Jagdsaison für Märchenprinzen - Gabriella Engelmann - E-Book

Jagdsaison für Märchenprinzen E-Book

Gabriella Engelmann

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2,99 €

Beschreibung

Eine herzerfrischend witzige romantische Komödie! – Gibt es ein schöneres Gefühl, als frisch verliebt zu sein? Diese Schmetterlinge im Bauch, dieses Hochgefühl, dieser Wunsch, die ganze Welt zu umarmen … Einfach wunderbar! Seit genau 15 Tagen sind Promijägerin Marie Teufel und Verlagsleiter Christoph Köllisch ein Paar – und schon droht der jungen Liebe Gefahr. Laura von der Osten, blond, schlank, groß, ist alles, was Marie nicht ist, und hat ein Auge auf Christoph geworfen. Doch Marie will das Feld keinesfalls kampflos räumen und bläst zur Jagd auf Märchenprinzen, Promis und Herzensbrecherinnen …

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Seitenzahl: 479

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Gabriella Engelmann

Jagdsaison für Märchenprinzen

Roman

Edel Elements

Copyright dieser Ausgabe © 2013 by Edel Elements Ein Verlag der Edel Germany GmbH

Copyright © 2005 by Gabriella Engelmann

Dieses Werk wurde vermittelt durch Keil & Keil Literatur-Agentur.

Covergestaltung: Designomicon

Konvertierung: Datagrafix

Alle Rechte vorbehalten. All rights reserved. Das Werk darf – auch teilweise – nur mit Genehmigung des jeweiligen Rechteinhabers wiedergegeben werden.

ISBN: 978-3-95530-193-4

edel.comfacebook.com/edel.ebooks

DIE FAHRKARTEN BITTE!«, schallt es unsanft an mein Ohr, während ich gerade versuche, auf dem Weg nach Frankfurt noch etwas Schlaf zu finden. »Personalwechsel in Hannover. Noch jemand zugestiegen?«

Nein, bin ich nicht, ich sitze schon seit Hamburg hier, murmle ich und kuschle mich tiefer in meinen neuen dunkelbraunen Strickmantel. Während der Zug sich wieder in Bewegung setzt, drehe ich mich auf die andere Seite, um wieder nahtlos in meinen Traum einsteigen zu können.

Dort laufe ich gerade Hand in Hand mit meinem neuen Freund Christoph am Strand von Kampen entlang, meine langen Haare (woher habe ich die denn auf einmal?) flattern im Wind, meine Wangen sind gerötet, und eine Möwe zieht am Himmel ihre Kreise. Plötzlich dreht Christoph sich zu mir um (klar, ich liege, unsportlich wie ich bin, tempomäßig mal wieder weit zurück) und wirft sich vor mir auf die Knie.

»Wollen Sie ...?«

Ah, denke ich, jetzt kommt’s, der Antrag. Finde ich richtig süß von Christoph, dass er gleich so förmlich ist – allerdings ist das ja auch dem Anlass angemessen. Also, jetzt geht es wohl los: Ich bekomme den ersten Heiratsantrag meines Lebens!

»Wollen Sie ... mir nicht endlich Ihre Fahrkarte geben? Personalwechsel in Hannover. Ich muss jetzt alle Fahrscheine kontrollieren, auch Ihren!«

Ups, mit einem Schlag bin ich hellwach.

Diesmal brauche ich Gott sei Dank nicht so lange wie sonst, um mein Portemonnaie zu finden, denn ich habe mir eins in Knallrot gekauft – das fällt immer ins Auge, egal wie müde man ist und erspart einem das lästige Suchen. Nachdem dieses Prozedere abgeschlossen ist, hänge ich wieder meinen Gedanken nach. Das mache ich eigentlich fast am liebsten. Aber am allerliebsten denke ich im Moment über Christoph nach.

Es kommt mir vor, als läge der Tag, an dem wir zusammengekommen sind, Lichtjahre zurück, dabei ist es noch gar nicht so lange her, dass wir ein Paar sind. Ich hätte nie damit gerechnet. Nicht dass ich unansehnlich wäre. Das nun gerade nicht. Aber ich bin nur eine kleine (und nicht wirklich schlanke, wenn ich ehrlich bin) Lektorin, Christoph Köllisch ist Verleger, jung und gut aussehend dazu. Was sollte der schon an mir finden. Außerdem hatte er bis vor kurzem noch diese Superfrau Carlotta als Freundin: groß, erfolgreich, gertenschlank. Dagegen kam ich mir vor wie das berühmte hässliche kleine Entlein. Trotzdem hatte ich mich in ihn verliebt. Meinen Chef.

Weil er so schöne dunkelbraune Augen hat.

Weil er so gut duftet.

Weil sein Lachen so ansteckend ist, dass man die ganze Welt umarmen möchte.

Weil niemand schönere Hände hat als er.

Weil, weil, weil, weil ... weil er eben der tollste Mann ist, der mir je begegnet ist.

Der Mann meiner Träume.

Mein Märchenprinz, wenn man so will.

Drei Wochen sind Christoph und ich jetzt schon zusammen (na ja, eigentlich sind es fünfzehn Tage, um genau zu sein), aber es kommt mir vor, als wären es drei Wochen. Fünfzehn Tage ist es her, dass Christoph mich bei der Buchpremiere eines unserer Autoren nach einem Schwächeanfall meinerseits wieder belebt und wachgeküsst hat. Wie bei Dornröschen. Oder war es Cinderella? Schneewittchen? Ach egal, ich bin nicht so sattelfest in Märchen – ist ja auch nicht mein Ressort als »Promijägerin«. Der Begriff wurde extra für mich erfunden! Denn in meinem Beruf geht es um Prominente aus allen Sparten der Gesellschaft, die ich dafür gewinnen muss, ein Buch in unserem Verlag Bader & Köllisch zu verlegen. Also gehören in mein »Jagdgebiet« eher Frauen wie Heidi Klum oder Madonna, und die sind ja an sich recht emanzipiert. Die brauchen keinen Prinzen, der sie wachküsst. Die wissen selbst am besten, wo’s langgeht. Und entscheiden selbst, wen sie küssen und wen nicht.

Hmmm, Küssen ist auch ein schönes Thema ...

Christoph ist wirklich sensationell auf diesem Gebiet. Ich finde, unsere vollen weichen Lippen ergänzen sich hervorragend. Wie zwei Samtkissen.

Ich vermisse Christoph. Immerhin ist es schon ganze zwei Stunden her, dass er mich zur Bahn gebracht hat, um danach den Flieger nach München zu besteigen, wo er und mein zweiter Chef, Herr Bader, heute eine Besprechung haben. Von München aus fliegt er dann nach Frankfurt, wo die Buchmesse stattfindet, sodass wir uns heute Abend auf alle Fälle sehen werden. Und natürlich heute Nacht!

Hmmm, auch das ist wieder ein schönes Thema, über das ich gerne nachdenke. Denn Christoph ist nicht nur ein echtes Kusstalent, sondern auch in anderer Hinsicht sehr begabt. Nachts kommt also momentan keine Langeweile auf, und ich bekomme kaum Schlaf. Das ist auch der Grund, weshalb ich jetzt zumindest dösen werde, denn das soll ja bekanntlich auch gegen Müdigkeit helfen.

Schade, dass meine beste Freundin Annalena, unermüdliche PR-Frau unseres Verlages, mit der ich ein Büro teile, nicht dabei ist. Normalerweise wären wir ja zusammen gefahren, aber weil sie noch so viel im Verlag zu tun hatte, kommt sie erst morgen auf die Buchmesse. Ganz schön langweilig ohne sie! Für gewöhnlich spielen wir in der Bahn Memory, erzählen uns Männergeschichten, lackieren noch mal schnell die Fingernägel oder schlafen. Okay, für Letzteres braucht man prinzipiell ja nicht zu zweit zu sein, aber es hat so etwas Gemütliches, wenn wir beide unsere Köpfe zusammenstecken. Außerdem duften ihre Haare so lecker. Ich darf morgen nicht vergessen, sie zu fragen, welches Shampoo sie benutzt.

Annalena ist in den letzten Tagen etwas merkwürdig, überlege ich, während ich die vorbeiziehenden Dörfer betrachte. So still und in sich gekehrt, das passt gar nicht zu meiner sonst so quirligen Freundin. Sie hat auch gar nichts mehr von diesem Heiko erzählt, in den sie sich vor einigen Wochen verliebt hat, und zu dem geplanten Kennenlerntreffen zwischen ihm und mir ist es auch nicht gekommen. Okay, ich gebe zu, ich war ein wenig zu sehr mit mir selbst und vor allem mit Christoph beschäftigt, das könnte dazu beigetragen haben, dass sie sich etwas zurückgezogen hat, aber normalerweise freut sie sich mit mir, wenn ich verliebt bin. Ab jetzt werde ich mich wieder mehr um meine beste Freundin kümmern, nehme ich mir vor, denn mich beschleicht der Verdacht, dass ich in den letzten Wochen und Monaten mal wieder viel zu egoistisch war. Die ganze Aufregung um die Memoiren von Miguel Vargas und der Trip nach Mallorca, den ich extra antreten musste, um den störrischen Künstler zu diesem Projekt zu überreden. Dazu kamen noch die ganze Aufregung um Ramon, meine mallorquinische Urlaubsliebe, mit dem mich jetzt eine freundschaftliche Beziehung verbindet, die anstrengende Promijägerei und der Beginn meiner Beziehung mit Christoph.

