter, »und sich so schnell ausgebreitet, dass das Camp völlig demoralisiert ist und jede normale Betätigung zurückgestellt werden muss, bis ein Ende der Seuche in Sicht ist. Jede Zusammenkunft von Soldaten ist tabu.«

Die Krankheit sehe anfangs aus wie eine normale Grippe, erklärte Roy. Aber kaum lägen die Soldaten im Lazarett, entwickelten sie »im Nu die bösartigste Lungenentzündung, die ich jemals erlebt habe. Zwei Stunden nach Einlieferung erscheinen auf ihren Wangenknochen mahagonifarbene Flecken, und wenige Stunden später breitet sich die Zyanose langsam von den Ohren über das gesamte Gesicht aus, bis man den Farbigen kaum noch vom Weißen unterscheiden kann. Jetzt ist es nur noch eine Frage von Stunden, bis der Tod eintritt. Am Ende schnappen die Patienten vergebens nach Luft und ersticken. Es ist grauenvoll. Man kann noch ertragen, ein, zwei, zwanzig Männer sterben zu sehen, aber hier krepieren die armen Teufel wie die Fliegen, das geht einem ganz schön an die Nieren. Wir haben hundert Tote pro Tag, und diesen Schnitt halten wir auch weiterhin.«[20]

Es wurde langsam zum Problem, die Toten aus dem Camp zu schaffen. »Man braucht Sonderzüge, um die Toten zu transportieren«, bemerkte Roy. »Mehrere Tage lang waren uns die Särge ausgegangen, die Leichen stapelten sich, und wir gingen in die Leichenhalle und sahen uns die Jungs an, die in langen Reihen nebeneinander lagen. Der Anblick übertraf jedes Schlachtfeld in Frankreich. Eine besonders lange Baracke wurde leer geräumt und als Leichenhalle benutzt, und es erschütterte jeden, der an den Toten vorübergehen musste, die in zwei Reihen Seite an Seite lagen. Wir kommen hier keinen Augenblick zur Ruhe, stehen morgens um 5 Uhr 30 auf und arbeiten ohne Pause bis 9 Uhr 30 abends durch, gehen schlafen und fangen am nächsten Morgen von vorne an.«

Auch Spezialisten waren schockiert über die Vorgänge in Fort Devens. Nur sechs Tage, bevor Roy seinen Brief schrieb, am 23. September, hatte der amerikanische Sanitätsinspekteur einen der führenden Ärzte des Landes ins Lager geschickt, um nach dem Rechten zu sehen. Dieser Arzt, William Henry Welch, war Pathologe, Wissenschaftler und Allgemeinarzt, und seine Verdienste um das Gesundheitswesen waren beispiellos.[21]

Aber nicht einmal Welch hatte mit einer solchen Grippe gerechnet. Noch im September 1918 hatte Welch mit Colonel Victor C. Vaughan, Präsident der American Medical Association, Dr. Rufus Cole, dem Präsidenten des Rockefeller Institute, und Simeon Walbach von der medizinischen Fakultät der Harvard University die Armeelager im Süden inspiziert. Und alle waren sie voll des Lobs angesichts der erfolgreichen Verbesserungen im Gesundheitswesen, dank derer Krankheiten der Vergangenheit anzugehören schienen. Welch war in der Tat zu dem Schluss gelangt, dass die Camps in derart gutem Zustand seien und die Soldaten bei derart guter Gesundheit, dass er sich getrost in den wohlverdienten Ruhestand begeben könne. Er war einundsiebzig Jahre alt, ein beleibter, leutseliger Junggeselle, und hatte das Gefühl, seinem Land lange genug gedient zu haben. Da erreichte ihn die Anweisung, Fort Devens in Augenschein zu nehmen.[22]

Die vier Ärzte wurden nach Washington beordert, um mit dem amerikanischen Sanitätsinspekteur, Dr. William C. Gorgas, zu sprechen, der in Kuba das Gelbfieber bezwungen hatte. Gorgas rief die Männer in sein Büro, blickte kaum vom Schreibtisch auf, als das illustre Team hereinkam, und sagte: »Reisen Sie augenblicklich nach Fort Devens. Da ist die Spanische Grippe ausgebrochen.«[23]

Natürlich leisteten die Ärzte diesem Befehl Folge, fuhren zur Union Station in der Nähe des Kapitols und bestiegen den nächsten Zug nach Fort Devens. Sie kamen tags darauf dort an, bei trübem, nasskaltem Wetter, während sterbende Soldaten schweißnass und schlotternd vor Kälte, vom Fieber gezeichnet und blutigen Auswurf hustend, mit ihren Decken im Arm vor dem Lazarett Schlange standen.

Die Ärzte waren entsetzt. Das Camp, ausgestattet für 35000 Mann, war mit 45000 überfüllt. Und die Grippeepidemie führte ein gnadenloses Regiment. In den vierundzwanzig Stunden vor Welchs Ankunft waren 66 Männer gestorben. Am Tag, als Welch und sein Gefolge eintrafen, starben 63.[24] Das Lazarett, gebaut für 2000 Mann, musste 8000 aufnehmen und war hoffnungslos überfüllt.

