Verlag: Luzifer-Verlag Kategorie: Abenteuer, Thriller, Horror Sprache: Deutsch Ausgabejahr: 2018

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Sicherung: Wasserzeichen

E-Book-Beschreibung Island Red - Matt Serafini

Der Schlangenhai existiert seit 80 Millionen Jahren. Er besitzt über 300 Zähne in 25 Reihen, mit denen er Jagd auf seine Beute macht. Nur sehr selten wurde er oberhalb von fünfzig Metern Meerestiefe gesichtet, weshalb er für Menschen niemals eine echte Gefahr darstellte. Bis heute. Als in Crystal Key das erste Mädchen vermisst wird, denkt sich noch niemand etwas dabei. Dann verschwinden jedoch die ersten Fischer und zwei Mädchen werden im Meer attackiert. Ein Raubfisch scheint die Insel zu terrorisieren. Doch das ist nicht alles. Ein Hurrikane fegt unerwartet über die Insel hinweg und als sämtliche Kommunikationswege mit dem Festland versagen, müssen die Bewohner von Crystal Key schnell feststellen, dass sie es mit nicht nur einem Schrecken aus der Tiefe zu tun haben …

Meinungen über das E-Book Island Red - Matt Serafini

E-Book-Leseprobe Island Red - Matt Serafini

Island Red

Matt Serafini

This Translation is published by arrangement with SEVERED PRESS, www.severedpress.com Title: ISLAND RED. All rights reserved. First Published by Severed Press, 2014. Severed Press Logo are trademarks or registered trademarks of Severed Press. All rights reserved.

 

Diese Geschichte ist frei erfunden. Sämtliche Namen, Charaktere, Firmen, Einrichtungen, Orte, Ereignisse und Begebenheiten sind entweder das Produkt der Fantasie des Autors oder wurden fiktiv verwendet. Jede Ähnlichkeit mit tatsächlichen Personen, lebend oder tot, Ereignissen oder Schauplätzen ist rein zufällig.

Impressum

Deutsche Erstausgabe Originaltitel: ISLAND RED Copyright Gesamtausgabe © 2018 LUZIFER-Verlag Alle Rechte vorbehalten. Das Werk darf – auch teilweise – nur mit Genehmigung des Verlages wiedergegeben werden.

Cover: Michael Schubert Übersetzung: Andreas Schiffmann Lektorat: Astrid Pfister

Dieses Buch wurde nach Dudenempfehlung (Stand 2018) lektoriert.

ISBN E-Book: 978-3-95835-371-8

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Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek:

Inhaltsverzeichnis

Island Red
Impressum
Der Tod kommt von oben
Frühlingsgefühle
Der letzte Auftrag
Nachts sind alle Haie grau
Wind ahoi
Ein Eiland voller Ungeheuer
Stunden der Verzweiflung
Früher Vogel …
Die Agentin
Unumstößliche Wahrheiten
Ausgebrannt
Über den Autor

Der Tod kommt von oben

»Folge mir, okay?«

Es war weniger eine Frage als eine Aufforderung.

Kurt war schon schummerig zumute, doch um die Wahrheit zu sagen, wäre er Kelly überallhin gefolgt, falls er sich etwas davon erhoffen konnte.

Als sie von der Toilette zurückkehrte, wurde gerade die letzte Runde ausgegeben, wobei … Toilette war eigentlich eine zu großzügige Bezeichnung, weil zu den Zimmern mit Meerblick des Ressorts Shifting Tides nur eine gleich hinter der Baumgrenze am Rand des Strandes versteckte Reihe von Mobilklos gehörte. Sie erweckten irgendwie den Eindruck, Überbleibsel aus der Zeit des Baus der Einrichtung zu sein, die jemand offenbar für kostengünstiger gehalten hatte, als die Installation angemessener Sanitäranlagen.

Wer Wert auf Hygiene legte, so wie Kelly, wusch sich anschließend die Hände an einem öffentlichen Brunnen auf dem Weg vom Strand zur Bar. Zu beobachten, wie ein Teil der Gäste – Männer und Frauen gleichermaßen – achtlos daran vorbeieilten, wenn sie zu ihren Drinks zurückkehrten, war echt widerlich. Kelly blieb zum Glück reinlich, und das war auch gut so, denn er wünschte sich, dass dieser Abend ein ganz besonderer wurde.

Das wollte er unbedingt.

»Wohin gehen wir denn?« Kurt bemühte sich um ein schiefes Lächeln, um ihr zu zeigen, dass er sich nicht so einfach verführen ließ, doch sie wirkte eher beleidigt angesichts seines vorgegebenen Widerstandes. Nach drei Jahren auf dem College im ständigen Bestreben, ihr Herz zu gewinnen, ergaben solche Spielchen keinen Sinn mehr. Typen wie Kurt kriegten eigentlich niemals Mädchen wie Kelly. Er hatte es allerdings irgendwie geschafft.

Als sie vorging, verhielt sie sich so, wie es alle jungen Frauen taten, die wussten, dass jemand auf ihren Hintern starrte. Sie wackelte ganz bewusst mit den Hüften. Aus dem gleichen Grund hatte sie ihren grell pinkfarbenen Badeanzug mit Absicht ein paar Zoll weit am Po hinaufrutschen lassen, damit er ihre herrlichen braunen Pobacken besser sehen konnte. Dies provozierte allerdings lüsterne Pfiffe, während sie aus der künstlichen Beleuchtung des Restaurants in die natürliche Dunkelheit des Strandes schlenderte.

Diese Provokation machte Kurt noch ein wenig schärfer. Es brauchte ihn allerdings niemand darauf hinzuweisen, dass Kelly eine scharfe Bombe war. Er konnte nie nachvollziehen, warum Kerle am Rand drehten, wenn sie mitbekamen, dass ein anderer ihr Mädchen begaffte. War es denn besser, wenn niemand hinschaute?

Er sprang nun von seinem Platz auf, nahm die Flasche Malibu und ging mit der Anmut eines Tänzers, der zu viel Kokosnuss-Rum getrunken hatte, um die anderen Tische herum. Nach der steten Alkoholzufuhr an diesem Abend war ihm klar, dass seine Koordination reichlich zu wünschen übrig ließ. Ein ums andere Mal verlor er beinahe das Gleichgewicht, bis ihn schließlich das Glück verließ und er über den letzten Stuhl auf seinen Weg stolperte. Er taumelte auf den Strand zu, wobei ihm die Flasche aus der Hand fiel.

Kellys Kichern übertönte sogar die Beats der jamaikanischen Reggae-Band. Ihr Körpergeruch, eine Mischung aus Kokosnuss-Sonnencreme und Salzresten aus dem Meer, brachte Kurt aber schnell wieder auf die Beine. Er riss ehrfürchtig und verzweifelt die Augen auf, als er ihre strammen Beine, die formschön in Vollendung waren, aus dem letzten Strahl Licht der Lampen verschwinden sah.

Er war extrem aufgedreht und bestärkt vom Trinken am Nachmittag, so als habe sich der Sprit unmittelbar auf seinen Sexualtrieb niedergeschlagen. Sand spritzte hoch, als er sich aufrappelte und zu dem Mädchen aufschloss, das seit zwei Monaten mit ihm liiert war.

Sie hörte ihn kommen, drehte sich aber nicht um, sondern zog nur ihre Schultern hoch in der Erwartung, dass er sich gegen sie warf. »Kurt, nein, nein, neiiiiin … der ganze Sand.«

Doch es war zu spät, als dass er sich noch hätte bremsen können. Er schlang die Arme um ihre Hüften und hob sie hoch. Die Haut an ihrem Hals schmeckte genauso, wie sie duftete … nach Kokosnuss, was irgendwie zum Lecken einlud und sie noch exotischer machte.

