Institut Agnus Dei - Rhea Winter - E-Book

Institut Agnus Dei E-Book

Rhea Winter

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Beschreibung

Willkommen am medizinischen Institut Agnus Dei, der Eliteschmiede der zukünftigen Nachwuchsärzte! Hier kämpft der schüchterne Musterstudent David nicht nur mit seinem Praktikum auf der Intensivstation, sondern auch seinen Gefühlen für das skrupellose Superhirn Carline, bei deren Experimenten im Labor nicht immer alles mit rechten Dingen zugeht. Auch die rebellische Gin hat mit ihrem Blog »Das geheime Leben der Lämmer«, auf dem sie das Privatleben ihrer Mitstudenten ausschlachtet, alle Hände voll zu tun. Der arrogante Verbindungsstudent Friedrichshausen wird hingegen mit pikanten Fotos erpresst. Als die »Schneewittchenprinzessin« Anna-Sophia, das schönste Mädchen des vierten Studienjahrs, während einer Party spurlos verschwindet und ein Professor vergiftet auf die Intensivstation eingewiesen wird, müssen sich die ungleichen Studenten zusammenschließen, um der Wahrheit auf die Spur zu kommen...

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Seitenzahl: 468

Veröffentlichungsjahr: 2025

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Ähnliche


Institut Agnus Dei
Über die Autorin
Impressum
Kapitel 1
Kapitel 2
Kapitel 3
Kapitel 4
Kapitel 5
Kapitel 6
Kapitel 7
Kapitel 8
Kapitel 9
Kapitel 10
Kapitel 11
Kapitel 12
Kapitel 13
Kapitel 14
Kapitel 15
Kapitel 16
Kapitel 17
Kapitel 18
Kapitel 19
Kapitel 20
Kapitel 21
Kapitel 22
Die Eisermann Media GmbH

Rhea WiNTeR

Institut Agnus Dei

Das geheime Leben der LÄmmer

XOXO Verlag

Über die Autorin

Rhea Winter schreibt vor allem Romane für Jugendliche und junge Erwachsene. Außerdem durfte sie bereits auf der lit.Cologne in Köln sowie beim WortWärts-Literaturfest in Nürnberg und der puls-Lesereihe des Bayerischen Rundfunks preisgekrönte Kurzgeschichten lesen. Die Autorin hat unter anderem in Kanada und Frankreich gelebt und liebt es, auf Reisen ferne Länder und Kulturen zu entdecken. Zudem spielt sie Gitarre und fotografiert. Rhea Winter ist auf Instagram unter @rheawinter.autorin zu finden.

Impressum

Bibliografische Information durch die Deutsche Nationalbibliothek: Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://www.d-nb.deabrufbar.

Print-ISBN: 978-3-96752-242-6

E-Book-ISBN: 978-3-96752-740-7

Copyright (2025) XOXO Verlag

Umschlaggestaltung: Grit Richter, XOXO Verlag

Bilder und Grafiken von creativemarket.com

Buchsatz: Grit Richter, XOXO Verlag

Hergestellt in Deutschland (EU)

XOXO Verlag

ein IMPRINT der EISERMANN MEDIA GMBH

Alte Heerstraße 29 | 27330 Asendorf

Alle Personen und Namen innerhalb dieses Buches sind frei erfunden. Ähnlichkeiten mit lebenden Personen sind zufällig und nicht beabsichtigt.

Für meine Familie

Danke, dass ihr immer für mich da seid und stets an

meinen großen Traum geglaubt habt

Kapitel 1

In der Höhle des Löwen

»Nur ruhig Blut, David. Du hast gestern an einer Leiche herumgeschnippelt, das hier kann unmöglich schlimmer sein.« David Heart holte tief Luft und betrat das Verbindungshaus der Merowinger. Vielleicht war Haus das falsche Wort, denn es glich mit seinen vier Türmen und steinernen Treppen eher einem Schloss. Jedenfalls war es kein Gebäude, in dem David willkommen war.

»Es muss ein Versehen gewesen sein, dass die Merowinger mich eingeladen haben!« David schüttelte den Kopf, als er in der Eingangshalle an den ehrwürdigen Ölgemälden vorbeiging, die die Gründungsväter der Verbindung zeigten. In der kleinen Wohnung seiner Familie wäre für solche mannshohen Bilder kein Platz gewesen. Um ehrlich zu sein war für nichts Platz, wenn man zu siebt in einer Dreizimmerwohnung lebte.

»David Heart! Was machst du denn hier?«

David zuckte zusammen. Diese Stimme konnte nur Carline de Moyn gehören. Nur sie betonte das »du« so verachtungsvoll, als spucke sie es aus wie eine besonders saure Zitrone. Seufzend drehte er sich um. »Hallo, Carline. Jemand hat eine Einladung an mein Schließfach geklebt, wenn du es unbedingt wissen willst.«

»An dein Schließfach geklebt, so, so.« Carline rückte ihre Nickelbrille zurecht und verzog ihre knallrot geschminkten Lippen zu einem spöttischen Grinsen. »Nimm‘s nicht persönlich, aber vermutlich hat sich einer der Merowinger einen Scherz erlaubt. Was willst du schon auf einer Verbindungsfeier?« Damit warf sie ihr langes, weißblondes Haar über die Schulter und stolzierte Richtung Kellertreppe.

David grinste. »Tja, liebste Carline, nur leider bist du genauso in dieses Haus hineingestolpert wie ich. Oder denkst du, dich hat niemand gesehen, als du im Labor die Einladung von Fanny Karlssons Arbeitsplatz gemopst hast?« Weshalb Carline wohl so versessen auf die Party der Merowinger war? Sie hatte im Gegensatz zu ihm wohl kaum eine übereifrige Mutter, die die Einladung aus dem Papierkorb gefischt und sie gedrängt hatte, hinzugehen.

»Freunde dich doch endlich mit deinen Mitstudenten an. Als Student muss man was erleben«, murmelte David vor sich hin, während er einen Fussel von seinem Pulli zupfte. Nun ja, wenn er nach einer Feier wieder sein Einsiedlerdasein weit weg von den Carlines dieser Welt leben durfte, war es das wert. Carline war vermutlich hier, um die Nase über betrunkene Verbindungsburschen und mit den Wimpern klimpernde Partygirls zu rümpfen, damit sie sich überlegen fühlen konnte. Schließlich gewann man keinen Nobelpreis, wenn man Labor und Bibliothek gegen Zungenkuss und Tequila eintauschte.

Endlich brachte David den Mut auf, den anderen Gästen Richtung Kellertreppe zu folgen. Von unten drang angeregtes Stimmengewirr zu ihm herauf und sein Herz begann schneller zu schlagen. Prüfungen, Patienten, Leichen, damit kannte er sich aus. Die Welt der Partys und Liebschaften war ihm dagegen völlig fremd. Trotzdem wagte er sich in die Höhle des Löwen.

***

Im Verbindungskeller war die Party bereits in vollem Gange. Die Merowinger, gut zu erkennen an ihren dunkelblauen Blazern mit den gekreuzten Äxten als Wappen, hatten sich unter ihre Gäste gemischt. Eine Gruppe spielte auf einer Tischtennisplatte Beer Pong, eine andere schlürfte aus einem Mülleimer mit überdimensionalen Strohhalmen Wodka und in einer dunklen Ecke wanden sich auf einem Sofa drei Körper umeinander wie beschworene Schlangen. David wandte beschämt den Blick ab und kämpfte sich durch die Menge auf der Tanzfläche zur Bar hindurch.

»David, du hier?« Giancarla Giovanni, genannt Gin, zwinkerte ihm unter ihren dunklen Wimpern verschwörerisch zu. Sie trug ein bauchfreies Top und Shorts, die ihre braun gebrannten Beine betonten. Trotz ihres Undercuts, der ihre buschigen braunen Haare und mehrfach gepiercten Ohren gut zur Geltung kommen ließ, galt sie im Semester als klassische Sexbombe. Allerdings trügte der Schein, denn als italienische Katholikin durfte nur der Vater im Himmel Gin so sehen, wie er sie geschaffen hatte.

»Jaja, ich gehöre nicht hierher. Hat mir Carline schon gesagt.« David griff nach einem Cocktail. Vielleicht sollte er wirklich abhauen. Was wollte er hier, zwischen all den Mitstudenten, mit denen er nichts zu tun hatte? Er scheute ihre Gesellschaft und er vermisste sie auch nicht. Seine vier Geschwister und die ehrenamtliche Arbeit in der Praxis für Patienten ohne Krankenversicherung forderten ihn genug. »Oh nein, nein, so war das nicht gemeint!« Gin blickte betroffen drein. »Ich hab mich nur gewundert. Du bist nicht gerade als Partylöwe verschrien, David Heart.«

»Tja, warum wohl!« David nippte an der Bloody Mary und schmeckte mit dem ersten Schluck den Alkohol. Kein gutes Omen, wenn man sowieso nichts vertrug, aber immerhin war er jetzt hier. Eine Party würde er wohl überstehen.

»Vergiss, was Carline gesagt hat. Diese versnobbte Möchtegern-Superwissenschaftlerin muss mal von ihrem hohen Ross runterkommen. Sogar zu einer Feier geht sie im weißen Hosenanzug. Möchte mal wissen, wie der aussieht, wenn der erste besoffene Merowinger ihn vollgekotzt hat.«

Gegen seinen Willen kicherte David. Langsam fing er an, Gin zu mögen. In ihr steckte viel mehr, als ihr Ruf vermuten ließ.

