Jagablut - Ines Eberl - E-Book

Jagablut E-Book

Ines Eberl

4,7

Beschreibung

Emma Canisius, eine junge Wiener Ärztin, übernimmt die Landarztpraxis von Alpbach und zieht in den alten Gasthof "Zum Jagawirt". Was sie nicht weiß - die Bewohner der eingeschworenen Dorfgemeinschaft verbindet ein dunkles Geheimnis. Eines Tages wird Vinzenz Steiner, der Wirt, tot aufgefunden. Doch weder die Polizei noch die Dorfgemeinschaft scheinen an der Aufklärung wirklich interessiert zu sein. Als Emma selbst nur knapp einem Mordanschlag entgeht, wird ihr klar, dass sie den Täter finden muss, ehe sie sein nächstes Opfer wird. Hochspannung vor der Kulisse der Alpen: ein raffinierter Kriminalroman rund um Jagd, Aberglaube und Heimatliebe.

Sie lesen das E-Book in den Legimi-Apps auf:

Android
iOS
von Legimi
zertifizierten E-Readern
Kindle™-E-Readern
(für ausgewählte Pakete)

Seitenzahl: 336

Das E-Book (TTS) können Sie hören im Abo „Legimi Premium” in Legimi-Apps auf:

Android
iOS
Bewertungen
4,7 (96 Bewertungen)
71
17
8
0
0



Ines Eberl, geboren in Berlin, ist promovierte Juristin. Sie lebt und arbeitet in Salzburg und ist Mitglied der International Thriller Writers. Im Emons Verlag erschien »Salzburger Totentanz«. Lesen Sie mehr über die Autorin unter

Dieses Buch ist ein Roman. Handlungen und Personen sind frei erfunden. Ähnlichkeiten mit lebenden oder toten Personen sind nicht gewollt und rein zufällig. Das fiktive Alpbach in diesem Roman ist mit dem echten Ort gleichen Namens nicht identisch.

© 2012 Hermann-Josef Emons Verlag Alle Rechte vorbehalten Umschlagmotiv: Alois Oppeneiger Umschlaggestaltung: Tobias Doetsch, Berlin eBook-Erstellung: CPI – Clausen & Bosse, LeckISBN 978-3-86358-091-9 Alpen Krimi Originalausgabe

Unser Newsletter informiert Sie regelmäßig über Neues von emons: Kostenlos bestellen unter www.emons-verlag.de

Dieser Roman wurde vermittelt durch die Scripta Literaturagentur.

Besonders für Reinfried

EINS

Mit der Nacht kam der Nebel. Er quoll über die gezackten Berggipfel, ballte sich zusammen und kroch in Schwaden durch Felsrinnen und Lärchenwälder die Bergflanke hinab. In der scharfen Luft lag eine erste Ahnung von Schnee. Auf dem Holzschindeldach der Almhütte glitzerten Reifkristalle im Schein des Oktobermondes, der hin und wieder durch die treibenden Wolken brach.

Sanft berührte ein weißer Nebelschleier den Mann, der sich wenige Schritte vor der Hütte auf dem feuchten Moos krümmte, legte sich wie eine leichte Decke über ihn und überzog den groben Stoff seiner geflickten Jacke und das abgeschabte Leder seiner Bundhose mit gefrierender Nässe. Der Mann spürte die Kälte in seiner rechten Hand, wenn er immer wieder über das klamme Leder strich, das seine gefühllosen Oberschenkel bedeckte. In seinem Rücken brannte ein Feuer, und der Schmerz zwang ihn, so flach wie möglich zu atmen. Er wusste, dass der Vollmond das Wetter umschlagen ließ. Im Laufe der Nacht würde der Nebel aufreißen und sich auflösen, und sein schutzloser Körper würde der Kälte, die sich schon jetzt schmerzhaft bemerkbar machte, schutzlos ausgeliefert sein. Der Mann stützte seinen linken Ellenbogen auf und versuchte stöhnend, sich aufzurichten.

»Hilfe!«, rief er heiser. »Hilfe!«

Mühsam verrenkte er den Kopf nach hinten und blickte zu den geschlossenen Holzläden der Almhütte hinauf, vor der er auf der Hausbank seinen Rucksack und den daran gelehnten Bergstutzen erkennen konnte. Mit einem tiefen Atemzug krallte er die linke Hand in die Zweige des Wacholderstrauches, unter dem er seit Stunden lag. Er versuchte, sich aufzusetzen. Der Schmerz in seinem Rücken raste, das Blut dröhnte in seinen Ohren. Er schaffte es nicht. Er konnte sich nicht hochziehen. Sein kräftiger vierundzwanzigjähriger Körper und die mit Nässe vollgesogene Kleidung waren zu schwer für seine ermüdeten Arme.

