Beschreibung

Die sechzehnjährige Lily hat einen Traum: Sie möchte auf die renommierte Princeton University gehen, die auch ihr Großvater schon besucht hat. Dazu muss sie einen geheimnisvollen Test bestehen und einen Schlüssel suchen, der ein Tor zu einer anderen, magischen Realität öffnet. Auf dem Campus begegnet Lily der gut aussehende Tye, der ihr seine Hilfe anbietet. Doch Tye ist nicht, was er zu sein scheint ...

Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:

EPUB
MOBI

Seitenzahl: 428

oder

SARAH BETH DURST

ivy

STEINERNE WÄCHTER

Roman

Ins Deutsche übertragen von

Katrin Harlaß

Für Old Nassau

Although Yale has always favoured

The violet’s dark blue,

And the many sons of Harvard

To the crimson rose are true,

We will own the lilies slender

Nor honor shall they lack,

While the Tiger stands defender

Of the Orange and the Black.

Aus »The Orange and the Black«,

Schlachtgesang der Universität Princeton;

Text: Clarence Mitchell, 1889

Dt.:

Schon von jeher liebte Yale

Des Veilchens dunkle Bläue,

Und die vielen Söhne Harvards

Halten dem Rot der Rose die Treue,

Doch unser sind die schlanken Lilien,

Für immer hochgeschätzt und selig

Und der Tiger steht als Hüter

von Orange und Schwarz auf ewig.

Kapitel eins

Wir sind fast da«, sagte Grandpa.

Lily drückte sich die Nase am Autofenster platt und betrachtete mit gerunzelter Stirn die Einkaufszentren, Tankstellen und Gewerbeparks, an denen sie vorbeirauschten. »Wirklich?« Sie hatte erwartet, auf dem Weg zu ihrer Traumuni etwas entschieden Hübscheres zu sehen als die riesigen Supermärkte und Einrichtungshäuser, die sich hier endlos aneinanderreihten. Mindestens einen altehrwürdigen Wald oder eine Wiese mit ein paar netten Kühen drauf. Und sie sollte den Klang von Trompeten hören, umrahmt von einem gewaltigen Chor, der in beeindruckenden Versen die Vollendung ihres Schicksals verkündete.

Vielleicht hatte sie sich diesen Moment ein bisschen zu üppig ausgemalt.

»Nur noch ein paar Meilen, dann werfe ich meine berühmte Clubjacke über«, bekräftigte Grandpa.

Das orange und schwarz gestreifte Princeton University Reunions Jacket, welches alle stolzen Alumni anlässlich ihrer regelmäßigen Absolvententreffen trugen, hing über der Lehne des Fahrersitzes. Lilys Blick und der ihres Großvaters trafen sich kurz im Rückspiegel, und sie fragte sich, warum er das wohl so ausdrücklich erwähnt hatte. Dann wanderten seine Augen hinüber zu Lilys Mutter, die auf dem Beifahrersitz hockte wie ein Häufchen Elend. Oh, na klar, dachte Lily. Falls es stimmte, dass sie gleich da waren, wurde es Zeit, Mom ein bisschen aufzuheitern. »Du weißt aber schon, Grandpa«, fragte sie spöttisch, »dass die aussieht wie das Fell von einem völlig durchgeknallten Zebra?«

»Du wirst noch Schlimmeres zu sehen bekommen«, versicherte ihr Großvater.

»Ich weiß nicht recht, ob das nackte Zebra dir zustimmen würde«, gab Lily zurück.

Grandpa nickte feierlich. »Die aus der Abschlussklasse von 1969 tragen eine Weste und ein Stirnband mit orange-schwarzen Yin-und-Yang-Tupfen.«

Lily heuchelte ein Schaudern. »Oh, wie grässlich!«

Auf dem Vordersitz begann ihre Mutter zu lachen. Ihr wildes, ungekämmtes Haar (heute zur Abwechslung mal wunderschön hellgrün getönt) schüttelte sich wie Weidenblätter, durch die ein Windstoß fährt. Zum ersten Mal seit ihrer Abfahrt von Philadelphia sah Mom nicht mehr halbverwelkt aus, sondern lächelte sogar. Sie hasste es, Auto zu fahren. Inmitten von all dem Stahl, Plastik und Glas fühle sie sich immer wie ein Vogel in einem Käfig, meinte sie. Hätte sie nicht Angst davor gehabt, welche Wirkung sich in Kombination mit ihrer üblichen Medizin einstellen könnte, hätte sie für die Fahrt bestimmt Valium genommen.

Normalerweise vermied sie Autofahren völlig. Aber das hier war kein normales Wochenende. Es war Princeton Reunions Weekend. Reunions Weekend! Lily konnte immer noch nicht glauben, dass Großvater angeboten hatte, sie beide mitzunehmen. Er fuhr zu jedem Absolvententreffen, sogar, wenn es kein rundes war, wie im vorigen Jahr das neunundvierzigste. Es war einfach sein »Ding«, die eine Auszeit im Jahr, die er sich gönnte, denn ansonsten kümmerte er sich rund um die Uhr um Lily und ihre Mutter. Diesmal jedoch hatte er gemeint, es sei für Lily langsam an der Zeit, ihre zukünftige Alma Mater kennenzulernen.

Dabei hatte sie sich noch nicht mal beworben. Sie besuchte noch die Highschool. In drei Wochen würde sie die elfte Klasse abschließen. Aber Grandpa hatte behauptet, es sei ihr vorherbestimmt, auf diese Uni zu gehen. Kein Zwang, natürlich. Jaja, schon klar.

