Jake - Cynthia Woolf - E-Book
Beschreibung

Jake Anderson hatte einen Mann getötet, als er seine Verlobte vor einem brutalen Angriff beschützt hatte, aber nicht nur sie, sondern auch seine Freiheit in dem Moment verloren. Nun ist er auf der Flucht, geplagt von seinem Verlangen nach Vergeltung.
Becky Finnegan tut alles, um den Prügeleien ihres betrunkenen Vaters zu entkommen, sogar Tag und Nacht auf dem Grund ihrer Familie Gold zu schürfen und zu schuften. Ihre einzige Hoffnung ist es, Gold zu finden und sich selbst irgendwo ein neues Leben weit, weit weg von Deadwood aufzubauen. Doch dann trifft sie auf Jake und er schafft das Undenkbare… er bringt sie dazu, zu fühlen, zu hoffen… und zu lieben.
Jake würde Becky mit seinem Leben beschützen, aber alles, was er ihr anbieten kann, ist ein gebrochenes Herz, das Leben eines Kriminellen und eine Vergangenheit, die von Fehlern geprägt wurde. Wie kann er sie retten, wenn er sich bereits selbst verloren hat? Wird er alles zerstören, oder kann die wunderschöne Rebellin Jakes verlorene Seele befreien?

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Seitenzahl:245

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Jake

Schicksal in Deadwood

Buch 1

Cynthia Woolf

Jake

Schicksal in Deadwood

Copyright © 2014 (English version) © 2019 (German version) – Cynthia Woolf

Alle Rechte vorbehalten

ISBN: 978-1-950152-12-4

INHALTSVERZEICHNIS

JAKE

Copyright

Prolog

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

Kapitel 7

Kapitel 8

Kapitel 9

Kapitel 10

Kapitel 11

Kapitel 12

Kapitel 13

Epilog

Über Die Autorin

PROLOG

April 1876

St. Louis, Missouri

Das Eisen, das gegen Jake Andersons Rücken gedrückt wurde, war fast so kalt wie der Regen, der vom Nachthimmel fiel.

„Klopf an der Tür“, befahl sein Bruder Zach wütend und gereizt.

Jake tat, was von ihm verlangt wurde und klopfte laut genug an der Haustür, damit man es über das Prasseln des Regens hören konnte.

„Was zur Hölle?“, sagte sein ältester Bruder Liam, als er öffnete. „Jake? Zach? Was macht ihr beiden hier? Es ist mitten in der Nacht.“

Zach knurrte hinter Jake: „Lässt du uns jetzt rein oder sollen wir die ganze Nacht hier draußen im Regen stehen?“

„Kommt rein. Zach, steck deine Waffe weg.“

„Kann ich nicht, bis der hier“, er tippte Jake mit der Pistole am Rücken an, „drinnen ist und wir mit dir geredet haben.“

Jake lief in den Eingangsbereich des Hauses in St. Louis, das seinem ältesten Bruder gehörte. Überseekoffer und Reisetaschen standen links und rechts am Rande des Gangs zum Wohnzimmer.

„Tut mir leid, dass ich dir das antun muss, Liam. Ich weiß, dass du morgen gehst“, sagte Zach und legte seinen Hut auf eine der Kisten.

Jake warf seinen Hut neben Zachs.

„Ja, bei Morgenanbruch. Und jetzt sag mir, was hier los ist und warum du Jake mit vorgehaltener Waffe hierhergebracht hast“, sagte Liam.

„Nur so habe ich ihn dazu bringen können, hierher zu kommen.“

„Und?“, sagte Liam genervt. „Lass mich dir die Geschichte nicht Wort für Wort aus der Nase ziehen, kleiner Bruder. Erzähl mir einfach, wo das Problem liegt.“

Liam zeigte auf die beiden Sessel vor dem Feuer, ging dann zum Kamin und brachte die kaum noch glimmenden Kohlen erneut zum Glühen. Er legte einen Scheitel Holz auf die winzige Flamme, bevor er sich umdrehte und sich ihnen zuwandte. „Jake. Du zuerst“, sprach er in einem Ton, der keine Diskussion zuließ.

„Ich habe einen Hauptmann der Armee getötet“, sprach Jake und weigerte sich, sich hinzusetzen. Er konnte nicht sitzen. Konnte nicht stillhalten. Er wollte vor Ungerechtigkeit schreien, Gott für seinen Verrat anklagen.

„Warum hast du so etwas Dummes getan?“

Jake zuckte mit den Schultern. „Ich hatte keine Wahl.“

„Man hat immer eine Wahl“, erwiderte Liam.

