Jahreshauptversammlung meiner Ich-AG - Fritz Eckenga - E-Book

Jahreshauptversammlung meiner Ich-AG E-Book

Fritz Eckenga

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Beschreibung

Die vom Vorstandsvorsitzenden Eckenga einberufene Vollversammlung seiner neuen Rettungsreime ist ein schöner Erfolg. Die Verse, maßvoll in Reih und Glied und Kapitel geordnet, treten in vorbildlicher Geschlossenheit an, so dass der Reim- und Reisefreiheit großzügig Auslauf gewährt werden kann. Die Besenreinheit heimischer Vorgärten wird ebenso besungen wie die Schönheit des miserablen Wetters. Der Lebensmittelstandort Deutschland kann mehrgängig abserviert werden. Hochleistungsschweine werden belobigt, und dem Held Wirsing wird ein Denkmal gesetzt, wohingegen die durch allerlei unvermeidliche Prominenz verursachten Daseinsbelästigungen komisch verdichtet und endgelagert werden. Somit füllt Fritz Eckengas zweiter Gedichtband die große Lücke, die nach seinem Erstling "Draußen hängt die Welt in Fetzen" von ihm selbst gelassen wurde, perfekt aus.

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Seitenzahl: 62

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Dem Schönen und Guten

Heute wollen wir Schönes bedichten,

sangwirmal Weiber, Wohlstand und Wein.

Heute wolln wir auf Ödes verzichten,

zum Beispiel: Dosenpfanddebatte.

Deswegen heute nur Liebenswertes,

irgendwas, das die Mühe auch lohnt,

was schmetterlingsmäßig Unbeschwertes,

also auf keinen Fall: Bürgerversicherung.

Heute soll eine Hymne erklingen,

was nehm ich mal? Goldenen Spätsommerglanz?

Ich könnte auch was über Herbstrosen singen.

Aber doch nicht über LKW-Maut.

Lanzen für Lyrik will ich heut brechen,

mit Leidenschaft, Liebe, mit Lust und Genuss.

Mein Dichterdolch soll heute streicheln, nicht stechen.

Mit anderen Worten: Ein Thema wie Dreistufiges Einkom-

menssteuermodell kommt natürlich auch nicht in Frage.

Deswegen will ich nur Gutes bedichten,

wie eingangs erwähnt, etwa Weiber und Wein.

Will mich ausschließlich dem Schönen verpflichten,

äh – ich höre gerade, die Zeit wird knapp, die nachfolgenden

Werke drängeln bereits. Ich muss mich also etwas ranhalten.

Deswegen …

Poesie, heut will ich Dich feiern,

mit allem, was Dir zur Ehre gereicht.

Anmut, Leichtigkeit, Braut unter Schleiern,

irgendwas in der Art, aber Reform der sozialen Sicherungssysteme

oder noch schlimmer: Gemeindefinanzreform

inklusive Gewerbesteuerneuverteilung – mal abgesehen

davon, dass da jeder sofort Pickel kriegt, wenn die Wörter

nur genannt werden – wer will denn bitteschön über sowas

Gedichte lesen? Sie vielleicht? Na also.

Ende mit der Reimvernichtung.

Ab der nächsten Seite: Dichtung.

Daheim und unterwegs

 

Deutsche Gärtner!

’s ist Frühling, Deutsche, und zwar nur zwei Tage,

nutzet die Zeit und werdet zur Plage,

holt raus das Gerät und quält Eure Gärten,

vermeidet weder Geräusche noch Härten.

Entkeimet mit Hochdruck die Wege und Platten,

schont niemanden, Euch nicht und nicht die Rabatten,

macht keine Gefang’nen, macht sauber, macht rein,

schreddert den Astbruch des Herbstes kurzklein.

Heraus aus dem Dunkel des Winters, Ihr Massen,

rasiert Eure Schollen und schrubbt die Terrassen,

missachtet den schlafenden Nachbarn, den Lump,

schafft Ordnung und ordnet das Grüne zu Klump.

