Verlag: Droemer eBook Kategorie: Abenteuer, Thriller, Horror Sprache: Deutsch Ausgabejahr: 2019

Jahre des Jägers E-Book

Don Winslow  

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E-Book-Beschreibung Jahre des Jägers - Don Winslow

"Jahre des Jägers" ist nach den internationalen Polit-Thriller-Bestsellern "Tage der Toten" und "Das Kartell" das furiose Finale des preisgekrönten Epos über den mexikanisch-amerikanischen Drogenkrieg des Thriller-Autors Don Winslow. Art Keller, der berühmte US-Drogenfahnder, steht vor der Aufgabe seines Lebens: die amerikanische Anti-Drogen-Politik ist gescheitert, die Menge des jährlich importierten Heroins hat sich vervielfacht. So viele Amerikaner wie noch nie sind opiatabhängig. Die mächtigen mexikanischen Drogen-Kartelle versuchen, die amerikanische Regierung zu unterwandern - an deren Spitze ein umstrittener neuer Präsident steht. Art Keller folgt den Spuren des verschwundenen legendären Drogen-Bosses Adan Barrera und findet sich in einen brutalen und gnadenlosen Kampf gegen beide Seiten verstrickt. Er muss feststellen, dass Drogen- und Waffengeschäfte unfassbare Dimensionen angenommen haben. Dabei kommt der Feind aus einer ganz unerwarteten Richtung. Es beginnt ein entfesselter Krieg mit epischem Ausmaß, in dem die Grenzen zwischen Gut und Böse schon längst verschwunden sind. Nach „Tage der Toten" und „Das Kartell" der krönende Abschluss der hochgelobten, preisgekrönten und international erfolgreichen Thriller-Trilogie des Starautors Don Winslow um den mexikanisch-amerikanischen Drogenkrieg. Ein ebenso mitreißender wie erschütternder Polit-Thriller über Gier und Korruption, Rache und Gerechtigkeit, Heldenmut und Hinterhältigkeit. „Ich kann es kaum erwarten, das zu lesen. Winslow in Bestform." Stephen King

Meinungen über das E-Book Jahre des Jägers - Don Winslow

E-Book-Leseprobe Jahre des Jägers - Don Winslow

Leseprobe zu:

Don Winslow

Jahre des Jägers

Roman

Aus dem amerikanischen Englisch von Conny Lösch

Knaur e-books

Über dieses Buch

Totgeglaubte leben länger – das muss auch Art Keller erfahren, der US-Drogenfahnder, der geschworen hätte, den mexikanischen Kartell-Boss Adán Barrera endgültig erledigt zu haben. Was Art für die ultimative letzte Schlacht gehalten hat, war nur der Anfang des Krieges, den Mexikos Drogenbosse nun gegen die USA entfesseln: Über Jahrzehnte haben sie die amerikanische Regierung unterwandert, an deren Spitze ein umstrittener neuer Präsident steht. Art gerät mitten zwischen die Fronten.

Nach Tage der Toten und Das Kartell nun der letzte Teil von Don Winslows preisgekrönter, epischer Bestseller-Trilogie über den amerikanisch-mexikanischen Drogenkrieg. Eine erschütternde Geschichte über Rache, Korruption und Gerechtigkeit und ein schonungsloses Porträt des modernen Amerika.

Weiteres unter:

http://www.don-winslow.com

https://twitter.com/donwinslow

Inhaltsübersicht

MottoPrologWashington, D.C., April 2017Buch eins: Mahnmale1. Monster und Geister1. November 2012Juárez ist eine Geisterstadt.Elena Sanchez Barrera will [...]Wir werden sowieso alle [...]Ciudad Juárez2. Der Könige TodWashington, D.C., März 2014Wenn Ric noch weitere [...]3. Heimtückische ClownsAdán Barreras »Pax Sinaloa« [...]Buch zwei: Heroin4. Im ZugGuerrero, MexikoStaten Island, New YorkEddie Ruiz, auch bekannt [...]5. Heroin IslandStaten Island New York20146. Victimville7. Der BusBuch drei: Los Restornados8. Die FeiertageWashington, D.C., Dezember 2014Drei Tage nach Weihnachten, [...]Damien Tapia sitzt im [...]Nuñez kommt am Dreikönigstag.Das kleine Jesuskind starrt [...]9. KojotenBahia de los Piratas, Costa Rica, 2015Keller sitzt neben Marisol [...]Die Party ist in [...]10. La BestiaGuatemala City11. Verkehrte WeltEddie Ruiz blieb ungefähr [...]Cirellos Doppelleben wird bald [...]12. BankwesenWashington, D.C., Juli 2016Buch vier: Amtseinführung13. Fremde LänderWashington, D.C., November 2016Claiborne öffnet dem Callgirl, [...]Cirello ist der einzige [...]Vegas, Baby.14. Der Tod wird der Beweis seinSinaloa, Mexiko, Dezember 201615. Schlimme Hombres16. Billy the KidTijuana, Mexiko, Januar 201717. Weiße WeihnachtKingston, New York, Dezember 2016Buch fünf: Wahrheit18. Die mächtigste Einrichtung auf der ErdeWashington, D.C., Januar 201719. ZerbrochenMexikoMärz 201720. Billige WaffenQueens, New YorkJacqui bläst dem Kerl [...]21. Das ReflexionsbeckenWashington, D.C., April 2017Keller hört ein Kind [...]Den Arm um Marisols [...]Keller stürzt sich auf [...]EpilogSüdkalifornien, Mai 2018PersonenverzeichnisKarte
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»Wenn das Volk sich eine Wand baut, übertünchen sie dieselbe mit Kalk. So sprich zu den Tünchern,die mit Kalk tünchen: Die Wand wird einfallen!«

Hesekiel 13

 

»Es brauchte nur wenig, so unendlich wenig, um sich auf der anderen Seite der Grenze wiederzufinden,hinter der alles seinen Sinn verlor: Die Liebe, die Überzeugung, der Glaube, die Geschichte.«

Milan Kundera, Das Buch vom Lachen und Vergessen

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Prolog

Washington, D.C. April 2017

Keller sieht den kleinen Jungen und im selben Augenblick das Aufblitzen einer Reflexion im Sucher.

Das Kind hält die Hand seiner Mutter, betrachtet die in den schwarzen Stein eingravierten Namen, und Keller fragt sich, ob es jemanden sucht – einen Großvater oder einen Onkel vielleicht – oder ob Mutter und Sohn einfach so am Ende eines Spaziergangs über die National Mall zum Denkmal der Vietnam-Veteranen gekommen sind.

Die Wand wurde in den Boden des Parks eingelassen, versteckt wie ein mit Schuld behaftetes Geheimnis, eine persönliche Schande. Hier und dort haben Trauernde Blumen abgelegt, Zigaretten oder sogar kleine Schnapsfläschchen. Vietnam war lange her, hatte in einem anderen Leben stattgefunden, aber seither hatte Keller seinen eigenen Krieg gekämpft.

Auf der Wand sind keine Schlachten vermerkt. Kein Khe Sanh, Quang Tri und keine Hamburger Hills. Vielleicht, weil wir jede einzelne Schlacht gewonnen, aber den Krieg verloren haben, denkt Keller. So viele Tote für einen sinnlosen Krieg. Bei früheren Besuchen hier hatte er Männer wie Kinder schluchzen sehen.

Das Gefühl der Trauer ist herzzerreißend und überwältigend.

Heute sind vielleicht vierzig Menschen hier. Einige von ihnen sehen aus wie Veteranen, andere sind Angehörige, die meisten aber wahrscheinlich Touristen. Zwei ältere Männer in den Uniformen und mit den Kappen der Veterans of Foreign Wars helfen den Besuchern, die Namen ihrer Lieben zu finden.

Jetzt befindet Keller sich erneut im Krieg – gegen die Drug Enforcement Agency DEA, den Senat der Vereinigten Staaten, die mexikanischen Drogenkartelle, ja sogar den Präsidenten der Vereinigten Staaten.

Und sie sind alle dasselbe, dieselbe Einheit.

Jede Grenze, an deren Existenz Keller einst glaubte, wurde überschritten.

Einige wollen ihn zum Schweigen bringen, ins Gefängnis stecken, vernichten; manche vermutlich sogar töten.

Er weiß, dass er polarisiert, zum Inbegriff des Grabens wurde, der sich zu vergrößern und das Land zu spalten droht. Er hat einen Skandal ausgelöst, Ermittlungen von den Schlafmohnfeldern Mexikos bis zur Wall Street und ins Weiße Haus angeschoben.

Es ist ein warmer Frühlingstag, angenehm windig, Kirschblüten schweben durch die Luft. Marisol spürt, was er empfindet, nimmt seine Hand.

Jetzt sieht Keller den Jungen und dann – rechts von ihm, vom Washington Monument her – etwas aufblitzen. Keller stürzt sich auf Mutter und Kind, stößt sie zu Boden.

Dann dreht er sich um, will Mari abschirmen.

Die Kugel lässt Keller wie einen Kreisel herumwirbeln.

Sie streift ihn am Kopf.

Blut fließt ihm in die Augen, und er sieht im wahrsten Sinne des Wortes rot, streckt die Hand aus und zieht Marisol zu sich herunter.

Ihr Gehstock fällt klappernd auf den Weg.

Keller schützt sie mit seinem Körper.

Weitere Kugeln schlagen über ihnen in die Wand.

Er hört Rufe und Schreie. Jemand brüllt: »Es wird geschossen!«

Keller blickt auf, schaut sich um und sieht, dass die Schüsse aus Südosten kommen, circa zehn Uhr – hinter einem kleinen Gebäude, in dem, wie er sich erinnert, Toiletten untergebracht sind. Er tastet nach der Sig Sauer an seiner Hüfte, aber dann fällt ihm wieder ein, dass er unbewaffnet ist.

Der Schütze steigt auf Automatik um.

Kugeln prasseln an den Stein über Keller, Namen platzen ab. Menschen liegen flach auf dem Boden oder kauern an der Wand. Einige wenige krabbeln über die niedrigen äußeren Enden der Mauer und rennen zur Constitution Avenue.

