Integrationsprojekte. Eine Arbeitsalternative und Integrationschance für Menschen mit einer Behinderung - Mona Bieber - E-Book

Integrationsprojekte. Eine Arbeitsalternative und Integrationschance für Menschen mit einer Behinderung E-Book

Mona Bieber

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Beschreibung

Diplomarbeit aus dem Jahr 2006 im Fachbereich Soziale Arbeit / Sozialarbeit, Note: 1,5, Duale Hochschule Baden-Württemberg, Stuttgart, früher: Berufsakademie Stuttgart, Sprache: Deutsch, Abstract: Jeder Mensch mit oder ohne Behinderung, sollte das Recht haben, zu Arbeiten. Jedoch mangelt es bis heute vor allem für die behinderten Menschen deutlich an den unterschiedlichsten Arbeitsalternativen. Oftmals bleibt behinderten Menschen der Zugang zum ersten Arbeitsmarkt verwehrt. Bis heute, in einer Zeit, in der alles zusammenwächst, gelingt es vor allem in der Arbeitswelt nicht, dass behinderte und nicht behinderte Menschen zueinander finden. Oft wird die Entscheidung über Integration oder Ausgrenzung anhand äußerlicher Kriterien entschieden. Es werden meist voreilig negative Urteile gegenüber anderen Personen gebildet und gerade aufgrund von nicht bestätigten Vorurteilen stehen meistens Menschen mit einer Behinderung am Rand der Gesellschaft. Hauptsächlich in der Arbeitswelt, explizit auf dem ersten Arbeitsmarkt, zählen Menschen mit einer Behinderung, aufgrund schwächeren Leistungen und den gestiegenen Anforderungen an die Arbeitskräfte, zu einer Randgruppe.(…) In den letzten 25 Jahren sind neue Ideen zur Beschäftigung schwerbehinderter Menschen, zwischen dem ersten Arbeitsmarkt und den geschützten Einrichtungen, wie z.B. der Werkstatt für Behinderte Menschen, entwickelt worden. Eine dieser Ideen, die bereits auch erfolgreich verwirklicht worden ist, sind die Integrationsprojekte, die im Folgenden vorgestellt und evaluiert werden sollen. Im Rahmen dieser Arbeit sollen Integrationsprojekte nicht auf den Aspekt der Arbeitsalternative zur WfbM untersucht werden, sondern es steht das Innenleben der Integrationsprojekte im Vordergrund. Das Ziel ist eine Analyse des Betriebsklimas und den Auswirkungen, die aus der gemeinsamen Arbeit von behinderten und nicht behinderten Menschen entstehen. Untersucht werden: Erstens die Zusammenarbeit der behinderten und nichtbehinderten Mitarbeiter, Zweitens das Mitarbeiterverhältnis (wie das Klima im Team, das Wohlbefinden des Einzelnen und der Kontakt zwischen den Mitarbeitern) und Drittens die Betriebskultur. Als zusätzliche Aspekte sollen die Bedeutung der Arbeit für behinderte Menschen, die Haltung von Freunden bzw. der Familie gegenüber der Arbeit in einem Integrationsbetrieb und die Unterstützungsangebote für behinderte Menschen hinterfragt werden.

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Veröffentlichungsjahr: 2006

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Inhaltsverzeichnis

 

I. Einleitung

II. Theorie

1. Begriffsdefinitionen

1.1 Behinderung

1.2 Integration

1.3 Berufliche Rehabilitation

2. Die Rolle der Menschen mit Behinderung in der Gesellschaft

2.1 Geschichtliche Entwicklung in der Behindertenhilfe

2.2 Integration behinderter Menschen im internationalen Vergleich

2.3 Stigmatheorie und Entstigmatisierung

2.4 Kontakthypothese

3. Arbeit

3.1 Bedeutung der Arbeit

3.2 Unterstützungsmöglichkeiten

3.3 Betriebsklima

4. Integrationsprojekte

4.1 Geschichtliche Entwicklung

4.2 Grundlagen

4.3 Unterschiede zur Werkstatt für behinderte Menschen

4.4 Probleme

4.5 Ziele

4.6 Projektbeispiele

4.6.4 INtec

III. Forschungsleitende Fragen

IV. Empirie

1. Methodik der Befragung

2. Pretest

3. Durchführung

4. Auswertung

4.1 Gesamtüberblick

4.2 Überprüfung der Forschungsleitenden Fragen

4.2.1.3 Konflikte

4.3 Zusatzergebnisse

4.4 Fazit

V. Ausblick

VI. Verzeichnis

1. Abbildungsverzeichnis

2. Tabellenverzeichnis

3. Literaturverzeichnis

VII. Anhang

 

