Insel des Zorns - Greg F. Gifune - E-Book
Beschreibung

Alles begann mit einem Urlaub auf den Cook-Inseln. Das Boot der sieben Freunde kentert bei einem Sturm, woraufhin sie tagelang auf dem Ozean überleben müssen. Nachdem sie Meilen vom Kurs abgekommen sind und ihre ursprüngliche Position auf dem offenen Meer verlassen haben, treffen sie auf eine kleine, auf den Karten nicht verzeichnete Insel. Für sie beginnt der Kampf ums Überleben, während sie die Hoffnung nicht aufgeben, früher oder später gerettet zu werden. Doch die Insel ist nicht das Paradies, das sie zu sein scheint. Sie ist ein Ort voll schrecklicher, lange vergessener Geheimnisse. Die Freunde sind nicht allein. Etwas bewacht diese entsetzlichen Geheimnisse, etwas Böses und schonungslos Gewalttätiges, ein uralter Schrecken, der existiert, um zu töten, und den nichts davon abhalten wird, die Insel vor jenen zu beschützen, die in sein dunkles Königreich eindringen. Es gibt kein Entkommen vor dem unbändigen Zorn.

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Insel des Zorns
Impressum
Prolog
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GREG F. GIFUNE
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Greg F. Gifune

Insel des Zorns

Impressum

Copyright der deutschsprachigen Ausgabe

© 2019 by Papierverlierer Verlag

1. Auflage, Papierverzierer Verlag, Essen

Herstellung, Satz, Übersetzung, Lektorat, Umschlag: Papierverzierer Verlag

Alle Figuren und Handlungen sind frei erfunden. Ähnlichkeiten mit lebenden Personen sind zufällig und nicht beabsichtigt.

Copyright der amerikanischen Originalausgabe

© 2016 by Greg F. Gifune

Published by arrangement with the author

Die Originalausgabe erschien 2016 unter dem Titel »Savages«.

The original edition was published in 2016 under the title »Savages«.

Alle Rechte vorbehalten.

Sämtliche Inhalte, Fotos, Texte und Graphiken sind urheberrechtlich geschützt. Sie dürfen ohne vorherige Genehmigung weder ganz noch auszugsweise kopiert, verändert, vervielfältigt oder veröffentlicht werden.

ISBN 978-3-95962-096-3

www.papierverzierer.de

Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek

Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der

Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im

Internet über http://dnb.dnb.de abrufbar.

Dieses Buch widme ich Dave Thomas

»A man cannot destroy the savage in him by denying its impulses. The only way to get

rid of temptation is to yield to it …«

– Dr. Jekyll and Mr. Hyde (Film von 1920)

Prolog

Der Feuerschein durchschnitt die Dunkelheit. Es sah aus, als stünde die ganze Welt in Flammen, und in gewisser Weise tat sie das auch. Sie breiteten sich rasch aus und verbrannten alles auf ihrem Weg. Bäume und Dickicht leuchteten in einem Funkenregen, der hoch in die Luft schoss und zurück auf die Erde fiel, majestätisch, schön und tödlich. Mit gnadenloser Gewalt und dennoch verführerischem Schein brannte sich die zerstörerische Kraft durch die Nacht und trotz des Sprühregens, der von dem eigentlich ruhigen Ozean herüberwehte, gewann das Feuer weiter an Kraft und Dynamik und verschlang alles mit seiner gleißenden Wut.

Aber das wütende Feuer war nicht das einzige Raubtier. Das andere hockte, fasziniert von dem Inferno, nur da und wartete. Nackt und in der nur noch spärlichen Dunkelheit verborgen. Seine Haut war mit Wunden, Blut und Ruß bedeckt, nur das Weiß war in den weit offenen und lebendigen zu sehen. Eine gierige, archaische Wildheit loderte in ihnen. Als es sich schließlich bewegte, huschte es mit geschmeidigen, zielgerichteten und tödlichen Bewegungen durch die feurige Nacht. Die Hitze der Feuersbrunst ließ sein Gesicht erröten und in seinen Augen brannten Tränen. Ungerührt beobachtete es die Flammen mit verschwommenem Blick. Unbehagen und Schmerz waren nun ein Teil von ihm. Ein Teil, den es nicht zu fürchten, sondern anzunehmen, zu beherrschen und zu überwinden galt.

Das Feuer, so gewaltig und mächtig, dass sein Schein beinahe die gesamte Insel erleuchtete, würde noch stundenlang brennen, und vielleicht könnte sogar jemand hier, am Ende der Welt, die Flammen sehen und würde kommen, um Nachforschungen anzustellen. Vielleicht aber auch nicht. Vielleicht gab es aus dieser Hölle keine Rettung, kein Entkommen. Vielleicht hatte es sie nie gegeben. Vielleicht spielte es auch keine Rolle mehr, weil die Dinge nicht mehr dieselben waren wie zuvor. Es war nicht mehr dasselbe. Es fürchtete, dass es nicht mehr ganz menschlich und zu etwas anderem geworden war. Etwas Geringerem.

Das Phantom erhob sich aus der Hocke und beobachtete das Massaker mit absonderlicher Genugtuung.

Wach auf, flüsterte eine Stimme tief in seinem Inneren. Wach auf.

Doch es würde kein Erwachen geben. Nicht hiervon. Es drehte sich um und schoss in den brennenden Dschungel wie das Raubtier, zu dem es geworden war.

