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Mitten in den Wirren des 30-jährigen Krieges kommt der zwanzigjährige Bonifatius Beckenschläger nach Krempe und schließt sich den Söldnern des dänischen und norwegischen Königs Christian IV. an. Es entspinnt sich ein Geflecht aus Leidenschaft, Ruhm und Krieg inmitten der Belagerung der beiden Festungen Glückstadt und Krempe. Dem Glückstädter Reinhard Bädecker ist mit seinem ersten und einzigen Roman ein gut recherchiertes und spannend inszeniertes Werk gelungen.
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Seitenzahl: 404
Veröffentlichungsjahr: 2020
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Herausgegeben von Michael Boldt, Sönke Loebert, Christian Boldt im Auftrag der Detlefsen-Gesellschaft
Vorwort
Kapitel
Kapitel
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Seit den 1960er Jahren ist der historische Roman eines der beliebtesten Genres der postmodernen Literatur. Für diese Spielart wurde der Begriff der historiografischen Metafiktion geprägt. Dennoch ist dieses Genre viel älter.1 So gehört der schottische Romancier Sir Walter Scott zu den bekanntesten Schriftstellern. Viele seiner historischen Romane zählen heute zu den Klassikern der Weltliteratur und dienten als Vorlage für zahlreiche Filme, Schauspiele und Opern.
Vor allem die Romane um den Freiheitskämpfer Rob Roy, die Abenteuer des Quentin Durward, die beiden historischen Romane Ivanhoe und Waverley – in Letzterem schildert Scott die Geschichte eines jungen Adligen, der von seinem Onkel in Schottland aufgezogen wird und als Offizier des britischen Militärs 1745 in den letzten Aufstand der Jakobiten gerät – haben viele junge Leser regelrecht verschlungen. Scotts Erzählkünste, seine Naturbeschreibungen, die abenteuerlichen Wirrnisse um Liebe und Leid sowie die Verstrickungen seiner Helden mit geschichtlichen Ereignissen fanden seit den 1820er Jahren in Deutschland, dem Beginn der Scott-Rezeption, eine breite Leserschaft. Ziel dieses Romantypus soll eine Verlebendigung der Vergangenheit sein; die Geschichtsschreiber liefern die Fakten, die der Schriftsteller mit Leben füllt. Im konkreten Fall des Waverley, der eine damals noch nicht weit zurückliegende Epoche beschreibt, soll der Held zwischen der Gegenwart der Leser und der Vergangenheit vermitteln. Dieser Held, und hier liegt der große Unterschied zum Epos, ist nun der sogenannte „mittlere Held“. Personen, die nicht an der Spitze der Gesellschaft stehen und geschichtliche Ereignisse nicht auslösen, sondern darin verstrickt werden. Der Protagonist ist moralisch einigermaßen gefestigt, opfert sich selbst auf; eine menschliche Leidenschaft, die den Leser mitreißt, entsteht allerdings nie. Scotts Hauptfiguren sind „national typische Charaktere, aber nicht im Sinne des zusammenfassenden Höhepunktes, sondern in dem der tüchtigen Durchschnittlichkeit.“2
Scott scheint hier auch Vorbild gewesen zu sein für den Autor des im Nachfolgenden vorliegenden Romans, der u.a. in Glückstadt spielt. Die historischen Persönlichkeiten sind genau wie bei Scott nur Nebenfiguren, treten aber ihrer Rolle entsprechend in bedeutsamen Situationen auf. Zwischen den Auftritten der historischen Persönlichkeiten ist der Schriftsteller innerhalb der historischen Gegebenheiten relativ frei in der Gestaltung des Lebensweges seiner Protagonisten. Dialoge, die der Verlebendigung der Vergangenheit dienen, nehmen ebenso an Wichtigkeit zu wie die Nebenfiguren, die entlang historischer Konfliktlinien verfeindete Seiten vertreten.
So ist dieser kleine Roman durchaus lesenswert und er vermittelt auch ein Wissen im Bereich der Regionalgeschichte, aber dennoch ist wie bei fast allen historischen Romanen Vorsicht geboten: Die Personen handeln häufig nicht zeitentsprechend, es gibt Anachronismen und es gelingt häufig nicht, die Handlungsmöglichkeiten und Handlungen der Protagonisten realistisch in das Tableau der gesellschaftlichen Realität ihrer Zeit einzubetten. Dieses ist besonders dann zu beachten, wenn die Autoren behaupten, genauestens recherchiert zu haben, und einen Wahrheitsanspruch erheben. Der verstorbene Historiker und Ehrenvorsitzende der Detlefsengesellschaft Glückstadt e. V. Klaus-Joachim Lorenzen-Schmidt hat sich zu dieser Problematik sehr deutlich in dem von Ortwin Pelc herausgegeben Buch „Mythen der Vergangenheit. Realität und Fiktion in der Geschichte“ am Beispiel des historischen Romans „Die Hebamme von Glückstadt“ geäußert.3
Die zeitlichen Ereignisse sind in diesem Buch historisch korrekt wiedergegeben. Aus diesem Grund ist der Roman mit Gewinn zu lesen. Auch sind alle genannten Truppenteile und ihre Kommandeure, alle genannten dänischen Schiffe und ihre Kapitäne, Festungskommandanten und Söldnerführer historisch belegt, ebenso der niederländische Kommissar Hoogenhouk. Das gilt auch für die geschilderten größeren Kampfhandlungen.
Die „Seeland“ und Kapitän Nissen, ebenso Kapitän Ohlsen, sind fiktiv. Irische Piraten waren im 17. Jahrhundert zwischen Ostsee, Island und Gibraltar sehr präsent und führten Kaperkrieg vor allem gegen Schiffe Englands und seine Verbündete. Sie verstanden sich auch als Freiheitskämpfer gegen die englischen Besatzer und hatten ihre Stützpunkte an der irischen Küste.
Wir wünschen Ihnen, liebe Leserinnen und Leser, eine spannende und interessante Lektüre.
Borsfleth / Glückstadt im Januar 2020
Sönke Loebert, Michael Boldt, Christian Boldt
1 Vgl. zur Wort-, Begriffs-, Sach- und Forschungsgeschichte Eggert, Hartmut: Art. „Historischer Roman“, in: Fricke, Harald (Hrsg.): Reallexikon der deutschen Literaturwissenschaft, Band II, Berlin/New York 2000, S. 53ff.
2 Lukács, Georg: Der historische Roman, Berlin 1955, S. 43.
3 Lorenzen-Schmidt, Klaus-Joachim: Die Hebamme von Glückstadt - Probleme historischer Romane, in: Pelc, Ortwin (Hrsg.): Mythen der Vergangenheit. Realität und Fiktion in der Geschichte, S. 311-331.
Bonifatius Beckenschläger fuhr von seiner Lagerstätte hoch. Das jähe Wiehern seines Pferdes hatte ihn aus seinem Mittagsschlummer aufgeschreckt und er blinzelte in die noch hoch am Himmel stehende Septembersonne.
Instinktiv spürte er Gefahr in seiner Nähe und fieberhaft suchte er seine Gedanken zu konzentrieren.
Richtig, er hatte sich nach seinem Mittagsimbiss und einigen kräftigen Schlucken aus einer mitgeführten Rotweinflasche in das sommerlich warme Gras gelegt, um einen kleinen Verdauungsschlummer zu halten.
Zum Essen hatte er sich auf eine kleine Bodenwelle etwa hundert Schritte neben der staubigen Landstraße gesetzt – vielleicht eine halbe Meile nördlich von Elmshorn im westlichen Holstein. Anschließend hatte er sich dann so in die Senke hinter der Erhebung gelegt, dass er von der Straße her nicht zu sehen war. Auch seinen Braunen hatte er in der Senke an eine Weide gebunden. So, wie er ihn angebunden hatte, wäre er ebenfalls von der Straße nicht zu sehen gewesen. Das Pferd musste jedoch beim Grasen die Zügel gelockert haben und stand jetzt fast oben auf der Kuppe. Gerade jetzt wieherte es erneut in Richtung auf die Straße zu.