Ihr Großvater deutete auf eine große Kreuzung und sagte: »Da vorne links.«

Lilys Herz schlug schneller. Eigentlich gab es überhaupt keinen Grund, so aufgeregt zu sein. Sie hatte ja noch nicht mal einen Termin für ein Bewerbungsgespräch. Im besten Falle würde sie sich einer Führung über den Campus anschließen und dann den Rest des Wochenendes mit einem Haufen siebzig Jahre alter Männer verbringen, die so taten, als seien sie noch immer zwanzig. Und doch verrenkte sie sich schon den Hals, um einen ersten Blick auf die Uni zu erhaschen.

Sie bogen in die Washington Road ein und ließen die Gewerbeparks, Motels und Einkaufszentren von New Jersey hinter sich. Jetzt sah Lily nur noch Grün, Grün und noch mehr Grün. Ihr stockte der Atem. Das kam der Sache schon näher! Die Straße zur Princeton University wurde von mächtigen Ulmen gesäumt, deren Kronen mindestens eine halbe Meile weit ein mächtiges, sonnendurchflutetes Gewölbe bildeten, durch das sie fuhren wie durch einen goldgrünen Tunnel. Blätter schwangen sanft in einer leichten Brise, und Lily wollte ihre Arme weit nach oben strecken, um den Wind einzufangen. Ihre Finger stießen unsanft gegen den Autohimmel. Verlegen ließ sie die Hände sinken und beschränkte sich darauf, aus dem Fenster zu starren. Vor ihnen schwang sich eine steinerne Brücke über einen See, dahinter tauchte ein weitläufiges Bootshaus auf. Wettkampfboote lagen kreuz und quer auf einem asphaltierten Strand. Die Szene wirkte wie ein Foto aus einer Werbebroschüre. Lily wurde ganz beschwingt zumute. Gierig nahm sie den Anblick in sich auf. Das war einfach perfekt!

Nachdem sie die Brücke hinter sich gelassen hatten, hielt Großvater an einer Ampel und verkündete: »Wir sind da.«

»Zu Hause«, meinte Lilys Mom glücklich.

Lily schloss die Augen, als ihr perfekter Augenblick in Stücke brach.

»Nein, Rose«, sagte Grandpa ruhig und geduldig. »Das ist Princeton University, nicht unser Zuhause. Wir sind hier zu meinem fünfzigsten Absolvententreffen. Erinnerst du dich?« Lily machte die Augen wieder auf und musterte ihre Mutter aufmerksam. Würde es ihr wirklich wieder einfallen, oder würde sie bloß so tun, als ob?

Rose runzelte kurz die Stirn und sagte dann: »Aber natürlich. Ja, ja. Es tut mir leid.« Der Stoff am Ärmel ihrer Chiffonbluse flatterte, als sie mit der Hand Richtung Fenster winkte und anfügte: »Es ist sehr schön hier.«

»Das fand ich auch immer«, erwiderte Grandpa ernst. »Hast du heute schon deine Medizin genommen?«

»Hat sie«, antwortete Lily anstelle ihrer Mom. »Aber hier ist noch eine Dosis …« Sie zog den Reißverschluss an der Handtasche ihrer Mutter auf und nahm eine kleine Ampulle heraus.

»Es geht mir gut. Wirklich gut«, versicherte Rose. In ihrer Stimme lag eine falsche Fröhlichkeit. »Nur ein kleiner Hickser.« Diesen Ausdruck hatte sie sich selbst ausgedacht: Hirnhickser. Als ob diese harmlose Bezeichnung alles richten würde. »Du kannst das wieder wegpacken.«

Lilys Finger schlossen sich fester um das Fläschchen. Genau wie lange war Mom glücklich gewesen? Fünf Minuten? Drei? Sie steckte das längliche Gefäß in ihre Tasche, leicht erreichbar, falls ihre Mutter die Medizin doch noch brauchen sollte. Dann zwang sie sich, wieder aus dem Fenster zu sehen.

Vor einer Bibliothek, deren Dach metallischen Flügeln glich, bog Grandpa rechts ab. Weiter ging es, vorbei an einem Observatorium und einem Stadionbau aus Beton, der von zwei großen Tigern aus Metall flankiert wurde, dem Maskottchen von Princeton University. Dann, an einem Schild mit der Aufschrift »Privater Parkplatz«, fuhr er nach links auf eine mit Kies befestigte Freifläche und hielt an.

»Vineyard Club«, sagte er und deutete auf einen baumbestandenen Hügel.

Als Lily sich nach vorn beugte, erhaschte sie einen Blick auf ziegelrote Giebel und spitzbogige Fenster hinter Bäumen. Sie hielt den Atem an. Vineyard galt als der exklusivste und prestigeträchtigste Eating Club der ganzen Universität. Hier war ihr Grandpa Mitglied gewesen.

Seinem Beispiel folgend, stieg sie aus und sog ganz tief den Duft von Princeton ein: den erdigen Geruch der Kiefern und den süßen Hauch der Tulpenbäume, gemischt mit dem säuerlichen Aroma schalen Bieres. Es roch genau, wie es riechen sollte. Sie lächelte.

»Oh, Freiheit!«, jubelte ihre Mom, sprang aus dem Auto und begann, sich wie wild um sich selbst zu drehen, die Arme in einem großen V über den Kopf gestreckt. Die Ärmel ihrer Bluse flatterten nur so. »Ich höre die ganze Welt singen!«

Grandpa kicherte glucksend. »Keine Autos mehr bis Sonntag«, versprach er, während er zum Kofferraum ging und ihr Gepäck herausnahm. Lily schnappte sich ihren Campingrucksack. Mom nahm unaufgefordert erst Grandpas scheußliches Jackett, dann ihre Handtasche vom Rücksitz. Lily und ihr Großvater musterten sie aufmerksam.