Ihr Lachen ging nun in ein leises melodiöses Stöhnen über, eine unverhoffte Entwicklung, die Kurt noch zusätzlich anregte. Statt ihre Glieder weiterhin zu versteifen, ließ sie sich in seine Umarmung fallen. Sie streckte die Hände nach hinten aus und ließ die Fingerspitzen an seiner Brust hinuntergleiten … eine gezielte Berührung. Sein Herz klopfte, als ob zehntausend Volt durch seinen Körper strömen würden. Er wollte mehr und legte Kelly deshalb in den Sand, wo sie ihm ihr Gesicht zuwandte.

Das Gesindel in der Bar war jetzt weit genug weg. Die Reggae-Band hatte gerade ihr letztes Lied beendet, woraufhin sich der Sänger lallend durch das Mikrofon bedankte und allen einen angenehmen Restabend wünschte.

Bin schon auf dem besten Weg dorthin, dachte Kurt, während er sich an seine Freundin schmiegte. Diese drückte ihm ihre Brüste entgegen, was sofort Hitze in seinem Herzen erzeugte, die sich durch die Adern in seinem gesamten Körper verteilte. Er drängte ihr nun seinen Mund auf und sie zog ihre Mundwinkel zu einem Grinsen hoch. Sie liebte es einfach, ihn hinzuhalten. Darauf stand sie total und Kurt umso mehr. Der Genuss, sie letzten Endes zu überwältigen, würde dann nämlich umso wunderbarer sein.

»Ich will dich gleich hier«, sagte er und drückte seine Lippen auf ihre. Sie gab ihm daraufhin einen Kuss, entzog sich ihm aber wieder.

»Nichts da«, stellte sie klar. »Da drüben sind ein Haufen Leute.«

»Die verschwinden doch gleich auf ihre Zimmer, um weiter zu saufen.«

So lief es jeden Abend nach der Sperrstunde. Sie tat nun aber so, als sei es endgültig vorbei, und als hätte er sich schon immer Sex in der Öffentlichkeit gewünscht. Gab es denn einen besseren Ort dafür als den Strand?

»Willst du mir etwa weismachen, dass du prüde bist?«, fragte er lachend.

»Prüde?« Sie fasste sich an den Rücken, um ihr Bikinioberteil aufzuhaken. Es rutschte langsam von ihren Schultern, wobei ihre Brüste entblößt wurden.

Kurt starrte sie mit offenem Mund an. Er hatte sich ihre Brüste so oft und lange ausgemalt und ihre Form angehimmelt, während sie wie zu seinem Spott nur wenig bedeckende Badeanzüge getragen hatte. Jetzt beschloss Kelly offenbar, sie ihm im Dunkeln zu präsentieren.

Auch wenn er diese Frotzelei durchaus zu schätzen wusste, kam es ihm fast enttäuschend vor.

Er ging schnell auf sie zu, doch sie drehte sich um, als er seine Hände an ihr Becken legte, und ging auf die brandenden Ozeanwellen zu. Jetzt zog er an ihrem Bikiniunterteil, bis er ihren Hintern im Mondlicht sehen konnte.

Oh mein Gott …

Er war gerade drauf und dran, sich auf sie zu stürzen, wie ein Stier auf einen Torero, während er mit einem Tunnelblick auf Kellys sonnengebräunten Po starrte.

»Ist das deine Braut?« Ein dunkler Umriss kam nun auf ihn zu. »Ich will dir ja nicht vorschreiben, was du zu tun hast, Kumpel, aber heute Nacht solltet ihr lieber nicht allzu weit rausschwimmen.«

Der Schemen kam jetzt nahe genug, dass Kurt eine Narbe an der linken Wange erkennen konnte. Der Schnitt musste tief gewesen sein und verlief bis unter das Auge, das nur noch ein leerer milchig weißer Apfel war. Der Mann, ein Schwarzer, warf einen kurzen Blick in Kellys Richtung, dann schlug er Kurt mit dem Handrücken gegen die Brust und lächelte wissend. »Ein solches Mädchen sollte man immer bei Laune halten, aber geht trotzdem lieber nur so weit, dass euch das Wasser bis zu den Knien reicht, verstanden? Dann verschwindet ihr von hier und legt euch in ein Bett. Dort werdet ihr garantiert mehr Spaß haben.«

Kurt wollte nach dem Grund für diesen Rat fragen, doch der Mann machte sich bereits auf den Rückweg zur Bar. Das war vermutlich auch besser so, da Kelly keine Kleider mehr anhatte und er nicht wollte, dass ihm noch irgendjemand einen Strich durch die Rechnung machte, während er seine Fantasie wahr werden lassen wollte.

Er hörte nun das Platschen von Schritten im Wasser, konnte seine Freundin im Dunkeln jedoch nicht mehr sehen. »Hey, Kelly, warte auf mich!«

Kurt lief los. Als er vom trockenen Sand in den Uferschlamm trat, konnte er einen Blick auf sie erhaschen. Das Wasser reichte ihr bis an ihre Waden und sie lief noch weiter.

Sie drehte sich jetzt frech und selbstbewusst um, wobei ihr Körper sogar noch schöner aussah, nun wo er all ihre Kurven richtig begutachten konnte, weil der Mond sie hervorhob. Ihr flacher Bauch glänzte vor Feuchtigkeit und weil sie vor Erregung schneller atmete, hoben und senkten sich ihre großen Brüste auffällig.

»So stark interessierst du dich bestimmt gar nicht für mich, Kurt.«

Er war geneigt, ihr zu widersprechen, denn in seiner Hose herrschte bereits Platzmangel.

Sie streckte eine Hand nach ihm aus und hob mahnend den Zeigefinger. Das hieß: Bleib gefälligst, wo du bist.

Das tat er auch. Seine Zehen verschwanden nun im Schlamm, während er sie anstarrte wie sein Hund, wenn dieser einem beim Verdrücken eines Hamburgers zuschaute.

»Wenn du zu mir kommen willst, musst du erst nackt sein.«

Kurt drehte sich kurz um, für den Fall, dass der Einäugige sie beobachtete, aber in der Bar in der Ferne waren die Lampen bereits aus, der Uferdamm links, wo laute Musik dröhnte, hingegen war hell erleuchtet. Wie auf eine Ansage hin hatte sich die Party in den Hüttenblock verlagert. In der Nähe schien sich hingegen niemand aufzuhalten.

Kurt musste nur noch einmal auf Kelly schauen, um sich dazu durchzuringen, seine Shorts abzustreifen, dann marschierte er auf das Unausweichliche zu. Sie starrte auf sein bestes Stück, während er sich ihr näherte, und hielt eine flache Hand darunter, sobald ihre feuchten Münder aufeinandertrafen.

Sie ließen sich nun in das Wasser fallen, woraufhin die heranrollenden Wellen über sie schwappten. Kelly schlang ihre Beine um sein Kreuz und fuhr mit den Händen über seine kräftigen Schultern. Sie wollte ihn ganz nah an sich spüren.

Ihre Lippen schmeckten nach frisch gepflückter Minze, doch seine Zunge schenkte ihnen genauso viel Aufmerksamkeit wie ihrem Hals, während er sanft ihre Brüste drückte und hinein zwickte. Dabei streiften seine Daumen die hart gewordenen Warzen und ihr Mienenspiel machte ihn noch erregter.

Der Atlantik überspülte sie in einem fort und immer schwungvoller mit Wasser, was seiner zunehmenden Begierde entsprach. Jedes Mal, wenn er versuchte, in Kelly einzudringen, schob sie ihr Becken zurück, um ihn auf Abstand zu halten.

Ihm sollte es recht sein, denn all das war noch neu für ihn … sie so zu sehen und sie dermaßen intensiv zu spüren, zumal das Ganze auch noch unter freiem Himmel geschah. Die Vorstellung, jemand könne ihnen dabei zusehen, reizte ihn irgendwie und er vermutete, dass es auch Kellys Leidenschaft befeuerte.

Sie verlagerte nun ihr Gewicht, um Schwung zu nehmen und sich auf ihn zu rollen. Als sie sich zu ihm beugte, um ihm einen innigen Kuss zu geben, kitzelten ihre Haare – verklebt mit Sand zu wilden Strähnen – seine Brustmuskeln. Schließlich stand sie auf, sodass Kurt zwischen ihre Beine schauen konnte. Sie bemerkte, wie sein Blick dorthin wanderte und lächelte.