»Apropros Merowinger, wo sind die auf einmal alle?«

Gin hatte Recht, denn die blauen Blazer waren verschwunden. Das Rätsel löste sich von selbst, als die Merowinger pfeifend und johlend mit einem Mädchen in ihrer Mitte die Treppe herunter kamen. Gin schüttelte den Kopf. »Typisch Männer. Ihr seid so berechenbar.«

»Da hast du Recht«, murmelte David. Gin mochte das schärfste Mädchen im gesamten Semester sein, aber Anna-Sophia war mit Abstand das hübscheste. Ihre porzellanfarbene Haut war so makellos und glatt wie die einer Statue, ihre blauen Augen strahlten wie Sterne und ihre rabenschwarzen Haare verwandelten sie in eine Schneewittchenprinzessin, die alle anderen weiblichen Wesen in den Schatten stellte. Die Merowinger scharwenzelten um sie herum wie Bedienstete und prügelten sich beinahe darum, ihr einen Stuhl und ein Glas Wein bringen zu dürfen. Anna-Sophia genoss ihre Beliebtheit sichtlich und kicherte mädchenhaft, als ein Merowinger namens Friedrichshausen ihr die Hand küsste.

Oh ja, Tonio Erbgraf von Friedrichshausen, von allen nur Friedrichshausen gerufen. Der Charismatischste der Verbindungsburschen. Seine aschblonden Haare hatte er zurückgegelt und an seinem Blazer blitzte die rosenförmige Brosche auf, die er von seinem legendären Großvater geerbt hatte. Vincencius Graf von Friedrichshausen hatte mit seiner Schönheitsklinik Millionen verdient und nun wurde sie von Tonios Vater Helmrich geführt.

Anna-Sophia wickelte sich galant eine Haarsträhne um den Finger und bezirzte Friedrichshausen mit ihrem Charme. Der verabschiedete sich jedoch mit einer Verbeugung und huschte durch eine von einem Wandteppich verdeckte Tür in einen Nebenraum.

Gin kicherte. »Schau mal, unsere Schneewittchenprinzessin scheint beleidigt zu sein, dass der Erbe der Schönheitsklinik sie sitzen gelassen hat. Sie bewundert ihre Fingernägel, anstatt sich mit ihren restlichen hundert Bewunderern abzugeben.«

Tatsächlich. Anna-Sophia schien es nur auf Friedrichshausen abgesehen zu haben. Obwohl die anderen Merowinger ihr Trauben und Pralinen brachten, behandelte sie ihre Verehrer wie Luft.

»Was glotzt ihr beide denn da wie zwei Rehe im Licht der Autoscheinwerfer?« Carline drängte sich an Gin vorbei, um einen Blick auf das Schauspiel rund um Anna-Sophia zu erhaschen. Ihre Augen verengten sich zu Schlitzen. »Neidisch? Wette, du hättest auch gerne einen heißen Prinzen in Uniform, der dir den Hof macht!«, neckte Gin sie und lutschte genüsslich an einer Cocktailkirsche.

Carline stemmte die Hände in die Hüften. »Neidisch? Auf die dumme Pute? Das glaubst du wohl selbst nicht! Ich störe mich nur daran, dass Aussehen mehr gewürdigt wird als herausragende Leistungen im Labor.«

»Ach, du meinst deine geheimnisvollen Experimente? Was machst du da eigentlich? Züchtest du Mäuse mit zwei Köpfen?« Carline rümpfte die Nase. »Selbst wenn ich es dir erklären würde, würdest du es nicht verstehen. Täte dir gut, mehr zu lernen und weniger zu feiern, wenn du mich fragst. Ansonsten fällst du dieses Jahr wieder durch die Abschlussprüfungen. Euch Losern noch einen schönen Abend.« Damit verzog sich Carline wieder Richtung Kellertreppe. Gin winkte ihr nach, zuckte aber plötzlich zusammen, als Anna-Sophia neben ihr auftauchte.

»Hi«, säuselte die Schneewittchenprinzessin und klimperte mit ihren langen Wimpern. »Habt ihr Friedrichshausen gesehen? Ich hab heute noch was mit ihm vor.«

Gin verdrehte die Augen. »Was willst du denn mit dem Vollidioten, Anna-Sophia? Mit deinem Aussehen könntest du jeden haben und du entscheidest dich für Graf Schmierfrisur?«

Anna-Sophia lächelte süffisant. »Friedrichshausen ist heiß. Und auch ein wenig arrogant, was ihn umso sexier macht. Ein richtiger Adliger eben.«

Gin steckte sich den Finger in den Mund und tat so, als würde sie erbrechen. »Jungs, die Mädchen scheiße behandeln, sind nicht stolz und unnahbar, sondern einfach Arschlöcher. Wenn Friedrichshausen sich für dich interessieren würde, würde er sich mehr anstrengen!«, erklärte sie tonlos und drehte Anna-Sophia den Rücken zu.

Anna-Sophia schürzte die Lippen, dann zog sie beleidigt von dannen.

David warf Gin bewundernde Blicke zu. »Du bist ganz schön schlagfertig!«

»Danke.« Gins Wangen röteten sich, aber das konnte auch an dem vielen Rotwein liegen, den sie trank.

»Aber, Gin?«

»Ja, David?«

»Denkst du, es ist ratsam, sich so viele Menschen zu Feinden zu machen?«

Gin lachte ihr wildes, lautes Italienerinnenlachen und ihre dunklen Augen lachten mit. Im Gegensatz zu denen von Anna-Sophia strahlten sie nicht, aber vermittelten ein Gefühl von Wärme und Geborgenheit. »Oh, David. Hast du noch nie von meinem Blog gehört? Dem ‚Geheimen Leben der Lämmer‘?«

Obwohl Gin ihn erwartungsvoll ansah, schüttelte David den Kopf. »Tut mir leid.«

Gin riss theatralisch die Augen auf. »David Heart, du kleiner Einsiedler. Du musst der einzige Student am medizinischen Institut Agnus Dei sein, der meinen Blog nicht kennt. Wo informierst du dich bloß über die geheimen Machenschaften deiner Mitstudenten?«

David schüttelte energisch den Kopf. »Nirgendwo. Klatsch und Tratsch interessieren mich nicht. Ich konzentriere mich lieber auf mein Studium.«

»Wie du meinst. Du scheinst ein trauriges und einsames Leben zu führen, wenn du dich von allen abkapselst. Nur zu deiner Info: Ich erfahre von den besten Skandalen, indem ich Leute provoziere. Nur so rutschen ihnen die schmutzigsten Geheimnisse raus.« Genüsslich lutschte Gin an einer weiteren Cocktailkirsche. Zumindest einer der Merowinger schien Anna-Sophia vergessen zu haben, denn nun kam er herüber, um sich mit Gin zu unterhalten.

David beschloss sich ein wenig umzusehen. Bisher nahm keiner der Merowinger von ihm Notiz und wer wusste schon, wann er wieder die Gelegenheit bekommen würde, in ihrem Schloss herumzuschnüffeln. Zunächst wollte er nachsehen, was Friedrichshausen in dem geheimen Raum hinter dem Wandteppich trieb.

Mit einem zweiten Cocktail in der Hand näherte David sich möglichst unauffällig dem Wandteppich und schob ihn ein Stück zur Seite. Er schnappte nach Luft. In dem geheimen Raum befanden sich neben Friedrichshausen zwei andere Jungs, die offenbar genauso besoffen waren wie er. Einer torkelte eine Bierflasche schwenkend durch den Raum, während der andere mit Friedrichshausen …

David ließ den Teppich los. Nein, es ging ihn nichts an, was dort vor sich ging. Er schloss die Augen und lehnte sich gegen die kühle Hausmauer. Hatte er gerade wirklich gesehen, wie Friedrichshausen seine Zunge in den Mund eines anderen Typen steckte? Und hatte der Junge mit der Bierflasche Friedrichshausen gerade an den Hintern gegrabscht? Kein Wunder, dass Anna-Sophia bei ihrem heißen Adligen abgeblitzt war.

***

Als David die Augen wieder öffnete, sah er, wie ein schmächtiger junger Mann im blauen Blazer der Merowinger den Wandteppich zu Friedrichshausens verstecktem Zimmer fallen ließ. Armer Erbgraf. Nicht einmal auf seiner eigenen Party konnte er sich gehen lassen, ohne gleich doppelt erwischt zu werden.

Der neugierige Bursche entfernte sich so hastig vom Wandteppich, als hätte er eine schlafende Kobra geweckt, die ihm nun auf den Fersen war. Weil er in seiner Eile nicht darauf achtete, wohin er lief, rempelte er David an.

»Hey!« David rieb sich die Schulter. Für die Verbindungsstudenten war er anscheinend unsichtbar. Trotzdem blieb er höflich und bückte sich nach dem Smartphone des Jungen, das dieser bei ihrem Zusammenstoß fallen gelassen hatte.