Zach steckte seine Waffe weg. „Nein, hat man nicht“, sprach er. „Es gab einen Grund dafür, aber er hat den Mann trotzdem umgebracht.“

„Verdammt noch mal, Jake. Dafür werden sie dich verfolgen und erhängen.“ Liam war siebzehn Jahre lang als Oberleutnant im Dienst gewesen und Jake wusste, dass er sich mit der Militärsjustiz auskannte.

„Dieser Hurensohn hatte es verdient zu sterben. Und sobald ich kann werde ich diesen anderen Bastard auch umbringen.“

„Er gehört mir“, zischte Zach.

„Wer?“, fragte Liam.

„Dieser Oberst.“

„Mein Gott! Ihr beiden erzählt mir jetzt besser mal, was hier los ist – und zwar von Anfang an.“

Jake begann, auf und ab zu laufen. Das Parkett knarzte unter seinem Gewicht und er hinterließ kleine Wassertropfen, die von seinen Stiefeln fielen. Er schluckte schwer und atmete tief durch. Er wollte diesen Moment, in dem er Elizabeth verloren hatte, nicht erneut durchleben, aber er wusste, dass er das musste. Für Liam. Damit er es verstand.

„Ich bin zu Elizabeth gegangen, um mich wie jeden Tag mit ihr zu treffen, damit wir uns ein paar Minuten sehen konnten.“ Seine Stimme zitterte und er hielt inne, sammelte sich, um sich dem Moment zu stellen. „Ihre Mutter und ihre Tante hatten sie mit der Hochzeitsplanung beauftragt, also haben wir uns meistens nicht sehr lange sehen können. Als ich dort angekommen bin, habe ich einen Schuss im Haus gehört. Ich bin zur Tür gerannt, aber das verdammte Ding war abgeschlossen und deshalb musste ich sie eintreten. Dadurch habe ich kostbare Zeit verloren. Als ich im Wohnzimmer angekommen bin, standen zwei Männer über Elizabeth. Ihr Gesicht war blutverschmiert.“ Seine Stimme bebte.

Als ob die Erinnerung genau vor ihm war und er alles erneut mit ansah, spürte er, wie ihm die Farbe aus dem Gesicht wich, als er sich an Elizabeths Gesicht erinnerte. Er leckte sich über seine Lippen und konnte die Worte kaum aussprechen. „Ihr Kleid war zerrissen, ihr Rock zu ihrer Hüfte hinaufgeschoben. Der, der die Pistole gehalten hat, war ein Oberst und der andere war ein Hauptmann. Beide komplett in Uniform. Dieser dreckige Hauptmann hatte gerade seine Hose aufgeknöpft, als ich hineingekommen bin. Ich habe ihn auf der Stelle erschossen. Mit der Sekunde, als der Oberst mich gesehen hat, ist er zur anderen Tür, die zur Küche führt, gerannt. Ich bin ihm gefolgt, aber er war schon auf seinem Pferd gesessen und war davongeritten, als ich bei der Hintertür angekommen war.“

Jake blieb stehen. Sein ganzer Körper zitterte. Seine Hände zu Fäusten geballt, seine Knöchel ganz weiß. Er atmete mehrere Male tief durch, um seine Tränen zu unterdrücken, bevor er fortfahren konnte.

Er sah, wie sich die Augen seiner Brüder mit Mitleid füllten und wusste, dass er zu Ende erzählen musste.

Jake redete weiter, so als ob er eine Geschichte rezitierte. Das war die einzige Möglichkeit, wie er die ganze Sache überstehen und diese Momente erneut durchleben konnte. „Als ich dann zurück zum Wohnzimmer gegangen bin, bin ich sofort zu Elizabeth geeilt und habe mich neben sie gekniet. Dieser verfickte Oberst hatte ihr in die Brust geschossen, aber sie hatte noch geatmet. Dann hat sie ihre Augen geöffnet und in ihrem Blick lag panische Angst, bis sie erkannt hat, wer ich war.“ Die Worte blieben ihm im Hals stecken. Er hielt inne. Es war noch zu früh. Die Erinnerung zu frisch und schmerzhaft. Wut stieg in ihm auf.

„Jake“, hat sie zu mir gesagt. „Ich habe versucht, sie aufzuhalten. Ich habe es wirklich versucht.“

„Schht“, habe ich gemeint. „Alles wird gut. Ist schon ok.“

„Ich habe versucht… versucht sie aufzuhalten… John aufzuhalten“, hat sie geflüstert. „Ich liebe dich, Jake.“

„Dann hat sie ihre Augen geschlossen und ist nach ihrem letzten Atemzug in meinen Armen gestorben. Wie lange ich sie im Arm gehalten habe, weiß ich nicht. Schließlich habe ich sie dann irgendwann auf das Sofa gelegt. Ich bin zurück zum Hauptmann gegangen und habe seine Taschen durchsucht, um alles über ihn herauszufinden, was ich konnte.“

„Nachdem er seine Leiche unzählige Male getreten hat“, unterbrach Zach ihn.

