Irrländer - Caro Weidenhaus - E-Book

Irrländer E-Book

Caro Weidenhaus

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Beschreibung

2016. Europa brennt. Bankrotte Staaten, soziale Not, Terroranschläge, die "Neue Pest" rast durch Irland, Flucht und Evakuierung. Aus Irland wird ein Hochsicherheitstrakt. Die Grenzen werden dicht gemacht. Man baut Schutzmauern. 25 Jahre später rennt die junge Generation gegen die "fürsorgliche" Gewalt und Unfreiheit an. Luisa Lenz ist eine begabte Hackerin, schickt verbotene Nachrichten über das Meer und schließt sich dem Widerstand an. Bei einer gewagten Aktion kommt ihr Freund zu Tode. Sie zieht sich aus der Bewegung zurück und verkriecht sich in Passivität. Liam McCabe ist als Kind mit seiner Familie aus Irland geflohen. Warum dürfen sie immer noch nicht zurück? Und was hat es mit den mysteriösen mails auf sich, die anscheinend aus Irland kommen und deren Empfängerin vor Liams Augen entführt wird ? Liam und Luisa geraten in den Sog bedrohlicher Ereignisse.

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Seitenzahl: 385

Veröffentlichungsjahr: 2015

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Irrländer

 

 

 

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Inhaltsverzeichnis

Titel

Irrländer

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Impressum neobooks

Irrländer

Roman

August 2016, Irland, Dublin

Belmours Handy schrillte. Der Ton kratze an seinen Nerven. Er kam aus einem anderen Jahrhundert, als Telefone wuchtig und schwarz waren und eine Kurbel hatten. Er hatte ihn in einem sentimentalen Moment ausgewählt. Er sollte das ändern. Vielleicht die ersten Takte von Dvorak's „Aus der neuen Welt“ auf sein Handy laden. Er liebte diese Symphonie. Aber vielleicht war das zu zynisch. Er glaubte nicht an eine Neue Welt. Gib einer Handvoll Menschen ein neues Land, eine Insel oder richte ihnen eine neue Welt ein und der Kampf beginnt von vorn.

Er stellte seinen Koffer ab, griff in die Jackentasche, holte das Handy heraus und hielt es sich ans Ohr

„Sind sie angekommen?“ fragte eine Männerstimme.

„Gerade.“

„Gut. Sie melden sich, wenn alles nach Plan gelaufen ist.“

Unnötige Anweisung, dachte Belmour. Er musterte das Hotel und war überrascht. „Schade um das Haus.“ sagte er.

„Was ist mit dem Haus?“

„Ich habe nur laut gedacht. Ich steh auf alte Gemäuer.“

„Sie sollten die Nacht alleine verbringen. Ich kenne ihren Ruf. Womöglich denken sie auch im Schlaf laut.“

„O.K.“ sagte Belmour, lächelte und dachte: er hat ja sogar Humor. Er schaltete das Handy aus, ließ sich Zeit, zündete sich eine Zigarette an und betrachtete das Hotel und seine Umgebung. Wie ein Tourist oder wie jemand, der sich für Architektur interessierte. Er musste nicht heucheln, Gebäude interessierten ihn.

Die Hotelanlage bestand aus drei Häusern. Das Hauptgebäude hockte wie ein moderner Drache auf einem Hügel und bewachte die weitläufige Parklandschaft. Seine Haut, ein Schachbrett aus Glas und Metall, leuchtete golden im Herbstlicht. Und wer hier eine Suite bezahlen wollte, von dem musste schon ein ebenso reicher Glanz ausgehen. Östlich des Hotels versteckte sich hinter Bäumen der Wirtschafts- und Personaltrakt. Westlich am Fuß des Hügels lag das ursprüngliche, ältere Hotelgebäude. Dieses war in dem berühmten Georgian Style im 19.Jahrhundert erbaut, mit schnörkellosen dreigeschossigen Fensterachsen und Kollonaden mit zierlichen Säulen. Einst war der Bau Adelssitz, später zum Hotel umgebaut und immer wieder liebevoll instand gehalten. Das hatte er im Internet recherchiert.

Belmour spürte Bedauern oder Mitleid, wenn man denn mit einem Gebäude Mitleid haben konnte. Für ihn eine ungewöhnliche Regung, die er selten an Menschen verschwendete. Manchmal besuchte er sogar Kirchen, Kathedralen. Nicht dass er dort einen Gott suchte. Dann konnte er schon eher an die Existenz einer teuflischen Macht glauben.

In der Lobby herrschte der übliche Wochenendtrubel. Gäste irrten herum oder saßen an kleinen Tischen, raschelten mit Zeitungen, schossen nervös suchende Blicke durch die Halle, Pagen ratterten Koffer hinter sich her, Fahrstuhltüren zischten überlastet und an der Bar klirrten Eiswürfel in Gläser. Die Dame am Empfang mühte sich mit einer zeternden Touristin ab, die nicht akzeptieren wollte, dass ohne Buchung kein Zimmer

zu haben war. Da war der nächste Gast eine angenehme Routine. Ein kurzen Blick genügte, um ihn mit erfahrener Sicherheit einzuschätzen und willkommen zu heißen.

Hätte die Empfangsdame später als Zeugin in einem Hoteldiebstahl oder gar Mord die Gäste dieses Tages beschreiben müssen, sie hätte sich an die penetrante Touristin erinnert, aber Belmour sicher übersehen. Grau, schattenhaft, hinterließ er im Gedächtnis der Menschen kaum Spuren. Er trug einen leichten, beigen Sommeranzug. Darunter ein hellblaues Hemd. Er war schlank, hatte schütteres, dunkelblondes Haar, das altmodisch gescheitelt war. Eine leicht getönte Brille verschleierte seinen Blick. Sein Gesicht war blass und ausdruckslos. Seine Haltung schlecht, die Schultern krümmte er nach vorne. Das einzig auffällige an ihm war ein drei Zentimeter langer Krater, der unter dem linken Ohr begann und wie ein kleiner Pfeil abseits auf das Schlüsselbein zeigte. Eine Vertiefung, in der die Haut zerknüllt war und rosig glänzte.

Sein Gepäck bestand aus einem wuchtigen Lederkoffer und einer Umhängetasche. Man hätte sich fragen können, warum ein Mann für nur eine Übernachtung so viel Gepäck mit sich schleppte. Aber wer achtet schon auf die Menge des Gepäcks. Es gab viele Gründe, nur mit einer kleinen Reisetasche oder mit einem halben Kleiderschrank zu reisen.

Bei der telefonischen Buchung hatte Belmour erwähnt, dass er schon einmal im Hotel logiert hatte und damals äußerst zufrieden gewesen sei. Er erinnere sich noch an den bezaubernden Blick aus dem Fenster auf die weite Parklandschaft und wäre sich ziemlich sicher, dass er

damals das Zimmer zweiundvierzig gehabt habe, und wenn das Zimmer zufällig frei sei...? Er bekam das Zimmer.

Bescheiden lehnte Belmour die Hilfe des Hotelboys ab und trug seinen Koffer selbst. In der vierten Etage stieg er aus und betrat den Flur, an dem zu beiden Seiten je acht Zimmer lagen. Er wartete, bis ein anderer Gast den Gang verließ und setzte seinen Koffer ab. Er öffnete die Tür rechts neben dem Fahrstuhl und ließ seinen Blick durch das dahinter liegende Treppenhaus schweifen. Dann schloss er die Tür wieder.