Der Mann zitterte so heftig, dass er sich nicht mehr an den Zweigen festhalten konnte. Erschöpft ließ er sich wieder auf den feuchten Loden seines Wetterflecks sinken.

»Hilfe«, murmelte er. »Hilfe.«

Nach und nach verlangsamte sich sein Atem, und eine tiefe Müdigkeit ergriff von ihm Besitz. Der Schrei eines Uhus durchbrach die Stille. Noch einmal öffnete der Mann die Augen und blickte ins Tal hinab. Um ihn herum war der Nebel nur noch ein dünner, sich auflösender Dunst, doch unter ihm wogte ein dickflüssiges Wolkenmeer. Dunkelheit griff nach ihm, und eine schläfrige Teilnahmslosigkeit breitete sich in ihm aus. Da hörte er das Geräusch.

Plötzlich war der Mann hellwach. Er lauschte in die Nacht hinaus, doch er konnte nur das Rauschen seines eigenen Blutes in den Ohren hören. Da war nichts.

Er schloss die Augen. Da hörte er wieder das Geräusch. Er hatte sich nicht getäuscht. Schritte näherten sich ihm von hinten. Sein Herz begann wie wild zu schlagen. Mit einer letzten Anstrengung wandte er den Kopf.

Die Sicht hatte sich vergrößert, und in der klaren, eisigen Luft konnte er deutlich eine dunkle Gestalt über den steinigen Pfad neben der Hütte herabsteigen sehen. Direkt über ihm blieb sie stehen.

»Gott sei Dank«, flüsterte der Mann. »Du bist es.«

Die Gestalt hob ihr Gewehr, zielte und drückte ab.

ZWEI

Geduld ist die Tugend des Jägers. Und des Mörders. Ohne seine Deckung zu verlassen, darf er das anvisierte Ziel nie aus den Augen verlieren. Im rechten Moment muss er ohne Zeugen töten. Manchmal dauert die Pirsch nur Stunden, manchmal mehrere Wochen, zuweilen aber auch ein ganzes Leben lang.

Diese Erfahrung lag noch in weiter Ferne, als ich an einem windigen Septembertag in meinem neuen Leben in den Bergen ankam. Am frühen Nachmittag war ich unter der stechenden Großstadtsonne in Wien losgefahren, jetzt dämmerte es schon. Kurz nach Salzburg hatte der Regen eingesetzt, und die Bergketten, die während der letzten Stunde meiner Fahrt links und rechts der Landstraße immer mehr an Höhe gewonnen hatten, verloren allmählich ihre Konturen hinter dichten Regenschleiern. Schließlich verschmolzen sie ganz mit den tief hängenden Wolken. Ein munterer Landregen prasselte auf das Dach meines neuen Landrover Defender. Ich drehte die hektische Stimme des Radiomoderators ab, um dem Spiel des Wassers ungestört lauschen zu können. Erste gelbe Blätter sprenkelten die gerippten Wasserlachen auf dem Asphalt und breiteten im Licht der Scheinwerfer einen leuchtenden Teppich aus Goldmünzen vor mir aus.

Als der Regen kurz vor Alpbach nachließ, machten sich die Verspannungen in Nacken und Rücken, die lange Bewegungslosigkeit bei mir stets auslöst, schmerzhaft bemerkbar. Obwohl mein Ziel nicht mehr weit war, beschloss ich, eine Pause einzulegen, lenkte den Landrover auf das Straßenbankett und stellte den Motor ab. Dann griff ich nach meiner alten grünen Wachsjacke, öffnete die Tür und ließ mich vom hohen Fahrersitz auf die Straße gleiten.

Trotz der einbrechenden Dunkelheit konnte ich die Umrisse der Umgebung noch gut erkennen. Vor mir lag eine stille Landschaft von ganz eigener Schönheit: vor Nässe glitzernde Weideflächen, durchzogen von dunklen Holzzäunen, ein paar verstreute Gehöfte, und, am Horizont, die schwarzen Schatten hoch aufragender Berge.

In der Ferne konnte ich die Lichter von Alpbach erkennen. Zufrieden schloss ich die Augen und nahm einen tiefen Zug von der kühlen, klaren Luft. Ich spürte, wie sich meine Lunge weitete und mein Kopf nach der Fahrt im neu riechenden Wageninneren wieder klar wurde.