Na ja, offiziell ist es ja noch gar keine Beziehung, denn wir haben beide beschlossen, das Ganze vorerst nicht an die große Glocke zu hängen. Schließlich arbeiten wir zusammen, und Christoph ist mein Vorgesetzter. Wir wollen einfach noch ein wenig abwarten, ob sich das mit uns auch wirklich festigt, bevor wir im Verlag die Pferde scheu machen. ICH finde zwar, wir sind schon irre gefestigt, aber Männer müssen die Dinge eben manchmal unnötig verkomplizieren. Auch wenn das sonst immer uns Frauen nachgesagt wird.

Ich danke Gott immer noch auf Knien, dass Christoph damals so schlau war, erst im Nebenraum von Miguels Buchpräsentation – also unter Ausschluss der Öffentlichkeit – über mich herzufallen und mich zu küssen.

Und diese Heimlichtuerei hat ja auch etwas Hocherotisches und Aufregendes. Wir simsen uns alle fünf Minuten (das mit den internen Mails lassen wir sicherheitshalber, unnötig, unseren EDV-Menschen in unser Liebesleben einzubeziehen), sodass Annalena schon protestiert, weil sie das ewige Gepiepe beim Eingang einer Kurzmitteilung nervt. Und, na ja, das Simsen an sich ist ja auch keine besonders lautlose Angelegenheit, wenn ich ehrlich bin. Obwohl ich mich schon wundere, wie Annalena das mit ihrem Headset auf den Ohren überhaupt mitkriegt. Hilfreich wäre es natürlich in jedem Fall, wenn ich endlich mal das Einstellen der »Lautlos«-Funktion lernen würde, aber das ist ein anderes Thema ...

Natürlich tripple ich auch mehrfach am Tag unter den fadenscheinigsten Vorwänden (Ich wollte dir die Aktennotiz lieber persönlich vorbeibringen. Kannst du mal den Vertrag gegenlesen? Ist die Kalkulation auch richtig? Wie findest du das Cover? Wie findest du mich?) in Christophs Büro. Mann, was bin ich froh, dass seine Assistentin Angela gerade Urlaub hat. Sonst hätten wir das mit der Geheimhaltung gleich vergessen können. Frauen haben ja Sensoren für so was. Da lobe ich mir meine Freundin Annalena, die schweigt wie ein Grab. Selbst unter Folter würde sie mich NIE verraten!

Als ich darüber nachdenke, überfällt mich wieder das schlechte Gewissen. Ich nehme mein Handy aus der Tasche, um sie anzurufen, obwohl die Verbindung auf dieser ICE-Strecke meist recht schlecht ist. Jetzt klingelt es in unserer Besenkammer, wie wir unser gemeinsames Büro aufgrund der quasi nicht vorhandenen Größe nennen.

»Verlag Bader & Köllisch, Annalena Kluge am Apparat, was kann ich für Sie tun?«

Wow, Annalena klingt, als würde sie in einem Hotel arbeiten. Da hören die in der Regel auch erst nach zehn Minuten mit ihrer Ansprache auf, wenn man schon längst den eigentlichen Grund des Anrufs vergessen hat.

»Annalena, Süße, wie geht es dir? Ich habe gerade über dich nachgedacht, und ich finde, dass du in letzter Zeit so merkwürdig bist. Ich mache mir richtig Sorgen um dich! Weißt du was? Wenn wir aus Frankfurt zurück sind, machen wir uns mal wieder einen richtig schönen Abend bei Paolino, unserem Lieblingsitaliener. Nur du und ich. Das heißt, du kannst ja auch Heiko mitbringen, dann lerne ich ihn jetzt wirklich endlich kennen. Annalena? Bist du noch dran?«

Aber alles, was ich höre ist: »Li ss du rufst, te ee, weh dich t.« O nein, wir sind in einem Funkloch und das, wo ich doch gerade meine liebste Annalena anrufe. »Rz ter n m an«, schnarrt es weiter, und ich schalte betrübt das Handy aus. Hat anscheinend momentan keinen Sinn.

Zweieinhalb Stunden später erreiche ich endlich Frankfurt. Das Taxi bringt mich zu meiner Unterkunft, dem Hotel Maritim. Es ist ein beeindruckender riesiger Kasten und liegt nur einen Steinwurf vom Messegelände entfernt. Ich möchte ja nicht wissen, was die Zimmer hier kosten, aber trotz seines beständigen Drängens auf »Kostenminimierung«, das unseren Senior-Verleger Herrn Bader auszeichnet, wird an Messeübernachtungen nicht gespart, denn nur ein ausgeruhter Mitarbeiter ist ein effizienter Mitarbeiter. Der besonders fleißig Termine absolvieren, Standdienst übernehmen und Kunden betreuen kann. Und das ist es ja schließlich, worum es auf so einer Messe geht!

Ich betrete die Lobby und checke ein. Während ich meine Anmeldung ausfülle, sehe ich aus dem Augenwinkel einige bekannte Verlagsgrößen und Promis. Kein Wunder, denn auf dieser Messe wird es nur so wimmeln von Memoirenschreibern aller Couleur. Wer weiß? Möglicherweise stolpere ich gleich im Fahrstuhl über Heidi Klum, die ja jetzt auch unter die Autorinnen gegangen ist. Vielleicht sollte ich mir ihr Buch auch mal kaufen, damit ich weiß, wie ich – quasi im Handumdrehen – schön, schlank und blond werde, mit Beinen bis unters Kinn?

Aber apropos Fahrstuhl. Der ist gerade meine Hauptsorge. Ich habe nämlich panische Angst vor Fahrstühlen und benutze, wo es geht, die Treppe (ist ja auch viel gesünder). Ich hoffe und bete, dass mein Zimmer nicht gerade im fünfzehnten Stock liegt.

»Welches Zimmer ist es denn?«, frage ich zaghaft die Rezeptionistin, die einen äußerst schlecht gelaunten Eindruck macht (na ja, ich würde mich auch nicht freuen, wenn ich so eine hässliche Uniform tragen müsste und den ganzen Tag mit Amerikanern und Russen zu tun hätte, die ihre Zigaretten in der Blumendeko am Tresen ausdrücken) und mir sichtbar genervt meinen Plastikchip rüberschiebt.

»Zimmer 2634. Die Fahrstühle finden Sie vorne rechts, der Page wird Ihnen gleich mit dem Gepäck helfen.«

2634? Bedeutet das, dass ich im sechsundzwanzigsten Stock untergebracht bin? In Zimmer 34? Oder dass ich im zweiten Stock in Zimmer 634 logiere?

»Ähem, entschuldigen Sie bitte?«, starte ich einen höflichen Versuch, Licht ins Etagendunkel zu bringen. »Im wievielten Stock befindet sich denn mein Zimmer?«

Die Rezeptionistin wirkt nun noch unnahbarer als vorhin und hebt indigniert ihre rechte Augenbraue. Wow, ich bin echt beeindruckt, so sieht sie fast aus wie Greta Garbo in ihren besten Zeiten!

»Im sechsundzwanzigsten. Ist daran irgendetwas nicht in Ordnung?«

»Ähem, nein, grundsätzlich nicht«, stammle ich. »Es ist nur so, dass mich Fahrstühle etwas nervös machen, und in den sechsundzwanzigsten Stock kann ich ja schlecht zu Fuß raufgehen, oder?«

»Sie können ganz beruhigt sein, Frau, ähm ...«

»Teufel, Marie Teufel«, antworte ich, bemüht, eine emotionale Beziehung zu dieser Eisprinzessin herzustellen.

»Frau Teufel, ich versichere Ihnen, Sie können vollkommen beruhigt sein, die Fahrstühle werden regelmäßig gewartet, es kann gar nichts passieren.«

Mit dieser Erklärung wendet sie sich einem Japaner neben mir zu, den ich fast übersehen hätte, weil er so klein ist. Allerdings löst die Information über den TÜV für Fahrstühle noch nicht mein eigentliches Problem, das doch mehr mit Klaustrophobie zu tun hat als mit der Angst vor einem Absturz. Mittlerweile steht auch schon der Page vor mir, wild entschlossen, sich meiner Koffermassen anzunehmen.

»Frau Stark«, sage ich, nachdem der Japaner wieder verschwunden ist, nun einen Tick energischer, »ich habe panische Angst vor Fahrstühlen und hätte wirklich sehr gerne ein Zimmer, das ich auch zu Fuß erreichen kann, also bis maximal fünfter Stock. Ist das möglich?«

»Nein, ist es nicht«, antwortet Frau Stark, formal zwar höflich, aber offensichtlich völlig indigniert. »Es ist Messezeit, und da sind wir leider komplett ausgebucht.«

Man sieht ihr an, dass sie am liebsten sagen würde: »Da können Sie froh sein, überhaupt ein Zimmer in unserem Hotel bekommen zu haben, so spät, wie Ihr Verlag mal wieder reserviert hat.«

Stimmt, es IST Messe, und da habe ich ganz offensichtlich schlechte Karten. Doch SO leicht gebe ich nicht auf:

»Können Sie nicht mal in Ihrem Computer nachsehen?«, frage ich schmeichelnd. »Vielleicht gibt es Reisende, die heute erst einchecken und denen es egal ist, in welchem Stock sie wohnen. Zum Beispiel Werner Stumm und Sven Hansen, Mitarbeiter unseres Verlages, die heute ebenfalls anreisen.« Ich finde mich mit dieser Idee ziemlich schlau und sehe Frau Stark triumphierend an.

