JAKOB RUBINSTEIN - Andreas Gruber - E-Book
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JAKOB RUBINSTEIN E-Book

Andreas Gruber

4,5

Beschreibung

Scheinbar sind die düsteren Gassen Wiens der Mittelpunkt unheimlicher Lügen, Intrigen und Verschwörungen. Geheimnisse werden vom Innenministerium vertuscht, Menschen verschwinden spurlos, Konzerne führen inoffizielle Experimente, doch der jüdische Privatdetektiv JAKOB RUBINSTEIN deckt sie auf … eher zufällig, denn mit brillanter Logik. An seiner Seite recherchieren seine Schwester Rachel, seine Sekretärin Lisa, der homosexuelle Kolumnist Nicolas Gazetti und der faule Kater Dr. Watson – ein Team, das erfolgloser nicht sein könnte, doch mit dem Wiener Bürgermeister Dr. Gödl haben sie ein starkes Ass im Ärmel. Gemeinsam nehmen sie es mit Psychiatern, Wissenschaftlern, der Ärzte-Lobby, der Wiener Polizei und den Regierungsbeamten des In-nenministeriums auf, in deren Dunstkreis sie mit ihren Ermittlungen ständig schlittern. Sechs sonderbare Kriminalfälle eines jüdischen Privatdetektivs aus den dunklen Ecken Wiens – von Andreas Gruber. "Ein sprühendes Feuerwerk voll skurriler Ideen und schräger Figuren." [Veit Etzold - Autor]

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Beliebtheit




Jakob Rubinstein

sechs sonderbare Kriminalfälle

von Andreas Gruber

Für Gaby Willhalm,weil wir beide den Geruch von Büchern lieben.

 

»Es ist besser, sein Wissen zu verheimlichen, als sein Unwissen preiszugeben.«

 

– jüdisches Sprichwort –

 

Impressum

Deutsche Erstausgabe Copyright Gesamtausgabe © 2016 LUZIFER-Verlag Alle Rechte vorbehalten. Das Werk darf – auch teilweise – nur mit Genehmigung des Verlages wiedergegeben werden.

Cover: Michael Schubert

Dieses Buch wurde nach Dudenempfehlung (Stand 2016) lektoriert.

ISBN E-Book: 978-3-95835-202-5

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Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek:

Inhalt

Jakob Rubinstein
Impressum
Vorwort- Woher die Idee zu Jakob Rubinstein kam
Prolog
Erster Fall - Der fünfte Fahrgast
1. Kapitel
2. Kapitel
3. Kapitel
4. Kapitel
5. Kapitel
6. Kapitel
7. Kapitel
8. Kapitel
Zweiter Fall - Das Pendelmetronom
1. Kapitel
2. Kapitel
3. Kapitel
4. Kapitel
5. Kapitel
6. Kapitel
7. Kapitel
8. Kapitel
Dritter Fall - Der mysteriöse Tod des Eduard Kaminsky
1. Kapitel
2. Kapitel
3. Kapitel
4. Kapitel
5. Kapitel
6. Kapitel
7. Kapitel
8. Kapitel
Vierter Fall - Spurlos verschwunden oder nie existiert
1. Kapitel
2. Kapitel
3. Kapitel
4. Kapitel
5. Kapitel
6. Kapitel
7. Kapitel
8. Kapitel
Fünfter Fall - Das Mosaik des Todes
1. Kapitel
2. Kapitel
3. Kapitel
4. Kapitel
5. Kapitel
6. Kapitel
7. Kapitel
8. Kapitel
Sechster Fall - Finale in der Hofburg
1. Kapitel
2. Kapitel
3. Kapitel
4. Kapitel
5. Kapitel
6. Kapitel
7. Kapitel
8. Kapitel
Epilog
Über den Autor

Vorwort - Woher die Idee zu Jakob Rubinstein kam

Ich wollte schon immer Autor werden und eines Tages auch von der Schriftstellerei leben können. Dieser Wunsch – keine Ahnung woher der kam, denn in meiner Familie gab es weder Literaten noch Journalisten oder Künstler irgendwelcher Art – hat mich schon in frühen Jahren geprägt.

Mit fünf Jahren, zu einem Zeitpunkt als ich noch nicht schreiben konnte, habe ich begonnen Comics mit Sprechblasen zu zeichnen. Allerdings standen keine Wörter in diesen Sprachblasen, sondern nur Symbole, die ich damals für Wörter gehalten habe, in der Hoffnung, dass es niemand bemerken würde. In diesen Bildergeschichten strandeten Micky Maus und Goofy nach einem Flugzeugabsturz auf einer einsamen Insel, auf der sie sich ein Baumhaus bauten. Damals hatte ich sozusagen schon die Handlung der TV-Serie LOST vorweggenommen.