»Du willst unbedingt da rein, du böser Junge, was?«

Er wollte am liebsten wie ein Raubtier über sie herfallen, doch sie zog sich geschickt aus seiner Reichweite.

»Das soll wohl ja heißen«, fuhr sie grinsend fort. »Dann musst du mich aber schon fangen.« Sie lief weiter in das Wasser hinein, erst bis zu den Hüften, doch kurz danach so tief, dass sie darin eintauchen konnte.

Dieses Mal gönnte ihr Kurt keinerlei Vorsprung. Er verschwand schnell unter der Oberfläche und streckte sich nach ihr aus. Im Meer, das schwarz wie Onyx war, verschmolzen die dunklen, formlosen Schatten miteinander und trieben gemeinsam dahin wie gemalte Silhouetten.

Die beiden tauchten gemeinsam wieder auf und stießen in einem Kuss zusammen, der ewig hätte andauern dürfen. Sie konnten einfach nicht voneinander ablassen, weshalb sich ihre Zungen weiter umspielten, selbst wenn sie zwischendurch die Mundwinkel verziehen mussten, um Luft holen zu können. Kurt flüsterte ihr jetzt ins Ohr, wie sehr er sie liebe. Sie reagierte darauf, indem sie ihre Beine um ihn schlang.

Kein Erwidern seiner gestandenen Hingabe, sondern nur eine Einladung zur Vereinigung.

»Lass es mich spüren.« Ihr Tonfall klang fordernd, was beinahe schon genügte, um ihn sofort zum Höhepunkt zu treiben, als er einen ihrer Oberschenkel streifte.

Ihre Haut schmeckte salzig, aber es war Kelly und somit das Beste, was seine Geschmacksknospen je gekostet hatten.

Er glitt jetzt langsam in sie hinein, woraufhin Kelly ihren Körper anspannte. Ihr Stöhnen durchbrach die nächtliche Stille und sie kratzte seinen Rücken so sehr, dass er zu bluten anfing.

Aber das war ihm vollkommen egal.

Im Wasser zu vögeln war allerdings schwieriger, als er gedacht hatte. Als er die Beine auf und nieder bewegte, hatte er das Gefühl, ein Radfahrer auf dem Weg bergauf zu sein, der einfach nicht abflachen wollte, und bei jedem Hüftschwung ihrerseits, um seinen Stößen entgegenzukommen, tauchten die beiden unter. Wieder an die Oberfläche zu gelangen, brachte sie automatisch aus dem Rhythmus. Er bedauerte es nun, sich nicht einfach mit ihr in den Schlamm gelegt zu haben, aber das hätte er ihr natürlich auf keinen Fall gesagt. Kellys Haut zu fühlen, während sie sich an ihn klammerte, begeisterte ihn, und ihr Stöhnen die ganze Nacht lang anzuhören war ihm ein pures Vergnügen.

Als sich Kelly abermals zurück an die Luft kämpfte, die nur hier in Florida so riechen konnte, fiel ein orangerotes Licht auf ihren Körper. Kurt hatte es auch bemerkt, so wie er sie anschaute.

Plötzlich leuchtete außer dem Mond noch etwas anderes auf sie. Das Meer ringsherum sah plötzlich aus wie beim Sonnenaufgang, aber so lange waren sie doch noch gar nicht draußen gewesen, oder doch?

Die zwei sahen einander kurz verwirrt an, bevor Kelly schließlich zum Himmel hinaufschaute, als sei dort eine Erklärung zu finden. Die sternenklare Finsternis war zerrissen worden wie ein Schleier und ein Feuerball sauste am Firmament entlang.

Erst jetzt wurde Kurt bewusst, wie weit sie hinausgetrieben waren. Der Uferdamm sah aus, wie eine Flugzeuglandebahn aus einer Entfernung von zwanzigtausend Fuß. Ehe er vorschlagen konnte, zurückzuschwimmen, schrie Kelly panisch: »Er kommt genau auf uns zu!«

Das stimmte tatsächlich. Die Kugel wurde immer größer, bis sie schließlich den gesamten Himmel über den beiden auszufüllen schien. Die Hitze des herabstürzenden Gesteins strahlte auf ihre Gesichter ab, als Kurt erkannte, dass der Meteor sie tatsächlich treffen würde. Er näherte schnell und zum Ausweichen blieb keine Zeit mehr. Kaum, dass er mit einem gewaltigen Rauschen auf die Oberfläche schlug, stieg eine Stoßwelle empor.

Sie wurden haushoch aus dem Meer herausgehoben und dann wie Marionetten gegen den Stein geworfen, sodass ihre Körper wie Schinkenspeck in einer Pfanne verbrannten.

Kelly schrie zuerst, doch ihre Schreie erstarben abrupt. Ihr Kopf fiel in den Nacken und vor lauter Qual riss sie ihre Augen weit auf. Während der Meteor sank, war sie bereits unter der Oberfläche verschwunden. Ihre gerade noch goldbraune Haut erinnerte nun eher an ein Stück verkohltes Fleisch.

Nachdem Kurt wieder im Meer gelandet war, tat selbst das Planschen weh. Als er sich nach Kelly ausstreckte, sah er nur noch ihren fassungslosen Blick. Im Mondlicht erkannte er, dass sein Arm schlimmer verletzt worden sein könnte. Er war so schwer verbrannt wie Kelly, seine Haut schälte sich ab und das Gewebe wirkte wie geschmolzen.

In gleicher Weise, wie der Meteor untergegangen war, drohte nun auch Kurt, in Ohnmacht zu versinken.

Die bewegte See trug Kelly zurück in seine Richtung und sie versuchte, nach ihm zu greifen und zu schreien, doch ihre Luftröhre war verbrannt, und Blut strömte über ihre schwarz gewordenen Wangen, als weine sie bitterliche rote Tränen.

Schließlich tauchte sie nicht mehr aus den dunklen Wassermassen auf. Fort war sie – und somit auch Kurts letzter Eindruck von ihr, bevor ihm seine schwere Verwundung ebenfalls das Bewusstsein raubte. Ihm wurde schwarz vor Augen, während das Meer ihn nach unten in ein kaltes Grab zog.

***

Der Schlangenhai schraubte sich aus der Tiefe empor und bewegte sich durch das Wasser, das heller als gewohnt war. Er besaß zwar keinen Farbsinn, doch sein großer brauner Leib glitt durch eine warme blaue Umgebung, die ihm angenehmer vorkam als die pechschwarze Finsternis, in der er sonst die meiste Zeit seines Lebens herumstreifte.

Einige Tage zuvor hatte ihn eine zufällige Begegnung in Richtung Oberfläche gelockt. Er war eine Weile um die Insel herum geschwommen, um sich auf Geräusche vom Land einzustellen, die seine Sinne gereizt hatten.

Auf rhythmische Vibrationen von Musik sprach er besonders gut an. Die Bassfrequenzen eines Schlagzeuges hallten weit über den Atlantik und pflanzten sich als kräuselnde Wellen unter Wasser fort. Diese hatten den Hai neugierig gemacht, also war er hinaufgeschwommen, um die Ursache zu finden, hatte sie aber enttäuschenderweise nicht finden können. Brummende Bootsmotoren, die das Meer aufwühlten, hatten ihn schließlich verärgert, nicht zuletzt deshalb, weil er die enervierenden Rümpfe nicht ohne Weiteres aufbrechen konnte.

Davon einmal abgesehen, erinnerte ihn dies aber wieder daran, warum er tiefere Gewässer vorzog. Der Lebensraum dort war seines Empfindens nach von jeher stimmig gewesen. Beute zu finden stellte kein Problem dar. Am häufigsten tötete er Kalmare, weil diese wehrlos und oftmals verletzt waren. Manchmal brauchte er nur abzuwarten, bis sie sich ausgezehrt hatten und einfach nur noch dahintrieben. Im Gegensatz zu den meisten Haien besaß er die Fähigkeit, sich im Dunkeln zurechtzufinden, selbst in Tiefen zwischen hundertfünfzig und sechshundert Fuß. Wenn er sich anpirschte, blieben die anderen Meerestiere immer vollkommen ahnungslos und ruhig, bis es zu spät für sie war.