Das Hotel hatte zwei Fahrstuhlschächte jeweils an den Giebeln des lang gestreckten Baus. Zwischen den Fahrstühlen und den Zimmern gab es auf jeder Etage Abstellräume für die Geräte und Putzmittel des Reinigungspersonals. Belmour drückte die Klinke der Kammer neben seinem Zimmer und fand sie unverschlossen. Ein kurzer Blick genügte ihm. Der Raum war mit Kanistern, Eimern und Reinigungsmaschinen voll gestellt. Leise schloss er die Tür und wandte sich dann Zimmer Nr. 42 zu. Er schloss die Tür auf und betrat den Raum. Als erstes ging er zum Fenster, öffnete es und zog die Gardine wieder ordentlich davor. Dem Ausblick gönnte er keinen Blick. Er öffnete den Schrank, zog sein Jackett aus und hängte es über einen Bügel. Den Koffer stellte er in das untere Schrankfach. Er streifte die Schuhe ab, legte die Brille auf den Nachttisch und warf sich auf das breite Bett. Er richtete die Augen auf die Zimmerdecke und sein Blick wurde leicht glasig, als dämmere er schon im Halbschlaf dahin. Doch das täuschte. In Gedanken prüfte er jedes Detail seines Plans. Irgendwann schlief er zufrieden ein.

Am frühen Abend bestellte er sich eine kalte Platte und ein Guinness beim Zimmerservice. Er verließ das Hotel erst am nächsten Morgen. Auf das Frühstück verzichtete er, ein Mann, der womöglich einen Geschäftstermin und es eilig hatte.

Später an diesem Vormittag betrat ein Mann in einem dunkelgrünen Overall das Foyer. Auf der Brusttasche war ein dem Personal bekanntes Logo aufgedruckt. Es wies den Mann als Angestellten der Firma aus, die für die Wartung der Fahrstühle des Hotels unter Vertrag stand. Der Mann trug ein Käppi im gleichen Grün, unter dem krause schwarze Haare bis auf den Kragen quollen. Er hatte ein sonnengebräuntes Gesicht, das Aknenarben auf Kinn und Wangen nicht etwa entstellten, sondern noch markanter machten. Das Haar verdeckte eine lang gestreckte Narbe am Hals.

Er stellte sich am Empfang vor, zeigte einen Firmenausweis und scherzte mit der Angestellten. Er sprach von einer Routinekontrolle und dass er jeweils einen Fahrstuhl für einige Zeit außer Betrieb setzen müsse. Die Angestellte seufzte gespielt unwillig. Der Mann beugte sich über den Tresen, fischte mit seinem besten Flirtgesicht nach ihrem Lächeln und machte ihr mit männlich rauer Stimme Komplimente. Dann nahm er seinen Werkzeugkoffer auf und verschwand in Richtung Fahrstuhl. Er fuhr in den vierten Stock, steuerte das Zimmer mit der Nr. 42 an, zog einen Schlüssel aus der Hosentasche und öffnete die Tür. Er holte den Koffer aus dem Schrank, öffnete ihn und machte sich an die Vorbereitungen. Nach knapp zwei Stunden war der Mann mit seinen Arbeiten an beiden Fahrstühlen fertig.

Gegen vierzehn Uhr kam Mr. Belmour ins Hotel zurück, holte sein Gepäck aus dem Zimmer und checkte aus. Bevor er in das Taxi stieg, drehte er sich um und warf einen bedauernden Blick zurück. Er konnte sich vorstellen, noch ein paar Tage zu bleiben. Aber sein Auftrag war erfüllt. Wie immer hatte er hervorragende Arbeit geleistet. Es war besser, er würde den Leuten im Hotel keinen Anlass geben, sich an ihn zu erinnern.

Am nächsten Tag, einem Sonntag, verließ der letzte Gast gegen Abend das Hotel. Montag Mittag waren die üblichen Spuren des Wochenendbetriebes getilgt. Das Personal, bis auf wenige Mitarbeiter, wurde in einen Zwangsurlaub entlassen. Nachmittags überschwemmte ein Heer von Handwerkern, Technikern und dem Sicherheitspersonal das Hotel und das umliegende Areal. Schon am Abend war ein fast drei Kilometer langer Sicherheitszaun um das Grundstück gezogen. Nur noch ausgesuchtes Personal mit speziellen Ausweisen hatte ab jetzt Zugang. Man hatte nur zwei Wochen Zeit das Hotel für ein Treffen der europäischen Außenminister umzurüsten. Der Gipfel war sehr kurzfristig anberaumt worden.

2

Cork, Irland

Die Mc Cabs fuhren mit ihrem alten Volvo stadtauswärts. Mary saß vorne neben Jay Pop. Ihr Schwiegervater hatte selten Gelegenheit zum Fahren und hatte sich gleich händereibend hinter das Steuer gedrängt. Ryan saß hinten. Er war geduldiger mit ihrem fünfjährigen Sohn, der vermutlich nach kurzer Zeit anfangen würde zu quengeln. Dann erzählte Ryan Endlosgeschichten, an denen auch die Erwachsenen ihr Vergnügen hatten und in die sie sich ausschmückend einmischten. Im Moment aber schlief der kleine Liam.

Jay Pop hatte Geburtstag, sein zweiundfünfzigster, und weil er kaum noch aus seinem Laden herauskam und oft davon sprach, dass er gerne mal wieder in den Süden runter wolle, hatten Mary und Ryan ihm diese Reise geschenkt. Und um ihn zu trösten, ihm zu demonstrieren, das Leben hat noch andere Seiten zu bieten, als tagaus, tagein in einem Laden zu sitzen, der nichts mehr abwarf, der nur rote Zahlen schrieb. Der Laden gehörte jetzt der Bank und Ende des Monats mussten sie ihn räumen. Auch sie hingen an dem Laden und ein anderes Leben war kaum vorstellbar. Gleichzeitig lockten Veränderungen, zumindest wenn man so jung wie sie war.

Mary erinnerte sich, wie sie das erste mal vor dem Glaspalast, wie sie den Laden nannten, stand. Sie war gerade in eine Studentenbude ein paar Straßen weiter gezogen. Es war im Winter, Schnee lag auf den Straßen. Sie kam mit dem Fahrrad von der Uni. Sie bremste so plötzlich, dass ihr Rad ins Schlingern geriet und sie fast gestürzt wäre.

Aus dem Schaufenster leuchtete ihr ein bunter Traum, ein glitzerndes Versprechen entgegen. In der Mitte des Fensters hing eine Tafel. Ein weihnachtlich, biblisches Motiv, aus feinstem Glas gefertigt. Da hingen Sterne und Monde, Perlenschnüre und standen Engelkerzenhalter aus buntem Glas, kitschig und wunderschön. Tiffanyimitate neben modernem Design. Eine stilisierte Tanne aus durchscheinend grünen Glasplättchen war so raffiniert beleuchtet, als würden Kerzen eine weihnachtliche Stimmung zaubern. Die Beleuchtung selbst war ein Kunstwerk. Man sah keine Strahler, keine Lampen. Geschickt von oben und der Seite ausgeleuchtet, war das Fenster ein perfekt gestaltetes Bühnenbild.

Vielleicht werden Erwachsene zur Weihnachtszeit ein bisschen rührselig und bunte Kinderträume und Erinnerungen rücken wieder näher. Mary fühlte sich in Zeiten zurückversetzt, in denen man sich noch verzaubern ließ. Sie betrat den Laden und kaufte einen kleinen Kerzenleuchter. Und weil sie fast täglich am Laden vorbei kam, wurde sie zur Stammkunden mit kleinem Budget. Als Ryan sie herumführte, war sie schon längst verliebt.

