Jackson - André Milewski - E-Book

Jackson E-Book

André Milewski

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Beschreibung

Zurück in die Heimat, den Kopf freikriegen - das wünscht sich die New Yorker Mordermittlerin Heather Bishop, als sie ins malerische Jackson zurückkehrt. Doch aus diesem Ansinnen wird nichts, denn ihr Vater ist spurlos verschwunden. Die Suche nach ihm setzt eine Kette tödlicher Ereignisse in Gang ... Unermüdlich, unbezwingbar, unerbittlich: Heather Bishop ist zurück! „Spannungsgeladen und hart wie ein Tritt in den Magen: Jackson, der neue Pageturner von André Milewski.“ – Axel Hollmann, Thrillerautor

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Jackson

Ein Heather-Bishop-Thriller

André Milewski

Inhalt

Ohne Titel

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

Kapitel 7

Kapitel 8

Kapitel 9

Kapitel 10

Kapitel 11

Kapitel 12

Kapitel 13

Kapitel 14

Kapitel 15

Kapitel 16

Kapitel 17

Kapitel 18

Kapitel 19

Kapitel 20

Kapitel 21

Kapitel 22

Kapitel 23

Kapitel 24

Kapitel 25

Kapitel 26

Kapitel 27

Kapitel 28

Kapitel 29

Kapitel 30

Kapitel 31

Kapitel 32

Epilog

Nachwort

Über den Autor

Bücher von André Milewski

Copyright ©2020 André Milewski

http://www.andre-milewski.de

Verlag: André Milewski

Dorfstraße 28

24254 Rumohr

Coverdesign:

©Giessel Design

unter Verwendung von Stockbildern von Shutterstock

Korrektorat: SKS Heinen

Karte: André Milewski

Alle Rechte vorbehalten. Das Werk darf - auch teilweise - nur mit Genehmigung des Verlags wiedergegeben werden.

Jackson

Ein Heather-Bishop-Thriller

I'm goin' to Jackson, I'm gonna mess around,

Yeah, I'm goin' to Jackson,

Look out Jackson town.

Johnny Cash & June Carter

1

Jackson, New Hampshire, 8. September

Einen Menschen zu töten, war keine große Sache. Zumindest nicht für ihn. Schon Dutzende Male hatte er durch das Krümmen seines Zeigefingers ein Leben ausgelöscht und es hatte ihn niemals länger als eine Sekunde beschäftigt. Während seiner Zeit bei der Army wurden ihm fürs Töten Orden verliehen. Wertloses Blech für wertlose Leben von irgendwelchem Abschaum.

Das hatte sich in den letzten Jahren seit seinem Ausscheiden grundlegend geändert. Er tötete immer noch wertlosen Abschaum, aber nun bekam er gutes Geld dafür. Sehr gutes Geld. Und heute würde ein ordentlicher Batzen dazukommen.

Sein Blick ging aus dem Fenster. Die Hauptstraße, die zwischen ein paar Maisfeldern verlief, war leer. An einem Tag wie heute würde nur alle paar Stunden ein Lastwagen oder ein Pick-up über den Asphalt donnern und ganz sicher keine Notiz von dem lange geschlossenen und halb verfallenen Gasthaus nehmen, in dem er sich aufhielt. Zufrieden zog er die muffigen gelben Vorhänge zu, die von Schimmel und Rauch durchzogen waren, und ging zurück zu seinem Auftrag. Er nahm sich einen Stuhl und stellte ihn direkt vor den anderen, auf dem sie saß. Schweigend setzte er sich und musterte sein nächstes Opfer eingehend.

Einen Menschen zu töten, war keine große Sache.

Einundfünfzig für Uncle Sam und weitere dreiundsechzig für die Organisation, zählte er in Gedanken zusammen. Einhundertvierzehn Tote und keiner bedeutete mir etwas.

Doch diesmal, bei Nummer einhundertfünfzehn, war es anders. Zum ersten Mal spürte er so etwas wie Mitleid. Doch es würde ihn nicht beeinträchtigen, seinen Job zu erledigen. Er hatte sich seinen Ruf mühsam über die Jahre erarbeitet und sich zur unumstrittenen Nummer eins der Organisation hochgemordet. Nur der Große stand noch über ihm, aber das war okay. Irgendjemand musste ihm schließlich die Kohle aushändigen.