Bonifatius Beckenschläger war ein junger Mann von gerade zwanzig Jahren. Seine lang aufgeschossene hagere Figur steckte in einem lederfarbenen Reitanzug. Das Wehrgehenk mit dem langen geraden Rapier hatte er neben sich in das Gras gelegt; ebenso lagen die geladenen beiden schweren Reiterpistolen griffbereit neben ihm. Dies war in jener Zeit empfohlen, in diesen Tagen Anfang September des Jahres 1627.
Der große Krieg in Deutschland dauerte nun schon neun Jahre. Ein Reisender musste jederzeit auf eine Begegnung mit Wegelagerern gefasst sein. Ganz abgesehen davon hatte Bonifatius Beckenschläger auf seiner Reise davon erfahren, dass Truppen der Kaiserlichen und der Liga auf dem Weg nach Norden waren, also nach Holstein und Schleswig, womöglich sogar bis nach Jütland hinauf.
Der junge Mann nahm also die beiden Pistolen zur Hand, spannte die Hähne und robbte zur Kuppe der Anhöhe hinauf.
Noch bevor er oben angelangt war, vernahm er aus Richtung der Straße Hufgetrappel, das sofort lauter anschwoll. Er hielt den Atem an und bevor er noch ausgeatmet hatte, tauchten über ihm drei, vier, fünf Reiter auf. Schlapphüte mit großen Federn saßen verwegen auf den braun gebrannten, bärtigen Gesichtern. Zwei der Reiter schwangen Säbel, die in der Sonne blitzten. Die anderen drei hatten lange Pistolen im Anschlag.
Dass dieser Besuch nicht in friedlicher Absicht nahte, stand für Bonifatius Beckenschläger nicht infrage. Zuviel Schauergeschichten über marodierendes Gesindel hatte er gehört, als dass er lange überlegt hätte. Fast gleichzeitig feuerte er seine beiden Pistolen auf die vordersten Reiter ab – es waren diejenigen, welche die Säbel schwangen. Ohne das Ergebnis seiner Schüsse abzuwarten, ließ sich der junge Mann zurück zu seiner Ruhestätte rollen. Mehr instinktiv, als dass er ihn bewusst gesucht hätte, bekam er seinen liegen gelassenen Degen zu fassen, riss ihn aus der Scheide und stand dann auch schon auf seinen zwei Beinen. Noch während er rollte, hatte Beckenschläger dreimal den Knall von Pistolenschüssen gehört. Die Kugeln schlugen unmittelbar neben ihm ein. Offenbar hatte er es angesichts der kurzen Entfernung nur seinem Abrollen zu verdanken, dass er nicht getroffen wurde.
Nachdem er sich aufgerichtet hatte, sah Beckenschläger, dass er selbst zwei Pferde getroffen hatte. Die Tiere lagen am Boden, zuckend schlugen ihre Hufe durch die Luft. Unter einem Pferd lag, anscheinend eingeklemmt, sein Reiter. Ein anderer Mann lag vier bis fünf Schritte weiter bewegungslos neben seinem Tier.
Die übrigen Reiter hatten infolge der unerwarteten Schüsse aus Beckenschlägers Pistolen wohl einige Augenblicke erschrocken verhalten. Mit einem Satz jagte aber nun der Nächste von ihnen sein Pferd auf den jungen Reisenden zu, den rechten Arm mit dem schweren Säbel zum Schlag erhoben. Pferd und Reiter waren bereits unmittelbar vor ihm, als Beckenschläger einen Sprung nach rechts machte und dabei dem Pferd sein Rapier über die Blesse und wohl auch über das Maul hieb. Das Tier musste eine schmerzhafte Verwundung erlitten haben. Es schnellte nach vorn und ging samt seinem verdutzten Reiter durch. Inzwischen war der vierte Angreifer unmittelbar neben Beckenschläger und ließ seinen Säbel auf ihn niedersausen. Der junge Mann konnte seinen Degen noch zur Abwehr hochreißen und so den Schlag auffangen. In diesem Augenblick war aber auch schon der Letzte der fünf Reiter neben Beckenschläger. Er hatte seine abgeschossene Pistole umgedreht und holte damit nun ebenfalls zum Schlag aus.
Der Angegriffene konnte zwar noch den Kopf zur Seite reißen, aber nicht mehr vermeiden, dass der schwere Pistolenknauf seine rechte Schulter traf. Der Schlag lähmte den noch mit dem Degen zur Abwehr erhobenen Arm und ließ ihn kraftlos hinuntersinken.
Vom Schmerz der Schulter benommen sah Beckenschläger noch das verzerrte Gesicht des Reiters über sich, dessen Säbelhieb er gerade pariert hatte. Da sauste auch schon dessen Arm mit dem Säbel wieder nieder, bevor Beckenschläger einen dumpfen Schmerz im Kopf fühlte und seine Umgebung in einer flimmernden roten Flut versank.
„Na, mein Freund, ausgeschlafen?“ Bonifatius Beckenschläger blickte in ein rundes, gutmütig grinsendes Gesicht von höchstens dreißig Jahren. Unter einer vielleicht etwas zu roten Nase prangte ein prächtiger Schnauzbart und darunter ein Kinnzwickel nach der Mode der damaligen Zeit. Beckenschläger stöhnte und versuchte seine Gedanken zu sammeln. Das Gesicht über ihm gehörte zu einer kräftigen Gestalt in der Uniform eines Offiziers.
„Gestattet, dass ich mich vorstelle – Leutnant Jörg Ohlsen, zurzeit kommandiert in der Festung Glückstadt seiner Majestät König Christians des IV. von Dänemark“, ließ sich der pausbäckige Offizier wieder hören. „Ihr habt Euch tapfer geschlagen, aber viele Hunde sind nun einmal des Hasen Tod. Doch glücklicherweise seid Ihr kein Hase und deshalb auch noch nicht ganz tot.“ Leutnant Ohlsen lachte glucksend über seinen Scherz.
„Ihr seid wohl gerade richtig gekommen“, sagte Beckenschläger nun und betastete vorsichtig seinen immer noch dröhnenden Schädel. Behutsam drehte er den Kopf zur Seite und stellte fest, dass er sich immer noch an der Stelle befand, an der sein Gefecht stattgefunden hatte. Die Sonne stand jetzt allerdings wesentlich weiter nach Westen.
Einige Schritte von dem Leutnant entfernt hielten sich zwei weitere Soldaten neben ihren Pferden auf. Dar eine war lang und dürr, der andere von mittlerer Statur. Beide trugen mächtige rotblonde Vollbärte.
„Ja, gerade richtig gekommen. Das kann man wohl sagen“, meinte der Offizier, immer noch schmunzelnd.
„Allerdings hattet Ihr uns nicht mehr allzu viel zu tun übrig gelassen. Ich kam mit meinen beiden Schotten gerade darüber hinzu, als Euch der eine Galgenvogel den Fangstoß geben wollte. Ihr ward ihm wohl so nah auf den Pelz gerückt, dass er Euch beim ersten Hieb nur mit dem Schutzbügel seines Säbels erwischte. Als wir auftauchten, ergriffen die beiden dann doch lieber das Weite. Wir haben sie zwar noch etwa eine Viertelmeile verfolgt, aber was sollte es schließlich. Es gibt in diesem Krieg so viel Gesindel, dass es auf einige mehr oder weniger schon gar nicht mehr ankommt. Ja, und wir wollten Euch ja letzten Endes nicht allein hier liegenlassen.“
Bonifatius Beckenschläger hatte sich inzwischen erhoben. Glücklicherweise war sein Pferd noch da und graste vor sich hin.