„Der Hauptmann war John Longworth. Elizabeth war mit ihm verlobt gewesen, bevor wir uns ineinander verliebt hatten und sie hatte ihn verlassen, um mich zu heiraten. Longworth war die Wahl ihres Vaters gewesen und nicht Elizabeths. Sie hat mir davon erzählt, wie er sie behandelt hatte. Er hat sie geschlagen, aber nie dort, wo man es sehen konnte - wo ihr Vater es sehen konnte. Ich habe ihr gezeigt, dass nicht alle Männer Monster sind. Er war einen weiten Weg gekommen, um ihr das anzutun. In seinen Papieren stand, dass er in Fort Leavenworth stationiert gewesen war.“

Liam wandte sich an Zach. „Wurdest du nicht auch dorthin zugewiesen?“

„Das war ich“, antwortete Zach wütend.

„War?“

„Lass den Jungen seine Geschichte zu Ende erzählen. Dann komme ich zu meiner.“

Liam nickte. „Fahr fort, Jake.“

„Ich wusste nicht, was ich tun sollte, aber ich habe gedacht, dass ich das Richtige getan habe und bin zum Sheriff gegangen. Ich habe ihr erklärt, was ich gesehen habe und was ich getan habe. Dann bin ich zu Bürgermeister Greens Büro gegangen und habe es ihm ebenfalls berichtet. Er hat jemanden zu Tante May losgeschickt, um Elizabeths Mutter abzuholen. Ich wollte nicht, dass Mrs. Green nach Hause kommt und das ganze Chaos und Elizabeth so vorfindet…“

Jake hielt inne und holte tief Luft, musste einen klaren Kopf bekommen und seine Hände entspannen, da er gar nicht realisiert hatte, dass er sie erneut zu Fäusten geballt hatte, bis er aufgehört hatte, zu reden. „Danach bin ich wieder zu ihrem Haus gegangen. Der Sheriff hatte bereits den Bestatter veranlasst, die Leichen abzuholen. Da Elizabeth weg war, gab es keinen Grund mehr für mich dort zu bleiben, also bin ich gelaufen und gelaufen. Ich bin die ganze Nacht umhergewandert, bis ich irgendwie irgendwann wieder zu Hause angekommen bin.“

Er fuhr sich mit der Hand durch sein Haar, das an den Spitzen noch immer von dem Wolkenbruch draußen Nass war. „Der Sheriff ist am Morgen zu meinem Haus gekommen, sie hat mein Pferd mitgebracht und meine Aussage aufgenommen. Dann habe ich herausgefunden, dass es noch eine andere Version von dem gibt, was passiert war. Dieses Arschloch, das davongekommen ist, war Richard Jordan. Der Bastard hat Elizabeths Vater erzählt, dass ich sie in einem betrunkenen Wutanfall vergewaltigt und getötet habe und den Hauptmann erschossen habe, als er versucht hat, mich aufzuhalten. Zu meinem Glück hat der Sheriff ihm nicht geglaubt, da ich gleich zu ihr gekommen bin und sie wusste, dass ich nicht betrunken war und an niemandem meine Wut ausgelassen habe außer an den Hurensöhnen, die ihr das angetan haben.“

Jake sackte auf einem Sessel zusammen, seine Beine konnten ihn nicht länger tragen, nachdem er diese ganze, fürchterliche Sache erneut durchmachen musste.

Zach übernahm. „Und da komme ich ins Spiel. Der Oberst hatte das Fort besucht. Longworth war ein alter Freund von ihm. Oberst Jordan hatte mich und meine Einheit angewiesen, mit ihm mitzukommen und Jake zu verhaften. Er wusste nicht, dass wir Brüder sind. Oberst Jordan ist fest entschlossen, Jake erhängen zu lassen, um seine Kariere und sein eigenes Leben zu schützen. Er will, dass Jake vor dem Militärgericht wegen Mordes angeklagt wird. Um es aber kurz zu halten, habe ich den Oberst niedergeschlagen, meine Männer haben den anderen Weg versperrt, ich habe mir Jake geschnappt und bin gerannt.“

Zach beugte sich nach vorn und stützte sich mit den Ellbogen auf seine Knie. „Jetzt sind wir beide hier und auf der Flucht vor dem Gesetz. Wenn sie uns schnappen, werde ich dafür vors Gericht gezogen, dass ich einen ranghöheren Offizier angegriffen habe und ebenfalls wegen Desertion. Jake wird wegen dem Mord am Hauptmann angeklagt werden.“

„Scheiße!“ Liam wandte ihnen spürbar frustriert den Rücken zu und starrte in die Flammen, die nun loderten und knisterten. „Warum seid ihr hierhergekommen? Ich muss an die Kinder denken.“

„Wir haben nicht vor, dich und die Kinder da mit hineinzuziehen. Ich wusste, dass du morgen gehst. Ich wollte dich nochmal sehen, bevor wir ganz und gar verschwinden“, sagte Zach.