Das Haus war ein schmales Reihenhaus, so wie sie schon immer in diesem Stadtteil gestanden hatten. Hinter dem Laden lag eine Werkstatt, in dem Jay Pop seine Kunstwerke fertigte und ihn jetzt Ryan immer mehr ablöste. Die Küche daneben hatte ein Glastür, die in einen winzigen, vernachlässigten Garten führte. In der oberen Etage wohnten die beiden Männer. Eine Frau gab es nicht, bis ihr Ryan einen handgroßen, blauen Engel schenkte, bis sie mit Liam schwanger war und einzog.

Nun waren sie auf dem Weg nach Glangariff , auf der Halbinsel Beara. Man hat dort, behauptet man, das beste Klima Irlands. Sie waren um sechs Uhr aufgebrochen. Der Himmel lag wie ein schweres graues Tuch über der Stadt und es regnete ununterbrochen. Sie hofften, dass es im Süden besser würde.

Jay Pop ließ sich über das Wetter aus und zitierte ein irisches Sprichwort: „Four seasens on a monday.“ „Es ist doch durchaus ein Vorteil, dass wir hier so viel Regen haben. Das hält den Massentourismus fern. Hätten wir ein Klima wie in Spanien, wäre die Küste von Kerry mit Betonburgen zugeklotzt und wenn man über Land führe, würde man anstatt auf bescheidene, weißgetünchte Bauernhäuser auf pseudospanische Haciendas stoßen. Wer trotz des Wetters Irland bereist, muss ein wirkliches Interesse an unserem Land haben.“ sagte er.

„Und warum fahren wir dann runter nach Glangariff, anstatt hier den Regen zu genießen? Wenn mich nicht alles täuscht, war der Grund dein ewiges Gerede von dem wunderbaren Klima im Süden.“ Ryan frohlockte und Mary hoffte, dass die Männer nicht zu streiten anfangen würden. Streitereien, die zwar gutmütig waren, aber oft hitzig eskalierten und sich endlos ausdehnen konnten.

Jay Pop schaltete das Radio an. „...in der letzten Woche haben die Auswanderungsanträge die Rekordzahl von über achttausend erreicht. Jetzt sind es nicht nur junge, gut ausgebildete Menschen, die ihr Glück auf dem Kontinent suchen, jetzt packen ganze Familien ihr Hab und Gut... „

„Nicht jetzt.“ sagte Mary und schaltete das Radio wieder aus. Sie befürchtete, dass die Nachrichten den Männern wieder Stoff für endlose Debatten liefern würden. In den letzten Wochen sind diese hitziger geworden und oft laut eskaliert. Denn auch Ryan und sie überlegten ernsthaft, das Land zu verlassen. Es galt nur noch und das war die schwerste Hürde, Jay Pop zu überzeugen. Und der sträubte sich vehement. Ignorierte, dass der Kampf längst verloren war, hatte selbst keine Pläne und hielt sich mit Phrasen aufrecht. Phrasen wie: - die Iren haben noch jede Krise bewältigt. – sollen sie doch abhauen, die Ratten. Dadurch wird es nur leichter, das Schiff durch das Unwetter zu steuern.- Als verstünde er etwas von der Seefahrt.

Natürlich tat er Mary leid. Er war ein alternder Mann, der wenige Veränderungen in seinem Leben erleben musste und jetzt auch keinen Wunsch mehr nach Neuanfängen verspürte. Und er hatte im letzten Jahr zu viele Schläge einstecken müssen. Auch wenn schon in den letzten Jahren die Wirtschaftskrise immer offener ihre Fratze zeigte, bisher hatten sie sich mit dem Laden über Wasser halten können. Bis in der Nähe ein Einkaufstempel seine Glastore öffnete und mit Billigpreisen lockte. Eine Kette, deren Logo in allen Einkaufspassagen der europäischen Städte zu sehen war. Diese Entwicklung war der Ruin für die kleinen Läden in Dublin. Bis dahin wegen ihres nostalgischen Charmes und als Touristenfang gehätschelt und gehuldigt, wurden die Innenstädte plötzlich freigegeben für die großen Raubritter der Wirtschaft. Auch anderen kleinen Läden und Handwerksbetrieben ging es ähnlich wie ihnen. Rechnungen konnten nicht mehr bezahlt werden, der Großhandel stellte seine Lieferungen ein und die Banken gaben erstaunlich freigiebig Kredite, um die kurzfristigen Engpässe zu überbrücken. Die Engpässe waren Tunnel, an deren Ende die Banken und Investoren lauerten. Meistens dauerte es nicht einmal ein Jahr, dann wechselte der Laden, das Haus, die Werkstatt den Besitzer.

Jay Pops Hausbank verhielt sich noch großzügig. Nach Abzug aller Hypotheken und anderer Verbindlichkeiten wurde ihnen noch ein Rest ausgezahlt, der reichen konnte, um sie ein paar Monate, maximal ein halbes Jahr über Wasser zu halten. Am ersten des nächsten Monats war die Übergabe.

Und dann? Mary hatte Angst um Jay Pop. Und malte ihm aus, wie sie sich eine neue Existenz aufbauen würden. Es war ja schon vielen vor ihnen gelungen. Vielleicht sollten sie nach Deutschland , von dem es hieß, es sei immer noch ein relativ stabiles Land, auswandern. „Stell dir vor, etwas kleines, exklusives, ein winziger Laden mit deinen Glassachen und ein Regal mit englischsprachigen Büchern und eine Leseecke, in der wir Tee und Gebäck anbieten.“ Sie hatte gerade ihr Studium der Englischen Literatur abgeschlossen.

„Du liest mehr als du lebst.“ zog Jay Pop sie manchmal auf. Zu ihren Träumen schwieg er verbissen.

Als würde sich das übrige Europa in einem steilen Aufschwung befinden, warb es massenweise Iren an. Man versprach ihnen Eingliederungshilfen, Arbeit und Wohnung. Es lockte und gaukelte den Menschen wie vor Jahrhunderten das goldenen Amerika schöne Träume vor. Auch Mary und Ryan glaubten den Versprechungen. Und wenn sie es nüchtern betrachteten, schlimmer als in diesem Irrenhaus konnte es kaum werden. Die Zeitungen stockten täglich die Zahlen derer auf, die an der „neuen Pest“ erkrankten. Die Folgen der Ausfälle wurden immer schmerzhafter. Irland war zu einem Staat verkommen, der seine Diener nicht mehr bezahlen konnte, der Rentner ohne Rente und Arbeitslose ohne Unterstützung vor geschlossenen Ämtern stehen ließ. Der Schulen und Krankenhäuser schloss und den öffentlichen Verkehr so reduzierte, dass Pendler Mühe hatten, ihren Arbeitsort zu erreichen. Jeden Tag flohen hunderte Iren aus dem Land. Sie handelten verzweifelt und überstürzt, denn jeder hatte Angst, zu spät zu kommen. Denn irgendwann musste das Ausland mit Arbeitskräften gesättigt sein und dann würden die Türen zugeschlagen. Wer zu lange zögerte, konnte dann sehen, wie er überlebte in einem Land, das längst jede Verantwortung für seine Kinder abgelegt hatte.

Am Kinsale Head machten sie eine Rast. Die Regenwolken hatten sich aufgelöst und der Atlantik glitzerte im Morgenlicht. Felsen wie aztekische Pyramiden stiegen steil aus dem Meer. Vom rauen Klima angegriffen, zerbröckelnd und doch so massig, dass sie weitere Millionen Jahre dort stehen würden. An ihren Sockeln peitschte gierig der Atlantik mit haushohen Wellen. In der Luft jagten die Seevögel kreischend gegen das Donnern der Brandung an. Und oben auf dem Plateau so weit man schauen konnte smaragdgrüne Matten, die selbst im Herbst noch genauso frisch leuchteten wie im Mai.