„Jedenfalls danke ich Euch von Herzen.“ Beckenschläger ergriff fest Leutnant Ohlsens Hand. „Wo bin ich hier eigentlich? Ich komme von Hamburg her und wollte eigentlich heute noch nach Itzehoe. Das Ziel meiner Reise ist dann Heide in Dithmarschen.“
„Wir sind etwa 1½ Meilen von der Steinburg im Norden entfernt“, antwortete Ohlsen. „Ebenso weit ist es wohl im Westen nach der Festung Krempe. Wenn Ihr Zeit und Lust habt, kommt mit uns nach Krempe und übernachtet dort. Ihr habt zwar unverschämtes Glück mit Eurem Schädel gehabt, aber etwas Ruhe wird Euch doch gut tun.“
Bonifatius Beckenschläger stimmte gern zu, denn besondere Eile hatte er auf seiner Reise nicht. Der kleine Trupp bog nach einer kurzen Strecke nach links – also nach Westen – von der Landstraße in einen Feldweg ab, der aber doch so breit war, dass Beckenschläger neben dem Offizier reiten konnte, während die beiden schottischen Soldaten nachfolgten.
Das reife Getreide wogte zu beiden Seiten des Weges in einer lauen Sommerbrise. Das Land war so friedlich, dass es nichts von der drohenden Nähe des Krieges ahnen ließ.
Man war zunächst schweigend geritten. Beckenschläger war auch noch zu sehr mit dem gerade Erlebten beschäftigt, als dass er von sich aus große Lust zu einem Gespräch verspürt hätte. Allerdings gehörte er ohnehin nicht zu dem Typ Mensch, der bei jeder Gelegenheit und nur um der bloßen Unterhaltung willen zu reden anfängt. Nicht, dass der junge Mann wortfaul oder gar menschenscheu gewesen wäre; es ging ihm nur einfach gegen seine Natur, dann zu sprechen, wenn eigentlich gar kein Bedürfnis dafür bestand. Irgendein Lehrer hatte einmal zu ihm gesagt: „Es gibt Leute, die reden viel und sagen wenig.“ Beckenschläger hatte damals gefunden, dass an diesem Ausspruch viel Wahres sei. Anders war es allerdings bei dem Leutnant. Bereits mehrmals hatte er sich geräuspert, sich aber dann doch nicht zum Beginn eines Gesprächs aufgerafft. Schließlich hielt er es aber doch nicht mehr aus.
„Es ist doch recht riskant, in dieser Zeit allein zu reiten“, meinte er unvermittelt und fragte dann ganz direkt: „Kommt Ihr eigentlich von weit her?“ Beckenschläger sah ihn an. „Ja, doch“, fing er dann an. „Ich komme eigentlich aus Vegesack bei Bremen, war aber im letzten Jahr in Altona.“
Er bemerkte das Interesse seines Begleiters und fuhr fort: „Mein Vater war in Vegesack evangelischer Pastor. Anno 1625 kamen Soldaten des ligistischen Heeres unter dem kurbayerischen Generalleutnant Graf t´Serclaes von Tilly in unser Dorf und plünderten es. Als mein Vater sich ihnen entgegenstellen wollte, wurde er erschlagen. Ich selbst besuchte damals die Gelehrtenschule in Bremen, befand mich aber nach dem Tode meines Vaters ohne die Mittel, den Schulbesuch fortzusetzen.“
„Lebte Eure Mutter denn nicht mehr?“, warf Leutnant Ohlsen ein. „Nein, sie war schon vor Jahren gestorben. Ich zog deshalb zu einer Schwester meiner Mutter nach Altona, die dort mit einem Advokaten verheiratet war. Ich arbeitete dort in dessen Kanzlei. Leider verstarb meine Tante vor zwei Monaten. Jetzt bin ich auf dem Wege nach Heide. Dort hat ein Bruder meines Vaters ebenfalls eine Anwaltskanzlei.“
„Dann wollt Ihr wohl selbst ein Advokat werden, mein Junge?“ Ohlsen kraulte sich nachdenklich seinen Spitzbart und sah den jungen Mann von der Seite an. „Es geht mich ja nichts an“, meinte er dann. „Aber wollt Ihr tatsächlich Euer Leben zwischen staubigen Aktenbergen in einer düsteren Kanzlei verbringen? Nach dem Stückchen, das Ihr vorhin gezeigt habt, seid Ihr doch eigentlich der geborene Soldat. Wer weiß, wie lange dieser Krieg noch dauert. Ich für meinen Teil ziehe es jedenfalls vor, mit der Waffe in der Hand mein Schicksal selbst mitzubestimmen. Sicher ist das Leben eines Soldaten stets in Gefahr, aber er kann sich doch wenigstens wehren, wenn ihm die Gefahr gegenübertritt. Ihr selbst habt es doch eben erst erlebt. Als braver Bürger könnt Ihr nur hoffen, dass der Krieg an Euch vorüberzieht. Steht er dann aber doch vor Eurem Haus, so guckt Ihr nur dumm und alles ist aus.“
Bei den letzten Worten streckte Ohlsen wie hilflos die Arme von sich und lachte Beckenschläger entwaffnend an. Dieser musste ebenfalls lachen und meinte: „Herr Leutnant, Ihr wollt mich doch nicht etwa für den Dienst des Königs werben? Einerseits habe ich selbst schon mit dem Gedanken gespielt, andererseits“ – Beckenschläger hielt nachdenklich inne, – „andererseits war die Erziehung im Hause meines Vaters durchaus friedlich. Mein Vater stellte das fünfte Gebot über alles.“
„Was seinen Mörder aber nicht davon abgehalten hat, es ihn betreffend zu brechen“, schoss es aus Ohlsen heraus. „Entschuldigt meine Offenheit. Aber Friedfertigkeit ist nun einmal etwas für friedliche Zeiten. Im Kriege wird sie leider nicht immer gebührend honoriert. Übrigens habt Ihr vorhin das fünfte Gebot doch auch nicht allzu wörtlich genommen.“
Bevor Beckenschläger antworten konnte, wies Ohlsen nach vorn: „ Da, mein Lieber. Unser Ziel für heute. Die Festung Krempe.“
Beckenschläger hatte während des Gesprächs wenig auf die Gegend vor sich geachtet.
Gut eine zehntel Meile voraus ragte ein spitzer Kirchturm aus der flachen Marsch. Daneben erhoben sich niedrigere Häusergiebel vielleicht tausend Schritt nach Westen über einen geraden Erdwall, der an jeder Ecke von einer Bastion begrenzt war. Etwa in der Mitte des Walls schob sich zusätzlich eine kleine Bastion ins Land hinaus.
„Nicht gerade das neueste Modell der Festungsbaukunst“, erklärte der Leutnant, „aber immerhin ein fester Platz.
Das Ganze ist ein Rechteck, von dem Ihr jetzt die südliche Breitseite vor Euch seht. Nach Norden sieht es genauso aus.
Stich von Krempe nach Georg Braun und Franz Hogenberg, aus: Alte europäische Städtebilder, Hamburg 1964.
Im Ostwall liegt das Tor nach der Steinburg, im Westen geht es nach Glückstadt. Das Ganze ist von einem Graben umgeben, der allerdings nicht allzu breit ist. Drinnen sind wohl 70 bis 80 Häuser. Wie gesagt, das Neueste ist es nicht. Da müsstet Ihr Euch unsere Festung Glückstadt ansehen. Dort seht Ihr Festungsbaukunst auf dem neuesten Stand.“
Der kleine Trupp ließ östlich eine Au neben sich und stand dann vor einem dreieckigen Vorwerk, über dem der Danebrog – die rote Fahne mit dem weißen Kreuz – flatterte.
„Leutnant Ohlsen aus Glückstadt mit drei Mann auf Erkundungsritt“, rief der Offizier den Wachposten zu. Offenbar war Ohlsen bekannt, man ließ ihn nach einem Grußwort passieren. Wenige Augenblicke später ritt der Trupp durch das Elskoper Tor in die Festung Krempe ein.
Wohl um dieselbe Stunde, als Bonifatius Beckenschläger aus seinem Mittagsschlaf aufgeschreckt wurde, waren im königlichen Palais am Hafen der neuen Elbfestung Glückstadt vier Herren versammelt.
Es waren dies der dänische König – Christian IV. –, Oberst Ezechiel Durant – der Festungskommandant von Glückstadt – Oberstleutnant Jürgen v. Ahlefeldt – der Kommandant von Krempe –‚ sowie Kapitän Gabriel Kruse von dem dänischen Orlogschiff ‚Svanen‘.