Jake, der immer noch wie betäubt dasaß, sah zu, wie sein ältester Bruder auf dem Teppich auf und ab lief, wie es Jake nur Minuten zuvor getan hatte. „Liam, ich…“ Schuldgefühle raubten ihm die Worte.

„Was ist mit dem Sheriff und ihrem Vater, dem Bürgermeister? Glauben sie dir nicht?“, fragte Liam.

Jake lehnte sich im Sessel zurück. Er hatte nicht geschlafen, seitdem der Mord passiert war. War es wirklich erst zwei Tage her? Sein Kopf und sein Körper waren mehr als erschöpft. Er war mit den Nerven am Ende. „Der Sheriff hat mir geglaubt und mich nicht verhaftet. Bürgermeister Green vertraut dem Oberst, weil er eben ein Oberst ist und ein Freund von Elizabeths Ex-Verlobtem Longworth. Jordan hat den Bürgermeister davon überzeugt, dass er und der Hauptmann mich überrascht haben und ich den Hauptmann erschossen habe. Ihr Vater hat Elizabeth nie die Zustimmung gegeben, mich zu heiraten, wenn sie stattdessen die Ehefrau eines Hauptmanns hätte sein können.“

Liam sah die beiden an. Es dauerte lange, bevor er etwas sagte, so, als ob er alles in seinem Kopf berechnete und jedes Wort abwägte, bevor er eine Entscheidung traf. „Ich weiß, dass dir gerade nichts lieber wäre, als dich auszuruhen, aber das können wir nicht. Wir verschwinden auf der Stelle. Packt den Wagen. Wir müssen so viel Strecke wie möglich zurücklegen, bevor wir morgen anhalten. Es wird eine lange Reise.“

Liam warf Jake eine Tasche zu. „Fangt an aufzuladen.“

„Wohin gehen wir?“, fragte Jake und fing die Tasche, obwohl es ihm ziemlich egal war, wohin sie gingen. Alles, was ihm in seinem Leben wichtig war, war weg.

„Deadwood. Im Gebiet Dakotas“, sagte Liam. „Ich habe einen Goldgrund.“

KAPITEL 1

August 1876

Er war tot. Toter als tot. Becky Finnegan erinnerte sich daran, die Leiche über den Steinen ausgebreitet gefunden zu haben wie bei einer jährlichen Opfergabe an einen unbekannten Gott. Zum Teufel, das war etwas, das sie wahrscheinlich niemals vergessen würde. Sie musste ihn liegenlassen, um ihren Tunichtgut-Säufer-Vater Billy aus dem TheGem abzuholen, wo er all das Gold ausgab, für das sie den ganzen Tag schuften musste, um es überhaupt erst zu bekommen.

Sie hatte Billy erneut angelogen und ihm nur ein Teil ihres Goldes abgegeben. Wenn sie ihm alles gegeben hätte, wie er es wollte, wäre nichts mehr übriggeblieben um Essen zu kaufen oder die Siebe oder andere Ausrüstung, die sie benötigte, um ihr Gold zu schürfen. Dann wäre aber nichts mehr übrig, womit er seine Sorgen ertränken konnte. Sorgen, an denen sie schuld war, wie er sagte, da Becky ihre Mutter umgebracht hatte, indem sie geboren wurde. Und dann würde er sie schlagen und sie würde nicht arbeiten können, dann hätten sie wieder kein Gold und der Teufelskreis würde von vorn beginnen. Es war besser, ihn anzulügen.

Resigniert schnappte sie sich das Zaumzeug des Maultiers. Buster schnaubte, als sie leicht an den Zügeln zog und flussabwärts den schmalen Pfad entlang des Bachs hinablief. Sie hatte diesen Pfad erschaffen, indem sie tagtäglich den Weg zu ihrem Goldgrund auf und ab lief - nachdem sie Billy vom The Gem abgeholt hatte, wo er den ganzen Tag damit verbracht hatte, seine Sorgen zu ertränken. Besser als in ihrem Lager, wo er sich nur beschwert und sie dann aus Jux und Tollerei geschlagen hätte.