Er zog seine Pistole aus dem Holster und streichelte über den Lauf. Der graue Stahl glänzte und die Waffe roch leicht nach Öl. Seine Neuerwerbung würde heute zum ersten Mal zum Einsatz kommen. Eine deutsche Fabrikation. SIG Sauer P226, Kaliber .357 mit Double-Action-Kellermann-Abzug. Die Pistole war mit einem Gewicht von knapp einem Kilogramm deutlich leichter als sein alter Colt, der geladen auf fast das Doppelte kam und den er gerade eben für die beiden Kerle benutzt hatte, die nur wenige Meter neben ihm in ihrem Blut lagen. Es schien ihm sehr passend zu sein, dass es ausgerechnet eine deutsche Waffe sein würde, die das Leben seiner Zielperson beendete.

Eine Weile blickte er in das Gesicht seines Opfers – zumindest stellte er sich ihr Gesicht vor, das unter dem vor Blut dunklen Leinensack verborgen war. Ihre schönen Augen und die langen blonden Haare. Ihr einzigartiges Lächeln, mit dem sie ihn schon früher in der Schule verzaubert hatte. Doch all das würde jetzt keine Rolle mehr spielen.

Er atmete durch und stand auf. Mit einem Schritt stand er direkt neben ihr. Sie saß ruhig und unbeweglich da. Das beeindruckte ihn sehr. Normalerweise wimmerten seine Opfer um Gnade, weinten hemmungslos, nässten sich ein oder schrien sich die Seele aus dem Leib. Aber sie nicht – sie war die Ruhe selbst. Furchtlos bis zum Schluss.

Er drückte ihr die Mündung der Waffe an die Schläfe.

»Es ist vorbei, Heather!«

Einen Menschen zu töten, war keine große Sache.

2

New York City, eine Woche zuvor

Mit einer Mischung aus Unbehagen und Skepsis musterte sie die weißen Zelte, die wie eine kleine Stadt vor dem Krankenhaus im Stadtteil Williamsburg aufgebaut waren. Aber ein Großteil der Zelte stand leer, seit die Zahl der schwer Erkrankten an Covid-19 rückläufig war. Trotzdem wirkte es für Heather immer noch unwirklich. Die Bilder der letzten Monate kamen ihr wieder ins Gedächtnis, die unzähligen Leichensäcke, die von Lastwagen von den Krankenhäusern der Metropole eingesammelt und abtransportiert worden waren.

Und noch immer haben wir dieses verdammte Virus nicht im Griff, dachte sie grimmig. Dann trank sie ihren Kaffee aus und entsorgte den Pappbecher im Mülleimer, ehe sie sich ihren dunkelblauen Mund-Nase-Schutz mit dem Logo des New York Police Departments überstreifte. Sie betrat das Krankenhaus und begab sich sofort zu dem Spender mit Desinfektionsmittel, der wenige Schritte hinter der Tür aufgestellt war. Der starke alkoholische Geruch ließ sie die Nase unter dem Mundschutz rümpfen. Sie rieb sich die Hände trotzdem gründlich mit dem Zeug ein und ging zum Anmeldetresen.

»Guten Tag, ich möchte zu …«

»Detective Bishop! Sie habe ich ja lange nicht mehr hier gesehen«, unterbrach sie die Krankenschwester, die hinter einer Plexiglasscheibe saß und sie anstrahlte.

»Könnte damit zusammenhängen, dass das Krankenhaus für Besucher gesperrt war, meinen Sie nicht?«

»Oh ja, natürlich, aber es ging leider nicht anders.«

Heather blickte die junge Frau streng an.

»Ich lebe in dieser Stadt und arbeite für das NYPD. Was glauben Sie, ist mir etwas entgangen in den letzten Monaten?«, fragte sie mit schroffer Stimme.

»Nein, ich meinte ja nur …« Die Krankenschwester stockte und tippte verlegen auf der Tastatur, die vor dem Monitor auf dem Schreibtisch hinter dem Tresen stand. »Sie möchten bestimmt zu Detective Santiago, nicht wahr?«

Heather nickte stumm.