»Meinen Sie, dass Herr Stumm oder Herr Hansen gerne ein Nichtraucher-Zimmer hätten?«, bekomme ich nun wieder Gegenwind von Frau Stark, die sich anscheinend, komme was wolle, mir gegenüber behaupten möchte. »Soweit ich weiß, ist Herr Stumm starker Raucher und hat seit Jahren dasselbe Zimmer. So steht es zumindest in unseren Gästebemerkungen.«

Eins zu null für Frau Stark, denke ich und merke, dass hinter mir bereits einige Gäste unruhig werden. Wahrscheinlich haben sie Mitleid mit mir, denn der Tonfall, den Frau Stark am Leib hat, entspricht so gar nicht den Gewohnheiten einer Mitarbeiterin eines Top-Hotels. Wäre ich gemein, würde ich denken, sie hat ihre Tage ...

»Okay, okay, Sie haben gewonnen«, murmle ich zerknirscht und trete den Rückzug an.

»Keine Sorge, wird schon gut gehen«, versucht der Page mit dem herzigen Namen Valentin, den ich seinem Namensschildchen entnehmen kann, mich zu trösten. Wirklich süß, der Kleine. Sieht ein bisschen aus wie Leonardo DiCaprio damals in »Titanic«, als er noch nicht so aufgequollen war wie jetzt.

Während ich mit meinem Beautycase zum Fahrstuhl gehe (hoch erhobenen Hauptes, versteht sich), klingelt mein Handy.

»Na, Süße, wo steckst du, alles klar?«

Es ist Christoph, und mein Herz macht einen Satz. Ich erzähle ihm von Frau Stark und dem Versuch, mich zu sabotieren, indem sie meiner Fahrstuhl-Paranoia Vorschub geleistet hat. Christoph lacht (Ich LIEBE sein Lachen!) und verspricht mir, Frau Stark einer genauen Betrachtung zu unterziehen, wenn er wieder da ist.

»Wann kommst du denn endlich?«, quake ich in den Hörer.

»Es ist so doof hier ohne dich.«

»Ich bin gegen 21.00 Uhr da. Ich schaffe erst die spätere Maschine, weil wir hier doch mehr zu besprechen haben als ursprünglich gedacht. Nimm doch einfach ein schönes Bad, köpf eine Flasche aus der Minibar und mach’s dir gemütlich. Oder geh mit Herrn Stumm zum Bertelsmann-Club-Empfang. Das ist doch was für dich. Viele Promis auf einem Haufen!«

Ich WILL aber nicht, maule ich innerlich vor mich hin. Gegen die Badewanne und die Minibar ist ja prinzipiell nichts einzuwenden, aber doch nicht allein. Und dann auch noch in luftiger Höhe im sechsundzwanzigsten Stock!

Aber vielleicht ist der Clubempfang tatsächlich eine gute Idee. Schließlich trifft sich bei dieser Party alles, was in der Buchbranche Rang und Namen hat, und wer weiß? Vielleicht könnte ich bei dieser Gelegenheit mal meine Fühler ausstrecken, ob sich Bertelsmann nicht für eine Clubausgabe von Miguels Memoiren interessiert? Außerdem kann man da sicher nett essen und trinken ...

»Okay, dann gehe ich eben zu den Bertelsmännern«, höre ich mich zu meiner eigenen Überraschung sagen. »Und dann treffe ich Joachim Unseld und verführe ihn. Tja, war nett mit dir, Christoph.« (Joachim Unseld ist der in Ungnade gefallene Sohn des Suhrkamp-Verlegers, Gott hab ihn selig, und ist nicht nur ein literarischer Schöngeist, sondern ein gut aussehender dazu. Den würde ich wirklich zu gerne mal in natura sehen!)

»Dann grüß Herrn Unseld von mir! Wir sehen uns dann, wenn ich in Frankfurt bin. Viel Spaß heute Abend«, sagt Christoph und legt einfach auf.

Danke, den werde ich haben, denke ich und ärgere mich über mich selbst. Was ist denn auf einmal in mich gefahren? Ich war noch NIE bei diesem Empfang, und ich habe auch nicht im Entferntesten die Absicht, heute dahin zu gehen. Aber ich will auch nicht wie das typische Frauchen im Hotelbettchen auf meinen Liebsten warten und aus einem Fläschchen trinken. So weit kommt es noch! Man muss als Frau interessant bleiben. Okay, dann also zum Clubempfang.

Leonardo DiCaprio guckt mittlerweile etwas genervt, weil ich immer noch VOR dem Fahrstuhl stehe und nicht drin bin. So komme ich natürlich nie in den sechsundzwanzigsten Stock.

»Ist es Ihnen lieber, wenn ich mitfahre?«, fragt der Kleine, und ich finde, dass das eine sehr gute Idee ist.

Wenn wir stecken bleiben, können wir beide zusammen alle Songs des »Titanic«-Soundtracks singen. Ich bin Kate Winslet, was figurtechnisch ja durchaus passen könnte, und er Leonardo DiCaprio, der mir netterweise sein vermodertes Holzbrett zur Verfügung stellt, um mich zu retten. Respektive sein Handy und seine Kontakte zum Fahrstuhl-TÜV.

Doch alles läuft nach Plan, und noch ehe sich die ersten Panikschweißperlen auf meine Stirn mogeln können, öffnet sich auch schon wieder die Tür, der Weg in die Freiheit.

»Ich hole bloß mal eben Ihr Gepäck«, verspricht Valentin/Leonardo/Page und macht sich pfeifend von dannen. Spinne ich, oder pfeift er wirklich »My heart will go on«? Minuten später steht er wieder vor meiner Tür, schwer keuchend, was mich angesichts meiner Gepäckmassen auch nicht weiter wundert. Ich wusste wie immer nicht, was ich anziehen soll, und habe einfach alles eingepackt, was auch nur vielleicht in Frage kommen könnte.

Nachdem Valentin die Koffer in mein Hotelzimmer gewuchtet hat, schenke ich ihm mein strahlendstes Lächeln und zehn Euro, winke ihn huldvoll hinaus und sehe mich um. Als Erstes inspiziere ich das Badezimmer. Wow! So eine riesige Badewanne habe ich noch nie gesehen. An der Tür hängt ein flauschiger Bademantel, und Frotteepantoffeln stecken in einer durchsichtigen Hülle ...

Im Zimmer steht ein Strauß roter Rosen. Und im silbern glänzenden Kühler badet eine Flasche Sekt. Allmählich habe ich den Eindruck, gar nicht auf einer Geschäftsreise zu sein, sondern in den Flitterwochen. Neugierig öffne ich die Karte, die an dem Sektkühler lehnt.

»Das Maritim-Hotel heißt Sie herzlich willkommen und wünscht Ihnen eine angenehme und erfolgreiche Messe!«

Oh, das ist ja gar nicht von Christoph (dachte irgendwie, das seien Willkommensgeschenke von ihm), murmle ich enttäuscht. Na ja, macht nix, er hat mich in den letzten Tagen schließlich mit genügend Aufmerksamkeiten überschüttet.

Ernüchtert beschließe ich, dass es nun wirklich an der Zeit ist, Kontakt zu meinen lieben Kollegen aufzunehmen. »Na, Werner, wo steckt ihr?«, frage ich Herrn Stumm, der sich zusammen mit unserem Lektor Sven Hansen und der Vertriebsassistentin Frauke Müller im Auto auf dem Weg nach Frankfurt befindet und vermutlich immer noch ein wenig beleidigt ist, weil ich nicht mitfahren wollte. Aber ich fahre nun einmal lieber mit der Bahn. Ist gemütlicher. Und es gibt einen Speisewagen, falls einen der kleine Hunger packt. »Könnt ihr mich heute auf dem Bertelsmann-Empfang einschleusen? Ich habe meine Einladung nämlich im Verlag vergessen«, lüge ich schamlos, denn ich hatte niemals eine. Irgendwann bin ich vom Verteiler gestrichen worden. Vielleicht, weil ich mich immer mit zehn Personen angemeldet habe, aber nie aufgetaucht bin? Verstehe gar nicht, wo das Problem ist, auf diese Weise habe ich doch weder Essen noch Getränke noch Luft zum Atmen verbraucht, oder?

Wir verabreden uns für 20.00 Uhr im Foyer des Hotels, also bleibt mir noch genug Zeit, um meine Sachen auszupacken und ein Bad zu nehmen. Ich drehe den Wasserhahn auf und sehe mich genauer im Badezimmer um. Ich traue meinen Augen kaum: Da steht doch tatsächlich eine Flasche mit Duschgel von Dior Addicte, meinem neuen Lieblingsparfüm. Die »Cashmir-Phase« ist überwunden, aber geblieben ist mein Hang zu schweren, pudrigen Düften. Auch an dieser Flasche lehnt eine Karte, die ich eigentlich gar nicht lesen will. Da steht bestimmt wieder nur: »Das Maritim-Hotel wünscht Ihnen nach einem anstrengenden Messetag Ruhe und Erholung.« Aber neugierig wie ich bin, reiße ich dennoch den Umschlag auf und erkenne zu meinem Entzücken Christophs Handschrift: »Ich liebe dich«, steht da, weiter nichts. Schlicht und ergreifend. Ich bin so gerührt, dass ich mich setzen muss. Dabei rutsche ich fast in die Badewanne, so glatt ist die Verkleidung.

