Jagdzeit - David Osborn - E-Book

Jagdzeit E-Book

David Osborn

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Beschreibung

Greg, Ken und Art stellten die Elite der amerikanischen Jugend dar. Jetzt haben die drei Karriere gemacht. Doch nebenbei hatten sie schon immer ihren "guten, sauberen, jungenhaften, durch und durch amerikanischen Spaß" - und ihre dunklen Geheimnisse. Mit kaum erträglicher Spannung wird der Leser durch die Abgründe des "american way of terror"geleitet, die unter der polierten Oberfläche sichtbar werden. Jedes Jahr verbringen die Freunde ein paar Wochen zusammen in ihrer Jagdhütte und gehen ihren Hobbys nach: Jagd und Sex. Also wird jedes Jahr ein Pärchen entführt und muss ein paar Tage lang für "Unterhaltung" sorgen - anschließend wird es "zur Jagd freigegeben". Doch irgendwann holen die Schatten der Vergangenheit jeden ein ... Bislang hat Osborn neun Romane und 24 Drehbücher geschrieben. Einige seiner Romane sind auf Deutsch erschienen, u. a. "Der Maulwurf", "Köpfe" und "Mord auf Martha’sVineyard". David Osborn lebt heute wieder mit seiner Frau in Connecticut.

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Seitenzahl: 365

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David Osborn • Jagdzeit

Die Decke der Zivilisation ist dünn

Seit College-Zeiten sind Ken, Greg und Art befreundet. Nun haben sie Karriere gemacht, sind verheiratet und leben in einem netten Häuschen in der Vorstadt. Was niemand ahnt: Hinter der netten Mittelschichtsfassade verbergen sich rücksichtslose, psychopathische Mörder. Ohne die Spur eines Unrechtsempfindens kidnappen sie regelmäßig Pärchen und geben sie in den abgelegenen Sümpfen Michigans zum Abschuss frei — für die drei ist das „guter, sauberer und durch und durch amerikanischer Spaß“. Doch dieses Mal läuft alles anders. Irgendwann holen die Schatten der Vergangenheit jeden ein …

David Osborn wurde 1923 in New York geboren. Als Pilot der US-Luftwaffe flog er vier Jahre lang Einsätze im Südpazifik. Während seines Studiums an der Columbia University schrieb er erste Stücke für Off-Broadway-Theater. Da er während der McCarthy-Hysterie mit einer kommunistischen Organisation in Verbindung gebracht wurde, ging er 1955 nach Frankreich und arbeitete in der Nähe von Cannes tagsüber in einem Steinbruch, nachts schrieb er erfolgreiche Drehbücher für die britische Filmindustrie. Das Drehbuch zu „The Trap“ wurde für den „Oscar“ nominiert. In den frühen 1970ern arbeitete er zeitgleich für Disney und Jacques Tati. Später, in der Schweiz entstanden einige seiner erfolgreichen zehn Romane. David Osborn lebt heute mit seiner Frau in Connecticut.

David Osborn

Jagdzeit

Übersetzt von Marcel Keller

Mit einem Nachwort

von Frank Göhre

PENDRAGON

Zum 17. Juni 1972 – Watergate

In „Jagdzeit“ geht es nicht in erster Linie um die pervertierte Barbarei der drei Protagonisten Ken, Greg und Art — oder auch Wolkowski —, sondern um die dunkle Seite der Menschen allgemein, die immer und überall zutage tritt. Seit Erscheinen meines Buches hat sich die Menschheit diesbezüglich bedauerlicherweise nicht verändert.

David Osborn im Dezember 2010

Prolog

Der Bezirksstaatsanwalt hielt sich selbst für einen durchaus empfindsamen Menschen. Während er mit Alicia Rennick und ihren steif dasitzenden Eltern sprach, hatte er auf einmal das Gefühl, den Ausdruck in Alicias hohlen Augen nicht länger ertragen zu können. Es war nicht so sehr die leidvolle Erinnerung an Schrecken, Ekel und Schmerz; das alles hatte er schon oft genug bei anderen jungen Frauen gesehen, die vergewaltigt worden waren. Es war vielmehr der dumpfe Widerschein der irgendwo tief in ihr wachsenden Erkenntnis, dass sie völlig verraten worden war.