»Finger weg!«, zischte der Merowinger und schnappte sich das Handy. Er presste es an sich, als müsse er es mit Zähnen und Klauen verteidigen. »Nimm deine dreckigen Hände gefälligst von meinem Eigentum!«

Der Bursche funkelte David so böse an, als hätte der einen Hochverrat begangen. David fiel ein brauner Fleck im rechten der grauen Augen des Merowingers auf.

»Schon gut! Ich wollte nur helfen!«, murmelte David verärgert und sah dem Merowinger nach, als dieser aus dem Keller stürmte. Was für ein komischer Typ! Unfreundlich bis zum geht nicht mehr und dann tat er auch noch so, als wäre sein Handy der heilige Gral, den er vor allen Unwürdigen verteidigen musste.

Auf einmal brummte Davids Kopf. Vielleicht sollte er nach Hause gehen, bevor auf dieser Party noch mehr merkwürdige Dinge geschahen. Langsam machten sich auch die beiden Cocktails bemerkbar, denn die Welt vor seinen Augen verschwamm. So musste sich der wankende Junge in Friedrichshausens Hinterzimmer gefühlt haben.

***

Nachdem David sich an der Wand entlang getastet hatte, stieß er endlich auf eine Treppe und atmete auf. An der frischen Luft würde er schnell wieder zu sich kommen. Vorsichtig erklomm er die steilen Stufen und öffnete die Tür am oberen Ende der Treppe.

Nanu? Wo war er denn hier gelandet? Definitiv nicht auf der Straße. Verwundert rieb David sich die Augen. Vor ihm lag das wundersamste Turmzimmer, das er je gesehen hatte. An den Wänden hingen Vitrinen mit Dolchen und Fahnen, die mit dem Wappen der Merowinger bestickt waren. In einer Ecke stand ein Skelett, mit dessen Hilfe Friedrichshausen vielleicht Anatomie gelernt hatte, und in einer anderen ein gemütlicher Ohrensessel. Es war jedoch der Schreibtisch, der Davids Aufmerksamkeit fesselte.

Er vergewisserte sich, dass niemand ihm die Treppe hinauf gefolgt war, dann ging er langsam auf den massiven Tisch aus Eichenholz zu. David musterte die darauf verstreut liegenden Gegenstände, die aussahen, als hätte sie jemand aus einem Feldlazarett des Zweiten Weltkriegs gestohlen. Da gab es einige gläserne Spritzen mit Metallkolben, ein rostiges Stethoskop und einen mit Kaffeflecken bekleckerten Anatomieatlas.

Neugierig nahm David das darauf abgebildete Organ unter die Lupe. Es handelte sich unverkennbar um ein menschliches Herz, doch um kein gewöhnliches. Es war riesig, so als hätte man es aufgeblasen wie einen Luftballon und statt einer mündeten zwei Hauptschlagadern in die linke Herzkammer. Zudem hatte es eine merkwürdig schwarze Farbe.

»Komisch, sehr komisch«, murmelte David und schlug den Atlas auf. Er zuckte zusammen. Auf den vergilbten Seiten im Inneren fanden sich weitere unförmige Organe, an denen Doktor Frankenstein sein Unwesen getrieben zu haben schien. Da gab es eine mit Blasen übersäte Niere, ein Gehirn, das die Form einer Birne besaß, und ein Arteriengeflecht, aus dem hunderte kleine Blutgefäße sprossen wie Unkraut.

David schlug den Anatomieatlas zu. Etwas sagte ihm, dass er nicht hier sein sollte. Dieser Raum war für keinen neugierigen Studenten wie ihn bestimmt. Unglücklicherweise wich er so hastig vom Schreibtisch zurück, dass er mit dem Arm eine der Glasspritzen vom Tisch fegte. Mit einem Klirren schlug sie auf dem Boden auf und zersplitterte. David fluchte.

Moment, was war das? Ein Schauer lief ihm den Rücken hinunter, als er in die Hocke ging, um die Scherben mit seinem Hemdsärmel aufzuwischen. Da wo die Spritze zu Bruch gegangen war, breitete sich eine dünne rötliche Spur aus. David drehte sich der Magen um. Dieser metallische Geruch war ihm nur allzu vertraut. Überall in seinem Leben präsent wie ein ungebetener Gast. Auf dem aufgeschlagenen Knie seines Bruders, dem Skalpell des Chirurgen und der Schusswunde des Mordopfers in der Rechtsmedizin.

Blut.

Auf einmal erklang laute Musik und ein Knallen war zu hören, so als schösse jemand im Partykeller Feuerwerkskörper ab. David war schon auf halbem Wege zur Tür, als ein markerschütternder Schrei ihn inne halten ließ. Obwohl der Lärm im Untergeschoss den Schrei dämpfte, war David sich sicher, dass es sich um eine Mädchenstimme handelte. Eine Mädchenstimme, die aus der Wand zu kommen schien.

Auf Zehenspitzen schlich David zur Tür und lugte die Treppe hinunter. Nichts. Da, das Trappeln von Füßen. Abermals schien das Geräusch sich durch die dicken Turmmauern zu fressen wie ein steinemampfender Wurm.

Vorsichtig legte David ein Ohr gegen den kalten Stein und lief die Wand des Turmzimmers entlang. Da, neben dem Gemälde, das die vier Gründungsväter der Verbindung zeigte, war es am lautesten. Allerdings entfernten sich die Schritte so rasch, dass David sich fragte, ob er sich das Ganze nicht nur eingebildet hatte.

Nun war aus dem Partykeller Stimmengewirr zu hören. Höchste Zeit, dass er von hier verschwand.

Davids Herz raste, als er die Wendeltreppe hinunter schlich und sich so unauffällig wie möglich wieder unter die Feiernden mischte. Nur feierten die nicht mehr. Anstatt zu tanzen, liefen sie wie verirrte Hühner durch den Kellerraum und schnatterten wild durcheinander. Bald erkannte David, warum.

Auf dem Boden lagen Silvesterraketen und Böller verstreut, so als hätte tatsächlich jemand das Neujahrsfest auf den Semesterbeginn Anfang September verlegt.

Gin stand in einer Ecke und betrachtete mit weit aufgerissenen Augen ihre verbrannte Hand, während einer der Merowinger schreiend ein blutiges Taschentuch auf sein rechtes Auge presste.

David überlegte nicht lange und packte den verletzten Verbindungsstudenten am Arm. »Hat jemand ein Auto? Wir müssen die beiden so schnell wie möglich in die Klinik bringen!« Zu seiner Verblüffung kämpfte Carline sich durch die Menschenmenge und zog Gin mit sich, die anscheinend nicht in der Lage war, sich von selbst zu bewegen. »Komm mit, Heart, wir nehmen meinen Mercedes.«

***

Die Fahrt in die Klinik glich einem illegalen Autorennen, denn weder rote Ampeln noch Geschwindigkeitsbegrenzungen hielten Carline auf. David verfluchte sich dafür, die Cocktails getrunken zu haben. Mehr als einmal übergab er sich beinahe auf Carlines mit weißem Leder überzogene Polster. Gin war die Fahrt über merkwürdig ruhig, während der Merowinger fast durchgehend jammerte.

Endlich angekommen wurden sowohl Gin als auch der Verbindungsstudent in der Notaufnahme von Krankenschwestern in Empfang genommen und in Untersuchungszimmer geführt. David ließ sich erschöpft auf einen der Stühle im Wartebereich sinken. Zu seiner Überraschung tat Carline es ihm gleich.

»Was für ein ereignisreicher Abend. Findest du nicht?« Carline sah ihn aus ihren eiskalten grauen Augen so durchgehend an, als röntge sie ihn.

David nickte, zu müde, um sich lange mit höflichem Geplänkel aufzuhalten. Carline rückte näher an ihn heran bis sich ihr Mund nur Zentimeter von seinem Ohr entfernt befand. David spürte ihren Atem.

»Nur schade, dass du das schöne Feuerwerk verpasst hast, Doktor Heart. Ich frage mich, wo du dich in der Zwischenzeit wohl herumgetrieben hast?«

David zuckte zusammen. Nie hätte er gedacht, dass jemand sein Verschwinden bemerken würde. Er hatte fest damit gerechnet, dass seine Mitstudenten ihn ignorieren würden. So wie immer.

»Ich … war auf der Toilette«, erklärte er und bemühte sich, seine Stimme überzeugend klingen zu lassen.

Carline grinste und lehnte sich auf ihrem Stuhl zurück. »Ja klar, die Standardausrede. Hoffentlich glaubt man dir. Das Auge des Merowingers hat ganz schön was abbekommen, pass auf, dass man dich nicht wegen Körperverletzung anklagt!«

»Ich tu keiner Fliege was zuleide«, verteidigte David sich geschockt. Sein Magen verkrampfte sich beim Gedanken daran, dass jemand ihm so etwas zutraute.