Vaughan schrieb seine Beobachtungen nieder. Er kannte sich mit Epidemien aus. Er hatte den Typhus miterlebt und wusste aus eigener Erfahrung, wie vielen Männern diese Krankheit im spanisch-amerikanischen Krieg das Leben gekostet hatte. Aber nie zuvor hatte er etwas gesehen, das sich mit der Grippeepidemie in Fort Devens vergleichen ließe.[25]

Vaughan sagte, es hätte keinen Sinn, über den Ursprung der Seuche nachzugrübeln, die »die entlegensten Winkel aufspürte, unter den Robustesten ihre Beute schlug, weder Soldaten noch Zivilisten verschonte, der Wissenschaft den Kampf ansagte«. Aber das Bild, das sich ihm in Fort Devens bot, sollte er nie mehr vergessen.

Als die Ärzte dort eintrafen, sahen sie, was sich ein für alle Mal in Vaughans Gedächtnis brannte. »Diese Erinnerungen«, schrieb er, »sind abscheulich, am liebsten würde ich sie mir aus dem Hirn reißen, sie vernichten, aber leider steht das nicht in meiner Macht. Sie gehören zu meinem Leben und werden erst vergehen, wenn ich sterbe oder mein Gedächtnis verliere.«

Im Rückblick beschrieb er Fort Devens folgendermaßen:

»… Hunderte robuster junger Männer in Uniform, die scharenweise in die Krankensäle drängen. Sie werden auf Feldbetten verteilt, bis alle belegt sind, aber immer noch drängen Kranke herein. Ihre Gesichter nehmen schon bald eine bläuliche Färbung an; ein Besorgnis erregender Husten fördert blutiges Sputum zutage. Am Morgen werden die leblosen Körper wie Brennholz in der Leichenhalle aufeinander geschichtet. Dieses Bild hat sich mir seit meinem Besuch im Lazarett von Camp Devens im Herbst 1918 ins Gedächtnis gebrannt, als das tödliche Grippevirus wieder einmal die Unterlegenheit des menschlichen Erfindungsgeistes bewiesen hat, wenn es um die Vernichtung von Leben geht.«[26]

Obwohl Vaughan den Ersten Weltkrieg miterlebt hatte, in dem zum ersten Mal moderne Waffen zum Einsatz kamen und junge Männer mit Maschinengewehren und Kampfgas umgebracht wurden, war er doch der Meinung, dass diese Krankheit alle anderen Schrecken überbot.

Auch für die übrigen Ärzte war sie ein traumatisches Erlebnis. Cole schilderte, was er in den Krankensälen beobachtet hatte: »Als die Männer durch die Tür wankten, waren nicht genügend Schwestern für sie da, und die armen Kerle legten sich auf sämtliche Feldbetten, die bis hinaus auf die Veranda standen.«

Dann der Obduktionsraum. Man konnte ihn kaum betreten, überall lagen Leichen im Weg. »Weil alles sehr schnell gehen musste und immer mehr Leichen hereingetragen wurden, legte man sie wahllos auf den Boden, sodass man über sie hinwegsteigen musste, um in den Raum zu gelangen und der Obduktion beizuwohnen«, erzählte Cole.

Aber als sie dort ankamen, schien sogar der unerschütterliche Welch, bei dem die anderen sich Mut und Kraft holten, aus dem Gleichgewicht geworfen. Irgendwie war das das Schlimmste.

Welch beugte sich über den Obduktionstisch, öffnete den Brustkasten eines jungen Mannes und legte die Lungenflügel frei. Es war ein schrecklicher Anblick. »Als Dr. Welch den Brustkorb geöffnet, die blaue, geschwollene Lunge herausgenommen und aufgeschnitten und einen Blick auf das nasse, schwammige Gewebe geworfen hatte, das nur noch an wenigen Stellen fest geblieben war, wandte er sich an uns«, erzählte Cole. »Das muss irgendeine neue Infektion sein«, sagte Welch. »Eine Art Pest.«

Welch »war sichtlich beunruhigt und nervös«, sagte Cole. »Dass wir anderen verstört waren, war nicht weiter verwunderlich, aber dass diese Situation, zumindest vorübergehend, sogar Dr. Welch an die Nieren ging, fand ich erschütternd. Es war das einzige Mal, dass ich Dr. Welch aufrichtig verstört sah.«[27]

Inzwischen hatte sich die Grippe auch außerhalb von Fort Devens, außerhalb von Boston und außerhalb des Militärs ausgebreitet. Der gesamte Staat Massachusetts wankte unter dem Ansturm des Virus.