Andere bleiben einfach verdattert stehen.

Keller schreit: »Runter! Es wird geschossen! Runter!«

Aber er merkt, dass das nichts bringt und das Denkmal zur tödlichen Falle geworden ist. Die Wand bildet ein breites V, und entlang des schmalen Wegs gibt es nur zwei Ausgänge. Ein Pärchen mittleren Alters rennt zum Ausgang auf der Ostseite, dem Schützen entgegen und wird sofort getroffen, sie kippen um wie Figuren in einem abscheulichen Videospiel.

»Mari«, sagt Keller, »wir müssen hier weg.«

»Okay.«

»Mach dich bereit.«

Er passt eine Feuerpause ab – der Schütze lädt nach –, dann steht er auf, packt Mari und wirft sie sich über die Schulter. Er trägt sie zum Ausgang auf der Westseite, wo sich die Wand bis auf Hüfthöhe absenkt, schiebt sie hinauf und darüber, setzt sie hinter einen Baum.

»Bleib unten!«, schreit er. »Bleib da!«

»Wo gehst du hin?!«

Es wird wieder geschossen.

Keller springt zurück über die Wand, beginnt, die Menschen Richtung Südwest-Ausgang zu treiben. Er packt eine Frau mit einer Hand am Genick, drückt ihren Kopf hinunter und schiebt sie voran, schreit, »Hier lang! Hier lang!«. Aber dann hört er das schrille Pfeifen einer Kugel und den dumpfen Einschlag, als diese sie trifft. Die Frau taumelt und sackt auf die Knie, umklammert ihren Arm, während ihr das Blut schon zwischen den Fingern hindurchrinnt.

Keller versucht, sie hochzuziehen.

Eine Kugel zischt vorbei an seinem Gesicht.

Ein junger Mann kommt angelaufen, streckt die Arme aus nach der Frau. »Ich bin Sanitäter!« Keller übergibt sie, dreht sich um und treibt weiter Menschen vor sich her, weg von den Schüssen. Wieder sieht er den Jungen, der sich an die Hand seiner Mutter klammert, die Augen vor Angst weit aufgerissen, während die Mutter ihn weiter vor sich herschiebt, ihn mit ihrem Körper abzuschirmen versucht.

Keller legt ihr einen Arm um die Schulter und drückt sie im Weitergehen tiefer hinunter.

Er sagt: »Ich hab Sie. Ich hab Sie. Laufen Sie weiter.« Ganz hinten an der Wand bringt er sie in Sicherheit und geht dann wieder zurück.

Erneut entsteht eine Pause; der Schütze wechselt offenbar den Ladestreifen.

Oh Gott, denkt Keller, wie viele hat er bloß?

Mindestens noch einen, denn jetzt wird erneut geschossen.

Menschen stolpern und fallen.

Sirenen heulen und jaulen, Hubschrauberrotoren pulsieren in einem tiefen vibrierenden Bass.

Keller packt einen Mann, will ihn weiterziehen, aber eine Kugel trifft ihn in den Rücken, und er fällt Keller vor die Füße.

Die meisten haben es jetzt über die Westseite geschafft, andere liegen auf dem Weg, wieder andere im Gras, weil sie hatten fliehen wollen und in die falsche Richtung gerannt waren.

Eine fallen gelassene Wasserflasche läuft gluckernd auf dem Gehweg aus.

Ein Handy mit gesprungenem Display klingelt auf dem Boden neben einem Souvenir – einer kleinen billigen Lincoln-Büste – das Gesicht mit Blut bespritzt.

 

Keller schaut nach Osten und sieht einen Officer der Parkpolizei mit gezogener Pistole, der heldenhaft auf das Toilettenhäuschen zustürmt und, von mehreren Kugeln in die Brust getroffen, zu Boden geht.

Keller lässt sich fallen und kriecht auf dem Bauch zu ihm, tastet am Hals nach seinem Puls. Der Mann ist tot. Keller macht sich so flach wie möglich, während weitere Kugeln in den leblosen Körper schlagen. Er schaut auf und glaubt, den Schützen zu entdecken, der hinter dem Toilettenhäuschen kauert und einen weiteren Ladestreifen einlegt.

Art Keller hat den größten Teil seines Lebens in einem Krieg auf der anderen Seite der Grenze gekämpft, und jetzt ist er zu Hause.

Der Krieg ist mit ihm gekommen.

Keller nimmt die Waffe des Polizisten – eine 9mm Glock – und bewegt sich zwischen den Bäumen auf den Schützen zu.

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Buch eins:

Mahnmale

»Nur die Toten haben das Ende des Krieges gesehen.«

Platon

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1. Monster und Geister

»Monster und Geister sind real.Sie leben in uns, und manchmal gewinnen sie.«

Stephen King

1. November 2012

Art Keller kommt aus dem guatemaltekischen Dschungel wie ein Geflohener.

Er hinterlässt ein Schlachtfeld. In dem kleinen Dorf Dos Erres liegen Leichenberge, einige der Toten sind in den schwelenden Resten eines Feuers verbrannt, andere auf der Lichtung liegen geblieben, wo sie niedergemäht wurden.

Die meisten sind Narcos, Killer im Auftrag eines der Kartelle, die vermeintlich herkamen, um Frieden zu schließen, in Wirklichkeit aber nur, um einander in einen Hinterhalt zu locken und gegenseitig zu vernichten. Sie handelten Frieden aus, ein Abkommen, doch bei der ausschweifenden Versöhnungsfeier zogen die Zetas Schusswaffen, Messer und Macheten und schlachteten die Sinaloaner ab.

Keller geriet buchstäblich durch Zufall dort hinein – der Helikopter, in dem er saß, wurde von einer Rakete getroffen und stürzte schlingernd mitten ins Feuergefecht. Dennoch ist er kaum unschuldig, denn Adán Barrera, der Boss der Sinaloaner, und er hatten geplant, mithilfe eines Söldnertrupps dort einzufallen und die Zetas zu eliminieren.

Barrera wollte seine Feinde in die Falle locken.

Das Problem war nur, dass diese ihm zuvorkamen und ihn zuerst in die Falle lockten.

Aber die beiden Personen, gegen die Kellers Mission sich hauptsächlich richtete, die Anführer der Zetas, sind tot – der eine enthauptet, der andere als lebende Fackel verbrannt. Danach zog Keller, wie sie es im Zuge ihrer unheilvollen Waffenruhe vereinbart hatten, in den Dschungel, um Barrera zu suchen und rauszuholen.

Keller kam es vor, als hätte er sein gesamtes Erwachsenenleben lang Adán Barrera verfolgt.

Nach zwanzig Jahren hatte er Barrera endlich in den Vereinigten Staaten hinter Gitter gebracht, nur um mit ansehen zu müssen, wie dieser in ein mexikanisches Hochsicherheitsgefängnis verlegt wurde, aus dem ihm prompt die »Flucht« gelang, und er anschließend als Pate des Sinaloa-Kartells zu mehr Macht gelangte als je zuvor.

Keller kehrte also nach Mexiko zurück, um Barrera erneut zu suchen, und verbündete sich acht Jahre später mit ihm, um gemeinsam mit ihm die Zetas zu eliminieren.

Das größere von zwei Übeln.

Und es war gelungen.

Aber Barrera war verschwunden.

Und jetzt geht Keller weiter.

Für eine Handvoll Pesos, die er den Grenzbeamten zusteckt, kommt er nach Mexiko und läuft die zehn Meilen bis ins Dorf Campeche, von wo aus sie den Überfall geplant hatten.

Oder besser gesagt, er wankt.

Sein Adrenalinspiegel ist nach der Schießerei inzwischen wieder gesunken, jetzt spürt er die Sonne und die Hitze des nahen Regenwaldes. Seine Beine schmerzen, seine Augen brennen, es riecht nach Rauch, Feuer und Tod.

Den Gestank von verbranntem Fleisch vergisst man nie wieder.

Orduña wartet an der kleinen, in den Wald geschlagenen Landepiste auf ihn. Der Kommandant des FES, einer Sondereinheit der mexikanischen Kriegsmarine, sitzt in einem Black-Hawk-Helikopter. Keller und Admiral Orduña hatten während des Krieges gegen die Zetas ein Zweckbündnis gebildet. Keller hatte Orduña mit amerikanischen Geheimdienstinformationen von allerhöchster Ebene versorgt und dessen Marines-Spezialeinheiten bei Einsätzen in Mexiko begleitet.

Dieser Einsatz aber war anders gewesen – in Guatemala bot sich ihnen die Chance, die gesamte Führung der Zetas auf einen einzigen Schlag auszuschalten, aber dort konnte die mexikanische Kriegsmarine nicht hin. Orduña hatte Kellers Team aber einen Stützpunkt und logistische Unterstützung zugesagt, das Team nach Campeche geflogen, und jetzt wartet er, um zu sehen, ob sein Freund Art Keller überlebt hat.

Orduña grinst breit, als er Keller zwischen den Bäumen hervorkommen sieht, dann greift er in die Kühlbox und reicht ihm ein kaltes Modelo.

»Die anderen aus dem Team?«, fragt Keller.

»Haben wir bereits ausgeflogen«, sagt Orduña. »Inzwischen müssten sie in El Paso sein.«

»Tote und Verletzte?«

»Einer ist gefallen«, sagt Orduña. »Vier Verletzte. Bei Ihnen war ich mir nicht sicher. Wären Sie bis Anbruch der Dunkelheit nicht hier gewesen, a la mierda todo, wären wir los und hätten Sie geholt.«

»Ich hab Barrera gesucht«, sagt Keller und kippt das Bier runter.

»Und?«

»Hab ihn nicht gefunden«, erwidert Keller.

»Was ist mit Ochoa?«

Orduña hasst den Anführer der Zetas mindestens so sehr, wie Keller Adán Barrera hasst. Im Krieg gegen die Drogen geht es oft sehr persönlich zu. Für Orduña spätestens seit einer seiner Leute bei einer Razzia gegen die Zetas getötet wurde und diese anschließend bei seiner Beerdigung dessen Mutter und Schwestern ermordeten. Am Tag danach hatte er die »Matazetas« – die »Zeta-Killer« – gegründet. Und genau das taten sie jetzt, sie töteten Zetas, wo sie nur konnten. Wenn sie Gefangene machten, dann nur, um an Informationen zu gelangen, anschließend wurden auch sie hingerichtet.