Kommt aus der Tiefe des Raumes ins Freie,

schert Euch nicht um des Geflügels Geschreie,

lasst kreisen die Sägen, rotieren die Messer,

enthauptet den Maulwurf, den unnützen Fresser.

Heraus, Deutsche Gärtner, die Mäher betanken,

weist Euren riemigen Rasen in Schranken,

zeigt ihm, wer Chef ist im eckigen Grün,

entwurzelt den Löwenzahn vorm ersten Blühn.

Euch, deutschen Gärtnern, sei Ruhm und sei Ehre,

nehmt ab die Parade der Konifere.

Geschultert den Spaten, im Stechschritt marschieren,

vor Euch soll die Zwergenarmee salutieren.

’s ist zwei Tage Frühling, ’s ist zwei Tage Krieg,

Euch, Deutschen Gärtnern, sei Glück, Glanz und Sieg!

 

Gartenbesitzers Nachtgedicht

Was tut sommernachts der Dichter?

Er tut reimen hinterm Mond,

während schmieriges Gezichter,

das in Dichters Garten wohnt,

dessen nachtumflortes Brüten

nutzt und nasse Spuren zieht,

wissend, es muss sich nicht hüten,

weil er dichtet und nicht sieht,

dass die nackten Nachtschwadrone

Blattsalat und Raukenkeim,

Küchenkraut und grüne Bohne

speicheln ein mit ihrem Schleim.

Dichter drinnen findet Verse,

Wort um Wort fällt auf das Blatt,

draußen fällt Natur, perverse,

andre Blätter, nimmersatt.

Draußen dunkeln Katastrophen,

drinnen Glanz und Dichterglühn.

Tintenblau erstrahlen Strophen,

schneckenbraun erlischt das Grün.

Was tut sommernachts der Dichter,

wenn sein Wirken wurde Wort?

Er tritt aus in Mondes Lichter

und dann an zum Rachemord.

Schaut in plagenvolle Leere,

schaut in glitschigfeuchten Brei,

greift zur guten Gartenschere,

macht aus jeder Schnecke zwei.

 

Werktätige, heraus zum Kampftag der Arbeiterklasse!

Heraus zum roten 1. Mai!

Auf den breiten Autobahnen

staut sich Blech an Blech und drinnen

sitzen Werktäter- und Innen,

draußen wehen rote Fahnen.

Auf der Rückbank schmieren Blagen

Schokokeks in Polsterritzen,

quengeln, quietschen, sabbern, schwitzen,

alle Scheiben sind beschlagen.

Feiertag der Arbeitsklassen,

Masse feiert Wiederholung:

Machtvoll in die Naherholung,

Grillwurst, Maibock, hoch die Tassen!

Die Gewerkschaft warnte alle:

Demonstriert zu Fuß – im Gehen!

Wenn die roten Fahnen wehen,

fahrt nicht in die Urlaubsfalle!

Doch zu stark sind Traditionen,

alles drängt zu Nordseestränden,

hin zu Sand und Sonnenbränden,

Tausende, ach was, Millionen.

Mann der Arbeit, Frau der Taten,

raus zum roten Ersten Mai,

röter werden, seid dabei!

’s Proletariat muss braten!

 

Mille grazie, Bauern der Toscana

Träge wirft ein Büffelkäse Blasen,

hinterm Schuppen schnarcht ein Mittagsschaf,

Oleander blühn in roten Vasen,

in Idyllien döst ein deutscher Graf.

Kleiner Bürgersohn aus Westgermanien,

träumt sich unterm Ölbaum auf den Thron.

Danke, Dir, Du Bauer aus Toscanien,

nun gehört Dein Hof einem Baron.

Ja, wir haben tausend Dank zu sagen,

für die Duldung deutscher Prominenz,

für Asylgewährung mancher Plagen

in den Ferien unsres Parlaments.

Wär’s zuviel verlangt, dass die Fraktionen,

zukünftig auf Dauer bei Euch wohnen?

(wenigstens der allerärgste Stenz:

Gockel Jockel, seine Exzellenz?)

 

An die Verächter des Sommers:Dann haut doch ab!