Erst vor acht Wochen hatte ich mich um die seit Monaten unbesetzte Kassenstelle in Alpbach beworben und sie mit unerwarteter Schnelligkeit nur wenige Tage später zugeteilt bekommen. Ich sei die einzige Bewerberin gewesen, hatte der Zuständige in der Salzburger Gebietskrankenkasse gemeint und mir dabei einen mitleidigen Blick zugeworfen. Und ob das wirklich der richtige Job für eine junge Frau sei, hatte er gefragt. Ich hatte ihn keiner Antwort gewürdigt.

Auf einmal hatte ich das Gefühl, beobachtet zu werden. Ich öffnete die Augen. Zwei phosphorgrüne Kreise schwebten nur wenige Meter neben mir dicht über dem Boden. Tieraugen, die das Standlicht des Landrover reflektierten. Vorsichtig näherte ich mich dem geblendeten Geschöpf, um es nicht aufzuscheuchen. Doch das Tier rührte sich nicht. Im Dämmerlicht erkannte ich einen jungen Fuchs, der reglos am Wiesenrand lag. Behutsam ging ich vor ihm in die Hocke. Unter dem dunkel verklebten Fell schien das Tier nur aus Knochen zu bestehen. Sein Atem ging flach, und die schwarz geränderten Augen waren verkrustet und starrten ins Leere. Ich war nicht sicher, ob ich das Tier retten konnte, doch mein ärztliches Berufsethos befahl mir, es wenigstens zu versuchen. Kurz entschlossen zog ich meine Wachsjacke aus, hüllte den apathischen Fuchs in den festen Stoff und trug das Bündel zum Landrover, wo ich es auf dem Beifahrersitz verstaute. Dann startete ich den Wagen und lenkte meinen Krankentransport in Richtung der vor mir liegenden Lichter.

Kurze Zeit später passierte ich die Ortseinfahrt von Alpbach und fuhr im Schritttempo die menschenleere Hauptstraße entlang. Dabei hielt ich nach dem Praxisschild eines Tierarztes Ausschau. Nur wenige Autos parkten am Straßenrand zwischen mit bunten Dahlien bepflanzten Holztrögen. Dahinter standen weiß verputzte Häuser im Alpenlandstil mit Satteldächern und geschnitzten Holzbalkonen. In vielen Fenstern brannte Licht, doch an allen waren die Vorhänge zugezogen.

Ich kam an einem Sportgeschäft vorbei, dessen hell erleuchtete Schaufenster mit Bergsportzubehör dekoriert waren, dann an mehreren Souvenirläden, einem Lebensmittelgeschäft und einem liebevoll geschmückten Blumenladen. An einem würfelförmigen Neubau glänzte das Messingschild einer Anwaltskanzlei, und ein paar Meter weiter stach mir der Neonschriftzug einer Bank ins Auge. Eine Tierarztpraxis fand ich nicht.

Auf dem Dorfplatz hielt ich an. Zu meiner Rechten lag, halb verdeckt von einer alten Kastanie, das Gemeindeamt. Zu meiner Linken erhob sich eine barocke Kirche, deren rosa-weißer Zwiebelturm hinter einer Natursteinmauer aufragte. Durch das offene Tor konnte ich Gräber mit schmiedeeisernen Kreuzen und kleinen, rot flackernden Lichtern sehen.

Eine Gestalt trat aus dem Kirchenportal. Der Mann im langen schwarzen Mantel, wohl der Pfarrer, schickte einen raschen Blick zum Himmel empor. Dann spannte er, obwohl es kaum noch regnete, einen großen schwarzen Schirm auf und eilte über den gräbergesäumten Weg in Richtung des Tores. Sofort ließ ich das Fenster hinunter.

»Hallo«, rief ich. »Sie! Entschuldigung …!«

Der Mann blieb stehen, hob den Schirm und wandte sich in meine Richtung. Sein weißer Kragen blitzte auf. Kurz blickte er nach links und rechts, dann überquerte er den Platz und kam auf mich zu. Er beugte sich zum Fahrerfenster vor, wobei er den Schirm über sich hielt.

»Guten Abend, Fräulein«, sagte er. »Meinten Sie ‘leicht mich?« Sein Ton war höflich, aber ein wenig ungeduldig. Obwohl er Hochdeutsch sprach, war der Dialekt nicht zu überhören.