»Sie sind die erste Besucherin bei ihm, seit wir das Krankenhaus wieder für die Öffentlichkeit geöffnet haben.«

»Wirklich? Aber was ist mit seiner Freundin?«

Es gab nur einen traurigen Blick als Antwort, der Heather sofort verstehen ließ.

»In Ordnung. Ich trage Sie dann in unsere Besucherliste ein. Sie finden den Weg bestimmt, oder?«, fragte die Krankenschwester.

»Keine Sorge, das schaffe ich«, erwiderte sie und ging in Richtung der Treppe. Natürlich wäre es mit dem Aufzug schneller gegangen, weil Ricos Zimmer sich im vierten Stock befand, aber seit das Virus in der Stadt wütete, vermied sie es, mit dem Fahrstuhl zu fahren, wann immer es ging. Kleine beengte Räume mochte das Virus besonders gerne, das sagten alle Mediziner. Und im Gegensatz zu manch anderen vertraute Heather auf die Experten. Ihr war warm, als sie schließlich das Stockwerk erreichte und dort auf den langen Flur einbog. Zielsicher steuerte sie auf das Zimmer am Ende des Ganges zu. Aus Gewohnheit klopfte sie an die Tür, wartete kurz und drückte die Klinke hinunter.

Im Zimmer war es still.

»Hey Rico, ich bin’s, Heather.« Sie schloss die Tür hinter sich. »Es ist eine Weile her, ich weiß, aber du kannst dir nicht vorstellen, was in den letzten Monaten in der Stadt, im ganzen Land und auf der Welt los war und immer noch los ist.«

Sie trat an das Krankenbett, in dem ihr alter Partner Ruben Santiago, der von allen immer nur Rico gerufen wurde, friedlich schlief. Vorsichtig lupfte sie die Bettdecke und berührte seine Fußsohlen. Keine Reaktion. Sie seufzte.

Was habe ich erwartet? Dass Rico plötzlich aufspringt und Überraschung ruft?

Sie setzte sich auf den Stuhl neben Ricos Bett und griff nach seiner Hand, die schlaff und kalt auf der Decke lag. Eine Weile musterte sie ihn still. Ein leichter Flaum hatte sich unter seinem Kinn und auf den Wangen gebildet. Sie hatte ihn immer damit aufgezogen, dass er einen Bartwuchs wie ein Zwölfjähriger hatte. Seine Haare waren deutlich länger als bei ihrem letzten Besuch im April. Aber sie fand, dass ihm das irgendwie stand und einen verwegenen Ausdruck verschaffte. Die Narbe auf der rechten Wange, wo die Kugel ausgetreten war, die sich einmal von oben durch seinen Schädel gebohrt hatte, wirkte nur noch wie ein kleiner Kratzer. Sanft ließ sie ihren Finger darüber gleiten.

»Zwei Jahre«, murmelte Heather und sah Rico traurig an. »Zwei Jahre liegst du hier schon. Meinst du nicht, dass du jetzt genug geschlafen hast?«

Natürlich bekam sie darauf keine Antwort. Wie immer. Sie redete trotzdem weiter. Erzählte Rico davon, was sich in New York, in den Staaten und dem Rest der Welt in den letzten Monaten zugetragen hatte.

»Es wäre ein bisschen wie bei The Walking Dead, wenn du jetzt aufwachen würdest«, scherzte sie. »In einer völlig neuen Welt. Na ja, zumindest teilweise. Der Spinner ist immer noch Präsident und auch Captain Burrows ist immer noch so ein Griesgram wie früher.« Sie rieb Ricos Hand fester. Langsam wurde sie warm. Sie blickte auf das unbewegliche Gesicht ihres im Koma liegenden Partners. »Wahrscheinlich hast du gehofft, dass Grace dich besuchen kommt. Aber sie wird nicht mehr vorbeischauen. Sie … nimm es ihr nicht übel, Rico. Zwei Jahre sind eine sehr lange Zeit und jetzt auch noch dieses Virus …« Heather stockte, sie bildete sich ein, ein Zucken in Ricos Gesicht gesehen zu haben. Sie wartete einen Moment, aber nichts geschah.