Keller hasste die Zetas aus anderen Gründen.

Anderen, aber völlig ausreichenden.

»Ochoa ist tot«, sagte Keller.

»Ist das belegt?«

»Ich hab’s gesehen«, sagt Keller. Er hatte gesehen, wie Eddie Ruiz den verletzten Boss der Zetas mit Benzin übergossen und ein Streichholz angerissen hatte. Sterbend hatte Ochoa geschrien: »Forty auch.«

Forty war Ochoas Nummer zwei. Ein Sadist wie sein Chef.

»Haben Sie seine Leiche gesehen?«, fragt Orduña.

»Seinen Kopf hab ich gesehen«, sagt Keller. »Ein Körper war nicht mehr dran. Genügt das?«

»Muss es wohl«, sagt Orduña lächelnd.

Tatsächlich hat Keller Fortys Kopf gar nicht gesehen. Was er gesehen hat, war Fortys Gesicht, das ihm jemand abgezogen und an einen Fußball genäht hatte.

»Ist Ruiz aufgetaucht?«, fragt Keller.

»Noch nicht«, erwidert Orduña.

»Als ich ihn das letzte Mal gesehen habe, hat er gelebt«, sagt Keller.

Und Ochoa zur lodernden Fackel gemacht. Danach hatte er in einem alten Innenhof der Majas gestanden und einem Jungen zugesehen, der einen sehr bizarren Fußball herumkickte.

»Vielleicht ist er einfach abgehauen«, sagt Orduña.

»Kann sein.«

»Wir sollten uns bei Ihren Leuten melden. Die haben ungefähr alle fünfzehn Minuten angerufen.« Orduña gibt eine Nummer in ein Prepaid-Handy ein und sagt: »Taylor? Raten Sie mal, wen ich hier habe.«

Keller nimmt das Handy und hört Tim Taylor, den Leiter des Southwest District der DEA: »Verdammt, wir haben gedacht, du bist tot.«

»Tut mir leid, dass ich dich enttäuschen muss.«

 

Sie warten auf ihn im Adobe Inn in Clint, Texas, an einer abgelegenen Schnellstraße ein paar Meilen östlich von El Paso.

Bei dem Zimmer handelt es sich um ein »Studio-Apartment«, wie es in Motels Standard ist, ein großes Wohnzimmer mit Küchenzeile, Mikrowelle, Kaffeemaschine, kleinem Kühlschrank – dazu ein Sofa mit Beistelltisch, ein paar Stühle und ein Fernseher. Ein schlechtes Gemälde von einem Sonnenuntergang hinter einem Kaktus. Links führt eine jetzt geöffnete Tür in ein Schlaf- und ein Badezimmer. Ein guter, unauffälliger Ort für die »Einsatz-Nachbesprechung«.

Im Fernseher läuft leise CNN.

Tim Taylor sitzt auf dem Sofa, schaut auf den Laptop-Bildschirm auf dem Wohnzimmertisch. Ein Satellitentelefon steht neben dem Computer.

John Downey, der militärische Kommandant der Razzia, wartet an der Mikrowelle, bis irgendwas fertig aufgewärmt ist. Keller sieht, dass er seinen Kampfanzug ausgezogen, geduscht und sich rasiert hat, jetzt trägt er ein pflaumenfarbenes Polohemd zu Jeans und Tennisschuhen.

Ein weiterer Mann, einer von der CIA, den Keller als Rollins kennt, sitzt auf einem der Stühle und schaut fern.

Downey blickt auf, als Keller hereinkommt. »Wo zum Teufel hast du gesteckt, Art? Wir haben dich über Satellit gesucht, Helikopter rausgeschickt …«

Keller sollte Barrera herausholen. Das war der Deal. Keller fragt: »Wie geht’s euren Leuten?«

»Vruumm.« Downey gestikuliert wie ein aufgescheuchter Schwarm Wachteln. Keller weiß, dass sich die Sondereinsatzkräfte innerhalb von zwölf Stunden über das gesamte Land, wenn nicht gar die ganze Welt verteilen und frei erfundene Geschichten verbreiten werden, wo sie angeblich waren. »Ruiz ist der Einzige, dessen Schicksal noch ungeklärt ist. Ich hatte gehofft, dass er mit dir raus ist.«

»Ich hab ihn nach dem Feuergefecht noch gesehen«, sagt Keller. »Er ist raus.«

»Heißt das, Ruiz ist verschwunden?«, fragt Rollins.

»Um den müssen Sie sich keine Sorgen machen«, sagt Keller.

»Sie sind für ihn verantwortlich«, entgegnet Rollins.

»Scheiß auf Ruiz«, sagt Taylor. »Was ist mit Barrera?«

»Sag du’s mir.«

»Wir haben nichts von ihm gehört.«

»Dann vermute ich, dass er’s nicht geschafft hat«, sagt Keller.

»Du wolltest nicht in den Hubschrauber steigen.«

»Er musste los«, sagt Keller, »und ich musste Barrera suchen.«

»Aber Sie haben ihn nicht gefunden«, sagt Rollins.

»Kommando-Einsätze sind kein Zimmerservice«, erwidert Keller. »Man bekommt nicht immer das, was man bestellt. Da kann alles Mögliche passieren.«

Und zwar ziemlich schnell.

Sie waren mit dem Hubschrauber in ein bereits begonnenes Feuergefecht geflogen, die Zetas hatten die Sinaloaner abgeschlachtet. Dann wurde der Hubschrauber, in dem Keller saß, von einer Boden-Luft-Rakete getroffen, ein Mann starb, und ein weiterer wurde verletzt. Anstatt sich abzuseilen, war ihnen nichts anderes übrig geblieben als eine »harte Landung« mitten im Kampfgebiet. Später musste das gesamte Team mit dem einzigen verbliebenen Hubschrauber ausgeflogen werden.

Wir hatten Glück, dass wir da überhaupt rausgekommen sind, denkt Keller, an das eigentliche Ziel, die Zeta-Spitze auszuschalten, war nicht mehr zu denken. Und wenn es uns nicht gelungen ist, Barrera rauszuholen, na ja …

»Wichtigstes Einsatzziel, so wie ich es verstanden habe«, sagt Keller, »war doch die Eliminierung der führenden Zetas. Sollte Barrera dabei zum Kollateralschaden geworden sein …«

»Umso besser?«, fragt Rollins.

Alle wissen, dass Keller Barrera hasst.

Dass der Drogenbaron Kellers Partner gefoltert und ermordet hat.

Und dass er ihm dies nie vergessen, geschweige denn verzeihen wird.

»Ich werde keine Krokodilstränen um Adán Barrera weinen«, sagt Keller. Er kennt die Situation in Mexiko besser als alle anderen Anwesenden. Ob es einem gefällt oder nicht, das Sinaloa-Kartell ist Garant der Stabilität in Mexiko. Zerfällt das Kartell ohne Barrera, könnte auch der unsichere Frieden darunter leiden. Auch das wusste Barrera – aufgrund dieser Konstellation hatte er sowohl mit der mexikanischen wie auch der amerikanischen Regierung hart verhandelt, sodass diese ihn in Ruhe ließen und stattdessen gegen seine Feinde vorgingen.

Die Mikrowelle klingelt, und Downey zieht ein Fertiggericht heraus. »Stouffers Lasagne. Der Klassiker.«

»Wir wissen nicht, ob Barrera tot ist«, sagt Keller. »Wurde denn seine Leiche gefunden?«

»Nein«, sagt Taylor.

»Die von der D-2 sind jetzt vor Ort«, sagt Rollins und meint die paramilitärische Geheimdienstagentur Guatemalas. »Sie haben Barrera nicht gefunden. Übrigens auch keine der eigentlichen Zielpersonen.«

»Ich kann persönlich bestätigen, dass beide Zielpersonen ausgeschaltet wurden«, sagt Keller. »Ochoa ist Grillkohle und Forty … na ja, das wollen Sie gar nicht wissen. Ich versichere Ihnen, beide sind Vergangenheit.«

»Hoffen wir lieber, dass das nicht auch für Barrera gilt«, sagt Rollins. »Verliert das Sinaloa-Kartell an Stabilität, wirkt sich das auf ganz Mexiko aus.«

»Das Gesetz der unbeabsichtigten Folgen«, sagt Keller.

Rollins sagt: »Wir hatten eigens eine Vereinbarung mit der mexikanischen Regierung getroffen, das Leben von Adán Barrera zu schützen. Wir haben ihm Sicherheit garantiert. Das ist hier nicht Vietnam, Keller. Wir sind nicht in Phoenix. Sollten wir herausbekommen, dass Sie gegen die Vereinbarung verstoßen haben, werden wir …«

Keller steht auf. »Sie werden einen Scheiß, weil das eine ungenehmigte, illegale Operation war, die offiziell ›nie stattgefunden‹ hat. Was wollen Sie machen? Mir ein Verfahren anhängen? Mich in den Zeugenstand stellen? Mich unter Eid aussagen lassen, dass wir einen Deal mit dem weltweit größten Drogenhändler eingegangen sind? Dass ich beteiligt war an einem von den Vereinigten Staaten finanzierten Einsatz mit dem Ziel, dessen Konkurrenten auszuschalten? Ich will Ihnen einen Rat geben, und diejenigen von uns, die wir die echte Arbeit machen, beherzigen ihn übrigens längst – ziehen Sie nie Ihre Waffe, wenn Sie nicht auch bereit sind abzudrücken. Sind Sie bereit abzudrücken?«

Keine Antwort.

»Das dachte ich mir«, sagt Keller. »Nur fürs Protokoll, ich wollte Barrera töten, ich wünschte, ich hätte ihn getötet, aber ich habe es nicht getan.«

Er steht auf und geht raus.

Taylor folgt ihm. »Wo gehst du hin?«

»Das geht dich nichts an, Tim.«

»Nach Mexiko?«, fragt Taylor.

