Jäger auf Hasenjagd - Fred Rumpl - E-Book

Jäger auf Hasenjagd E-Book

Fred Rumpl

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Beschreibung

Das weltberühmte, praktisch unverkäufliche Bild „Feldhase" von Albrecht Dürer wurde aus der Albertina in Wien geraubt. Detektiv Jakob Jäger hängt sich unverzüglich an den Fall. Er recherchiert in Wien, Prag und Triest, um dem Hasen auf die Spur zu kommen. Bald schon steht fest, dass der Weg zu dem Kunstwerk nur über das Motiv führt. Warum will jemand ausgerechnet dieses Bild besitzen? Was kann man damit anfangen, wenn man es doch vor den Augen der Öffentlichkeit verbergen muss? Welche Projektionen zieht es auf sich? Und was hat der Direktor der Albertina, immerhin Jägers Auftraggeber, mit der Sache zu tun? Manche Menschen sind offenbar sogar dazu bereit zu morden, um ein solches Kunstwerk zu besitzen. Fragen über Fragen für den jungen Schnüffler, der auf seiner rastlosen Suche dubiose Kunsthändler, arrogante Fälscher und völlig abgehobene Fanatiker aufspürt. In die Quere kommt ihm dabei auch Lisa, die verführerische Nichte des Direktors. Hinter der forschen jungen Frau verbirgt sich nicht nur ein verstörtes Wesen, sondern auch die Lösung des Rätsels.

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Seitenzahl: 335

Veröffentlichungsjahr: 2012

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Ähnliche


Inhalt

Titelseite

Impressum

Widmung

1: Österreich, Wien

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7

8

9: Tschechien, Prag

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12: Österreich, Wien

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14: Italien, Venedig

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18: Österreich, Wien

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JÄGER AUF HASENJAGD

Fred Rumpl

Impressum:

eISBN: 978-3-902672-69-8

E-Book-Ausgabe: 2012

2009 echomedia buchverlag

A-1070 Wien, Schottenfeldgasse 24

Alle Rechte vorbehalten

Produktion: Ilse Helmreich, Helmut Schneider

Produktionsassistenz: Brigitte Lang

Gestaltung: Rosi Blecha

Layout: Elisabeth Waidhofer

Lektorat: Roswitha Singer-Valentin

Herstellungsort: Wien

Besuchen Sie uns im Internet:

www.echomedia-buch.at

Sein Gewissen war rein. Er benutzte es nie.

(Stanisław Jerzy Lec)

1.

Österreich, Wien

Fast keinem der im Foyer des Museums Anwesenden entgeht, wie unsicher die Stimme des gepflegten Herrn ist, der da hinter einem Pult steht. Die Gestalt des Direktors wirkt hinter all den vor ihm aufragenden Mikrofonen noch schmächtiger als sonst. Wer ihn hier besser kennt – jene Angestellten, die um diese frühe Zeit zu erreichen waren –, weiß aber, dass in der schmalen Figur des Doktor Nemec im Grunde eine Menge Durchsetzungsvermögen steckt.

Heute, gegen Ende des Jahres 2003, ist mit Sicherheit nicht sein Tag. Die Blitzlichter der Kameras machen ihn nervös. Da knien sie in den ersten Reihen und drücken in einem fort auf Auslöser. In den letzten Reihen halten sie die Kameras hoch über ihre Köpfe, um den einen oder anderen Schnappschuss zu ergattern. In diesem stroboskopartigen Licht wirken seine Bewegungen irgendwie abstrakt. Es sieht aus, als wären diese Bewegungen einstudiert. Auch Journalisten aus dem benachbarten Ausland haben es geschafft, rechtzeitig zur eilig einberufenen Pressekonferenz zu kommen.

Draußen glänzt das erste, dünne Licht auf dem in der Nacht gefallenen Schnee. Dieses Licht schwächt die Leuchtkraft der Luster hoch oben, sodass es drinnen allmählich in dem Maße dunkler wird, wie es draußen hell wird. Im Zwielicht fühlt der Direktor sich offensichtlich gar nicht wohl. Er beginnt das Tempo seiner Erklärung zu forcieren.