»Reg dich ab, ich weiß, dass ein Waschlappen wie du sich sowas nie ausdenken würde! Ich hab dich nur verarscht!« Carline zwinkerte ihm zu. »Pass beim nächsten Mal aber besser auf, bevor du durch ein Verbindungshaus schleichst. Schließlich hätten die Merowinger dich erwischen und Hackfleisch aus dir machen können. Viel interessanter ist die Frage, warum Gins Hand verbrannt ist, findest du nicht?« David zuckte die Schultern. »Vermutlich ist ihr ein Böller entgegen geflogen und sie hat ihn mit der Hand abgewehrt.« »Vielleicht.« Carline polierte ihre Brille. »Oder er ist in ihrer Hand explodiert, als sie ihn gezündet hat.«

Seufzend verbarg David den Kopf in den Händen. Die ganze Sache schien Carline Spaß zu machen. Vermutlich würde sie jeden beschuldigen, bis sie den Übeltäter enttarnt hatte. Bevor Carline sich noch weiter über den Abend auslassen konnte, öffnete sich jedoch die Eingangstür und drei leicht schwankende Merowinger platzten ins Krankenhaus. David hoffte, dass sie ein Taxi genommen hatten und nicht wie die Irren durch die Straßen gerast waren.

»Wo ist denn unser Wilhelmlein?«, fragte einer der Merowinger und versuchte sich auf Carlines Schoß zu setzen. Die stieß ihn knurrend von sich. »Hier bestimmt nicht, du Vollidiot! Wie wär‘s, wenn du mal in einer Kloschüssel nachsiehst?«

Der Merowinger legte den Kopf schief, so als dächte er ernsthaft über Carlines Vorschlag nach, doch eine der Schwestern aus der Notaufnahme winkte sie alle zu sich. »Sie können jetzt zu Ihren Freunden«, verkündete sie und brachte David, Carline und die Merowinger in ein Zimmer, in dem zwei Betten durch einen Vorhang abgetrennt waren. Die Merowinger scharten sich um ihren Verbindungsbruder im vorderen Bett, während David und Carline den Vorhang beiseite schoben und sich zu Gin im hinteren Bett gesellten.

Gin schnitt eine Grimasse. »Wenn ich diesen Arsch erwische, der mitten im Partykeller herumgeböllert hat, dann kann er was erleben. Seht euch meine Hand an! Hätte ich den Böller nicht abgewehrt, wäre er mir ins Gesicht geflogen!« Gin zeigte mit ihrer freien Hand auf die verletzte, die in einem blütenweißen Verband steckte. «Morgen geht das neue Semester los, wie soll ich denn so Blut abnehmen? Mein Oberarzt bringt mich um!«

Fluchend sank Gin zurück in ihr Kissen, während Carline sie interessiert musterte. «Die haben dir anscheinend ganz schön viel Schmerzmittel gegeben, wenn du schon wieder fluchen kannst!«, stellte sie fest. »Oder bist du besonders schmerzresistent? Ich forsche für meine Doktorarbeit an einem Impfstoff, der Menschen widerstandsfähiger gegen Schmerzen macht und mit einer Versuchsperson wie dir …«

»Ich glaube, das reicht für heute! Gin braucht ihre Ruhe!«, fiel David Carline ins Wort, weil er bemerkte, dass Gin tomatenrot anlief und sich ihre freie Hand zu einer Faust ballte. »Ich nehme an, sie behalten dich zur Beobachtung die Nacht über hier, Gin? Gut, dann sehen wir uns morgen zur Semesteranfangsvorlesung.«

David nickte der wütenden Gin zu und zog Carline auf die andere Seite des Vorhangs, wo die Krankenschwester gerade die Merowinger nach Hause schickte, weil Gin und »Wilhemlein« nun zur Überwachung für die Nacht auf ihre Stationen gebracht wurden.

Die Merowinger hatten auf dem Hinweg tatsächlich ein Taxi genommen, denn der Fahrer wartete nun in der Eingangshalle und schob und zog die drei mehr nach draußen, als sie selbst liefen.

David und Carline blieben allein zurück und David setzte gerade an, Carline für ihre unsensible Bemerkung, Gin als Versuchskaninchen für ihre Doktorarbeit verheizen zu wollen, zu schelten, als sie herzhaft gähnte. Auf einmal überfiel auch David eine bleierne Müdigkeit. Nein, heute würde er nicht mehr mit Carline streiten.

»So. Es war ein netter Abend, aber ich muss ins Bett. Immerhin beginnt morgen das neue Semester an der Uni, auch wenn das mittlerweile niemanden mehr interessieren dürfte!«, murmelte Carline schließlich. »Soll ich dich heimfahren?« »Danke, aber ich laufe lieber. Noch eine Fahrt mit dir und mein Magen spielt spuckende Toilette!«

Carline verzog das Gesicht. »Na, dann. Bis morgen, Heart.« Damit warf sie schwungvoll ihr volles Haar über die Schulter und marschierte davon.

David erwischte sich dabei, wie er Carline hinterher sah. Obwohl Carline de Moyn sich für nichts anderes als ihre Pipetten und Glaskolben im Labor interessierte und stets einen zu großen Kittel trug, war sie unleugbar attraktiv. Gerade hatte sie sich für ihre Verhältnisse sogar nett mit ihm unterhalten.

David schüttelte den Kopf. Nein, das durfte er nicht zulassen. Jemand wie Carline bedeutete Ärger und den konnte sich jemand wie er, der sich das Studium durch ein Stipendium finanzierte, nicht leisten. So machte er sich zu Fuß in einer außergewöhnlich kühlen Nacht, die ihn trotz Jacke frösteln ließ, auf den Weg nach Hause. Unterwegs ließ er sich die Geschehnisse jener Nacht noch einmal durch den Kopf gehen. Carline hatte recht. Es war eine durch und durch ereignisreiche Party gewesen.

***

Übermüdet und hungrig, weil er das Frühstück verschlafen hatte, machte David sich am nächsten Tag auf den Weg in die Uni. Am medizinischen Institut Agnus Dei begann das Semester stets mit einer Versammlung in der alten Kapelle, während der die Studenten den hauseigenen Eid aufsagen mussten. Kaum hatte David sich in der Kapelle auf einem der ungemütlichen Holzstühle niedergelassen, rüttelte ihn von hinten jemand an der Schulter. Es war Gin, deren linker Arm verbunden war. »David, David, hast du schon gehört? Anna-Sophia …«

In diesem Moment humpelte Magnus Halvorsson, der Direktor des Instituts, gekleidet in einen perlweißen Kittel und mit einem grimmigen Ausdruck im Gesicht an seinem Stock in den Hörsaal. »Ruhe! Seid ruhig!« Er fuchtelte wild mit den Armen.

Augenblicklich verstummte das Geschnatter im Hörsaal. David setzte sich kerzengerade hin. So aufgebracht hatte er den Direktor noch nie erlebt.

»Studenten, ich muss Ihnen leider mitteilen, dass Ihr Einführungskurs in die Viszeralchirurgie bei Professor Johnny Richards heute ausfällt.«

Das enttäuschte Raunen der Studenten hallte vom Fließenboden in der Mitte des runden Raumes wider. Professor Richards war dank seiner exzentrischen Persönlichkeit sehr beliebt.

Direktor Halvorsson klopfte mit dem Gehstock auf das Pult, um sich Gehör zu verschaffen. »Ich bin noch nicht fertig. Es mag Sie erschrecken, aber Professor Richards ist nicht krank. Nein, er liegt auf der Intensivstation, weil er vergiftet wurde!«

David schnappte nach Luft. Professor Richards vergiftet? Um ihn herum tuschelten seine Mitstudenten aufgeregt. Ein Mordanschlag am Institut, so etwas hatte es noch nie gegeben!

»Ruhe! Zum letzten Mal, wenn ich noch einen von Ihnen beim Quatschen erwische, dann sperre ich ihn im Präpariersaal ein!« Augenblicklich herrschte wieder Ruhe. Niemand verbrachte gerne alleine Zeit im Saal mit den Körperspendern, die für den Sezierkurs gebraucht wurden. Direktor Halvorsson stützte sich am Pult ab. Anscheinend ging ihm der Anschlag auf Professor Richards näher, als er zugeben wollte. »Studenten, wenn Sie etwas gesehen oder gehört haben, was der Polizei weiterhelfen kann, wenden Sie sich bitte an meine Sekretärin Fräulein Klee. So, und nun ab in die Kurse! Auf den Eid verzichten wir heute, ich bin nicht in Stimmung.«

Um David herum wurden Stühle gerückt und seine Mitstudenten spekulierten wild darüber, wer Professor Richards vergiftet haben könnte. Nur David blieb auf seinem Platz sitzen, unfähig sich zu rühren. Ein Giftanschlag. Hier, an seiner Uni.

»David!«

Nein, er war nicht der einzige verbliebene Student im Hörsaal. Gin, und zu seiner Überraschung auch Friedrichshausen, waren ebenfalls noch da.

»Was ist denn?« David ließ seinen Blick über Friedrichshausen gleiten, der ungewöhnlich blass um die Nase war und all seine Schlagfertigkeit und Arroganz auf der Verbindungsfeier zurückgelassen zu haben schien. Jetzt fiel David auch die grobe Narbe auf der Stirn seines Mitstudenten auf, die sich diagonal von links unten nach rechts oben zog. Die Merowinger waren also eine schlagende Verbindung. Ob Friedrichshausen Salz in die Wunde gestreut hatte, damit sie nicht verheilte?

»Anna-Sophia.« Friedrichshausens Stimme klang tonlos. »Sie ist gestern Nacht nicht nach Hause gekommen.«

Kapitel 2

Auf der Intensivstation

David bemerkte, wie Gin Direktor Halvorsson mit aufgerissenen Augen anstarrte.