»Ach, wie schön!«, sagten meine Eltern stolz, als sie meinen Comic betrachteten. »Unser Sohn wird einmal Maler.«

Meinen ersten Roman schrieb ich dann mit neun Jahren, während der Sommerferien im Keller der Schrebergartenhütte meiner Eltern. Mit einem Bleistift auf einem Notizblock. Es war ein Krimi. Der Roman hieß Moneten, Bier und heiße Bräute. Aber nach drei Seiten waren alle Helden tot. Der Roman war zu Ende – und meine vorläufige Schriftstellerkarriere ebenfalls.

Schließlich erlernte ich mit fünfzehn Jahren während meiner Schulzeit an der Handelsakademie das Zehnfingersystem auf der Schreibmaschine. Ich schrieb wie der Teufel! Dieses neue Wissen musste natürlich sofort sinnvoll genutzt werden, und so verfasste ich auf der damals noch mechanischen Schreibmaschine meiner Mutter meine ersten Horror-Heftromane. Nur dass es sich dabei bloß um zwei A4-Seiten handelte, die einmal gefaltet von Heftklammern zusammengehalten wurden. Diese Storys meines Geisterjägers waren Hommagen an die große Heftroman-Ära von John Sinclair, Larry Brent und Professor Zamorra. Doch mein Geisterjäger jagte weder Vampire, Zombies oder Ghouls, sondern vernichtete mit Amulett und geweihten Silberkugeln reihenweise Gössingers. Gössingers deshalb, weil einer meiner Schulkollegen Gössinger hieß und einem Zombie verdammt ähnlich sah.

Danach habe ich mich mit neunzehn Jahren noch einmal an einer Schriftstellerkarriere versucht. Immerhin sind alle guten Dinge drei. Diesmal mit ernsthaften Kurzgeschichten auf einer neuen elektronischen Schreibmaschine, jedoch habe ich von den großen Verlagen nur Absagen erhalten. Einen vierten und letzten Anlauf unternahm ich schließlich 1996 mit achtundzwanzig Jahren, und zwar auf einem der ersten Laptops, die es damals gab. Erst zu diesem Zeitpunkt gelangen mir Veröffentlichungen von Kurzgeschichten in Magazinen und Anthologien. Seither schreibe ich regelmäßig.

»Ich zweifle an dem Geisteszustand der Menschen, wenn sie freie Schriftsteller werden wollen«, hat der deutsche Schriftsteller und Literaturhistoriker Walter Jens einmal behauptet.

Wie recht er damit doch hat!

Man muss schon ein wenig geisteskrank sein oder ein von Geschichten Besessener, so wie ich. Oder beides! So wie ich.

Nach einer Storysammlung mit Horror-Kurzgeschichten und einer weiteren mit Science-Fiction-Erzählungen sollte Jakob Rubinstein mein drittes Buch werden.

Wie es dazu kam?

Ich wollte mich von Kurzgeschichten langsam zum Roman vorantasten und habe mit Jakob Rubinstein einen Episodenroman mit fünf in sich abgeschlossenen Fällen geschrieben. Dabei sollten sich einige Subplots wie ein roter Faden durch die Geschichten ziehen und Prolog und Epilog dem Buch einen Rahmen geben.

Dabei hätte der jüdische Detektiv Jakob Rubinstein ursprünglich Jake Sullivan heißen und in New York ermitteln sollen. Allerdings erschien es mir falsch, anglo-amerikanische Autoren kopieren zu wollen und meine Storys in einem amerikanischen Setting zu platzieren. Außerdem war es leichter, mir bekannte Schauplätze zu verwenden, als über Locations zu schreiben, die ich – zumindest damals – noch nicht gesehen hatte. Was war also naheliegender als aus Jake Sullivan einen Wiener Privatdetektiv mit jüdischen Wurzeln zu machen, der seine Fälle nicht nur mit Kombinationsgabe löste, sondern auch jegliche Zufälle nutzte und eine Portion jiddische Weisheit ins Spiel brachte. Dabei würde er in psychiatrischen Anstalten ermitteln, in Bahnhöfen, Krankenhäusern und Wiener Galerien, und am Ende des Buches sogar – ganz in der Tradition des Dritten Mannes – in die legendäre Kanalisation der ehemaligen k.u.k. Kaiserstadt hinabsteigen.