Er konnte sein biegsames Maul so weit aufsperren, dass er seine Beute in einem Stück verschlingen konnte. Er kaute mit dreispitzigen Zähnen, die in fünfundzwanzig Reihen angeordnet waren, um ihr Fleisch zu zerteilen, und trieb sie nicht selten in die Enge, sodass eine Flucht unmöglich wurde. Dies gereichte ihm zum Vorteil, weil er nicht so kraftvoll zubeißen konnte, wie andere Spezies, obwohl er der Größte seiner Art war. Eine zwanzig Fuß lange und fast zweitausendfünfhundert Pfund schwere Laune der Natur.

Er hatte jetzt die Spur eines größeren Tintenfisches aufgenommen, aber dann plötzlich das Interesse an dieser potenziellen Beute verloren, weil er von Erschütterungen des Wassers abgelenkt wurde, die durch die Finsternis bis in seine vertieften Hörkanäle gedrungen waren.

Nicht, dass er zum ersten Mal einen Menschen gesehen hätte, doch geschmeckt hatte er bis dahin noch keinen. Naturgemäß war er ihnen gegenüber misstrauisch und mied sie, wenn er auf sie stieß, was allerdings auch nur selten vorkam. Dieses Mal jedoch zog ihn irgendetwas zu dem Beinpaar hin, das über ihm hektisch um sich trat, um nicht unterzugehen.

Sein Instinkt sagte ihm, lieber das Weite zu suchen, doch er war momentan nicht geneigt, darauf zu hören.

Als wie aus dem Nichts ein breites Wellenband herunterströmte, schwamm er dem Ursprung entgegen. Wasser rauschte durch seine Nasenlöcher und damit auch der Geruch von Menschenblut.

Er neigte sich zur Seite und drehte seinen Kopf in Richtung Oberfläche, wobei er ein anhaltendes Platschen in der Ferne wahrnahm, während sich das Blut noch weiter ausbreitete. Schnell bewegte er sich auf die unregelmäßigen Wirbel zu. Die Meeresräuber aus der Umgebung spürten das Gleiche. Möglicherweise erwogen auch sie vorübergehend, der Ursache auf den Grund zu gehen, doch sobald sie erkannten, dass er bereits darauf zustrebte, stellten sie ihre Bestrebungen sofort ein.

Warmes Wasser war nicht ungewöhnlich, aber es wurde immer heißer, je näher er kam. Statt geradewegs in die unangenehme Hitze zu schwimmen, machte er einen Bogen darum und trieb dann an jener Linie auf der Stelle, wo die Atlantikströmung saisonal bedingt an dem Hochtemperaturherd vorbeiführte.

Vor ihm sank gerade ein gewaltiger Stein in die Dunkelheit hinab, darüber sah er die beiden um sich tretenden Beine. Die lauten Schreie erregten ihn. Er öffnete sein Maul und drang rasch durch die Hitze vorwärts.

In dem Moment als er sich auf dem Weg nach oben befand, bebte wie im Wettstreit um seine Aufmerksamkeit der Meeresboden unter ihm. Der herabgestürzte Stein war auf einem Ozeankliff aufgeprallt, riss inwendig auf und zerbrach. Mehrere leichtere Vibrationen brachten das Detektionssystem des Hais in Alarmbereitschaft.

Er taxierte aber weiterhin die Körper. Beide schwebten unter dem schwachen Licht dahin, zwei verkohlte, bewegungslose Leichen. Ihn beschäftigte jetzt nur noch eine Frage, nämlich, welche er zuerst fressen sollte.

Nun bemerkte er, dass der Stein geborsten war. Ein schmaler, langer Kopf schnellte daraus hervor, als er daran vorbeikam. Ein glatter Fortsatz wickelte sich um seinen Rumpf und zog ihn zu dem Stein, während der Kopf an seinem Körper entlangglitt, bis er es schaffte, in eine seiner Kiemen zu schlüpfen.

Der Hai biss zu, konnte den Eindringling aber nicht aufhalten. Immer wieder schlug er die Zähne aufeinander, während sich das wurmartige Ding zur Gänze in seinen Leib schlängelte.

Als er sich zu den Toten umdrehte, heftete sich der invasive Organismus an seine Eingeweide. Er spürte, wie sich das Wesen in ihm ausdehnte, wand und anpasste, sodass er irgendwann das Gefühl hatte, es sei schon immer da gewesen. Dies verstörte ihn zwar, aber er nahm die veränderten Umstände hin, denn anscheinend waren seine Körperfunktionen davon unbeeinträchtigt. Dann belegte etwas Kühles seine Basihyale – das Organ des Hais, das am ehesten einer Zunge entsprach – und bohrte winzige Zangen in das Fleisch hinein.

Er sträubte sich zwar dagegen, verlor jedoch im Zuge des Aufruhrs seinen Instinkt. Als er die beiden Leichen erreicht hatte, war sein Fressdrang plötzlich verschwunden. Die krampfhaft verdrehten Körper erregten in ihm etwa so viel Appetit wie ein Haufen Gummireifen, weshalb er sich mit geschlossenem Maul zwischen ihnen hindurchzwängte.

Die Leichen stiegen jetzt langsam wieder an die Oberfläche und er ließ die Mahlzeit bewusst entwischen. Der Hunger war ihm gründlich vergangen. Er glitt wieder hinunter in die Tiefe. Nahezu von einer Sekunde auf die nächste wurde sein Verstand gegen jenen des Parasiten ausgewechselt. Denn dieser kontrollierte ihn ab jetzt.

Frühlingsgefühle

Manuel sah sich gerade noch so im Spiegel und dachte: Scheiße!, kurz bevor er mit dem Gesicht dagegen knallte.

Er trug Schrammen rings um seine Augen herum davon und das eine schwoll ganz zu. Glassplitter stachen ihm überall ins Gesicht wie wütende Hornissen, als sei er mit dem Kopf mitten in ein Nest gefallen. Der Schläger, der ihn festhielt wie einen Rammbock, nutzte die Gelegenheit, um ihm mehrmals hintereinander in die Rippen zu boxen, was Manuel komplett die Luft raubte.

Als sein Schädel auf die Scherben im Waschbecken krachte, knirschte es laut. Er wollte durchatmen, doch sein Körper spielte einfach nicht mit. Die Schmerzen waren überall zugleich, und als es ihm endlich gelang, einmal flach Luft zu holen, beschlich ihn der Verdacht, dass diese Typen womöglich darauf gewartet hatten, dies zu tun, seit sie ihn am Vorabend in Miami vom Gehsteig aufgelesen hatten.

In gewisser Weise erleichterte ihn diese Feststellung, denn das hieß, dass das Warten nun vorbei war.

»Das reicht«, sagte Garcia, während er das Rauchen seiner Cohiba-Zigarre kurz unterbrach. »Lasst diesen cabrón los.«

Einer der Schläger – entweder Tavo oder Quino, packte Manuel an einem Büschel Haare und hob den Kopf so weit an, dass der Geprügelte die Blutlache vermischt mit den Scherben sah, in der er gelegen hatte. Er wurde noch höher gezogen und festgehalten, als er zu sprechen versuchte. Dies war offenbar das Zeichen dafür, seinen Schädel wieder so fest auf das Porzellan zu schlagen, dass es zerbrach wie Sperrholz. Er prallte von den Beckenteilen ab und fiel auf den Boden.

Urin spritzte aus einer Pfütze auf Tavo. Von unten konnte Manuel Garcia nicht sehen, aber als er seinen Kopf zur Seite sacken ließ, konnte er mit dem noch offenen Auge eine Wolke Zigarrenqualm erkennen, die zur Decke aufstieg. Garcia lachte mit einer tiefen Stimme aus dem Bauch heraus.

