Irrlichtkinder - Julia Lange - kostenlos E-Book
Beschreibung

Julia Lange erzählt die Vorgeschichte zu "Irrlichtfeuer" - Ein spannendes Fantasy-Prequel und ein Muss für alle Fans von Urban-Fantasy! Gut zwanzig Jahre vor den Geschehnissen in Irrlichtfeuer werden in einem eisigen Winter Straßenkinder zur Arbeit in einer der Irrlichtmanufakturen von Ijsstedt rekrutiert. Eine plötzliche Explosion tötet viele und verändert das Leben der anderen Kinder für immer, weil sie plötzlich das Irrlicht im Körper haben....

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EPUB

Seitenzahl:71


Julia Lange

Irrlichtkinder

Eine Fantasy Kurzgeschichte

Knaur e-books

Über dieses Buch

Gut zwanzig Jahre vor den Geschehnissen in Irrlichtfeuer werden in einem eisigen Winter Straßenkinder zur Arbeit in einer der Irrlichtmanufakturen von Ijsstedt rekrutiert. Eine Explosion tötet viele und verändert das Leben der anderen Kinder für immer, weil sie nun das Irrlicht im Körper haben.

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Irrlichtkinder

von Julia Lange

Sora rieb seine kalten Hände, bevor er sie wieder zu einer Schale formte und ausstreckte. Er sah flehend zu den eingemummten Menschen auf, die im fahlen Grau des Morgens an ihm und seiner Schwester Hisa vorbeihasteten. Nur eine Münze oder einen Kanten Brot, mehr wollte er gar nicht.

Manchmal blickte einer von ihnen herab, doch Sora brachte nicht mal mehr ein »Bitte« hervor, so stark klapperten seine Zähne. Wenigstens spürte er seine Füße nicht mehr. Bald würden seine Finger folgen, dann die Nase.

Eine Alte eilte in ihre Richtung, das runde Gesicht gerötet und einen abgedeckten Korb über dem Arm. Jemand, der erfahrungsmäßig was gab.

Sora hob seine Hände höher und flehte sie mit großen Augen an.

Die Frau machte einen Bogen um Hisa und ihn, den Blick starr nach vorn gerichtet.

Soras Arme sackten herab. Nicht zum ersten Mal in letzter Zeit fragte er sich, ob sie das Alter überschritten hatten, in dem man sie als Kinder wahrnahm und Mitleid hatte. Oder lag es daran, dass Königsgarden zum Großteil von den Reichen übernommen worden war und sichtbares Elend ignoriert oder verjagt wurde?

Sora sah zu den zusammengedrängten Hütten auf der anderen Straßenseite, die noch vom alten Viertel geblieben waren und wo Rauch aus den Spalten und krummen Rohren stieg. Nur ein paar Minuten vor einem dieser Öfen. Vielleicht noch einen Bissen zu essen. Oder sogar eine Schale warmen Haferschleim, der nicht nur seine Hände, sondern auch seinen Bauch wärmen –

Ein Zweispänner preschte heran. Die Kutsche schlingerte auf dem gefrorenen Schneematsch hin und her, erwischte einen bettelnden Krüppel und schleuderte ihn in den Rinnstein.

Sora ließ sich nach hinten gegen die Baracke fallen, um den Rädern zu entgehen. Die plötzliche Bewegung jagte Schmerzen durch seinen Körper. Seine Füße fühlten sich an, als ob jemand unzählige Nadeln hineinstach. Immerhin wusste er so, dass sie noch nicht erfroren waren.

Er sah zu Hisa, die sich wieder auf ihrem Stückchen Wolldecke zusammenkauerte. Sie spürte seinen Blick, und ein schwaches Lächeln erschien auf ihren blauen Lippen, während ihre Zähne genauso klapperten wie seine. Dass sie einander hatten, war wichtiger als Essen und Wärme. Nur gemeinsam hatten sie bis jetzt überlebt.

Mit neuer Kraft streckte Sora seine Hände wieder aus und sah bittend zu den Menschen auf, die weiterhin mit gesenkten Köpfen und hastigen Schritten vorbeigingen. Und wenn sie doch mal reagierten, spuckten sie vor Sora oder Hisa in den Schnee. Wenigstens hatten sie heute noch keine Tritte kassiert.

»And…der…er Platz«, brachte Hisa hervor.

Sora nickte. Sie halfen sich gegenseitig auf die Beine. Hisa schüttelte ihr Stückchen Wolldecke aus und schlang es um sich, während Sora die Hände tief in seiner zu großen und zu dünnen Jacke vergrub.

Gemeinsam stapften sie die Straße entlang, vorbei an dem Krüppel, der regungslos im Schnee lag. Wer hier nicht gleich wieder aufstand, hatte schon verloren.

Zu ihrer Rechten wichen die dicht gedrängten Hütten und Baracken einer großen Lücke, die nicht mehr erahnen ließ, dass hier vor wenigen Tagen noch unzählige Menschen gelebt hatten. Dass es in den Spalten und Lücken ausreichend Schlafplätze gegeben hatte, in denen man nicht Angst haben musste, nachts zu erfrieren.

Sie schlurften weiter durch Königsgarden, das zwar schon immer ihre Heimat gewesen war, sich nun aber fremd anzufühlen begann. Stück um Stück musste das Vertraute den Palästen, Kutschen und Pelzmänteln Platz machen. Eine Welt, in der kein Platz mehr für Sora und Hisa war.

An der nächsten Kreuzung, einer eigentlich lohnenden Stelle, fehlte das Flackern der Lampen hinter den Fenstern. Genauso wie der Rauch über dem Flickenteppich aus Dächern. Die Hütten waren tot. Geräumt. Bald würden auch sie verschwinden.