1

Sein Verstand sagte ihm, es sei nur ein Spiel, und für einen kurzen Augenblick war er wieder ein Kind, das am Strand spielte und nach einem langen Bad im nassen Sand am Ufer des Ozeans lag. Dallas war immer ein Fan von Abenteuergeschichten und Filmen gewesen. Er erinnerte sich daran, wie er einen furchtlosen Helden gespielt hatte, der sich am Ufer mit dem Bösewicht duelliert, gegen die Elemente und Piraten gekämpft oder im offenen Meer mit todbringenden Haien ums Überleben gerungen hatte. Manchmal war er der einzige Überlebende eines Schiffbruchs gewesen, der auf einer einsamen Insel an Land gespült worden und zum trockenen Sand gekrochen war, erschöpft, aber lebendig. Da ihn diese Fantasien und Erinnerungen zum ersten Mal seit einer Ewigkeit so lebhaft und detailliert vor Augen standen, entging ihm vor allem die Ironie nicht, dass er reglos in der Brandung trieb und sich mit dem Schub jeder neuen Welle durch den Ozean bewegte. Wie hätte er als kleiner Junge vor all den Jahren ahnen können, dass sein Lieblingsspiel eines Tages grausame Wirklichkeit werden würde?

Seine Welt war nach wie vor dunkel und verschwommen, also war sein Sehvermögen noch nicht wiedergekehrt, und er war noch halb bewusstlos oder ausgeknockt worden und kam erst langsam wieder zu sich, während er in tiefster Nacht vom Ozean hin- und hergeworfen wurde. So oder so war er sich sicher, im Wasser zu sein, aber er befand sich in der Nähe des Ufers, denn sein Körper schrammte über einen felsigen Boden. Zum ersten Mal seit langem fühlte Dallas Schmerzen, die ihm durch den Brustkorb bis in den Hals hinaufschossen. Er schmeckte Salzwasser und Blut, würgte und spürte dann, wie er sich aus eigenem Antrieb bewegte. Bevor er ganz auf dem dicken, nassen Sand zusammenbrach, sanken seine Finger tief ein, klammerten sich mit einer plötzlich vorhandenen Kraft an der Erde fest. Unter dem Drücken und Schieben seiner Beine schaffte er es vorwärtszukommen, bevor er im trockenen Sand auf dem Bauch landete.

Ich bin an Land, dachte er. Ich … lebe … Ich … Mein Gott, ich … ich bin an Land!

Er schmeckte Sandkörner, die an seinen Zähnen schabten und seine Zunge kitzelten. Dallas spürte, wie sie an seinen Wangen kribbelten und in seinen Augen kratzten. Soweit er es sagen konnte, hatte der Schmerz nicht nachgelassen, aber das Gefühl, in Bewegung zu sein, war verschwunden, ebenso wie die Enge in seiner Brust, die Kurzatmigkeit und das Gefühl zu ertrinken. Bevor er weiter darüber nachdenken konnte, zog ihn etwas, das in der umliegenden Dunkelheit lauerte, wieder in ein Loch der Schwärze und Verzweiflung hinab.

Als es ihn packte, konnte Dallas nur hoffen und beten, dass er wirklich Land erreicht hatte – so unmöglich das unter den gegebenen Umständen auch erschien – und seine Empfindungen nicht nur von seinem Verstand vorgegaukelt wurden, um ihn abzulenken, während das Meer ihn verschluckte und in seine Tiefen zog, aus denen es kein Entkommen gab. Vielleicht war das, was er gespürt hatte, einfach nur die Halluzination eines sterbenden Geistes. Wenn dem so war, trieb er immer noch da draußen auf dem Ozean inmitten eines aufkommenden Sturms, vermutlich bereits tot. Aber wenn es real war, hatte er vielleicht noch eine Chance. Eine geringe zwar, aber zumindest eine Chance.

Dallas blinzelte. Trotz des kratzenden Sandes und des brennende Salzwassers konnte er sehen, wenngleich ihn die stark verschwommene Sicht in Verbindung mit der pechschwarzen Nacht schwindelig werden ließ. Er tastete sich vorwärts und spürte weichen, aber dennoch festen Boden unter seinen Handflächen. Dallas hustete und erbrach einen Schwall Meerwasser, dann sank er abermals in eine tiefe Bewusstlosigkeit.

Dort, in der Dunkelheit.

Träume von brutalem Kampf schreien ihn aus der Finsternis an, sein Körper windet sich und tritt in blinder Panik um sich, jeglicher Orientierungssinn ist verloren. Unter der Meeresoberfläche, untergetaucht in ein endloses Labyrinth aus Wasser, zieht der Druck ihn hinunter, alle Geräusche verwandeln sich in unheimliches Widerhallen und Stöhnen, trotz des Brennens zwingt er sich dazu, die Augen zu öffnen, und sucht verzweifelt nach einem Ausweg. Und dann durchbricht er ebenso plötzlich die Oberfläche, sein Körper wird hinausgeschleudert, unbedeutend und nutzlos wie die anderen Trümmerstücke im Wasser mit ihm. Er versucht, um Hilfe zu rufen, bringt aber nur ein gewürgtes Krächzen heraus, als das Meerwasser gnadenlos in seinen Mund und seinen Hals hinunterschießt. Die mächtigen Wellen und den rauen Ozean bekämpfend versucht er, einen Sinn für Perspektive zu gewinnen, aber er ist in der Nacht, im Sturm und in der tobenden See verloren, dreht sich unkontrolliert, schluckt Meerwasser und ringt dann wieder nach Luft. Kein Auf oder Ab, kein Vor oder Zurück – nichts – nur eine Welt aus Wasser und Dunkelheit, die ihn verschlingt, an ihm zieht, ihn niederschlägt, während der Wind in seinen Ohren pfeift und entfernte Donnerschläge in der Nacht brummen.