Eine Sekunde lang glaubte Manuel, das Schlimmste überstanden zu haben, doch dann begannen Tavo und Quino, ihm in den Brustkorb zu treten.

»Okay, okay«, lenkte Garcia ein und winkte seine Schergen mit einer Bewegung seiner Hand, in der er die Zigarre hielt, weg. Keiner der beiden – sie trugen Lederwesten über ihren gestählten, flächendeckend tätowierten Oberkörpern – sah sonderlich froh darüber aus, zurückgepfiffen zu werden. »Ihr brecht ihm sonst ja noch jeden verdammten Knochen in seiner Brust. Und was dann? Soll ich etwa für seinen Krankenhausaufenthalt blechen?«

Manuel schmeckte Blut in seinem Mund. Er schluckte es herunter und fasste sich dann vorsichtig in das Gesicht … allerdings nur mit den Fingerspitzen. Selbst die leichteste Berührung verursachte grauenvolle Schmerzen. Zähes Blut haftete an seinen Fingern, als er sie zurückzog, wobei er sich fragte, ob er Garcia tatsächlich dazu bringen konnte, für diesen Aufenthalt zu zahlen.

Er entschied sich, lieber nicht zu fragen.

Der Mann kniete jetzt neben ihm nieder. Seine Knie knackten arthritisch. Er biss auf seine Zigarre und grinste, dann blies er Manuel einen Schwall Rauch in das Gesicht. »Mit einem wunden Tier kann man auf zweierlei Art umgehen.« Er schob die andere Hand in die Tasche seines Jacketts, das aus weißem Leinen bestand, und nahm noch eine Cohiba heraus. Diese bot er ihm an.

Manuel nickte, woraufhin Garcia so höflich war, die Spitze abzuschneiden und sie ihm in den Mund zu stecken.

»Würde ich auf Tavo und Quino hören, müsste ich einen verletzten Köter von seinem Elend erlösen. Das ergibt doch auch irgendwie Sinn, qué? Ich meine, der Hund wird sowieso nie mehr derselbe sein, sondern humpeln, wenn er laufen sollte, also ja, Einschläfern wäre vernünftig. Mit meinen zwei Pappenheimern verhält es sich aber so, dass ich sie dafür entlohne, brutal zu sein, damit mir das Ganze erspart bleibt. Du kannst das bestimmt nachvollziehen, weil du auch einmal so warst wie sie. Du weißt, dass ich das Gefühl ziemlich unangenehm finde.«

Nun war es so still in dem Raum, dass sich Manuel einbildete, das Blut tröpfchenweise aus seinem Gesicht auf den Boden rieseln zu hören. Die Zigarre war hart, als er darauf biss, und Tabakbrösel verteilten sich in seinem Mund. Garcia kniff seine Augen zusammen und ließ seine Künstlerpause weiter andauern.

Er wollte Furcht in Manuels Gesicht sehen und sich daran weiden. »In diesem Fall stehe ich aber selbst in der Pflicht«, fuhr er schließlich fort. »Denn der Tierfreund in mir erinnert sich natürlich auch an schöne Zeiten – an jene Momente, in denen mein Köter ein guter Hund gewesen ist. Dieser Teil von mir möchte davon absehen, ihn zu töten, nur weil er nicht mehr apportieren kann.« Er versetzte Manuel eine Ohrfeige. Manuel hatte das Gefühl, vom Blitz getroffen worden zu sein.

»Hörst du mir überhaupt noch zu?«, fragte Garcia.

Manuel zwinkerte, weil ihm der Kopf zu sehr wehtat, um ihn zu bewegen.

»Gut«, sagte Garcia dann, »weil ich nämlich Folgendes denke … du bist schon lange nicht mehr auf der Höhe. Verflucht lange. Andererseits kann man es dir nicht verübeln, aber genau das begreifen Tavo und Quino eben nicht. Vielleicht humpeln sie ja auch eines Tages nach Hause. Falls das geschieht, werden sie hoffen, dass sich der Tierfreund in mir an die guten Zeiten erinnert, die ich mit ihnen hatte.« Er nahm jetzt ein Butangas-Feuerzeug aus der Tasche und schlug es mit einem kräftigen Daumendruck an.

Die Flamme zischte und brachte die Spitze von Manuels Zigarre zum Knistern. Gleich darauf sah er, wie sich graue Asche daran kräuselte. Er zog mehrmals tief daran. Dies half ihm dabei, ruhig zu atmen, und sobald ihm wieder wohler zumute war, stützte er behutsam seine Ellbogen auf, um sich hinzusetzen. Ganz aufstehen konnte er nicht, denn damit hätte er riskiert, dass Garcia sich bedroht fühlte. Am besten blieb er einfach, wo er war, und zeigte sich eindeutig unterwürfig.

Er hatte sich vorgestellt, das Ganze würde anders ausgehen. In der vorangegangenen Nacht war er sich nach seinem Entschluss zur Flucht sicher gewesen, dass es vorbei war. Das hätte er sich zumindest gewünscht.

Die ernüchternden Kopfschmerzen hinter seinen Augen standen jenen in seinem geprellten Brustkorb und zerkratzten Gesicht in nichts nach. Die Zigarre schmeckte ein wenig fade, aber eigentlich hatte er die ätzenden Dinger noch nie gemocht. Zumindest half diese ihm aber dabei, wieder klar denken zu können. Mit jedem Atemzug beruhigte sich sein Gehirn weiter, sodass einer vernünftigen Einstellung nichts mehr im Wege stand.

Rückblickend war seine Entscheidung dämlich gewesen, keine Frage, aber zu jenem Zeitpunkt hatte er sich nicht weiter darum gekümmert und jetzt tat er es auch nur, weil Garcia vor ihm stand und Manuel zwang, die Enttäuschung wettzumachen, von der sein Blick zeugte.

Scheiße, dachte er wieder, da ihm nichts anderes einfiel.

Am besagten Abend war er im Skylight 31 gewesen, Garcias Nachtklub in der 23. Straße. Dort hatten alle den großen Sieg gefeiert, die laut irgendeiner Liste, für die sich die zahlende Kundschaft keinen Deut interessierte, fünfte Auszeichnung zu »Miamis bestem Nachtlokal« in Folge. Cristal-Champagner war auf den VIP-Lounges in Strömen geflossen, während leichte Mädchen auf Bühnen im Neonlicht mit ihren Ärschen gewackelt und Typen sie aus den Augenwinkeln begafft hatten.

Normalerweise betreute Manuel die auftretenden Talente im Klub. Er buchte sie aber nicht, sondern hofierte sie lediglich, sobald sie eintrafen. Manchmal erforderte das auch die Erfüllung abseitiger Wünsche, etwa ein Paar Schlangenleder-Mokassins in Größe 14 aufzutreiben oder dafür zu sorgen, dass man ihre Hotelsuiten mit so vielen Prostituierten und Koks-Beuteln ausstattete, wie Garcia zu spendieren bereit war.

Vor Urzeiten hatte er mal als Schläger Nummer eins seines Bosses fungiert und die besondere Gabe besessen, diejenigen aufzuspüren, die versteckt bleiben wollten – solche mit Spielschulden, so hoch wie der Mount Whitney oder niedere maricónes, die Garcias Nachschublinien überfallen und geglaubt hatten, sie könnten sich in den Everglades verbergen, bis eines Tages Gras über ihre Aktionen gewachsen war. Der Mann hatte allerdings ein Gedächtnis wie ein Elefant, weshalb Manuel nicht erwartete, dass er irgendetwas vergessen würde. Er war es nur leid gewesen, ein Versager zu sein, der jemand anderem auf der Tasche lag.

Warum, das wusste er nicht. Vielleicht stellte der Lebenswandel eine Gewohnheit dar, die sich nur schwer ablegen ließ. Was auch immer jedoch die Ursache gewesen war … an diesem Abend hatte er beschlossen, dass es ihm scheißegal war.