Drei Tage, nachdem Welch und Gefolge in Fort Devens eingetroffen waren, telegraphierten die Beamten der Gesundheitsbehörden verzweifelt um Hilfe, baten den U.S. Public Health Service, sie mit mehr Ärzten und Krankenschwestern zu versorgen. Der damalige Gouverneur des Staates, Calvin Coolidge, sandte Telegramme an Präsident Woodrow Wilson, an den Bürgermeister von Toronto und an die Gouverneure von Vermont, Maine und Rhode Island, in denen folgende Mitteilung stand: »Unsere Ärzte und Krankenschwestern sind alle im Einsatz und am Ende ihrer Kräfte.« Viele Kranke, fügte er hinzu, »erhalten keinerlei Pflege«.[28] In Massachusetts waren 50000 Menschen an Grippe erkrankt. An diesem Tag, dem 26. September 1918, erlagen allein in Boston 123 Menschen der Seuche, 33 einer Lungenentzündung.

Aber es war unmöglich, Ärzte und Krankenschwestern nach Massachusetts abzuziehen, weil inzwischen überall die Menschen krank waren und Hilfe brauchten. Die Grippewelle erfasste das ganze Land, überrollte Hunderte von Städten, Großstädten und Militärstützpunkten.

Das Ergebnis war Vernichtung in einer kaum vorstellbaren Größenordnung. Jedes Militärlager, jede Ortschaft, jede Großstadt, jedes entlegene Dorf wusste seine eigene Horrorgeschichte von Tod, Hilflosigkeit und dem Zusammenbruch des gesellschaftlichen Lebens zu erzählen.

Die Lage war so kritisch, dass am selben Tag, an dem Massachusetts um Hilfe rief, der Kommandeur der Militärpolizei der Armee der Vereinigten Staaten eine schockierende Mitteilung machte. Die Einberufungsbefehle von 142000 Männern wurden annulliert.[29] Dabei hätte man die Soldaten in Europa dringend gebraucht. Aber er hatte keine andere Wahl. Die Grippe hatte sich überall ausgebreitet. Im September erlagen ihr zwölftausend Amerikaner, und mittlerweile stand jedes Armeecamp, in dem die Rekruten sich hätten melden können, unter Quarantäne.

Während Roy den Sterbenden in Fort Devens beistand, während Welch das Lager besuchte und ungläubig mit ansehen musste, was die Krankheit angerichtet hatte, schlich diese sich in Philadelphia ein.

Vielleicht war Philadelphia deshalb relativ früh betroffen, weil die Stadt einen Marinehafen besaß, von dem aus sich das Virus leicht ausbreiten konnte. Schließlich erkrankten am 11. September 1918, kurz nachdem die Seuche im Fort Devens angelangt war, als Erste die bereits erwähnten Matrosen. Vielleicht lag es aber auch daran, dass sich in der Nähe der Stadt zwei große Militärlager befanden, Fort Dix in New Jersey und Fort Meade in Maryland, die beide nur wenige Tage später von der Grippe heimgesucht wurden. Am 20. September lockte eine Parade 200000 Menschen nach Philadelphia, vielleicht verbreitete sich die Grippe deshalb so schnell. Vielleicht waren es auch all diese Gründe gemeinsam, die dem Virus die Pforten öffneten. Jedenfalls gehörte Philadelphia zu den Städten Amerikas, die am ärgsten heimgesucht wurden. Noch dazu traf die Krankheit die Stadt nahezu unvorbereitet.

Nur wenige Verantwortliche sahen die Tragödie kommen, die Öffentlichkeit war weitgehend ahnungslos. Bevor die ersten Krankheitsfälle bekannt wurden, versuchte die Gesundheitsbehörde auf geradezu marktschreierische Weise die Einwohner Philadelphias zu beschwichtigen. Die Zeitschrift des amerikanischen Ärzteverbands war der Meinung, dass die Gesundheitsämter sich nicht von der gebräuchlichen Bezeichnung »Spanische Grippe« beunruhigen lassen sollten. Dieser Spitzname, so das Magazin, solle die Krankheit »nicht unnötig aufbauschen, nicht mehr Angst auslösen als eine gewöhnliche Grippe«. Überdies, so hieß es weiter, habe die Grippe »die alliierten Streitkräfte praktisch schon wieder verlassen«.

Und doch traf die Stadt ein paar Vorkehrungen, als die Grippe immer weiter um sich griff. Am 18. September startete das städtische Gesundheitsamt eine Kampagne gegen öffentliches Husten, Spucken und Niesen. Drei Tage danach wurde die Influenza zur meldepflichtigen Krankheit erklärt, was zur Folge hatte, dass über die Anzahl der Erkrankungen Buch geführt werden musste. Am selben Tag jedoch, dem 21. September, hatten Wissenschaftler gute Neuigkeiten zu vermelden – es sehe ganz danach aus, als habe man die Influenza besiegt. Im Philadelphia Inquirer stand zu lesen, dass man den Erreger gefunden habe – der sogenannte Pfeiffersche Bazillus sei der Übeltäter. Nun habe die Ärzteschaft, hieß es weiter, das nötige Wissen, »um dieser Krankheit zu Leibe zu rücken«.