Er träumt auch von den Blitzen. Gezackte Speere, wie er sie noch nie zuvor gesehen hat, so großartig und gewaltig, dass sie wie Spezialeffekte aus einem Hollywoodfilm aussehen. Sie teilen den schwarzen Himmel mit riesigen knisternden Gabeln, und dafür ist er dankbar, denn jetzt weiß er, wo sich der Himmel befindet, was über ihm ist und was sicher unter ihm ist. Allerdings kämpfen seine Lungen immer noch, und er kann noch nicht genügend Luft einatmen. Der Ozean verschluckt ihn, füllt ihn aus. Er und das Meer werden eins. Der Starke frisst den Schwachen. „Ich sterbe“, denkt er. „Ich bin am Sterben, gewaltsam, an diesem Ort und in dieser Nacht.“

Irgendwann weckte ihn das Wasser. Vielleicht war es auch die Sonne. Er wusste es nicht genau, und eigentlich war es ihm auch egal. Er wusste nur, dass er wach war und demnach auch am Leben. Als er den Kopf aus dem heißen Sand hob und gegen die unerwartete Helligkeit des Tageslichts anblinzelte, erkannte Dallas, dass das in der Nacht zuvor kein Traum gewesen war. Das alles war wirklich geschehen. Das Schiff war tatsächlich während eines Sturms untergegangen. Er und die anderen hatten es verlassen, und sie alle, bis auf ein Besatzungsmitglied namens Davis, hatten es auf das Rettungsboot geschafft. Von den insgesamt acht Personen passten sechs darauf, was bedeutete, dass immer zwei von ihnen nebenherschwimmen und sich festhalten mussten. Da der Kapitän verwundet war und nicht bewegt werden konnte, wechselten sich die anderen ab und versuchten die glühenden Tage und scheinbar endlosen Nächte so gut sie konnten zu überleben. Drei Tage und Nächte trieben sie im Pazifik. Sie sahen kein Anzeichen von Land, keine Flugzeuge oder Schiffe. Und dann zog ein weiterer Sturm auf und brachte das Boot zum Kentern.

Dallas war sich sicher, gestorben zu sein, doch er war am Leben und tatsächlich irgendwo an Land gespült worden. Stöhnend versuchte er, seine Finger zu bewegen, dann seine Hände und Arme. Seine Muskeln waren steif und schmerzten, doch sie ließen sich bewegen. Als Nächstes versuchte er es mit den Zehen und Füßen und schließlich mit den Beinen. Seine Lungen brannten, aber scheinbar gab es keine ernsthaften Verletzungen. Doch als er versuchte, sich hochzudrücken, kehrte der Schmerz aus der vorangegangenen Nacht zurück. Scharf zerriss er ihm von innen die Brust und zog sich bis in Schultern und Nacken. Er war mit dem Oberkörper gegen etwas Massives gekracht und konnte nur hoffen, dass er sich nichts gebrochen und keine inneren Verletzungen hatte. Er holte Luft, zuerst nur flach, dann ein bisschen tiefer. Als er einen vollen Atemzug nahm, war der Schmerz unerträglich. Er hatte mehrere Jahre zuvor eine Lungenentzündung gehabt, und obwohl er wusste, dass das hier etwas anderes war, fühlte es sich doch ähnlich an. Er hustete. Sein Hals und seine Brust brannten. Dallas ignorierte es, so gut er konnte, und zog sich weiter den Strand hoch. Erschöpft drehte er sich auf den Rücken und lag einen Augenblick lang da und atmete schwer, trotz des Schmerzes.

Der wolkenlose Himmel über ihm erstrahlte in einem wundervollen Blau. Dallas drehte den Kopf und spuckte, doch er wurde den Sand und den Dreck kaum los, der in seinem Mund klebte. Es schmeckte, als hätte er den halben Meeresboden verschluckt und mit der anderen Hälfte gegurgelt. Er wischte sich seinen Mund und danach das Gesicht mit dem Unterarm ab und spuckte abermals. Seit Tagen kämpfte er schon mit Hunger und Durst, da er und die anderen sich das bisschen Wasser und Essen eingeteilt hatten. Jetzt wurde ihm schon beim Gedanken daran speiübel.