Ryan hatte am Abend vorher Sodabrot gebacken, dazu aßen sie Bücklinge, die sie unterwegs in einer kleinen Räucherei gekauft hatten, und tranken heißen Tee aus Thermoskannen.

Nach der Pause wollten sie wenig befahrene Nebenstraßen in Richtung Bantry nehmen, sich Zeit lassen, um etwas von der Landschaft zu sehen. Aber kurz vor Clonakilty schien ihre Reise erst einmal zu Ende. Die schmale Straße war von einem Demonstrationszug blockiert.

Jay Pop fuhr auf den Seitenstreifen und kurbelte das Fenster herunter. Er verwickelte sich in ein Gespräch mit einem jungen Paar. Der Mann trug ein Pappschild wie eine Monstranz vor sich her. Entmachtet die Banken, stand in dicken schwarzen Buchstaben darauf. Von Banken flossen rote Blutstropfen. Eine Dramatik wie in einem Gruselfilm.

„Lasst den Wagen stehen und kommt mit.“ sagte der Mann.„ In Cork und in Dublin und vielen anderen Städten wird heute demonstriert.“ Das Gesicht des Mannes leuchtete begeistert und seine Augen bohrten sich in Marys und lockten: komm mit!

Die Frau hinter ihm tänzelte leichtfüßig und spielte auf einer Fiddle eine altirische Ballade. Die Menschen strömten zu fünft, sechst nebeneinander, zu hunderten hintereinander einen Hügel hinunter auf Mary zu. In der Ferne tanzten sie wie bunte Segelschiffe auf einem langen Fluss.

Der Sog zerrte an ihr, dass ihr schwindelig wurde und

ihr Herz heftig gegen die Rippen polterte. Sie fühlte sich aufgerüttelt wie ein Kaleidoskop, in dem Bilder in schneller Folge durcheinanderwirbelten und sich zu immer neuen Szenen zusammensetzten. Wie sie als junges Mädchen ihrer erste Demo erlebt hatte. Sie war am Anfang begeistert aus Solidarität mit den Kommilitonen mitgezogen. Aber allmählich, umso mehr sie mit den politischen Zuständen und den Forderungen der Demonstranten vertraut wurde, hatte die Wut auch sie angesteckt. Sie hatte zugesehen, wie Schaufenster zu Bruch gingen und Autos brannten.

Sie hatte schon lange an keiner Demo mehr teilgenommen. Die Familie, das Studium, ließen keine Zeit und Energie mehr für andere, wichtige Dinge. Sie fühlte eine übermächtige Sehnsucht nach einer Freiheit, die sie so lange nicht mehr gespürt hatte. Selbst nach der Gefahr, sich Knüppeln und Tränengas auszusetzen. Dabei sein, sich diesen Menschen zugesellen, sich wieder wichtig fühlen. Das war wie in eine andere Haut oder Rolle schlüpfen. Ihr Blick fiel auf Liam, der neugierig den Kopf über die Schulter seines Großvaters nach vorne reckte. Heute sollte sie für ihn kämpfen, für seine Zukunft, das wusste sie plötzlich. Sie fühlte sich dabei so ernst und verantwortungsbewusst wie damals, als sie ihn das erste mal im Arm hielt und ihm leise versprach, dass sein Leben wunderbar sein und sie alles dafür tun würde.

„Die Banken haben unseren Laden geschluckt. Ich gehe mit.“ sagte sie „ Ich muss das einfach tun. Ihr drei Männer werdet auch ohne mich ein paar schöne Tage haben.“ Und bevor die Männer protestieren und sie verunsichern konnten, nahm sie ihre Umhängetasche, öffnete die Tür und stieg aus. Ein paar Leute in unmittelbarer Nähe klatschten Beifall.

Sie waren mehr als zwei Stunden gelaufen, hatten einige kleinere Orte passiert und manchmal hatten sich ihnen Leute spontan angeschlossen. Mary hatte Blasen an den Füßen und ihr Hals war rau und trocken. Eine Frau, die schon eine Weile neben ihr hergelaufen war, bemerkte ihren gierigen Blick und reichte ihr eine Flasche mit Wasser. „Nimm, ich habe genug.“ sagte sie. Mary trank dankbar. Das Wasser war lauwarm und schmeckte metallisch. Einige Kilometer später wurde ihr übel. Sie kämpfte mit einem Brechreiz. Ihr war schwindelig. Die Anstrengung, dachte sie, oder es kommt vom Wasser. Vielleicht hat die Frau es aus einem dreckigen Brunnen oder aus einem Bach geschöpft und ich habe mich vergiftet. An die „Neue Pest“ wollte sie noch nicht denken. Daran sind schon Menschen gestorben.

Sie schleppte sich noch eine Weile weiter. Dann bekam sie furchtbare Bauchkrämpfe. Sie ließ sich am Straßenrand ins Gras fallen. Plötzlich wollte sich ihr Darm unkontrolliert entleeren und sie raffte sich mit aller Kraft auf, schaffte es aber nur wenige Schritte in die Wiese hinein. Hinterher fühlte sie sich schwach, aber die Krämpfe waren nicht mehr ganz so quälend. Erst jetzt bemerkte sie, dass sie nicht alleine litt. Alle paar Meter hockten Menschen auf der Wiese, von hohem Gras oder niedrigen Büschen kaum geschützt, und jammerten und stöhnten. Am Straßenrand ratlose Zuschauer. Ein groteskes, peinliches Schauspiel.

Von der Energie, die den kilometerlangen Menschenzug angetrieben hatte, war nichts mehr zu spüren. Als läge ein Fluch über der Demo und die Menschen erkrankten nur auf Grund ihrer Teilnahme. Die Leute hockten sich an den Straßenrand und versuchten über ihre Handys den ärztlichen Notruf und Krankenwagen zu rufen. Aber es schien kaum noch freie Leitungen zu geben. Als letzten Ausweg rief man Freunde, Verwandte, jeden den man erreichen konnte und der über ein Auto verfügte, an.

Mary bekam von all dem nichts mehr mit. Sie lag mit geschlossenen Augen im Gras. Sie brannte vor Hitze und die Schmerzen waren so heftig wie damals bei Liams Geburt. Irgendwann trug sie ein fremder Mann auf seinen Armen zu einem Auto und stopfte sie zu zwei anderen Frauen auf die Rückbank. Er hatte vor Stunden einen Anruf von seiner Tochter bekommen, aber weil er sie in dem Chaos unmöglich finden konnte, hatte er sich die nächsten Kranken eingeladen. Er hoffte, dass auch seine Tochter Hilfe von einem fremden Samariter bekommen würde. Er fuhr an diesem Tag noch mehrere Touren ins Hospital von Cork.

3

Dr. Malloy machte sich Sorgen. Sie war kein Mensch, der sich viel sorgte. Schon deshalb war dieser Zustand beunruhigend. Schon als der Anruf kam und sie kaum Zeit hatte zu packen, bevor man sie abholte, hatte sie ein ungutes Gefühl. Ein gute Woche vorher hatte man ihr einen Urlaub verordnet. Urlaub auf Befehl. Sie hatte nachgegeben, da sie schon länger auf dieses zweifelhafte Vergnügen verzichtet hatte. Ihre wenige Freunde hatte sie informiert. Genau am Abend vor Urlaubsbeginn hatte man sie abgeholt. Da lag der Verdacht nahe, dass beides zusammenhing und geplant war.