Obwohl nach einem Lagebericht der Kripo bereits Gerüchte kursieren, die Führung der weltberühmten Sammlung Albertina habe grobe Fahrlässigkeit zu verantworten, nimmt der Direktor sein Haus in Schutz. Nach und nach findet er auch seine Fassung wieder. Er geht schließlich sogar in die Offensive, indem er mögliche Sicherheitsmängel, nicht völlig auszuschließende Aufsichtsmängel und Schwachstellen am Gebäude einräumt. Das aber aufgrund von Renovierungsarbeiten schon seit Monaten nicht so perfekt überwacht werden könne wie erforderlich! Es hat fast den Anschein, der Direktor gibt nun, unter dem Druck der Journalisten, einige Versäumnisse geringfügiger Art zu, um nicht mit fundamentalen Anschuldigungen konfrontiert zu werden.

Fest steht bis dato, dass die Räuber – mit Sicherheit waren es mehr als nur einer oder eine – über ein unbeaufsichtigtes Baugerüst an der Fassade hochgestiegen sind und sich dann durch eines der großen Fenster in der zweiten Etage Zutritt verschaffen konnten.

Gegen die Beschwichtigungen des Direktors werden nun immer mehr Stimmen laut. Und plötzlich, in die Enge getrieben, bestreitet er, was er vor kurzem noch zugegeben hat. Man sieht ihm an, wie sehr es ihn verwirrt, sich rechtfertigen zu müssen: ein Mann, der es gewohnt ist, dass andere sich vor ihm rechtfertigen.

Ein schwarzer Tag! Für das Haus, die Stadt Wien, das Kulturland Österreich insgesamt, räumt der Direktor ein, dieser vorletzte Adventsonntag vor dem Fest. Und ein ganz besonders schlimmer Tag für ihn selbst, den Verantwortlichen der Sammlung. Die zur Schau getragene Zerknirschung könnte echt sein, aber die Journalisten interessieren sich nicht so sehr für die Gemütsverfassung des Direktors als vielmehr für die Fakten.

Wie sei es möglich, dass vor dem Haus ein Gerüst stehe, wochenlang, und nicht einmal überwacht werde? Wie sei es möglich, dass Täter ins Haus eindringen können, ohne Alarm auszulösen? Und wie könne es sein, dass jemand sich in der Nacht durch die Ausstellungsräumlichkeiten bewegen könne, ohne dass das Wachpersonal etwas davon mitkriege? Wie sei das alles möglich, wo die Albertina doch seit langem über ein modernes Überwachungssystem verfüge? Und, natürlich, was werde es vonseiten des Direktors für Konsequenzen geben, auch auf der persönlichen Ebene? Fragen über Fragen. Und wie hoch sei überhaupt die Versicherungssumme für dieses Bild von Albrecht Dürer? Ein unvergleichliches Meisterwerk der nordischen Renaissance und kunsthistorisch von unschätzbarem Wert.

Das fahle Dezemberlicht verdrängt nun langsam das Zwielicht im Foyer und lässt die Müdigkeit im Gesicht des Direktors stark hervortreten. Er weicht den unbequemen Fragen aus, wiegelt ab und gibt Allgemeinplätze von sich. Obwohl es sehr kühl ist in dem hohen Raum, muss er sich mit einem Taschentuch Schweiß von der Stirn wischen. Er verschließt ostentativ seine Miene, zuckt mit den Schultern und lädt mit einer hilflosen Geste des Umarmens die Journalisten ein, doch in die Pressekonferenz am Nachmittag zu kommen: Dann werde man bestimmt mehr wissen, und vielleicht seien die Täter bis dahin ja schon gefasst!

Die Menge murrt, will anscheinend noch nicht in die Kälte hinaus. In rascher Abfolge werden nun weitere Fragen gestellt und Vorwürfe laut. Unter diesen Anschuldigungen verlässt der Direktor das Pult, eine weitere Einladung zu dem zweiten Pressetermin mitten im Satz abbrechend. Rückwärts, mit dem Gesicht zur aufgebrachten Menge, tritt er ab. Als hätte er im Moment Angst davor, jemandem seinen Rücken zuzuwenden.

2.

Jakob schließt die Bürotür, zugleich Eingangstür seiner Wohnung, und sperrt ab, ohne genau hinzusehen. Eine automatische Bewegung, bevor er sich dazu entschließt, die Treppe zu nehmen und nicht den schönen, alten, aber langsamen Lift. In der mit Mahagoni vertäfelten Kabine dieses alten Lifts fährt man nicht nach unten, man schwebt hinab. Begleitet vom Rumpeln und Rattern der alten Mechanik, sinkt man in Zeitlupe durch die Etagen wie durch Schichten der Vergangenheit. Jakob nimmt den Lift, den sonst im Haus fast niemand benutzt, wenn er in Ruhe nachdenken muss.