Dallas brachte sich in eine sitzende Position, fühlte sich aber immer noch zu benommen, um aufzustehen. Er musterte seine Umgebung, während sich sein Geist langsam sammelte. Er befand sich auf einer kleinen Insel, die wahrscheinlich unbewohnt war, aber er verspürte immer noch den Drang, um Hilfe zu rufen. Der Wind wehte nicht mehr, also saß er still da und lauschte den Wellen, die sanft ans Ufer schwappten, nur wenige Zentimeter von der Stelle entfernt, an der die Strömung ihn in der Nacht angespült hatte. Wäre er dort noch länger geblieben, hätte ihn die Flut wieder raus aufs Meer gezogen. Bei diesem Gedanken schlang er schaudernd die Arme um seinen Körper und begann sich nach Verletzungen abzusuchen. Er trug lediglich eine Khakishorts, hatte nicht mal Schuhe an. Wie die anderen hatte er bereits im Rettungsboot einen schlimmen Sonnenbrand davongetragen, war sogar mit Blasen übersät gewesen, und inzwischen waren seine Füße auch noch voller winziger Schnitte und Kratzer, ebenso wie seine Knie, Ellbogen, Arme, Schultern und seine Brust. Zweifellos rührte das daher, dass er durch die Wucht des Sturms wie eine Stoffpuppe auf die felsige Küstenlinie geschleudert und erst am Ufer zum Liegen gekommen war. Wie die Blasen waren auch die Schnitte, Quetschungen und Kratzer zwar zahlreich, aber nicht lebensbedrohlich.

Er schirmte seine Augen mit der Hand ab und schaute sich den Strand und den dahinterliegenden Ozean an. Das Wasser war kristallklar, der Sand hell und heiß. Er drehte sich um und blickte über die Schulter. Der Strand führte zu einer kleinen Böschung mit vielen Palmen. Fast vierzig Meter von ihnen entfernt folgte eine zweite Reihe Bäume, dahinter lag ein Dschungel. Dallas zwang sich zu schlucken. Er hustete, dann drehte er sich um und schaute erschöpft nach rechts, wo er einen weiteren langen Strandabschnitt und noch mehr Palmen entdeckte, die auch in dieser Richtung über die Böschung hinausragten. Zu seiner Linken sah er Felsen, viele finstere, gezackte Monstrositäten, die aus dem Sand wie altertümliche, steinerne Totems in den Himmel stachen. Hätte er sich von dieser Seite der Insel genähert, wäre er zerschmettert worden.

In einiger Entfernung, bei einer kleinen Bucht am anderen Ende der Insel, erregte etwas seine Aufmerksamkeit, das auf dem weißen Sand völlig fehl am Platz wirkte. Er betrachtete es eine Zeit lang, um sicherzugehen, dass ihm die gleißende Sonne keinen Streich spielte. Eine Stelle am Strand, an der ein gelbes Material verstreut lag, von dem Teile im Wasser trieben und sanft von den Wellen hin- und hergetrieben wurden. Dallas rieb sich die Augen und schaute wieder hin. Es war definitiv dort, keine Frage. Er starrte eine gefühlte Ewigkeit in die Richtung und wartete darauf, dass sein Verstand zu arbeiten begann. Als er es endlich tat, kämpfte sich Dallas auf die Füße. Obwohl seine Beine zitterten und er sich immer noch ein schwindlig fühlte, stolperte er, so schnell er konnte, auf das zu, was er nun als Überreste eines Schlauchbootes erkannte.

Die anderen, dachte er. Sie haben es auch geschafft. Sie … bitte lass mich nicht der Einzige sein!

Quinns Gesicht zog vor seinem inneren Auge vorbei.

Mein Gott, Quinn! Wo zur Hölle ist sie? Geht es ihr gut?

Der Schock hatte seine Erinnerungen an Quinn und die anderen verblassen lassen, und nun, da sie zurückkehrten, fluteten sie seinen Verstand wie ein heftiger und unkontrollierbarer Strudel. Mit schmerzender Brust, pochendem Schädel, erschöpftem Körper und Füßen, die auf dem heißen Sand brannten, stolperte Dallas im brutalen Sonnenlicht den Strand entlang, unfähig, an etwas anderes zu denken als an Quinn und die anderen.

Er stolperte zweimal, ging aber weiter, ohne zu fallen, und als er sich der Bucht näherte, ging er näher ans Wasser und verlangsamte seine Schritte. Kaum hatte er den feuchten Sand erreicht, kletterte er vorsichtig über eine Gruppe großer Felsen hinweg und ließ sich auf der anderen Seite wieder hinab.

Schwankend, aber immer noch aufrecht, atemlos und verschwitzt fand er die Überreste des aufblasbaren Rettungsbootes. Sie waren platt, verdreht und an mehreren Stellen zerrissen, und ein einfaches Paddel aus Plastik war immer noch mit einer dünnen Nylonschnur an einem Teil davon befestigt. Während der hintere Teil im flachen Wasser trieb, war der Rest ans Ufer gespült worden.

Dallas stolperte darauf zu und fiel auf die Knie. Keine Spur von Quinn oder sonst jemandem. Er schloss die Augen, und seine Kehle schnürte sich zu. Der furchtbare Durst war zurückgekehrt.

»Quinn!« Sein Schrei war lauter, als er es sich zugetraut hätte, also rief er ihren Namen wieder und wieder mit aller Energie, die er nur aufbringen konnte.

Es kam keine Antwort.

Mit der Zeit wurden seine Rufe zu einem entsetzlichen, weinenden Schluchzen, ihr Name wurde verzerrt von Wut, Angst, Verwirrtheit und Frustration. In seiner Verzweiflung umklammerte er ein Stück des Rettungsbootes und drückte es gegen seine Brust, während die Welt um ihn hinter einem Tränenschleier verschwamm. Dann sackte sein Körper zusammen, und seine Knie rutschten in den nassen Sand.

Als er etwas hörte, das wie eine körperlose, weit entfernte Stimme klang, die nach ihm rief, glaubte Dallas, dass er wieder bewusstlos geworden und im Reich seiner Albträume gelandet war.