I. Einleitung

„Nicht was er mit seiner Arbeit erwirbt,

ist der eigentliche Lohn des Menschen,

 sondern was er durch sie wird.“

(John Ruskin (1819-1900), englischer Schriftsteller)

Wie bereits John Ruskin erkannt hat geht es bei der Arbeit nicht nur um die finanzielle Entlohnung, sondern darum, dass der Arbeit eine wichtige Funktion für die persönliche Entwicklung des Menschen zugeschrieben wird. Viele sind der Meinung, dass erst durch eine Arbeit dem Leben Sinn gegeben wird. Durch die Sozialisation in die Arbeitswelt findet ein Übergang in das Erwachsenenalter statt. Jeder Mensch mit oder ohne Behinderung, sollte das Recht haben, zu Arbeiten. Jedoch mangelt es bis heute vor allem für die behinderten Menschen deutlich an den unterschiedlichsten Arbeitsalternativen. Oftmals bleibt behinderten Menschen der Zugang zum ersten Arbeitsmarkt verwehrt. Bis heute, in einer Zeit, in der alles zusammenwächst, gelingt es vor allem in der Arbeitswelt nicht, dass behinderte und nicht behinderte Menschen zueinander finden. Oft wird die Entscheidung über Integration oder Ausgrenzung anhand äußerlicher Kriterien entschieden. Es werden meist voreilig negative Urteile gegenüber anderen Personen gebildet und gerade aufgrund von nicht bestätigten Vorurteilen stehen meistens Menschen mit einer Behinderung am Rand der Gesellschaft. Hauptsächlich in der Arbeitswelt, explizit auf dem ersten Arbeitsmarkt, zählen Menschen mit einer Behinderung, aufgrund schwächeren Leistungen und den gestiegenen Anforderungen an die Arbeitskräfte, zu einer Randgruppe.

Es besteht ein erheblicher Bedarf, schwerbehinderte Menschen in die Arbeitswelt zu integrieren. Jedoch ist dies nicht die alleinige Verpflichtung des Staates, sondern Aufgabe der Gesellschaft. Das bedeutet, dass jeder Einzelne aufgefordert ist, seine Einstellung und sein Tun zu hinterfragen. Je gewohnter der Umgang mit behinderten Menschen wird, desto besser verlaufen die Integration und die Teilhabe behinderter Menschen an alltäglichen Dingen, zu denen auch die Arbeitswelt zählt.

In den letzten 25 Jahren sind neue Ideen zur Beschäftigung schwerbehinderter Menschen, zwischen dem ersten Arbeitsmarkt und den geschützten Einrichtungen, wie z.B. der Werkstatt für Behinderte Menschen (WfbM), entwickelt worden. Eine dieser Ideen, die bereits auch erfolgreich verwirklicht worden ist, sind die Integrationsprojekte, die im Folgenden vorgestellt und evaluiert werden sollen.

Ausschlaggebend für die Wahl des Themas waren persönliche Erfahrungen in Integrationsprojekten, wie z.B. mehrere Übernachtungen im Stadthaushotel Hamburg, in dem nicht behinderte und behinderte Menschen im Servicebereich tätig sind, oder Einkäufe in einem Cap-Markt. Sehr interessant waren daneben ein Zeitungsartikel in der Stuttgarter Zeitung (siehe VII 2.1) und eine Dokumentation über die Arbeit im Hofgut Himmelreich. Die Vorstellung über meine persönliche zukünftige Tätigkeit als Sozialarbeiterin hat die Entscheidung für diese Thema zusätzlich gestützt: Es wäre für mich denkbar, einen eigenen Cateringservice als Integrationsprojekt zu betreiben. Denn das Arbeitsfeld der Integrationsprojekte öffnet viele interessante Möglichkeiten, um die Arbeit in Bereichen der Wirtschaft und die Arbeit mit behinderten Menschen zu verbinden.

Vorab muss klargestellt werden, dass im Folgenden zwar die behinderten Menschen im Vordergrund stehen, aber nie vergessen werden darf, dass Integrationsprojekte nur als solche gelten, wenn auch nicht behinderte Menschen angestellt sind.