Wohl nur Einbildung.

»Tja, aber du bist nicht der Einzige mit Beziehungsproblemen. Bei Lukas und mir ist es momentan auch schwierig. Umso dringender wünsche ich mir, dass du endlich wieder aufwachst, damit wenigstens ein Mann da ist, den ich herumschubsen kann«, neckte sie ihn.

Keine Reaktion.

Sie lächelte und strich ihm mit der anderen Hand die langen Haare von der Stirn. Nach einer Stunde, in der sie unentwegt mit ihm sprach, verließ sie das Krankenhaus wieder und nahm sich erleichtert ihren Mund-Nase-Schutz ab. Sie steckte ihn ein, marschierte zu ihrem Auto und machte sich auf den Weg nach Hause. Es war ein lauer Spätsommerabend in der Stadt und beinahe wirkte alles wie immer. Die Straßen waren schon wieder annähernd so überfüllt wie vor dem Beginn der Pandemie. Was bedeutete, dass Heather mit ihrem Ford für die Strecke von Williamsburg bis zu ihrer Wohnung eine Dreiviertelstunde benötigte. Um kurz nach sieben betrat sie ihren Hausflur, von wo aus ihr erster Weg sie direkt ins Badezimmer führte. Erschöpft zog sie ihre Kleidung aus, legte sie zusammen und stellte sich dann für zehn Minuten unter die Dusche. Heiß – kalt – heiß – kalt – heiß.

Als sie fertig war, war ihr fensterloses Bad mit Dampfschwaden gefüllt wie London im Spätherbst. Anschließend frottierte sie sich ab, cremte sich am ganzen Körper mit Bodylotion ein und schlüpfte in den flauschigen Bademantel, den ihr Lukas letztes Weihnachten geschenkt hatte. Ihre Haare ließ sie ungeföhnt. Sie ging in die Küche, holte sich eine Flasche Bier aus dem Kühlschrank und setzte sich auf die Couch. Auf dem Tisch lag ihr Tablet, das sie sich auf ihre angewinkelten Beine legte und es anschaltete. Die Uhrzeit leuchtete auf. Zehn vor acht. Sie wischte ein paar Mal über das Display und tippte schließlich auf die Skype-App. Ohne lange zu überlegen, berührte sie das Herzsymbol, trank einen Schluck von ihrem Budweiser und wartete. Es dauerte nicht lange und das schwarze Fenster leuchtete hell auf, als ihr Gesprächspartner den Anruf entgegennahm. Sie hatte erwartet, dass er müde, mit zerknautschtem Gesicht und zerstrubbelten Haaren dasitzen würde, immerhin war es in Hamburg jetzt mitten in der Nacht. Aber das Gegenteil war der Fall. Lukas sah frisch aus, er trug auch keinen Schlafanzug, sondern ein Hemd. Seine Haare waren perfekt gestylt und er grinste sie fröhlich an. Auf einmal fühlte Heather sich underdressed.

»Guten Abend, meine Schöne«, begrüßte ihr Freund sie augenzwinkernd. »Na, frisch geduscht?«

»Ja. Im Gegensatz zu dir. Warst du noch unterwegs?«

»Ich war mit Morten und Antoine im Stadtpark. Ist etwas später geworden. Wir haben ein paar Bier getrunken und gegrillt.«

»Du glücklicher.«

»Wie geht’s dir? Du siehst etwas erschöpft aus.«

»Ich war vorhin bei Rico. Das Krankenhaus lässt wieder Besucher zu.«

»Oh, schön. Wie geht’s ihm?«

»Unverändert.«

»Scheiße.«

»Ja.«

Es folgten einige Sekunden Schweigen, ehe Lukas wieder das Wort ergriff.

Er sagte: »Ich soll dich von Emilia grüßen.«

Sie erwiderte: »Danke, das ist lieb. Sag ihr auch schöne Grüße von mir.«

»Mach ich.«

Wieder Schweigen.

»Was hast du in letzter Zeit gemacht?«, wollte Heather wissen. Es war jetzt über eine Woche her, seit sie zuletzt mit ihrem Freund gesprochen hatte.

»Nicht viel. Die Einsatzlage ist immer noch sehr ruhig. Terroristen sind momentan wohl auch hauptsächlich im Homeoffice«, witzelte er.