Das Lokaltalent, irgendein bahnbrechender DJ namens Muto, Buto oder sonst wie, war höchstens zweiundzwanzig gewesen, hatte enge Jeans getragen und seinen flächigen Kinnbart wie einen Regenbogen gefärbt. Er war zu Manuel gekommen, um dreizehnjährige Fotzen zu verlangen – wie bei einer Bestellung bei McDrive.

Damit hatte er in Manuel einen Schalter umgelegt, sodass dessen Anstand unter einem Wutanfall verloren gegangen war. Im Allgemeinen kratzten ihn solche Ansprüche nicht. »Heroin gefällig? Sechs Huren? Kein Ding, alles Geschäftskosten.«

Sex mit Minderjährigen hingegen markierte aber eindeutig eine Grenze, die niemand überschreiten durfte.

Muto, Buto oder sonst wie, hatte Manuels Empörung überhaupt nicht nachvollziehen können, sondern seine Stirn gerunzelt, als existiere das Wort Nein gar nicht. Ein Typ, der zweihundert Tage im Jahr in Hotelzimmern übernachtete, war der Annahme gewesen, sich wie ein Monarch aufführen zu können.

»Williges Fleisch ist williges Fleisch, Bruder, und mit dreizehn ist kein Mädchen unsicher, wenn es darum geht, was es will oder nicht.« Als Friedensangebot hatte Muto, Buto oder sonst wie, sogar vorgeschlagen, sich die Mädchen zu zweit zu teilen, weil er davon überzeugt gewesen war, Manuel müsse nur von der verbotenen Frucht kosten, um auf den Geschmack zu kommen und sie dann nie mehr missen zu wollen.

Letzten Endes hatte Manuel den Feuerlöscher hinter der Theke genommen und dem Kerl mit dem unteren Ring an der Flasche – der aus massivem Metall bestand – die Fresse eingeschlagen. Die Zähne des Kinderfickers waren wie Konfetti durch die VIP-Lounge geflogen und sein Unterkiefer hatte geblutet, schwärzer als Schokoladensirup. In diesem Moment war Manuel fest entschlossen gewesen, ihn umzubringen, und mit dem Feuerlöscher hoch über seinem Kopf ausholend auf ihn losgegangen, wobei er sich vorgestellt hatte, das Gehirn des DJs werde wie Kartoffelbrei aussehen, wenn er es ihm aus dem Schädel geprügelt hatte.

Leider waren die Sicherheitskräfte irgendwann dazwischengefunkt. Alle im Skylight 31 kannten Manuel als vierzigjährigen Einzelgänger aus Überzeugung. »Er und Garcia kennen sich schon ewig«, hieß es, und aus genau diesem Grund hatte man ihn auch einfach nur aus der Schicht entlassen, anstatt ihn zur Schnecke zu machen. »Geh nach draußen«, war ihr Rat gewesen. »Frische Luft schnappen.« Sie hatten größere Sorgen gehabt, dem Päderasten die Zähne wieder zurück in das blutende Maul zu fummeln.

Manuel war daraufhin hinausgegangen und hatte ein halbes Päckchen Marlboro geraucht, während ihm der Ernst hinter seiner Tat allmählich bewusst geworden war … ein schlechtes Gewissen wie nach dem Wichsen zu einem wirklich abartigen Film.

Die Sache war allerdings die, er hatte gewusst, wie die Geschichte ausgehen würde, oder zumindest geglaubt, es zu wissen. All die Jahre an Garcias Seite ließen sich mit dem Geist der zukünftigen Weihnacht von Dickens vergleichen.

Er hatte gesehen, was geschah, wenn man zu lange blieb, und deshalb beschlossen, sich auszuklinken. Dummerweise war zu viel Zeit vergangen, um sich darüber klar zu werden. Er hatte auf der Straße überlegt, wie er verschwinden könne, als auch schon Tavo und Quino auf den Plan getreten waren.

»Manuel, lass uns 'ne Spritztour machen.«

»Pass auf«, sagte nun Garcia und lächelte warmherzig, ja vielleicht sogar mitleidig, aber nur eine Sekunde lang. »Ich gebe dir den Laufpass, cabrón. Mir bleibt leider nichts anderes übrig. Du hast mich 'ne Stange Geld und einen noch größeren Teil meines guten Rufs gekostet, also muss ich leider gewisse Dinge mit dir anstellen, die dir gar nicht gefallen werden.«

Er nahm den ringförmigen Zigarrenschneider und stülpte ihn nun über einen von Manuels Mittelfingern. Ein kurzer Ruck, dann war der Finger ab … die Klinge hatte den Knochen mühelos durchtrennt.

Manuel biss so fest auf die Cohiba, dass sie zerbrach.

»Den schick ich dem DJ, damit er weiß, dass du auch dein Fett wegbekommen hast«, meinte Garcia. »Lektion gelernt?«

Das hatte Manuel. Er fing an zu weinen, und jede Träne brannte, sobald sie in eine der Schnittwunden in seinem Gesicht floss. Das war jedoch nichts im Vergleich zu dem stark blutenden Stumpf an seiner linken Hand, wo nun der Mittelfinger fehlte.

Er wollte brüllen, doch dann fiel ihm ein, dass er Garcia noch eine Antwort schuldete, und nickte rasch.

»Gut. Jetzt kommen wir zu dem Punkt, wo du die Wahl hast … Entweder lassen wir dich hier an einer beschissenen Raststätte in der Nähe der Everglades zurück, und du verschwindest aus Florida – für immer – oder du erledigst noch einen letzten Auftrag für mich und verdienst dir ein bisschen was dazu. Danach verziehst du dich trotzdem auf ewig von hier, allerdings mit genügend Geld, dass du nie als Begrüßungskasper bei Home Depot anheuern musst, um deine Miete bezahlen zu können.«

Manuel spuckte nun Zigarrentabak über den Boden, bevor er sich die Cohiba zurück in den Mund steckte, um den Rest zu rauchen. Die Spitze glühte orange, und weiter daran zu ziehen trug dazu bei, dass er ein klareres Bild von seiner Situation bekam. Garcia hatte seit jeher ein Händchen für so etwas gehabt. Er wollte nicht, dass sein Schützling voreilige Entscheidungen traf. Gegenseitiger Respekt zeichnete den Umgang der beiden während ihrer gemeinsamen Zeit aus.

»Was für einen Auftrag?«, fragte Manuel nach einer Weile.

»Du willst es im Ernst machen?«, erwiderte Garcia lachend. »Das ist prima, Manuel. Freut mich wirklich. Ich brauche nämlich El Rastreador.«

Manuel war nie ausgesprochen lebensfroh gewesen, andererseits hielt er aber auch nicht viel von Selbstmord. Jetzt hörte er plötzlich die Stimme seiner Mutter, die ihn daran erinnerte, dass es schon Sünde war, an so etwas nur zu denken. Du fährst dann schnurstracks in die Hölle, genauso wie dein Vater, Manny.

Wenn das mal nicht der Inbegriff des katholischen Schuldbegriffs war … Manuel sorgte sich nicht um sich selbst, sondern er befürchtete viel eher, dass die Erfüllung seines unwahrscheinlichen Traums, dass er Marie und Samson eines Tages wiedersehen würde, mit der Gefahr einhergehe, eine Todsünde begehen zu müssen.

Darum schaute er zu Garcia auf und nickte erneut hinter dem Rauchschleier, der zwischen ihnen beiden waberte, und präsentierte einen Ausdruck von Zuversicht, um sich bereit zu zeigen, einmal mehr zu El Rastreador zu werden.

»Du sollst jemanden für mich ausfindig machen, aber wir päppeln dich zuerst mal wieder auf, dann erkläre ich dir alles weitere.«

***

»Reginald, ich habe dich doch darum gebeten, in der Küche aufzuräumen, während ich weg bin.«

Reggie rief die Übersichtsseite des Xbox-Menüs auf, um auf die Uhr schauen zu können. Es war schon fast Mittag. Er hatte den ganzen Morgen lang Fallout 4 gespielt – verständlicherweise für alle, die den Titel kannten, doch seine Mom würde sich mit dieser Entschuldigung bestimmt nicht zufriedengeben. Eher würde sie die Konsole bei eBay verhökern, als seine Faulheit zu unterstützen.