Ihr Lächeln verrutschte. »Es geht mir gut. Ich werde euch euer Wochenende nicht verderben.«

»Hier entlang«, sagte Grandpa und zeigte auf einen Pfad, der sich durch die Bäume schlängelte. »Wir werden schon erwartet.«

Bis jetzt hatte er nichts davon gesagt, dass sie irgendjemanden treffen sollten. Lily warf ihren Rucksack über die Schulter und folgte ihm eilig über den Parkplatz. »Von wem denn?«, fragte sie.

»Von allen«, erklärte ihr Großvater. Er sah sie an und grinste dabei übers ganze Gesicht. »Ich habe eine Überraschung für dich.«

Die letzte von Großvaters Überraschungen waren Schnecken zum Abendessen gewesen (Lily hatte eine probiert; Mom hatte sich rundheraus geweigert). Die Überraschung davor: ein zwei Meter hoher Riesenkaktus für ihren Laden (Mom hatte ihn sofort gemocht; Lily hatte einen vertrockneten Skorpion gefunden, aufgespießt auf einem seiner Dornen). Angesichts seines Rufes als respektabler Geschäftsmann zeigte Grandpa in dieser Hinsicht recht bizarre Neigungen. Auch jetzt bedachte er sie mit einem Augenzwinkern, als hielte er sich für den Weihnachtsmann persönlich. »Aber diesmal bitte keine Schnecken«, sagte Lily.

»Keine Schnecken«, versicherte er. »Nur ein paar Leute, denen ich dich vorstellen möchte.«

»Wirklich?« Sie hatte noch nie einen von Grandpas College-freunden getroffen.

Der Pfad führte durch das Wäldchen und hinaus auf eine sanft abfallende, perfekt gemähte Rasenfläche mit Volleyballnetz und exklusiven Gartenstühlen aus Teakholz. Während Grandpa vor ihr den Hügel hinaufschritt, versuchte Lily, sich ihn als Studenten vorzustellen – ohne den graumelierten Bart, mit schwarzem Haar statt weißem, ohne die vielen Fältchen im sonnengegerbten Gesicht. Ob er wohl seinen Mir-gehört-die-ganze-Welt-und-nicht-bloß-ein-Blumenladen-Gang hier gelernt hatte? Sie stellte sich vor, sie schritte selbst über diesen Rasen, als ob sie hierher gehörte.

Von hinten holte ihre Mom sie ein und hakte sich bei ihr unter. »Ich bin gespannt, welches geheime zweite Leben dein Großvater die ganze Zeit vor uns versteckt hat. Ein Dutzend Freundinnen vermutlich.«

Lily grinste. »Mindestens ein Dutzend.« Grandpa war schließlich ein äußerst gut aussehender Mann. »Zuerst treffen wir Buffy, Muffy und Fluffy, drei hübsche, blondierte Damen in den Achtzigern, die zusammen auf einer Yacht wohnen. Danach Margaret, die Geschiedene mit dem weichen, verletzlichen Herzen unter der rauen Schale. Und Penny natürlich, die reiche Witwe mit der Vorliebe für Paillettenkleider und Federboas.« Sie stiegen die Steintreppe zum Vineyard Club hinauf, und Lily verstummte. Hier sah sie ihn endlich in voller Größe vor sich, Großvaters berühmt-berüchtigten Club.

Rose hatte nicht bemerkt, dass Lilys Aufmerksamkeit jetzt auf anderes gerichtet war. »Und nicht zu vergessen Clarisse«, spann sie den Faden weiter, »die blitzgescheite Brünette. Und Martha, die dritte Ex seines drittbesten Freundes …«

Lily, deren Blick an der efeuberankten Fassade emporwanderte, keuchte beeindruckt: »Ich glaube, ich hab mich gerade verliebt.«

Ein Herrenhaus. Anders konnte man es nicht bezeichnen. Vineyard Club war ein Herrenhaus im viktorianischen Stil mit Türmchen und Giebeln aus altem Mauerwerk, über und über bedeckt mit Efeu. Die Fensterflügel bestanden aus Schmiedeeisen, und in den meisten befand sich Butzenglas. Lily reckte den Hals und versuchte, die Bilder in den bunten Scheiben zu erkennen, aber alles, was sie von ihrem Standpunkt aus sehen konnte, waren Farben. Saphirblau, rubinrot und smaragdgrün funkelten die Glasstücke im Sonnenlicht. »Kann ich hier einziehen? Jetzt gleich?«, fragte sie. »Im Ernst, hier würde ich gerne wohnen.«

Wie ein geschulter Butler öffnete Grandpa mit einem vollendeten Schwung die Tür und bedeutete ihr einzutreten. Lily lugte vorsichtig ins Innere: überall Mahagoni. Wände, Fußboden, Tische, Stühle, eine Bar mit Hockern – alles in schönstem, dunklem Edelholz. Es war … uuuh! Eine Woge schalen Bierdunstes rollte aus dem Gebäude und überschwemmte sie wie ein Tsunami. Sie wich zurück. »Aber bevor ich hier einziehe, desinfizieren wir es.«

Grandpa atmete tief ein. »Riecht nach Abschlussjahr.«

War das das Jahr, in dem seine Riechzellen den Geist aufgegeben haben? Lily machte ein paar Schritte rückwärts, um frische Luft zu schnappen. Sie drehte sich zu dem leuchtend grünen Rasen um, der sanft hinter ihnen abfiel …

… und erblickte den Jungen.