Doch am 1. Oktober war die Stadt im Belagerungszustand. An nur einem Tag wurden dem städtischen Gesundheitsamt 635 Grippefälle gemeldet. Und diese Zahl war bei weitem untertrieben. Die Ärzte waren so sehr mit der Versorgung der Kranken beschäftigt, dass sie die meisten Fälle gar nicht erst meldeten und die tatsächliche Anzahl der Grippeopfer deshalb im Dunkeln blieb. Am 3. Oktober, in dem verzweifelten Versuch, die Krankheit einzudämmen, schloss die Stadt sämtliche Schulen, Kirchen, Theater, Billardsäle und sonstige Versammlungsorte.[30]

In der ersten Oktoberwoche starben in Philadelphia 2600 Menschen an der Grippe oder ihren Begleiterscheinungen. In der darauffolgenden Woche wurden bereits über 4500 Todesfälle gemeldet. Hunderttausende waren krank. Sie wurden in Limousinen, Pferdewagen und Handkarren zu den überfüllten Krankenhäusern gefahren.

Nach einem Monat waren in Philadelphia nahezu 11000 Menschen an der Seuche gestorben. An einem schicksalhaften Tag, dem 10. Oktober 1918, erlagen ihr 759 Menschen.[31]

»Krankenschwestern, die Hausbesuche machten, erlebten oft Szenen, die an die Zeiten der Pest im 14. Jahrhundert erinnerten«, schrieb der Historiker Alfred W. Crosby. »Einerseits erhielten sie eine Unmenge von Hilferufen, andererseits gingen die Menschen ihnen aus Angst vor ihren weißen Gazemasken aus dem Weg. Es konnte durchaus vorkommen, dass sie morgens mit einer Liste von fünfzehn Patienten, die sie besuchen wollten, außer Haus gingen, und am Ende fünfzig Kranke versorgen mussten. Eine Krankenschwester fand einen Toten, der mit seiner Frau und einem neugeborenen Zwillingspärchen im selben Zimmer lag. Sein Tod und ihre Entbindung lagen vierundzwanzig Stunden zurück, und die Frau hatte seitdem nur einen Apfel zu sich genommen, der zufällig in Reichweite gelegen hatte.«

Totengräber waren heillos überfordert, bemerkte Crosby. »In einem Fall rief der Wohltätigkeitsverein bei 25 Totengräbern an, bevor er einen fand, der in der Lage und auch willens war, das Mitglied einer armen Familie zu begraben. In einigen Fällen blieben die Toten tagelang in ihren Wohnungen liegen. Private Bestattungsinstitute waren überlastet, und manche nutzten die Situation schamlos aus und erhöhten die Preise um bis zu 600 Prozent. Es gab Beschwerden über Friedhofsangestellte, die fünfzehn Dollar Begräbnisgebühren berechneten und die Hinterbliebenen dann die Gräber für ihre Toten selber schaufeln ließen.«

Im städtischen Leichenschauhaus lagen Tote »auf den Gängen und in fast jedem Raum«, zum Teil zu dritt und zu viert übereinander, erzählte Crosby. Die meisten waren weder einbalsamiert noch auf Eis gelegt worden und waren in einem grauenvollen Zustand. Die Türen des Gebäudes blieben offen, wahrscheinlich um frische Luft einzulassen, und so stand es jedem, der wollte, frei, sogar den kleinen Kindern, einen Blick auf die Katastrophe zu werfen.«

 

Der Albtraum in Philadelphia war der Auftakt zu einer Epidemie, die auf dem gesamten Erdball wütete und eine Menge Gräuelgeschichten nach sich zog. Nirgends war man vor ihr sicher, wenige Familien blieben verschont. Bis zur ersten Oktoberwoche hatte die Grippe mit Ausnahme von Australien und ein paar entlegenen Inseln jeden Winkel der Erde erreicht.[32]

In Ottawa, Kanada, berichtete die Lokalzeitung: »Straßenbahnen rattern mit offenen Fenstern und einer Menge freier Sitzplätze die Bank Street entlang. Schulen, Varietés, Filmtheater bleiben dunkel, Billardsäle und Bowlinghallen menschenleer.«[33]

In Kapstadt, Südafrika, gab es so wenig Särge, dass man die Toten in Decken wickelte und in Massengräber legte.[34]

Katherine Anne Porter, die in Denver als Zeitungsreporterin gearbeitet hatte, wäre um ein Haar an der Grippe gestorben. Ihr Verlobter fiel der Krankheit zum Opfer. Sie schrieb eine Novelle über diese Erfahrung, Fahles Pferd und fahler Reiter, die wie eine Schauergeschichte anmutet: »Sämtliche Theater, fast alle Geschäfte und Lokale sind geschlossen, auf den Straßen regieren tagsüber die Trauerzüge und nachts die Krankenwagen.«[35]

Im englischen Ort Reading schrieb eine Krankenschwester: »Es geschah ganz plötzlich. Am Morgen erhielten wir die Anweisung, eine neue Grippestation zu eröffnen, und am Abend hatten wir uns bereits in einem Pensionat eingerichtet. Noch ehe alle Pulte hinausgeschafft worden waren, brachte man schon die Bahren herein – 60 bis 80 pro Klassenzimmer. Wir mussten uns regelrecht zwischen die Feldbetten zwängen, dabei waren die Leute ja so krank! Sie kamen von einem nahe gelegenen Luftwaffenstützpunkt … einige hatte man schon seit Tagen nicht mehr versorgt. Sie litten alle an Lungenentzündung. Wir wussten, dass diejenigen, deren Füße schwarz angelaufen waren, nicht überleben würden.«[36]

Buffalo Bill Cody verlor seine Schwiegertochter und seinen Enkel. Die Schriftstellerin Mary McCarthy wurde zur Vollwaise und lebte von nun an bei ihrem Onkel.