»Ja, bitte, ich brauche dringend einen Tierarzt.« Der Pfarrer würde wohl alle Schäfchen seiner Gemeinde kennen.

»Einen Tierarzt? Suchen S’ den Dr. Thurner?« Sein scharf geschnittenes Gesicht wurde von einer schnabelartigen Nase beherrscht, die ihm das Aussehen eines Geiers verlieh. Der Eindruck wurde noch durch den dicken schwarzen Wollschal verstärkt, der wie ein breiter Kragen um seinen Hals lag.

Ich zeigte auf das Bündel auf dem Beifahrersitz. »Den hab ich kurz vor der Ortseinfahrt am Straßenrand gefunden.«

»Ach so.« Der Pfarrer warf einen Blick ins Wageninnere, dann schüttelte er den Kopf. »Ein Fuchs. Da müssen S’ dem Jaga Bescheid geben.«

»Wem?«

»Dem Revierpächter, dem Jäger«, wiederholte er. »Das wär in dem Fall der Steiner Vinzenz. Der Wirt vom Jagawirt.«

»Und der verständigt dann den Tierarzt? Das wäre toll.« Meine Erleichterung musste mir anzuhören sein, denn zum ersten Mal erschien ein Lächeln auf dem Gesicht des Pfarrers. »Ich bin ohnehin auf dem Weg zum Jagawirt. Ist das noch weit von hier?«

Der Priester hob die Brauen. »Der Jagawirt?«, fragte er. Seine etwas stechenden Augen musterten mich aufmerksam. »Da wollen S’ jetzt noch hin? Das ist ein Stück außerhalb vom Ort.«

Ich nickte und klimperte mit dem Zündschlüssel.

»Wenn S’ ein Zimmer suchen, fragen S’ doch lieber gleich da drüben.« Er zeigte mit dem Schirm auf den stattlichen Gasthof neben dem Gemeindeamt, auf dessen Fassade eine von vier Apfelschimmeln gezogene Postkutsche prangte. Unter den hell erleuchteten Fenstern hingen üppig gefüllte Blumenkästen. Über der Tür stand in barocker Schrift: »Zur Alten Post«. In diesem Moment trat ein Paar aus dem Gasthof auf die Straße. Gedämpfte Volksmusikklänge waren zu hören, ehe die Tür wieder zuschlug. »In der Post sollte es kein Problem sein, ein Bett zu bekommen. Jetzt in der Nachsaison schon gar nicht. Die Wirtsleut sind sehr um ihre Gäste bemüht.«

Ich schüttelte den Kopf und drehte den Zündschlüssel im Schloss. Mit lautem Nageln sprang der Dieselmotor an. »Danke, aber der Jagawirt ist mir von Freunden empfohlen worden. Ich hab dort auch schon ein Zimmer bestellt.« Der Pfarrer kniff den Mund zusammen, und seine Schnabelnase schien noch weiter hervorzustechen. War er etwa beleidigt, weil ich seinen Rat nicht annehmen wollte? »Ich wohne gerne außerhalb. Wenn Sie mir jetzt vielleicht den Weg erklären …?«

Vielleicht hatte ihn meine forsche Art verärgert, denn sein Ton war deutlich reservierter. »Ja, sicher. Also, dann folgen S’ am besten der Straße links vom Gemeindeamt, dann aus dem Ort hinaus, immer geradeaus zwischen den Wiesen bis zu einer Weggabelung. Dort biegen S’ rechts ab. Und dann können S’ den Jagawirt nicht mehr verfehlen.« Er räusperte sich. »Es ist eine Sackgasse.« Damit trat er vom Wagen zurück.

Ich winkte ihm zum Abschied und drückte das Gaspedal nieder. Im Rückspiegel blähte sich seine Soutane im Fahrtwind des startenden Wagens. Eine Weile konnte ich ihn noch auf dem Dorfplatz stehen und mir nachschauen sehen. Dann machte die Straße eine Biegung und entzog ihn meinen Blicken.

Der Himmel hatte aufgerissen, und der Herbstmond, der wie ein überreifer Kürbis zwischen kupferfarbenen Wolken hing, spiegelte sich in den Wasserlachen auf der Straße. Nach knapp zehnminütiger Fahrt mündete die Straße auf einen kopfsteingepflasterten Vorplatz. Ich umrundete einen ausladenden Baum, der aus einem Rondell wuchs, und fuhr an ein paar parkenden Autos vorbei. Den Landrover stellte ich vor der breiten Eingangstür des Gasthofes ab und stieg aus.