»Das heißt, du hättest mal wieder Zeit für einen Besuch?«

»Heather, du weißt, dass ich nichts lieber machen würde, aber zurzeit ist es nicht so einfach, in die Staaten zu reisen und …«

»Schon verstanden«, erwiderte sie schmallippig.

»Bist du jetzt sauer?«

»Ich? Wieso denn? Weil mein Freund mich nicht besuchen möchte?« Sie stieß ein sarkastisches »Ha!« aus. »Aber nicht doch. Wann warst du noch das letzte Mal in New York?« Sie machte ein betont nachdenkliches Gesicht.

»Das ist nicht fair, Heather. Ich würde sofort zu dir kommen, wenn es möglich wäre, das weißt du. Aber dieses verdammte Virus …«

»Februar, Lukas. Du warst im Februar das letzte Mal bei mir! Das war vor sieben Monaten! Ich weiß gar nicht mehr, wie es sich anfühlt, dich zu berühren. Und schon gar nicht, ob man das noch wirklich eine Beziehung nennen kann, was wir beide miteinander haben.«

»Ich habe nun mal keinen einfachen Job, das wusstest du schon vorher.«

»Du bist ein Killer«, brach es aus ihr heraus. »Menschen töten ist kein verdammter Job!«

Lukas’ Miene verfinsterte sich. »Die Kerle, die ich töte, sind eine Gefahr für die Sicherheit der Welt. Und du weißt sehr gut, dass ich es nicht aus Vergnügen tue.«

»Aber warum konntest du in den letzten sieben Monaten nicht einmal nach New York kommen, verdammt! Wenn deine verdammten Terroristen doch alle zu Hause hocken!«

»Du weißt doch genau, dass die Situation nicht so einfach ist. Außerdem musste ich mich die letzten Monate auch um meine Tochter kümmern. Die Schulen in Hamburg waren wochenlang geschlossen und …«

»Emilia hat auch eine Mutter und einen Stiefvater.« Sie betonte das letzte Wort besonders deutlich, obwohl sie wusste, dass Lukas es hasste, dies zu hören.

»Ich möchte aber auch für meine Tochter da sein. Gerade in Zeiten wie diesen.«

»Du wirst noch Vater des Jahres werden«, höhnte Heather.

»Warum bist du heute so gemein? Was ist los?«

»Zerbrich dir nicht deinen Kopf darüber, Lukas. Ich denke, wir beide nehmen uns jetzt erst mal eine kleine Auszeit und sprechen uns eine Weile nicht – also eigentlich alles so wie immer in letzter Zeit.«

»Wenn es das ist, was du möchtest«, gab Lukas mit ruhiger Stimme zurück. Wie fast immer ließ er sich seine wahren Gefühle nicht anmerken. Zog die Zugbrücke hoch, baute eine Barriere auf, wirkte gleichgültig. Heather hatte dieses Verhalten schon öfter angesprochen, woraufhin Lukas aber nur noch wortkarger wurde.

»Ja, ich denke schon.«

»Okay. Ich wünsche dir eine schöne Nacht.«

Der Bildschirm wurde schlagartig schwarz, noch ehe Heather etwas erwidern konnte.

»Blöder Arsch!« Wütend schleuderte sie das Tablet von ihren Beinen auf den Boden. Sie hielt sich die linke Hand an die Stirn und schloss die Augen. Eine Träne lief ihr die Wange herunter.

So ein verdammter Mistkerl!

Aber sie liebte ihn immer noch. Natürlich hatte Lukas recht, mit allem, was er gesagt hatte. Es war von Anfang an klar gewesen, dass ihre Beziehung keine einfache werden würde. Schon ihr Kennenlernen hatte unter besonderen Bedingungen stattgefunden, als sie sich vor drei Jahren in New York trafen, während des Angriffs des Black-Ops-Teams. Er hatte ihr das Leben gerettet und sie seins. Aber während sie danach den Dienst bei der CIA quittierte und wieder beim NYPD anfing, blieb Lukas im deutschen Staatsdienst beim MAD, bei einer speziellen Unterabteilung für Terrorbekämpfung, die ihn auch öfter zur Zusammenarbeit mit der CIA, MI-6 und anderen Nachrichtendiensten zwang. Und sein Leben ein ums andere mal in Gefahr brachte. Vielleicht war es auch gerade diese besondere Situation, die sie diese Beziehung schon seit zwei Jahren führen ließ. Aber früher oder später mussten sie beide Farbe bekennen und eine Entscheidung treffen. Dieser Moment war womöglich gerade gekommen.