In Frankreich schrieb John McCrae, ein kanadischer Arzt im Sanitätscorps, das berühmteste Gedicht über den Ersten Weltkrieg, »In Flanders Fields«. Es ist ein Loblied zu Ehren der Soldaten, die ihr Leben auf dem Schlachtfeld ließen: »In Flanders Fields the poppies blow, between the crosses, row and row.«[37] Auch McCrae starb im Krieg, aber nicht auf dem Schlachtfeld. Er erlag 1918 einer Lungenentzündung – zweifellos eine Folge der Grippe.

Ein Arzt an der Universität von Missouri, D.G. Stine, schrieb, dass vom 26. September bis zum 6. Dezember 19181020 Studenten an der Grippe erkrankten. »Ich sah einen Patienten, der bereits nach achtzehn Stunden starb, nur zwölf Stunden, nachdem er sich ins Bett gelegt hatte. Etliche der Betroffenen ringen in den ersten achtundvierzig Stunden der Krankheit mit dem Tod. Der Behauptung, Influenza sei eine harmlose Krankheit, kann ich nicht zustimmen«, schrieb er.[38]

In Camp Sherman in Ohio erkrankten vom 27. September bis zum 13. Oktober 1918 13161 Soldaten – ungefähr vierzig Prozent aller Stationierten. 1101 von ihnen starben.[39]

Militärärzte gaben ihr Bestes, um die Seuche einzudämmen. Sie impften Soldaten mit Stoffen, die sie aus den Körpersekreten Grippekranker oder aus Bakterien gewonnen hatten, die sie für die Krankheitserreger hielten. Die Männer mussten sich jeden Tag Antiseptika oder Alkohol in den Rachen sprühen und gurgeln. Man trennte die einzelnen Betten, in einem Camp sogar die Tische in der Kantine, mit Laken voneinander. Im Walter Reed Hospital wurden die Soldaten dazu angehalten, fleißig Tabak zu kauen, weil man glaubte, auf diese Weise könnten sie sich die Grippe vom Leib halten.[40]

Die Gesundheitsämter verteilten Gazemasken an die Bevölkerung, die man in der Öffentlichkeit zu tragen hatte. Ein New Yorker Arzt und Sammler alter Fotografien, Dr. Stanley B. Burns, hat in seinem Archiv das Foto eines Baseballspiels der Unterliga, das während der Epidemie stattfand. Es ist ein fast surreal anmutendes Bild, denn sämtliche Spieler, auch Fänger und Werfer, und die Zuschauer auf den Tribünen tragen Gazemasken.

In Tucson, Arizona, stellte die Gesundheitsbehörde die Regel auf, dass »in den Straßen, im Park, an Orten, wo Handel getrieben wird, oder auf irgendeinem anderen öffentlichen Ort innerhalb der Stadt Tucson unbedingt Masken zu tragen sind, die aus wenigstens vier Lagen Käseleinen oder sieben Lagen gewöhnlicher Gaze bestehen und Nase wie Mund bedecken«.[41]

In Albuquerque, New Mexico, schloss man Schulen und Filmtheater, und die Lokalzeitung schrieb: »Überall ging das Gespenst der Angst um, führte manch eine Familie wieder enger zusammen, weil ihre Mitglieder wohl oder übel zu Hause bleiben mussten.«[42]

Ärzte verschrieben Tropfen, impften die Menschen gegen die Grippe, aber nichts half. Crosby fragte sich, welche Inhaltsstoffe in diesen Grippeimpfstoffen gewesen sein mochten, zumal man doch noch gar nicht wusste, welcher Erreger die Krankheit auslöste. Er fragte einen Arzt, der 1918 geholfen hatte, solche Grippeseren herzustellen, und erfuhr, dass sie lediglich eine Mischung aus Blut und Schleim von Grippekranken waren, aus der man größere Zellen und andere Partikel herausgefiltert hatte. Wenn man sie den Leuten in den Arm spritzte, entzündete sich der Arm entsetzlich. »Das war für die Ärzte der Beweis, dass die Methode wirksam war.«

Schauergeschichten kursierten. Zum Beispiel diejenige von den vier Frauen, die eines Nachts zusammen Bridge spielten. Tags darauf waren drei von ihnen an der Grippe gestorben. Man hörte von Leuten, die morgens wie immer zur Arbeit gingen und ein paar Stunden später tot waren.[43]

Überall im Land wurden ganze Familien krank. James D.H. Reefer aus Kansas City schrieb, dass er vier, sein Bruder sechs Jahre alt gewesen sei, als sein dreißigjähriger Vater und seine siebenundzwanzigjährige Mutter an der Grippe erkrankt und kurz nacheinander gestorben seien; sie waren erstickt, weil die Grippe die Luftbläschen in ihren Lungen zerstört hatte. »Ältere Verwandte erzählten mir später, sie seien einfach ertrunken«, sagte Mr. Reefer.