Der Jagawirt war ein mächtiger Bau, dessen Ursprünge sicher bis ins Mittelalter zurückreichten. Das Erdgeschoss war gemauert, und seine sich nach oben verjüngenden Wände waren weiß verputzt. Darüber lagen zwei Holztramgeschosse, über denen ein weites Vordach im Mondlicht seinen Schatten auf die Fassade warf. Die grünen Läden an den kleinen Holzsprossenfenstern waren nicht geschlossen, und durch die zugezogenen Vorhänge im Erdgeschoss sickerte warmes Licht. Eine schmiedeeiserne Laterne über dem Eingang schwang sacht im Wind und beleuchtete die auf die weiße Wand gemalten roten und grünen Buchstaben »Zum Jagawirt«.

Plötzlich fegte ein heftiger Windstoß über den Platz und jagte mir einen kalten Schauer über den Rücken. Aber der Fuchs musste raus aus meiner Wachsjacke und ins Warme. Hastig lief ich auf den Eingang zu.

Ein paar Steinstufen führten zu einer Doppeltür hinauf. Daneben lehnte eine Schiefertafel, wohl die Tageskarte, auf der die Kreideschrift im Regen zerlaufen war. Rasch stieß ich die Tür auf, um mich vor dem kalten Wind in Sicherheit zu bringen. Mit einem trockenen Laut schnappte die Türfalle hinter mir zu.

Im Inneren des Gasthofes herrschte gedämpftes Licht. Ich befand mich in einer Halle, deren Wände halbhoch mit Holz getäfelt waren. Eine Treppe mit geschnitztem Geländer führte in die oberen Stockwerke. Auf den Stufen lag ein abgetretener Läufer, während den Boden der Eingangshalle vom Alter blank geschliffene Steinfliesen bedeckten. Auf der Sitzfläche einer Bank links im Raum reihten sich mit Kreuzstich bestickte Kissen.

Es gab keine Rezeption, sondern nur einen Holztisch, auf dem ein altmodischer Telefonapparat stand. Daneben lagen ein Stapel Zeitschriften und ein großes Heft, wohl das Gästebuch. Darüber war ein mit Messingschlüsseln bestücktes Schlüsselbrett an der Wand befestigt. Es war warm und roch ein wenig nach Staub.

»Hallo …?«, rief ich.

Niemand erschien.

Zwischen zahlreichen Geweihen hing eine ausgestopfte Schleiereule. Ihre Schwingen waren wie im Flug ausgebreitet, und ihr herzförmig gezeichnetes Gesicht schaute auf mich herab. Auf einem Ast saß ein gänsegroßer, blau gefiederter Vogel mit halb geöffnetem Krummschnabel und von feuerroten Augenbrauen überwölbten Glasaugen. Selten hatte ich einen so prächtigen Auerhahn gesehen. Der Jagawirt machte seinem Namen Ehre.

»Hallo!«

Eine Tür, die mir bis jetzt noch nicht aufgefallen war, öffnete sich unter der Treppe, und ein weißhaariger Mann in einem grauen Walkjanker und Kniebundhosen betrat die Halle. Er wirkte zunächst überrascht, doch nach kurzem Zögern kam er mit festen Schritten auf mich zu.

»Guten Abend, Fräulein.« Obwohl er an die siebzig sein musste, klang seine Stimme voll und tief. »Sie müssen schon entschuldigen …«

»Guten Abend«, sagte ich und streckte ihm eilig die Hand entgegen. »Canisius. Aus Wien. Wir haben telefoniert.«

»Ja.« Der Alte nickte. »Weiß schon. Die neue Frau Doktor. Vinzenz Steiner mein Name. Ich bin der Wirt. Herzlich willkommen im Jagawirt.«

Ich ergriff kurz seine knochige Hand, die von Altersflecken gesprenkelt war, aber etwas überraschend Zupackendes hatte. »Herr Steiner, gut, dass ich Sie persönlich antreffe. Ich habe einen verletzten Fuchs im Auto, und man hat mir gesagt, dass Sie uns helfen können.«

»Was – einem Fuchs?« Die Augen meines Wirtes weiteten sich. »Sind Sie da sicher, Fräulein?« Sein penibel gestutzter Schnauzbart schien sich zu sträuben. Obwohl sich ein tiefes Netz von Falten über sein Gesicht spann, war seine gebräunte Haut straff wie bei vielen Menschen, die einen Großteil ihres Lebens im Freien verbrachten.