»Praktikum? Nach all dem, was passiert ist, sollen wir ab morgen jeden Vormittag im Krankenhaus arbeiten?«, rief sie. »Wir wurden gestern von der Polizei verhört und Anna-Sophia ist immer noch nicht aufgetaucht! Jemand hat versucht, Professor Richards umzubringen! Wie kann man da an ein Praktikum denken?«

David stimmte Direktor Halvorsson stumm zu, als dieser den Kopf schüttelte.

»Mir ist klar, dass Sie sich Sorgen um ihre Mitstudentin machen, aber wie sagt man so schön: The show must go on«, erklärte der Direktor. »Ein Krankenhaus ist ein 24-Stunden-Betrieb, kein Vergnügungspark, den man je nach Befinden schließen kann.«

Wie recht der Direktor hatte. Auch wenn das Semester im Moment eher an einen aufgescheuchten Hühnerhaufen erinnerte, mussten die Patienten versorgt werden. Die Mitarbeit der Studenten des vierten Jahres war in der Institutsklinik fest eingeplant und so würden sie ab morgen alle auf den Stationen antreten, ob ihnen nun danach war oder nicht.

Gin ließ die Schultern hängen. Anna-Sophias Verschwinden schien sie mehr mitzunehmen, als man erwarten könnte, schließlich waren die beiden seit Ewigkeiten nicht mehr befreundet. Seit zwei Tagen schlich sie schweigend durch die Flure des Instituts anstatt wie sonst üblich mit ihrem selbstbewussten Auftreten alle Blicke auf sich zu ziehen. David fragte sich, ob Gin sich schuldig fühlte, weil sie Anna-Sophia auf der Verbindungsfeier aufgezogen hatte.

Auch Friedrichshausen stolzierte nicht mehr durchs Institut wie ein Pfau, der seine Federn spreizte, sondern saß mit finsterem Gesichtsausdruck und den Händen in den Hosentaschen an seinem Lieblingsplatz im Institutsgarten. Nur Carline benahm sich wie immer und sperrte sich mit Gefäßen voller geheimnisvoller Flüssigkeiten im Labor ein. »So, nachdem das nun geklärt wäre, wünsche ich Ihnen einen schönen Nachmittag. Da Sie mit Ihrer verbrannten Hand keine große Hilfe sein werden, habe ich Sie für die Transfusionsmedizin eingeteilt!«, verkündete Direktor Halvorsson und hielt seine Bürotür für Gin auf, woraufhin sie grummelnd davonstampfte.

David wollte Gin folgen, wurde jedoch vom Direktor zurückgehalten.

»Einen Moment, Herr Heart, Sie bleiben noch hier.«

David zog die Augenbrauen hoch. Hoffentlich bekam er keinen Ärger, auch wenn er sich nicht vorstellen konnte, was er angestellt haben sollte.

Direktor Halvorsson bot ihm lächelnd den Stuhl vor seinem Schreibtisch an. David setzte sich.

»Herr Heart.« Nun nahm auch der Direktor Platz. »Alle Ihre Professoren haben mir versichert, dass Sie ein außerordentlich fleißiger und begabter Student sind.« David errötete. »Wenn Sie das sagen, Herr Direktor.« Direktor Halvorsson schmunzelte. »Bescheiden sind Sie auch noch. Was für großartige Voraussetzungen für eine Karriere als Arzt. Wie ich höre, studieren Sie dank eines Stipendiums?«

»Ja, Herr Direktor. Ich habe vier kleine Geschwister. Meine Mutter arbeitet halbtags in einer Wäscherei und mein Vater liefert Pakete aus. Sie verdienen nicht viel.«

Direktor Halvorsson nickte und David glaubte, so etwas wie Anerkennung aus seinen Augen lesen zu können. Vielleicht freute sich der Direktor, dass ein Student aus bescheidenen Verhältnissen am Institut aufblühte, während der verwöhnte Friedrichshausen nur an seinen Studienplatz gekommen war, weil sein Vater eine beträchtliche Summe für eine neue Bibliothek gespendet hatte.

Direktor Halvorsson räusperte sich. »Nun, Sie sind hier, weil ich Ihnen eine besondere Stelle für Ihr Klinikpraktikum anbieten möchte. Normalerweise arbeiten Studenten erst ab dem fünften Studienjahr auf der Intensivstation, aber aufgrund Ihres Engagements und Ihres fundierten Fachwissens möchte ich Sie schon jetzt dorthin schicken.«

David strahlte. Eine größere Anerkennung, als für die Intensivstation eingeteilt zu werden, gab es am medizinischen Institut nicht.

»Sie nehmen die Stelle also an?«

»Mit Freude.«

***

Auf dem Weg nach draußen rannte David beinahe durch die Flure, so losgelöst und frei fühlte er sich. Für einen Augenblick vergaß er sogar, was Anna-Sophia und Professor Richards widerfahren war.

»Soso, da hat sich der kleine David Heart beim Direktor eingeschleimt. Ist wohl nötig, wenn die eigene Familie einem nichts bieten kann.« Carline lehnte mit verschränkten Armen an ihrem Spind und sah David mit verächtlichem Blick an. David ignorierte ihre Stichelei. »Weißt du, Carline, wenn ich es nicht besser wüsste, würde ich sagen, dass du neidisch bist.«

»Neidisch?« Carline lachte, aber ihre Augen verrieten sie, denn sie lachten nicht mit. »Quatsch. Warum sollte ich auf den Sohn eines Paketzustellers und einer Wäschetante ohne Schulabschluss neidisch sein? Meine Eltern sind nicht adlig wie die Friedrichshausens, aber mein Vater ist ein sehr erfolgreicher Immobilienmakler.«

David spürte einen Stich in der Brust. Er schämte sich nicht für seine Familie, aber Carlines Worte taten trotzdem weh. Woher wusste sie überhaupt über seine Eltern Bescheid? Hatte sie seine Stipendiatenakte gestohlen und darin herumgeschnüffelt? Zuzutrauen wäre es ihr. Am liebsten hätte er einmal in seinem Leben die Nerven verloren und Carline angebrüllt, sie geschüttelt, bis sie sich entschuldigt hatte. Allerdings lag Gewalt so ganz und gar nicht in Davids Natur, nicht einmal in einer Situation wie dieser.

»Meine Mutter hat die Schule verlassen, weil sie mit mir schwanger war«, erklärte er deshalb ruhig und strich sich das krause Haar aus der Stirn. »Meine Familie ist nicht reich, aber dafür sind wir glücklich. Und anscheinend verschaffen dir weder Geld noch deine Abstammung einen Praktikumsplatz auf der Intensivstation. Reine Leistung genügt.« Genüsslich beobachtete er wie Carline ihren Mund öffnete und schloss wie ein stummer Fisch.

Dann fand Carline ihre Sprache wieder. »Aber … Auf die Intensivstation kommen Studenten erst ab dem fünften Jahr!« David reckte stolz die Brust heraus. »In Ausnahmefällen schon früher.« Damit machte er kehrt und ließ die verdattert dreinblickende Carline einfach stehen.

Am nächsten Morgen herrschte in der Wäscheausgabe großes Gedränge. Hundert Studenten auf einmal kämpften sich in die Kleiderkammer, um sich für den ersten Praktikumstag auszustatten. Carline löste das Problem kurzerhand, indem sie einer anderen Studentin den Kittel aus der Hand riss. Endlich vor der Schleuse zur Intensivstation angekommen, atmete David tief durch. Im Gegensatz zur Kleidung seiner Kommilitonen waren seine Hose und sein Oberteil nicht weiß, sondern blau. Er trug sogenannte Bereichskleidung, die man nur für die Arbeit auf besonderen Stationen erhielt. David betrachtete sich stolz in der Glastür, dann läutete er.

Eine beleibte Krankenschwester öffnete David die Tür zur Intensivstation und ließ ihn ein. Sie führte ihn ins Arztzimmer, wo gerade die Visite vorbereitet wurde.

Der hagere Assistenzarzt schüttelte David die Hand. »Ich bin Dr. Cornelius Stadlmeier und ab heute wohl ihr Babysitter. Ich hab aber nicht viel Zeit zum Erklären«, entgegnete er unwirsch und drückte David einen Übergabezettel in die Hand. »Falls du etwas nicht verstehst, schreib‘s dir auf.«

David nickte. Er hatte gerade noch Zeit, einen kurzen Blick auf den Zettel zu werfen, auf dem neben den Zimmernummern die Namen der Patienten sowie deren Diagnosen aufgelistet waren. Dann rauschte Dr. Stadlmeier schon los.

David musste sich konzentrieren, um den Überblick zu behalten, denn Cornelius Stadlmeier hatte es eilig und arbeitete die Patienten ab wie am Fließband. Unter anderem visitierte er eine junge Frau, die sich von einer Lungenembolie erholte und einen Mann mittleren Alters, der an einem Ulcus, einer nässenden Wunde, des rechten Beines litt.

Schließlich kamen sie vor einem Einzelzimmer an, in dem ein Junge lag, der nicht älter als fünfzehn wirkte. Dr. Stadlmeier warf einen Blick auf seinen Visitenbogen und fluchte. »Verdammt! Jetzt fehlt doch tatsächlich der Laborbericht! Wie oft habe ich den Schwestern gesagt …« Er hielt inne und schüttelte den Kopf. »Egal. Kannst du den Patienten grob untersuchen? Abhören, Vitalwerte überprüfen, du weißt schon!« Damit flitzte der Arzt um die Ecke und ließ David alleine.