Er stand unter einer Kiefer neben dem Parkplatz, trug Jeans und ein schwarzes T-Shirt. Sein Haar war orange und schwarz gestreift wie das Fell eines Tigers – die Uni-Farben. Also war er eindeutig ein Princeton-Boy, der erste, den sie überhaupt zu Gesicht bekam. Sie fühlte sich wie ein Vogelkundler, der ein Exemplar einer überaus kostbaren und seltenen Spezies entdeckt hatte.

Seltsamerweise hatte es den Anschein, als würde der Junge ihr direkt in die Augen sehen.

Sicher war das bloß Einbildung. Er war vermutlich in den Anblick des herrlichen Hauses versunken. Oder wartete auf seine Freundin. Jungs wie er hatten eine Freundin. Sie interessierten sich nicht für Elftklässlerinnen. Und schon gar nicht für welche, die von einer langen Autofahrt zerknautscht waren und mit ihrer buckligen Verwandtschaft rumhingen. Lily öffnete den Mund und wollte ihre Mutter fragen, ob sie auch der Meinung sei, der Junge sähe zu ihr herüber. Doch dann hielt sie inne. Mom könnte seine Frisur gefallen. Lily hatte nicht die geringste Lust, das Reunions Weekend mit der Suche nach orange-schwarzer Haarfarbe zu vergeuden.

Also folgte sie ihrer Mutter und ihrem Großvater nach drinnen. Augenblicklich hatte sie den Jungen mit dem Tigerhaar vergessen. Sie war in Vineyard Club! Gespannt blickte sie sich um, als müsste sie sich jedes einzelne Detail für immer einprägen.

Der Schankraum von Vineyard Club fühlte sich alt an. Aber es war eher das Alt eines vorzüglich gelagerten Qualitätsweins als das eines alten Hauses mit ewig kaputten Wasserleitungen. Schwarz-Weiß-Fotos von Männern in Anzug und Krawatte (und, auf den neueren, auch Frauen) schmückten die holzgetäfelten Wände. Lily betrachtete das Bild, das ihr am nächsten hing, und stellte sich selbst in der Gruppe der Studenten vor.

Jetzt übertreib mal nicht, schalt sie sich. Sie hatte keine Ahnung, ob die Uni sie überhaupt aufnehmen würde, von dem mega-exklusiven Vineyard Club ganz zu schweigen. Was, wenn ihnen das B in Geschichte auffiel, das sie sich in der Neunten geleistet hatte? Was, wenn sie nicht genügend außerschulische Aktivitäten nachweisen konnte? Eigentlich fand sie ihre Liste ganz in Ordnung: Sekretärin des Schülerrates (aber nie Vorsitzende), zweimal im Chor für die Schulaufführung (aber nie die Hauptrolle), Teilzeitjob in Großvaters Blumenladen (ohnehin obligatorisch), ein Jahr Tap Dance (großer Fehler), gelber Gürtel in Taekwondo (Großvaters Idee nach dem Tap-Dance-Fiasko), Catcherin der Softballmannschaft ihrer Schule … Vielleicht hätte sie noch mehr tun müssen. Wenigstens einen zusätzlichen College-Vorbereitungskurs hätte sie noch irgendwo dazwischenquetschen sollen. Oder dem Debattierclub beitreten. Oder das Allheilmittel gegen Krebs finden.

Grandpa führte sie über den leicht klebrigen Fußboden zu einer Treppe. »Wir sind auf einem Hügel, also ist der Schankraum eigentlich der Keller«, erklärte er. »Der Rest des Clubs befindet sich oben.«

Die hölzernen Stufen waren hundert Jahre lang von unzähligen Füßen ausgetreten worden. An der Wand hingen noch mehr Fotos. Mom hielt auf der vierten Stufe inne. »Du bist es und bist es auch wieder nicht«, murmelte sie geheimnisvoll.

Lily erstarrte. Bitte, nicht schon wieder ein Hirnhickser. Die schienen sich in letzter Zeit zu häufen. »Alles in Ordnung, Mom?«

Grandpa machte kehrt und kam noch einmal zu ihnen herunter. »Komm, Rose«, sagte er sanft, löste ihre Finger behutsam von einem der Fotos und führte sie weiter die Treppe hoch. Er sah Lily nicht an.

Vielleicht war es ja auch kein Hickser gewesen. Manchmal ließ sich nur schwer sagen, ob Mom sich mutwillig rätselhaft gab oder wirklich verrückt war. Bitte, reiß dich zusammen. Wenigstens, solange wir hier im Club sind!, flehte Lily sie im Geiste an, während sie den beiden folgte.

Oben warfen Bleiglasfenster rote, grüne und goldene Schatten auf Ledersofas und Stühle mit hohen Lehnen. Den Fußboden bedeckte ein orientalischer Teppich, der an einigen Stellen bis auf die Kettfäden abgetreten war. Sie zeichneten sich inmitten des verblichenen, einstmals purpurroten Gewebes ab wie bräunliche Narben.

Ein Ende des Raumes nahm ein steinerner Kamin mit einem gewaltigen Sims aus Marmor ein, flankiert von einem Ölgemälde und einer cremeweiß gestrichenen Tür. Auf der gegenüberliegenden Seite, neben dem Durchgang zum Billard-zimmer, stand ein schwarzglänzender Flügel. Das Ganze wirkte sehr eindrucksvoll und sehr …

»Tot«, sagte Mom, als würde sie Lilys Gedankengang vollenden. »Hier muss Sonne rein. Frische Luft!« Sie wedelte mit den Händen zu den Bleiglasfenstern hinüber.