Ich sollte wirklich eine richtige Auszeit nehmen, dachte sie und blickte aus dem Fenster auf die Lichter der Stadt, die niemals schlief. Urlaubstage habe ich noch zur Genüge und Captain Burrows wird froh sein, wenn er mich nicht jeden Tag auf dem Revier sieht. Und Dad wird sich freuen, mich zu sehen.

Lukas starrte noch eine Weile auf das Display seines iPads. Er betrachtete das Hintergrundbild eingehend. Eine Aufnahme von Heather und Em im Central Park, die er im letzten Jahr gemacht hatte, als die Welt noch in Ordnung gewesen war. Zusammen mit Emilia hatte er sie besucht und war glücklich, dass seine Tochter so gut mit der neuen Frau an seiner Seite ausgekommen war.

»Aber warum konntest du in den letzten sieben Monaten nicht einmal nach New York kommen, verdammt!«

Heathers Stimme dröhnte durch seinen Kopf. Er wusste, dass es ihr Ernst war mit der Auszeit. Wobei sie bereits eine siebenmonatige Auszeit hinter sich hatten, wenn auch ungewollt. Die regelmäßigen Telefonate und Videocalls konnten nicht darüber hinwegtäuschen, dass sie sich auch innerlich immer mehr voneinander entfernt hatten. Wenn er die Beziehung mit ihr retten wollte, musste er etwas tun. Er kaute auf seiner Unterlippe herum und dachte nach. Dann griff er sich sein Smartphone, tippte eine Nachricht ein und schickte sie an seinen besten Freund und Kollegen Morten Jonasson.

›Hi, hast Du noch diesen bekannten bei der Homeland Security der USA?‹

Er musste nicht lange auf eine Antwort warten, immerhin hatte er Morten und seinen Mann Antoine erst vor einer halben Stunde zu Hause abgesetzt.

›Ja, wieso?‹

›Du musst ihn für mich um einen Gefallen bitten. Erkläre ich dir morgen. Gute Nacht!‹

3

Heather hievte ihren vollgepackten Koffer in den Kofferraum des Ford Interceptors. Mit Schwung knallte sie die Heckklappe zu und warf noch einen Blick hoch zu den Fenstern ihrer Wohnung, während sie in Gedanken noch einmal ihre Checkliste abarbeitete. Sie sah, wie sich die Vorhänge am Fenster der Nachbarwohnung bewegten. Ihre neugierige Nachbarin Mrs. Jesterberg. Sie winkte hinauf, bevor sie in den Wagen stieg und den Motor startete. Auf dem Beifahrersitz hatte sie eine Thermoskanne mit Kaffee deponiert, den würde sie bei der anstehenden langen Fahrt brauchen. Bis zum Haus ihres Vaters in Jackson, New Hampshire waren es dreihundertachtzig Meilen, also geschätzte sechseinhalb Stunden Autofahrt. Sie hätte fliegen können, nach Boston oder Portland, und wäre von dort mit einem Mietwagen in die White Mountains gefahren. Das hätte sie unter normalen Umständen auch gemacht. Aber in Zeiten wie diesen, wo ein hoch ansteckendes Virus grassierte, das immer noch nicht völlig eingedämmt war, verzichtete sie lieber darauf, sich über eine Stunde in einer abgeschlossenen Kabine mit Hunderten anderer Menschen zusammenpferchen zu lassen. Als sie daran dachte, wurde ihr klar, dass dies genau das war, was sie von Lukas verlangt hatte, nur dass der Flug über den Atlantik deutlich länger dauerte als die Kurzstrecke, die sie sich weigerte zu fliegen. Schnell verdrängte sie den Gedanken an ihren Freund und fädelte in den zäh fließenden Verkehr auf New Yorks Straßen ein.