Sie und ihr Vater Billy kamen ursprünglich aus den Kohlebergwerken in West Virginia. Manche meinten, sie wären Rebellen, da West Virginia im Aggressionskrieg des Nordens zum Süden gehört hatte. Das war aber sehr, sehr lange her und sie hatten sehr, sehr viele Zwischenstopps auf ihrem Weg eingelegt. Becky erinnerte sich kaum noch an den Ort. Sie schätzte mal, dass der einzige Grund, weshalb sie ihn nicht ganz und gar vergaß, ihre Großmutter Bess war, mit der sie dort zusammengelebt hatte. Das waren die Erinnerungen, an die sie gerne zurückdachte. Großmutter Bess war immer so lieb zu ihr gewesen, aber dann war es für sie an der Zeit zu gehen. Dann gab es nur noch Billy und einen neuen Ort nach dem anderen.

Jedes Mal hoffte sie, dass jener der Ort war - der, an dem sie ihre Wurzeln schlagen konnten, aber das war nie der Fall. Billy nutzte immer das Wohlwollen der Landsleute aus, bis nichts mehr davon übrig war und sie weiterziehen mussten.

Mit ihrer Bildung hatte sie Glück gehabt. Eine der Damen, für die sie gearbeitet hatte, hatte Mitleid mit ihr gehabt und ihr beigebracht zu lesen, zu schreiben und sich auszudrücken, damit sie irgendwann bessere Arbeitsstellen finden konnte. Jedoch nicht genug, um Billy damit zu versorgen, weshalb sie den ganzen Tag im kalten Fluss mit der Goldwäsche verbrachte, um alle Goldstückchen und -nuggets zu finden, die sie nur finden konnte.

Sie ging ins Gem und sah Billy, wie er mit dem Gesicht nach unten auf einem der Tische neben der Tür lag.

„Hallo, bin nur gekommen, um Billy zu holen“, sagte sie zu dem Mann hinter der Bar.

„Ah, wenn das nicht Miss Finnegan ist. Wo sind deine blauen Flecken, Becky? Schätze mal, Billy hat seine Fäuste in letzter Zeit unter Kontrolle gehalten“, sagte Al Swearengen, Besitzer des Gems und Mädchenhändler, der oben vor seinem Büro im ersten Stock stand.

„Bestimmt nicht dank Ihnen und all dem Whiskey, den er hier hinunterkippt“, antwortete sie. Sie hatte ein fortlaufendes Gespräch mit Al, jedes Mal, wenn sie Billy abholte.

„Danke dafür. Ich liebe das Gold, das Billy jeden Abend hierlässt. Er hält mein Geschäft fast ganz alleine am Laufen.“

Sie rollte mit ihren Augen, sah hinüber zu Billy und fragte sich, ob sie wirklich mit diesem Taugenichts verwandt sein konnte. Sie würde den Barkeeper darum bitten, ihn auf das Maultier zu heben. Wenn sie dann zurück im Lager waren, würde sie ihn losbinden und nach unten rutschen lassen. Sie hatte versucht, ihn zu stützen und seinen Sturz zu mildern, aber zu viele Male war sie dann unter ihm gefangen gewesen, bevor sie seinen schweren Körper von sich herunterschieben konnte. Völlig ungeachtet der ganzen Situation schlief er seelenruhig die Auswirkungen seines Alkoholvollrausch aus.

Genauso viele Male hatte sie ihn einfach im The Gem liegenlassen, damit sie sich dort um seinen jämmerlichen Arsch kümmerten…

„Ich sehe zu, dass sich um diesen Kerl gekümmert wird“, sagte der Barkeeper. „In der Zwischenzeit schaust du lieber, dass du mit deinem Vater so schnell wie möglich von hier verschwindest. Ich sage dir immer wieder, das ist kein Ort, an dem sich ein Mädchen wie du blicken lassen sollte.“

„Oh, da wäre ich mir nicht so sicher, Dan“, meinte Al, der in seinem dreiteiligen Nadelstreifenanzug adrett aussah. Er trug keine Krawatte und sein Hemd war an seinem Kragen geöffnet. Becky reckte ihren Hals, um zu ihm nach oben zu sehen. „Wir könnten ihr eine Arbeit geben, die viel einfacher wäre, als andauernd Gold zu schürfen. Würde dir das nicht gefallen, Becky? Müsstest nicht mehr in diesem kalten Fluss stehen. Du würdest zwar flach auf deinem Rücken liegen, aber dir wäre warm.“

Er lehnte sich an das Geländer des Gangs im ersten Stock. Das kleine balkonartige Gebilde erstreckte sich über die ganze hintere Wand des Gebäudes, wo sich alle Türen zu den Hurenzimmern befanden, die von der Bar aus zu sehen waren, damit der Barkeeper im Auge behalten konnte, wann die Männer die Räumen betraten und verließen.

„Heute nicht, Mr. Swearengen, aber ich werde Ihr Angebot sicherlich im Kopf behalten.“ Sie hoffte, dass der Sarkasmus in ihrem Ton zu erkennen war.