»Ich arbeite nicht mehr für die DEA«, sagt Keller. »Ich arbeite nicht für dich. Du kannst mir nicht vorschreiben, wohin ich zu gehen habe.«

»Die werden dich töten, Art«, sagt Taylor. »Wenn nicht die Zetas, dann die Sinaloaner.«

Wahrscheinlich, denkt Keller.

Aber wenn ich nicht gehe, töten sie mich auch.

Er fährt nach El Paso, in sein Apartment in der Nähe von EPIC, dem El Paso Intelligence Centre. Steigt aus den schmutzigen und verschwitzten Klamotten, duscht lange und heiß. Dann geht er ins Schlafzimmer und legt sich hin, plötzlich ist ihm bewusst, dass er fast zwei Tage lang nicht geschlafen hat und völlig erschöpft ist, erledigt.

Aber er ist zu müde zum Schlafen.

Er steht auf, zieht ein weißes Hemd mit Button-down-Kragen an, dazu eine Jeans, und holt die kleine Sig 380 aus dem Waffensafe in seinem Schlafzimmerschrank. Befestigt das Holster an seinem Gürtel, zieht eine marineblaue Windjacke drüber und geht.

Nach Sinaloa.

 

Keller kam zum ersten Mal in den Siebzigerjahren als junger DEA-Agent nach Culiacán, als die Stadt das Epizentrum des mexikanischen Drogenhandels war.

Und jetzt ist sie es wieder, denkt er auf dem Weg durch den Terminal zum Taxistand. Der Kreis hat sich geschlossen.

Adán Barrera war damals nicht mehr als ein junger Rabauke, der es als Manager im Box-Geschäft zu was bringen wollte.

Sein Onkel aber, ein Cop aus Sinaloa, war dort der zweitgrößte Opiumbauer und gab sich alle Mühe, der größte zu werden. Damals brannten wir die Mohnfelder ab, besprühten sie mit Gift, vertrieben die Bauern aus ihren Häusern, und irgendwie geriet Adán in einen dieser Einsätze. Die Federales wollten ihn in der Luft aus dem Flugzeug werfen, aber ich griff ein und rettete ihm das Leben.

Der erste von sehr vielen Fehlern, denkt Keller.

Die Welt wäre eine sehr viel bessere, hätte ich zugesehen, wie sie mit dem jungen Adán Rocky the Flying Squirrel spielen, statt dafür zu sorgen, dass er weiterlebt und zum größten Drogenhändler der Welt aufsteigt.

Damals waren wir sogar Freunde gewesen.

Freunde und Verbündete.

Kaum zu glauben.

Und noch schwerer zu akzeptieren.

Er steigt in ein Taxi und bittet den Fahrer, ihn ins Centro zu bringen, in die Innenstadt.

»Wohin genau?«, fragt der Fahrer, mustert Keller im Rückspiegel.

»Egal«, sagt Keller. »Hauptsache Sie haben Zeit, Ihre Chefs anzurufen und ihnen zu stecken, dass sich ein fremder yanqui in der Stadt aufhält.«

Die Taxifahrer in den mexikanischen Großstädten mit starker Narco-Präsenz sind halcones, »Falken«, Spitzel im Auftrag der Kartelle. Zu ihren Aufgaben gehört die Überwachung der Flughäfen, Bahnhöfe und Straßen, sie informieren die Mächtigen darüber, wer in die Stadt kommt und wer sie verlässt.

»Ich kann Ihnen viel Mühe ersparen«, sagt Keller. »Sagen Sie demjenigen, den Sie anrufen, wer auch immer es ist, dass Art Keller bei Ihnen im Wagen sitzt. Die sagen Ihnen dann schon, wohin Sie mich bringen sollen.«

Der Fahrer hängt sich ans Telefon.

Er braucht mehrere Anrufe, und mit jedem klingt seine Stimme angespannter. Keller kennt das Prozedere – der Fahrer ruft den Leiter seiner Zelle an, der wiederum seinen Vorgesetzten, und so geht das Stufe um Stufe immer weiter, bis der Name »Art Keller« schließlich ganz oben angekommen ist.

Keller schaut aus dem Fenster, während das Taxi über die Route 280 in die Stadt fährt, und sieht die Mahnmale an der Straße für die gefallenen Narcos – größtenteils junge Männer –, umgekommen im Drogenkrieg. Teilweise sind es einfach nur Blumensträuße und Bierflaschen neben billigen Holzkreuzen, oder farbige, zwischen zwei Stangen aufgespannte Transparente mit Fotos des Verstorbenen, während für andere aufwendige Marmorsteine aufgestellt wurden.

Die meisten sind ein Jahr alt oder älter – seit Barrera den Krieg mit dem Sinaloa-Kartell (und deiner Hilfe, denkt Keller) gewonnen und den sogenannten »Pax Sinaloa« herbeigeführt hat, der Mexiko einen relativen Frieden brachte, gab es weniger Morde.

Bald werden wieder neue Mahnmale errichtet, denkt er, wenn die Nachricht über das »Massaker von Dos Erres« die Stadt erreicht. Hundert sinaloanische Sicarios sind mit Barrera nach Guatemala gefahren; und nur wenige werden zurückkommen.

Und auch in den Hochburgen der Zetas, Chihuahua und Tamaulipas im Nordosten des Landes, wird es Mahnmale geben, wenn die eigenen Soldaten nicht zurückkehren.

Die Zetas haben keine Zugkraft mehr, das weiß Keller. Einst drohten sie ernsthaft, die Regierung des Landes zu übernehmen, aber jetzt ist das paramilitärische Kartell aus ehemaligen Sondereinsatzkräften führerlos und lahmgelegt, Orduña hat die besten Leute eliminiert, sie liegen tot in Guatemala.

Jetzt gibt es niemanden, der Sinaloa gefährlich werden kann.

»Ich soll Sie nach Rotarismo bringen«, sagt der Fahrer und klingt nervös dabei.

Rotarismo ist ein Viertel am nördlichen Stadtrand, kurz vor den unbewohnten Bergen und Feldern.

Kein Problem, dort eine Leiche zu verscharren.

»In eine Autolackiererei«, sagt der Fahrer.

Umso besser, denkt Keller.

Dann ist das Werkzeug schon da.

Mit dem sich ein Wagen oder ein Mensch in seine Einzelteile zerlegen lässt.

 

Eine geheime Zusammenkunft hochrangiger Narcos erkennt man immer an der Anzahl der vor dem Haus parkenden SUVs, und das hier scheint ein größeres Treffen zu sein, denkt Keller, als sie vorfahren, denn hier reihen sich ein Dutzend Suburbans und Expeditions vor der Werkstatt auf, Waffen lugen daraus hervor wie die Stacheln eines Stachelschweins.

Die Läufe sind auf das Taxi gerichtet, und Keller fürchtet, der Fahrer könnte sich in die Hose pissen.

»Tranquilo«, sagt Keller.

Einige uniformierte Sicarios patrouillieren zu Fuß vor dem Gebäude. Das ist jetzt in allen Zweigen sämtlicher Kartelle so, weiß Keller – jede Abteilung hat eine eigene bewaffnete Sicherheitseinheit mit eigener Uniform.

Diese hier tragen Kappen von Armani und Westen von Hermès.

Was Keller ein bisschen exzentrisch findet.

Ein Mann kommt aus der Garage auf das Taxi zugeeilt. Er gibt dem Fahrer eine Handvoll Scheine und erklärt ihm, dass er nie hier war. Dann öffnet er die Hintertür auf der Beifahrerseite und blafft Keller an, er möge verdammt noch mal aussteigen.

Keller kennt den Mann. Terry Blanco ist ein ranghoher Polizist aus Sinaloa. Er stand von seinem ersten Tag im Polizeidienst an auf der Gehaltsliste des Kartells, und inzwischen durchziehen silbrige Strähnen sein schwarzes Haar.

Blanco sagt: »Sie haben keine Ahnung, was hier in der Gegend los ist.«

»Deshalb bin ich gekommen«, sagt Keller. »Wer ist da drin?«

»Nuñez«, sagt Blanco.

»Na, dann los.«

»Keller, wenn Sie da reingehen«, sagt Blanco, »kommen Sie vielleicht nicht wieder raus.«

»Ist nichts Neues, Terry, passiert mir ständig«, sagt Keller.

Blanco geht mit ihm durch die Werkstatt, vorbei an den Arbeitsstationen und Hebebühnen, bis in einen großen Raum mit Zementboden, der eher an einen Lagerraum erinnert.

Dieselbe Szene wie im Motel, denkt Keller.

Nur andere Spieler.

Aber derselbe Ablauf – einige telefonieren, andere sitzen an Laptops, versuchen, Informationen zu bekommen, etwas über den Aufenthaltsort von Adán Barrera zu erfahren. Es ist dunkel hier – keine Fenster, aber dicke Mauern –, genau das, was man braucht in diesem Klima, entweder ist es glühend heiß in der Sonne oder eisig kalt im Nordwind. Man will verhindern, dass das Wetter oder neugierige Blicke eindringen. Und sollte jemand hier sterben, schreien, weinen oder flehen, werden die Mauern dafür sorgen, dass alles im Gebäude bleibt.

Keller folgt Blanco zu einer Tür hinten.

Sie öffnet sich in einen kleinen Raum.

Blanco macht Keller Zeichen, einzutreten, und schließt die Tür hinter sich.

Ein Mann, den Keller kennt, sitzt am Schreibtisch und telefoniert. Mit seinem grau melierten Haar, dem gepflegten Ziegenbärtchen, dem Hahnentrittjackett und der Strickkrawatte wirkt er distinguiert und als würde er sich in der öligen Atmosphäre eines Werkstatthinterzimmers ausgesprochen unwohl fühlen.

Ricardo Nuñez.

»El Abogado« – der Anwalt.

Als ehemaliger Staatsanwalt war er zunächst Wärter im Gefängnis Puente Grande und hatte 2004, nur wenige Wochen vor Barreras »Flucht«, seine Stelle gekündigt. Keller hatte ihn vernommen, wobei er seine Unschuld beteuert hatte. Dennoch wurde ihm die Lizenz entzogen, und er arbeitete fortan als Barreras rechte Hand, verdiente angeblich Hunderte von Millionen mit dem Kokainhandel.