Der Anruf kam von höchster Stelle. Schon die Einladung, die mehr wie ein Befehl formuliert war, hatte Dr. Malloy verwundert. Als man ihr mitteilte, dass sie in beratender Funktion zu dem Außenministertreffen in Dublin eingeladen war, reagierte sie ungläubig. Sie war Leiterin des Katastrophenschutzes für Irland. Ein Posten zugegebenermaßen in schwindelnder Höhe. Aber sie fand, nicht hoch genug, um solch einen bedeutenden Gipfel zu erklimmen. Die Fragen des Katastrophenschutzes konnten zwar durchaus grenzübergreifende Zusammenarbeit nötig machen, waren aber kaum Inhalt von weltpolitischen Entscheidungen. Auch wenn die Art, wie man sie informiert hatte, ungewöhnlich war, versuchte sie die misstrauischen Stimmen zu beschwichtigen. Bestenfalls stand sie vor einem Sprung auf der Karriereleiter. Wohin auch immer.

Kaum hatte sie den Anruf und Befehl erhalten, den Telefonhörer aufgelegt, klingelte es schon an ihrer Haustür. Die beiden Männer stellten sich vor, beriefen sich auf den Anruf und wiesen sich als Beamte des Staatssicherheitsdienstes aus. Auf Fragen antworteten sie ausweichend. Unter ihren Augen packte sie ihre Sachen. Es sei weder nötig, dass sie ihren Laptop oder das Handy mitnehme, sagte der ältere der beiden, der Wortführer. Sie protestierte. Ohne diese Dinge fühle sie sich amputiert.

„Lassen sie es hier.“ Der Ton in seiner Stimme verbot jede Diskussion darüber. Sie gehorchte.

Auf der Fahrt in einem Auto mit passend zu der Situation getönten Scheiben, hörte sie bald auf, Fragen zu stellen. Die beiden Männer gaben vor, nicht mehr als sie informiert zu sein. Sie solle sich freuen. Es sei schließlich eine Ehre mit bedeutenden Politikern Europas zusammenzuarbeiten.

Gedanklich zog sie eine gerade Linie :

Katastrophenschutz – EU Gipfel – Katastrophe.

Morgens brauchte es seine Zeit, bis ihr Gedankenapparat warm gelaufen war. Dann mied sie Kontakte und erst recht wollte sie nicht angesprochen und zu einem Gespräch genötigt werden. Deshalb verließ sie den breiten Hauptweg und nahm die schmalen Trampelpfade, die von einem nächtlichen Regen noch aufgeweicht waren. Gegen morgen hatten sich die Wolken verzogen und jetzt dampfte das Gras unter einem klaren Himmel. Das war hübsch.

In diesen sehr frühen Morgenstunden hatte sie den Park bisher für sich alleine gehabt. Ein Privileg, für dass sie gerne früher als gewöhnlich aufstand. Während die meisten anderen Teilnehmer es vorzogen, bis in die Nacht hinein im Foyer oder an der Bar herumzuhängen, um dann morgens knapp vor dem Frühstück, mehr oder weniger verkatert, aus den Federn zu steigen. Sie hatte kein Interesse daran, sich mit anderen Teilnehmern im Foyer herumzudrücken, einen Drink zu nehmen und Smalltalk zu machen. Sie bevorzugte eine einfache und spartanische Lebensweise und für das Bedürfnis mancher Menschen, in Prunk und Luxus zu baden, fühlte sie nur Verachtung. Das Hotel war kein Ort, an dem sie sich wohlfühlen konnte. Und die Umstände trugen erst recht nicht dazu bei. In den vier Tagen, die der Gipfel jetzt dauerte, war ihr Unbehagen eher gewachsen. Dazu trugen die Geheimniskrämerei und die Gerüchte bei, die in den Pausen von Mund zu Ohr gingen.

Als sie wiederholt Geräusche hinter sich hörte, drehte sie sich unwillig um. Eine entfernte Gestalt hastete vom Ende des Weges auf sie zu.

„Dr. Malloy! Hallo,hallo, warten sie.“

Sie gehorchte und wartete. Es war Collins, der hechelnd auf sie zu kam. Sein Gesicht war rot angelaufen, als hätten ihn die wenigen Meter schon angestrengt. „Ich kenne ihre morgendlichen Gewohnheiten und bin ihnen gefolgt.“ erklärte er.

„Dafür haben sie hoffentlich einen plausiblen Grund. Ich habe nicht mal einen Kaffee getrunken, geschweige die erste Zigarette geraucht.“

Er trottete hartnäckig neben ihr her. „Ich schlafe nicht gut. Manchmal habe ich sie morgens gehört, wie sie ihr Zimmer verließen. Sie sind wie ich ein Morgenmensch.“

„Spionieren sie mir nach?“

„Nein, nein. So ist das nicht. Ich muss mit jemanden reden und sie scheinen mir vertrauenswürdig.“

Der Weg stieß wieder auf den Hauptweg. Einige Meter entfernt stand eine Bank. „Setzen wir uns.“ sagte sie, jetzt neugierig geworden und weil er immer noch laut schnaufte. Womöglich bekam er noch einen Herzanfall und sackte ihr in die Arme.

„Ich werde den Gipfel noch heute verlassen. Und nichts wird mich hindern. Und wenn das Flucht bedeutet. Ich bin entschlossen.“ Er schwieg, rang wohl um Worte oder Erklärungen. Seine Augen hetzten hin und her, als suchten sie nach Lauschern oder nach einem Fluchtweg.

Sie kannten sich nur flüchtig. Ihre Zimmer lagen sich gegenüber und ein paar mal waren sie sich auf dem Flur oder im Fahrstuhl begegnet. Aber sie hatten kaum mehr als höfliche Grüße gewechselt. Sie wusste, dass er Dolmetscher war. Sie hatte ihn mehrmals im Restaurant oder an der Bar mit anderen Übersetzern gesehen.

Collins sah wie das Klischee eines Iren aus. Er hatte die Statur und das Gesicht eines Bauern, wirkte kräftig und zuverlässig. Die Augen blickten freundlich und sein Lächeln lag breit zwischen rosigen Kinderwangen. Er trug schlecht sitzende Anzüge, die seine runde Mitte betonten.

Als sie einmal zufällig gemeinsam den Aufzug benutzten, hatte er sich vorgestellt. „ Collins, Ire, und sie?“ sagte er. Als sie sich ebenfalls zu Irland bekannte, war ihm die Irritation anzumerken. Als hätte er wegen ihrer Hautfarbe angenommen, dass sie direkt aus dem tiefsten Dschungel kam.

„Sehr viele Iren hier.“ sagte er.

Sie musste ihm Recht geben, hatte sich auch schon gewundert, dass unter den Fachleuten wesentlich mehr Landsleute als andere Nationalitäten vertreten waren. Logischer wäre, dass man die Besten ihres Faches, welcher Herkunft auch immer, bevorzugt hätte.

„Ich bin ein neugieriger Mensch,“ erklärte Collins jetzt. Das klang nicht prahlend, sondern eher bedauernd, als hätte ihn seine Neugier in diese anscheinend missliche Lage gebracht. „Ich habe mich umgehört, mit allen möglichen Leuten gesprochen. Hier eine Information, da ein unüberlegter Satz und als Übersetzer bekommt man so einiges mit.“

„Collins. Was genau wollen sie mir sagen?“ Sie konnte Leute nicht ausstehen, die endlos redeten, bevor sie zur Sache kamen. Wenn man denn überhaupt heraus bekam, was ihr Anliegen war.