In Mollys Pub schwingt er sich auf einen Barhocker, ohne erst seinen Mantel auszuziehen, und raucht eine Zigarette an. Nicht irgendeine, seine letzte. Eine Chesterfield. Seine dritte letzte an diesem Tag.

„Hi Jack.“

„Hallo Gordon.“

Gordon stellt ihm ein Guinness auf die Schank, dann dreht er sich um und ruft etwas in Richtung Küche. Wer schon mal in Glasgow war, würde vielleicht den für diese Region typischen Zungenschlag bemerken. Jakob – Jack, wie er manchmal genannt wird – kann zwar nicht genau bestimmen, was Gordon da in die Küche gerufen hat, weiß aber, was er serviert bekommen wird. Weil es immer das Gleiche ist. Weil er immer das Gleiche isst. Hier auf jeden Fall, in diesem alten Pub, wo sonntags um diese Zeit fast nie Gäste anzutreffen sind. Der Fernseher in der Ecke über der Bar zeigt die Nachrichten.

Gordon stapft mürrisch durch die Schwingtür der Küche und setzt einen vollen, heißen Teller vor ihm ab.

„F’schntschps. Mahlzeit Jack.“

Obwohl er eine Einladung auf Lebenszeit hat, an den Sonntagen bei seiner Mutter zu essen, weit draußen in der Vorstadt, macht er nur selten davon Gebrauch. Lieber sucht er eins der Lokale in den inneren Bezirken auf, oder im Sommer den Donaukanal, wo man dann draußen sitzen kann.

Er sollte sich mehr um seine Mutter kümmern. Er spürt das, wenn er an sie denkt. Seit sie von Jakobs Vater damals sitzen gelassen wurde, ist sie mitunter etwas seltsam. Sie redet zu viel mit sich selbst. Sie ist nett und zuvorkommend wie früher, doch sie kann stundenlang mit sich hadern, wenn sie sich unbeobachtet wähnt. Jakob bekam das oft mit, als er noch zeitweise bei ihr wohnte. Sie tut, als käme ihr Mann von seiner Arbeit als Polizist nachhause, und verwickelt den großen Schweiger dann in ein Gespräch über irgendwas. Seine Arbeit. Das Haus und den Garten. Über ihren Sohn. Sie steigert sich hinein. Und Vater schweigt beharrlich. Er war ein stilles Wasser. Wie gemacht für die Rolle des mundfaulen Stichwortgebers, die er noch in seiner Abwesenheit jahrelang spielen sollte. Die Mutter stellte immer wieder ein Phantom zur Rede. Irgendwann bog Jakob ab und suchte das Weite. Sie tut ihm leid. Aber was ändert das? Er verflucht seinen Vater. Diesen Scheißkerl, der einfach für immer ging, ohne sich von jemandem zu verabschieden.

In den Jahren danach wäre auch Jakob fast aus der Bahn geflogen. Dass aber Vaters Verschwinden etwas mit seinen wilden Jahren zu tun haben könnte, gab er vor niemandem zu. Am allerwenigsten vor sich selbst. Imprägniert mit großer Literatur, wurde er so zynisch, dass er nichts mehr ernst nahm. Im Grunde nicht mal sich selber. Keine Frage, die er nicht mit dem Zitat eines großen Geistes parieren konnte: La Rochefoucauld, Oscar Wilde, G. B. Shaw und andere. Das waren die Männer, die ihm in jeder Lebenslage beistanden. Die nicht einfach abhauten. Deren Worte wie in Stein gemeißelt dastanden und auch blieben. Wuchtige, wahrhaftige und wilde Worte, die man der feigen, dummen, opportunistischen Welt entgegenschleudern konnte. Das war Ende der Achtziger- und zu Beginn der Neunzigerjahre. Literatur, Musik, Drogen, Sex.

Auf den schnellen Sex fiel ein Schatten, als immer öfter Zeitungsartikel über eine geheimnisvolle, unheilbare Krankheit auftauchten. Ihr Verhalten änderte sich aber nicht so schnell wie das Wissen um die Risiken. Definitiv erst, wenn es jemanden in der Umgebung erwischte. Vor jedem Test ließ man alle Hoffnung fahren, um danach, falls man negativ war (negativ sein war gut!), weiterzumachen wie bisher. Ein Gewohnheitstier war der Mensch schon immer. Mochte es das Leben kosten! Erst als Jakob einen guten Freund an die heimtückische Krankheit verlor, wachte er auf und erzog sich zu mehr Sicherheit. Old habits are hard to break. John Hiatt brachte es in seinem Song auf den Punkt.