»Ich liebe dich« ist ein Satz, den ich bisher noch nicht von ihm gehört habe. Dafür ist es ja auch noch zu früh zwischen uns, denke ich. Aber wie schön das klingt. Und jetzt habe ich es sogar schriftlich. Wenn wir uns streiten, kann ich die Karte jederzeit als Beweisstück A der Staatsanwaltschaft vorlegen. Singend tänzle ich durch das Zimmer, während das Wasser einläuft. Ich kann froh sein, wenn das bis 19.30 Uhr erledigt ist, so riesig ist die Wanne.

Die Zeit will ich natürlich nicht ungenutzt verstreichen lassen und telefoniere ein wenig herum. Ich informiere meine Mutter, dass ich heil angekommen bin und auch genug zu essen und zu trinken habe, und ja, ich habe auch ein Bettchen und eine Minibar. Aber wenn ich ganz ehrlich bin, will sie das gar nicht wirklich wissen, denn sie gehört mitnichten zum Modell »Glucke« oder »Mutter des Jahres«, eher im Gegenteil. Sie ist so was von jung geblieben und mutteruntypisch, da kann man manchmal glatt vergessen, dass wir in einem verwandtschaftlichen Verhältnis zueinander stehen und nicht in einem freundschaftlichen. Während früher die Mütter all meiner Freundinnen immer wissen wollten, ob man auch warm angezogen war oder seine Hausaufgaben gemacht hatte, erkundigte sich meine Mutter lediglich danach, ob sie sich meine ›Bravo‹ ausleihen dürfe, oder ob ich ihren neuen hippen Schal tragen wolle.

Meine Mutter ist nämlich Trendforscherin, und dieser Beruf hat’s echt in sich. Ständig muss sie Zeitschriften lesen, Leute zu irgendetwas befragen und soziologische Gutachten schreiben. Oder irgendwo schlaue Vorträge halten. Hamburgs schicke Restaurants lerne ich eher durch sie kennen als umgekehrt. Auch jetzt ist es ihr größtes Anliegen zu erfahren, wie die Hotelausstattung ist, und ob ich auf dem Weg nach Frankfurt interessante Menschen kennen gelernt habe. Nachdem dies so weit geklärt ist, starte ich einen neuen Versuch bei Annalena, diesmal zu Hause.

»Pronto«, meldet sich eine Stimme, und wenn ich es nicht besser wüsste, würde ich denken, sie sei ihre eigene italienische Putzfrau.

»Selber Pronto. Hallo, Süße! Wie geht’s dir? Das hat vorhin ja nicht so toll geklappt mit dem Telefonieren.« Annalena will wissen, wie die Fahrt war, und natürlich wie das Zimmer ist. Ich erzähle ihr von meinem kleinen Fahrstuhl-Dilemma und von den beiden Fragen, mit denen ich mich nun herumplagen muss:

a) Was ziehe ich zum Clubempfang an?

b) Wie komme ich ohne Leonardos Hilfe wieder in die Lobby?

Annalena lacht, als sie die Story von Frau Stark hört und schlägt mir vor, das Klaustrophobie-Problem doch mal professionell mit Hilfe eines Therapeuten anzugehen. Aber trotz des heiteren Gesprächsinhaltes werde ich das Gefühl nicht los, dass mit meiner Freundin wirklich etwas nicht stimmt.

»Alles in Ordnung mit dir?«, frage ich besorgt. »Ich finde, du klingst so komisch. Ist irgendwas mit Heiko?« Und dann geht’s los. Annalena weint und weint, und zwischen Naseputzen und Stoßseufzern erfahre ich, dass Heiko sich von ihr getrennt hat.

»Aber weshalb denn, um Himmels willen?«, kreische ich entsetzt in den Hörer. »Hat der Typ denn noch alle Tassen im Schrank? Wer verlässt denn so eine tolle Frau wie dich? Und vor allem: weshalb?«

Angeblich haben Annalena und er unterschiedliche Lebensauffassungen, erfahre ich nun und kapiere erst recht nichts mehr. Wie kann denn so ein studentisches Bürschchen von 25 Jahren oder so (wie alt ist Heiko eigentlich?) überhaupt schon so feste Vorstellungen vom Leben haben, dass diese nicht kompatibel mit denen einer 32-Jährigen sind? Der Sache will ich auf den Grund gehen!

Während wir weitertelefonieren, hole ich einen Piccolo-Sekt aus der Minibar (mit der großen Flasche warte ich lieber auf Christoph, falls wir uns heute noch sehen) und kippe das erste Glas in einem Zug hinunter. Na warte, denke ich, während der Alkohol meine Sinne zu vernebeln beginnt. Na warte, Bürschchen, das tust du meiner Annalena nicht ungestraft an!

Wir beschließen, uns dem Thema am nächsten Tag in aller Ruhe zu widmen, auch wenn die Messe dabei etwas störend sein könnte. Aber wir werden es schon irgendwie schaffen, uns unter einem Vorwand abzuseilen. Bis dahin schlage ich Annalena vor, ebenfalls ein Gläschen zu trinken, sich eine Pizza zu bestellen und den Pizzaboy zu vernaschen oder alternativ sämtliche Folgen »Desperate Housewives« zu gucken, die sie auf Video hat. Und morgen schmieden wir einen Heiko-Vernichtungsplan, der sich gewaschen hat.

Diese Vorstellung scheint meine Freundin für den Moment etwas aufzuheitern, und ich tröste sie damit, dass wir uns ja bald schon wieder sehen.

Während ich mich immer noch wundere, wie das geschehen konnte, postiere ich mich vor dem Kleiderschrank, der jedoch, wie ich feststellen muss, vollkommen leer ist. Was eventuell daran liegen mag, dass ich meine Sachen noch gar nicht ausgepackt habe.

Leicht angeschickert mache ich das Radio an und öffne seufzend den ersten von drei Koffern. Aus dem Sender HR3 ertönt gerade »Männer sind Schweine«, ein Song, den ich aufgrund der aktuellen Ereignisse laut und hemmungslos mitgröle. Also, für mich persönlich kann ich das gerade gar nicht unterstreichen, aber wer meiner Freundin zu nahe kommt, hat in mir einen Feind fürs Leben, jawohl!

Ich sehe mich schon im Geiste in meinem Rächerinnenkostüm, einem Trenchcoat mit nix drunter, die Haare flammend rot und eine Fluppe im Mundwinkel. Im Strumpfhalter habe ich – wie raffiniert! – eine kleine süße Pistole (wie heißen die Dinger noch gleich? Baretta? Beretta? Barilla?), die ich Heiko bei passender Gelegenheit an die Brust setzen werde. Genauer gesagt ziele ich damit direkt auf sein Herz, welches offensichtlich nicht mehr bereit ist, für Annalena zu schlagen. Und dann stelle ich ihn vor die Wahl: entweder ein rascher, blutiger Tod in jungen Jahren oder Annalena.

Oder würde mir in diesem Falle ein schwarzer Hosenanzug besser zu Gesicht stehen? Ich weiß es nicht. Irgendwie vermisse ich Blondi, mein personifiziertes Gewissen, meine imaginäre Stilberaterin, meine Vertraute in Fragen der Figur und Ästhetik. Zu dumm, ich habe vergessen, ihr zu sagen, dass Buchmesse ist, und nun sitzt sie vermutlich daheim bei meiner Katze Sissi und wundert sich, wo ich abgeblieben bin. Na ja, sie hat mich in letzter Zeit sowieso nicht oft zu Gesicht bekommen, weil ich die meiste Zeit bei Christoph war ...

Manchmal ist mir Blondi so präsent, als wäre sie tatsächlich real und nicht bloß eine Figur, die mich seit einiger Zeit in meinen Gedanken begleitet, ähnlich, wie einst »mein Freund Harvey« James Stewart eskortiert hat und ihm half, alle Klippen und Unwägbarkeiten des Lebens zu umschiffen. Genauso ist es mit Blondi: Wann immer ich sie brauche, ist sie da. Zumindest, wenn ich fest genug an sie glaube ... Manchmal kann ich sie allerdings auch nicht ausstehen, zum Beispiel, wenn sie in meine Menüpläne reinpfuscht und die ewige Asketin raushängen lässt.

Vom Rächerinnenoutfit komme ich natürlich unweigerlich wieder zur Frage des Stylings für heute Abend. Ich trinke noch den einen oder anderen Schluck, sehe mir verschiedene Kombinationen prüfend an und beglückwünsche mich zu meiner Entscheidung, so viele Kleidungsstücke mitgenommen zu haben.

Langsam komme ich richtig in Fahrt!