Er beendete sein Telefonat und schaute zu Blanco auf. »Lässt du uns einen Augenblick allein, Terry?«

Blanco geht raus.

»Was machen Sie hier?«, fragt Nuñez.

»Ihnen die Mühe ersparen, mich ausfindig zu machen«, sagt Keller. »Sie wissen anscheinend, was in Guatemala los war.«

»Adán hat mich ins Vertrauen gezogen und mir von der Vereinbarung erzählt«, sagt Nuñez. »Was ist da unten passiert?«

Keller wiederholt, was er den Leuten in Texas berichtet hat.

»Sie hätten El Señor rausholen müssen«, sagt Nuñez. »Das war so vereinbart.«

»Die Zetas sind mir zuvorgekommen«, sagt Keller. »Er war leichtsinnig.«

»Sie haben keine Informationen über Adáns Aufenthaltsort?«, fragt Nuñez.

»Nur was ich Ihnen gerade gesagt habe.«

»Die Familie ist krank vor Sorge«, sagt Nuñez. »Es ist absolut nichts durchgesickert, und es wurde keine Leiche gefunden.«

Keller hört Tumulte draußen – Blanco sagt jemandem, dass er nicht reinkommen darf –, dann fliegt die Tür auf, knallt gegen die Wand.

Drei Männer platzen rein.

Der erste ist jung – Ende zwanzig oder Anfang dreißig –, schwarze Lederjacke von Yves St. Laurent, die mindestens dreitausend Dollar gekostet haben muss, Rokker Jeans, Air Jordans. Das lockige schwarze Haar für circa fünfhundert Dollar frisiert, modische Stoppeln zieren sein Kinn.

Er ist aufgebracht.

Wütend, angespannt.

»Wo ist mein Vater?«, will er von Nuñez wissen. »Was ist mit meinem Vater passiert?«

»Das wissen wir noch nicht«, sagt Nuñez.

»Was zum Teufel soll das heißen, du weißt es nicht?!«

»Reg dich nicht auf, Iván«, sagt einer der anderen. Ein weiterer junger Mann, ebenfalls teuer gekleidet, aber schlampiger, unrasiert, die zotteligen schwarzen Haare unter einer Basecap versteckt. Er wirkt angetrunken oder high, oder beides. Keller kennt ihn nicht, aber der Erste muss Iván Esparza sein.

Früher bestand das Sinaloa-Kartell aus drei Flügeln – dem von Barrera, dem von Diego Tapia und dem von Ignacio Esparza. Barrera war der Boss – der erste unter drei gleichberechtigten Partnern, aber »Nacho« Esparza genoss ebenfalls großen Respekt und wurde nicht umsonst Barreras Schwiegervater. Um das Bündnis zu festigen, hatte er seine Tochter Eva mit dem Drogenbaron verheiratet.

Dieser Junge, denkt Keller, muss also Esparzas Sohn und Adáns Schwager sein. Laut Geheimdienstberichten kontrolliert Iván Esparza inzwischen Baja, eine für das Kartell äußerst wichtige Plaza, mit den ganz entscheidenden Grenzübergängen Tijuana und Tecate.

»Ist er tot?!«, brüllt Iván. »Ist mein Vater tot?!«

»Wir wissen nur, dass er mit Adán in Guatemala war«, sagt Nuñez.

»Scheiße!« Iván schlägt mit der Hand auf den Tisch. Er sieht sich nach jemandem um, an dem er seine Wut auslassen kann, und entdeckt Keller. »Wer zum Teufel sind Sie?«

Keller antwortet nicht.

»Ich hab Sie was gefragt«, sagt Iván.

»Ich hab’s gehört.«

»Pinche gringo, scheiße –«

Er will auf Keller losgehen, aber der Dritte stellt sich dazwischen.

Keller kennt ihn von Geheimdienstfotos. Tito Ascensión war Nacho Esparzas Sicherheitschef gewesen, ein Mann, den selbst die Zetas fürchteten; aus gutem Grund, denn er hatte Dutzende von ihnen brutal ermordet. Zur Belohnung hatte er seine eigene Organisation in Jalisco bekommen. Wegen seines massigen Körperbaus, seines großen schiefen Kopfes, seines Kampfhundcharakters und seines Hangs zur Gewalt hatte er den Spitznamen »El Mastín« – der Mastiff.

Er packt Iván am Oberarm und hält ihn fest.

Nuñez schaut den anderen jungen Mann an. »Wo bist du gewesen, Ric? Ich hab überall angerufen.«

Ric zuckt mit der Schulter.

Als wollte er sagen, was macht das für einen Unterschied, wo ich war?

Nuñez legt die Stirn in Falten.

Wie der Vater, so der Sohn, denkt Keller.

»Ich habe gefragt, wer der Kerl ist«, sagt Iván. Er macht sich von Ascención los, versucht aber nicht noch einmal, auf Keller loszugehen.

»Adán hat gewisse – Abmachungen getroffen«, sagt Nuñez. »Der Mann hier war mit ihm in Guatemala.«

»Haben Sie meinen Vater gesehen?«, fragt Iván.

Ich habe jemanden gesehen, der deinem alten Herrn ähnlich sah, denkt Keller. Was von der unteren Hälfte übrig war, lag in der Asche eines schwelenden Feuers. »Ich denke, Sie sollten sich an den Gedanken gewöhnen, dass Ihr Vater wahrscheinlich nicht wieder zurückkommt.«

Iván macht ein Gesicht wie ein Hund, der gerade erfährt, dass er sein geliebtes Herrchen verloren hat.

Verwirrung.

Trauer.

Wut.

»Woher wissen Sie das?«, fragt Iván Keller.

Ric schlingt die Arme um Iván. »Tut mir leid, mano.«

»Dafür wird jemand bezahlen«, sagt Iván.

»Ich hab Elena am Telefon«, sagt Nuñez. Er stellt auf »Lautsprecher«. »Elena, hast du sonst noch was gehört?«

Das muss Elena Sanchez sein, denkt Keller, Adáns Schwester, die Baja den Esparzas übergeben und sich aus den Familiengeschäften zurückgezogen hat.

»Nichts, Ricardo. Du?«

»Uns wurde bestätigt, dass Ignacio nicht mehr am Leben ist.«

»Weiß Eva das schon? War jemand bei ihr?«

»Noch nicht«, sagt Nuñez. »Wir wollten warten, bis wir etwas Definitives wissen.«

»Jemand sollte zu ihr fahren«, sagt Elena. »Sie hat ihren Vater verloren und vielleicht auch ihren Mann. Die armen Jungs …«

Eva hat Zwillinge von Adán, zwei Jungen.

»Ich fahre hin«, sagt Iván. »Ich bringe sie zu meiner Mutter.«

»Die wird auch trauern«, sagt Nuñez.

»Ich fliege runter.«

»Brauchst du jemanden, der dich vom Flughafen abholt und fährt?«, fragt Nuñez.

»Wir haben immer noch Leute dort, Ricardo.«

Die haben völlig vergessen, dass ich da bin, denkt Keller.

Komischerweise fällt es ausgerechnet demjenigen wieder ein, der so stoned wirkt – ist das Ric? »Äh, was machen wir mit dem?«

Wieder Unruhe draußen.

Rufe.

Fausthiebe und klatschende Ohrfeigen.

Stöhnlaute, Schreie.

Jetzt haben sie mit den Verhören begonnen, denkt Keller. Das Kartell treibt Leute zusammen, verdächtige Zetas, mögliche Verräter, guatemaltekische Verbündete – um an Informationen zu gelangen.

Egal, mit welchen Mitteln.

Keller hört, wie Ketten über den Betonboden gezogen werden.

Das Zischen eines Brennschneiders.

Nuñez blickt zu Keller auf und hebt die Augenbrauen.

»Ich bin hier, weil ich Ihnen sagen möchte, dass ich fertig bin«, sagt Keller. »Für mich ist es jetzt vorbei. Ich werde in Mexiko bleiben, aber ich bin raus. Sie werden nichts mehr von mir hören, und ich erwarte auch nicht, etwas von Ihnen zu hören.«

»Sie spazieren einfach davon, und mein Vater bleibt auf der Strecke?«, fragt Iván. Er zieht eine 9mm Glock aus der Jacke und richtet sie auf Kellers Gesicht. »Das glaube ich kaum.«

Der Fehler eines jungen Mannes.

Die Waffe zu dicht an die Person zu halten, die man töten möchte.

Im selben Augenblick, in dem Keller vor dem Lauf zurückweicht, schnellt seine Hand vor, packt den Lauf der Waffe, dreht ihn herum und entreißt sie Iván. Dann rammt er sie diesem dreimal ins Gesicht, hört den Wangenknochen brechen, sieht Iván wie einen abgelegten Morgenrock vor Kellers Füßen auf den Boden gleiten.

Ascención tritt näher, aber Keller legt Ric Nuñez seinen Unterarm um die Kehle und hält ihm seine Waffe an die Schläfe. »Nein.«

El Mastín erstarrt.

»Was zum Teufel hab ich verbrochen?«, fragt Ric.

»Ich erkläre euch, wie das jetzt läuft«, sagt Keller. »Ich gehe hier raus. Ich werde mein Leben leben, ihr lebt eures. Wenn ihr mich verfolgt, bringe ich euch alle um. ¿Entiendes?«

»Verstanden«, sagt Nuñez.

Mit Ric vor sich als Schutzschild, geht Keller rückwärts aus dem Raum.

Er sieht an die Wände gekettete Männer, Blutlachen, es stinkt nach Schweiß und Urin. Niemand rührt sich, alle beobachten ihn, wie er sich aus dem Raum zurückzieht und nach draußen verschwindet.

Für die drinnen Angeketteten kann er nichts tun.

Absolut nichts.

Zwanzig Gewehrläufe sind auf ihn gerichtet, aber niemand will das Risiko eingehen, den Sohn vom Chef zu treffen. Keller greift hinter diesen, öffnet die Beifahrertür des Taxis, dann stößt er Ric zu Boden.