Auch um vom Kokain zu lassen, brauchte es erst eine Katastrophe. Nach einer exzessiven Nacht hatten vier Freunde einen fürchterlichen Unfall. Im Größenwahn, geschuldet einem Cocktail aus mindestens fünf Drogen, Alkohol nicht mitgerechnet. Weil die öde Wirklichkeit hinter den vielen Möglichkeiten zurückblieb, stieg der Beifahrer dem Fahrer voll auf den Gasfuß. Der BMW überschlug sich wieder und wieder, nachdem er auf der Höhenstraße die Leitplanken durchstoßen hatte. Zwei starben noch vor Ort. Einer sitzt seit vierzehn Jahren im Rollstuhl und lallt bloß noch. Nur Tom kam mit ein paar Blessuren und einem gewaltigen Schrecken davon. Jakob war nicht dabei, weil er einer Frau nachhause gefolgt war. Wieder einmal eine, an deren Seite er sich die nähere Zukunft vorstellen konnte. Irgendwie hat sie ihm das Leben gerettet. Die Zukunft dann verlief freilich anders.

Damals drang der Tod in ihr Leben ein. Unverschämt, wie er ist, grell bisweilen. Und fast immer, ohne ausreichend legitimiert zu sein, wie Jakob fand. In diesem Alter sollte man nicht so oft vor Gräbern stehen und Abschied nehmen müssen. Tom und er hatten eines Tages die Nasen tatsächlich gestrichen voll. Und nicht nur mehr vom Koks. Da war zu viel Platz unter der Erde. Höchste Zeit, sich anderswo nach einer Bleibe umzusehen. Und nach einer Aufgabe, die größer war als die nächste Nacht. Sie beschlossen sich durchzuboxen, bis sich neue Perspektiven auftun würden.

Im Grunde wartet Jakob auf seinen ersten großen Fall, seit er vor mehr als einem Jahr sein Studium abgebrochen und das Detektivbüro eröffnet hat. Er kann sich damit finanziell einigermaßen über Wasser halten, weil er ein paar Kunden aus der Zeit seines Praktikums in die eigene Firma mitgenommen hat. In der Regel aber sind das bloß Routineaufträge für Anwaltskanzleien: Beschattungen von Ehebrechern meist. Im letzten Sommer musste er für einen dieser Kunden nach Florida fliegen, um eindeutige Fotos zu schießen. Es waren Bilder, die in keinem Pornomagazin auffallen würden. Sein Honorar samt Prämie fiel so hoch aus, dass er sich im Herbst die Anzahlung für ein Motorrad leisten konnte.

Nach jenem furchtbaren Unfall, 1989, bei dem Tom und er, jeder auf seine Weise, gerade noch davongekommen waren, änderten sie ihre Gewohnheiten radikal. Beide spürten, dass es womöglich die letzte Chance war, etwas Neues anzufangen, bevor sie die Kontrolle über ihr Leben verlieren würden. Die Umkehrung aller Werte beinhaltete unter anderem Folgendes: Tag und Nacht wieder in die ursprünglichen Rechte einsetzen. Das hieß, vorwiegend am Tag arbeiten und nachts schlafen. Sport statt Drogen. Ein abgeklärter Realismus anstelle eines abgefahrenen Zynismus. Gefühle waren nicht mehr nur was für Teenager und Mütter von kleinen Kindern. Gefühle konnten das Leben sogar steigern! Qualität statt Quantität. Was für Zombies Koks über kurz oder lang aus Menschen macht, konnte man an diversen Umschlagplätzen und in Szenelokalen beobachten: Wracks auf zwei Beinen. Mit Egos, aufgeblasen wie Ballons. Aus denen nichts als stinkende Luft kam, wenn sie ihr dummes Maul aufrissen.

Sie schrieben sich im Boxklub Favoriten ein und trainierten regelmäßig. Sie wählten einen Klub für Immigrantenkinder und Underdogs. Und keinen für neureiche Manager, wo Boxen damals sehr chic war: nichts als eine Mode, die vorüberging, wie Turnschuhe zum Nadelstreif. Sie wollten an einem Ort lernen, wo man ums Überleben kämpfte. Um den letzten Rest Stolz wenigstens, der einem im Leben oft genommen wurde.