Eine neue Stimme sprach. »Aber dann würden wir doch unserer so sorgfältig kultivierten Aura des Altbackenen verlustig gehen.« Alle drei drehten sich gleichzeitig um. Ein älterer Gentleman betrat den Raum. »Gentleman« war genau die richtige Bezeichnung. Er trug ein tadellos gestärktes, sündhaft teures Hemd und einen akribisch gestutzten Bart und wirkte wie jemand, der gefesselt und mit verbundenen Augen eine Salatgabel erkennen würde.

»Joseph!« Grandpa ließ das Gepäck zu Boden poltern und durchquerte mit langen Schritten den Raum, ein breites Lächeln auf dem Gesicht.

»Richard, schön, dass du hier bist.« Die beiden schüttelten sich zuerst die Hände und klopften sich dann in typischer Männerart gegenseitig auf die Schultern, während sie sich umarmten. Das war also mit Sicherheit einer von Großvaters Studienfreunden. Lily versuchte, sich die beiden als junge Männer hier in diesem Club vorzustellen, aber es gelang ihr nicht. Dieser Mann war niemals jung gewesen. Er blickte an Grandpa vorbei zu ihr herüber. »Und du hast uns deine frühreife Enkelin mitgebracht?«

Lily hätte beinahe hinter sich geschaut, um nachzusehen, von wem er sprach. Ja, sie kümmerte sich viel um ihre Mutter, und ja, sie führte unter Großvaters Aufsicht den Blumenladen, aber das war einfach eine Notwendigkeit und hatte nichts mit Frühreife zu tun. Frühreife Mädchen hatten Pickel. Sie trugen Zöpfe und Matrosenkleidchen und konnten bereits im zarten Alter von zwei Jahren Shakespeare in zwölf Sprachen rezitieren … Oh Gott, was, wenn das ihre Aufgabe bei der Zulassungsprüfung war?

Grandpa winkte sie zu sich herüber. »Lily, ich möchte dir meinen ältesten Freund vorstellen, Joseph Mayfair.« Lily legte ihren Campingrucksack neben das übrige Gepäck auf den Fußboden und ging zu ihm.

»Musstest du unbedingt ›ältester‹ sagen?«, fragte Mr Mayfair, das Gesicht affektiert verzogen, und streckte Lily die Hand hin. Sie ergriff sie, und er schloss beide Hände um ihre. Sie war gefangen. »Es ist mir eine Freude, dich endlich kennenzulernen.«

Sie warf ihrem Großvater einen vielsagenden Blick zu. Er wusste ganz genau, dass sie es nicht mochte, wenn hinter ihrem Rücken über sie geredet wurde. Davon hatte sie bereits in der Schule genug. Grandpa sah nicht wie ein reuiger Sünder aus.

»Bist du bereit?«, fragte Mr Mayfair, der ihre Hand immer noch fest umklammert hielt.

Er klang so eindringlich, dass sie plötzlich Schmetterlinge im Bauch hatte. »Bereit wozu?«, wollte sie wissen, während sie überlegte, wie sie diesem vornehmen Gentleman ihre Hand entziehen könnte, ohne unhöflich zu erscheinen.

Grandpa sah seinen Freund mit düsterer Miene an. »Ich kenne die Regeln. Ich habe ihr nichts gesagt.«

Mr Mayfair nickte zustimmend und ließ Lilys Hand los. Sie lockerte ihre verkrampften Finger und blickte unsicher zwischen den beiden hin und her. Grandpa hatte bei seinen Überraschungen noch niemals einen Fremden einbezogen; es handelte sich um eine Tradition, die ausschließlich Familienmitgliedern vorbehalten war. Klar, für ihren Großvater war dieser Mann kein Fremder. Lily hatte zwar noch nie etwas von ihm gehört, aber Grandpa hatte ihn ihr gerade als seinen ältesten Freund vorgestellt. Zum ersten Mal in ihrem Leben ärgerte sie sich darüber, dass er nie von seinen Studienfreunden erzählte. Der Gedanke, ihr Großvater könne irgendwelche Geheimnisse vor ihr haben, gefiel ihr gar nicht, besonders, weil er anscheinend mit diesem Mann über sie gesprochen hatte.

Ihre Mom gesellte sich zu ihnen und streckte Mr Mayfair die Hand hin. »Ich bin Rose Carter, Richards Tochter.«

Er nahm die Hand in seine. »Wir kennen uns doch bereits, meine Liebe.« Seine Stimme klang sanft und liebenswürdig. »Erinnerst du dich denn nicht?«

Oh-ooh, dachte Lily.

Moms Lippen formten sich zu einem spitzen O. Dann schüttelte sie stumm den Kopf.

Als Mr Mayfair die Hand ihrer Mutter wieder losließ, nahm Lily sie sofort in ihre und deckte die Finger über die Knöchel, die ganz weiß geworden waren.

»Du kennst mich schon seit vielen Jahren«, fuhr Mr Mayfair fort. »Ich war sogar bei deiner Hochzeit, als Trauzeuge …« Es sah aus, als wolle er noch mehr sagen, doch dann hielt er inne. »Verzeihung. Ich bereite dir Kummer.«

»Ganz und gar nicht«, antwortete Mom höflich und aufgeräumt.

»Richard, sie sollte nicht hier sein«, sagte Mr Mayfair. »Sie sollte zu Hause sein.«

Grandpa schüttelte den Kopf. »Sie hat sich so entschieden, und ich habe versprochen, dafür zu sorgen, dass alles seinen Gang geht. Ich werde mein Wort jetzt nicht brechen.«

Lily fand das alles ziemlich melodramatisch. Sie presste die Hand ihrer Mutter, die immer noch lächelte, als ob es ihr völlig egal wäre, dass über sie geredet wurde.