»Ok, das bekommst du schon hin!«, murmelte David, als er sich langsam dem Patienten näherte.

Der Junge setzte sich interessiert in seinem Bett auf. Tatsächlich schien er noch nicht lange in der Pubertät zu sein, denn über seiner Oberlippe kündigte sich der erste Bart kaum sichtbar als roter Flaum an. Auch seine Locken waren feuerrot, was seine grasgrünen Augen und die frechen Sommersprossen auf seiner Nase betonte.

»Sind Sie mein neuer Arzt?«, fragte der junge Patient neugierig.

David schüttelte den Kopf. »Noch nicht. Ich bin Student und würde dich gerne untersuchen, wenn‘s recht ist.«

»Okay.«

Bereitwillig hob der Junge sein Krankenhaushemd an, damit David sein Herz abhören konnte. Der Bauch des Teenagers war verbunden und David stieg der beißende Gestank, der unter dem Verband hervordrang, in die Nase.

»Tut mir leid«, flüsterte der Junge und blickte zu Boden. David zerbrach es das Herz. Da lag dieser Jugendliche, der bestimmt starke Schmerzen hatte, auf der Intensivstation und entschuldigte sich bei ihm.

»Dafür sind wir doch da!« David ignorierte den unangenehmen Geruch und hörte vorsichtig das Herz des Patienten ab. Das gleichmäßige Pochen beruhigte ihn. Auch die Lunge war frei und ohne Rasselgeräusche. Zuletzt maß David mit Hilfe des Ohrthermometers die Temperatur und warf einen Blick auf den Blutdruck, die Pulsfrequenz und das EKG, die auf einem Bildschirm neben dem Bett angezeigt wurden. »Alles in Ordnung!«, verkündete er und lächelte dem Jungen aufmunternd zu.

Der lächelte zurück. »Sie werden bestimmt ein toller Arzt. Ich bin übrigens Tim.«

»Freut mich, Tim. Ich bin David. Du kannst gerne du zu mir sagen, ich bin nicht so viel älter als du.«

»Okay.«

Tim rückte den Sauerstoffschlauch in seiner Nase zurecht. Aufgrund des angeschlossenen Blutdruckmessgeräts, des EKGs und des Sauerstoffmessers am Finger lag Tim in einem regelrechten Kabelsalat, in dem er verloren wirkte. So wie David im Verbindungshaus völlig fehl am Platz gewesen war, so wenig schien Tim auf diese Station mit all ihren blinkenden und piependen Geräten zu passen.

Tim öffnete gerade den Mund, als Dr. Stadlmeier zurück ins Zimmer rauschte.

»Alles im Normbereich?«

David nickte.

»Gut, dann los. Tim Fischer, fünfzehn Jahre alt, leidet an Colitis ulzerosa, dritter Tag nach der Operation. Wie fühlst du dich, Tim?«

Tim verzog das Gesicht. »Könnte besser sein, es tut weh!« Dr. Stadlmeier ignorierte Tims Antwort. »Gleich kommt die Schwester, um den Verband und den Schaumstoff auszuwechseln.

Beweg dich so wenig wie möglich und klingel, wenn es brennt, verstanden?«

Tim seufzte. Kaum hatte der unsensible Arzt ihm den Rücken zugedreht, streckte er ihm die Zunge heraus. David konnte nachvollziehen, wie er sich fühlte. Wie eine Nummer behandelt zu werden, wenn einem der Bauch aufgeschnitten worden war, war nicht gerade aufmunternd.

»David?«

»Ja?«

»Kommst du mal vorbei, wenn du Zeit hast?« Tim sah ihn so flehend an, dass David zusagte. Anscheinend bekam Tim nicht viel Besuch.

Vor dem nächsten Zimmer blieb Dr. Stadlmeier stehen und wandte sich mit erhobenem Zeigefinger an David. »Was du hinter dieser Tür erfährst, gelangt nicht an die Öffentlichkeit, verstanden? Auch nicht an die anderen Studenten.«

David nickte. »Schweigepflicht, schon klar, aber die gilt doch immer?«

Dr. Stadlmeier seufzte. »Oh, ja. Trotzdem erinnere ich dich daran, denn …« Mit vielsagender Miene tippte er auf die Zimmernummer auf dem Visitenbogen.

»Oh.« David atmete tief durch. Auf dem Bogen stand der Name von niemand geringerem als Professor Richards.

»Packst du das oder würde dich sein Anblick zu sehr schockieren? Er liegt im Koma.«

»Koma?« David riss die Augen auf. Professor Richards Zustand schien noch schlimmer zu sein, als Direktor Halvorsson ihn geschildert hatte.

»Ja, aber genug gequasselt. Der Professor kann sich schließlich nicht selbst behandeln.«

Zögernd folgte David Dr. Stadlmeier in Professor Richards Zimmer. Es handelte sich um das einzige Einzelzimmer auf der Intensivstation, sodass der Professor vom Rest der Welt abgeschirmt werden konnte. Hielten sich alle Angestellten an die Schweigepflicht, würde kein Wort über seinen Zustand nach draußen dringen.

Auf Aufforderung Dr. Stadlmeiers schloss David die Tür sorgfältig hinter sich, obwohl Türen auf Intensivstationen normalerweise offen blieben, damit das Personal die Patienten im Notfall schnell erreichen konnte. Seine Hände ballten sich vor Anspannung zu Fäusten, bevor er sich traute, einen Blick auf den Professor zu werfen. David hatte noch nie eine Person gesehen, die im Koma lag. Zwar besaß er eine grobe Vorstellung davon, was ihn erwartete, doch die Realität war schockierender.

Der betagte Professor lag mit geschlossenen Augen regungslos in seinem Bett. Nur sein Brustkorb hob und senkte sich dank der künstlichen Beatmung. Sein Gesicht glich einer Maske, so starr und leblos wirkte es, und sein Körper einer leeren Hülle. Selbst seine Haut schimmerte bereits leicht gelblich. Zweifellos schwebte der Chirurg irgendwo zwischen Leben und Tod, gefangen in einem Vakuum, aus dem er von alleine nicht entkommen konnte.

»Fertig gegafft?«

David riss sich von Professor Richards Anblick los und begegnete dem spöttischen Blick des Assistenzarztes. Abneigung wallte in ihm auf. Wie konnte so ein herzloses Arschloch Mediziner werden? Er behandelte seine Patienten nicht nur wie Punkte auf einer Checkliste, sondern ließ es auch dermaßen an Empathie fehlen, dass man an seiner Stelle einen Roboter auf Visite schicken könnte.

»Nein, aber ich mache nachher weiter«, antwortete David sarkastisch und musste sich am Riemen reißen, um Dr. Stadlmeier nicht gehörig die Meinung zu sagen.

Der hob drohend den Zeigefinger. »Wenn du weiterhin so frech bist, bist du deine Praktikumsstelle bald los, Bürschchen. Keine Ahnung, warum der Oberarzt so viel von dir hält.« David stemmte die Hände in die Hüften, zügelte jedoch seine Zunge. Im Zimmer eines wehrlosen Patienten im Koma würde er sich mit dem Assistenten keine Schlammschlacht liefern. Um Dr. Stadlmeier abzulenken, begann er Fragen zu stellen. »Wie wurde der Professor denn vergiftet?«

Tatsächlich piesackte Dr. Stadlmeier David nicht weiter, sondern blätterte in der Patientenakte.

»Strychnin. Ein giftiges Alkaloid aus dem Samen der Brechnuss. Die Menge, die er geschluckt hat, hätte locker gereicht, um ihn umzubringen. Er ist zäh, unser Professor, sehr zäh.«

Zum ersten Mal glaubte David, Anerkennung aus der Stimme des Arztes herauszuhören. Wenn Professor Richards selbst von solch einem arroganten Schnösel bewundert wurde, musste er wirklich ein außergewöhnlicher Mann sein.

»Strychnin.« David runzelte die Stirn und zermarterte sich das Hirn. Strychnin, was wusste er über die Wirkung von Strychnin? Leider konnte er sich partout nicht mehr erinnern und musste sich abermals Dr. Stadlmeier wenden, der seine Überlegenheit auskostete. Er redete mit David wie mit einem dummen Kind, das von der Welt nicht die geringste Ahnung hatte.