Aber wie sollte dieser Rubinstein aussehen?

Als ich meine ersten, damals noch unveröffentlichten Kurzgeschichten schrieb, hatte ich reale Vorbilder für meine Charaktere gewählt: Freunde und Verwandte. Aber das hatte nicht funktioniert, denn die Figuren hatten in meinen Geschichten wie die realen Vorbilder agiert und waren für meine Handlung unbrauchbar geworden.

Schließlich wurden Jakob Rubinstein, Nicolas Gazetti und ihre Freunde und Helfer genauso wie die späteren Figuren meiner Storys vollständig auf dem Reißbrett entworfen. Somit blieb von der ursprünglichen New Yorker-Idee nur noch ein Detail übrig: Rubinstein ist Jazz-Fan und hört leidenschaftlich gern Frank Sinatra.

Rein optisch schwebte mir der übergewichtige Jakob Rubinstein als eine Mischung zweier Schauspieler vor, deren Namen ich Ihnen jetzt nicht verraten möchte, da Sie sich Ihr eigenes Bild von Rubinstein machen sollen. Als Testleserin kennt meine Frau diese Vorlage natürlich, und sogar noch heute, wenn wir einen Film sehen, in dem einer dieser Schauspieler plötzlich in einer Nebenrolle auftaucht, entfährt uns ein: »Schau, der Jakob Rubinstein!«

Nachdem eine österreichische Journalistin die Erstveröffentlichung seinerzeit gelesen hatte, hat sie mir bei einem Interview verraten, dass sie diesen satirischen Cross-over aus Mystery und Thriller eigentlich ganz gut fände. »Aber warum muss Jakob Rubinstein ausgerechnet ein Jude und sein bester Freund Nicolas Gazetti unbedingt schwul sein? Ist das nicht gefährlich, so etwas zu schreiben?«

Gefährlich? Ich konnte nur verwundert den Kopf schütteln. Einige meiner besten Freunde sind schwul, und außerdem liebe ich den intelligenten jiddischen Humor. Und weil es damals – mehr noch als heute – einige Ressentiments gegenüber Schwulen und Juden gab, vor allem in einer konservativen Stadt wie Wien, war es mir ein Bedürfnis, dieses Ermittlerduo so zu kreieren und in Wien anzusiedeln.

Oj, oj, oj!

Mittlerweile ist die Erstauflage von dreihundert Stück längst vergriffen, aber der Luzifer Verlag gab mir die Möglichkeit, das Buch völlig zu überarbeiten, die Storys aufzupolieren und einen neuen zusätzlichen sechsten Fall zu schreiben, basierend auf einer Idee, die mir schon lange durch den Kopf ging.

Jetzt möchte ich Sie aber nicht mehr länger aufhalten und wünsche Ihnen viel Spaß mit Jakob Rubinstein und seinen mysteriösen Ermittlungen in den dunklen Ecken Wiens.

Prolog

Grausberger, ein schmächtiger Mann mit Hornbrille und Seitenscheitel, betrat auf leisen Sohlen den Raum. Langsam zog er die Tür hinter sich ins Schloss. Das Zimmer war fensterlos, wie auch die anderen Büros im tiefen Keller des Gebäudes. Nur eine Tischlampe erhellte den Raum. Das Licht blendete Grausberger für einen Moment.

Er fischte eine Akte unter dem Arm hervor und legte sie vor sich auf den Tisch. Helene von Hörig stand in Maschinenschriftlettern auf dem grauen Deckel des Dokuments. Nervös trommelte er mit den Fingern auf dem Pappdeckel. Schließlich stieß er die Mappe von sich. Die Akte rutschte über die Tischfläche und wurde am gegenüberliegenden Ende von einer fleischigen Hand gestoppt.

Grausberger räusperte sich. »Wie behandeln wir den Fall?«

Die stämmige Gestalt, die hinter dem Tisch im Dunkeln saß, warf einen flüchtigen Blick auf das Dokument. »Gar nicht!« Der beißende Zigarrenqualm einer Davidoff waberte durch den Raum. Stoff raschelte, als der Mann den Knopf seines Sakkos öffnete.

»Gar nicht?« Grausberger hatte eigentlich eine konkrete Anweisung erhofft. Irgendwie musste der Fall doch vertuscht werden.