Christian IV. war zu dieser Zeit eine der maßgeblichsten Persönlichkeiten des großen Krieges. Von hohem Wuchs, mit frischen Gesichtsfarben und blitzenden Augen zeichnete er sich aus durch starken Mut und große Ausdauer sowie durch stete Geistesgegenwart. Im Jahre 1627 war Christian fünfzig Jahre alt. Er war sowohl ein vorzüglicher Reiter wie auch ein erfahrener Seemann. In diesem Krieg, der seit 1618 vor allem in Deutschland tobte, spielte der König bis zum Erscheinen Gustav Adolfs von Schweden die führende Rolle der protestantischen Partei.
König Christian IV. (1577–1648). König von Dänemark und Norwegen und Stadtgründer von Glückstadt. Stanniolfigur von Reinhard Bädecker.
Als Herzog von Holstein war Christian zugleich Fürst des Deutschen Reiches und auf dem Fürstentag in Lauenburg im März 1625 an die Spitze des Niedersächsischen Kreises berufen worden. Im Mai 1626 sammelte er eine Armee von etwa achtzehntausend Mann. Der Stand ihrer Ausbildung und Ausrüstung war als gut zu bezeichnen.
Das Heer der katholischen Liga unter dem bayerischen Generalleutnant Graf Johann T’Serclaes von Tilly stand im Frühjahr 1626 im östlichen Westfalen. Anfang Juni 1625 hatte Christian mit seiner Armee die Elbe überschritten. Über Stade und Bremervörde ging der Marsch nach Verden an der Weser und dann flussaufwärts bis in die Gegend von Nienburg. Bis dahin hatte sich das Heer Christians lediglich auf dem Gebiet des Niedersächsischen Kreises bewegt. Die Kontingente des Kreises von circa 7.000 Mann hatten die Armee auf etwa 25.000 Mann verstärkt.
Nachdem Christian dem Generalleutnant Tilly auf mehrere Anfragen die Auskunft über den Grund der Truppenbewegung verweigert hatte, war es zum Ausbruch einer neuen Phase des großen Krieges gekommen.
Gleich zu Beginn der neuen Unternehmung hatte die Sache der Evangelischen ein schweres Unglück getroffen. Am 20. Juli 1625 war Christian bei einem Ritt auf den Wällen Hamelns mit seinem Pferd in eine mit Brettern abgedeckte Grube gestürzt und musste besinnungslos fortgetragen werden. Die Wiederherstellung seiner körperlichen und insbesondere seiner geistigen Kräfte hatte Monate gedauert. Die Armee hatte sich in eine Stellung zwischen Weser, Aller und Leine zurückziehen müssen. Ohne dass es im Sommer 1625 zu entscheidenden Ereignissen gekommen war, hatten die Scharen Tillys das Land des Herzogs von Wolfenbüttel verwüstet und Hameln genommen.
Eine Belagerung Nienburgs durch die Truppen der Liga musste jedoch aufgegeben werden, als Christian nach seiner Genesung Mitte September zum Entsatz anrückte.
In diesem Jahr hatte Wallenstein im Egerland ein neues Heer aufgestellt und war im September durch Franken und Thüringen bis zur oberen Leine vorgedrungen. Aus Gegensätzen mit Tilly hatte er sich dann aber in die Gegend östlich des Harzes zurückgezogen.
Den Winter 1625/26 hatte Christian dazu genutzt, mit englischer und niederländischer Finanzhilfe neue Rüstungen zu unternehmen. Die Bewegungen Wallensteins im Februar 1626 hatten darauf schließen lassen, dass er auf das rechte Elbufer überwechseln und in Holstein einfallen wollte. Derartige Absichten hatte der König einmal dadurch vereitelt, dass er dem Friedländer eine Heeresabteilung unter Fuchs von Bimbach entgegengesandt hatte. Vor allem hatte Christian aber im Juni jenes Jahres Holstein durch einen Ablenkungskriegszug nach Schlesien gesichert. Dieses Unternehmen zwang Wallenstein, ihm zu folgen und sich damit weit von dem bedrohten Holstein zu entfernen. Abgesehen von dieser Ablenkung hatte der Zug nach Schlesien allerdings keinen entscheidenden Erfolg gehabt.
In Niedersachsen hatten inzwischen die Truppen Christians IV. und Tillys mit wechselndem Erfolg gefochten, ohne dass es zu einer entscheidenden Schlacht gekommen wäre.
Erst nachdem Wallenstein – unter Überwindung persönlicher und sachlicher Differenzen – Tilly Truppen zugeführt hatte, musste sich das Heer des Niedersächsischen Kreises zunächst auf Wolfenbüttel und dann unter schweren Abwehrkämpfen weiter auf Lutter am Barenberge zurückziehen. Dort war es am 27. August 1626 zu einer erbitterten Schlacht gekommen, bei der sich auf beiden Seiten etwa 20.000 Mann gegenüberstanden. Nach anfänglicher Ausgewogenheit hatte dieser Kampf durch einen Umfassungsangriff der Reiterei des linken ligistischen Flügels mit einer völligen Niederlage Christians geendet. Allerdings waren auch Tillys Truppen durch die Kämpfe dieses Tages so ermattet gewesen, dass sie die fliehenden Gegner nicht über das Schlachtfeld hinaus hatten verfolgen können.
Christian war es gelungen, die Reste seiner Truppen wieder zu sammeln, hatte Ende August bei Schnackenburg die Elbe überschritten und war dann in Lauenburg einige Zeit geblieben. Die siegreichen Truppen der Liga hatten die Verfolgung nur mehr oder weniger lustlos und letzten Endes ohne Erfolg durchgeführt. So hatte jetzt zunächst die Elbe die feindlichen Heere getrennt.
Nach einer kurzen Atempause hatte der Däne erneut mit einem Teil seiner Truppen die Elbe bei Blankenese überschritten. Er hatte dann Buxtehude und Stade besetzt. Während er in Stade zunächst sein Hauptquartier eingerichtet hatte, machte er Vorstöße nach Westen und bezog schließlich mit seinen Truppen im Bremischen und in Hadeln Winterquartier. Der Winter 1626/27 war ausgefüllt mit neuen Rüstungen sowie mit Verhandlungen mit den verbündeten Engländern, Franzosen und Niederländern. Bereits im März 1627 war Christian IV. übrigens im Rahmen seiner Reisen zur Förderung der Verteidigungskraft auch nach Glückstadt gekommen, dann aber zunächst nach Stade weitergereist.
Im Frühjahr 1627 hatten sich Christians Gegner wieder in Bewegung gesetzt. Wallenstein rückte von Schlesien über die Mark Brandenburg nach Nordwesten, Tilly aus dem Braunschweigischen nach Nordosten gegen die Elbe.
Christian hatte sich nicht entschließen können, eine Hauptmacht zunächst zur Niederwerfung des einen oder des anderen Gegners zusammenzuziehen, sondern hatte Abwehrvorstöße gegen beide gleichzeitig geführt. Dies hatte natürlich zu einer Verzettelung seiner an sich schon begrenzten Kräfte führen müssen. Im Osten waren die Vorstöße bis nach Brandenburg unternommen worden. Unterhalb von Hamburg hatte Christian das Erzbistum Bremen mit Stade als Rückhalt besetzt. Auf der Niederelbe kreuzten Kriegsschiffe des Dänenkönigs.
Am 28. Juli 1627 hatte Tilly mit größeren Truppenteilen die Elbe bei Bleckede überschritten und die Heeresabteilung des Dänen bis nach Wandsbek bei Hamburg zurückgetrieben. Durch dieses Manöver Tillys gerieten die weiter elbaufwärts gegen Wallenstein stehenden Verbände des Königs in Gefahr, abgeschnitten zu werden, und zogen sich auf Wismar und die Insel Poel zurück. Nun stand Holstein für die katholischen Verbündeten offen. Am 22. August hatten sich Tilly und Wallenstein in Lauenburg getroffen, ihre Armeen hatten sich gleichzeitig im Raume Büchen vereinigt.
Etwa zum Zeitpunkt dieser Vereinigung der beiden katholischen Heere hatte sich Christian IV. schon in Glückstadt aufgehalten.