Also wandte er sich von ihr ab. Und auch von Mr. und Mrs. Rennick. Er schwang seinen ledergepolsterten Bürostuhl herum und starrte vorbei an dem scharf und zuversichtlich drein blickenden Porträt Präsident Eisenhowers an der Wand neben den hohen, von Vorhängen eingerahmten Fenstern. Draußen traf goldenes Nachmittagslicht die Ulmen, welche den Stadtpark und die ihn umgebenden roten Ziegelbauten aus dem frühen 19. Jahrhundert überragten. Jenseits der Äste und Blätter und durch sie hindurch konnte man andeutungsweise den Turm der presbyterianischen Kirche und den Glockenturm der Universität erkennen. Später sollte sich der Staatsanwalt noch an diesen speziellen Moment erinnern und daran, wie impotent und heuchlerisch ihm ironischerweise die amerikanische Flagge vorgekommen war, die bewegungslos in einer Ecke des Büros stand, ihr gebündelter Stoff eine Ansammlung von roten, weißen und blauen Vertikalen.

Es war totenstill. So still, dass es schien, die dunkelgetäfelten Wände und der schwere Teppich erstickten sogar die Gedanken. Aber Gedanken waren sehr wohl da. Gedanken, die in Worte gefasst und laut ausgesprochen werden mussten. Er kannte das Was. Das Wie war so schwierig. Es gab da Dinge, von denen die Rennicks keine Ahnung hatten und die er ihnen nicht sagen wollte. Wenn diese Dinge ausgesprochen würden, würde das Mädchen noch mehr verletzt werden, als sie es ohnehin schon war.

Als er sich wieder umwandte, vermied er Alicias Blick und sah stattdessen Rennick an, ein großes, untersetztes Exemplar der gutbürgerlichen Mittelklasse, mit Augen, die schon klein geworden waren vor lauter Wohlanständigkeit und Phrasendrescherei.

Er weiß es, dachte der Bezirksstaatsanwalt, Rennick ist nicht blöd. Aber er wird so tun, als wüsste er nichts. So kann er die ganze Tonleiter rauf- und runterspielen. Für Rennick würde es unnötigerweise nur darum gehen, das Gesicht zu wahren.

„Ich möchte nicht, dass Sie denken, dieses Amt habe kein Verständnis, Mr. Rennick. Wir sind hier, um Ihnen und Alicia in jeder nur möglichen Weise zu helfen. Aber Verständnis, ich meine amtliches Verständnis in Form einer öffentlichen Anklage — nun, das ist für Alicia vielleicht jetzt gerade nicht das Richtige. Denken Sie wirklich, nach allem, was sie durchgemacht hat, braucht sie da noch öffentliche Zurschaustellung? Braucht sie nicht eher Ruhe und Schutz?“

„Was meinen Sie mit Zurschaustellung?“ Das kam von Mrs. Rennick. Trotzig. Eine kräftige Frau in den Vierzigern, mit noch guter Figur. Aber ihr sorgfältig und übertrieben geschminktes Gesicht war eine Maske rechtschaffenen Anstands. Sie war mal attraktiv gewesen. Sie wäre es vielleicht noch, wenn sie es sich selbst erlaubt hätte.

„Er meint einen Prozess“, erklärte Rennick ihr geduldig. „Presseberichte.“

Aber ihrer Entrüstung Ausdruck zu verleihen war plötzlich erträglicher, als sich um das Wohl ihrer schweigenden Tochter zu sorgen. Sie fühlte sich persönlich angegriffen. Und mit ihr alle Frauen. Angegriffen von der nicht endenden privilegierten Verschwörung der Männer. Gott, wie sie deren selbstgefällige Posen verabscheute.

„Ein Prozess stellt die Schuldigen zur Schau und bestraft sie“, ätzte sie zurück. „Wir wissen alle, wer sie sind und was sie getan haben. Ich kann mir nicht vorstellen, dass irgendjemand Alicia verurteilen wird!“

Alicia rührte sich nicht. Sie war achtzehn und hübsch in einer zerbrechlichen, unsicheren und gehemmten Art. Ihre schmalen Künstlerhände lagen gefaltet, bewegungslos in ihrem Schoß, auf dem gerade geschnittenen Kleid, das ihre Mutter sie zu tragen gezwungen hatte, ein besonders hochgeschlossenes Kleid, als ein brennendes Symbol geschändeter Weiblichkeit.