HR3 ist ein toller Sender! Ich hangle mich von J. Lo über Anastacia zu Reamonn. Lauthals singe ich »Cause you’re my star, shining on me now« und fühle mich so richtig beschwingt. Nachdem ich mich endlich für meine schwarz-weiß gestreifte Bluse, eine schwarze, glänzende Hose und eine bombastische Kette mit Strasskreuz entschieden habe, beginne ich meine Sachen in den Kleiderschrank zu verfrachten. Was eine ziemliche Aktion ist, da an der Kleiderstange diese dämlichen Pseudo-Gestelle hängen, in die man seine Klamotten einhaken muss, damit man nicht mit den Kleiderbügeln durchbrennt, weil man zu Hause immer nur die billigen Drahtbügel aus der Reinigung hat, auf denen nun mal nicht »Prada« oder »Gucci« steht.

Während ich vor mich hin fluche, weil ich so viel Zeug mitgenommen habe, fühle ich auf einmal etwas Nasses an meinen Füßen (ich trage nur Strümpfe, weil ich mich meiner Schuhe bereits entledigt habe).

Was ist denn das?

Entsetzt starre ich auf den Boden. Was ich dort sehe, lässt mir sämtliche Haare zu Berge stehen. Der Teppichboden ist nass und wird von lustigen, kleinen Schaumkrönchen geziert.

Ob das Zimmermädchen den Fußboden shampooniert und nicht daran gedacht hat, dass das Ganze noch trocknen muss? Plötzlich schießt es mir wie ein Blitz durch den Kopf: die Badewanne! Ich habe vergessen, dass ich Wasser in die Badewanne habe einlaufen lassen! Und offensichtlich nicht nur in die Wanne, sondern in das gesamte Badezimmer, wie ich feststelle, als ich die Tür öffne und mir das Wasser entgegenkommt. Vor Schreck schmeiße ich die Tür gleich wieder zu, was natürlich nichts hilft. Erst mal sollte ich j a wohl den Wasserhahn abdrehen.

Also mache ich die Tür vorsichtig wieder auf und wate durch das Nass zur Badewanne. Dort hat sich mittlerweile so einiges selbständig gemacht und schaukelt munter auf den Fluten. Eine kleine gelbe Gummiente, ein Naturschwamm (beides noch original verpackt, versteht sich) und eine Duschhaube. Na, die brauche ich nun auch nicht mehr, denke ich und schaffe es nur knapp an den Hahn, der ziemlich schwer zu erreichen ist, jetzt, wo die Wanne mehr als randvoll ist ...

Ich verlasse das Badezimmer fluchtartig, werfe die Tür zu, unter der das Wasser munter weiter in das Schlafzimmer sprudelt, setze mich auf das Bett, kippe ein weiteres Glas Sekt (Wahnsinn, wie viel in so einer Piccoloflasche drin ist) und starre vor mich hin. Irgendetwas muss ich ja nun tun. Aber was? Wenn ich in diesem Zimmer bleiben will (worauf ich ja eigentlich keine Lust habe), muss ich jetzt wohl oder übel jemanden verständigen. Aber wen? Ratlos betrachte ich die Liste, die neben dem Telefon liegt. Zimmerservice? Wohl nicht, obwohl ich durch die Aufregung totalen Hunger bekommen habe. Rita vom Beautysalon? Nein, die ist auf Menschen spezialisiert, nicht auf die Renovierung von Badezimmern. Housekeeping? Ja, das klingt irgendwie Vertrauen erweckend. Ich wähle also mit zitternden Händen die 196. »Hallo?«, meldet sich da eine Stimme, und ich bin eine Sekunde lang irritiert, weil sich keiner mit dem erwarteten »Housekeeping« meldet. »Ramona Lesch vom Housekeeping am Apparat. Was kann ich für Sie tun?« (Na bitte, geht doch!)

»Ah, mein Name ist Marie Teufel. Ich rufe von Zimmer (wie war noch gleich die Zimmernummer?), ja, äh, also von Zimmer – die Nummer sage ich Ihnen später – aus an und habe da ein kleines, sagen wir’s ruhig offen: ein Problem.«

Ich atme tief ein und überlege, wie ich Ramona Lesch am besten von meinem Unglück in Kenntnis setze, ohne allzu blöd dazustehen. Ich schildere also in knappen, kurzen Sätzen die Situation, natürlich nicht, ohne zu betonen, dass ich keineswegs die Schuld an diesem Missgeschick trage.

Doch bedauerlicherweise ist Ramona nur ein Azubi, der vertretungsweise im Housekeeping arbeitet und sonst eigentlich im Service eingesetzt ist.

Ramona schlägt mir aus diesem Grunde vor, doch an der Rezeption anzurufen und mein Missgeschick mit Frau Stark zu diskutieren. Und mit diesem guten Rat legt sie einfach auf.

Ich bin ja bereit, jeden anzurufen, Jack the Ripper, Mussolini, Dieter Bohlen, aber NICHT meine neue Erzfeindin Frau Stark.

Ich nehme noch einen Schluck Sekt und wandere im Zimmer auf und ab. Ein Blick auf die Uhr sagt mir, dass ich mich allmählich beeilen muss, wenn ich heute noch wie geplant zum Clubempfang will.

Okay, versuche ich mich zu beruhigen und mir selbst Mut zu machen.

Im Grunde muss ich ja nur an der Rezeption anrufen.

Muss ja nicht zwangsläufig Frau Stark sein, die da ans Telefon geht, schließlich ist sie nicht die einzige Rezeptionistin dieses Hotels, auch wenn sie sich offensichtlich so fühlt. Und wenn ich sie doch am Apparat habe, werde ich einfach ganz cool eine Kollegin verlangen, schließlich ist unser Verhältnis ja nicht das beste, und man will ja, dass der Gast sich wohl fühlt, oder etwa nicht?

Klopfenden Herzens wähle ich die Nummer der Rezeption: »Das Maritim-Hotel in Frankfurt, mein Name ist Cordula Stark, was kann ich für Sie tun?«

Zack, werfe ich den Hörer auf die Gabel. Ich kann diese Stimme und diese eiskalte Art nicht ertragen! Wie die schon klingt! So blasiert! Und dass ich im Maritim-Hotel in Frankfurt bin, weiß ich mittlerweile selbst, dazu brauche ich nicht Frau Stark.

Aber Cordula – plötzlich muss ich kichern –, also Cordula möchte ich nun wirklich nicht heißen. Die Arme! Mit diesem Namen kann man einfach keine Lebensfreude ausstrahlen. Okay, dann also auf ein Neues, schließlich bin ich mit meinem Problem nicht einen Millimeter weiter.

»Das Maritim-Hotel in ...« Blablabla, ich warte ab, bis Cordula ihren Sermon beendet hat und spreche so energisch ich kann in den Hörer:

»Marie Teufel hier von Zimmer Nummer ...« (Verflixt, warum habe ich blöde Kuh immer noch nicht nachgesehen, welche Zimmernummer ich habe?)

»Ach, Sie sind’s, Frau Teufel. Gibt es irgendwelche Probleme? Brauchen Sie jemanden, der Sie nach unten begleitet?« Blöde, unhöfliche Kuh, denke ich, versuche aber ruhig zu bleiben, weil ich ja jetzt in echten Schwierigkeiten bin.

»Nein, brauche ich nicht. Ich brauche jemanden hier oben, und zwar aus anderen Gründen. Ich, äh, also das Badezimmer, äh, es ist also so ... die Wanne ist übergelaufenundnunist daskomplettebadezimmernassundichbrauchedringendihrehilfe!« Puh, nun ist es also raus. Bravo, Marie!

»Verstehe«, entgegnet Cordula Stark trocken. »Ich schicke Ihnen sofort jemanden vom Housekeeping hinauf.«

Okay, war ja gar nicht so schlimm, konstatiere ich und klopfe mir selbst innerlich auf die Schulter.

Während ich meine Kollegen verständige, dass es bei mir heute Abend ein klitzekleines bisschen später werden wird, klopft es auch schon an der Tür. Hinter riesigen Bergen von Handtüchern und einem Eimer erkenne ich ein dunkelhaariges junges Mädchen, vielleicht Ramona, mit der ich eben telefoniert hatte. Stumm, weil verschämt, zeige ich auf den Fußboden und auf die Badezimmertür.

Flugs verschwindet meine Retterin im Badezimmer und startet mit der Reinigungsaktion.

»Kann ich Ihnen helfen?«, frage ich nach einer Weile, weil mich das schlechte Gewissen plagt. Was kann denn das arme Ding (als Azubi bekommt man immer die miesesten Jobs!) dafür, dass ich den Wasserhahn vergessen habe? Keine Antwort. Dann nicht ... Ist mir auch recht! Um die Wartezeit zu überbrücken, blättere ich in einer neuen Ausgabe der Zeitschrift »Amica« herum, die ich mir zu Lektürezwecken mitgenommen habe. Normalerweise lese ich ja eher Bücher, aber angesichts der Tatsache, dass wir wegen der Buchmesse hier sind, ist das ein wenig wie Eulen nach Athen tragen. Wie langweilig, gähne ich, als ich einen Blick in das Inhaltsverzeichnis werfe: Brad Pitt will nach der Trennung von Jennifer Aniston wieder kein Sex-Symbol sein (in den kommenden Ausgaben ist es dann wahlweise Tom Cruise, Keanu Reeves oder Orlando Bloom), ein Artikel über Schlafstörungen (die habe ich zwar momentan, aber aus anderen Gründen), Rezepte für den neuesten Koch-, pardon, Cuisine-Trend: Fusion Food. Auch das interessiert mich nicht wirklich, schließlich habe ich zum Thema Kochen ein leicht gestörtes Verhältnis. Es sei denn, ich sehe zu, wie Kochschnuckel Tim Mälzer den Kochlöffel schwingt, alles zackdizack kurz und klein schnibbelt und in null Komma nichts ein Menü zaubert, für das ich mein Leben geben würde. Vorausgesetzt, Tim würde anschließend gebührend um mich trauern.