Minnie Lee Tratham McMullan war 1918 erst zwei Jahre alt und lebte in Streator, Illinois. Ihre Mutter, ihr elfjähriger Bruder und ihre neugeborene Schwester starben in jenem Sommer an der Grippe. Ein älterer Bruder bekam die Grippe und wurde wieder gesund, genau wie Minnie, nachdem ihre Familie sie schon für tot gehalten hatte. »Sie rollten mich in den Hof hinaus und breiteten ein Laken über mich«, erzählt sie. »Später merkten sie dann, dass ich ja noch lebte.«

Nachdem seine Frau gestorben war, musste Minnies Vater sich allein um Minnie, ihre ältere Schwester und ihre beiden großen Brüder kümmern und war überfordert. Die vier Kinder im Alter von zwei, vier, sieben und zehn Jahren wohnten daher bei verschiedenen Verwandten.

Jahre später ging Minnie McMullan auf den Friedhof in Streator und sprach mit dem Totengräber, der ihr erzählte, dass man in dieser schrecklichen Zeit die Toten am Wegrand entlang aufgereiht habe. »Es waren so viele Menschen gestorben, dass es nicht mehr genügend Leute gab, um die Gräber zu schaufeln«, sagt sie.

Aber Minnie McMullan selbst erinnert sich nicht an die Seuche. Sie weiß nur das wenige, das ihr die Verwandten erzählt haben, und die sprachen nicht gern über den Tod und das Sterben. »Ich bin froh, dass ich mich nicht daran erinnere«, sagt sie.

Damals gab es viele tapfere Freiwillige, größtenteils Frauen, die sich erboten, die Kranken zu betreuen. In El Paso, Texas, wo mittellose Mexikaner in Besorgnis erregender Zahl starben, wurden in den achtundzwanzig Klassenräumen der Aoy-Schule Grippepatienten untergebracht. Die Lokalzeitung berichtete am 19. Oktober darüber: »Letzte Nacht lagen einundfünfzig mexikanische Männer, Frauen und Kinder keuchend in den improvisierten Krankenräumen der Aoy-Schule.« Man hatte sie »aus ihren elenden Unterkünften geholt. Viele hatten bereits Lungenentzündung im Endstadium und waren ohne angemessene ärztliche Pflege in ihren armseligen Betten gelegen, als man sie in die vergleichsweise komfortablen Räumlichkeiten eines Krankenhauses holte.«

Menschen aus sämtlichen Bezirken der Stadt meldeten sich freiwillig, dem Pflegepersonal in der Aoy-Schule zur Hand zu gehen, versorgten die Kranken mit Nahrung und Kleidung, fuhren sie im eigenen Wagen zum Hospital. Frauen halfen als Köchinnen, Verwaltungsangestellte, Fahrerinnen und Hilfsschwestern aus. Eine schrieb: »Ich bin so froh, dass ich helfen kann. Ich habe keinen Kursus als Hilfsschwester absolviert, habe, um genau zu sein, überhaupt keine Ausbildung. Ich besitze wahrscheinlich keinerlei Qualifikation für die Pflege von Kranken, bis auf meinen innigen Wunsch, den Kranken ein wenig Linderung zu verschaffen.«[44]

Vielleicht kann ein begabter Schriftsteller am besten schildern, wie es war, wenn jemand an der Grippe starb, wie es dem Kranken in diesen letzten Stunden seines Lebens erging, wenn sich das Grauen dieser Krankheit voll entfaltet hatte. Einer der wenigen, die den Versuch wagten, war Thomas Wolfe. 1918 studierte er an der Universität von North Carolina, als ihn ein Telegramm erreichte, das ihn unverzüglich nach Hause rief. Sein Bruder Benjamin Harrison Wolfe war an der Grippe erkrankt. Er erzählt die mit einer dünnen Schicht Fiktion versehene Geschichte in Kapitel 35 seines Romans Schau heimwärts, Engel!

Als Wolfe nach Hause kam, rang sein Bruder bereits mit dem Tod. Er lag in einem Zimmer im ersten Stock, während seine Familie sich in das Unabwendbare fügte. Wolfe ging die Treppe hinauf, trat in das »graue, gedämpfte Licht« von Bens Zimmer. Da wurde ihm blitzartig klar, dass sein geliebter sechsundzwanzigjähriger Bruder im Sterben lag.