Er drückt den Lauf seiner Waffe an die Rückenlehne des Fahrers. »Ándale.«

Auf der Rückfahrt entdeckt Keller das erste Mahnmal für Adán Barrera am Straßenrand.

Ein Transparent mit der aufgesprühten Aufschrift – Adán viva.

Adán lebt.

Juárez ist eine Geisterstadt.

Das denkt Art Keller bei der Durchfahrt.

Über zehntausend Juarense wurden getötet, als Adán Barrera die Stadt übernahm, die er dem alten Juárez-Kartell abspenstig gemacht hatte, um über einen weiteren Zugang zu den Vereinigten Staaten zu verfügen. Vier Brücken – die Stanton Street Bridge, die Ysleta International Bridge, die Paso del Norte Bridge und die Bridge of the Americas, die sogenannte »Brücke der Träume«.

Zehntausend Menschenleben, damit Barrera diese Brücken bekommt.

Während der fünf Jahre, in denen das Sinaloa- und das Juárez-Kartell Krieg gegeneinander führten, waren über dreihunderttausend Juarense aus der Stadt geflohen, und die Einwohnerzahl sank auf anderthalb Millionen.

Ein Drittel der Bevölkerung leidet unter posttraumatischen Belastungsstörungen.

Keller wundert, dass es nicht viel mehr sind. Zum Höhepunkt der Auseinandersetzungen gewöhnten sich die Bürger von Juárez daran, über die Leichen auf den Gehwegen einfach drüberzusteigen. Die Kartelle instruierten die Fahrer der Rettungswagen, welche Verletzten sie mitnehmen und welche sie sterben lassen mussten. Krankenhäuser wurden angegriffen, ebenso wie Obdachlosenunterkünfte und Einrichtungen der Drogenhilfe.

Das Stadtzentrum war praktisch ausgestorben. Die Hälfte der Restaurants und ein Drittel der Bars in dieser einst für ihr Nachtleben so berühmten, pulsierenden Stadt mussten schließen. Geschäfte gingen pleite. Der Bürgermeister, der Stadtrat und die meisten Polizisten zogen auf die andere Seite der Brücken nach El Paso.

Aber in den letzten Jahren war die Stadt allmählich zurückgekehrt. Erneut ließen sich Unternehmen nieder, Geflohene kehrten nach Hause zurück, und die Mordrate sank – 2012 gab es weniger als achthundert Morde, 2013 lag die Zahl bei unter fünfhundert.

Keller weiß, dass die Gewalt aus einem einzigen Grund zurückgegangen war.

Sinaloa hatte den Krieg gewonnen.

Und den sogenannten »Pax Sinaloa« durchgesetzt.

Also dann, fick dich, Adán, denkt Keller, als er um die Plaza del Periodista mit der Statue des Zeitungsjungen fährt.

Zur Hölle mit deinen Brücken.

Und zur Hölle mit deinem Frieden.

Keller kann niemals die Plaza umrunden, ohne die Überreste seines Freundes Pablo dort verteilt zu sehen.

Pablo Mora war Journalist gewesen und hatte es mit den Zetas aufgenommen, indem er in einem Blog auf die Verbrechen der Narcos hinwies. Sie entführten und folterten ihn zu Tode, zerstückelten seine Leiche und verteilten die einzelnen Körperteile um die Statue des Zeitungsjungen herum.

So viele Journalisten wurden ermordet, denkt Keller, als die Kartelle begriffen, dass sie nicht nur das Geschehen, sondern auch die Berichterstattung darüber kontrollieren mussten.

Größtenteils nahmen die Medien sich einfach keiner Narco-Themen mehr an.

Weshalb Pablo seinen Blog ins Leben rief, eigentlich fast Selbstmord.

Dann war da noch Jimena Abarca, sie war Bäckerin aus einer Kleinstadt im Juárez Valley, hatte sich den Narcos, den Federales, der Armee und der gesamten Regierung entgegengestellt. Sie ging in den Hungerstreik, um die Freilassung unschuldiger Gefangener zu erzwingen. Einer von Barreras Killern schoss ihr auf dem Parkplatz ihres Lieblingsrestaurants in Juárez neun Mal in die Brust.

Oder Giorgio, der Fotojournalist, der enthauptet wurde, weil er sich des Vergehens schuldig gemacht hatte, tote Narcos zu fotografieren.

Erika Valles wurde abgeschlachtet und aufgeschlitzt wie ein Huhn. Die Neunzehnjährige war so tapfer gewesen, als einzige Polizistin in einer Kleinstadt zu arbeiten, in der ihre letzten vier Vorgänger von Narcos getötet worden waren.

Und natürlich Marisol.

Dr. Marisol Cisneros ist Bürgermeisterin von Valverde, der Stadt im Juárez Valley, aus der auch Jimena Abarca stammte.

Sie übernahm das Amt, nachdem drei Bürgermeister vor ihr ermordet worden waren. Als die Zetas drohten, sie zu töten, blieb sie im Amt und räumte ihren Posten auch nicht, als sie sie in ihrem Wagen niederschossen, ihr Kugeln in den Magen, die Brust und die Beine jagten, ihr die Oberschenkelknochen und zwei Rippen brachen, außerdem einen Rückenwirbel verletzten.

Nach Wochen im Krankenhaus und monatelanger Genesung kam Marisol zurück und hielt eine Pressekonferenz. Sie war wunderschön, makellos frisiert und geschminkt und zeigte den Medien ihre Narben – sogar ihren Kolostomiebeutel –, sie sah direkt in die Kamera und erklärte den Narcos: Ich gehe wieder zurück an die Arbeit, und ihr werdet mich nicht aufhalten.

Für so viel Mut fehlten Keller die Worte.

Wenn amerikanische Politiker alle Mexikaner über einen Kamm scheren und ihnen Korrumpierbarkeit unterstellen, macht ihn das wütend. Er denkt an Menschen wie Pablo Mora, Jimena Abarca, Erika Valles und Marisol Cisneros.

Nicht alle Geister sind tot – einige sind noch unterwegs als Schatten derer, die sie hätten sein können.

Du bist selbst ein Geist, sagt er sich.

Ein Geist deiner selbst, du existierst in einer Schattenwelt.

Du bist nach Mexiko zurückgekehrt, weil du dich bei den Toten wohler fühlst als bei den Lebenden.

 

Der Highway, die Carretera Federal 2, verläuft östlich von Juárez parallel zur Grenze. Keller sieht Texas nur wenige Meilen entfernt.

Aber es könnte genauso gut auch eine ganze Welt entfernt sein.

Die mexikanische Bundesregierung hat die Armee geschickt, um den Frieden wiederherzustellen, und die Armee ging mindestens so brutal vor wie die Kartelle, wenn nicht brutaler. Tatsächlich kam es während der Zeit der Militärbesetzung zu einem Anstieg von Tötungsdelikten. Früher befanden sich auf dieser Straße alle paar Meilen Kontrollpunkte der Armee, die die Einheimischen fürchteten, weil es dort zu Erpressungen und willkürlichen Festnahmen kam, häufig endete es mit Prügel, Folter und Internierung in einem hastig errichteten Gefangenenlager weiter oben an der Straße.

Starb man nicht im Kreuzfeuer der Kartelle, wurde man von Soldaten ermordet.

Oder man verschwand.

Genau auf dieser Straße hatten die Zetas Marisol niedergeschossen, inzwischen war das fast vier Jahre her. Sie hatten sie in der Annahme, sie sei tot, blutend am Straßenrand liegen lassen. Der »Herr der Lüfte« hatte versprochen, für ihre Sicherheit zu sorgen, was einer der Gründe war, weshalb Keller sich vorübergehend auf ein Bündnis mit Barrera eingelassen hatte.

Keller schaut in den Rückspiegel, um sich zu vergewissern, aber er weiß, dass sie es nicht nötig haben, ihm zu folgen. Sie wissen längst, wohin er fährt, und werden es erfahren, wenn er ankommt. Das Kartell hat überall halcones. Polizisten, Taxifahrer, Kinder an Straßenecken, alte Frauen an Fenstern, Verkäufer hinter den Verkaufstresen. Heutzutage haben alle ein Handy und zücken es, um sich beim Sinaloa-Kartell anzubiedern.

Wenn sie mich töten wollen, werden sie mich töten.

Oder es zumindest versuchen.

Er fährt in die kleine Stadt Valverde, zwanzig rechteckig angeordnete Wohnblocks mitten in der Wüste. An den Häusern – diejenigen, die noch stehen, sind größtenteils aus Beton erbaut, nur hier und da gibt es ein paar Lehmziegel – fällt Keller auf, dass manche frisch in kräftigen Blau-, Rot- oder Gelbtönen gestrichen wurden.

Aber auch die Anzeichen des Krieges sind noch da, merkt er, als er auf die breite Hauptstraße fährt. Die Bäckerei Abarca, einst das soziale Zentrum der Stadt, ist nur noch ein Haufen Schutt und Asche, die Einschusslöcher an den Wänden, erinnern an Pockennarben, und einige der Gebäude sind noch immer verbarrikadiert und verlassen. Tausende von Menschen waren während des Krieges aus Juárez Valley geflohen, einige aus Angst, einige gezwungenermaßen aufgrund von Barreras Drohungen. Die Menschen wachten morgens auf und entdeckten auf der gegenüberliegenden Straßenseite Schilder mit Listen von Namen, Einwohnern, die noch am selben Tag abreisen sollten, andernfalls würde man sie töten.

Barrera entvölkerte manche Städte auch, um seine Anhänger dort anzusiedeln.

Im Prinzip kolonisierte er das Valley.

Jetzt sind die Kontrollpunkte der Armee verschwunden.

Der mit Sandsäcken geschützte Bunker auf der Hauptstraße ist weg, und einige alte Menschen sitzen in dem kleinen Pavillon auf dem Marktplatz, genießen die Nachmittagssonne, was sie sich noch vor wenigen Jahren nicht getraut hätten.

Auch entdeckt Keller eine kleine wiedereröffnete tienda, die Menschen haben jetzt also wieder einen Laden, wo sie alltäglich das Nötigste kaufen können.