»Sie haben richtig verstanden«, knurrte der Mann. Als er sich nach vorne beugte und auf die Ellenbogen stützte, blitzten für einen Augenblick Manschettenknöpfe im Licht der Lampe auf. Sein Gesicht blieb im Dunkeln.

Grausberger rang die Hände. »Die Kriminalpolizei wird weiterhin nach dem Mädchen suchen.«

»Wird sie nicht! Die Kripo macht das, was ich ihr sage. Es wird überhaupt niemand nach der Kleinen suchen. Der Fall verschwindet in der Schublade!«

»In der Schublade?« Grausberger schnappte nach Luft. »Aber …«

Der Mann erhob sich keuchend aus dem Stuhl und steckte sich die Zigarre in den Mundwinkel. »Jagen Sie die Akte durch den Schredder.« Er schleuderte die Unterlagen über den Tisch zurück.

Grausberger hatte Mühe, die Papiere einzufangen. »Aber wenn jemand zu recherchieren beginnt?«

»Wer denn?«

Grausberger schluckte. »Sie wissen, von wem ich rede. Vor Kurzem hatten wir einige unangenehme Zwischenfälle, die wir in letzter Minute verschleiern konnten«, erinnerte er seinen Vorgesetzten. Er selbst hatte noch vor wenigen Wochen Akten vernichtet, Zeugen bestochen, mit der Presse gesprochen und dafür gesorgt, dass es zu keinem Skandal kommen würde. Aber mit diesem Fall hatten sie sich zu weit aus dem Fenster gelehnt und es endgültig übertrieben.

»Unangenehme Zwischenfälle? Sie meinen doch nicht etwa den Juden Rubinstein und seinen schwulen Freund, diesen Kommunisten Gazetti?«, murrte der Mann abfällig.

»Kolumnist«, korrigierte Grausberger ihn.

»Wie?«

»Gazetti ist Kolumnist, nicht Kommunist, er schreibt für ein Magazin.«

»Wenn schon! Spielt Carla von Hörig immer noch mit dem Gedanken …?«

»Ja, soeben kam die Nachricht von unserem Observationsteam, dass sie sich auf dem Weg zu Jakob Rubinsteins Büro befindet. Offensichtlich will sie ihn engagieren und mit den Nachforschungen betrauen.«

»Machen Sie sich keine Sorgen, Grausberger! Rubinstein ist zu dumm. Der kommt nie dahinter, was wirklich passiert ist.«

»Aber vielleicht seine Sekretärin. Die ist ziemlich clever.«

»Clever sein allein wird ihr nicht genügen.«

»Aber wenn …?«

»Was, wenn? Wo sollten die beiden denn zu suchen beginnen?« Der Mann wischte mit dem Arm durch die Luft.

Grausberger zuckte zusammen. »Ich weiß es nicht. An einem offenen Ende, einem Anhaltspunkt, an einer Spur, die wir übersehen haben? Immerhin wird das Experiment heute Abend zum letzten Mal wiederholt und deshalb …«

»Diesmal verwenden wir Freiwillige!«, unterbrach ihn der Koloss abermals, während er hinter dem Schreibtisch auf und ab ging. »Außerdem gibt es keine offenen Enden. Diesmal nicht. Wir haben alle Spuren beseitigt. Der Fall ist dicht! Haben Sie verstanden?«

Grausberger schluckte, dann nickte er. »Jawohl, Herr Minister.« Er würde die Akte Helene von Hörig durch den Reißwolf jagen, wie alle anderen Dokumente davor auch.

»Gut.« Der Dicke paffte eine Rauchwolke zur Zimmerdecke. Der scharfe Geruch trieb Grausberger die Tränen in die Augen.

Indessen trat der Mann aus dem Schatten und humpelte mit einem steifen Bein an Grausberger vorbei zur Tür. Grausberger starrte Innenminister Frank Rohrschach nach, als er den abhörsicheren Raum unter der Wiener Hofburg verließ.

Erster Fall - Der fünfte Fahrgast

1. Kapitel

Jakob Rubinstein musterte die Dame, die vor wenigen Minuten sein Büro betreten hatte. »Ihre Tochter ist also verschwunden, Frau …?« Er hob die Augenbrauen.

»Von Hörig. Carla von Hörig. Den Titel meines Ex-Mannes habe ich behalten – wie so manch anderes auch.« Die Brünette lächelte und schlug ein Bein derart raffiniert über das andere, dass der knisternde Saum des Sommerkleides über das Knie rutschte. Das Licht der Morgensonne spiegelte sich in den glänzenden Nylonstrümpfen, wodurch die Beine strammer wirkten.