»Bens langer, dürrer Leib lag zu drei Vierteln unter dem Bettzeug; der hagere Umriß, in Qual und Anstrengung schrecklich verrenkt, zeichnete sich unter der Decke ab. Dieser Körper schien nicht mehr zu Ben zu gehören; abgetrennt und verkrümmt war er wie der Rumpf eines Enthaupteten. Und das fahle Gelbweiß des Gesichtes war grau geworden. Aus diesem granitenen Todesgrau, beflackert von zwei kleinen roten Fieberfahnen, wuchs der schwarze Ginster eines dreitägigen Stoppelbarts. Dieser Bart war gräßlich; er drängte einem den Gedanken auf an die verruchte Lebenskraft des Haares, das noch an verwesenden Leichen weiterwächst. Ben bleckte die weißen, unheimlich wie tot wirkenden Zähne; seine Lippen waren von der qualstarren Grimasse des Erstickens verzerrt. Stoßweise und keuchend zog er ein bißchen Luft in die Lunge. Und dieses röchelnde Atmen – laut, rau, heiser, schnell, unglaublich –, das von Augenblick zu Augenblick das ganze Zimmer wie ein Orchester erfüllte, gab der Szene die abschließende Note des Grauenhaften.«

Tags darauf fiel Ben ins Delirium. »Um vier Uhr war es offenbar, daß der Tod nahe war«, schrieb Wolfe. »Ben hatte kurze Perioden von Bewußtsein, Delirium und Ohnmacht – aber die meiste Zeit lag er im Delirium. Sein Atem ging leichter, er summte Bruchstücke von populären Melodien vor sich hin, einige davon alt und vergessen, die er nun aus den geheimen, verschütteten Tempeln seiner Kindheit hervorrief. Immer aber kam er mit seiner stillen, summenden Stimme auf das Kindergebet im Zwielicht zurück, einen kitschig-sentimentalen Kriegsschlager, billig gemacht, aber nun tragisch rührend.«

Und dann verlor Ben das Bewusstsein. »Seine Augen waren fast geschlossen; ihr flackernder grauer Schein wurde von der Fühllosigkeit, vom Tode gedämpft. Er lag ruhig auf dem Rücken, sehr gerade ausgestreckt, ohne Anzeichen von Schmerz. Sein scharfes, schmales Gesicht war sonderbar hochgerissen; die Lippen waren fest geschlossen.«

Wolfe blieb die ganze Nacht über an Bens Seite, in inbrünstigem Gebet, obwohl er doch immer gedacht hatte, er glaube weder an Gott noch an das Beten. Er zählte die Minuten und die Stunden nicht mehr, hörte nur noch das schwache Rasseln eines sterbenden Atems und synchron dazu sein wildes Beten.

Wolfe war kurz eingenickt, schreckte aber plötzlich auf und rief nach seiner Familie, weil er plötzlich die Gewissheit hatte, dass das Ende bevorstand. Ben hatte sich beruhigt, lag reglos da. »Der Körper – so schien es – wurde starr vor ihren Augen.« Dann tat er seinen letzten Atemzug, »zog mit einem langen, kräftigen Atemzug Luft ein; seine grauen Augen öffneten sich. In diesem Augenblick von einer furchtbaren Vision des ganzen Lebens erfüllt, schien er sich ununterstützt und körperlos aufzurichten – eine Flamme, ein Licht, eine Glorie«, schrieb Wolfe. »Und zornig und furchtlos, wie er gelebt hatte, trat er sodann hinüber in den Schatten des Todes.«[45]

Für Thomas Wolfes Bruder Ben konnte man nichts mehr tun. Niemand wusste, wie man die Grippe behandeln sollte. Es gab kein Medikament, um das heftige Fieber zu senken, kein Mittel, um Sauerstoff in die durchweichten Lungen zu bringen, keine Möglichkeit, das Leben der Kranken zu verlängern, den Sterbenden Linderung zu verschaffen. Die Behandlung war palliativ, wie die Ärzte es nannten – man gab den Patienten zu essen, sorgte, wenn möglich, für frische Luft und liebevolle Pflege.[46] Die optimistischen Geschichten, die man sich erzählte, als die Grippewelle Philadelphia erreichte, dass man als Auslöser der Grippe ein Bakterium isoliert hatte, erwiesen sich als unzutreffend. Man hatte zwar tatsächlich ein Bakterium gefunden, schien aber kein Medikament, keinen Impfstoff daraus entwickeln zu können. Die Ursache der Krankheit blieb weiterhin ein Rätsel. Die Entdeckung des Pfeiffer-Bazillus erwies sich als falsche Spur. Das Grippevirus war nicht zu fassen.

Die Epidemie schlug nicht nur mitten im Krieg zu, als die Nation durch Schreckensmeldungen von den Schlachtfeldern abgelenkt wurde, sie kam, noch bevor irgendein Wissenschaftler auch nur einen blassen Schimmer davon hatte, wie man ein Influenzavirus isolieren und seine Geheimnisse ergründen sollte. Damals wusste man allenfalls, dass Keime Krankheiten auslösen und dass es so etwas wie ein Virus gab. Allerdings hatte niemand jemals ein solches Virus gesehen – es gab noch keine Elektronenmikroskope, und Viren sind viel zu klein, als dass man sie durch ein herkömmliches Mikroskop sehen könnte. Und kein Mensch verstand, was Viren eigentlich waren, zumal ihre DNA oder RNA, also ihr genetisches Material und damit der Schlüssel zu ihrer zerstörerischen Macht, noch nicht entdeckt worden war.