Dann komme ich zur Kulturseite. Für meinen Job ja nicht ganz unwichtig.

Überschrift: »›Chick-Lit‹, die neue Gattung der Pilcher-Romane für die moderne Frau ab zwanzig.«

Das finde ich interessant, denke ich und lehne mich genüsslich zurück. Sicher steht da was über Ildikó von Kürthy, meine absolute Lieblingsautorin. Das MUSS ich einfach lesen!

Der Artikel selbst könnte schon von ihr stammen. Ich lache mich krumm und kringelig bei der Beschreibung dieser Art von Romanen und fühle mich zuweilen an mich selbst erinnert. Die Heldinnen dieser Bücher – steht da – arbeiten in der Regel in Medienberufen, haben eine beste Freundin, mit der sie Frust und Freude teilen, greifen mit schlafwandlerischem Geschick nach den falschen Männern und haben Figurprobleme. Ihr Denken kreist nahezu ausschließlich um das eigene Ego, und zu ihren Müttern haben die Protagonistinnen dieser Bücher ein eher gespaltenes Verhältnis.

Jetzt wird die Autorin des Artikels kritischer und stellt empirische Betrachtungen darüber an, ob eine Ildikó von Kürthy (pah, hab ich’s doch gewusst!) nicht eigentlich eine moderne Hedwig Courths-Mahler sei. Nur seien heute die Protagonistinnen keine Gouvernanten oder Lehrerinnen mehr, sondern, wie beschrieben, Redakteurinnen, Kontakterin in einer Werbeagentur, Grafikerinnen oder aber Lektorinnen. Das Objekt ihrer Begierde sei dementsprechend auch kein Graf, Baron, Gutsbesitzer oder sonstiger Herr von Adel, sondern Chefredakteur, Besitzer oder Artdirector einer Werbeagentur, Inhaber eines Grafikstudios oder Verlagsleiter und Geschäftsführer eines Verlages. Nun beginne ich zu schlucken. Okay, so weit gibt es gewisse Übereinstimmungen zwischen mir und den jungen Chicklit-Heldinnen und ja – es ist wahr –, auch ich habe zuweilen Probleme mit meiner Figur. Aber womit ich keinesfalls dienen kann, ist dieses neurotische Verhältnis zu meiner Mutter. Ansonsten klingt es in der Tat, als sei ich gerade einem dieser Romane entsprungen. Ich merke, wie mich allmählich ein ungutes Gefühl beschleicht. Soll ich jetzt beleidigt sein?

Einen flammenden Leserbrief an die Redakteurin schreiben? Der Welt mitteilen, dass ich nun einmal nicht immer gewillt bin, mich mit der drohenden Klimakatastrophe zu beschäftigen, die weltpolitische Lage in Turkmenistan zu verfolgen und meine Kleidung immer nur von ethisch korrekten Herstellern zu kaufen?

Ist es denn wirklich so schlimm, sich einfach mal NUR amüsieren zu wollen?

Von einer Welt zu lesen, in der es Märchenprinzen gibt, die verirrte Prinzessinnen retten, auch wenn diese Prinzessinnen im realen Leben sehr wohl auf eigenen Beinen stehen und denken können? Die sich zuweilen aber nach ein wenig Romantik in ihrem Leben sehnen? Haben wir nicht schon als kleine Mädchen vom Prinzen auf dem weißen Pferd geträumt? Der in unser Leben galoppiert kommt, uns zu sich hinaufzieht auf den Rücken des edlen Rosses und zu seinem Schloss bringt, wo ein Leben wie im Märchen auf uns wartet? Wollen wir nicht alle heiraten und endlich mal ein schönes langes Kleid mit Schleppe tragen? Vielleicht sogar ein Diadem im Haar?

Das alles würde ich der Redakteurin liebend gerne schreiben, aber wenn ich das Hotelzimmer so betrachte, stelle ich fest, dass ich momentan ganz andere, weitaus banalere Probleme habe.

Wo bleibt eigentlich die kleine Azubine, frage ich mich gerade, als sich die Badezimmertür öffnet und ein Haufen klatschnasser Handtücher mit einem Schwung auf dem Boden landet. Danach spricht Ramona, adrett gekleidet mit einem hellblau-weiß gestreiften Kittel, in ihren Piepser. Ich mache mich ganz klein und will eigentlich gar nicht hören, was sie sagt.

»Hallo, Frau Stark, Ramona Lesch hier. Bin im Zimmer 2634 und habe versucht, alles zu trocknen. Das ist aber leider nicht so einfach, weshalb ich vorschlagen würde, dass der Gast ein neues Zimmer bekommt. Vielleicht kann ja jemand mit einem Heizlüfter nach oben kommen, dann ist bis morgen wieder alles in Ordnung, aber bis dahin müsste die Dame woanders untergebracht werden.«

Neues Zimmer? Mit einem Schlag bin ich hellwach.

»Frau Stark wird sich gleich bei Ihnen melden«, versichert mir Ramona, und ehe ich mich bedanken oder mein Portemonnaie zücken kann, ist sie auch schon verschwunden. Nun klingelt das Zimmertelefon.

»Cordula Stark hier. Frau Lesch vom Housekeeping hat mich informiert, dass sie mit allen zur Verfügung stehenden Mitteln versucht hat, den Wasserschaden zu beseitigen. Da aber eine nicht unerhebliche Menge Wasser auf den Teppich boden geflossen ist, müssen wir diesen mit einem Heizlüfter trocknen lassen, damit die Feuchtigkeit komplett verschwindet, und der Boden nicht anfängt zu schimmeln. Aus diesem Grunde habe ich Sie umquartiert. Valentin, unser Page, wird Ihnen in einigen Minuten mit dem Gepäck helfen.«

Während ich noch verdutzt vor mich hin starre und überlege, ob mich das Ganze wohl etwas kosten wird, und, wenn ja, wie viel (aber so eine Heizlüfter-Aktion ist doch sicher eine Kleinigkeit für ein Hotel wie dieses), klopft es auch schon an der Tür. Vor mir steht – mit einem breiten Grinsen – Leonardo DiCaprio.

»Na, das haben Sie ja toll hingekriegt. Kompliment!«, grinst er und schnappt sich die ersten beiden Koffer. »So erfolgreich hat sich bisher kaum einer Frau Stark widersetzt.«

»Ich verstehe nicht ganz«, stottere ich und versuche, schnell meine restlichen Klamotten von den Pseudobügeln zu zerren und in den dritten Koffer zu stopfen.

»Na, Sie wollten doch gerne ein Zimmer haben, das weiter unten liegt.«

»Ja, und?«, frage ich und begreife noch immer nicht.

»Ja, nun haben Sie es. Das neue Zimmer ist im zweiten Stock, da haben Sie es nicht so weit zu Fuß.«

Na, das ist ja die Nachricht des Tages, denke ich und kann mein Glück kaum fassen. Rasch hole ich noch mein neues Schaumbad aus dem Badezimmer, versuche, dabei möglichst keine Spuren zu hinterlassen und kehre dem Ganzen den Rücken zu. Pah, blödes Zimmer, ich ziehe jetzt in die untere Hälfte des Hotels, jawohl!

Um 20.30 Uhr (immerhin habe ich mich trotz dieser Transaktion lediglich eine halbe Stunde verspätet) fahren Werner, Sven und ich zum Clubempfang. Frauke muss vorher noch in die Messehalle, um zu prüfen, ob mit dem Aufbau des Standes auch alles geklappt hat. Sie will dann später nachkommen.

»Wo findet der Empfang eigentlich statt?«, erkundige ich mich in dem Bemühen, durch flotte Konversation darüber hinwegzutäuschen, dass die Jungs eine halbe Stunde in der Lobby auf mich warten mussten.

»Im Japan-Center«, antwortet unser Vertriebsleiter kurz und knapp. Schließlich heißt er nicht umsonst Herr Stumm. Seine kommunikativen Momente bewahrt er sich für seine Kundengespräche auf.

Da wir natürlich keinen Parkplatz in der Nähe gefunden haben, klappere ich in meinen Highheels über Frankfurts Pflaster und breche mir dabei fast die Knöchel. Endlich sind wir da, und schon bahnt sich das nächste Problem an: Der Empfang findet im fünfundzwanzigsten Stock statt, hoch über den Dächern Frankfurts. Mir ist klar, dass ich jetzt keinesfalls rumzicken darf, sonst werfen die beiden Jungs mich sofort über Bord und amüsieren sich ohne mich. Also steige ich mit einem wahrlich heroischen Gesichtsausdruck in den Fahrstuhl, schließe die Augen und denke an etwas Schönes. An Christoph, an Annalena und an meine Katze Sissi. Ob Jens sie wohl anständig versorgt? Diesmal habe ich die Fütterung meines Raubtiers nämlich meinem Nachbarn anvertraut, damit meine Freundin Martina (meine zweitliebste nach Annalena, wenn man das so kategorisieren kann) nicht eine Woche lang damit belastet ist. Wahrscheinlich sitzt Sissi gerade vor ihrem Futternapf und hört mit Jens den neuesten 80er-Jahre-Sampler mit den Stray-Cats ...