Der Bezirksstaatsanwalt erinnerte sich daran, wie sie ein einziges Mal flüchtig gelächelt hatte. Es war das sanfteste und verlorenste Lächeln, das er je gesehen hatte. Er versuchte es noch mal. „Betrachten wir es doch einmal so, Mrs. Rennick. Wenn Sie gestatten. Vom Standpunkt der Geschworenen aus. Zunächst einmal: Ein zerschundenes Äußeres, ein paar Schrammen, eine zerschnittene Lippe, ein blaues Auge — nichts davon deutet zwangsläufig auf Vergewaltigung hin.“ Er zwang sich zu einem fröhlichen Lächeln und täuschte Leichtigkeit vor. „Die Polizei liest jedes Wochenende ein dutzend Kids auf, die nach einer Schlägerei unter Schulfreunden genauso aussehen. Meistens passiert so was, wenn ein Mädchen versucht, in den Kampf von zwei eifersüchtigen Jungs einzugreifen.“

Der Versuch ging daneben. Mrs. Rennicks Stimme zischte ein weiteres Mal unangenehm aus dem breiten Oval ihres feindseligen Gesichts. „Sie sagen, dass Alicia nicht vergewaltigt wurde?“

„Aber nein. Versuchen Sie doch bitte zu verstehen.“ Seine Stimme bat sie noch einmal eindringlich, die Sache fallen zulassen, den ganzen verdammten Mist, nach Hause zu gehen und es zu vergessen. „Meine Verantwortung Ihnen und Alicia gegenüber verpflichtet mich dazu, Ihnen genau zu sagen, was Ihnen bevorsteht, falls Sie sich für eine Anklage entscheiden.

In jedem Gerichtsverfahren gibt es Unwägbarkeiten, egal wie klar oder verworren die Sachlage erscheinen mag.“

„Weiter.“ Das war Rennick.

Alicia starrte immer noch regungslos auf einen Punkt im Raum. War es die Vergangenheit? Oder die Gegenwart oder die Zukunft? Hörte oder sah sie etwas?

Da waren Stimmen und undeutliche Bilder. Vorbeihuschende Erinnerungssplitter von Trunkenheit und Schuld. Und Angst. Das warnende Gefühl von Angst, das sie ignoriert hatte, als Ken auf der Party vorschlug: „Machen wir ‘nen kleinen Ausflug, Alicia.“ Und Art hatte gelacht und gezwinkert. Die plötzliche Angst, als sie sich nicht nur mit Ken, sondern auch mit Art und Greg im Auto wiederfand. Die wachsende, whiskygetränkte Panik, als Greg vom Rücksitz aus nach vorne griff und eine Hand in ihre Bluse gleiten ließ; und dann Art, der dasselbe tat. Und Ken, der plötzlich vom Fahrersitz aus fachmännisch unter ihren Rock langte.

Sie hatte angefangen, sich zu wehren und zu schreien. Hatte Ken sie da zum ersten Mal geschlagen? Mit dem Handrücken. Ihre Lippen waren noch immer geschwollen und aufgeplatzt. Und ihr Zahnfleisch war wund. Vom ersten Schlag oder den anderen, die folgten?

Das grelle Licht. Das Motel. Greg und Art, die sie auf den Boden des Wagens drücken, außer Sicht. Das Licht taucht das Dach und die Fenster des Wagens in Weiß. Die plötzliche Dunkelheit des Zimmers, lange unbenutzt, stickig kalt. Ihre Beine, die gegen fremde Möbel schlagen. Faustschläge. Kleider werden ihr vom Leib gerissen. Die Nacktheit. Erst ihre, dann die der anderen. Das Fremde der behaarten, harten, muskulösen Männerkörper. Und Männergeruch. Nicht einer, sondern drei. Dann Hände überall und Gelächter und Münder, die in ihren Mund beißen und an ihren Brüsten nagen. Und wieder Hände, die ihre Hände zwingen, sich um ein steifes Glied zu schließen, dann noch eines. Ken und Greg. Das Gewicht und der schmerzhafte Druck hartknochiger Gliedmaßen und der endgültige schreiende Schmerz, Greg unter ihr, ein Schmerz, der schneidet wie ein Messer, das Gewicht von Ken über ihr, seine tiefen Stöße von der gleichen Raserei. Ihre Flüche und ihr Gelächter. Und schließlich Art in ihrem Mund, gummiartig scheußlich, seine volle, erstickende Länge, die Daumen in ihre Augenwinkel gepresst. „Du Flittchen“, faucht er, „beiß mich und ich quetsch sie dir aus.“