Das Zusammentreffen des Königs, des Obersten Durant, des Oberstleutnants v. Ahlefeldt und des Kapitäns Kruse im königlichen Palais zu Glückstadt mag wohl eine gute Woche später gewesen sein.
Der König hatte zunächst seinen drei Besuchern den Rücken zugewandt und in schweren Gedanken zum Hafen hinausgesehen. Dort lagen vertäut das dreimastige Orlogschiff ‚Svanen‘, mehrere kleinere Kriegsfahrzeuge sowie etliche Handelsschiffe. An den Kriegsschiffen und den meisten Handelsschiffen wehte der Danebrog. An drei oder vier Masten sah er aber auch das Rot-Weiß-Blau der holländischen Generalstaaten und dazwischen flatterte sogar eine englische Flagge.
„Vielleicht hängt an diesen Schiffen und ihren Besatzungen bald das Schicksal dieser Festung, womöglich meines ganzen Reiches“, sagte der König halblaut und mehr zu sich selbst, als er sich nun zu seinen Offizieren umdrehte. Der König atmete schwer aus. „Die Lage meiner Armee ist ernst, meine Herren, sehr ernst. Ich fürchte, für meine Festung Glückstadt wird schon bald die Stunde der Bewährung kommen.“ Die drei Offiziere sahen ihren Herrscher erwartungsvoll an. Bevor Christians Page sie in das Zimmer gerufen hatte, war dort mit sorgenvoller Miene ein Kurier herausgekommen. Christian schwieg noch einen Augenblick gedankenvoll, bevor er über den Besucher Auskunft gab.
„Der Kurier, der vorhin mein Zimmer verließ, kam von Graf Thurn, der meine Truppen im Süden führt. Tilly und Wallenstein haben sich bei Büchen vereinigt und sind mit 30.000 bis 40.000 Mann in Holstein einmarschiert. Sie sind in drei Kolonnen vorgegangen – über Trittau, Rahlstedt, Wandsbek an Hamburg im Osten vorbei. Bei Eppendorf und Fuhlsbüttel haben sie die Alster überschritten. Zurzeit lagert der Feind bei Eidelstedt. Die Abteilungen des Feindes werden im Westen von Tilly, in der Mitte von Wallenstein und im Osten von dem Grafen Schlick geführt. Graf Thurn hat sich mit 8.000 Mann meiner Truppen von Altona in den Raum Elmshorn zurückgezogen. In der Gegend von Pinneberg ist es heute morgen zu ersten Gefechten gekommen.“
Der König hielt inne, sein Blick verweilte auf den besorgten Gesichtern seiner Offiziere.
„Meine Herren, wir brauchen uns keine falschen Hoffnungen darüber zu machen, dass Graf Thurn mit seinen 8.000 Mann – von denen übrigens rund 2.000 Kranke oder Verwundete sind – den kampferprobten Feind lange aufhalten könnte. Die feindliche Armee dürfte in Kürze vor unseren Wällen auftreten. Ich bitte deshalb um Euren Bericht über den Zustand der Festungen Glückstadt und Krempe. Kapitän Kruse wird über die Möglichkeiten der Versorgung durch die Flotte informiert sein.“
Als Oberst Durant zum Bericht ansetzen wollte, hielt ihn der König zurück und wandte sich Kapitän Kruse zu.
„Zunächst bitte Ihr, Kapitän Kruse. Ich glaube, bei der Flotte steht es am günstigsten. Etwas moralischer Aufwind kann unserer weiteren Beratung nicht schaden. Und überhaupt“, der König winkte den Pagen heran, der still im Dunkel einer Zimmerecke gestanden hatte, „es drängen zwar die Dinge, aber doch nicht so sehr, dass wir nicht zunächst ein Glas guten Burgunders trinken könnten.“
In der Wohnstube des Kommandantenhauses im benachbarten Krempe saß indessen ein junges Mädchen bei einer Handarbeit. Ihr Platz war in einer Fensternische und hin und wieder ging ihr Blick von der Handarbeit hinaus auf das Treiben auf dem in der Nachmittagssonne liegenden Marktplatz.
Anna Katherina v. Ahlefeldt war ein schlankes Geschöpf von 19 Jahren und ausnehmend hübsch. Sie war die Nichte des Stadtkommandanten Jürgen von Ahlefeldt, die dieser vor zwei Jahren nach dem Tode seines älteren Bruders in sein Haus genommen hatte. Ihre Mutter war schon vor vielen Jahren bei der Geburt eines Sohnes gestorben. Ihr fröhliches Wesen hatte ihr geholfen, den Tod des Vaters zu verwinden, und ihr gleichzeitig die Herzen des Onkels und dessen Frau geöffnet. Im Augenblick fühlte sich Jungfer Trine, wie ihr Onkel sie gern scherzhaft nannte, jedenfalls ausgesprochen wohl und summte vergnügt ein Liedchen vor sich hin.
Vor den Häusern des Marktplatzes standen Gruppen von Bürgersleuten, meist getrennt nach Männern und Frauen. Dazwischen bewegten sich Spaziergänger. Auf dem Markt war eine Gruppe von zwanzig Musketieren angetreten. Ein Feldwebel brüllte ihnen ein Kommando zu und die Gruppe schwenkte ab zum Nordtor, offenbar um dort auf dem Wall die Wache abzulösen.
An Jungfer Anna Katherinas Fenster vorbei ging ein junger Leutnant der Musketiere und lächelte ihr grüßend zu. Das Mädchen winkte verschämt zurück. In diesem Augenblick wandte sich die Aufmerksamkeit der Bürgergruppen der Straße zu, die vom Südtor auf den Markt führte. Dort ritt eine Gruppe von vier Männern in Paaren zu zweit heran. Es waren Leutnant Ohlsen und Bonifatius Beckenschläger sowie die beiden schottischen Dragoner.
Ohlsen zügelte sein Pferd vor dem Kommandantenhaus und schwang sich aus dem Sattel. Während er ins Haus ging, blieben seine Soldaten und Beckenschläger zunächst auf ihren sitzen. Kurz darauf kam der Leutnant wieder zurück. „Absitzen“, rief er den Schotten zu. „Ihr habt für die nächste Stunde Urlaub.“ Dann wandte er sich Beckenschläger zu. „Der Kommandant ist zurzeit in Glückstadt. Sein Vertreter, Major Freton, macht gerade seine Runde über die Wälle. Frau v. Ahlefeldt hat uns bis zu seiner Rückkehr auf ein Glas Wein hereingebeten.“ Ohlsen zwinkerte Beckenschläger vergnügt zu. „Verliebt Euch dann nur nicht gleich in die Jungfer Anna Katherina.“ Auf Beckenschlägers leicht erstaunten Blick setzte er hinzu: „Der Oberstleutnant hat nämlich ein ganz reizendes Nichtlein, müsst Ihr wissen. Aber jetzt kommt schon.“ Dabei fasste er Beckenschläger freundschaftlich an der Schulter und schob ihn ins Haus. Vor Frau v. Ahlefeldt, einer vornehmen Erscheinung von vielleicht fünfunddreißig Jahren, machte Beckenschläger eine artige Verbeugung, während Leutnant Ohlsen ihn vorstellte. Als er dann aber dem Mädchen in das liebliche Angesicht blickte, fühlte er mit Unbehagen, dass er rot wurde und sein Herz schneller schlug. Das Mädchen aber lächelte ihn ganz lieb an. Frau v. Ahlefeldt hatte dies wohl bemerkt, ein leichtes Lächeln flog auch um ihre Lippen.
„Der Herr Leutnant hat schon kurz über Euch berichtet“, sagte sie dann und bot ihren beiden Besuchern Platz an. „Erst vor wenigen Stunden seid Ihr einer großen Gefahr tapfer entronnen.“ „Ohne Herr Leutnant Ohlsen wäre ich wohl kaum hier“, antwortete Beckenschläger bescheiden und konnte dabei den Blick nicht von dem Mädchen lassen.