Vier Jahre später begannen beide ein Studium. Tom hat seins längst abgeschlossen, mit ausgezeichnetem Erfolg sogar, und unterrichtet seit ein paar Jahren an einem Gymnasium im fünfzehnten Bezirk. Jakob immatrikulierte an der philosophischen Fakultät. Er interessiert sich für Philosophie, seit er mit fünfzehn drei Bücher geschenkt bekam. Fleckige, vergilbte, zerschlissene Taschenbücher von einem Tippelbruder, den er auf einer Italienreise traf, als er zum ersten Mal von zuhause abhaute.

Er nahm damals die Münzsammlung der Mutter an sich, packte das Nötigste und stellte sich an die Auffahrt zur Südautobahn. Kann sein, dass der Vater wieder mal zu lange geschwiegen und die Mutter zu viel mit sich selbst geredet hatte. Er weiß es nicht mehr so genau. Aber er erinnert sich immer wieder an das Licht und den Geruch dieses Sommermorgens. Er mochte den Geruch der Straßen an Tagen, die sehr heiß wurden. Er konnte es kaum erwarten, diese Luftspiegelungen über dem Asphalt zu sehen. Diesem von der Hitze inszenierten Schauspiel entgegenzufahren, machte ihn glücklich. Das war seine Art von Freiheit! Dass man diese Fata Morgana nie einholte, so schnell man auch fuhr, stimmte ihn melancholisch.

Der Mythos von Sisyphos, Candide und Also sprach Zarathustra. Diese Bücher brachte er von seinem ersten großen Alleingang mit nachhause. Sie begeisterten ihn. Sie entfachten ein Licht in ihm, das ihm eine völlig andere, eine neue Welt zeigte. Er konnte nicht mehr aufhören zu lesen. Von da an fanden die Bücher ihn: Bücher, die er nötig hatte wie die Luft zum Atmen. Als er später, mit etwa zehnjähriger Verspätung, sein Studium begann, hatte er die Kür nach Lust und Laune bereits absolviert. Über der Pflicht an der Uni allerdings kam ihm die Liebe zur Weisheit mitunter abhanden. Im Moment hat er sein Studium aufgeschoben. Wenn es ihn noch mal ruft, wird er da sein.

Er isst und bleibt mit geteilter Aufmerksamkeit bei den Nachrichten im Fernsehen, als Gordon ihm ein zweites Guinness auf die Schank stellt und in seinem besten Englisch sagt: „Hey, look at this, what the hell is there goin’ on!“

Gezeigt wird eine Kopie des Aquarells Feldhase von Albrecht Dürer aus dem Jahr 1502. Jenes Bildes also, das in der letzten Nacht aus der Sammlung Albertina in der Wiener Innenstadt gestohlen wurde. Dieses Bild, sagt die Nachrichtensprecherin, sei von beinah unschätzbarem Wert. Das gibt es nicht, denkt Jakob beiläufig, heute hat nichts einen unschätzbaren Wert, aber alles hat einen Preis. Dann folgt ein verwackeltes Amateurvideo in Schwarzweiß. Es zeigt den Museumsdirektor im Foyer der Albertina, wie er unbeholfene Erklärungen abgibt. Tatsächlich macht der Direktor eine schlechte Figur. Er lässt sich von den Fragen der Journalisten in die Enge treiben und verfängt sich in Widersprüchen.

Es folgen ein Bericht und ein Film über die offizielle Pressekonferenz, bei der auch die zuständige Ministerin anwesend war. In diesem Film, der offenbar einige Stunden später aufgenommen worden ist, wie Jakob vermutet – das Licht im Foyer fällt nun klar von oben ein, im Gegensatz zu dem Zwielicht auf den Videoaufnahmen, die im Morgengrauen gemacht worden sein müssen –, macht der Direktor eine bessere Figur. Er wirkt ausgeruht, ruhig und gelassen, ein wenig resigniert auch. Als hätte er sich schon damit abgefunden, dass solche Dinge passieren. Noch am Vormittag, sagt die Nachrichtensprecherin, habe der Direktor der Frau Ministerin seinen Rücktritt angeboten,keineswegs aber unter dem Druck der Öffentlichkeit,sondern weil er bereit sei, das zu verantworten, was in seinemHaus schiefgelaufen sei.

„Shit!“, sagt Gordon und macht eine Cola auf.

„Chuzpe!“, sagt Jakob und macht einen großen Schluck aus seinem Pint.