Swearengen lachte - ein lautes Grollen tief aus seiner Brust. „Mach das. Hilf ihr, Billy auf ihr Maultier zu schaffen“, sagte er zu dem Barkeeper, drehte sich dann um und lief zurück in sein Büro. „Bis morgen, Becky“, rief er über seine Schulter.

Sie nickte, sah sich dann die leichten Mädchen an, die alle unterschiedlich wenig bekleidet in dem Raum saßen und Dan still zustimmten. Sie sollte hier verschwinden. Sie verstand nicht, wie sie das tun konnten, was sie taten. Sie würde lieber Tag und Nacht im Bach arbeiten, als jeden beliebigen Mann mit einem Dollar in seiner Tasche sie auf solch eine Weise anfassen zu lassen.

*****

Die Straße, die nach Deadwood führte, war meilenweit mit Wägen jeglicher Form und Größe überfüllt. Familien, Kaufmänner, aber hauptsächlich einzelne Männer – sie alle suchten ihr Glück in den Goldfeldern.

Für das letzte Stück der Reise brauchten sie fast den ganzen Tag, nur, um die letzten beiden Meilen von der Spitze des Hügels, von dem aus man die Siedlung überblicken konnte, bis nach Deadwood selbst hinter sich zu legen. Die Stadt war quasi über Nacht entstanden, nachdem die Nachricht des Goldfunds in die Welt gedrungen war.

Gebäude jeder Größe reihten sich an der Hauptstraße entlang. Vor den Gebäuden waren Zelte aufgeschlagen. Die größten Gebäude waren das Gem Theater, das Grand Hotel und das Bella Union. Erschöpfte Goldsucher konnten dort ihr hart verdientes Gold für Alkohol, Frauen und Glücksspiel in den Saloons und Bordells des Gems und des Bella Unions ausgeben. Orte, an denen sie sich an einfachere Zeiten erinnern konnten, als sie Bauern, Rancher, Anwälte und Seemänner gewesen waren. Die Leute kamen aus allen Gesellschaftsschichten, die alles aufgegeben oder während des Gründerkrachs 1873 alles verloren hatten.

Jake beobachtete die Gegend von seinem Pferd aus, während er hinter Liams Kutschenwagen herritt. Er und Zach hatten sich abgewechselt, an der Spitze vor dem Wagen zu reiten und nun war Zach an der Reihe. Nachdem sie mehr als fünf Monate lang gereist waren, fing er an, sich zu fragen, ob sie jemals in Deadwood ankommen würden. Sich ununterbrochen nach hinten umzudrehen um nachzusehen, ob die Armee sie finden würde, bevor sie aus dem Staat Missouri verschwinden konnten, hatte sie alle auf der ersten Hälfte der 1000 Meilen langen Reise wahnsinnig nervös gemacht.

Deadwood befand sich auf indianischem Land und oblag deshalb keinen Gesetzen irgendeiner Regierung. Diese kleine Tatsache würde sie am Leben halten, zumindest vorerst. Er hoffte, dass ihr Glück anhielt und sie sich dort unbemerkt unter die Leute mischen konnten.

Als sie schließlich an der Hauptstraße angekommen waren, gingen sie unverzüglich zum Kaufmannsladen. Liam hatte gemeint, dass die Besitzerin des Lands, das er gekauft hatte, den Laden besaß. Jake ging mit Liam hinein, während Zach mit den Kindern am Wagen blieb.

Den Markt besaß und führte Lily Sutter. Ihr Bruder Horace war auf dem Goldgrund gestorben und sie wollte nichts mehr damit zu tun haben, also hatte sie eine Anzeige in den Zeitungen veröffentlichen lassen und alles an die erste Person verkauft, die sich gemeldet hatte und das nötige Geld besaß. Das war Liam gewesen.

Miss Sutter war eine hübsche, kleine, blonde Frau, die wirkte, als würde sie das Geschäft ganz gut ohne die Hilfe von einem Ehemann oder Bruder führen können. Definitiv keine schwächliche, dümmliche Art von Frau, die mit Samthandschuhen angefasst werden musste. Bei ihr drehte sich alles ums Geschäft und sie ließ sich von niemandem etwas gefallen. Trotzdem gab es keinen Arbeiter, keinen Kaufmann und keine Mutter, die ohne Lächeln auf den Lippen aus ihrem Laden gelaufen kam. Jake war beeindruckt.

Liam ging auf den Tresen zu, während Jake ihm folgte. „Miss Sutter? Ich bin Liam Anderson“, sagte er und verwendete ihren echten Namen. „Das ist mein Bruder Jake.“

„Die Herrschaften Anderson, es freut mich, dass Sie endlich hier angekommen sind.“ Sie wischte sich ihre Hände vorn an ihrer weißen Schürze ab und streckte Liam dann ihre Hand entgegen.