»Natürlich bin ich sicher, kommen Sie mit.« Ich merkte selbst, wie ungeduldig ich klang, aber mein Patient musste versorgt werden.

Ich drehte mich um und verließ die Halle, ohne mich zu vergewissern, ob mein Wirt mir auch folgte. Doch als ich die Beifahrertür des Landrover öffnete, stand er neben mir. Mit zusammengekniffenen Augen spähte er ins Wageninnere, ehe er mit einem klauenartigen Zeigefinger die Wachsjacke auseinanderzog und deren kläglichen Inhalt musterte.

»Ein Fuchs, ein junger«, stellte er fest.

»Sag ich ja.« Langsam fing ich an, daran zu zweifeln, ob es wirklich eine so gute Idee gewesen war, den Fuchs zum Jaga zu bringen. Ich hätte mir vom Pfarrer die Adresse des Tierarztes geben lassen und direkt in die Praxis fahren sollen.

Vinzenz Steiner nickte. »Ich kümmer mich drum«, sagte er. »Und morgen soll ihn der Schorsch vergraben.«

Ich war nicht sicher, ob ich ihn richtig verstanden hatte. »Wie – vergraben. Wir brauchen einen Tierarzt.«

Steiners Lachen klang asthmatisch. »Das lohnt die Kosten nicht.« Er fuhr mit der Hand an der Seitennaht seiner Bundhose entlang. Aus einer aufgesetzten Tasche ragte ein Hirschhorngriff. Mein Wirt trug ein Jagdmesser.

»Aber wir wissen doch gar nicht, wie schwer der Fuchs verletzt ist«, wandte ich ein.

Seine Mundwinkel zogen sich nach unten. »Der hat die Staupe«, sagte er verächtlich und zeigte auf das arme Tier. »Da, sehen S’ die verklebten Augen? Das ist die Staupe. Ein Fuchs weniger, der meinen Birkhähnen das Leben schwer macht.« Ich öffnete schon meinen Mund zum Protest, als Steiner plötzlich einlenkte. Offensichtlich hatte er erkannt, dass er dabei war, seinen neuen Hausgast zu verärgern. Etwas freundlicher fuhr er daher fort: »Also, ich würd vorschlagen, Sie gehen jetzt hinein und bestellen sich ein gutes Abendessen, wir haben Wildwochen, und ich kümmere mich um …«

»Nichts da, wir rufen jetzt den Tierarzt.« Ich wollte das Tier retten und es nicht töten. Sonst hätte ich es gleich am Straßenrand liegen lassen können.

Vinzenz Steiner starrte mich an, ich starrte zurück. Das Licht der Laterne über dem Eingang fiel auf sein faltiges Gesicht. Er zuckte die Schultern, drehte sich um und ging mit stampfenden Schritten zum Haus zurück. Mit Schwung stieß er die Eingangstür weit auf.

»Schorsch!«, hörte ich ihn in der Halle brüllen. »Schorsch, setz deinen lahmen Arsch in Bewegung. Du fährst jetzt gleich zum Thurner Viktor.«

Kurze Zeit später kam ein alter grüner Puch G auf den Vorplatz gefahren und hielt neben meinem Defender. Ein dicker Mann Mitte sechzig in einem ausgebeulten Trainingsanzug, verfilzten Skisocken und Holzpantoffeln kletterte vom Fahrersitz. Seine Bierfahne war schon von Weitem zu riechen, und sein missmutiger Gesichtsausdruck sollte mir wohl klarmachen, dass er bereits Feierabend hatte. Ungerührt übergab ich ihm den Fuchs mitsamt der Jacke, teilte ihm mit, dass ich alle anfallenden Tierarztkosten übernehmen würde, und sah ihm nach, bis die Rücklichter des Geländewagens hinter der Silhouette des alten Baumes im Dunst verschwammen. Dann kehrte ich in den Gasthof zurück, um mir nun endlich mein Abendessen zu bestellen.

Im Gegensatz zur Halle wirkte die Gaststube des Jagawirt mit ihrer Täfelung aus Zirbenholz behaglich. Eine Holzbank lief um den ganzen Raum, und ein Kachelofen strahlte wohlige Wärme aus. An den Wänden hingen gerahmte Stiche und Hinterglasbilder und zahlreiche Jagdtrophäen. Leinenvorhänge, auf denen Hirsche im Sprung zu sehen waren, verbargen den Blick auf das nasskalte Herbstwetter. Vier oder fünf Tische waren besetzt. Bis auf ein Karten spielendes älteres Ehepaar in Jogginganzügen saßen in der Stube nur Männer.