Ein paar sind sogar nach Valverde zurückgekehrt, obwohl viele fortbleiben werden, trotzdem scheint sich die Stadt ein kleines bisschen erholt zu haben. Keller fährt an der Klinik vorbei und auf den Parkplatz vor dem Rathaus, das in einem zweistöckigen Betonklotz untergebracht ist, jedenfalls das, was von der Stadtverwaltung übrig ist.

Er parkt den Wagen und geht über die Außentreppe hinauf zum Büro der Bürgermeisterin.

Marisol sitzt an ihrem Schreibtisch, ihr Gehstock hängt an der Stuhllehne. Sie ist in Unterlagen vertieft und bemerkt Keller nicht.

Beim Anblick ihrer Schönheit bleibt ihm das Herz stehen.

Sie trägt ein schlichtes blaues Kleid, und ihre schwarzen Haare sind zurückgekämmt zu einem strengen Chignon, der ihre hohen Wangenknochen und dunklen Augen betont.

Er weiß, dass er niemals aufhören wird, sie zu lieben.

Marisol blickt auf, sieht ihn und lächelt. »Arturo.«

Sie nimmt ihren Stock und will aufstehen. Aufstehen und Hinsetzen fallen ihr noch immer schwer, und Keller entgeht nicht, dass sie ganz leicht zusammenzuckt, als sie sich hochstemmt. Eine der Kugeln hatte ihren Oberschenkelknochen zerschmettert, eine weitere einen Rückenwirbel angeknackst. Ihr Kleid ist so geschnitten, dass der Kolostomiebeutel nicht zu sehen ist, ein bleibendes Andenken an die Kugel, die ihren Dünndarm erwischte.

Die Zetas hatten ihr das angetan.

Keller war nach Guatemala gefahren, um Ochoa und Forty zu töten, die Männer, die den Anschlag befohlen hatten. Obwohl Marisol ihn angefleht hatte, keine Rache zu üben. Jetzt schlingt sie die Arme um seinen Hals und drückt ihn fest an sich. »Ich hatte schon Angst, du würdest nicht zurückkommen.«

»Du hast gesagt, du weißt nicht, ob du’s dir wünschst.«

»Das war schrecklich, was ich gesagt habe.« Sie legt ihren Kopf an seine Brust. »Es tut mir so leid.«

»Muss es nicht.«

Ein paar Sekunden lang schweigt sie, dann fragt sie: »Ist es vorbei?«

»Für mich schon.«

Er spürt, wie sie seufzt. »Was wirst du jetzt machen?«

»Keine Ahnung.«

Das ist wahr. Eigentlich hatte er nicht damit gerechnet, lebend aus Dos Erres zurückzukehren, und jetzt weiß er nicht so richtig, was er mit seinem Leben anfangen soll. Er weiß, dass er nicht zu Tidewater zurückkehren wird, dem Unternehmen, das für die Durchführung des Einsatzes in Guatemala zuständig war, und ganz sicher will er nicht wieder zur DEA. Was er aber stattdessen machen wird, keine Ahnung.

Er weiß nur, dass er jetzt hier ist, in Valverde.

Bei ihr.

Keller ist bewusst, dass es niemals wieder so werden wird, wie es mal war. Zu viel Trauer liegt dazwischen, zu viele geliebte Menschen wurden ermordet, jeder Tote ist ein Stein in einer Mauer, die so hoch zwischen ihnen aufragt, dass sie sich nicht mehr einreißen lässt.

»Heute Nachmittag hab ich Dienst in der Klinik«, sagt Marisol.

Sie ist die Bürgermeisterin der Stadt und gleichzeitig auch die Ärztin. Im Juárez Valley leben dreißigtausend Menschen, und sie ist die einzige Medizinerin.

Deshalb hat sie eine kostenlose Klinik in der Stadt aufgemacht.

»Ich bring dich hin«, sagt Keller.

Marisol hängt sich den Gehstock ans Handgelenk und hält sich am Geländer fest, während sie die Außentreppe nach unten gehen, hat Keller eine Heidenangst, sie könnte stürzen. Er geht hinter ihr her, hält eine Hand bereit, um sie aufzufangen.

»Ich mach das mehrmals am Tag, Arturo«, sagt sie.

»Ich weiß.«

Armer Arturo, denkt sie. Von ihm geht eine solche Traurigkeit aus.

Marisol weiß, welchen Preis er bereits für den langen Krieg bezahlen musste – sein Partner wurde ermordet, er selbst hat sich von seiner Familie entfremdet, und was er gesehen und getan hat, raubt ihm nachts den Schlaf – oder schlimmer noch, hält ihn in Albträumen gefangen.

Auch sie hat einen Preis bezahlt.

Die äußerlichen Verletzungen sind für jedermann sichtbar, die chronischen Schmerzen, die diese verursachen, vielleicht weniger, aber auch diese sind sehr real. Sie hat ihre Jugend und ihre Schönheit verloren – Arturo bildet sich ein, sie sei immer noch schön, aber machen wir uns nichts vor, denkt sie, ich bin eine Frau mit einem Gehstock in der Hand und einem Beutel voll Scheiße auf dem Rücken.

Das ist noch nicht das Schlimmste. Marisol ist einsichtig genug, um zu wissen, dass sie unter einem schweren Fall von Überlebensschuld-Syndrom leidet – warum hat sie überlebt und so viele andere nicht? –, und sie weiß, dass dieselbe Krankheit auch Arturo zu schaffen macht.

»Wie geht’s Ana?«, fragt Keller.

»Ich mache mir Sorgen um sie«, sagt Marisol. »Sie ist deprimiert, trinkt zu viel. Sie ist in der Klinik, du siehst sie gleich.«

»Wir sind ganz schön im Eimer, oder? Wir alle.«

»Ziemlich«, sagt Marisol.

Wir alle sind Veteranen eines unaussprechlichen Krieges, denkt sie, mit dem sie – um es modern auszudrücken – »nicht abschließen« können.

Es gibt keinen Sieg und keine Niederlage.

Keine Versöhnung und keine Kriegsverbrechertribunale. Und ganz bestimmt keine Paraden, keine Orden, keine Reden, kein Dankeschön einer erleichterten Nation.

Nur ein langsames, verwaschenes Schwinden der Gewalt.

Und ein Gefühl von Verlust, das die Seele zerstört, eine Leere, die nicht gefüllt werden kann, egal wie sehr sie sich auch mit der Arbeit im Amt oder der Klinik ablenkt.

Sie gehen am Marktplatz vorbei.

Die alten Menschen im Pavillon beobachten sie.

»Das wird die Gerüchteküche anheizen«, sagt Marisol. »Bis spätestens fünf Uhr hast du mich geschwängert. Um sieben sind wir verheiratet. Und um neun wirst du mich wegen einer Jüngeren verlassen haben, wahrscheinlich einer guera.«

Die Menschen in Valverde kennen Keller gut. Nachdem auf Marisol geschossen worden war, hatte er in ihrer Stadt gelebt, Marisol gesund gepflegt. Er war in ihre Kirche gegangen, hatte ihre Feiertage mit ihnen gefeiert und war bei ihren Beerdigungen gewesen. Auch wenn er nicht unbedingt einer von ihnen war, so war er doch auch kein Fremder, kein yanqui.

Sie lieben ihn, weil sie Marisol lieben.

Keller spürt den Wagen hinter ihnen mehr, als dass er ihn sieht, langsam greift er nach der Waffe unter seiner Windjacke und lässt die Hand am Griff. Der Wagen, ein alter Lincoln, schleicht hinter ihnen her. Der Fahrer und der Beifahrer machen sich nicht die Mühe, ihr Interesse an Keller zu verhehlen.

Keller nickt ihnen zu.

Der halcón nickt zurück, und der Wagen fährt weiter.

Sinaloa behält ihn im Auge.

Marisol bekommt nichts davon mit. Stattdessen fragt sie: »Hast du ihn getötet, Arturo?«

»Wen?«

»Barrera.«

»Da gibt es so einen alten, schlechten Witz«, sagt Keller, »über die Frau, die von ihrem Mann in der Hochzeitsnacht gefragt wird, ob sie noch Jungfrau sei, und sie antwortet: ›Warum wollen das immer alle von mir wissen?‹«

»Und warum wollen das alle von dir wissen?« Marisol merkt sehr wohl, wenn ihr jemand ausweicht. Sie hatten sich versprochen, sich niemals anzulügen, und Arturo ist ein Mensch, der zu seinem Wort steht. Da er ihr nicht direkt antwortet, vermutet sie, was in Wirklichkeit passiert ist. »Sag mir einfach die Wahrheit. Hast du ihn getötet?«

»Nein«, sagt Keller. »Nein, Mari, hab ich nicht.«

Elena Sanchez Barrera will nicht eingestehen, dass ihr Bruder tot ist – nicht mal sich selbst.

Die Familie hatte die Hoffnung aufrechterhalten, lange geschwiegen, erst Tage, dann Wochen und inzwischen monatelang und dabei gleichzeitig versucht, Informationen darüber zu bekommen, was in Dos Erres passiert war.

Bislang hatten sie nichts Neues erfahren. Und noch hatten die Behörden offenbar nicht öffentlich gemacht, was alle anderen wussten – anscheinend gingen weite Teile der Polizei davon aus, das Gerücht, Adán sei tot, sei gestreut worden, damit er sich der Festnahme entziehen konnte.

Von wegen, denkt Elena.

Die Bundespolizei ist praktisch ein Ableger des Sinaloa-Kartells und gehört diesem. Wir werden von der Regierung bevorzugt, weil wir ausgezeichnet zahlen, Ruhe und Ordnung wahren, und keine Barbaren sind. Die Vorstellung, Adán habe seinen eigenen Tod vorgetäuscht, um sich der Festnahme zu entziehen, ist absurd.

Wenn nicht die Polizei selbst dahintersteckt, dann die Medien.

Elena kannte den Begriff »Medienzirkus« bereits, hatte sich aber nie gänzlich klargemacht, was er bedeutete, bis die Gerüchte um Adáns Tod die Runde machten. Sie wurde belagert – Reporter besaßen sogar die Dreistigkeit, draußen vor ihrem Haus in Tijuana Stellung zu beziehen. Sie konnte nicht mehr zur Tür hinaus, ohne mit Fragen nach Adán belästigt zu werden.