Es macht »Pling«, und der Fahrstuhl öffnet sich: Gott sei Dank, wir sind da!

Laute Musik, jede Menge Zigarettenqualm, Essensgerüche und ein Gemisch verschiedenster Parfüms schlagen uns entgegen wie eine Wand. Na, das kann ja heiter werden! Diese stickige Luft und die vielen Menschen, das ist gar keine gute Kombination für eine Klaustrophobikerin wie mich. Dennoch sehe ich mich neugierig um (meine Neugier war schon immer stärker als jede Art von Angst), während Werner und Sven sich sofort in Richtung Bar abseilen. So sind sie, die Männer. Erst mal ein Bier, und dann kann es losgehen!

Während ich mich so umgucke und natürlich niemanden entdecke, den ich persönlich kenne, beobachte ich die Branchengrößen, die ich bislang nur auf Fotos in der Fachpresse gesehen habe: ein Jahrmarkt der Eitelkeiten. »Frau Teufel? Marie Teufel, sind Sie das?«, ertönt plötzlich eine weibliche Stimme dicht neben meinem Ohr, und ich drehe mich um.

Vor mir steht ein langbeiniges blondes Wesen mit Engelsgesicht und vollen Lippen. Eine Art Venus von Botticelli, nur in dünn und jung. O mein Gott, das ist doch nicht etwa ...

»Erinnern Sie sich noch an mich? Laura von der Osten. Ich habe vor einem Jahr ein Praktikum bei Bader & Köllisch gemacht.«

Sie sieht mich erwartungsvoll, aber auch ein wenig herablassend an, während ich innerlich zusammenzucke, weil mich ein ungutes Gefühl beschleicht. Laura von der Osten, Protegé eines unserer Verlagsinvestoren, Tochter aus gutem Hause, Intelligenzbestie und Schönheitskönigin. Ich dachte, die hätte sich für immer aus meinem Leben verabschiedet ...

»Oh, hallo Frau von der Osten. Das ist ja eine Überraschung! Wie geht es Ihnen denn, was machen Sie denn jetzt so?«, erkundige ich mich und versuche, mir nicht anmerken zu lassen, dass ich mir weit angenehmere Gesprächspartnerinnen vorstellen könnte.

»Ich bin gerade mit meiner Magisterarbeit fertig geworden und jobbe bei diversen Verlagen, um mich auf dem Laufenden zu halten. In Frankfurt arbeite ich als Messehostess beim Köhler Verlag.«

Köhler Verlag, wow, denke ich, da wollte ich auch schon immer arbeiten. Die verlegen wundervolle Kunst- und Theaterbücher – ist eher die obere Liga, zu der ich es in diesem Leben wohl nicht mehr bringen werde. Denn ich muss ja schnöde Promis jagen, statt mich den schönen Künsten zu widmen.

»Und was haben Sie jetzt vor?«, frage ich beherzt weiter. Soll mir keiner vorwerfen, ich sei nicht kommunikativ.

»Ich möchte gerne Lektorin werden, so wie Sie«, spricht das holde Wesen und sieht mich mit einem himmelblauen Augenaufschlag an. (Komisch, dieses Verhalten passt gar nicht zu der Laura von der Osten, die ich kenne.) »Das Praktikum bei Ihnen hat mir damals so gut gefallen, dass ich sehr, sehr gerne bei Bader & Köllisch arbeiten würde. Wenn nicht gleich als Lektorin, dann gerne auch in einer anderen Abteilung. Hauptsache, ich finde einen Einstieg.« (Seit wann ist die denn so bescheiden?)

»Ich kann mich gerne mal im Verlag umhören, wenn Sie möchten. Bei uns wird ja immer wieder mal was frei. Schreiben Sie mir doch mal die Adresse auf, unter der ich Sie erreichen kann«, biete ich großherzig an, obwohl ich eigentlich keinen gesteigerten Wert darauf lege, diese Venus wieder bei uns durch die Verlagsräume geistern zu sehen und schon gar nicht durch Christophs Büro!

»Das wäre wirklich nett von Ihnen«, antwortet sie erfreut, kramt in ihrem Louis-Vuitton-Täschchen und zückt ihre Visitenkarte:

Laura von der Osten

Elbchaussee 256

20234 Hamburg

»Einen Moment, ich schreibe Ihnen noch meine Handynummer und meine E-Mail-Adresse auf«, sagt sie, während ich andächtig auf die Adresse blicke. Blankenese (oder Nienstedten, Othmarschen?) ist natürlich ein bisschen was anderes als Eppendorf ...

»Hier«, spricht die Venus triumphierend und hält mir die Karte, die sie auf der Rückseite handschriftlich bekritzelt hat, unter die Nase.

Diese Schrift ruft ungute Erinnerungen in mir hervor.

Ich erinnere mich deutlich daran, dass Pakete oder Briefe, die sie in ihrer Praktikumszeit verschickt hatte, mit schöner Regelmäßigkeit zurückkamen, wahlweise mit dem Vermerk »Postleitzahl fehlt«, »Empfänger unbekannt verzogen« – oder es stand einfach gar keine Adresse drauf.

Vermutlich hatte es ihren Intellekt und ihren Höhere-Tochter-Status total unterfordert, derart profane Tätigkeiten auszuüben. Wozu gibt es schließlich Personal?

Nach diversen postalischen Flops hatte ich sie kurzerhand aus dem Bereich Postverkehr entfernt und sie mehr dem Kopierund Ablagewesen zugeordnet, bis sie eines Tages einen Aufstand machte, weil sie bei uns angeblich nichts lernen würde. (Womit sie natürlich Recht hatte, wenn ich ehrlich bin.)

Wenn ich mich richtig erinnere, schaltete sich danach sogar Papa von der Osten, Golfkumpan meines Chefs Bader, ein und bat energisch darum, man möge seiner Tochter doch etwas qualifiziertere Tätigkeiten zuteilen. Am liebsten hätte er es sicher gesehen, wenn Laura selbst unter die Autorinnen gegangen wäre, sind es doch momentan häufig die Damen mit den Adelstiteln, welche die Bestsellerlisten stürmen (Ildikó VON Kürthy, Steffi VON Wolff). Und die Vorstellung, das eigene Töchterchen könne eines Tages zu diesem Kreis gehören, ließ sein Vaterherz sicher höher schlagen.

Der väterliche Protestanruf hatte auf jeden Fall zur Folge, dass ich Fräulein von und zu bergeweise Manuskripte sichten ließ, wobei sie sich zunehmend glücklich und WAHNSINNIG WICHTIG fühlte. Es verging daraufhin kaum eine Stunde, in der sie nicht meine oder die Urteilsfähigkeit meiner Kollegen in Frage gestellt und uns mit Nachfragen und Buchideen bombardiert hätte.

Einen Monat später entschwand Laura von der Osten mit einem Zeugnis in der Hand, und weder Annalena noch ich weinten ihr eine Träne nach. Nein, ganz im Gegenteil. Wir waren beide froh, diese Frau losgeworden zu sein, die alle männlichen Mitarbeiter im Verlag zu Schuljungen hatte mutieren lassen, die sich geradezu überschlugen, ihr Gefälligkeiten anzubieten (Kann ich Ihnen vielleicht ein Croissant vom Bäcker mitbringen? Soll ich Ihnen in den Mantel helfen? Darf ich Sie zum Abendessen einladen? Wollen Sie mich heiraten?), die sie natürlich mit einem lässigen Schulterzucken abtat.

Während ich aufgrund der unguten Erinnerungen noch überlege, wie ich die Expraktikantin am besten wieder loswerden könnte, steigt mir ein bekannter und geliebter Herrenduft in die Nase. Ein Duft, den man sehr selten riecht, und den ich eindeutig Christoph zuordne. Gleichzeitig spüre ich den Hauch einer Berührung, ein flüchtiges Streicheln, auf meinem Rücken.

»Herr Köllisch«, rufe ich und wirble herum, während ich aus dem Augenwinkel Laura von der Osten wahrnehme, die das Geschehen interessiert verfolgt.

Ob sie etwas gemerkt hat?

Wie gut, dass ich immerhin so viel Geistesgegenwart hatte, Christoph nicht mit seinem Vornamen anzusprechen und ihm nicht um den Hals zu fallen.

Aber ein wenig verfänglich war die Situation schon, denn woher sollte ich eigentlich wissen, wer da so plötzlich hinter mir aufgetaucht ist?

Am liebsten würde ich auf der Stelle mit Christoph von dieser Party verschwinden. Ich habe ihn so vermisst! Doch die Höflichkeit gebietet es, dass ich ihn zumindest noch mit Laura von der Osten bekannt mache, die sich leider noch immer nicht in Luft aufgelöst hat und ganz offensichtlich darauf besteht, mit meinem Freund Kontakt aufzunehmen.