Die Frau Ministerin, sagt die Nachrichtensprecherin, habegesagt, sie wisse das korrekte Verhalten des Direktors zwarsehr zu schätzen, sehe sich aber außerstande, den Rücktrittanzunehmen, solange nicht bewiesen sei, dass den Direktorirgendeine Schuld treffe. Daraufhin sei der Museumsdirektorvom angebotenen Rücktritt wieder zurückgetreten, nicht aberohne der Frau Minister und der Weltöffentlichkeit zu versichern,dass er alles in seiner Macht Stehende tun werde, um dieAufklärung des Falles zu unterstützen. Die Ministerin lächelt die ganze Zeit über. Und auch der Direktor lächelt nun, erleichtert, dass ihm von höherer Stelle der Rücken gestärkt wurde. Fast ist es so, als wäre das Bild wieder aufgetaucht. Als würde es oben im zweiten Stock wieder an seinem Platz hängen und nur darauf warten, von Touristen und Kunstkennern aus aller Welt betrachtet zu werden.

Die folgenden Fragen machen aber schnell deutlich, dass es bis jetzt – abgesehen von den Nachlässigkeiten des Wachpersonals – noch keine brauchbaren Spuren gibt. Diesmal, mit dem wie aufgeklebt wirkenden Lächeln der Ministerin im Rücken, fällt es dem Direktor nicht schwer, Haltung zu bewahren und den bohrenden Fragen mit der Autorität seines Amtes zu begegnen. Man werde dieses Bild bald wieder an seinem alten Platz bewundern können, sagt er. Und er sei sich sicher, dass der Dürer innerhalb von ein paar Wochen, wenn nicht gar Tagen auftauchen werde. Denn dieses weltbekannte Bild sei in der Tat unverkäuflich, dafür gebe es gar keinen Markt, nicht einmal einen Schwarzmarkt. Und bis der Feldhase gefunden sei, müssten die Besucher des Museums sich mit einer täuschend echten Kopie begnügen.

„Gefunden?“, sagt Jakob und überlegt, ob er die halb volle Packung Zigaretten liegen lassen oder mitnehmen soll. „Der tut so, als sei das Bild verloren gegangen.“ Er lässt ein weiteres Mal anschreiben und dreht sich mit einer geschmeidigen Bewegung vom Barhocker. Im Weggehen schnappt er mit der Linken dann doch noch nach dem Päckchen. Er wird es im Büro in den Schreibtisch sperren und für den Fall aufbewahren, dass eine nervöse Klientin nicht weiß, was sie mit ihren Händen anfangen soll.

„Was meine Schulden angeht, Gordon, ich komme wieder, versprochen. See you.“

3.

Er steigt die Stufen zum Kanal hinunter. Er hüllt sich in seinen Mantel und stemmt sich gegen den kalten Wind, der immer wieder Schneekristalle aufwirbelt, die wie Nadeln ins Gesicht stechen. Er zieht eine Mütze aus der Manteltasche und setzt sie auf. Die Ausflugsschiffe auf der anderen Seite des Donaukanals sehen aus, als wären sie auf einem Riff gestrandet. Die Rümpfe sind vom Eis angehoben worden, die Vertikalen alle aus dem Lot. Mitten auf dem Kanal haben Möwen ein Loch ins Eis gebrütet. Die Sonne ist nur ein fahles Glimmen an einem grauen Himmel.

Wieder mal scheint eine seiner Beziehungen vorbei zu sein. Wie lange hat es diesmal gedauert? Drei Jahre fast, wenn er sich richtig erinnert. Je älter er wird, desto länger hält er offenbar durch. Immerhin hat sie Schluss gemacht. Das heißt, sie hat eigentlich nur ausgesprochen, was längst schon in der Luft lag und angeblich auf sein Konto ging. Schwindendes erotisches Begehren. Wachsende Distanz. Seine fehlende Bereitschaft, sich mehr aufeinander einzulassen. Sich für immer zu binden! Ihm wird schwindlig bei dem Gedanken: Eigenheim. Gemeinsame Schulden. Ein Kind, um … Um was? Um sich für immer voneinander abhängig zu machen? Die meisten seiner Abhängigkeiten hat er unter Schmerzen hinter sich gebracht. Fast keine Frau, die ihm früher oder später nicht diesen Mangel an Bindungsfähigkeit bescheinigt. Ist er vielleicht am Ende auch nur wie sein Alter: Meister im Schweigen und schließlich Verschwinden?

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!

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