Doch der Klang der Stimme hielt nicht nur an, er wurde lauter, kam näher.

Er hob seinen Kopf, wischte sich Tränen und Sand aus den Augen und schaute zum anderen Ende der Bucht. Eine Gestalt stolperte durch das helle Sonnenlicht und kam mit winkenden Armen auf ihn zu. Sie rief ihn, die Gestalt rief nach ihm – und er erkannte diese Stimme, wusste, wem sie gehörte, noch bevor er ihr Gesicht sehen konnte.

»Quinn?«, fragte er leise und mit kratzender, schwerer Stimme, aber voller Hoffnung.

Mit seinem erschöpften und angeschlagenen Körper kämpfend, stand Dallas auf und stürzte der Gestalt entgegen. Die Vorahnung, seine Frau verloren zu haben, hatte ihn bereits einmal fast zerstört, und er wusste, sollte sich dies als Traum oder schlechter Scherz herausstellen, würde er sich nie mehr davon erholen.

Sie stießen zusammen, bildeten ein wildes Bündel aus Gliedmaßen und Oberkörpern, die einander umklammerten, sich drehten und in den Sand fielen, während beide ihre Hände über den anderen gleiten ließen, als müssten sie sich vergewissern, dass sie real, unverletzt und so waren, wie sie sich in Erinnerung gehabt hatten. Ihre eingerissenen Lippen trafen aufeinander und beide redeten gleichzeitig aufeinander ein, aber keiner hörte richtig zu.

»Quinn! Gott, Quinn, ich …«

»Ich dachte, ich hätte dich verloren, Baby, ich dachte …«

»Geht es dir gut?«

»Ich hab nach dir gesucht, ich …«

»Ich bin hier.« Er zog sie wieder an sich und drückte sie ganz fest. »Ich bin hier, es ist okay, ich bin jetzt hier. Du lebst, mein Gott, du … du bist am Leben.«

»Ich liebe dich.« Quinn küsste seinen Hals und seine Wange auf dem Weg zu seinen Lippen.

»Ich liebe dich auch, ich … ich liebe dich auch.«

Völlig außer Atem saßen sie eine Weile im Sand, hielten einander still und dankbar in den Armen und ließen ihren Emotionen freien Lauf.

Dallas betrachtete sie genauer. Sie war barfuß wie er und trug verblasste Nylonshorts sowie ein Bikinioberteil. Ihre hellbraunen, kurz geschnittenen Haare waren zerzaust, nass und zum Teil mit Sand verkrustet, der Schock war ihr anzusehen, und sie war ebenso erschöpft und mit Blasen übersät wie er, doch sonst schien sie unverletzt. Tatsächlich sah sie, abgesehen von der goldenen Bräune, die sie noch vor ein paar Tagen zur Schau getragen und die sich in ein verbranntes Scharlachrot gewandelt hatte, bemerkenswert gut aus, wenn man bedachte, was sie alles durchgemacht hatte. Ihr Körper war dünn und drahtig wie der einer Athletin. Sogar mit ihren Vierunddreißig hatte sie die schmale, aber kräftige Schwimmerinnenfigur nicht verloren, die sie bereits hatte, als sie sich zum ersten Mal auf dem College begegnet waren und Quinn noch ein gefeiertes Mitglied des Schwimmteams gewesen war.

»Geht’s dir gut?«, wollte er wissen.

Sie nickte und umschloss mit den Händen sein Gesicht. »Und dir?«

»Ich hab Durst und bin am Verhungern, aber ich komm klar.«

»Du hast überall Kratzer.«

»Mir geht’s gut.« Er nahm ihr Handgelenk, zog ihre Hand an seinen Mund und küsste sie. »Was ist mit den anderen?«

»Sind alle da.«

Quinn schaute über ihre Schulter.

»Außer …«

Er sah sie erschrocken an.

»André«, sagte sie schließlich. »Niemand hat ihn gesehen.«

Die Schrecken der letzten Nacht und der höllischen Tage zuvor kehrten allmählich zu Dallas zurück. Murdoch, der Kapitän und Besitzer des Schiffs, hatte sich verletzt, kurz bevor sie es verlassen hatten. Dallas erinnerte sich daran, wie er zusammen mit den anderen dem Rettungsboot hinterher ins Wasser gesprungen war und wie sie darauf zugeschwommen waren, als es sich aufgeblasen hatte. Davis, das alleinige Besatzungsmitglied, war der einzige, der dabei verloren ging. Sie alle riefen aus Leibeskräften nach ihm und suchten ihn, jedoch ohne Erfolg. Er hatte es nie vom Schiff geschafft.

Als sich der Sturm legte, trieben sie drei Tage im Rettungsboot, bis sie von einer Sturmböe getroffen und ins Meer geschleudert wurden. André und Natalie drehten gerade ihre Runde um das Boot, als das Unwetter losbrach. Dass einer von ihnen überlebt und es an Land geschafft hatte, war nichts Geringeres als ein Wunder.

Dallas blickte hinaus auf den Ozean, den er einst so schön gefunden hatte. Nun war er für ihn mehr wie ein Raubtier. »Und die anderen?«, fragte er ruhig.