Grandpa wandte sich Mom zu. »Versprichst du mir, hier in diesem Raum zu bleiben, bis wir wieder zurück sind?« Er sprach langsam und deutlich, um sicherzugehen, dass sie ihn auch wirklich verstand. Das musste jeder tun, der mit ihr redete. Es konnte nämlich passieren, dass Mom vergaß, wo sie war, einfach irgendwo hinging und sich verirrte. Im Sommer vor zwei Jahren, an der Küste von Jersey, hatte sie darauf bestanden, sich selbst ein Eis zu holen. Eine Stunde später hatten sie sie endlich wiedergefunden. Sie stand eine Meile weiter am Strand vor einem Karussell und sah zu, wie es sich drehte. Als sie fragten, was sie da mache, hatte sie geantwortet: »Ich warte darauf, dass die Pferde davonfliegen.« Seitdem ließ Lily sie nirgendwo mehr gerne allein.

»Mom …«, begann sie.

Rose drückte Lilys Hand, ließ sie wieder los und versprach: »Ich werde genau hier sein, wenn ihr zurückkommt.« Dann deutete sie auf den großen Flügel und fügte hinzu: »Ich werde ein bisschen üben!«

»Du weißt aber schon, dass du gar nicht Klavier spielen kannst?«, fragte Lily.

»Darum muss ich ja üben, üben, üben!« Sie schüttelte die Finger aus. Lily grinste und küsste ihre Mutter auf die Wange. Mom war schon eine erstaunliche Frau. Ihr Gedächtnis ließ sie nahezu täglich im Stich, und trotzdem fand sie immer noch die Kraft, großzügig und witzig zu sein. »Wenn ihr zurückkommt, werde ich perfekt sein.«

Grandpa geleitete Lily zu der cremeweißen Tür neben dem Kamin. Mr Mayfair ging voraus. Vor der Tür blieb er stehen und sagte mit gesenkter Stimme: »Sie hat mich nicht mal erkannt.«

Grandpa antwortete ebenso leise: »Ihr Verfall schreitet schneller voran als erwartet.«

»Vielleicht sollten wir …«

»Meine Familie, meine Entscheidung«, unterbrach ihn Grandpa. »Wir müssen jetzt handeln.«

Einen Augenblick lang musterte ihn Mr Mayfair stumm. Dann nickte er und öffnete die Tür. Und bevor Lily ihren Großvater fragen konnte, was dieser seltsame Wortwechsel zu bedeuten hatte, hörte sie Mr Mayfair verkünden: »Es ist Zeit.«

In Lilys Magen bildete sich ein Knoten. »Du weißt, ich hasse Überraschungen«, flüsterte sie.

»Nein, tust du nicht«, flüsterte Grandpa zurück. »Du liebst Überraschungen. Und ich verspreche dir, das wird die beste von allen.« Er hielt ihr die Tür auf. Lily duckte sich unter seinem Arm durch und erstarrte mitten auf der Schwelle.

In der kleinen Privatbibliothek waren etwa ein Dutzend Männer und Frauen versammelt. Alle hatten eine Haltung eingenommen, als posierten sie für ein Gemälde (»Old Boys in Princeton« schoss Lily sofort als Titel durch den Kopf. Falls es so etwas wie ein Old Boys Network überhaupt gab, dann sah es mit Sicherheit genau so aus). Ein Mann in schwarzem Anzug hatte sich vor einem marmornen Kamin platziert. Die Hände hinter dem Rücken verschränkt, betrachtete er die Asche in der kalten Feuerstelle mit jenem feierlichen Ernst, der Begräbnissen vorbehalten ist. Ein anderer lehnte wie beiläufig am Rahmen eines Bleiglasfensters, in den Händen lässig ein aufgeschlagenes Buch. Lily fiel auf, dass er es falsch herum hielt. Ein dritter, sichtlich beleibt und in fortgeschrittenem Alter, hatte sich in einen thronähnlichen Sessel gequetscht, dessen Armlehnen geformt waren wie Tigerköpfe, und paffte eine Pfeife. Der dicke Rauch schwebte in lässigen Kringeln über seinem Kopf. Auf einer roten Ledercouch saßen vornehm und in tadelloser Haltung zwei Frauen. Eine dritte, in der Hand einen Gehstock mit Elfenbeinknauf, hatte sich in einem Ohrensessel niedergelassen. Andere saßen auf Stühlen und Sofas oder standen neben Bücherregalen.

Der Raum selbst quoll über von ledergebundenen Büchern und Tiffanylampen. Über dem marmornen Kamin hing ein Ölgemälde – der Heilige Georg im Kampf mit dem Drachen. Das Bleiglasfenster zeigte Ritter und Gelehrte. Sie hatten sich um einen smaragdgrünen Drachen mit rubinroten Krallen versammelt, der eine silberne Kette um den Hals trug.

Aus dem Hauptraum drang das ungelenke Geklimper von Lilys Mom herüber. Bei einer besonders originellen Tonfolge zuckte einer der jüngeren Männer schmerzhaft zusammen, und Mr Mayfair schloss die Tür.

Stille senkte sich über den Raum.

Lily lauschte angestrengt nach dem Klang des Flügels, doch durch die geschlossene Tür drang nicht der kleinste Ton. Nur ihr eigener Atem hallte unnatürlich laut in ihren Ohren wider. Sie fragte sich, warum ein x-beliebiger Raum wie dieser hier so absolut schalldicht war, und warf einen Blick hinüber zu ihrem Großvater. Richard strahlte. Sein Lächeln erinnerte an die Grinsekatze aus Alice im Wunderland. Es wirkte keineswegs beruhigend.