„Ich hoffe doch, dass die Herren zum Abendessen bleiben und auch die Nacht hier im Hause verbringen“, sagte Frau v. Ahlefeldt. „Mein Mann ist ja heute in Glückstadt. Ich weiß auch nicht, ob er am Abend noch zurückkommen wird. Aber Herr Leutnant Ohlsen wird sicher mit dem Major sprechen wollen und für den Rückweg nach Glückstadt ist es ohnehin heute zu weit. Leider werden die Herren allerdings mit einem Zimmer vorlieb nehmen müssen.“ „Nach Möglichkeit will ich heute Abend noch nach Glückstadt zurück. Es ist ja nur ein Ritt von einer guten halben Stunde. Allerdings wird unser junger Freund hier ganz gern von Eurem Übernachtungsangebot Gebrauch machen. Der Schlag über seinen Schädel, von dem ich Euch erzählte, wird ihn wohl doch recht mitgenommen haben.“ „Nun, wir werden sehen“, meinte Frau v. Ahlefeldt. „Zunächst aber werden sich die Herren doch wenigstens etwas frisch machen wollen.“ Erst jetzt wurde es Beckenschläger eigentlich bewusst, dass er nach der Auseinandersetzung an der Landstraße doch etwas ramponiert aussah.
Im Palais des Königs in Glückstadt hatte Kapitän Kruse seinen Bericht erstattet. Unmittelbar unter dem Kommando des Kapitäns stand eine kleine Flottille, bestehend aus dem Orlogschiff ‚Svanen‘ und zwei Kriegsjachten.
Bei dem Orlogschiff, das zurzeit im Glückstädter Hafen lag, handelte es sich um ein Kriegsfahrzeug von etwa zweihundert Tonnen, drei Masten und zwölf Kanonen. Die Hauptartillerie des Schiffes bestand aus acht 12-Pfündern, die auf dem Hauptdeck aufgestellt waren. Außerdem trug das Schiff je zwei 6-Pfünder auf dem Achter- und dem Vorderkastell. Es handelte sich dem Typ nach um eine Galeone und war als Vollschiff nach dem damaligen Stand getakelt. Das Schiff trug also Groß- und Fockmast, ein Lateinsegel mit einem Marssegel darüber am Besanmast und eine sogenannte Vorderblinde am Bugspriet. Die Jachten waren kleinere einmastige Fahrzeuge mit je acht 6-Pfündern. Eine der beiden Jachten lag im Augenblick ebenfalls im Hafen von Glückstadt, die andere machte Patrouillendienst in der Elbmündung zwischen Cuxhaven und Brunsbüttel. Weitere dänische Kriegsschiffe kreuzten zurzeit nicht auf der Elbe. Ansonsten waren in den letzten Tagen nur vereinzelt Kriegsschiffe der verbündeten Engländer und Niederländer sowie natürlich des neutralen Hamburg gesichtet worden. Feindliche Kriegsschiffe, also solche des Kaisers oder der Spanier, waren nicht auf der Elbe erschienen.
Im Westen vor der Wesermündung kreuzte nach dem Bericht Kapitän Kruses ein Geschwader von vier Orlogschiffen und zwei Fregatten unter dem Befehl von Kapitän Hendrik Wind.
„Nun, damit ist unsere Kriegsflotte auf der Niederelbe im Augenblick zwar nicht überwältigend“, meinte der König. „Solange auf der Elbe keine feindlichen Schiffe auftauchen, aber für reine Wachdienste wohl ausreichend. Wenn unsere Armee sich im Augenblick auch weitgehend aus dem Niedersächsischen zurückgezogen hat, meine ich doch, dass Kapitän Winds Geschwader zunächst vor der Wesermündung bleiben mag. Der Feind kann zur See allenfalls aus südwestlicher Richtung, also aus den spanischen Niederlanden oder aus Spanien selbst erwartet werden. Solange Wind vor der Weser steht, kann er eine feindliche Seestreitmacht also schon in diesem Gebiet abfangen. Vor allem aber kann er von dieser Stellung aus feindlichen Nachschub über die Weser blockieren. Soweit die Festung Stade auf der anderen Seite der Elbe und natürlich unser Glückstadt standhalten, reichen hier die ‚Svanen‘ und die beiden Jachten aus. Was meint ihr, meine Herren?“, wandte Christian sich seinen Offizieren zu. Kapitän Kruse, der gerade einen Schluck aus dem rot funkelnden Kristallpokal genossen hatte, brummte nickend seine Zustimmung. Herr v. Ahlefeldt meinte: „Im Prinzip stimme ich Eurer Majestät zu. Besteht aber nicht die Möglichkeit, dass etwa ein spanisches Geschwader einen weiten Bogen nach Norden schlägt und dann unerwartet von Nordwesten in die Elbmündung einfällt? Sollte man deshalb nicht wenigstens einen Teil des Windschen Geschwaders nach Helgoland verlegen, um den Seeraum auch weiter nach Norden ständig unter Beobachtung zu halten?“
Helgoland gehörte damals zum dänischen Machtgebiet, sodass der Vorschlag nicht eigentlich abwegig war und den König zum Nachdenken veranlasste.
„Was haltet Ihr davon, Kapitän?“, fragte er deshalb Kruse, der ebenfalls nachdenklich das Kinn stützte. „Allgemein halte ich die Wahrscheinlichkeit, dass der Feind Nachschub über die Weser transportieren will, für größer, als dass er mit einer Kriegsflotte in die Elbe einfährt – jedenfalls im Augenblick“, sagte er dann. „Auf der anderen Seite stehen wir ja auch nicht allein. Bevor eine feindliche Flotte aus dem Bereich des englischen Kanals in unser Gewässer einfährt, muss sie an unseren Verbündeten, also den Engländern und den Holländern vorbei. Ein Seeunternehmen mit den spanischen Niederlanden als Basis würde ohnehin den Generalstaaten nicht verborgen bleiben und uns umgehend gemeldet werden. Ich halte die Aufteilung des Wesergeschwaders für eine unnötige Verzettelung unserer dortigen Seestreitkräfte“, lautete der Bescheid des Kapitäns. Der König nickte. „Das ist auch meine Meinung. Ich halte es sogar für richtig, wenn Wind jedenfalls seine beiden Fregatten nicht nur in der Wesermündung, sondern weiter hinaus nach Westen und Südwesten kreuzen lässt. Eine zweite Armada um Schottland herum werden die Spanier wohl kaum in Marsch setzen.“ Christian spielte damit auf die vernichtende Niederlage der spanischen großen Armada an, die jetzt knapp vierzig Jahre zurücklag.
„Obwohl ich Kapitän Wind zutraue, dass er seine Fregatten schon von sich aus entsprechend angewiesen hat“, fuhr der König fort, „soll er vorsorglich eine entsprechende Order bekommen. Die kann allerdings mit dem nächsten niederländischen Handelsschiff abgehen, das den Hafen verlässt. Eine unserer beiden Jachten möchte ich hierfür nicht fortschicken.“ Der König stand von seinem Sessel auf und ging langsam einige Schritte auf und ab, bevor er sich dem Oberst Durant zuwandte. „Die Lage zur See ist also augenblicklich befriedigend. Wie sieht es nun mit der Verteidigungsbereitschaft der Festung Glückstadt aus, Herr Oberst?“
„Ich kann die Festung Glückstadt als sturmfrei melden, Eure Majestät“, ließ sich der Kommandant vernehmen.
Oberst Ezechiel Durant war Franzose. Christian IV. hatte bei der Aufstellung seines Heeres zu einem großen Teil Ausländer anwerben müssen, denn trotz seiner Ausdehnung vom Nordkap bis vor die Tore Hamburgs zählte sein Reich nur kaum eine Million Einwohner.