»Sie sind dort hinten, hinter den Felsen. Wir sind seit letzter Nacht da, nachdem wir es an den Strand geschafft haben.«

»Geht es allen gut?«

Sie hielt seine Hände fest umschlossen. »Da ist ein Riff.« Quinn deutete raus auf den Ozean. »Dort. Das ist, worauf wir letzte Nacht im Sturm getroffen sind und was uns alle vom Boot geschleudert hat. In der Dunkelheit hatten wir keine Ahnung, wie nahe wir dem Land bereits gekommen waren. Murdoch kann noch immer nichts sehen. Um seine Augen ist es schlecht bestellt und er wäre sogar beinahe ertrunken, aber er ist am Leben. Und die Felsen haben Nat ziemlich übel erwischt. Sie ist verletzt.«

»Schlimm?«

Quinns Tränen der Freude wandelten sich zu denen der Besorgnis. »Es sieht nicht gut aus, Dallas.«

»Scheiße«, entfuhr es ihm, als er sich aufrappelte und sie mit hochzog. »Wo zur Hölle sind wir? Weiß das jemand?«

»Wir sind uns nicht sicher.«

»Hat Murdoch nicht irgendeine Ahnung?«

»Wir hoffen, dass er es weiß, doch er wurde in der Nacht immer wieder bewusstlos. Er ist ebenfalls in schlechter Verfassung, doch um Nat mache ich mir die meisten Sorgen. Ihr Arm ist gebrochen. Ich habe es geschafft, den Knochen zu richten, aber sie hat auch innere Verletzungen.« Quinns Stimme brach, aber sie riss sich schnell wieder zusammen. »Nat hat furchtbare Schmerzen und sie hustet Blut.«

»Oh Gott ….«

»Ja.« Sie wischte sich über die Augen. »Komm.«

Eng umschlungen machten sie sich auf den Weg zu den anderen. Sie überquerten den Sand, und mit jedem Schritt fühlte sich Dallas kräftiger. Zu wissen, dass Quinn am Leben und unverletzt war, war genug, um ihn weitermachen zu lassen. Sie war stark, war es immer schon gewesen, und er musste es auch sein.

Dallas sah, dass Herm sie beobachtete, als sie sich näherten. Ein paar Meter entfernt saß Harper und auf dem Sand zwischen ihnen lag Nat neben Murdoch.

»Heilige Scheiße«, sagte Herm, als er ihnen entgegenkam. Er streckte seine Faust aus und aus Gewohnheit schlug Dallas mit seiner dagegen. »Geht‘s dir gut, Mann?«

»Ich bin am Leben. Geht’s dir gut?«

Dass ausgerechnet Herm überlebt hatte, war vielleicht am kuriosesten. Er war vierundsechzig, was ihn, abgesehen von Murdoch, zum ältesten Mitglied der Gruppe machte, und war bei weitem in der schlechtesten körperlichen Verfassung. Er war durchschnittlich groß, ein bisschen mollig um die Taille und der einzige, der lange Hosen trug. Oder zumindest das, was von ihnen übrig war. Beide Beine seiner Jeans waren zerrissen, aber sein weißes Unterhemd und das Paar billiger Turnschuhe an seinen Füßen waren im Grunde noch intakt. Herm hatte seine Haare in seinen Dreißigern verloren und trug ein hässliches Toupet, das es irgendwie geschafft hatte, während ihres Martyriums auf seinem Kopf zu bleiben, wenn auch nicht im besten Zustand. Sogar seine Brille, eine, deren Gläser sich im Sonnenlicht verdunkelten, hatte er noch. Zwar verbogen und zerkratzt, aber ansonsten noch zu gebrauchen. Als Kollege und in erster Linie Freund von Dallas kannte Herm die anderen nicht besonders gut und wodurch das mehr eine grobe Ergänzung ihrer Reisegruppe gewesen war.

Dallas sah sich um. »Wo ist Gino?«

»Er ist dort lang.« Herm deutete entgeistert auf den Dschungel. »Er macht einen auf Tarzan, schätze ich. Oder wer zur Hölle er sonst zu sein glaubt.«

Harper, Ginos neueste Freundin und mit dreiundzwanzig die Jüngste von ihnen, saß ein paar Meter entfernt im Sand und weinte still. Obwohl ihr starkes Make-up und ihre falschen Wimpern längst weggespült worden waren, sah sie in ihren Sneakers und ihrem kleinen weißen Bikini immer noch wie eine deplatzierte Stripperin aus. Ihr wasserstoffblondes Haar war lang und hing ihr über die Schultern, und ihr üppiger, cartoonhafter Körper passte kaum in ihre knappe Badekleidung. Dallas fand, dass sie, wie sie dort im Sand saß und weinte, endlich so alt wirkte, wie sie tatsächlich war. Vielleicht sogar noch jünger, fast wie ein Kind. Er sah zu Quinn. Sie nickte ihm kurz zu, was bedeuten sollte, Harper wäre zwar etwas aufgelöst aber in Ordnung. Dallas ging neben Murdoch in die Hocke und berührte vorsichtig sein Handgelenk.