Im Rahmen dieser Arbeit sollen Integrationsprojekte nicht auf den Aspekt der Arbeitsalternative zur WfbM untersucht werden, sondern es steht das Innenleben der Integrationsprojekte im Vordergrund. Das Ziel ist eine Analyse des Betriebsklimas und den Auswirkungen, die aus der gemeinsamen Arbeit von behinderten und nicht behinderten Menschen entstehen. Als erstes soll die Zusammenarbeit behinderter und nicht behinderter Menschen untersucht werden, hierbei spielen Kommunikation, Wahrnehmung und mögliche Konflikte eine wichtige Rolle. Zweitens soll das Mitarbeiterverhältnis zwischen behinderten und nicht behinderten Menschen näher betrachtet werden. Hier geht es um das Klima im Team, das individuelle Wohlbefinden und den Kontakt der Mitarbeiter während der Arbeitszeit und in der Freizeit. Drittens soll die Betriebskultur untersucht werden, wobei auf die Pausengestaltung und auf außerbetriebliche Aktivitäten näher eingegangen werden soll. Insgesamt ist es wichtig, ob die Entscheidung bewusst für einen Integrationsbetrieb getroffen wurde oder nicht. Als zusätzliche Aspekte sollen die Bedeutung der Arbeit für behinderte Menschen, die Haltung von Freunden bzw. der Familie gegenüber der Arbeit in einem Integrationsbetrieb und die Unterstützungsangebote für behinderte Menschen hinterfragt werden.

Zur Einführung in das Thema werden zunächst einige relevante Begriffe erklärt und genauer definiert werden. Da die geschichtliche Entwicklung der Behindertenhilfe entscheidend die Situation behinderter Menschen in der Gesellschaft beeinflusst hat, erfolgt erst ein geschichtlicher Rückblick, bevor dann ein internationaler Vergleich stattfindet. Um die Entstehung und Beseitigung von Vorurteilen gegenüber behinderten Menschen besser verstehen zu können, ist die Kenntnis von zwei relevanten Theorien – die Stigmatheorie und der Kontakthypothese – notwendig. Weitere wichtige Aspekte stellen zum einen die Bedeutung der Arbeit explizit für behinderte Menschen, die heutige Unterstützungsmöglichkeiten und zum anderen das Betriebsklima dar. Abschließend werden die Integrationsprojekte allgemein und dann die ausgewählten untersuchten Projekte näher dargestellt.

Im Empirischen Teil werden anhand der Forschungsleitenden Fragen das Mitarbeiterverhältnis, die Zusammenarbeit und die Betriebskultur in den Integrationsbetrieben untersucht. Des Weiteren werden zusätzliche Ergebnisse dargestellt.

Im Anhang befinden sich ein exemplarischer Fragebogen für behinderte und nicht behinderte Mitarbeiter, sowie ein differenzierterer für die Geschäftsführung des jeweiligen Betriebs. Zudem aktuelle zu dem Thema passende Zeitungsartikel und Infomaterial, wie z.B. relevante Gesetzesauszüge aus dem Sozialgesetzbuch (SGB).

Nach der Novellierung des Schwerbehindertengesetzes 2001 sind die Begriffe Integrationsprojekt, Integrationsabteilung, Integrationsunternehmen und Integrationsbetrieb gesetzlich im SGB IX § 132 definiert. Im Kontext dieser Arbeit werden die Begriffe im gleichen Sinn benutzt.

II. Theorie

 

1. Begriffsdefinitionen

 

Zum besseren Verständnis werden im Folgenden, die für diese Arbeit relevanten Begriffe – Behinderung, Integration und Rehabilitation – genauer definiert und interpretiert.

 

1.1 Behinderung

 

Bis heute gibt es keine allgemein gültige Definition für Behinderung, da Behinderung ein zu komplexes und schwer zu erfassendes Konstrukt ist.[1] Dies wird bei der großen Anzahl verschiedener Definitionen und Ansätze deutlich. Der Behinderungsbegriff lässt sich „medizinisch, pädagogisch, sozialrechtlich und sozialwissenschaftlich unterschiedlich definieren.“[2] Deshalb sind die nachfolgenden Definitionen des Behinderungsbegriffs im Hinblick auf die berufliche Integration behinderter Menschen gewählt.