Plötzlich verkündete er wie ein Conférencier: »Das hier ist meine Enkeltochter Lily!« Er krähte beinahe vor Stolz. »Sie ist bereit für den Test!«

Test?

Was für ein Test?

Niemand hatte was von einem Test erwähnt. Sie hatte keinem Test zugestimmt.

Peng! Lily fuhr zusammen. Der Mann am Fenster hatte sein Buch zugeklappt und eine aufrechte Haltung angenommen. Er lächelte ihr zu, nicht mal unfreundlich. »Ausgezeichnet. Willkommen, Lily. Bist du bereit, dich deinem Schicksal zu stellen?«

»Welch eine Vermessenheit«, sagte die korpulente Dame in dem Ohrensessel und stieß ihren Gehstock mit Elfenbeinknauf auf den Fußboden, um ihren Worten Nachdruck zu verleihen. Doch der rubinrote Orientteppich verschluckte das Geräusch.

Lily öffnete den Mund, um sich zu verteidigen – wie konnte sie vermessen sein, wenn sie noch nicht mal die leiseste Ahnung hatte, wovon diese Leute überhaupt redeten? Doch bevor sie etwas sagen konnte, legte ihr Großvater die Hände auf ihre Schultern. »Sie ist dafür geboren.«

Die Frau schniefte abfällig. »Das wird sich schon bald herausstellen.«

Es könnte eine Art Aufnahmegespräch sein, dachte Lily, und ihr Herz schlug schneller. Falls Grandpa ein Interview mit Ehemaligen arrangiert hatte, hätte er sie vorwarnen müssen. Er wusste doch ganz genau, wie wichtig ihr Princeton war! Falls das hier irgendwas mit der Zulassung zur Universität zu tun hatte …

»Um Himmels willen, Joseph«, sagte der Mann mit dem Buch. »Jetzt spann das Kind doch nicht so lange auf die Folter. Sonst verliert sie noch die Nerven und pinkelt uns auf den Teppich.«

Lily spürte, wie sie rot wurde. So nervös war sie nun auch wieder nicht.

Sollte sie es sein?

Im Ernst, diese Leute konnten einen Felsen aus der Ruhe bringen. Sie starrten sie an, als wären sie ein Rudel Löwen und Lily eine fette Gazelle. Hört auf, mich so anzustarren!, hätte sie am liebsten geschrien. Doch plötzlich, bevor sie mit irgendetwas Unbesonnenem herausplatzen konnte, das sie möglicherweise bereuen würde, richteten sich alle Augen auf Mr Mayfair.

Der hatte eine Ehrfurcht gebietende Haltung angenommen, und Lily verstand plötzlich, was der Ausdruck »Präsenz« bedeutete. Dieser Mann hatte Präsenz. Es war unmöglich, ihn nicht anzusehen. Es fühlte sich an, als hätte sich der gesamte Sauerstoff im Raum um ihn herum zusammengezogen. »Lily Carter, du bist hier, weil dein Großvater, Richard Carter, dich für den Legacy Test vorgeschlagen hat.«

Nicht ohne Mühe wandte sie ihren Blick von Mr Mayfair ab und sah zu ihrem Großvater, auf dessen Gesicht immer noch dieses wissende, triumphierende Lächeln lag.

»Zuerst müssen wir dich bitten, mit niemandem außerhalb dieses Raumes über den Test zu sprechen«, fuhr Mr Mayfair fort. Lily musste an ihre Mutter denken und wünschte, sie könnte den Klang des Pianos noch hören.

Der Mann mit dem Buch ergriff das Wort. »Es ist kein Befehl, auf dessen Verletzung die Todesstrafe stünde. Wir würden es jedoch vorziehen, wenn die Medien keinen Wind von unserer kleinen Tradition bekämen. Sie würden es missverstehen. Willentlich missverstehen, wenn ich das hinzufügen darf.«

Alle im Raum nickten so ernst, dass Lily dachte, sie hätte sich vielleicht verhört, und auf die Verletzung des Befehls stünde doch die Todesstrafe. Hier und jetzt, in diesem Raum, könnte man es glatt glauben. Sie fühlte sich, als wäre sie von Mitgliedern eines Königshauses umgeben. Diese Menschen strahlten so viel Selbstvertrauen aus! Jeder von ihnen konnte mit Sicherheit einen ganzen Raum allein mit seiner Präsenz füllen, wenn er oder sie sich dazu entschließen sollte. In ihrer Gegenwart wurde die Luft zum Schneiden dick.

»Gibst du uns dein Wort, dass du niemandem etwas vom Inhalt dieses Gesprächs erzählst?«, fragte Mr Mayfair eindringlich. Und dann fügte er mit derselben sanften und freundlichen Stimme, die er vorhin gegenüber Lilys Mutter benutzt hatte, hinzu: »Mit Ausnahme deiner Familie natürlich.«

Sie traute sich nicht, etwas anderes zu tun, als stumm zu nicken.

Er lächelte beifällig, und Lilys Knie begannen zu zittern. Sie wusste nicht, warum ihr seine Zustimmung so wichtig war, doch als er lächelte, spülte eine Welle der Erleichterung über sie hinweg. »Der Legacy Test wird nur den wenigen Auserwählten angeboten«, sagte Mr Mayfair. »Besteht man ihn, ist man automatisch für ein Studium an der Princeton University zugelassen.«

Sie bekam große Augen. Offensichtlich hatte sie sich verhört. Automatische Zulassung? Ohne Noten, ohne Zulassungsprüfung, ohne Aufsätze? Einfach bloß »Ja, du bist drin«? Nacheinander blickte sie in die einzelnen Gesichter, bis sie schließlich bei ihrem Großvater angelangt war. Er sah aus, als würde er gleich vor Freude singen und tanzen. Das war sonst gar nicht seine Art. »Grandpa? Ist das ein Scherz?« Sie hatte Gerüchte gehört, dass Nachkommen von Ehemaligen gelegentlich bevorzugt wurden, aber dass es eine formelle Prozedur dafür geben könnte, war ihr noch nie in den Sinn gekommen.