Wann war sie gegangen? Warum hatten sie sie laufen lassen? War es nur, weil sie schließlich betrunken eingeschlafen waren? Wann hatte die Polizei sie am Rand der nächtlichen Straße aufgelesen? Der diensthabende Sergeant ignorierte ihre Verzweiflung.

„Nein, mir ist nichts zugestoßen, ich habe nur zu viel getrunken. Ich bin spazieren gegangen. Ich bin gefallen.“

„Der Name Ihres Vaters?“

„Bitte, ich möchte keinen Ärger. Bitte. Lassen Sie mich einfach nach Hause gehen. Was habe ich getan? Sie machen es nur noch schlimmer.“

Und das Telefon, das läutet, irgendjemandes blecherne Stimme, unheilvoll, am anderen Ende. Das Motel. Drei Jungs. Wer wohl für den Schaden bezahlen würde, die zerbrochene Lampe, den Spiegel, den Stuhl, die von Zigaretten verbrannte Matratze, die verschmutzten Laken? Als sie eincheckten, hatte niemand das Mädchen gesehen. Das war ein anständiges Motel. Hatten noch nie Ärger. Ja, jemand der Frazer hieß. College Student.

Der Bezirksstaatsanwalt, inzwischen ungeduldig, drehte an seinem Bleistift. „Mrs. Rennick.“

Aber sie ließ sich nicht unterbrechen. Ihre Augen trüb vor Abscheu über das, was sie zu sagen hatte, und voller Hass gegen alle Männer, während sie sprach. „Noch vierundzwanzig Stunden später wurden Samenspuren bei Alicia festgestellt. Anal als auch vaginal.“

Mit einer Geste resignierender Endgültigkeit ließ er den Bleistift auf die Ablage fallen. Genug ist genug. Man konnte nicht jeden schützen. Nicht vor sich selbst. Er hatte auch noch andere Arbeit zu erledigen. Alicia war achtzehn, sie würde es überleben. So etwas hat noch keinen umgebracht.

Er antwortete kalt: „Das stimmt, Alicia wurde untersucht, Mrs. Rennick. Der Bericht stellt aber nicht fest, ob der an ihr vollzogene Beischlaf gegen ihren Willen erfolgte.“

Sie brauchte eine Sekunde, um zu verstehen. Sie starrte ihn an, dann explodierte sie: „Was bitte, zum Teufel, wollen Sie damit andeuten?“

„Tut mir leid, Mrs. Rennick, aber Sex ist für junge Frauen heutzutage beinahe eine Selbstverständlichkeit. Sogar in der Junior High School. Vierzehnjährige Mädchen. Das werden die Geschworenen zumindest in Betracht ziehen.“

„Jetzt passen Sie mal auf!“ Rennick richtete sich schwerfällig auf, während Wut in ihm hochkochte. „Alicia vögelt nicht in der Gegend rum. Und weder Sie noch sonst jemand wird mir das Gegenteil erzählen. Am allerwenigsten die kleinen miesen Schweine, die sie vergewaltigt haben.“

„Sie war Jungfrau!“ Das war wieder Mrs. Rennick.

Und das stimmte wahrscheinlich. Der medizinische Bericht hatte es nicht ausdrücklich bestätigt, aber der Arzt war der Meinung, dass Alicia die Wahrheit gesagt hatte.

„Wir sind vielleicht nicht anders als andere Eltern, weder besser noch schlechter, aber wir kennen unser Kind.“

Das sagten sie alle.

Und Alicia selbst. War sie wirklich unschuldig? Wahrscheinlich. So gut konnte niemand Theater spielen.

„Mr. Rennick, Mrs. Rennick, ob es Ihnen gefällt oder nicht, Ken Frazer, Greg Anderson und Art Wallace stellen die Elite der amerikanischen Jugend dar. Attraktive Jungs, stammen aus den besten Familien. Ich brauche Ihnen nicht zu sagen, dass sie alle drei zu den besten Studenten des College zählen. Anderson ist der Held seiner Universität. Dieses Jahr zum landesweit besten Sportler gekürt.“

„Sie haben meine Tochter vergewaltigt.“ Schrill klang es, unkontrolliert.