Er stürzte so hastig aus seinem Zimmer, dass die Wand im Flur, die voller Fotos hing, leise rappelte. »Hab die Zeit vergessen, Ma. Bin schon dabei.«

»Als wir das letzte Mal versucht haben, originalgetreue mexikanische Tacos zu Hause zu machen«, sagte sie, »stank es sogar in meinem Schlafzimmer nach fettigem Schweinefleisch.« Sie stand mitten in der Küche, zog ihre Jacke aus und legte sie über die Rückenlehne des Stuhls, dann griff sie zu einem Fleckenstift, der auf dem Tisch lag, zog den Verschluss ab und begann, damit über einen Kaffeespritzer am Kragen ihrer Bluse zu rubbeln.

»Für heute schon fertig mit der Arbeit?«

»Ja, Gott sei Dank. Aber ich muss um zwei wieder im Büro sein, um mich mit einem neuen Kunden zu treffen. Ich bin nur kurz nach Hause gekommen, um Hallo zu sagen.«

»Du brauchst nicht ständig nach mir zu schauen, Ma, ich bin schließlich schon dreizehn.«

»Außerdem habe ich mit mir selbst gewettet und wollte sehen, ob die Küche mittlerweile sauber ist.«

Reggie riss die Alufolie vom Backblech und zerknüllte sie, wobei er darauf achtete, dass nichts von dem ausgehärteten, aber trotzdem immer noch schmierigen Schweinefett herausquoll. »Und hast du gewonnen?«

»Nö, ich habe deinetwegen zwanzig Mäuse verloren, aber wie wäre es, wenn du das heute Abend wiedergutmachen würdest? Wir gehen ins Fire&Ice essen und sehen uns hinterher noch Big Trouble in Little China im Brattle an, was meinst du?«

Mongolisches Grillfutter oder John Carpenter abzulehnen stand ihm zwar nicht zu, doch in diesem Fall hatte er weder das eine noch das andere verdient. Er erkannte Moms Masche sofort. Dad hatte ihn regelrecht mit solchen Filmen erzogen. Seine Mutter hingegen fand immer Ausflüchte, um von der Couch aufzustehen, bevor sie Das Ende – Assault on Precinct 13 oder Die Klapperschlange einlegten, obwohl sie sich jetzt Mühe gab.

Das nicht gutzuheißen war schwierig.

Mom verschwand nun in ihrem Zimmer, während Reggie zu Ende sauber machte. Als die Arbeitsflächen aufgeräumt und abgewischt waren, stank der Mülleimer nach den gesammelten und verdorbenen Essensresten einer ganzen Woche. Er hievte den Sack deshalb aus dem Edelstahlbehälter und zurrte ihn gerade zusammen, als das Telefon läutete.

Seine Mutter öffnete ihre Tür und trat in den Spalt. »Pfui, trag das sofort raus!« Sie ging zum Telefon und nahm den Anruf entgegen.

Den Müll hinauszubringen war echt ätzend, weil es bedeutete, ihn zwei Treppenläufe hinuntertragen zu müssen, wo er in die Gemeinschaftstonnen in der Gasse kam. Mom musste darauf gebrannt haben, sich dieser Pflicht zu entledigen, denn sie hatte sie abgegeben, sobald Reggie zehn Jahre alt geworden war. Seit den vergangenen drei Jahren versuchte er nun, es auf erträgliche Weise zu erledigen, glaubte aber so langsam, dass dies einfach nicht möglich war. Wartete man zu lange, waren die Säcke prall gefüllte Brocken, die sich kaum noch nach unten wuchten ließen, und falls einer unterwegs platzte, was bereits passiert war, konnte man seinen freien Abend komplett abschreiben, um Bananenschalen und Hähnchenknochen einzusammeln, während man den Nachbarn im Weg hockte und angestarrt wurde, als habe man Atommüll verstreut.

Handelte er hingegen vorbeugend und trug den Sack hinunter, wenn er nur halb voll war, rügte ihn seine Mom, dass er die Dinger verschwenden würde. Dieses Spiel ließ sich offenbar einfach nicht gewinnen.

Nachdem Reggie den Sack in einer Tonne deponiert hatte, putzte er sich die Hände an seiner Jeans ab, weil irgendetwas Fetttriefendes doch noch an seine Finger geraten war. Als er in das Gebäude zurückkehrte, beschloss er, den Aufzug zu nehmen. Er drückte auf den Knopf mit der Eins und trat in die Kabine.

Gerade als die Tür zuging, wurde jene des Hausflurs geöffnet, und Becky St. George kam herein. Sie ging langsam an den Briefkästen vorbei, während Reggie der Schmuckstein ihres Bauchnabelpiercings ins Auge sprang. Er wollte jedoch nicht auf diesen Trick hereinfallen, vor allem, weil sie ihm gerade zum ersten Mal überhaupt ins Gesicht schaute. Sie war nur ein Jahr älter, aber bereits absolut anbetungswürdig. Die Uniform der katholischen Schule schien ihre Schönheit noch zusätzlich hervorzuheben, wobei sie eher an Britney Spears als an Rocknonne Sister Janet erinnerte. Außerdem lächelte sie ihn beim Näherkommen an.

In den sechs Monaten, seit sie hier wohnte, hatte sie ihm nicht einmal die Uhrzeit genannt.

Reggie streckte eine Hand aus, damit die Aufzugtür offenblieb.

Becky trat ein und schaute ihn weiter lächelnd an. »Die Drei, bitte.«

Ihn juckte es in den Fingern Ich weiß zu sagen, doch er widerstand der Versuchung. Dass sie ihn überhaupt in diesem Maß zur Kenntnis nahm, ließ sein Herz höher schlagen, aber so verlockend es auch sein mochte, er widerstand der Versuchung, einen Plausch vom Zaun zu brechen. Stattdessen plante er seinen Angriff, nachdem er den Knopf betätigt hatte.

Die kleine Drei leuchtete gelb auf und der Aufzug fuhr nach einem kurzen Ruckeln los. Im Nu öffnete sich die Tür im ersten Stock.

Becky schaute Reggie verwundert an. »Wohnst du nicht im Ersten?«

»Doch«, antwortete er, »aber ich wollte zum Dach hinauf, um nach Eichhörnchen zu suchen.«

»Hä?«

Was redest du denn da nur für dummes Zeug? »Gestern Nacht habe ich gedacht, welche in den Wänden zu hören, und würde deshalb gern nachschauen, ob es da oben Spuren von ihnen gibt … Kothaufen, Eicheln und so weiter.«

»Igitt, wirklich? In den Wänden? Ruf doch einfach Mr. Albert an, der kümmert sich doch um so etwas, das ist schließlich seine Aufgabe. Das sollte nicht unser Problem sein.«

»Ich will mich eben vergewissern, bevor ich ihm sage, dass es echt ein Problem gibt.«

Ein erneutes Klingeln ertönte, als sie den dritten Stock erreichten. Becky stieg aus, drehte sich aber noch einmal um, als sie über die Schwelle trat. »Mich kribbelt es schon, wenn ich mir nur vorstelle, dass die Viecher durch die Wände kriechen … gib mir einfach Bescheid, falls ich ein paar Rattenfallen aufstellen muss.«

»Ich glaube nicht, dass man Eichhörnchen so leicht töten kann.«

»Egal, ich will auf keinen Fall das Risiko eingehen, Tollwut zu kriegen.«

»Ich heiße übrigens Re…« Die Aufzugtür schloss sich nicht wieder, solange er keinen weiteren Knopf drückte. Seufzend wählte er wieder die Eins und fuhr zurück auf die Etage, wo sein Appartement lag.

Eichhörnchen? Darüber laberst du bei deinem allerersten Wortwechsel mit Becky St. George? Eichhörnchen? Jetzt denkt sie bestimmt, ich hätte in meiner Freizeit nichts Besseres zu tun, als auf dem Dach Nagetierscheiße zu suchen.