»Strychnin wirkt im zentralen Nervensystem, indem es einen Chloridkanal blockiert. Dadurch kommt es zum Zusammenziehen und zu Krämpfen der Skelettmuskulatur. Der geschädigte Muskel setzt Myoglobin frei, das toxisch auf die Nieren wirkt, was schließlich zum Nierenversagen führt, verstanden?«

David nickte. »Also tritt der Tod durch Atemlähmung infolge von Krämpfen der Atemmuskulatur ein?«

»Genau oder aufgrund der Hyperthermie, der zu hohen Körpertemperatur«, entgegnete der hagere Mediziner und blickte David durch seine dicken Brillengläser hindurch forschend an. »So ganz und gar unfähig scheinst du also doch nicht zu sein, Bürschchen. Dann kannst du mir bestimmt auch sagen, weshalb es ungewöhnlich ist, dass Professor Richards mit Strychnin vergiftet wurde?«

David kniff die Augen zusammen. Soweit er sich erinnern konnte, wurde in Kriminalromanen häufig mit diesem Gift gemordet. Weshalb sollte es bloß ungeeignet sein? Um sich keine Blöße zu geben, riet er. »Weil man es schmeckt.« »Genau. Es ist bis zu einer Verdünnung von bis zu 1:130.000 noch geschmacklich wahrnehmbar. Entweder sind die Geschmacksknospen des Professors nicht mehr das, was sie mal waren, oder er war beim Essen geistig abwesend und hat es einfach nicht bemerkt.«

David trat näher an Professor Richards Bett heran und betrachtete seinen leblosen Mund, der in der Vorlesung so gerne Witze gerissen hatte. Nein, er konnte sich nicht vorstellen, dass der schlagfertige Professor nichts mehr schmeckte. Professor Richards war so meilenweit von jeglichen körperlichen Erkrankungen entfernt gewesen, wie es nur möglich war. Stets war er im Eiltempo in den Hörsaal gerauscht, um voller Elan von chirurgischen Nahttechniken und Nierentransplantationen zu erzählen. Kein einziges Mal war er im Seminar krank gewesen und wären da nicht seine grauen Haare inklusive des struppigen Rauschebarts gewesen, hätte man ihn für einen Vierzigjährigen halten können. Nein, irgendwer musste den Professor überlistet haben, das stand fest.

»Hat die Polizei einen Verdacht?«, fragte David neugierig. Dr. Stadlmeier schüttelte den Kopf. »Abgesehen von der Vergiftung weist der Professor keinerlei Spuren von Gewaltanwendung auf. Weder Blutergüsse noch Stichwunden noch sonst etwas.«

» Na ja, nicht verwunderlich, wenn er vergiftet wurde. Wer hat ihn überhaupt gefunden?«

David beschloss, Dr. Stadlmeiers plötzliche Auskunftsfreudigkeit auszunutzen. Stolz, mit Insiderwissen angeben zu können, verriet der ihm mehr als ein Student von den Ermittlungen je erfahren sollte.

»Seine Frau. Richards war bis spätabends im Büro, um seinen Vortrag für den Chirurgenkongress vorzubereiten. Als er weder nach Hause kam noch auf Anrufe reagierte, ist sie zu ihm gefahren. Da war er bereits bewusstlos und hat heftig gekrampft. Im Krankenhaus hat man ihm sofort den Magen ausgepumpt, aber das Gift hat bereits gewirkt. Seitdem liegt er hier.«

David ließ seinen Blick über den Intubationsschlauch und den Infusionsständer gleiten. Armer Professor. So wie er engagierte sich keiner für seine Studenten. Solch ein Schicksal hatte er nicht verdient.

»Hat man das vergiftete Essen gefunden?«

»Ja.« Dr. Stadlmeier schnaubte. »Auf seinem Schreibtisch hat man den Rest eines Steaks gefunden.«

David streckte vorsichtig eine Hand aus und fuhr Professor Richards sanft über den Arm. Die Haut des Professors fühlte sich an wie Papyrus, so trocken und vergilbt. Professor Richards schien einem besonders brutalen Verbrechen zum Opfer gefallen zu sein. Die Polizei mochte annehmen, dass der Täter lediglich das Steak vergiftet und abgewartet hatte, bis der ahnungslose Professor zu Abend aß. David aber wurde klar, dass dies nicht die ganze Geschichte war. Etwas stank gewaltig zum Himmel, denn der berühmte Transplantationschirurg hatte in der Vorlesung mehr als einmal betont, dass er Vegetarier war.

Die Untersuchung des Professors übernahm Dr. Stadlmeier selbst, während David protokollierte. Abgesehen davon, dass er im Koma lag, war Richards Zustand stabil. Die Muskelkrämpfe hatte man bei seiner Einlieferung ins Krankenhaus mit Benzodiazepinen unter Kontrolle gebracht und ihm nach der Magenspülung Aktivkohle verabreicht, um das Gift zu binden. Momentan hing der Professor an der Dialyse, da seine Nieren schwer geschädigt waren, aber sein Sohn hatte sich zu einer Lebendspende bereit erklärt. Sobald der Professor aus dem Koma erwachte, würde man die Spenderniere einsetzen können. Allerdings fieberte Richards noch immer und von seiner Stirn perlten Schweißtropfen.

»Leider können wir im Moment nicht mehr für ihn tun!«, stellte Dr. Stadlmeier schließlich fest und seufzte.

David hob eine Augenbraue. Anscheinend war der Assistenzarzt doch in der Lage, Mitleid zu empfinden. Vielleicht hatte die harte Arbeit auf der Intensivstation ihn mit der Zeit lediglich abstumpfen lassen und in einen Menschen verwandelt, den er selbst nicht wiedererkannte.

Nachdem sie die Visite beendet hatten, zog sich Dr. Stadlmeier zurück, um Briefe zu schreiben. David hingegen leerte einige Drainagen, mit deren Hilfe man Blut und Wundsekret aus dem Brustraum ableiten konnte. Außerdem entnahm er einige Blutproben aus einem komplizierten System aus Schläuchen und Dreiwegehähnen. Glücklicherweise drehte er nicht aus Versehen den falschen Dreiwegehahn auf, sonst hätte er seine Patienten mit ihrem eigenen Blut besudelt. Als er seine Arbeit erledigt hatte, kehrte David wie versprochen zu Tim zurück.

Der setzte sich sofort kerzengerade in seinem Bett auf. »Du bist wirklich gekommen.«

»Ich halte meine Versprechen.« David zog einen Stuhl an Tims Bett heran und setzte sich. »Du langweilst dich hier auf der Station bestimmt.«

»Und ob.« Tim verzog das Gesicht. »Meine Eltern arbeiten und kommen nur abends zu Besuch und Freunde habe ich nicht mehr viele. Wenn man ständig ins Krankenhaus muss und dann noch so fürchterlich stinkt wie ich, wollen viele nichts mehr mit einem zu tun haben.«

David senkte seinen Blick. Tim tat ihm unendlich leid, aber er wollte nicht bemitleidet werden, das spürte David. Dieser Junge wünschte sich nichts sehnlicher, als wie ein ganz normaler Teenager behandelt zu werden. Auch wenn das schwer war, wenn man von todkranken Menschen umgeben auf einer Station mit dauerpiependen Maschinen lag.

»Colitis ulzerosa, hm?«

An Tims Krankheit erinnerte David sich nur zu gut, da er in seiner mündlichen Prüfung der Inneren Medizin darüber abgefragt worden war.

»Ja, scheiße nicht?«

Da musste David ihm zustimmen. Bei Colitis ulzerosa handelte es sich um eine chronisch-entzündliche Darmerkrankung. Sie trat in Schüben auf, während derer die Patienten unter schleimig-blutigen Durchfällen und kolikartigen Bauchschmerzen litten.

»Normalerweise helfen die Medikamente, aber dieses Mal hat es mich richtig erwischt. Mein Darm hat sich so sehr entzündet, dass er geplatzt ist, kannst du dir das vorstellen?« Tim würgte. »Wenn ich mir nur vorstelle, wie sich die ganze Scheiße in meinen Bauchraum entleert, bäh. Kein Wunder, dass kein Mädchen mit mir ausgehen möchte. Wer möchte schon mit einer wandelnden Toilette Händchen halten?« Tim ließ sich zurück in seine Kissen sinken. Während seine Klassenkameraden sich auf dem Fußballplatz austobten oder auf einer Geburtstagsparty ihren ersten Kuss bekamen, war er in der Klinik eingesperrt. Es war nicht fair.

David blätterte in Tims Akte. Leider hatte der Junge im wahrsten Sinne des Wortes Recht. Er war wegen eines toxischen Megakolons eingeliefert worden, was bedeutete, dass die Entzündung die Darmwand gelähmt hatte, sodass der Stuhl nicht mehr weitertransportiert werden konnte. Der überdehnte Darm war durchgebrochen, sodass sein Inhalt Tims Bauchfell gereizt hatte. Hätte man ihn nicht durch eine Not-OP gerettet, wäre Tim gestorben.

David blinzelte eine Träne weg. »Immerhin wird dich die Krankheit in Zukunft nicht mehr quälen. Während der OP wurden die entzündeten Abschnitte des Darms entfernt«, versuchte er Tim aufzumuntern.

Der zuckte die Schultern und hob den Beutel an, der an den Schlauch angeschlossen war, der als künstlicher Darmausgang fungierte. »Dafür muss ich eine Weile mit diesem Ding hier herumlaufen. Und selbst wenn es zurückverlegt wurde, werde ich noch häufiger scheißen müssen als jetzt. Das passiert schließlich, wenn man Dick- und Enddarm entfernt, oder nicht? Mein Dünndarm allein wird die Arbeit nicht schaffen.«

David nickte schweigend. Beeindruckend, wie erwachsen Tim mit seiner Krankheit umging. Er war so gut informiert, dass er sich beinahe selbst behandeln könnte.