„Art Wallace ist Präsident seiner Studentenvereinigung. Ken Frazer wird sein Studium mit Auszeichnung abschließen.“

„Das interessiert mich einen Dreck, und wenn er der Präsident der Vereinigten Staaten wäre.“

„Also im Klartext: Sie verlangen von mir, dass ich die Geschworenen davon überzeuge, dass in einer freizügigen Gesellschaft drei männliche, derart beliebte amerikanische Jungs nicht in der Lage wären, ihre sexuellen Bedürfnisse mit buchstäblich Dutzenden anderer attraktiver, ich möchte sogar sagen, äußerst bereitwilliger Mitstudentinnen zu befriedigen. Sie verlangen von mir, zu behaupten, sie hätten ausgerechnet Ihre unbedeutende Tochter aussuchen müssen, um sie mit Gewalt zu nehmen?“

„Ich verlange eine strafrechtliche Verfolgung.“

Es gab keinen Ausweg. Er senkte seine Stimme und sagte behutsam: „Nun gut, wenn Sie es wünschen. Ich fürchte, ich kann Ihnen ein weiteres Detail nicht ersparen.“ Er wartete, dann sprach er, mit einem rachsüchtigen Unterton, denn Mrs. Rennick blickte ihn immer noch herausfordernd an. „Diesem Amt ist bekannt, dass alle drei Jungs bereit sind, unter Eid auszusagen, Alicia selbst hätte die Party vorgeschlagen. Dass sie von jedem zwanzig Dollar verlangt und erhalten habe, um dafür freiwillig an jedem einzelnen und in Anwesenheit der anderen unnatürliche Akte grober sexueller Perversion auszuführen, einschließlich Analverkehr und Fellatio.“

Er nahm einige Papiere von seinem Schreibtisch. „Ich habe die Kopien ihrer eidesstattlichen Erklärungen hier. Und einige dies bekräftigende Zeugenaussagen, einschließlich einer Studienkollegin Alicias.“ Spitz fügte er hinzu: „Einem Mädchen.“

Nach einer Weile sagte Rennick: „Nun gut.“ Seine Stimme klang rau und belegt und er erhob sich schwerfällig.

Der Bezirksstaatsanwalt holte noch zu einem letzten Schlag aus. „Ich fürchte, dass Sie, wenn es uns nicht gelingen sollte, einen Schuldspruch zu erreichen, zweifellos wegen Verleumdung angeklagt werden. Alicia wird sich vor der Polizei wegen Prostitution und sexueller Ausschweifung und vielleicht sogar wegen Verführung Minderjähriger zu verantworten haben. Ken Frazer ist noch keine einundzwanzig.“

Später, als sie hinuntergingen, als sie den Ziegelbau des Gerichts verließen, warteten Alicia und ihre Mutter, während Mr. Rennick das Auto holen ging, das auf der anderen Seite des Rasens geparkt war.

Plötzlich fragte Mrs. Rennick sachlich: „Wann ist deine nächste Periode?“

Langsam wandte sich Alicia ihr zu. Und durch den Schock fand sie ihre Stimme wieder und hörte sich selbst, als wären ihre Stimme und sie verschiedene Identitäten, als würden sie durch die ganze Weite der weichen Grünfläche mit ihren Bänken und Blumen und dem Bürgerkriegsdenkmal und der schweren Kanone voneinander getrennt.

„Was?“

„Deine nächste Periode. Oder hast du sie schon verpasst?“ Ihre Mutter lächelte verkrampft. „Oder hast du daran gedacht, dein Diaphragma zu benutzen?“

Sie hatte es also gefunden. Sie hatte ihr Zimmer durchsucht. Wie beweisen, dass man es nie verwendet hat? Nie. Gewollt ja, geplant, es irgendwann einmal zu tun. Aber dann doch nie den Mut dazu gehabt. Wie konnte man irgendjemanden überzeugen, wenn drei College-Helden bereit waren zu schwören, man hätte es für Geld getan. Wenn eine deiner eigenen Freundinnen dich verkauft hat, um sich bei ihnen lieb Kind zu machen. Wenn dein eigener Vater weggegangen ist, um den Wagen zu holen, mit steinernem Gesicht, ohne ein Wort? Wenn der Bezirksstaatsanwalt deinem Blick ausgewichen ist beim Verabschieden? Wenn deine Mutter dich ansieht, den Mund zu einem lippenstiftbedeckten, mörderischen Schlitz zusammengekniffen?