»Herr Köllisch, das ist Laura von der Osten, eine ehemalige Praktikantin. Erinnern Sie sich noch an sie?«

»Aber natürlich«, antwortet Christoph nun zu meiner großen Verwunderung. »Haben Sie mir nicht damals bei meinem Ablage-Desaster geholfen?«

Wenn überhaupt, dann hat sie es verursacht, knurre ich innerlich (denn für profane Ablagetätigkeiten war sich das Fräulein von der Osten natürlich ebenfalls VIEL zu schade), während ich versuche, Christoph weg von ihr und an die Bar zu ziehen.

»Wie nett, Sie wieder zu sehen«, fährt dieser jedoch ungerührt fort. »Jetzt fällt es mir wieder ein: Sie waren mir damals bei der Vorbereitung einer Power-Point-Präsentation eine große Hilfe. Richtig? Was machen Sie denn jetzt so?«, erkundigt sich mein Freund äußerst interessiert, während ich innerlich vor Wut koche. Ich habe natürlich absolut keine Ahnung von technischen Raffinessen wie Power Point und werde sie vermutlich auch nie haben. Laura von der Osten dagegen, das muss ich neidlos anerkennen (bei Louis-Vuitton-Täschchen schaffe ich das leider nicht), kann beziehungsweise konnte mit Computern und Technik umgehen wie keine Zweite. Aber muss Christoph mir das gleich so auf die Nase binden?

Grummelnd suche ich das Terrain mit den Augen nach Werner und Sven ab, während Frau Expraktikantin und Christoph sich weiter gegenseitig ansäuseln. Wie nicht anders zu erwarten, unterrichtet die Osten nun auch noch Christoph von ihrer Jobsuche, und hilfsbereit, wie er nun mal ist, versichert er ihr natürlich, er werde versuchen, ihr zu helfen. Na, das fehlte ja gerade noch!

Gott sei Dank tauchen in diesem Moment tatsächlich Werner und Sven auf und stürzen sich nun ebenfalls voller Begeisterung auf die Elbchaussee-Prinzessin. Die Chance muss ich nutzen.

»Lass uns in den Nebenraum gehen«, flüstere ich Christoph zu und ziehe ihn so unauffällig wie möglich mit mir. Keine so gute Idee, wie sich herausstellt, denn innerhalb von Sekunden sind wir umringt von den Top Ten der Branche, die offensichtlich froh sind, sich auf ein neues Opfer konzentrieren zu können. Ein wenig verlegen stehe ich daneben und wechsle von einem Fuß auf den anderen, weil meine Absätze zu hoch sind, und mein Magen in den Kniekehlen hängt.

Mmhh, das Büfett sieht wirklich lecker aus, diagnostiziere ich mit dem Blick der Expertin: Sushi-Variationen, Garnelen am Spieß, Kartoffelgratin, Lachs in Blätterteig, Panna Cotta und Früchtevariationen an Mascarpone-Sauce. Allerdings ist absolut nichts zu entdecken, das auch nur halbwegs nach »gesund« oder »kalorienarm« aussieht, vom Sushi mal abgesehen. Aber diesen kalten, mit unappetitlichem Seetang umhüllten Dingern mag ich mich heute Abend irgendwie nicht nähern. Also Attacke auf die Garnelen!

»Na, schmeckt’s dir?«, fragt Christoph, der sich von seinen Kollegen befreit hat. Unwillkürlich zucke ich zusammen, wie immer, wenn ich esse. Als fühle ich mich bei etwas Verbotenem ertappt.

Mein gespaltenes Verhältnis zu meinen üppigen Formen ist seit der Beziehung zu Christoph noch nicht viel besser geworden, auch wenn dieser behauptet, er liebe »jedes Pfund« an mir. Wie aber kann es dann sein, dass ihm Hungerhaken wie seine Exfreundin Carlotta, Alexandra Kamp oder Michelle Hunziker gefallen? Ich finde, ich passe absolut nicht in dieses Beuteschema, also muss er sich geirrt haben. Geh doch zurück zu Laura von der Osten, die nimmt garantiert noch nicht einmal ein Salatblatt zu sich, und wenn doch, dann sicher ohne Essig-und-Öl-Dressing, dafür mit ein paar Spritzern Leitungswasser und Zitrone, würde ich am liebsten sagen und schiebe verschämt meine Serviette über die zehn Garnelenspießchen auf meinem Teller, in der Hoffnung, diese so dezent verschwinden lassen zu können. Und dann ärgere ich mich über mich selbst. Wegen meiner ewigen Unsicherheit. Dabei kommt mir wieder der »Amica«-Artikel in den Sinn, und momentan habe ich das Gefühl, das wandelnde Klischee zu sein.

Damit ist jetzt endgültig Schluss, beschließe ich, und das werde ich Blondi auch gleich mitteilen, wenn ich wieder zu Hause bin. Sie hat eine Kündigungsfrist von vier Wochen zum Quartal, die werde ich fairerweise einhalten, aber das war’s dann auch. Dann ist sie nämlich sogar noch rechtzeitig zu Weihnachten verschwunden und nervt nicht rum, wenn ich mich im Supermarkt nicht zwischen Dominosteinen und Zimtsternen entscheiden kann. Vielleicht nehme ich dann auch einfach beide, pah!

Mutig, aber auch, um meinen neuen Entschluss durch Taten zu untermauern, ziehe ich entschlossen die Serviette wieder weg, frage Christoph »Möchtest du auch noch etwas vom Büfett?« und stolziere los, ohne die Antwort abzuwarten. Jetzt ist das Kartoffelgratin dran. Mann, wie lecker! Ich könnte mich da reinlegen und den Rest meines Lebens nichts anderes mehr essen.

Christoph ist netterweise kein Spielverderber und nimmt sich auch etwas. Das ist ja das Gemeine: Christoph isst ebenfalls für sein Leben gern und kann fatalerweise auch noch fantastisch kochen. Und natürlich sieht man IHM das keineswegs an. Das liegt zum einen an guten Genen, zum anderen aber sicher auch an der Tatsache, dass er regelmäßig Sport treibt. Im Gegensatz zu mir. Ich hasse Sport ja bekanntermaßen. Obwohl, im vergangenen Sommer wäre ich beinah sportlich geworden. In einem Anfall von Gesundheitsbewusstsein habe ich mir ein supertolles Sportoutfit gekauft, das fast so viel gekostet hat wie ein Kleinwagen. Wenn schon Sport, dann wenigstens gut angezogen hatte ich gedacht. Zum regelmäßigen Joggen hat es mich aber doch nicht motiviert. Ein paarmal um die Alster geschlichen (und dabei fatalerweise Christoph, damals noch Herrn Köllisch für mich, getroffen), aber damit hatte es sich dann auch. Der Grund für die Überziehung meines Girokontos hängt nun säuberlich im Schrank, denn alle Jogging- oder Walkingambitionen, die jemals latent vorhanden waren, haben sich seit dem herbstlichen Einbruch früher Dunkelheit und Kälte quasi von selbst erledigt. Da liege ich doch lieber wieder auf der Couch und sehe mir interessiert ein Fitness-Video an.

Aber sollte ich nicht vielleicht doch in den Club Meridien eintreten? Der ist gleich bei mir um die Ecke und bietet gerade Sonderkonditionen für Neueinsteiger an. Ich werde darüber nachdenken.

Wohlwollend!

Aber nicht mehr heute.

Nachdem wir gegessen und noch mit ein paar Leuten geplaudert haben, ist es genug für den heutigen Tag, und wir treten geschlossen den Rückzug an. Es ist zwar schwer, Werner und Sven von Laura von der Osten loszueisen, aber es muss sein. Denn es ist eindeutig spät. Und morgen beginnt die Buchmesse!

Im Hotel angekommen, nicken Christoph und ich uns zu, was so viel bedeutet wie: Ich treff dich in zehn Minuten in deinem Zimmer. »Dein« Zimmer ist in diesem Falle Christophs, das eine Etage über meinem liegt. Schnell mache ich mich ein wenig frisch. Sammle das eine oder andere Utensil zusammen, das ich für die Übernachtung in Christophs komfortabler Suite benötige und bete inständig, mir möge niemand begegnen, den ich kenne. Als ich meine Zimmertür öffne, schaue ich hektisch nach links und rechts, als ob ich eine Straße überqueren wollte. Gott sei Dank ist der Gang leer. »Guten Abend, Frau Teufel, kommen Sie alleine klar?«, vernehme ich jedoch kurz darauf eine männliche Stimme hinter mir, kaum dass ich meine nächtliche Wanderung durch das Hotel begonnen habe. Sofort bleibe ich stehen und drehe mich hektisch um, während ich die Röte des Sich-ertappt-Fühlens in meinem Gesicht spüre. Aber es ist nur Valentin/Leonardo/Page, der arme Kerl hat anscheinend noch immer Dienst. Allerdings ist er nicht mehr in Uniform, hat leicht zerstrubbelte Haare und sieht mich an wie ein Hundewelpe, der gestreichelt werden möchte. Sofort fühle ich Muttergefühle in mir aufwallen.

»Was machen Sie denn noch im Hotel? Haben Sie nicht endlich mal frei?«, frage ich, besorgt um Leonardos knappe Freizeit.