Es war kurz nach neun Uhr morgens. Ihre Wohnung lag in Hells Kitchen und von dort war es nicht weit zur Staatsstraße 9A, die sie direkt am Hudson entlang in nördlicher Richtung entlangfuhr. Der Verkehr hier war moderat und im Handumdrehen hatte sie den Turnpike erreicht, der auf die Interstate 95 führte. Sie überquerte den Harlem River über die Alexander-Hamilton-Bridge und blieb für die nächsten fünfzig Meilen auf der Interstate Richtung Norden. Schnell hatte sie Connecticut erreicht, wo sie auf die I-85 wechselte und nach Massachusetts weiterfuhr. Es kostete sie keine zwei Stunden, den Bundesstaat einmal von Süd nach Nord zu durchqueren. Ein Schicksal, das Connecticut gewohnt war, immerhin lag der Staat genau auf dem Weg zwischen New York und Boston und war somit gewissermaßen ein Pendlerparadies. Zumindest war die Interstate hier gut in Schuss. In Massachusetts hielt Heather sich westlich von Boston und machte nach vierstündiger Fahrt ihre erste und einzige Pause in einer Kleinstadt namens Lawrence, kurz vor der Grenze zu New Hampshire. Sie fand einen netten Diner, direkt an der Interstate gelegen, und streckte sich ausgiebig, als sie aus dem Wagen stieg. Während sie dies machte, erklang ein lautes Pfeifen. Sie wandte den Kopf nach links, wo zwei Männer, allem Anschein nach Trucker, an ihr vorbei in den Diner gingen und sie dabei unverhohlen anstierten. Heather warf ihnen einen finsteren Blick zu, der bei den beiden Kerlen jedoch nur ein müdes Schulterzucken auslöste, ehe sie im Diner verschwanden. Heather seufzte, schloss den Ford ab und ging ebenfalls in den Diner, nachdem sie ihren Mund-Nase-Schutz aufgezogen hatte. Im Inneren war es sauberer, als sie erwartet hatte. Es war beinahe hübsch zu nennen, mit den karierten Plastiktischdecken, die auf den Tischen lagen. Ein leichter Grillgeruch durchströmte den Raum. Zu Heathers Freude herrschte wenig Betrieb, abgesehen von ihr waren nur die beiden Trucker und ein weiterer Mann im Lokal, also hatte sie mehr oder weniger freie Wahl. Sie entschied sich für einen Vierer-Tisch direkt am Fenster mit Blick auf ihren Wagen. Noch ehe sie dort ankam, rief eine Frauenstimme ihr zu: »Hey Miss, den Lappen können Sie gerne abnehmen. Wir sind alle gesund.«

Heather sah zum Tresen, wo eine kräftig gebaute, ältere Frau in einer weißen Schürze lehnte und sie angrinste. An der Wand hinter der Matrone konnte sie deutlich das »VOTE TRUMP«-Schild erkennen.

»Danke für den Hinweis«, erwiderte Heather, ging weiter zu dem ausgesuchten Platz und nahm die Maske erst ab, nachdem sie sich dort auf eine der Zweierbänke gesetzt hatte. Kurz danach kam die Frau zu ihrem Tisch, sah sie skeptisch an und nahm ihre Bestellung auf. Heather bestellte bloß einen Burger und Kaffee. Während sie wartete, zückte sie ihr Smartphone und checkte ihre E-Mails. Nichts. Weder von Lukas, was sie aber bei seinem Sturkopf nicht sonderlich überraschte, und auch nicht von irgendeinem Kollegen, der ihr einen schönen Urlaub wünschte.

Rico hätte mir was geschickt, dachte sie traurig.

Aber mehr verwunderte sie, dass ihr Vater nicht geschrieben hatte. Sie hatte ihm gestern Abend, gleich nach dem Gespräch mit Lukas, eine Mail geschickt und ihren Besuch angekündigt. Ihr Vater war kein Mann vieler Worte, aber normalerweise reagierte er zumindest mit einem »Ich freu mich« oder Ähnlichem auf eine solche Ankündigung.

Wahrscheinlich ist er zu beschäftigt. Am Haus ist immer was zu tun.