Er hatte die Ellenbogen auf die Knie gestützt und den Kopf in den Händen vergraben. Das Haar hing ihm wirr und schweißnass ins Gesicht. Er ruckte mit dem Oberkörper hin und her und wippte mit den Knien auf und ab, als hätte er einen Anfall. Sie legte eine Hand auf seine Schulter, da richtete er sich wieder auf. Er stöhnte und wischte sich mit den Händen über das Gesicht. Seine Haut sah ungesund gerötet aus, als hätte er Fieber.

Dann quollen die Worte aus ihm heraus, als müsse er sich übergeben, mit Worten übergeben. „Das ist eine Verschwörung, wie sie nie vorher gewesen ist. Das wird die Welt verändern. Natürlich habe ich mich mit anderen Übersetzern unterhalten, was nicht erlaubt war. Nicht über das Gehörte reden. Nicht darüber nachdenken oder eigene Schlüsse ziehen. Aber ich habe Ohren, kann einige Sprachen verstehen. Bin nicht blöd. Die Pläne...“

Er unterbrach sich mitten im Satz, sein Kopf fuhr herum, reagierte auf die Stimmen. Zwei Männer des Sicherheitspersonals schlenderten durch den Park, kamen näher, taten harmlos und grüßten herüber. Collins beugte sich vor, sie verstand ihn kaum. „Wenn Menschen Angst haben, aus gutem Grund, oder wenn man ihnen die Gefahr nur suggeriert, akzeptieren sie sonst unmögliches.“ sagte er.

Die Männer setzten sich auf eine Bank einige Meter weiter. In Hörnähe. Collins stand auf, sagte leise „Später.“ und verschwand in Richtung Hotel. Nach wenigen Minuten standen die Männer auf und gingen ihm nach. Oder sie wollten zufällig auch ins Hotel zurück. Es war Frühstückszeit.

Sie hatte keinen Hunger, nestelte die Zigarettenpackung aus der Hosentasche und zündete sich eine an. Zog den Rauch tief ein. Ihr leerer Magen krümmte sich unter der Attacke.

Collins Erregung hatte sie angesteckt. Oder den Misstrauensvirus wieder aktiviert. Es kam nicht oft vor, dass sie so spontan auf die überschwappenden Gefühle anderer Menschen reagierte. Sie verfügte über einen natürlichen, starken Filter, der alle Banalitäten, Gefühlsgeschosse und kindische Aufregungen fern hielt. Auch jetzt machte sie den Versuch, die Szene nüchtern zu analysieren. Collins Auftritt und seine Andeutungen schienen paranoid, auf jeden Fall rätselhaft. Sie liebte Rätsel. Wo andere aus Langeweile Kreuzworträtsel lösten, bevorzugte sie knifflige mathematische Gleichungen.

Wollte man Dr. Malloy einem Intelligenztest unterziehen, müsste man ihn neu erfinden. Mit knapp siebenunddreißig hatte sie eine so rasante Entwicklung hingelegt, als sei sie nur auf der Durchreise zu weit höheren Zielen. Sie hatte ihren Doktor in Chemie gemacht, parallel einige Semester Physik studiert und ein Studium der Betriebswirtschaft abgeschlossen. Sie lebte nicht in der Welt wie gewöhnliche Menschen, sondern bewegte sich in Gedankenräumen, in denen wundersame klare Gebilde geboren wurden, deren Geburtshelfer Logik, Analyse und eine Begabung zur Organisation waren. Sie hatte wenig Privatleben, war äußerst diszipliniert und gestattete sich kaum Schwächen. Außer einer, sie war eine Kettenraucherin. Diese Sucht sollte ihr wenige Tage später das Leben retten.

Dr. Malloys Vater war mit zwanzig Jahren über ein Stipendium nach England gekommen. Er stammte aus einem gebildeten, somalischen Clan. Ihre Mutter, Irin, heiratete ihn und entführte ihn nach Dublin. Beide Eltern lebten nicht mehr.

Dublin war Dr. Malloys Heimat. Obwohl ihre Hautfarbe von einem tiefen Braun war, hatte sie kaum unter Nachteilen zu leiden. Man konnte Dublin nicht unbedingt als weltoffen oder als multikulturellen Schmelztiegel bezeichnen, doch sie war selten mit den Vorurteilen der Straße in Berührung gekommen. Ihre Familie bewegte sich ausschließlich in dem wohlwollenden, engen Milieu des Bildungsbürgertums.

Die Größen aus Politik und Wirtschaft tuschelten Geheimnisse hinter Türen, die Dr. Malloy verschlossen blieben. Sie war es gewohnt, Entscheidungen selbst zu treffen und Zugriff auf alle Informationen zu haben, die ihr für ihre Arbeit wichtig erschienen. Jetzt ahnte sie

nicht einmal, was hinter den geschlossenen Türen vor sich ging und es machte sie wütend und unruhig, dass aber auch rein gar nichts durch eben diese Türen drang.

Parallel zum inneren Kreis gab es Arbeitsgruppen mit Fachleuten aus den unterschiedlichsten Ressorts. Ihre Gruppe bestand aus acht Personen, die für Bereiche wie öffentliche Sicherheit, Verkehr und die Mehrzahl für den Katastrophenschutz zuständig waren.

Man nannte es ein Planspiel. Abklopfen aller Möglichkeiten und Schwachpunkte. Erstellen sie einen vollständigen Plan für die Evakuierung der gesamten Bevölkerung eines Landstriches, eines Staates, einer größeren Insel. Zum Beispiel für Irland. Kein Grund für Spekulationen oder Befürchtungen. Nur ein Handlungsmodell, dass hoffentlich nie zum Ernstfall wird. Dr. Malloy war natürlich für Irland zuständig. Eine gewaltige, aber durchaus reizvolle Aufgabe.

Collins, als Übersetzer, hatte durch seine Funktion zwangsläufig mehr Insiderwissen. Hatte er womöglich von Plänen erfahren, die ihm suspekt oder bedrohlich schienen? War das der Grund für seine Panik. Wollte er deshalb diese abgeriegelte Burg hinter sich lassen, und das anscheinend ohne Plan und Überlegung. Einfach nur auf schnellstem Wege raus. Obwohl er wie alle anderen mit seiner Unterschrift versichern musste, dass er den Gipfel weder zwischendurch, noch vorzeitig verlassen würde. Vielleicht gab es auch noch private Gründe für sein Verhalten. Obwohl man keinerlei Nachrichten von draußen empfangen konnten, egal, ob die Frau ein Kind bekommen, man eine Million in der Lotterie gewonnen hatte oder der Vater im Sterben lag.

Die vagen Aussagen über die wahren Ziele des Gipfels konnten schon misstrauisch machen. Die Außenminister Europas, daneben die mächtigsten Köpfe aus Wirtschaft und der IT Branche wälzten nun seit vier Tagen hinter sehr verschlossenen Türen Pläne. Ein enormer Aufwand wurde betrieben. Das Hotel, die teuerste Adresse in ganz Irland, lag in einer weiträumigen Parkanlage und hatte einen eigenen, kleinen Flugplatz. Es verfügte über achtzig First Class Zimmer und zwei Dutzend Suiten, einen Golfplatz, sowie einigen Tennisanlagen, mehreren Pools und acht Tagungsräumen. Das mitgebrachte Personal, die Berater und Bodygards der Gäste waren in dem alten Hotelgebäude untergebracht.