„Zehn Jahre nach ihrer Gründung kann der Ausbau der Festung im östlichen Teil als abgeschlossen gelten“, fuhr Durant fort. „Die östliche Wallanlage beiderseits des Kremper Tores wird im Norden durch die Norderbastion und im Süden durch die Ostbastion gesichert. Der Ausbau ist abgeschlossen. Das Kremper Tor selbst wird ja noch durch das Ravelin geschützt, das ihm im östlichen Hauptgraben vorgelagert ist. In südlicher Richtung setzt sich der Festungsgraben bis zum Rhin fort. Das Batardeau ist fertiggestellt. Dieses Sperrwerk trennt den Hauptgraben vom Rhin ab. Durch die eingebaute Schleusenanlage kann der Wasserfluss des Grabens nach Belieben reguliert werden. Dadurch ist insbesondere gewährleistet, dass der Hauptgraben nicht im Winter zufriert. Gesichert wird das Batardeau durch das Rhinbollwerk, das als Halbbastion südlich des Sperrwerks in den Rhin hineinragt. Der Rhin schützt dann die gesamte Südflanke bis zur Einmündung in die Elbe. Schutz bietet hier nicht nur der Rhin selbst, sondern das ganze sumpfige Vorland des Rethövels, das der Fluss vom Rhinbollwerk bis zur Elbe durchfließt. Zusätzlichen Schutz bietet an der Südseite einmal ein Damm beiderseits der Straße nach Kollmar sowie ein zweiter Damm, der unmittelbar zwischen der Südseite des Hafens und dem Rethövel angelegt ist. Der Hafen kann von dieser Seite aus als völlig sicher gelten. Selbst wenn der Feind den ersten Damm im Süden überwinden sollte, wird er jedoch jedenfalls im Sumpf des Rethövels steckenbleiben. Schweres Geschütz würde ein Angreifer zunächst nur südlich des Sumpfes aufstellen können. Für Reiterei ist der Sumpf unpassierbar und für Fußtruppen wäre ein Vormarsch so beschwerlich, dass er mit verhältnismäßig geringen Truppen abgewehrt werden kann.“ „Gut“, unterbrach der König den Obersten. „Im Süden schützt uns also die Natur, ebenso wie natürlich im Westen durch die Elbe. Nach Osten sichern uns der Wall, die beiden großen Bastionen und das Rhinbollwerk sowie der Graben. Bleibt noch der Norden. Fahrt bitte fort, Herr Oberst.“
„Lasst mich gegenüber dem Hafen, also im Nordwesten beginnen, Majestät. Hier ragt zunächst der Molendamm mit dem Blockhaus an der Spitze in die Elbe hinaus. Nordöstlich schließt sich an die Mole der Deich an, der als Festungswall ausgebaut ist und vor dem ebenfalls ein breiter Graben verläuft. Der Deich endet als Teil der Festungsanlage am Deichtor mit der Straße nach Ivenfleth im Norden. Dieses Tor wird gesichert durch die dritte große Bastion, das Königsbollwerk. Diese Bastion ist dann wieder durch einen Wall mit dem Norderbollwerk verbunden. Von der Straße nach Ivenfleth, der Königsbastion vorgelagert, stellt der Hauptgraben rund um den Ostteil der Festung bis in den Rhin eine weitere Sicherung dar. Schließlich sind drei Bornwerke jenseits des Hauptgrabens geplant, nämlich zwischen Königsbastion und Nordbastion, zwischen Nordbastion und Ostbastion östlich des Kremper Tores und gegenüber dem Rhinbollwerk zum weiteren Schutz des Batardeaus.“
„Dann habt Acht darauf, dass auch die Planungen unverzüglich in die Tat umgesetzt werden. Soweit der Nachschub von See aus nicht behindert wird, ist Glückstadt danach uneinnehmbar“, stellte der König befriedigt fest. „Und die Besatzung beträgt zurzeit etwa 3.500 Mann.“ Das letztere war mehr eine Feststellung als eine Frage. Trotzdem beeilte sich Durant, seinem König zu versichern: „Sehr wohl, Eure Majestät. Ich schmeichle mir, Eurer Majestät für die Sicherheit der Festung Glückstadt mit meiner Ehre einstehen zu können.“ „Das ist zwar sehr schön“, gab der König trocken zurück, „aber Ihr habt mit Eurem Kopf für die Festung geradezustehen. Von ihr hängt mein Reich ab. Wenn Ihr noch Schwachpunkte in der Befestigung kennt, so nennt sie, damit die Mängel nach Möglichkeit behoben werden können.“ Aber Oberst Durant bestand darauf, dass die Festung auch im gegenwärtigen Zustand schon uneinnehmbar sei, solange allerdings der Nachschub über die Elbe funktioniere; allein die Artillerieausrüstung sei mit 32 Geschützen recht schwach.
Oberstleutnant von Ahlefeldt gab danach noch eine kurze Lageschilderung über die Festung Krempe. Sie deckte sich im Wesentlichen mit der Schilderung, die Leutnant Ohlsen dem jungen Beckenschläger bei ihrer Ankunft vor Krempe gegeben hatte. Die Besatzung dieser Festung belief sich auf an die 1.750 Mann‚ die ebenso wie die Mannschaft in Glückstadt größtenteils aus Soldaten deutscher Herkunft, zu einem geringeren Teil aber auch aus französischen und schottischen Söldnern bestand. An Geschützen waren gut sechzig Stück sowie reichlich Munition und Proviant vorhanden. Nachdem v. Ahlefeldt seinen Bericht geschlossen hatte, sagte der König nach kurzem Überlegen: „Herr Oberstleutnant, die Festung Krempe gibt dreißig Geschütze mit den Bedienungsmannschaften an Glückstadt ab.“ Herrn v. Ahlefeldt musste sein Entsetzen über diesen Befehl unverhohlen ins Gesicht geschrieben gewesen sein; denn Christian fuhr fort: „Geht leider nicht anders, mein lieber Ahlefeldt. Glückstadt ist doppelt so groß wie Krempe und hat nur halb so viel Artillerie. Außerdem erwarte ich, dass der Hauptangriff auf Glückstadt gehen wird; denn nach seinem Fall wäre der Nachschub über See auch für Krempe erledigt und dessen Eroberung dann verhältnismäßig leicht. Zusätzliches Geschütz aber habe ich leider nicht zur Verfügung.“ Damit war aber der Oberstleutnant durchaus nicht zufrieden. „Mit Verlaub, Eure Majestät, aber ich sehe die Dinge etwas anders. Sicher ist Glückstadt doppelt so groß wie Krempe. Unter Berücksichtigung der örtlichen Verhältnisse sieht die Lage aber doch wesentlich günstiger aus. Von der Westseite, also von der Elbe, droht kaum Gefahr. Hier könnte eine Bedrohung nur durch die Landung von Seestreitkräften gegeben sein. Wie wir gehört haben, bieten insoweit die Schiffe Kapitän Kruses sowie auch des Wesergeschwaders hinreichend Schutz. Ebenso ist vom Süden wegen des günstigen Sumpfgeländes kaum ein Angriff zu erwarten, und selbst wenn der Feind von dort kommen sollte‚ kann er verhältnismäßig leicht und mit nur wenigen Geschützen abgewehrt werden. Sollte der Feind im übrigen gegen alle Erwartung im Süden angreifen, so kann sein Angriff auf jeden Fall nur äußerst zähflüssig sein. Das bedeutet aber, dass dann immer noch Zeit genug ist, um von den anderen Punkten der Befestigung Geschütz nach Süden abzuziehen. Eine Umgruppierung würde in diesem – meines Erachtens allerdings sehr unwahrscheinlichen – Fall kein unvertretbares Risiko bedeuten. Wenn der Feind nämlich von Süden her angreift, dann müsste er hierbei sehr hohe Verluste einkalkulieren, müsste also den Großteil seiner Truppen im Süden zusammenziehen. Das aber bedeutet, dass dann ein gleichzeitiger Angriff an den anderen Fronten, also im Norden oder im Osten, nicht zu erwarten ist.“ Der Oberstleutnant hielt einen Augenblick inne, aber der König sah ihn äußerst interessiert an.
„Fahrt bitte fort, Herr v. Ahlefeldt“, meinte er durchaus nicht ungehalten über die Einwände des Offiziers. Dieser ließ sich nicht lange bitten und fuhr fort: Wie gesagt, ein Angriff von Süden ist kaum zu erwarten. es bleiben also die Nord- und die Ostseite. Die Gesamtlänge dieser beiden Seiten entspricht vielleicht dem ganzen Umfang von Krempe. Hier besteht aber für Glückstadt der zusätzliche Schutz durch die breiten Wassergräben, sodass das vorhandene Geschütz an diesen beiden Seiten ausreichen müsste. Krempe dagegen ist eine reine Landfestung, in der Anlage veraltet und – abgesehen von den schmalen Gräben – im wesentlichen nur auf den Schutz seiner Wälle angewiesen.