»Sie … sie mach…hen unser Zuhaus…se kaputt«, flüsterte Hisa.

»Lass es uns trotz…dem ver… versuchen.«

Im Eingang einer der leeren Hütten ließen sie sich nieder und drückten sich aneinander. Soras Magen knurrte, und der von Hisa stimmte mit ein, aber sie hatten noch nicht genug für ein Frühstück. Meist reichte es wenigstens für ein karges Mittagessen. Wenn doch nur bald Lichterfest wäre, da waren die Menschen immer so großzügig.

Das Gefühl wich aus Soras Fingern, die sich langsam blau verfärbten. Bisher hatte ihnen niemand Handschuhe geschenkt, und gefunden hatte er auch keine. Noch viel lieber wollte er eine dieser Felltaschen, die die Damen in den teuren Mänteln für ihre Hände um den Hals hängen hatten.

Er schlang seine Arme um den Körper und versuchte die Finger ein bisschen unter den Achseln aufzuwärmen. Er erlaubte es sich sogar, für einen Moment die Augen zu schließen und von dem einen Mal zu träumen, an dem eine alte Frau sie in ihre Hütte eingeladen und nach einem Festmahl auch noch einen Schlafplatz vor dem Ofen angeboten hatte …

Hisas plötzliche Anspannung ließ seine Lider auffliegen. Aus der Gasse rechts von ihnen kamen zwei der Polizisten, die seit einer Weile in Königsgarden allgegenwärtig zu sein schienen und von denen die wenigsten Straßenkinder mochten.

Gleichzeitig mit Hisa kam Sora auf die Füße, die sofort wieder schmerzhaft kribbelten. Trotzdem rannte er los, Hisas Hand in seiner. Die Kälte brannte seine Kehle hinunter, brachte ihn zum Husten und nahm ihm die Luft.

Zwei Straßen weiter wagte er einen Blick über die Schulter – und stolperte. Er fiel in den gefrorenen Schnee, der sich wie Klingen in seine Hände bohrte. Als ihm der Schmerz die Tränen in die Augen trieb, wünschte er sich, dass seine Finger doch erfroren wären.

Hisa half ihm wieder auf, während Sora noch mal zurücksah. Die Polizisten waren nicht mehr zu sehen. Vielleicht hatten sie heute keine Lust, ihre Schlagstöcke auszuprobieren. Wie den anderen neuen Anwohnern wäre ihnen sicher recht, wenn alle Straßenkinder aus Königsgarden verschwinden würden.

»Wir … wir sollten endlich auch gehen«, brachte Hisa zwischen klappernden Zähnen hervor, als habe sie seine Gedanken gelesen.

»Wohin?«

Sie sah in die Richtung, wo sich über den Dächern einer der eisernen Türme erhob, die nachts blau leuchteten.

»Dort gibt es Straßenbanden«, widersprach er. »Sie werden uns keine Ruhe lassen.«

»Wir müssen es versuchen.«

Sora wusste, dass sie recht hatte. Es gab keine andere Möglichkeit. Und lieber blieb er hier auf der Südseite, die sich wenigstens ein bisschen nach Heimat anfühlte, als auf die andere Seite der Thein zu wechseln, die so fern und fremd war.

Also nickte er. Hand in Hand folgten sie den Rinnen, die Räder und Füße in den Schnee gefurcht hatten, hinaus aus Königsgarden. Viel zu schnell wichen die Hütten und Baracken niedrigen Reihenhäusern, die sich dicht an dicht drängten. Hier würden sie es schwer haben, Spalten und Ritzen zu finden, in denen man Schutz oder Schlaf fand.

Sie blieben im Randbereich des neuen Viertels, um nicht einer der Banden über den Weg zu laufen. An einer belebten Straße entlang des großen Parks fanden sie einen verlassenen Hauseingang, an dem viele Menschen direkt vorbeigingen.

Schon kurze Zeit später bekam Sora seine erste Münze, Hisa ihre gleich darauf. Doch viel wertvoller war das Brötchen, das ihm ein Mann gab. Er teilte es mit Hisa und kaute jeden Bissen sorgfältig, bevor er ihn schluckte. Danach bekam er erst richtig Hunger, was er eigentlich genau gewusst hatte. Aber es hatte so lecker gerochen.

Trotz des Bauchwehs streckte er seine Hände wieder aus. Noch ein paar Münzen mehr, und sie könnten etwas kaufen, damit das Ziehen und Nagen für ein Weilchen verschwand.

Zwei Jungen und ein Mädchen in abgerissenen Kleidern kamen auf sie zu. Alle deutlich größer als Sora, fast schon erwachsen. Der Ausdruck auf ihren Gesichtern war alles andere als freundlich.

»Was haben wir denn da?«

Sora sprang auf, Hisa ebenso. Er machte sich so groß wie möglich, auch wenn er innerlich schon aufgegeben hatte. Es war doch überall das Gleiche.

Der Blonde mit den Pockennarben trat vor, die Hände in den Taschen vergraben. »Wildert ihr Schlitzaugen etwa in unserem Revier?«

Sora schüttelte den Kopf, genauso Hisa.

»Dann täusche ich mich wohl, dass ihr gebettelt und ein Brötchen geschnorrt habt.«

Die anderen zwei kreisten Sora und Hisa ein. Er wollte davonrennen, doch er wusste genau, dass er ihnen nicht entkommen konnte. Auf der Straße gewannen die Älteren immer.

»Das wussten wir nicht«, sagte Hisa. »Wir werden gehen.«

Pockengesicht lachte. »Und uns eine Straße weiter beklauen?«