»Wer ist es?«, fragte er mit kratziger Stimme. »Wer ist da?«

»Dallas.«

John Murdoch war der Kapitän der Jacht gewesen, die sie für eine Angeltour bei Nacht gebucht hatten. Der grauhaarige Mann in den Fünfzigern lag auf dem Rücken, und sein verwegenes, gutes Aussehen hatten die Sonne und die blutigen Wunden über seinen Augen ruiniert. Als der erste Sturm das Schiff versenkt hatte, überspülte eine riesige Welle die Brücke, die Glas und Trümmer direkt in sein Gesicht hatte regnen lassen. Trotz der folgenden Blindheit hatte er es aber von Bord geschafft, wo die anderen ihn gerettet und sicher ins Rettungsboot verfrachten. Seitdem war er immer wieder bewusstlos geworden, und Quinn hatte ihr Bestes gegeben, um seine Wunden zu versorgen. Doch selbst im wachen Zustand war er kaum ansprechbar, geschweige denn in der Lage, ihnen Informationen zu geben.

»John«, sagte Dallas, »hör mir zu. Okay, ich … Du musst mir zuhören.«

Der Kapitän drehte den Kopf zu Dallas und nickte. Seine Augen bildeten ein blutiges Durcheinander.

»Hast du irgendeine Ahnung, wo wir sind?«

»Das ist nicht möglich.«

»Was ist nicht möglich?«

»Wo wir waren, wo wir sind, da … da ist kein Land.«

»Du verstehst nicht. Versuch dich zu konzentrieren, wenn du kannst, John. Wir sind auf einer Insel.«

»Nein, du verstehst nicht«, sagte er mit nuschelnder Stimme. »Es gibt hier draußen keine Inseln. Da ist nichts als Ozean südlich der Cook Islands und der Antarktis.«

»Wo zur Hölle sind wir dann?«

»Kein Land, es gibt … kein Land hier draußen …«

Als Murdoch wieder in die Bewusstlosigkeit glitt, schaute Dallas zu den anderen, doch keiner erwiderte seinen Blick. Er krabbelte rüber zu Natalie, stets darauf bedacht, ihren zerfetzten Arm nicht zu sehr anzustarren. Andrés Freundin, Quinn, Gino und er waren seit Jahren Freunde, und er hatte sie nie an etwas Schlimmerem leiden sehen als einer Erkältung. Natalie war die Mutti, die sich um alle anderen kümmerte. Es schien unmöglich, dass sie so verletzt und gebrochen dalag, doch es war so.

»Vorsichtig«, warnte Quinn ihn. »Beweg sie nicht.«

Mit einem Nicken nahm Dallas ihre schlaffen Hände in seine. »Nat?«

Sie war bewusstlos, ihre Brust hob und senkte sich kaum.

Quinn legte eine Hand auf seine Schulter und drückte sie sanft. Als er zu ihr aufsah, schüttelte sie langsam den Kopf. Natalie würde sterben. Es war nur eine Frage der Zeit.

Er ließ ihre Hand los, legte sie sorgsam auf den Sand und erhob sich. »Kein Hinweis auf André?«, fragte er leise.

»Das letzte Mal habe ich ihn gesehen, als unser Boot gekentert ist«, antwortete Quinn hilflos.

»Ja«, fügte Herm hinzu.

Dallas schaute zu Harper, aber sie hielt immer noch ihr Gesicht in den Händen vergraben und weinte.

»Seid ihr sicher, dass es ihr gut geht?«, fragte er.

»Nein, es geht mir verflucht noch mal nicht gut!«, schrie sie. Ihr Kopf schnellte hoch und ihre blauen Augen funkelten ihn an. »Das hier ist verfluchter Bullshit! Warum hat man uns nicht schon längst gefunden? Ich will nach Hause!«

Die anderen standen da und wussten nicht, was sie sagen oder tun sollten.

Wie aufs Stichwort trat Gino Cortese aus einem nahegelegenen Teil des Urwalds und sah aus wie das Musterbeispiel eines rauen Naturburschen aus. Seiner ohnehin stark gebräunten Haut hatte die Sonne wenig anhaben können, und in seinem Tanktop, seinen Shorts und seinen Sneakers sah sein wie gemeißelt wirkender Körper noch beeindruckender aus als sonst. Gino war stark, gelenkig und selbstsicher. Sein kurzes, dunkles Haar war zerzaust, und außer ein paar Kratzern und Blasen schien ihm nichts weiter passiert zu sein. Er ging zu Dallas, die beiden alten Freunde umarmten einander. Gino merkte schnell, was er da tat und trat einen Schritt zurück. »Gut, dich zu sehen, Bro«, murmelte er.

»Er dachte, du wärst tot«, sagte Herm plötzlich.

Gino funkelte ihn an.

»Das ist, was du gesagt hast, oder? Dallas und André sind tot, und wir müssen dieser Tatsache ins Auge sehen und uns um die kümmern, die noch leben, richtig?«

»Herm«, seufzte Quinn. »Herrgott.«

»Was hast du im Dschungel gemacht?«, fragte Dallas in der Hoffnung, ihn ablenken zu können.

Gino richtete seine Aufmerksamkeit wieder auf Dallas. »Kleine Aufklärungsmission. Hab versucht herauszufinden, womit wir es hier zu tun haben. Ich werde höher rauf müssen, um sicherzugehen, doch ich denke, es handelt sich um eine relativ kleine Insel. Unbewohnt natürlich, aber wir müssen die Lage so gut und so schnell wie möglich einschätzen.«

»Es ist 2014«, sagte Herm und klopfte sich den Sand von der Jeans. »Es ist nur eine Frage der Zeit, bis man uns findet. Kommt schon, ein Haufen Amerikaner während des Urlaubs auf See verschollen? Ich bin mir sicher, wir sind zu Hause Thema Nummer Eins in sämtlichen Nachrichten, und ich wette, dass seit der ersten Nacht jede Menge Flugzeuge und Schiffe da draußen sind, die nach uns suchen. Man wird uns finden.«

»Das sagst du seit Tagen«, erinnerte Quinn ihn.