Als Reggie die Wohnung betrat, traf er seine Mutter hörbar ungehalten an. »Luther, bitte«, raunte sie ins Telefon. Er erstarrte und hoffte, sie nicht gestört zu haben, indem er die Tür zu laut geöffnet hatte.

»Ich weiß nicht, was ich dir sagen soll. Du hast doch gemeint, du würdest dich freuen, Reginald zu nehmen. Wie oft soll ich denn nachhaken, nachdem du eingewilligt hast, bevor ich einen Urlaub sicher planen kann? Ich habe es ihm noch nicht erzählt. Das wollte ich heute nach dem Abendessen tun … Ich denke, das geht okay für ihn, ehrlich.«

Reggie hörte, wie sie nervös hin und her ging, so als warte sie auf die Prognose eines Arztes. »Nein, du bauschst das über Gebühr auf … er liebt seinen Vater. Du weißt genau, dass ich nichts von mir gebe, das ihn das Gegenteil vermuten lassen könnte. Komm mir ein bisschen entgegen, Luther. Ich werde ihn bestimmt keine ganze Woche lang daheim alleinlassen … klar, er wird immer erwachsener, aber keine Mutter lässt ihren Sohn während der Frühlingsferien unbeaufsichtigt zu Hause.«

Reggie, der nun vor Wut schäumte, stapfte in die Küche und zog unwirsch eine Flasche MexiCoke aus dem Kühlschrank. Nachdem er den Kronkorken mit dem Magnetöffner an der Tür entfernt hatte, warf er das Ding aufgebracht durch den Raum.

Seine Mutter verstummte mitten im Satz, als sie seine lautstarke Unmutsbekundung hörte, und redete erst nach einer kurzen Pause weiter.

»Ich muss jetzt auflegen. Er ist wieder da und hat bestimmt alles mitbekommen. Du darfst mir das jetzt nicht antun, Luther. Bitte.«

Reggie hatte die vor Kälte angelaufene Flasche schon halb leer getrunken, als seine Mom in die Küche zurückkehrte. Sie hängte den Telefonhörer wieder in der Station ein, wich jedoch dem Blick ihres Sohnes aus. Während sie auf das dunkle Fliesenmuster des Fußbodens starrte, murmelte sie etwas darüber, dass der Boden dringend neu verfugt werden müsse.

»Ich will nicht nach Florida«, begann Reggie.

»Reginald, bitte.«

»Mom, das ist meine einzige freie Woche. Warum kann ich denn nicht einfach allein daheim abhängen? Ich bleibe auch in der Wohnung. Du wirst gar nicht daran denken, dass ich hier bin.«

Sie sträubte sich gegen diese Vorstellung. Mit dem Umstand, dass er langsam zum Mann wurde, tat sie sich sowieso schon schwer, nur dass es aus irgendeinem dummen Grund in erster Linie sein Problem war.

Sie setzte sich ihm gegenüber und streckte die Hand nach der Colaflasche aus. Er schob sie hinüber zu ihr und schaute dabei zu, wie sie einen kräftigen Schluck trank. »Ich weiß nicht, warum du meinst, dass das Zeug wesentlich besser schmecken würde«, sagte sie nach dem Absetzen, dann kniff sie die Augen zusammen und presste die Lippen aufeinander, als wolle sie zu einer Gardinenpredigt ansetzen. »Es ist nichts Persönliches gegen dich, Reggie. So wie du reagierst, könnte man ja denken, ich wollte dich in ein Ferienlager schicken, aber hier geht es nicht darum, dich aus der Wohnung zu scheuchen, nicht einmal ansatzweise.«

»Worum dann? Wann hättest du es mir denn erzählt?«

Sie seufzte. Da ihn seine Mom generell sehr ungern aus dem Haus ließ, kaufte er ihr durchaus ab, was sie gerade gesagt hatte. Aber sie versuchte auch, ihm etwas vorzuenthalten. Er war es nicht gewohnt, sie so sehen zu müssen.

In Gesprächen wies ihn sein Dad stets darauf hin, dass er jetzt der Mann im Haus war und somit auch dafür verantwortlich war, auf Mom achtzugeben. Das tat er auch, obwohl er sich schon fragte, weshalb eine Erwachsene behütet werden müsse.

Hätte so etwas nicht mittlerweile hinter ihnen liegen müssen?

»Also gut, Reginald, ich will offen zu dir sein – so offen wie ich es auch von dir erwarten würde. Ich treffe mich schon seit ein paar Monaten regelmäßig mit jemandem … davon habe ich dir aber noch nichts erzählt, weil ich wusste, dass du … empfindlich bist, was das betrifft …«

»Aber was ist denn so schwierig mit Dad?«

»Nichts.« Sie drehte die leere Colaflasche – Hauptsache, beim Erörtern dieses Themas den Blickkontakt meiden. »Uns wurde nur irgendwann klar, dass es zwischen uns nicht mehr funktioniert.«

»Aber mit deinem Neuen funktioniert es?«

»Er heißt Anthony. Ja, das tut es. Wir fliegen nächste Woche zusammen nach Italien, und ich dachte, du wärst begeistert, ein bisschen Zeit mit deinem Vater verbringen zu dürfen.«

Wenn Reggie eines fernlag, dann eine Rückkehr auf diese Insel. Denn dort war es öde und das Essen schmeckte ätzend. Von Meeresfrüchten bekam er im harmlosesten Fall Dünnschiss, und das Wi-Fi war quälend langsam, weil sich jeder mit zehn Geräten auf einmal einloggte. Darum standen Xbox, Snapchat oder Instagram gar nicht erst zur Debatte.

Seine Mutter hätte ihn also ebenso gut auf eine Militärschule schicken können. »Deine Art, mich belohnen zu wollen, ist echt komisch«, antwortete er. »Mir kommt es nämlich eher wie eine Bestrafung vor.«

Er wollte diese Ferien zwar locker angehen, hatte aber Ziele. Es sollte dabei um Becky St. George gehen, und er hatte sich vorgenommen, seinen Mut zusammenzunehmen, um sie zu einem Hamburger und einem Kinofilm einzuladen. Der Zeitpunkt musste genau abgepasst werden, was leichter gesagt als getan war, weil es auf ihre letzten sechzehn Begegnungen nicht zugetroffen hatte. Heute war es ebenfalls unpassend gewesen, doch wenigstens hatte er die Chance erhalten, ihr in die Augen zu schauen und etwas zu sagen.

Und dann fasele ich etwas von Eichhörnchen …

Ich könnte ja einfach über Bord springen, sobald ich auf der Fähre bin.

Falls ihn Mom nach Florida fliegen ließ, konnte er sich dergleichen aber abschminken. Becky St. George würde dann weiterhin unerreichbar für ihn bleiben – ausgenommen in seiner Fantasie – und sie würde ganz bestimmt einen Freund haben, wenn Reggie zurückkehrte.

Das Ganze war eine Katastrophe.

Er wollte Einwände erheben, bemerkte aber noch rechtzeitig den erschöpften Gesichtsausdruck seiner Mutter. Ein Geheimnis vor ihrem Sohn zu haben, war falsch gewesen, doch hatte ihr Reggie eine andere Wahl gelassen? Angesichts des letzten Mackers, mit dem sie im Appartement angetanzt war … als er sich hinausgeschlichen und eine ganze Packung Nudelsoße auf dessen Motorhaube verteilt hatte? Damals war er zwar noch jünger gewesen, aber sie ging offenbar nicht davon aus, dass er seitdem merklich vernünftiger geworden war.

Mit der Schwäche, die sie zeigte, schien sie ausdrücken zu wollen: Bitte Reginald, du musst mir diese Reise gönnen. Er wusste, dass seine Einwände haltlos waren. Die Insel, auf der sein Vater jetzt lebte, fand Reggie kacke, aber ihn wiederzusehen konnte schon schön werden. Als er an Becky St. Georges von der Sonne verwöhnten Bauch dachte, musste er sich unweigerlich auf die Zähne beißen.