Noch heute, trotz der ausgezeichneten Fortschritte der Molekularbiologie und der pharmazeutischen Industrie, sind virale Infekte – besonders Influenza – meist nicht zu behandeln. Das liegt nicht etwa daran, dass Molekularbiologen nicht wissen, was Influenzaviren im Körper anrichten. Sie wissen seit Jahrzehnten, dass das einfache Influenzavirus nur acht Gene hat, von denen ein jedes aus RNA besteht, und dass Viren binnen Stunden sterben, wenn sie keine Wirtszellen befallen können. Sie wissen sogar, wie ein Grippevirus aussieht – unter einem Elektronenmikroskop ist es ein kugel- oder eierförmiges Teilchen, das zuweilen lange Fäden bildet. Sie wissen auch, wie es zusammengesetzt ist – es ist von einer glitschigen Fettmembran umhüllt, die ein Proteingerüst zusammenhält. Man weiß, wie ein Virus sich in eine Zelle bohrt und wieder daraus hervorbricht: Es benutzt dazu Hunderte spitzer Proteindornen, die aus der Virusmembran ragen. Man weiß sogar, warum menschliche Influenzaviren nur Atemwegszellen befallen – diese enthalten als einzige menschliche Zellen das Enzym, das das Virus benötigt, um für die Herstellung neuer Viruspartikel eines seiner Proteine zu spalten.

Dennoch hat man noch kein Medikament gegen die Grippe gefunden, das in seiner Wirkung einer Impfung gleichkäme. So lässt sich eine Grippeepidemie immer noch am besten mit Hilfe von Impfstoffen bekämpfen – sofern die Hersteller rechtzeitig wissen, dass eine neue Grippewelle im Anmarsch ist, und ausreichend Serum herstellen können. Wenn Pharmabetriebe wüssten, weshalb die Grippe von 1918 so tödlich war, könnten sie den Impfstoff herstellen und lagern, falls diese oder eine ähnliche Grippe jemals zurückkäme. Dazu müssten sie jedoch erst wissen, wie das Virus von 1918 beschaffen war. Aber seine letzten Opfer starben 1918 und nahmen das Geheimnis mit ins Grab.

Unter normalen Umständen wäre die Geschichte damit zu Ende. Die Grippeviren vermehren sich unter anderem im weichen Lungengewebe, und die Lungen verwesen fast unmittelbar nach dem Tod. Das Virus dürfte normalerweise verschwunden sein, noch ehe die Lunge eines Toten gänzlich verwest war.

Aber nichts an der Grippe von 1918 war normal. Und die außergewöhnlichste Geschichte kommt vielleicht fast ein Jahrhundert später, als man unter den Millionen Menschen, die der Grippe erlagen, drei Menschen fand, deren wunderbarerweise gut erhaltenes Lungengewebe für die Forscher auf der Suche nach dem mörderischen Grippevirus eine Art Stein der Weisen darstellte. Niemand konnte ahnen, als diese drei Menschen plötzlich starben, dass sie den Schlüssel zum Geheimnis in sich trugen, wie die Welt im einundzwanzigsten Jahrhundert vor einer weiteren Epidemie beschützt werden kann. Der Erste der besagten Drei war der im September 1918 erst einundzwanzig Jahre alte Gefreite Roscoe Vaughan. Wie jeder junge Soldat hatte er zweifellos große Angst und war doch voller kühner Träume. Gewiss hatte er gehofft, sich stark und furchtlos auf dem Feld der Ehre zu beweisen. Als er im Camp Jackson ankam, sieben Meilen östlich von Columbia, South Carolina, war er einer von über 43000 jungen Männern, die eine Artillerieausbildung erhielten, bevor sie nach Übersee verfrachtet wurden. Sie hielten auf den Dünen ihre Manöver ab, robbten durch den losen Treibsand und blinzelten dabei in die hellen Strahlen der Sonne South Carolinas. Roscoe Vaughan war durchtrainiert und gesund. Er dachte mit Sicherheit, dass er bald die abenteuerlichste Reise seines Lebens antreten würde. In gewisser Weise war das ja auch so.

Der Gefreite Vaughan hatte das Pech, in ein Ausbildungslager zu geraten, das plötzlich von einer Grippewelle überrollt wurde. Die Soldaten waren leichte Beute für die Krankheit, und das Lazarett war mit kranken jungen Männern überfüllt. Im August wurden 4807 Kranke registriert, im September bereits 9598. Ein junger Arzt, James Howard Park Jr., erzählte, er habe Männer auf den Wegen des Lagers buchstäblich tot umfallen sehen. An einem Tag habe er eigenhändig dreißig Leichen mit Namensschildern versehen.[47]