»Die Frage ist, wo sie suchen«, sagte Gino.

»Auf dem Mond«, kicherte Herm, »was glaubst du denn?«

Dallas fand es absurd, Herm unter den gegebenen Umständen lachen zuhören, selbst wenn es ein zynisches Lachen war.

»Hör zu, du Genie«, sagte Gino, »als das Schiff kenterte, sagte Murdoch, er hätte einen Notruf abgesetzt. Das bedeutet, sie wissen, wo wir waren. Dieser Sturm dauerte die ganze Nacht, und du kannst dir sicher sein, dass er uns weit weggetragen hat. Danach sind wir drei Tage im Rettungsboot umhergetrieben. Wir können nicht sagen, wie weit wir von der Unglücksstelle entfernt waren, als uns der zweite Sturm traf und noch weiter wegblies. Wir könnten Hunderte Meilen von dem Ort entfernt sein, an dem die Jacht sank. Ich bin ebenfalls sicher, dass sie nach uns suchen. Das Problem ist nur, dass sie wahrscheinlich nicht irgendwo hier in der Nähe suchen.«

»Wie ermutigend«, murmelte Quinn.

»Es ist die Wahrheit«, sagte Gino. »Und es ist wichtig, dass wir uns in dieser Situation der Wahrheit stellen und uns nicht selbst belügen.«

»Eine Wahrheit ist«, sagte Dallas, »dass ich Wasser brauche.«

»Das haben wir glücklicherweise.«

»Haben wir?«

Gino nickte in Richtung Palmen. »Komm mit.«

Dallas folgte ihm zu etwas, das er schnell als Teil des Schlauchbootes erkannte, das ausgebreitet und mit Lianen an zwei Ästen festgebunden war, die tief im Sand steckten. Beinahe fünf Zentimeter tief stand das Wasser darin, aufgefangen von der provisorischen Gummischale.

»Das einzig Gute an dem Sturm letzte Nacht war, dass er Regen gebracht hat«, sagte Gino. »Ich hab das hier schnell zusammengebaut, damit wir wenigstens ein bisschen davon auffangen können. Wir werden etwas Geeigneteres bauen müssen, doch erst mal ist es besser als nichts.«

Dallas ließ sich auf die Knie fallen, schöpfte gierig zwei Handvoll Wasser und trank sie. Seine Lippen und seine Kehle fühlten sich sofort besser an, und das Wasser war, obwohl es warm war, das Beste, von dem er je probiert hatte.

»Vorsichtig, das ist nicht die sicherste Konstruktion«, meinte Gino zu ihm. »Und nimm nicht zu viel, das ist alles, was wir haben. Wer weiß, wann es wieder regnet?«

»Entschuldigung«, keuchte er und strich sich die Wasserreste an Lippen und Kinn in den Mund.

»Es muss dir nicht leidtun. Wir müssen nur clever sein.«

Dallas nickte. »Ich hatte noch nie solch einen Durst.« Er hatte sich gefragt, wie alle die Stärke aufbringen konnten, die sie an den Tag legten. Nun wusste er es. Einmal mehr war das Ginos Verdienst gewesen. Auf dem Boot hatte es abgefülltes Wasser gegeben, das Gino als Teil eines Notfallsets mitgebracht hatte, doch seitdem hatte Dallas nichts mehr getrunken. Zu diesem Zeitpunkt hatte jeder über Ginos Paranoia gelacht und sie als typisch überkandidelten Survival-Quatsch abgestempelt. Doch als die Sache schlimm wurde, hätten sie diese drei Tage ohne seinen Beutel mit abgefülltem Wasser und die Energieriegel, auf deren Mitnahme er bestanden hatte, nicht überlebt.

Dallas und Gino kehrten zu den anderen zurück. Quinn kniete neben Natalie, hielt ihre Hand mit gesenktem Kopf und rissigen Lippen, die sich in einem stillen Gebet bewegten.

Harper stand am Wasser und blickte hinaus auf den Ozean, und wurde von Herm beobachtet, der sich geistesabwesend im Schritt kratzte.

»Hey, du Perversling«, sagte Gino.

Herm grinste ihn an.

»Ich dachte, ich hätte dir gesagt, du sollst die Teile des Bootes einsammeln.«

»Ja, das hast du.«

»Dann geh und hol sie, bevor sie weggespült werden. Wir können sie brauchen. Und das Paddel auch.«

Herm schaute hilfesuchend zu Dallas. »Okay, wann haben wir Gino zum Kommandanten gewählt? Habe ich dieses Meeting verpasst?«

»Mach es einfach, Arschloch.« Gino trat auf ihn zu. »Wir müssen zusammenarbeiten, kapiert?«

»Ist das deine Vorstellung von Zusammenarbeit? ›Mach es einfach, Arschloch.‹ Ernsthaft?« Herm schüttelte den Kopf. »Du weißt, dass ich seit vier Tagen keine Zigarette mehr hatte. Ich bin drauf und dran, jemanden umzulegen, also nimm deine Daniel-Boone-Scheiße und steck sie dir in den Arsch. Wie klingt das?«