Die Sicherheitsmaßnahmen waren gigantisch, trotz der knappen Vorbereitungszeit. Niemand, nicht mal ein Gedanke, scherzte man, konnte hier auch nur einen unbemerkten Schritt tun. Die Gäste und das Personal waren während der Tagung total isoliert, sie konnten weder das Gelände verlassen, noch nach draußen telefonieren. Handys waren nicht zugelassen. Es drangen auch keine Informationen über die Tagungsinhalte oder

dessen Verlauf an die Medien. Reporter kamen nicht einmal in Rufnähe des Hotels. Die Öffentlichkeit wurde mit den üblichen Schlagzeilen vom ernsthaften Ringen zur Bewältigung der Wirtschaftskrise gefüttert.

Die Iren wunderten sich kurz, dass man ausgerechnet ihr Land für den Gipfel gewählt hatte. Und weil man von solchen Treffen schon lange nichts mehr erwartete, wandte sich das Interesse schnell wieder anderen Themen zu. Irland war es gewohnt, arm zu sein, oft so bitterarm, dass es bis heute kaum einen Familienclan gibt, der nicht eins oder mehrere seiner Kinder vor dem drohenden Hungertod in ferne Länder hinausgeschickt hatte. Es spürte auch jetzt die Wirtschafts- und Finanzkrise in voller Härte, war aber noch verschont von größeren Unruhen und gewalttätigen Ausschreitungen geblieben. Es gab regelmäßig Solidaritätskundgebungen und kleinere Demonstrationen, die sich schnell zerstreuten und deren Teilnehmer nicht selten in Pubs ihren Frust hinunterspülten.

In der Mittagspause und am Abend hielt sie nach Collins Ausschau, konnte ihn aber nicht entdecken. War er etwa wirklich geflohen? Oder hatte er sich nur verkrochen wie ein ängstliches Tier? Sie wollte mit seinen Problemen und seiner Paranoia nichts zu tun haben. Helfen würde sie ihm nicht können. Nach dem Abendessen, gegen neun, suchte sie ihr Zimmer auf. Sie war müde und wollte sich in der Badewanne entspannen. Während das Wasser einlief, öffnete sie das Fenster, steckte sich eine Zigarette an und lehnte sich beim Rauchen weit hinaus.

Der ganze Bau war eine einzige Nichtraucherzone. Im

Moment war ihr das egal. Dann sollte man verdammt nochmal nur Nichtraucher einladen oder ein Extra Raucherhaus einrichten. Sie sah es vor sich, ein lieblos in die hinterste Parkecke geklatschten Bau, über dem eine dicke, graue Wolke hing. Den man nur verlassen durfte, wenn man eine geruchsneutralisierende Schleuse passierte. Und in dessen Zimmer nicht Turnerdrucke hingen, sondern Plakate mit Aufnahmen von geteerten Lungen und Sprüchen wie „Rauchen kann tödlich sein.“

Sie wollte ins Bad, das dicht neben der Tür zum Flur lag, als draußen sehr laute Stimmen zu hören waren. Sie erkannte Collins. Seine Stimme war hoch, quäkend, nicht sehr männlich. Eine andere Männerstimme, leiser, energisch. Sie öffnete die Tür und schaute auf den Flur. Collins Zimmertür stand weit offen. Zu sehen war nichts.

„Sie können mich nicht daran hindern.“ rief er.

„Nun beruhigen sie sich doch.“ Dann leiseres Gemurmel.

Kurz entschlossen griff sie sich ein Buch von ihrem Nachtisch und trat auf den Flur. Ein Wachmann kam gerade aus Collins Zimmer. Er grüßte, nahm Haltung an und seine Miene drückte Misstrauen aus, wie man das bei Sicherheitsleuten erwartete. Wahrscheinlich litten sie alle an Paranoia.

„Ich möchte zu Mister Collins.“ sagte sie. Ihre Stimme und Haltung drückten Autorität aus und duldeten keinen Widerspruch.

Der Wachmann schob unsicher seine Lippen vor und knetete sein Kinn. Doch er wich keinen Millimeter von seinem Platz, wechselte nur das Standbein. „Mr. Collins ruht, er fühlt sich nicht wohl. Brütet wahrscheinlich etwas aus.“ sagte er.

„Oh, ich will ihn auch nicht lange stören. Ich will ihm nur schnell das Buch geben. Er erwartet mich. Wir interessieren uns beide für Geschichte. Und wenn er das Bett hüten muss, kommt ihm der Lesestoff bestimmt gerade recht.“ Sie hielt ihm das Buch unter die Nase. Er las stirnrunzelnd den Titel.

„Über den Osteraufstand von 1916.“ erklärte sie „Wir sind beide durch und durch Iren. Und woher kommen sie, ihr Akzent ist... lassen sie mich raten. Nicht etwa London?“ Der Versuch, ihrer Stimme diesen bestimmten mütterlich, gurrenden Ton zu verleihen, schien nicht überzeugend zu sein.

Seine Miene blieb unnachgiebig. „Nein. Das ist jetzt wirklich ungünstig. Geben sie her, ich geb' es ihm.“

„Das ist sehr freundlich, aber ich habe versprochen ihm zu einer Textstelle noch Anmerkungen zu machen. Es geht wirklich schnell. Oder wollen sie andeuten, das wir nur noch mit Zustimmung der Security privaten Kontakt haben dürfen? Sind wir hier Gefangene?“ Sie hatte jetzt absichtlich die Stimme erhoben. Ihre Empörung war nicht gespielt und sie hatte nicht vor weiter mit dem Wachmann zu diskutieren. Der schaute unsicher den Flur hinunter. Ein paar Zimmer weiter öffnete sich eine Tür und eine Frau steckte ihren Kopf heraus.

Der Mann holte ein Handy aus der Jackentasche, überlegt es sich dann doch wieder anders, steckte es zurück und machte endlich den Weg frei. „Gut, aber kurz bitte.“ sagte er und hielt ihr die Tür auf.

Auch wenn seine Gehabe sie wütend machte, sie lächelte, trat an ihm vorbei in das Zimmer und wollte schnell die Tür schließen, aber der Mann drängte sich hinter sie in den Raum.

Collins stand am Fenster, vorgebeugt, wie sprungbereit, als wolle er aus dem Fenster zu springen.

„Ich bringe ihnen das Buch.“ sagte sie. Er reagierte nicht. Sie ließ sich Zeit, blätterte im Buch herum. Eine harmlose, etwas penetrante Person. „Ich finde die Stelle gleich.“ sagte sie.

„Ich muss sie jetzt bitten, das Zimmer zu verlassen. Mister Collins hat einen Termin.“ Ein zweiter Mann in Uniform. Er stand breitbeinig in der Tür. Sein Blick war kalt und verriet, dass er nicht so leicht wie sein Kollege um den Finger zu wickeln war.

Collins wich noch weiter zurück, seine Hände umklammerten hinter seinem Rücken das Fensterbrett. Auch Dr. Malloy fühlte sich jetzt von dieser Furcht angesteckt. Hier stimmte etwas ganz gewaltig nicht. Der Sicherheitsbeamte schob sie sehr bestimmt aus dem Zimmer. Sie drehte sich noch einmal um und lächelte Collins an. Es wird alles gut, sollte das heißen. Nichts würde gut werden für ihn. Wenn man die Fakten betrachtete, musste man zwangsläufig den Schluss ziehen, dass er an höherer Stelle so wichtig genommen wurde, dass man es für nötig hielt, ihn zu isolieren.

„Ach, das Buch...“ sagte sie und reichte es dem Wachmann.

Collins stand immer noch am Fenster, schon unerreichbar für sie.