„Morgen sagst du Buddy wie-heißt-er-noch-gleich, dass du ihn heiratest, sobald er will.“

„Buddy?“

„Der Junge nebenan. Der in der Autowerkstatt arbeitet.“

„Buddy Garner?“ Ungläubiger Blick. „Aber er ist bloß Mechaniker.“ War ihre Mutter verrückt geworden? Sie war nicht einmal mit Buddy aus gewesen. „Mutter, ich kenne ihn kaum.“

Mrs. Rennick lachte schrill. „Nun, er ist verrückt nach dir. Zu verrückt, um Fragen zu stellen.“

„Nein. Nicht er!“

Was war mit Buddy? Etwas Kaltes irgendwo tief in ihm, etwas, das anders war. Oder war es bloß das erbärmliche, hündische Schmachten in seinen Augen, wann immer sie vorbeikam, um zu tanken? Bei ihm schauderte sie immer.

„Ich mag ihn nicht einmal.“

„Das wird sich geben.“

„Aber ich will nicht heiraten. Ich möchte hier bleiben und die Schule abschließen.“

Bloß nicht weinen, um Himmels willen, gib ihr nicht diese Genugtuung.

„Die Schule abschließen? Tatsächlich? Nach allem, was du deinem Vater und mir angetan hast?“ Einen Augenblick Schweigen. Dann: „Was ist mit dem Schulgeld? Unterhalt? Ach ja, natürlich, hatte ich ganz vergessen. Du kannst ja Geld verdienen, nicht wahr!?“

Diesmal war ihr Lächeln wie Samt. Anständige Frauen, die Geld von den Männern bekamen, die sie geheiratet hatten, konnten es sich leisten, mit Huren freundlich zu sein.

Und da war ihr Vater, plötzlich, und hielt die Wagentür auf. Nur ein paar Meter entfernt.

Es war Zeit zu gehen.

1

Montag, sechs Uhr morgens.

Mit seinen achtunddreißig Jahren war Ken Frazer ein Mann, der zu Recht von sich behaupten konnte, es zu etwas gebracht zu haben. Er war stellvertretender Direktor einer wichtigen Werbeagentur in Detroit und mit dem Etat einer großen Firma für Haushaltsgeräte betraut; er war Vorsitzender der Southern Michigan Democrats for Nixon und im Vorstand der Ann Arbor Historic Society; er war Direktor mehrerer lokaler Firmen, einschließlich eines wichtigen, der Universität angeschlossenen Forschungslabors; und er hatte überall Freunde. Sein Siebzigtausend-Dollar-Haus am Stadtrand von Ann Arbor war großzügig umgeben von fast einem halben Hektar Wiesen und Bäumen. Der beheizbare Swimmingpool und der Gartengrill fielen nicht so auf, dass man sie als amerikanischen Mittelklasse-Kitsch hätte kritisieren können. Wie Ken selbst.

Dann gab es da einen schnittigen europäischen Sportwagen, einen leuchtend gelben 911 S Porsche, sorgfältig heruntergespielt durch seinen Wagen für alle Tage, einen gewöhnlichen Ford-Kombi. Es gab eine Bibliothek mit Klassikern und Büchern aus dem Buch-Club, die Helen und er gelegentlich lasen. Sie machten immer wieder Ferien an interessanten Orten. Letztes Jahr hatten sie zehn Tage in Budapest verbracht, anstatt sich der üblichen amerikanischen Sommerinvasion in Paris, Rom oder Madrid anzuschließen, und ihr Hang zum Kommunismus war seitdem Witz auf jeder Dinner-Party gewesen. Im Jahr davor hatten sie ein Haus an Portugals berühmter Algarve-Küste gemietet, wo die In-People international und intellektuell waren, britische Adelstitel vorherrschten, auch wenn deren Träger eher aus den Kolonien, Rhodesien und Kenia, stammten.

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!

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