Während Glückstadt allenfalls einen Angriff von zwei Seiten, nämlich entweder im Norden und Osten oder – wie ich eben zu erklären versucht habe – allein im Süden zu erwarten hat, kann Krempe wegen seiner viel geringeren Ausdehnung leicht von allen Seiten umschlossen und sogar von allen Seiten gleichzeitig bestürmt werden. An einen Austausch von Geschütz wäre in diesem Fall nicht zu denken, es muss also von vornherein jede der vier Seiten Krempes so stark wie möglich armiert sein.“ Herr v. Ahlefeldt spürte, dass Rettung für seine Kanonen in Sicht war und spielte nun seinen letzten Trumpf aus.
„Abgesehen von alledem, Eure Majestät, halte ich es keineswegs für sicher, dass Glückstadt das erste Hauptangriffsziel der feindlichen Armee sein wird. Sicher ist zwar richtig, dass ein Fall der Festung Glückstadt unweigerlich den Fall von Krempe zur Folge haben wird. Nur wird eine Überwältigung Glückstadts wegen seiner günstigen örtlichen Verhältnisse kaum im ersten Sturm, sondern allenfalls nach einer langwierigen Belagerung erfolgen können. Während dieser Zeit aber würde Krempe ständig einen Stachel im Rücken der Belagerungsarmee darstellen. Außerdem würde Krempe den Nachschub des Feindes, der ja über Land gehen muss, bedrohen und – in Verbindung mit dem Schloss Steinburg an der Straße von Elmshorn nach Itzehoe – den feindlichen Vormarsch nach Norden jedenfalls auf dieser Straße behindern. Letzteres würde nur durch eine enge und gleichzeitige Einschließung von Krempe und Steinburg vermieden werden können, wodurch aber wiederum wesentliche Kräfte für die Belagerung Glückstadts fehlen würden.
„Nach alledem“, schloss v. Ahlefeldt, „halte ich es für wahrscheinlicher, dass sich der Feind mit seiner Hauptmacht zuerst Krempe und auch Steinburg zuwenden wird, um erst nach Eroberung dieser beiden Plätze sich dem schwierigeren Glückstadt zu widmen.“
Christian sah von einem seiner Offiziere zum anderen. Durant wollte noch zu einer Erwiderung ansetzen, aber der König winkte ab: „Ahlefeldt hat recht, Herr Oberst. Er soll seine Kanonen behalten – vorerst jedenfalls.“
Als die drei Offiziere das königliche Palais verließen, dunkelte es bereits und auf den Schiffen im Hafen wie auch hinter den Fenstern der Häuser flammten die ersten Lichter auf. Kruse ging zu seiner ‚Svanen‘ hinab, Durant zu seiner Kommandantur. Herr v. Ahlefeldt aber bestieg sein Pferd und trabte schon bald darauf zum Kremper Tor hinaus.
Die Sonne schien bereits durch die Butzenscheiben, als Bonifatius Beckenschläger am nächsten Morgen im Gästezimmer des Kremper Kommandantenhauses die leichte Bettdecke von sich warf. Er öffnete beide Fensterflügel und sah, dass die Uhr am Turm des schräg gegenüberliegenden Rathauses kurz vor zehn Uhr anzeigte. Er war erst weit nach Mitternacht ins Bett gekommen. Nachdem Leutnant Ohlsen gegen neun Uhr abends nach Glückstadt aufgebrochen war, hatte er noch weiter angenehm mit den beiden Damen geplaudert. Sein eigenes Erleben, wie auch die allgemeine Lage, an der insbesondere Frau v. Ahlefeldt lebhaften Anteil zeigte, hatte genug Stoff für ein Gespräch geboten. Und als dann der Oberstleutnant am späten Abend aus Glückstadt zurückkam, hatte er auch ihm besonders von seinem Erlebnis an der Landstraße erzählen müssen. In diesem Augenblick klopfte es an die Tür und ehe Beckenschläger noch „Herein“ rufen konnte, stand Jungfer Anna-Katherina schon im Zimmer‚ in den Händen ein Tablett mit einem Krug Milch und knusprigem, frischem Brot. Beckenschläger hatte mit nacktem Oberkörper am Fenster gestanden und das Mädchen schlug errötend die Augen nieder, als ihr Blick auf seine blasse, noch kaum behaarte Brust fiel.
Ein leises und doch spitzes „Oh“ entfuhr ihrem roten, vollen Mündchen. „Verzeiht, aber ich dachte, Ihr wäret schon angezogen.“ Beckenschläger griff nach seinem Hemd, das über dem Stuhl neben ihm hing, und hielt es verschämt wie eine Jungfer vor seine Brust. Mehr als ein räusperndes „Ahäm“ brachte er nicht heraus und so war es das Mädchen, das als erstes wieder das Wort ergriff.
„Wir haben schon längst gefrühstückt und die Tante ist schon ausgegangen.“ Anna Katherina zögerte und setzte hinzu: „Und durch die Bediensteten wollte ich Euch nicht belästigen.“ „Ja“, murmelte Beckenschläger, „sehr freundlich von Euch. Guten Morgen, wollt Ihr nicht Platz nehmen?“ Dabei übersah er allerdings, dass er außer dem Stuhl auch den großen Ohrensessel mit seinen Kleidungsstücken drapiert hatte.
„Ich glaube – “, das Mädchen lächelte verschmitzt und zögerte etwas, „ich glaube, Ihr wollt Euch doch wohl erst etwas vervollständigen. Ich wünsche Euch einen guten Appetit.“ Das Mädchen stellte das Tablett auf den Tisch, deutete einen Knicks an und huschte aus dem Zimmer. Eine halbe Stunde später kam Beckenschläger in vollem Anzug die Treppe herunter und schaute etwas verlegen in die Stube, in der man am Abend gegessen hatte.
„Guten Morgen, junger Herr!“ rief ein dralles Dienstmädchen mit strohblondem Haar und geröteten Wangen. „Kann ich Euch irgendwie behilflich sein?“ „Nein, danke. Oder doch – ja“, murmelte Beckenschläger gedankenverloren. „Wisst lhr, wo die junge Dame ist?“ „Im Garten hinter dem Haus, mein Herr“, lautete die Antwort. Beckenschläger ging durch die geräumige dunkle Diele mit den schweren Eichentruhen zum Hinterausgang und fand dort die Jungfer Anna Katherina unter einem Rosenbaum auf einer Steinbank sitzend. Sie wandte ihm den Rücken zu und der Sonnenschein ließ ihr langes Haar wie Gold glänzen. Offenbar las sie, denn sie hielt den Kopf leicht geneigt. „Eine goldene Rose zwschen roten Rosen – gleich einer Sonne zwischen den Sternen“, versuchte Bonifatius Beckenschläger einen poetischen Anlauf. „Seid Ihr von den Haudegen unter die Dichter gegangen?“, ging das Mädchen auf sein Kompliment ein, das seinem Urheber – kaum dass er es ausgesprochen hatte – schon etwas albern vorgekommen war.
Bei Eurem Anblick ergibt sich das von selbst“, ertappte er sich schon bei einem weiteren Kompliment, das ihm fast gegen seinen Willen entfahren war. „Mein Herr, Ihr macht mir doch nicht etwa den Hof?“ Das Mädchen lachte kokett. „Ja, das sieht fast so aus.“ Etwas anderes war dem jungen Mann nicht eingefallen.
Mehr, um das Gespräch nicht einschlafen zu lassen als aus eigentlicher Wissbegierde, fragte er nach dem Titel ihrer Lektüre und bekam zu hören, dass es ein Band französischer Gedichte sei. Beckenschläger interessierte sich zwar herzlich wenig für Lyrik und schon gar nicht für französische. Trotzdem heuchelte er aber Interesse und beugte sich über das kleine Büchlein, das das Mädchen ihm entgegenstreckte.