»Wie oft soll ich Ihnen noch sagen, ›ich weiß es nicht‹?«, hatte sie den Reportern gesagt. »Ich kann Ihnen nur versichern, dass ich meinen Bruder liebe und für seine Sicherheit bete.«

»Dann bestätigen Sie also, dass er vermisst wird?«

»Ich liebe meinen Bruder und bete für seine Sicherheit.«

»Stimmt es, dass Ihr Bruder einer der weltweit mächtigsten Drogenhändler war?«

»Mein Bruder ist Geschäftsmann. Ich liebe ihn und bete für seine Sicherheit.«

Jedes neue Gerücht löste einen Ansturm aus. Wir haben gehört, Adán hält sich in Costa Rica auf. Stimmt es, dass er sich in den Vereinigten Staaten versteckt? Adán wurde in Brasilien gesehen, in Kolumbien, Paraguay, Paris …

»Ich kann Ihnen nur sagen, dass ich meinen Bruder liebe und für seine Sicherheit bete.«

Die Hyänenmeute hätte die kleine Eva bei lebendigem Leibe zerfetzt und gefressen. Hätten sie sie gefunden. Nicht, dass sie’s nicht versucht hätten. Die Medien strömten nach Culiacán, im Distrikt Badiraguato. Einem ehrgeizigen Reporter in Kalifornien gelang es sogar, Evas Eigentumswohnung in La Jolla ausfindig zu machen. Als man sie dort nicht antraf, stürzten sie sich wieder auf Elena.

»Wo ist Eva? Wo sind die Söhne? Gerüchten zufolge wurden sie gekidnappt. Leben sie noch?«

»Señora Barrera hat sich zurückgezogen«, erklärte Elena. »Wir bitten Sie, ihre Privatsphäre in dieser schwierigen Zeit zu respektieren.«

»Sie sind Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens.«

»Das sind wir nicht«, sagte Elena. »Wir sind zurückgezogen lebende Geschäftsleute.«

Das stimmte – Elena hatte sich vor elf Jahren aus der pista secreta zurückgezogen, sich bereit erklärt, die Plaza Baja an Adán zu übergeben, weil dieser sie Esparza überlassen wollte. Sie hatte es freiwillig und ganz bewusst getan – sie hatte das Morden satt, den Tod, der mit dem Geschäft einherging, und sie war zufrieden damit, von ihren vielen Investitionen zu leben.

Und Eva versteht vom Drogenhandel so viel wie von Teilchenphysik. Sie hat ein gutes Herz, ist schön und dumm. Aber fruchtbar. Ihren Zweck hat sie erfüllt. Sie hat Adán Söhne und Erben geschenkt. Die Zwillinge – Miguel und Raúl. Und was soll aus ihnen werden?, fragt sich Elena.

Eva ist eine junge Mexikanerin, eine Sinaloanerin. Jetzt, wo ihr Vater und ihr Mann offenbar tot sind, wird sie glauben, ihrem älteren Bruder gehorchen zu müssen, und Elena fragt sich, was Iván ihr gesagt hat.

Ich wüsste, was ich ihr sagen würde, denkt Elena. Du bist amerikanische Staatsbürgerin und deine Jungs auch. Du hast genug Geld, um den Rest deines Lebens in Saus und Braus zu verbringen. Nimm deine Söhne und verschwinde nach Kalifornien. Zieh deine Kinder fernab dieser Geschäfte groß, bevor du und sie noch eine weitere Generation darin gefangen bleiben. Es wird eine Weile dauern, aber irgendwann lässt der Medienzirkus nach, zieht weiter in die nächste Stadt.

Hoffentlich.

Die bizarre soziale Chemie dieses vulgären Zeitalters hat Adán zum wertvollsten öffentlichen Gut gemacht – einem Promi. Bilder von ihm – alte Polizeifotos, zufällige Schnappschüsse bei sozialen Ereignissen – sind ständig im Fernsehen zu sehen, auf Computerbildschirmen, den Titelseiten der Zeitungen. Der Ablauf und die näheren Umstände seiner Flucht aus dem Gefängnis 2004 werden ständig begeistert wiedergegeben. »Experten« finden sich zu Diskussionsrunden im Fernsehen zusammen und bekräftigen Adáns Macht, seinen Reichtum und Einfluss. Mexikanische »Zeugen« werden befragt, die von Adáns Liebe zu den Menschen schwärmen – den Kliniken, die er gebaut hat, den Schulen, den Spielplätzen (»Für euch ist er ein Drogenhändler. Für uns ist er ein Held.«).

Promikultur, denkt Elena.

Ein Widerspruch in sich.

Selbst wenn man die herkömmliche Presse kontrollieren könnte, so gleicht der Versuch, die sozialen Medien lenken zu wollen, doch dem, Quecksilber festzuhalten – es entgleitet einem und zerfällt in tausend oder mehr Teile. Das Internet, Twitter, Facebook laufen heiß mit »Nachrichten« über Adán Barrera – jedes Gerücht und Geraune, jede versteckte Andeutung oder Fehlinformation verbreitet sich wie ein Lauffeuer im Netz. Im Schutz digitaler Anonymität geben Menschen innerhalb der Organisation, die eigentlich wissen müssten, dass sie nichts verraten dürfen, alle verfügbaren Informationen weiter, mischen hier und da ein bisschen Wahrheit in das Gebräu aus Lügen.

Und das ungünstigste Gerücht von allen ist: Adán lebt.

Adán war gar nicht in Guatemala, sondern hat ein Double geschickt. Der Herr der Lüfte hatte seine Feinde überlistet.

Er liegt im Koma, versteckt sich in einem Krankenhaus in Dubai.

Ich habe Adán in Durango gesehen.

In Los Mochis, in Costa Rica, in Mazatlán.

Er ist mir im Traum begegnet. Der Geist Adáns kam zu mir und hat gesagt, dass alles gut werden wird.

Wie Jesus, denkt Elena, solange es keine Leiche gibt, ist Wiederauferstehung jederzeit möglich. Und wie Jesus hat auch Adán jetzt Jünger.

Elena geht vom Wohnzimmer in die riesige Küche. Sie hat überlegt, das Anwesen zu verkaufen und sich, jetzt, wo ihre Söhne erwachsen und aus dem Haus sind, etwas Kleineres zu suchen. Aber die Hausmädchen, die das Frühstück bringen, schauen weg, wirken beschäftigt. Die Angestellten erfahren so was immer zuerst, denkt Elena. Irgendwie bekommen sie schneller mit als wir, wer gestorben ist, wer geboren wurde, sich vorschnell verlobt oder eine heimliche Affäre begonnen hat. Elena schenkt sich einen Kräutertee ein und geht hinaus auf die Terrasse. Ihr Haus befindet sich in den Hügeln über der Stadt, und sie schaut hinunter in den Kessel voll mit schmutzigem Qualm, der Tijuana ist, und denkt an all das Blut, das ihre Familie vergossen hat – aktiv wie auch passiv –, um die Stadt zu beherrschen.

Ihr Bruder Adán und ihr Bruder Raúl – Letzterer war schon seit Langem tot – hatten das alles aufgebaut, Baja übernommen und ein nationales Imperium errichtet, das aufgestiegen, gefallen und jetzt wieder aufgestiegen und gefallen war …

Jetzt gehört Baja Iván Esparza.

Und er wird auch Adáns Krone übernehmen.

Solange Adáns Söhne noch im Kleinkindalter sind, ist Iván der Nächste in der Thronfolge und dem Ganzen ganz und gar nicht abgeneigt. Die Nachrichten aus Guatemala hatten ihn kaum erreicht, als er schon bereit war, seinen Vater und Adán für tot zu erklären und sich selbst als Nachfolger zu präsentieren.

Elena und Nuñez hatten ihm dies wieder ausgeredet.

»Das ist voreilig«, sagte Nuñez. »Wir wissen noch nicht sicher, dass sie tot sind, und du willst auch gar nicht an die Spitze des Unternehmens.«

»Warum nicht?«, wollte Iván wissen.

»Weil das zu gefährlich ist«, sagte Nuñez. »Zu ungeschützt. In Abwesenheit deines Vaters und Adáns wissen wir nicht, wer loyal bleibt.«

»Ein bisschen Unklarheit in Hinblick auf ihren Tod kann von Vorteil sein«, sagte Elena. »Der Zweifel daran, die Möglichkeit, sie könnten doch noch leben, wird die Wölfe noch eine Weile in Schach halten. Aber wenn du verkündest, dass der König tot ist, wird der ganze Adel bis hin zu den Rittern und Bauern glauben, das Kartell sei geschwächt, und die Chance ergreifen wollen, sich den Thron anzueignen.«

Iván erklärte sich widerwillig bereit zu warten.

Ein typischer Fall von einem verwöhnten Narco-Balg der dritten Generation, denkt Elena.

Aufbrausend mit einem starken Hang zur Gewalt. Adán hatte ihn nicht leiden können, ihm auch nicht vertraut, er hatte befürchtet, dass Iván nachrücken würde, sollte Nacho sterben oder sich zur Ruhe setzen.

Und mir geht es nicht anders, denkt Elena.

Die einzige Alternative sind ihre eigenen Söhne.

Sie sind Adáns wahre Neffen, in ihren Adern fließt Barrera-Blut. Ihr ältester Sohn Rudolfo hat seine Zeit inzwischen abgesessen, im übertragenen wie auch im wörtlichen Sinn. Er war noch jung in das Familienunternehmen eingestiegen, hatte Kokain von Tijuana nach Kalifornien verschoben, und das viele Jahre lang sehr erfolgreich – er hatte Nachtclubs gekauft, weltberühmte Bands und Boxer gemanagt. Seine Frau war wunderschön, und er hatte drei schöne Kinder.

Niemand liebte das Leben mehr als Rudolfo.

Dann verkaufte er in einem Motel in San Diego knapp zweihundertfünfzig Gramm Kokain an einen verdeckten Ermittler der DEA.