 

1.1.1 Der personenorientierte Behinderungsbegriff[3]

 

Dieser Definitionsansatz geht davon aus, dass Behinderung eine individuelle Schädigung ist und die Ursachen bei der betroffenen Person liegen. Laut SGB IX sind Menschen behindert, „wenn ihre körperliche Funktion, geistige Fähigkeit oder seelische Gesundheit mit hoher Wahrscheinlichkeit länger als sechs Monate von dem für das Lebensalter typischen Zustand abweichen und daher eine Teilhabe am Leben in der Gesellschaft beeinträchtigt ist“.[4] Das bedeutet, dass eine objektive bzw. subjektive Einschränkung des Individuums von längerer Dauer – nicht wie bei einem Unfall über einen kurzen Zeitraum – im körperlichen, sinnesbezogenen, psychischen oder geistigen Bereich von einem Normalzustand vorliegt.[5] Ab einem Behinderungsgrad (GdB) von 50 liegt eine anerkannte Schwerbehinderung vor.[6] Mit dieser Anerkennung wird aber nichts über die Einschränkung der Leistungsfähigkeit ausgesagt, da diese individuell variieren kann.[7]

 

In dem Rehabilitation Codes Report (ICIDH 1) der Weltgesundheitsorganisation (WHO) von 1980 wird der Behinderungsbegriff, von der Krankheit aus, in drei Ebenen unterteilt.

 

1.Ebene: Hier handelt es sich um die Folgen der Krankheit, bzw. des Leidens, die Schädigung (Impairment) von physischen und psychologischen Funktionen, wie z.B. der Organe oder des Erscheinungsbildes des Individuums

 

2. Ebene: Die WHO geht auf die funktionelle Einschränkung (Disability) des Individuums bei der Ausführung alltäglicher Handlungen, dem Verhalten, sozialen Kontakten, der persönlichen und medizinischen Versorgung und der Teilnahme an kulturellen Angeboten aufgrund seiner Schädigung, ein

 

3. Ebene: Die dritte Ebene wird stark von der funktionellen Einschränkung und der gesellschaftlichen Reaktion beeinflusst. Sie beschreibt die Benachteiligung bzw. Beeinträchtigung (Handicap) in familiärer, beruflicher und gesellschaftlicher Hinsicht

 

Dieser Klassifikation wurde der Vorwurf gemacht, dass es ein defizitorientierter Ansatz sei, da alles von der Schädigung aus gesehen wird und auch darauf zurückgeführt wird. Der gesellschaftliche Aspekt wird als nebensächlich betrachtet.[8]

 

Aufgrund dieser Kritik gibt es seit 2001 eine novellierte Fassung, die International Classification of Functioning, Disability and Health (ICF), die nicht die Behinderung an sich klassifiziert, sondern die Auswirkungen der Wechselbeziehung zwischen Behinderung und Umwelt auf verschiedenen Ebenen. Die Behinderung wird als Ergebnis von Problemen gesehen.

 

 

Abbildung 1 Klassifikation der WHO – ICF

 

(Eigene Darstellung; Quelle: Antor; Bleidick 2001, S. 59)

 

Alle drei Ebenen werden von Kontextfaktoren beeinflusst, zu denen Umweltfaktoren, wie z.B. der Arbeitsplatz und persönliche Faktoren, wie z.B. das Alter des Betroffenen, die für die Bewältigung gesundheitlicher Probleme bedeutsam sind, gehören.[9] Diese Novellierung ist „dynamischer, wirklichkeitsnäher, flexibler und eher für ein zeitgemäßes Verständnis von Behinderung und Rehabilitation geeignet.“[10]

 

1.1.2 Der systemorientierte Behinderungsbegriff[11]

 

Diese Definition geht davon aus, dass eine Behinderung vorliegt, „wenn ein Mensch auf Grund einer Schädigung oder Leistungsminderung ungenügend in sein vielschichtiges Mensch-Umfeld integriert ist.“[12] Das bedeutet, dass Behinderung als ein soziales und politisches Problem gesehen wird und nicht mehr nur als individuelles Schicksal.[13] Man orientiert sich nicht mehr vordergründig an der Behinderung, sondern an dem Prozess der Integration und an den Beziehungen des Betroffenen.[14] Wenn die Behinderung im Zusammenhang mit der sozioökonomischen Benachteiligung gesehen wird, dann handelt es sich um einen gesellschaftlich produzierten Zustand, bei dem die übliche soziale Teilhabe am öffentlichen Leben verhindert wird.[15] Die Konstellationen im Umfeld des behinderten Menschen gewinnen an Bedeutung und es kann nur bei der Erfassung der Umwelt, von einer Behinderung gesprochen werden.[16]