»Also …« Plötzlich begannen Tims Augen zu funkeln. »Wir reden ständig über mich, aber was ist mit dir? Hast du eine Freundin?«

Tim sah David enttäuscht an, als dieser den Kopf schüttelte. »Wieso denn nicht? Du stinkst schließlich nicht nach Toilette.«

»Weißt du«, David kratzte sich verlegen am Kinn, »ich bin kein Frauenheld. Ich fühle mich am wohlsten, wenn meine Mitstudenten mich in Ruhe lassen. Ich bin gerne allein.« Tim riss ungläubig die Augen auf. »Gerne allein? Das glaube ich dir nicht. Irgendein hübsches Mädchen, das dich interessiert, muss es am Institut doch geben.«

David seufzte. Plötzlich erschien tatsächlich das Bild eines Mädchens vor seinem inneren Auge, doch es war weder Gin noch Anna-Sophia. Verärgert schüttelte er den Kopf. Nein, er stand nicht auf Carline de Moyn. Sie war verrückt und skrupellos und davon abgesehen überhaupt nicht sein Typ.

»Leider nicht, ehrlich.«

Tim ließ den Kopf hängen.

»Das soll aber nicht heißen, dass es keine hübschen Studentinnen gibt!«, versicherte David ihm schnell. »Wenn du möchtest, schicke ich mal eine vorbei.«

Nun strahlte Tim ihn an. »Aber die Hübscheste, ja?«

»Na klar«, versprach David ihm, denn wie könnte man einem so charmanten Jungen wie Tim etwas abschlagen?

Als sein langer erster Vormittag auf der Intensivstation endlich zu Ende ging, war David so kaputt, dass er ununterbrochen gähnte. Seine Füße schmerzten vom langen Stehen und sein Kopf dröhnte. Zu allem Überfluss packte ihn jemand am Arm, kaum hatte er die Umkleidekabine verlassen. Oh nein. Gin schien zu ihrer alten Form zurück gefunden zu haben.

»Na, Heart, guten Morgen gehabt?«

»Ja, danke, aber ich muss vor der Vorlesung nochmal nach Hause.« David versuchte, sich loszureißen.

»Warte, ich muss dir was sagen.«

»Muss das sein?«

»Ja, das muss sein!« Gin sah ihn so eindringlich an, dass David stehen blieb.

»Ok, schieß los.«

»Anna-Sophia hat mir geschrieben.«

David starrte Gin an. »Wirklich? Wo ist sie?«

»Sie ist wegen ihres Asthmas auf eine Kur gefahren. Anscheinend ist es schlimmer geworden.«

»Was? Das fällt ihr am Tag vor Semesterbeginn ein? Und obwohl sogar die Polizei und ihre WG nach ihr suchen, sagt sie erst zwei Tage später Bescheid?«

Gin zog David näher zu sich heran. »Du bist nicht der einzige, dem die Sache spanisch vorkommt, Heart. Weshalb sollte Anna-Sophia mir schreiben? Wir waren mal beste Freundinnen, aber das ist ewig her.«

»Du denkst also, jemand hat den Brief gefälscht?«

Gin schüttelte den Kopf. »Gefälscht nicht, denn es ist eindeutig ihre Handschrift. Ich glaube, jemand hat sie gezwungen, ihn zu schreiben.«

David zuckte zusammen. Genauso wie jemand Professor Richards gezwungen hat, ein vergiftetes Steak zu essen, schoss es ihm durch den Kopf. Fast hätte er Gin eingeweiht, aber er beschloss, sein Geheimnis vorerst für sich zu behalten. Gin machte sich schon genug Sorgen um Anna-Sophia.

»Wie wär‘s, wenn du mir den Brief nach der Vorlesung mal zeigst?«, schlug er vor und Gin nickte dankbar. Beinahe war sie schon um die Ecke gebogen, als ihm noch etwas einfiel. »Äh, Gin?«

»Ja?«

»Wenn du mal frei hast, könntest du einen Patienten auf der Intensivstation besuchen? Er heißt Tim und ist ein wirklich cooler Teenager. Er bekommt nicht viel Besuch und würde sich freuen, mal eine hübsche junge Frau zu sehen.«

Gin seufzte.

»Ich hasse Intensivstationen, aber meinetwegen. Ich hoffe nur für dich, dass er wirklich cool ist.«

***

Am Nachmittag kam Gin auf ihrem Weg Richtung Intensivstation an Friedrichshausen vorbei, der auf einer Bank neben dem Eingang der Caféteria saß und wie besessen auf sein Handy starrte. »So ein Vollidiot«, grummelte sie. »Wahrscheinlich plant er mit seinen Saufbrüdern den nächsten Kneipenabend und sucht sich dafür auf Facebook eine neue Schneewittchenprinzessin unter den naiven Erstsemestermädels aus, die kreischend in Ohnmacht fallen, wenn die Merowinger sie zu sich einladen. So als wäre Anna-Sophia so austauschbar wie ein Coffee-to-go-Becher.« Gin überlegte, ob sie Friedrichshausen aus Versehen anrempeln und ihn mit bösen Blicken erdolchen sollte, doch sie entschied sich dagegen. Ihr würde was Stilvolleres einfallen, um ihm zu verklickern, dass er ihr helfen musste, die Schneewittchenprinzessin zu suchen.

So lief Gin wortlos an Friedrichshausen vorbei und bemerkte nicht, dass seine Hände zitterten wie Espenlaub und sein Atem immer schneller ging, bis er es nicht mehr aushielt und zur Männertoilette stürzte. Dort schloss sich Friedrichshausen in einer Kabine ein, bevor Panik über ihn hereinbrach wie eine Flutwelle und er sich wimmernd an der Toilettenschüssel festklammerte. Neben ihm leuchtete sein Handy mit der bedrohlichen Nachricht auf, die alles andere als einen harmlosen Kneipenabend ankündigte.

Kapitel 3

Die Blauen Kittel

Tonio Erbgraf von Friedrichshausen starrte auf das Photo auf seinem Smartphone. War das wirklich er? Er konnte sich nicht erinnern, mit einem anderen Typen herumgeknutscht zu haben. Ja, er hatte mit einem anderen Merowinger und einem Gast Wodka getrunken und neuen Stoff ausprobiert, aber danach setzte sein Filmriss ein.

Verdammt. Friedrichshausen ließ sich auf das Sofa in seinem Zimmer fallen und drückte sein Gesicht in ein Kissen. Die neue Designerdroge, die Claus ihm angedreht hatte, hatte krasser gewirkt, als er erwartet hatte. Irgendwas zwischen Crystal Meth und Ecstasy, so hatte Claus sie ihm beschrieben. Anders war es kaum zu erklären, dass er seine Zunge in den Mund eines Typen gesteckt hatte. Igitt.Friedrichshausen warf sich auf dem Sofa hin und her. Wenn seine Verbindungskumpanen oder noch schlimmer sein Vater diese Fotos in die Finger bekamen, war er erledigt. Sein Ruf als respektierter und beneideter Adliger würde schneller flöten gehen, als er »Nie wieder Drogen« sagen konnte. Nein, diese Fotos mussten verschwinden. Wer sie wohl gemacht hatte?

Friedrichshausen atmete tief durch und las die Whatsapp-Nachricht noch einmal genau durch.

Hallo, du Schnösel!, stand da geschrieben. Wie man sieht, hast du dich auf der Party köstlich amüsiert. Wenn du nicht willst, dass der Rest der Welt mit dir lacht, landen bis in zwei Wochen 10.000 Kröten auf meinem Bankkonto. Bis dann, du Loser.

10.000 Euro. Für sein gut gefülltes Konto zwar keine Katastrophe, aber immerhin. Und wer weiß, ob der Erpresser nicht noch mehr Geld verlangte, wenn er ihn ausbezahlt hatte? Nein, er musste unbedingt herausfinden, wer ihm da die Kröten aus der Tasche ziehen wollte.

Friedrichshausen rief die Nummer des Absenders der Nachricht an. Sie existierte nicht mehr. War ja klar. Wütend warf er sein Smartphone in die Ecke. Mist, Mist, Mist. Das kam davon, wenn man seine Partygäste nicht an der Eingangstür kontrollierte und alle ins Haus ließ. Wenn er es sich recht überlegte, waren auf der Feier jede Menge Leute gewesen, die er nicht eingeladen hatte. Diese Carline zum Beispiel oder David, der Langweiler, der auf einer Party so wenig zu suchen hatte wie ein Cocktailwürstchen im veganen Restaurant.

Wütend trommelte Friedrichshausen mit den Fäusten auf das Sofa ein. Hätten die Merowinger besser aufgepasst, wäre Anna-Sophia vielleicht nicht verschwunden. Das Schwein, das sie entführt hatte, stand wohl kaum auf der Gästeliste. Oder doch?

»Friedrichshausen, bist du wieder besoffen?« Plötzlich tauchte Eddie, der mit Friedrichshausen zusammen vor drei Jahren als Fuchs bei den Merowingern aufgenommen worden war, in Friedrichshausens Tür auf.

Friedrichshausen zupfte die blau-weiß gestreifte Krawatte zurecht, die er im Verbindungshaus stets zu einem schneeweißen Hemd und einer schwarzen Flanellhose tragen musste. »Nein, so früh am Morgen noch nicht. Ich wollte sowieso aufhören. Wie du weißt, werde ich eines Tages die Schönheitsklinik meines Vaters übernehmen und die herrschende Klasse wankt nicht laut grölend durch die Stadt.«