Eiswürfel rutschen den Buckel runter,

schaffen es nicht bis zum Steiß,

verenden am vierten Wirbel von oben

in reißenden Strömen aus Schweiß.

Meere in Unterarmachseln geboren,

bewachsen von haarigem Tang,

trotzen dem biologischen Angriff

des Deo-Dumm-Dumms tagelang.

Nächtliche Laken voll salziger Lake,

zerbröselt im ersten Licht.

Geborsten im Glühen der frühesten Sonne,

verpulvert, als gäb es sie nicht.

Schimmelnde Schwämme in triefendem Turnschuh,

Socken wie Klärschlamm der Ruhr.

Tropische Zuflucht der durstigen Mücke.

Wunder perverser Natur.

Stinkende Stöhner des schwitzenden Westens,

flieht doch in irgendein Meer!

Haut ab! Verschwindet! Schwimmt doch nach drüben!

Doch Obacht: Die Elbe ist leer!

 

Regen, Fluch und Segen

Es fiel nach langer Zeit ein harter Regen,

dramatisch nachgerade, fast verwegen

stürzte er kopfüber auf die Wiesen,

Äcker, Pflaster und Terrassenfliesen.

Fiel aus heitrem Himmel wie in Stücken,

richtete mit einem Schlag drei Mücken,

schredderte zwei späte Zitrusfalter,

gut – sie hatten beide auch ihr Alter.

Ein zu träger Maulwurf wurd getroffen,

hatte noch den Haufen oben offen,

kuckte sehr verdutzt, anstatt zu fliehen,

seitdem hat er siebzehn Dioptrien.

Regenwürmer allerdings genossen:

– es hatte schließlich lang nicht mehr gegossen –

»Tanz den Regen! Raus und nicht genieren!

Shake it, Baby, lass Dich mal massieren!«

Breiten wir den Mantel meines Schweigens

über Einzelheiten dieses Reigens.

Angedeutet sei hier nichts Spezielles,

allgemein ging es um Sexuelles.

Es fiel nach langer Zeit ein harter Regen,

für zarte Kreatur war er kein Segen.

Würmer, ja, die tauschten nicht nur Küsse …

Genug! Kein Wort! Ich sag nur: BLUTERGÜSSE!

Doch Schmetterling und Mück in ewger Stille.

Und Maulwurf sieht bescheuert aus mit Brille.

 

Sommerferien (Eine Idylle)

Still ruhn die Reihenhausreihen

am schlafenden Rande der Stadt.

Das Rotkehlchen konnte nicht schreien,

die Katze schnurrt leise und satt.

Der Morgen graut müde, die Sonne

räkelt sich rot aus dem Bett.

Im Schatten der braunen Tonne

mästet die Ratte sich fett.

 

Körperweltreise

Teilweise berühmt werden mit Gunther von Hagens

Ich werde berühmt, werd’ Legende, ein Star,

nachträglich, später, posthum,

weil ich nicht ganz in die Grube fahr,

ernte ich teilweise Ruhm.

Wenn ich geh’, dann geht nur ein Teil von mir

und ein anderer Teil bleibt da.

Etwas von mir lass ich Euch immer hier,

gut erhalten, in Ewigkeit, ja!

Ich fragte von Hagens: »Was darf es denn sein,

was kostet die Körperwelt?«

Er orderte prompt ein Achtel vom Bein,

ich hab’s zur Verfügung gestellt.

Als Beinscheibe geht es auf Welttournee,

wenn ich mal gegangen bin.

Das Exponat geht nach Übersee,

der Rest geht – ich weiß nicht, wohin.

Der Rest ist wie immer nur Spekulat,

sicher sein kann man ja nie.

Sicher ist nur, dass mein Beinplastinat

berühmt wird, vielleicht auch das Knie.

Die standing ovations der späteren Welt,

gespendet dem ewigen Sein,

gespendet dem Fritz, der sich teilweise hält,

den Scheiben von seinem Bein.

 

Der Litauerinnenwalzer

Die Litauerin / die Litauerin

Ist wohl die schönste Baltikerin