Sie steckte ihr Smartphone wieder ein. Der Kaffee und der Burger kamen. Die Frau stellte ihr gleich eine große Kanne Kaffee hin und sagte, sie könne sich nachschenken so viel sie wolle. Dann schlurfte sie wieder zurück hinter ihren Tresen.

Heather aß ihren Burger und trank dabei drei Tassen Kaffee. Sie wollte sich gerade ein weiteres Mal einschenken, als sich die beiden Kerle, die sie vor dem Eingang gesehen hatte, zu ihr an den Tisch setzten. Einer ihr gegenüber, der andere rutschte neben ihr auf die Bank.

»Kann ich euch helfen?«, fragte sie, als die beiden keine Anstalten machten, von sich aus etwas zu sagen.

Der Mann neben ihr saß vornübergebeugt mit beiden Armen auf den Tisch gelehnt. Sein Bierbauch lag ihm beinahe auf den Oberschenkeln. Der Typ wirkte schlaff und schien über keine nennenswerten Muskeln zu verfügen. Sein dunkelblondes Haar wirkte strähnig und ungepflegt, aber immerhin schien er sich die Zähne regelmäßig zu putzen.

»Das ist mein Freund Billy. Ich bin Ted«, sagte ihr Gegenüber. Im Gegensatz zu seinem Kumpel war er körperlich besser in Form. Sein Oberkörper war im Vergleich zu dem seines Freundes geradezu muskelbepackt. Sein T-Shirt war mindestens eine Nummer zu klein, um diesen Aspekt besonders zu betonen, wie Heather vermutete. Ted hielt sich für einen unwiderstehlichen Womanizer. Dazu passte seine Frisur, für die er mit Sicherheit jeden Morgen eine Menge Zeit aufwendete, um die schwarzen Haarsträhnen in die richtige Position zu legen.

»Wir würden dich gern näher kennenlernen«, meldete sich der schlaffe Billy.

»Ach wirklich? Nun, ich euch aber nicht. Wie wär’s, wenn ihr aufsteht und mich wieder alleine meinen Kaffee trinken lasst?«

»Bist du dir sicher, dass du das willst, Süße?« Ted setzte ein schmieriges Grinsen auf und ließ seine rechte Hand unter die Tischplatte gleiten, wo er sich in den Schritt griff.

»Jetzt, wo du es sagst«, erwiderte Heather, machte eine kurze Pause und langte in die Innentasche ihres Blousons. »Ja, verdammt sicher.« Sie knallte ihre Polizeimarke mit Schwung auf den Tisch.

»Fuck«, zischte der schlaffe Billy.

»Heute gewiss nicht«, meinte Heather ruhig. »Es sei denn, ihr zwei Ladys kümmert euch um einander. Und jetzt weg von meinem Tisch!«

Ted bedachte sie beim Aufstehen stumm mit einem zornigen Blick, aber Heather kümmerte sich nicht weiter um ihn und seinen Freund und schenkte sich die Tasse voll. Kurz darauf hörte sie, wie sich die Tür des Diners quietschend öffnete und wieder schloss.

Sie trank ihren Kaffee aus, legte das Geld für die Mahlzeit auf den Tisch und bog vor dem Verlassen der Gaststätte noch einmal aufs Klo ab. Als sie wieder vor die Tür trat, fühlte sie sich fit genug, um die restlichen zwei Stunden Autofahrt nach Jackson in Angriff zu nehmen. Es war jetzt kurz nach zwei Uhr, also würde sie noch vor dem Abendessen im Haus ihres Vaters ankommen. Sie freute sich schon auf das gemeinsame Dinner mit ihm. Aber als sie bei ihrem Ford ankam, wusste sie sofort, dass sich ihre Abfahrt noch um einige Minuten verzögern würde. Direkt hinter dem Heck ihres Wagens parkte ein großer Lastwagen und blockierte jede Möglichkeit, um auszuparken.

Ted und sein Kumpel Billy standen locker gegen ihren Truck gelehnt da und beobachteten, wie sie näher kam.

»Wollt ihr mich wütend machen? Schafft das Ding weg«, sagte Heather energisch.

Ted rieb sich grinsend das stoppelige Kinn.

---ENDE DER LESEPROBE---