 

Für diese Sicht setzt sich in Deutschland die, parallel zu der Independent-Living-Bewegung in den USA entstandene, Selbstbestimmt-Leben-Bewegung ein. Mittlerweile gibt es diese Bewegungen weltweit und es wird eine Partizipation und Normalität für Menschen mit einer Behinderung gefordert, um eine Veränderung im Denken gegenüber behinderten Menschen, sowie der Rehabilitation der Betroffenen zu erreichen. Durch die Independent-Living-Bewegung ist mittlerweile ein Forschungskonzept entstanden, in dem nicht die Behinderung als Krankheit im Vordergrund steht, sondern vielmehr die gesellschaftlichen Vorraussetzungen und die Wohn- und die Arbeitsbedingungen.[17]

 

Der wichtigste Fortschritt dieses Ansatzes kann darin gesehen werden, dass Behinderung nicht mehr als persönliches Schicksal gesehen wird, sondern der Mensch in all seinen sozialen Beziehungen. Zu den Indikatoren zählen die Lebenswelt des Betroffenen und die Beziehungen zu nichtbehinderten Menschen.[18]

 

1.1.3 Der interaktionistische Behinderungsbegriff

 

Die meisten Ansätze, die im Bereich der Integration behinderter Menschen in der modernen Arbeitswelt gemacht werden, orientieren sich an dieser Theorie, denn es besteht ein vielschichtiges Interdependenz-Verhältnis zwischen den behinderten Menschen und der übrigen Gesellschaft.[19] Dennoch werden behinderte Menschen anhand bestimmter Urteile in Kategorien eingestuft, wodurch es zur Etikettierung und einem Schubladendenken kommt.[20] Aufgrund dieser Zuschreibungsprozesse, die sich an kulturellen und gesellschaftlichen Prinzipien orientieren, kommt es zur Formulierung eines Behinderungskonstrukts.[21] Cloerkes betont, dass „ein Mensch »behindert« ist, wenn erstens eine unerwünschte Abweichung von wie auch immer definierten Erwartungen vorliegt und wenn zweitens deshalb die soziale Reaktion auf ihn negativ ist.“[22]

 

Das Ausmaß der Behinderung wird durch das Maß der gesellschaftlichen Teilhabe bestimmt. Dieses Maß wird aber durch die Ausgrenzung in geschützten Einrichtungen der Arbeitswelt, wie z.B. der WfbM, negativ beeinflusst, denn behinderte Menschen werden sozusagen ausselektiert und somit eine Integration unmöglich gemacht. Durch diese Separation wird ein Teufelskreis ausgelöst, da es wiederum zu einer Etikettierung kommt, die eine Behinderung verstärkt oder verstärken kann.[23] Die betroffene Person wird aufgrund dieses sozialen Etiketts abgestempelt und der Status des behinderten Menschen wird nicht an den individuellen Eigenschaften einer Person festgemacht. Die Verleihung des Behindertenstatus hat Vor- und Nachteile. Auf der einen Seite steht die Unterstützung und Lebenserleichterung durch die Sicherung des Unterhalts und der Versorgung, aber auf der anderen Seite wirkt dieser Status jedoch diskriminierend und aussondernd. Hieraus folgt ein niedrigeres Selbstwertgefühl und eine Einschränkung in der Arbeitswelt.[24] Ein wichtiger Aspekt der interaktionistischen Begriffsbestimmung ist die Stigmatheorie (siehe Kapitel II 2.3).

 

1.1.4 Gegenüberstellung der drei Behinderungsdefinitionen

 

Wie bereits die Weiterentwicklung der Definition von Behinderung durch den Rehabilitation Codes Report hin zur International Classification of Functioning, Disability and Health deutlich macht, gab es tief greifende Veränderungen bei der Betrachtung des Behinderungsbegriffs. Die Abkehr von dem aus medizinischer Sicht betrachteten Behinderungsbegriff hin zu einem von Zuschreibungen und Interaktion geprägten integrativen Modell der Behinderung.[25]

 