»Überraschung!«, strahlte Grandpa.

Überraschung? Überraschung?! Das war alles, was ihm dazu einfiel? »Warum hast du mir nichts davon gesagt?« Sie hätte sich vorbereiten können! Lernen können! Sie hätte sich zumindest zu einem feinen, kleinen Lampenfieber vorarbeiten können!

»Es war ihm nicht gestattet«, sagte Mr Mayfair.

Ja, klar. Seit wann brauchte Grandpa die Erlaubnis von irgendwem für irgendwas? Er führte sein eigenes Geschäft. Er trug die Verantwortung für ihre Familie. Wenn er es versuchen würde, dachte Lily, könnte er die ganze Welt führen. Er war der stärkste, klügste Mann, den sie kannte … doch vielleicht hatte sie ihren Großvater immer nur neben ganz gewöhnlichen Leuten gesehen. Vielleicht wäre er neben Riesen doch nicht so groß. Der Gedanke verwirrte sie. Ihr war, als würde sie allein durch solche Gedanken schon Verrat an Grandpa begehen.

Lily bemerkte, dass alle im Raum wieder ihre Blicke auf sie gerichtet hatten, als würden sie darauf warten, dass sie etwas sagte. Aber sie hatte nicht die leiseste Ahnung, was das sein sollte. »Worin besteht denn der Test?«, fragte sie schließlich.

Alle Old Boys atmeten gleichzeitig geräuschvoll aus, als seien sie ein einziges Wesen. Einige lächelten, ein paar kicherten sogar in sich hinein. Mr Mayfair schenkte ihr ein onkelhaftes Grinsen, und sie sonnte sich in seiner Zustimmung. »Der Test ist von Kandidat zu Kandidat verschieden«, erklärte er. »Für dich, Lily … deine Aufgabe ist es, einen Schlüssel zu finden, den Ivy Key.«

Lily fühlte sich auf einmal zurückversetzt in die fünfte Klasse zu der Schatzsuche auf dem Geburtstag einer Schulfreundin. Damals hatte es Gummibärchen und ein Jojo als Preis gegeben.

Die Frau mit dem Gehstock sagte: »Finde den Schlüssel, und für deine Zukunft wird gesorgt sein. Dein Schicksal wird sich erfüllen.«

»Natürlich musst du trotzdem noch ein Bewerbungsformular ausfüllen », ergänzte der Mann mit dem Buch. »Der Form halber, Liebes. Die Form muss gewahrt werden. Aber ein positiver Bescheid ist garantiert.«

Lily schwirrte der Kopf. Sie hätte sich gerne hingesetzt.

Als der Mann mit dem Buch ihren Gesichtsausdruck sah, lachte er. »Alles, was du tun musst, ist den Test bestehen.«

»Und wenn ich ihn nicht bestehe?«, fragte Lily.

Eine der beiden perfekten Frauen auf der roten Ledercouch sagte: »Wenn du durchfällst, steht es dir selbstverständlich frei, dich ganz normal zu bewerben, zusammen mit allen anderen. Der Legacy Test liegt außerhalb der Zuständigkeit des Zulassungskomitees. Wenn du jedoch versagst, darfst du keine Einladung in den Vineyard Club erwarten. In der Tat wärst du dann hier nicht willkommen.«

Erfolg bedeutete, ihr Traum würde wahr werden. Versagen bedeutete Ausschluss von diesem (zugegebenermaßen netten) Club, aber immer noch die Möglichkeit, ihren Traum wahr zu machen. Ja, damit konnte sie auf jeden Fall leben. Kein Wunder, dass Grandpa lächelte wie ein Honigkuchenpferd. Sie spürte, wie sich der gleiche Ausdruck auch auf ihrem eigenen Gesicht ausbreitete. Um ehrlich zu sein, schmerzten bereits ihre Wangen. Ihr war, als wären hundert Geburtstagsgeschenke, einschließlich des Ponys, das sie sich in der dritten Klasse so innig gewünscht hatte, und des limettengrünen VWs, den sie im Moment so gerne haben wollte, direkt vor ihrer Nase vom Himmel gefallen. »Was ist der Ivy Key?«, fragte sie. »Wie sieht er aus? Was öffnet er? Was muss ich tun, um ihn zu finden? Wo fange ich an?«

Angesichts dieser Flut von Fragen begannen Mr Mayfair und einige andere nachsichtig zu lächeln.

»Genau das ist der Test, meine Liebe«, sagte der Mann mit dem Buch.

Aber … dann konnte es ja alles Mögliche sein! Der Schlüssel zu einem Umkleideraum, zu einem Schlafraum, zu einem streng geheimen Safe im Büro des Unipräsidenten, wo er seine Pläne zur Übernahme der Weltherrschaft aufbewahrte … Wie sollte sie denn erkennen, ob sie überhaupt den richtigen Schlüssel gefunden hatte?

»Nimmst du die Aufgabe an?«, fragte Mr Mayfair, und sein Blick bohrte sich tief in ihren. Der Ausdruck auf seinem Gesicht war so intensiv, dass es nur eine mögliche Antwort gab.

»Ja. Natürlich nehme ich an!«, sagte Lily.

Die Old Boys klatschten Beifall.

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!