Er nahm das zierliche Körperteil entgegen und sagte: „Mich auch. Können Sie mir den Weg zu dem Grund beschreiben? Ich würde gerne vor Nachteinbruch alles vorbereitet haben.“

„Natürlich. In dem Fluss wird immer noch für mich gearbeitet, aber nun, da Sie hier sind, werden Sie die Arbeiten selbst übernehmen können. Ich habe eine Karte für Sie fertigen lassen. Ich wusste nicht, wann Sie ankommen würden, also habe ich sie hier bereitgehalten. Hier ist sie.“

Sie griff unter den Tresen und holte zwei Stücke Papier hervor, die sie Liam reichte. Auf der einen war eine Karte gezeichnet und auf dem anderen wurde die Übertragung an Liam schriftlich festgehalten.

„Vielen Dank, Miss Sutter. Ich weiß es zu schätzen, dass Sie den Abschnitt für mich aufrecht gehalten haben, indem Sie jemanden dort arbeiten lassen haben.“

„Keine Ursache, Sir. Das war in unser beider bestem Interesse, dass ich das getan habe. Die Person, die für Sie in dem Fluss arbeitet, braucht das Geld, das ich ihr zahle. Außerdem erlaube ich ihr, fünfzig Prozent des Goldes, das sie findet, zusätzlich zu dem nominellen Tagessatz, den ich ihr zahle, zu behalten – also ist die Situation ein Gewinn für alle.“

„Sie? Ihr Goldarbeiter ist eine Frau?“, fragte Liam.

„Ja. Sie und ihr Vater besitzen das Schürfrecht für den Grund neben meinem… äh… Ihrem.“ Eine hübsche, leichte Röte trat ihr bei ihrem Irrtum ins Gesicht. „Die Situation war ideal gewesen, um sie zu fragen, ob sie auf dem Grund und an der Ader aktiv arbeiten wollte, damit ich sie verkaufen konnte. Wenn sie nicht in Betrieb ist, kann jeder das Land übernehmen. Viele der Chinesen übernehmen die inaktiven Abschnitte. Ich wollte nicht, dass das passiert, also habe ich Becky gebeten, für mich dort zu arbeiten.“

Ein Kunde betrat den Laden und Miss Sutter hielt einen Finger nach oben. „Entschuldigen Sie mich. Ich bin gleich wieder zurück“, sagte sie, bevor sie ging, um dem Mann zu helfen.

Ein paar Minuten später kam sie wieder. „Tut mir leid, aber mein reguläres Geschäft steht an erster Stelle. Ich dachte mir, dass unser Gespräch ein wenig länger dauern würde, als ich den Mann hätte warten lassen wollen. Jedenfalls… ja, Becky Finnegan wäscht das Gold für mich. Ihr Vater sollte ihr eigentlich bei der Arbeit helfen, aber er ist ziemlich nutzlos, wenn Sie mich fragen. Brauchen Sie Lebensmittel?“

Jake gab sich große Mühe, dem Gespräch zu folgen. Miss Sutter war wie ein Feuerball. Sprang von einer Sache zur nächsten.

„Ja“, antwortete Liam. „Wir brauchen allgemeine Lebensmittel für gut einen Monat. Zucker, Mehl, Kaffee, Salz, Maismehl und Bohnen. Wir brauchen auch etwas Speckschwarte. Haben Sie Eier? Wir hatten seit über zwei Monaten keine Eier mehr und es wäre etwas Besonderes, heute welche zum Abendessen zubereiten zu können.“

Sie nickte. „Ja, wir verkaufen Eier. Wie viele brauchen Sie? Ein Dutzend kosten einen Dollar und fünfzig Cent. Ich weiß, dass das teuer im Vergleich zu dem ist, was Sie gewohnt sind, aber Sie werden merken, dass alle Preise in einer Goldstadt höher sind.“

„Das kann ich verstehen. Ich nehme zwei Dutzend. Wie gesagt, es ist was Besonderes für uns.“

„In der Straße hinter meinem Laden finden Sie eine Frau, die ihren Lebensunterhalt damit verdient, Brot zu backen. Vielleicht wollen Sie ja mal bei ihr vorbeischauen.“

„Vielen Dank. Ich bekomme Maisbrot mittlerweile ziemlich gut hin, aber wie man normales Brot backt, ist mir ein völliges Rätsel.“

Miss Sutter musste lachen. Jake hatte ein leises, mädchenhaftes Kichern erwartet, aber sie hatte ein kräftiges, herzliches Lachen, das tief aus ihrem Bauch heraus kam. Er fand sie bezaubernd… für eine ältere Dame. Immerhin war sie wahrscheinlich um die dreißig Jahre alt.