Das Wasser in der Wanne war abgekühlt. Sie ließ heißes nachlaufen, zog sich aus und stieg in den verlockenden Schaumberg. Erschöpft schloss sie die die Augen. Sie wünschte sich nach Hause in ihr vertrautes Leben zurück. Dies hier kam ihr immer unwirklicher vor. Als wäre sie plötzlich in einen Film geraten, dessen Plot sie nicht durchschaute. Wahrscheinlich würde sie erst im Nachhinein verstehen. Wenige Tage noch, dann würden sich die Tore wieder öffnen. Auch für Collins. Also kein Grund irgendwelche Verfolgungsängste oder einen Verschwörungswahn zu füttern. Sie sollte sich raushalten, sich ihrer fiktiven Aufgabe stellen, nämlich einen

Evakuierungsplan ausarbeiten und nicht fragen, wozu man den haben wollte. Und in ein paar Tagen zurück in ihr anderes Leben. Aber sie war eine Schlüssellochguckerin.

„Wenn du immer so neugierig bist, wirst du eines Tages Dinge sehen, die dir Augen und Seele verbrennen.“ hatte ihr Vater sie einmal gewarnt, als er sie dabei erwischte, wie sie auf seinem Schreibtisch herum schnüffelte.

Sie spielte die Szene im Park und die in Collins Zimmer in Gedanken noch einmal durch und lauschte seinen Worten nach. Der letzte Satz, den er ihr wie eine Formel zugeflüstert hatte, fiel ihr ein.

Wenn Menschen Angst haben, aus gutem Grund, oder wenn man ihnen die Gefahr nur suggeriert, akzeptieren sie sonst Unmögliches.

So ein Satz, aus seinem Kontext gerissen, konnte alles mögliche bedeuten. Eine Feststellung. So sind Menschen. Wenn es brenzlig wird, schreien sie nach Führung. Hansemann geh du voran. Oder wenn man den eingeschobenen Satzteil betrachtete: ein psychologischer Trick. Mach den Menschen Angst, und du kannst ihnen alles mögliche abverlangen und einreden, wenn du nur überzeugend in der Rolle des Retters bist.

Retter! Der so hektisch anberaumten Gipfel, die Stimme des Ministers für Innere Sicherheit „die brisante innenpolitische Situation Europas“ „härtere, durchgreifende Maßnahmen“.

Sie angelte nach dem Päckchen und zündete sich eine Zigarette an. Im Badezimmer. Es war ihr egal. Auch wenn gleich ein Feueralarm los ginge, was nicht geschah. Ihre Hände zitterten leicht vor Erregung. Ihr Herz zitterte.

Wenn wirklich etwas Ungeheuerliches, wie Gerüchte munkelten und wie Collins angedeutet hatte, auf dem Gipfel geplant wurde, wie glaubte man verhindern zu können, dass die Öffentlichkeit spätestens nach dem Gipfel nicht davon erfuhr? Auch wenn die Politiker und Wirtschaftsbosse in ihrem eigenen Interesse ihre Pläne geheim hielten, da gab es noch das Fußvolk wie sie und als schwächstes Glied wohl die unzähligen Dolmetscher. Sie hörten mit, verfügten also über die meisten Informationen. Wie wollte man Collins daran hindern, dass er kaum wieder in die Freiheit entlassen, den nächsten Journalisten anrief.

Spekulationen, willkürliche Deutungen, dachte sie. Und, kühl bleiben, nachdenken. Wenn das nur Ausgeburten einer Paranoia von Collins war und sie sich hatte anstecken lassen, musste sich alles nach dem Gipfel auflösen und sie würde nur noch kopfschüttelnd darüber lächeln.

Sie sollte sich zusammenreißen, ihre Aufgabe erfüllen und dann das ganze abhaken. Ihre Aufgabe! Ihr Herz macht einen erschrockenen Satz. Plötzlich sah sie einen Zusammenhang, oder könnte ihn konstruieren. Ihre Aufgabe war es, einen bis ins kleinste Detail ausgearbeiteten Evakuierungsplan für das gesamte irische Volk zu erstellen. Da wurden vielleicht Gefahren gedacht oder konstruiert oder geplant, die solch ungeheuerliche Maßnahmen erforderlich machten.

Am nächsten morgen, noch vor dem Frühstück, nahm sich Dr. Malloy vor, noch einmal mit Collins zu sprechen. Wie am Abend davor würde sie hartnäckig darauf bestehen und sich nicht abwimmeln lassen. Der Flur war leer, umso besser. Als sie kurz vor Mitternacht ihre Tür einen Spalt geöffnet und auf den Flur geschaut hatte, lungerte noch der Sicherheitsbeamte vor Collins Tür herum.

Sie klopfte, wartete, noch einmal lauter. Nichts. Entweder wollte oder durfte er nicht öffnen. Vielleicht war er auch schon unten beim Frühstück und die ganze Angelegenheit hatte sich zurecht gerückt. Im Restaurant war er nicht. Sie erkundigte sich an der Rezeption nach ihm. Die Angestellte suchte bereitwillig im Computer, lächelte und fragte, ob es denn wichtig sei.

„Ich will nur wissen, ob es ihm besser geht.“

Die Frau telefonierte, lauschte und nickte ein paar mal. Sie las laut den Namen vom Schild auf Dr. Malloys Brust ab und fragte: „Ist es wichtig?“

„Reine Höflichkeit. Ich will wissen, wie es ihm geht. Gestern ja nicht so gut.“

„Er ist in der Krankenstation. Aber es gibt keinen Grund zur Besorgnis. Eine Magenverstimmung.“ Nein, Besuche seien nicht möglich, wegen der Ansteckungsgefahr, man wisse ja, wie schnell sich so ein Virus verbreite.

Dr. Malloy glaubte kein Wort. Man hatte Collins einfach aus dem Verkehr gezogen.

4

Dr. Malloy stand am offenen Fenster und und sah einem beeindruckenden Sonnenuntergang zu. Am Himmel brachen dünne Wolkenschlieren das Licht in zarten Orange- und Rosatönen. Jetzt lag noch ein letzter Farbschleier über dem Horizont. Ein wunderschöner Abschluss für den Gipfel. Lichter blitzten zwischen den Bäumen des Parks. Die Tagungsräume waren noch hell erleuchtet. Der interne Kreis blieb anscheinend noch bis in die Nacht hinein zusammen. Das Fußvolk, die Wissenschaftler, Fachleute und Dolmetscher hatte man mit einem Buffet, reichlich Alkohol und dankenden Worten verabschiedet.

Sie sehnte sich nach einer Zigarette, scheute sich aber, schon wieder im Zimmer zu rauchen. Überall hingen diese Tafeln mit rot gebrandmarkten Zigaretten darauf. Sie wollte auch nicht wieder am offenen Fenster rauchen. Ein Nachbar hatte sich beschwert, dass der Gestank zu ihm herübergezogen sei. Jetzt fühlte sie neben dem Verlangen noch einen zunehmenden Druck hinter der Stirn, ein erstes Anzeichen für Kopfschmerzen. An Schlafen war nicht zu denken. Sie schaute auf die Uhr, es war halb elf. Um Punkt elf wurde die Hoteltür verschlossen, aus Sicherheitsgründen. Dann hatten die Gäste im Haus zu sein. Bis dahin würde sie noch zwei Zigaretten schaffen. Sie nahm ihre Umhängetasche vom Bett und schaute nach, ob noch genug Tabak in dem Päckchen war. In dem Tabakgekrümel, zwischen Papiertaschentüchern, ihrer Geldbörse und losen Zetteln fand sie die Blättchen und das Feuerzeug. Sie sollte ihre Tasche dringend mal ausmisten. Sie stopfte alles wieder hinein und hängte sich die Tasche um.