Ich ließ mich auf der freien Ofenbank nieder und lehnte meinen Rücken an die wohlig warmen Kacheln. Zwei ältere Männer am Nachbartisch, der eine in einer aufgeknöpften Polizeijacke, der andere in halbhohen Bergschuhen, Kniebundhose und an den Ärmeln gestopfter grüner Strickjacke, sahen zu mir herüber. Zwischen ihnen stand eine Platte mit kaltem Braten, Speck und Käse. Ich war mir meines müden Gesichtes und des zerdrückten Karohemdes bewusst, bemühte mich aber um ein möglichst charmantes Lächeln. Doch nur der Polizist erwiderte meinen Gruß, ehe sich die beiden wieder ihrem Essen widmeten. Offenbar waren sie attraktivere Frauen gewohnt. Die Dorfschönheiten trugen wahrscheinlich kurze Röcke und hohe Hacken und waren perfekt geschminkt. Ich konnte einen Seufzer nicht unterdrücken und griff nach der Speisekarte.

»Sie haben schon gewählt?« Neben mir stand eine stämmige Frau im ausladenden grünen Dirndl, einen Block und einen Stift gezückt in der Hand.

»Noch nicht, aber der Wirt hat gesagt, Sie hätten Wildwochen …«

»Sie sind die neue Frau Doktor, stimmt’s?« Die Kellnerin tippte mit dem Stift auf ihren Block. »Der Chef hat Sie schon angekündigt. Also, dann bring ich Ihnen mal die Hirschmedaillons. Medium?«

»Klingt gut.« Der Wiener Kollege, der im letzten Winter in Alpbach zum Skiurlaub war und mir den Jagawirt und seine regionalen Spezialitäten empfohlen hatte, schien recht zu behalten. Das Angebot klang verlockend. »Ja – warum nicht?«

»Und einen Zweigelt soll ich dazu servieren.« Die Kellnerin verschwand, ohne meine Antwort abzuwarten, in Richtung Küchentür.

Erst jetzt bemerkte ich die schmale alte Frau, die allein an einem Tisch am anderen Ende des Raumes saß. Sie trug ein gehäkeltes Schultertuch, und ihr kurz geschnittenes Haar schimmerte silbrig im Licht der Lampe. Vor ihr auf dem Tisch lag eine Nadelarbeit. Als ich der Frau zunickte, erschien ein sanftes Lächeln auf ihrem Gesicht. Dann senkte sie den Kopf, erhob sich mit einer anmutig leichten Bewegung und verließ die Stube. Die Handarbeit ließ sie liegen.

Die Hirschmedaillons mit Rotkrautstrudel waren butterzart und innen hellrosa. Ich trank den Zweigelt dazu und fühlte mich mit jedem Schluck besser. Gerade als ich die letzten Bissen in den Mund schob, erschien der Wirt in der Gaststube. Er ging von Tisch zu Tisch und wechselte mit jedem seiner Gäste ein paar Worte. Schließlich blieb er bei mir stehen und stützte die Hände auf die Lehne eines freien Stuhles.

»Und? Schmeckt’s?«, erkundigte er sich.

Ich nickte mit vollem Mund.

»Den Hirsch hab ich selbst geschossen. Und ich behalt mir für die Küche nur die besten Stücke.« Er machte eine Pause. »Ihr Fuchs ist tot.«

Ich schluckte das Stück Fleisch hinunter. Dann tupfte ich mir mit der grünen Papierserviette den Mund ab. »Die Staupe?« Ich griff nach meinem Rotweinglas und schwenkte es ein wenig.

»Natürlich.« In seiner Stimme lag eine Spur von Triumph. »Der Thurner Viktor hat ihm die Spritze gegeben. Ich wollt’s Ihnen nur sagen.«

Ich trank den Zweigelt aus. »Danke«, sagte ich. »Wenn Sie Auslagen hatten …«

»Machen S’ des mit dem Viktor aus.«

»Gut.« Ich stand auf. »Und jetzt würde ich gerne auf mein Zimmer gehen.«

Vinzenz Steiner nahm die Hände von der Stuhllehne. »Ich zeig’s Ihnen. Das Gepäck hab ich schon raufbringen lassen. Und Ihre Jacke ist auch zurück.«

Ich folgte dem Wirt in die Halle mit den ausgestopften Tieren. Von dem Schlüsselbrett über dem Holztisch nahm er einen großen Schlüssel von einem der Messinghaken. Der präparierte grauschwarze Kopf einer Gams starrte mit glasäugigem Blick auf uns herab. Ob irgendwer auch den kleinen Fuchs ausstopfen würde?