Liam und Jake beluden den Wagen mit den Lebensmitteln. Zach war damit beschäftigt, die fünfjährige Hannah zu beschäftigen und vom Verkehr auf der Straße fernzuhalten. Männer, Tiere und Fahrzeuge kämpften alle um das Vorfahrtsrecht. Er konnte sie keine Minute lang herunterlassen, sonst wäre sie zertrampelt worden. Die Reise war lang gewesen und Hannah und David hatten sich beide wirklich gut benommen, aber nach fünf Monaten brauchten sie ein wenig Beständigkeit.

„Lasst uns gehen. Ich möchte das Lager aufgeschlagen und das Abendessen serviert haben, bevor es dunkel wird“, sagte Liam, als er den letzten Sack Mehl in den Conestoga legte. Dann kletterte er hinauf und schwang die Zügel auf die Hintern der vier Pferde, die den großen Wagen zogen.

Jake musste zugeben, dass auch er bereit dafür war, dass diese Reise ein Ende fand. Er würde froh sein, aufzuwachen und nicht einen weiteren Tag im Sattel vor sich zu haben.

*****

Die neuen Besitzer der Fundstelle #9 des Goldlands hatten ihre Zelte aufgeschlagen. Becky beobachtete sie von hinter einem Baum auf einer Klippe aus, die sich weit über dem Grundbesitz der beiden erstreckte. Jeder von ihnen besaß die Hälfte des Landes, das man von der Klippe aus sehen konnte.

Es waren drei Männer und zwei Kinder, das jüngste sah wie ein Mädchen aus. Das arme Ding. Mit der Arbeit auf der Suche nach Gold aufzuwachsen war nicht einfach. Hoffentlich war ihr Pa nicht wie Billy. Vielleicht, da es ja drei Männer waren, achteten sie gegenseitig darauf, dass sie nüchtern blieben. Billy dachte nicht oft an sie, außer, wenn er versuchte, ihr Honig ums Maul zu schmieren, damit er Geld bekam und ins Gem gehen konnte. Die restliche Zeit ignorierte Billy sie. Betrachtete sie als ein Kind, dem es nicht wert war, zuzuhören. Ein Kind!! Sie hatte die meiste Zeit ihres Lebens die Aufgaben eines Erwachsenen übernehmen und sich um Billy kümmern müssen, seitdem sie elf war.

Der Gedanke an ihr siebtes Lebensjahr brachte tiefsitzende Trauer in ihr auf und sie fragte sich, ob der Schmerz jemals verschwinden würde. Das war das Jahr, in dem Großmutter Bess gestorben war. Großmutter hatte sie aufgezogen, nachdem sie geboren wurde und Billy sie nicht wollte. Ihre Mama war während ihrer Geburt gestorben und Billy gab ihr die Schuld dafür. Immerhin hatte Billy es richtig gemacht und sie zu sich geholt, als Großmutter Bess gestorben war… zum Arbeiten. Seitdem hatte sie sich um ihn gekümmert.

Nun, mit dreiundzwanzig, fühlte sie sich alt. Gewiss älter als andere Frauen in ihrem Alter, vielleicht mit Ausnahme der Huren im The Gem. Sie dachte, dass diese sich wohl manchmal ziemlich alt fühlen mussten, wenn sie all die scheußlichen Männer mit sich machen ließen, was immer sie auch mit ihnen anstellen wollten. Sie schüttelte mit dem Kopf. Sie wollte nicht über diese armen Mädchen nachdenken.

Sie konzentrierte sich wieder darauf, die Neuankömmlinge zu beobachten und dachte, dass sie sich ihnen wohl vorstellen sollte. Sie kennenzulernen war das Richtige und Vernünftige und ihre Großmutter Bess hätte es so gewollt. Außerdem würden sie sie fast jeden Tag sehen, wenn sie auf ihrem Weg nach und von Deadwood an ihnen vorbeiritt, um Billy zu holen.

Sie drückte sich von dem Baum weg, hinter dem sie sich versteckte und lief den Pfad hinunter zu ihrem und Billys Flussabschnitt. Dann sattelte sie Buster, ihr Maultier und machte sich auf den Weg Richtung Deadwood. Sie musste sowieso zu Sutters Laden und Einkäufe erledigen.

Becky bewunderte Lily Sutter. Sie hatte ihr Geschäft nicht geschlossen um zu trauern, als ihr Bruder gestorben war. Hatte gemeint, dass er sowieso nie zu Hause gewesen war, seitdem das Goldfieber ihn gepackt hatte und sie hatte eine Tochter, für die sie sorgen musste.

Das war noch etwas an Lily, was sie bewunderte. Sie hatte ein außereheliches Kind und schämte sich nicht dafür. Sie und ihr Bruder hätten es leugnen können, aber sie hatte gemeint, dass Gemma das Beste war, was ihr jemals passiert war und Lily niemals wollte, dass sie dachte, dass sie sich für sie schämte.