Die drei beschriebenen Behinderungsbegriffe zeigen nur einen kleinen Ausschnitt und es wird deutlich, dass Behinderung nicht mit Krankheit, das heißt der Abweichung von der Norm, gleich zusetzten ist, denn sie unterscheidet sich in der Dauer und der Intensität der Beeinträchtigung.[26] Eine erworbene oder angeborene Behinderung stellt eine dauerhafte, gegebenenfalls symptomisch therapierbare Beeinträchtigung dar. Es sind die Erfahrungen, die ein Betroffener in verschiedenen Situationen macht, die einen bestimmten Zustand zu einer mehr oder minder starken Behinderung werden lässt. Vielfältige Hilfen zur Ermöglichung der Teilhabe am gesellschaftlichen Leben können erforderlich sein. Durch Dauer und Ausmaß der Beeinträchtigung und durch gesellschaftliche Abwehr und Diskriminierung stellen sich für die Betroffenen große Herausforderungen, was z.B. Identität und Lebensführung betrifft. Zusammenfassend kann gesagt werden, dass eine Behinderung nur durch ein Versagen sozialer, politischer und ökonomischer Beziehungen entsteht und oftmals die Umwelt den Menschen zu einem behinderten Menschen macht.[27]

 

1.2 Integration

 

Da die Umwelt einen hohen Einfluss auf die Behinderung hat, spielt Integration eine wichtige Rolle. Integration beschreibt das Zusammensein von behinderten und nicht behinderten Menschen in allen gesellschaftlichen Bereichen. Da alle Menschen die gleichen Rechte haben, kommt hierbei das Prinzip der Gerechtigkeit zum Tragen.[28] Jeder Mensch als soziales Individuum hat das Grundbedürfnis und das Grundrecht an der Gemeinschaft teilzuhaben. Deshalb stellt die Integration behinderter Menschen, in allen Lebensbereichen eine moralische Pflicht und eine wichtige Aufgabe der Behindertenhilfe dar.[29]

 

Der Wissenschaftler NIRJE unterscheidet Integration in drei Ebenen:

 

1. die soziale Integration – Befriedigung in allen Bereichen des Alltags

2. die personale Integration – Stillen des Kontakt- und Austauschbedürfnisses mit anderen Personen

3. die gesellschaftliche Integration – Einbeziehung in gesellschaftliche Prozesse und Entscheidungen[30]

 

Wie bereits in der Einleitung erwähnt, ist Integration nicht die alleinige Aufgabe des Staates, sondern es ist ein aktiver gesellschaftlicher Vorgang, auf den sich jeder Bürger, ob behindert oder nicht, einlassen und aktiv beteiligen muss. Integration kann nur funktionieren, wenn ein ausgeglichenes Geben und Nehmen der Beteiligten stattfindet.[31] Hierfür ist eine wechselseitige Interaktion notwendig, um durch Reflexion einen Lernprozess auszulösen[32] und soziale Vorurteile und Ausgrenzung zu vermeiden.[33]

 

Ein Grundstein des Integrationsprozesses wird bereits in der Gemeinsamkeit des Lernens gelegt, wodurch einer Desintegration in der Erwachsenenwelt vorgebeugt werden kann.[34] Mit dem Begriff Integration soll eine selbstbestimmte, gleichberechtigte Teilhabe und Beteiligung eines jeden Bürgers an der Gesellschaft ermöglicht werden. Dieser Wille nach sozialer Integration bezieht sich hauptsächlich auf den Bereich der Interaktion in der Gesellschaft, wie beispielsweise in der Erziehung, Bildung oder in der beruflichen Integration.[35] Soziale Integration muss für den behinderten Menschen mehr sein, als bloßes geduldet sein. Es muss zu einem neuen Kooperationsverhältnis zwischen behinderten und nicht behinderten Menschen kommen.[36] Denn durch Selektion und Ausgrenzung bestimmter Personen ist eine Integration eher unwahrscheinlich.[37] Deshalb wurden die bestehenden Systeme der beruflichen Rehabilitation, wie z.B. die WfbM, in Frage gestellt.[38]

 

Die Selbstbestimmt-Leben-Bewegung sieht im Bereich der Arbeit einen zentralen Aspekt für eine gelingende Integration. Denn durch Arbeit entstehen soziale Kontakte und es wird der soziale Status des behinderten Menschen verbessert. Das Ziel der Integration ist nicht erfüllt, wenn eine Ausgrenzung in der Arbeitswelt stattfindet.[39]

 

1.3 Berufliche Rehabilitation