»Ihr Zimmer liegt im ersten Stock«, sagte Steiner, während er vor mir die knarrende Holztreppe hinaufstieg. »Ganz ruhig, nach hinten raus. Die 11.«

Die Nummer 11 war das erste Zimmer auf dem Gang, gleich neben dem Treppenabsatz. Der Wirt schloss die Tür auf und knipste das Licht an. Die gelben Leinenvorhänge an den Fenstern waren zugezogen, und die Bettdecke in dem riesigen Himmelbett war zurückgeschlagen. Mein mit Abziehbildern aus aller Welt bekleb-ter Aluminiumkoffer wartete bereits vor einem bemalten Bauernschrank. Auf einem Ohrensessel stand die Arzttasche aus abgeschabtem braunem Leder, die schon meinen Vater und Großvater auf ihren Visiten begleitet hatte. Es roch ein wenig nach Putzmittel.

»Sehr schön.« Das Zimmer strahlte genau die alpenländische Ruhe und Gemütlichkeit aus, nach der sich der gestresste Großstädter sehnte. Ich wusste auf Anhieb, dass ich mich hier wohlfühlen würde.

»Nicht wahr? Also, dann wünsch ich Ihnen eine gute erste Nacht. Frühstück gibt es ab halb sieben.« Steiner wandte sich zum Gehen, blieb aber noch kurz vor der geöffneten Zimmertür stehen. Die alten Dielenbretter knarzten, als er sich zu mir umwandte. »Eh ich’s vergess – den Bauernschrank im Vorraum können S’ nicht benutzen. Da sind alte Buchhaltungsunterlagen drin. Der Kleiderschrank steht neben dem Bad.«

Jemand, den ich nicht sehen konnte, stieg die Treppe hinunter.

»Also, schlafen S’ gut«, sagte Steiner noch.

Als er gegangen war, besah ich mir den Bauernschrank, ein bemaltes Ungetüm. In dem geschmiedeten Eisenschloss steckte ein Schlüssel. Ich drückte mit den Fingern probeweise gegen die Tür. Sofort machte der Schlüssel eine Vierteldrehung im Schloss, und die Tür sprang auf. Ich wich einen Schritt zurück, um nicht von einer harten Holzkante getroffen zu werden. Im Inneren des Schrankes lagerten mehrere Reihen abgegriffener schwarzer Aktenordner und ein paar Stapel vergilbten Papiers. Ich versuchte, den Schrank wieder zu verschließen, doch es gelang mir erst, als ich mich gegen die bemalte Tür drückte und den Schlüssel drehte und abzog. Wohin jetzt mit dem Schlüssel? Ich steckte ihn in die Tasche meiner Wachsjacke, die schon an der Garderobe hing, mit dem Vorsatz, ihn anderntags dem Wirt zu geben, weil ich den Schrank ohnehin nicht nutzen konnte.

In der Nacht weckte mich ein lautes Knarzen. Im Halbschlaf lauschte ich dem Geräusch hinterher, doch ich hörte nur das Knacken, Knarren und Ächzen der Holzbalken des alten Gasthofes. Es klang, als atme der Jagawirt im Schlaf.

DREI

Die Gaststube war gut geheizt. Die Lampen über den Tischen verbreiteten warmes Licht, und es roch nach Kaffee und frischem Gebäck. Die Tische waren mit grünweiß geflammter Gmundner Keramik gedeckt, und auf jedem Teller lag eine Papierserviette. Ich setzte mich wieder an den warmen Kachelofen.

Das Ehepaar, das am Abend in der Stube Karten gespielt hatte, saß zwei Tische weiter. Die beiden trugen karierte Holzfällerhemden und Halstücher mit Edelweißmuster und löffelten Müsli aus dickwandigen Keramikschalen. Eine Wanderkarte bedeckte den halben Tisch. Als die beiden mich bemerkten, hoben sie gleichzeitig die Köpfe und nickten mir fröhlich zu. Außer uns nahm nur noch ein alter Mann sein Frühstück ein. Er schien ganz in seine Morgenzeitung vertieft, sein grauer Haarschopf ragte über den Rand des »Alpbacher Wochenblattes«.

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!