»Ich bin seit einem Jahr geschieden«, fügte sie mit einem in Zeitlupe gedehnten Augenaufschlag hinzu und warf ihm einen zweideutigen Blick zu. Dann beugte sie sich nach vorn, um den Rocksaum glatt zu streichen. Dabei spannte sich ihr eng anliegendes Kleid über den gewaltigen Busen, als wollte es jeden Augenblick reißen.

Unnatürlich proportioniert, dachte Rubinstein, wahrscheinlich genauso künstlich wie ihre Haarfarbe, die Wimpern, die faltenlose Stirn und die vollen Lippen. Frauen, die jenseits der fünfzig noch so jugendlich wie ein neunzehnjähriges Playmate wirken wollten, waren ihm suspekt. Allerdings ließ er sich nichts anmerken. Er faltete die Hände, stützte das Kinn auf die Zeigefinger und schwieg. Geduld war die einzige Fähigkeit, die er während seines Detektivdaseins gelernt hatte und tatsächlich beherrschte. Außerdem wollte er ihr Gelegenheit für weitere Erklärungen bieten.

»Helene ist meine Stieftochter.«

Rubinstein zog eine Augenbraue hoch. Enkeltochter hätte er Miss Playmate eher abgenommen. Soviel er bisher erfahren hatte, war das verschwundene Mädchen erst sieben, höchstens acht Jahre alt.

»Die kleine Helene ist die Tochter meines geschiedenen Mannes aus erster Ehe müssen Sie wissen … aber ich scheine Sie zu langweilen, Herr Rubinstein!«

»Keineswegs, Frau von Hörig«, murmelte er, während er wie beiläufig einige Briefe auf dem Schreibtisch zu einem Stapel schob. Es waren keine echten Briefe. Doch durch die Attrappen sah der Tisch nicht so leer aus.

»Stört es Sie, wenn ich unser Gespräch aufzeichne?«, fragte er. »Nur für meinen persönlichen internen Gebrauch.«

Sie schüttelte den Kopf.

Rubinstein drückte eine Taste auf dem Diktiergerät, das neben seinem Telefon lag. Dass dieser Apparat schon seit Monaten defekt war und nichts aufnahm, hatte bis jetzt keiner seiner Klienten bemerkt. Und dennoch fragte Rubinstein seine Kunden immer wieder um deren Zustimmung, da es sie offenbar beruhigte, wenn ihre Anliegen aufmerksam behandelt wurden.

»Nennen Sie mich Carla«, flötete sie. »Alle meine Freunde nennen mich Carla. Von Hörig klingt so schrecklich feudal, finden Sie nicht? Ach, man gewöhnt sich daran.« Lächelnd wedelte sie mit der Hand durch die Luft.

Rubinstein verzichtete auf eine Antwort. Er beobachtete Carla aus dem Augenwinkel, als lauerte er auf eine bestimmte Regung. Was war hier faul? Das Verschwinden ihrer Stieftochter schien ihr nicht besonders nahe zu gehen. Offensichtlich brachte sie soeben ihren Alibibesuch hinter sich, um ihr Gewissen zu beruhigen. Das künstliche Lächeln seiner Klientin dauerte an – oder besser Klientin in spe, korrigierte Rubinstein sich. Immerhin hatte sie sich nicht ausdrücklich entschieden, ob er den Fall übernehmen sollte oder nicht. Mit etwas Glück war ihr aufgefallen, dass er Jude war – gewitzt und raffiniert. Sein Vorteil! Denn für gewöhnlich engagierte man Cooper & Leeland oder Patzik, Pern und Partner oder die alten griesgrämigen Brüder Bennet. Und deshalb hatten sich bisher nur Ahnungslose, die auf der Straße zufällig über sein Detektei-Schild an der Haustür gestolpert waren, in sein Büro verirrt. Dementsprechend leer sah es in seiner Kanzlei aus. Einige volle Aschenbecher sollten den Eindruck erwecken, dass er regelmäßig Besuch von Klienten erhielt und ziemlich unter Zeitdruck arbeitete. Wie raffiniert er doch war. In Wahrheit stand die Hälfte der Aktenschränke leer.

Mit einem Mal kramte sie eine Spiegelsonnenbrille aus der Handtasche. Anstelle ihrer Augen sah er in dem Blau der Gläser sich selbst und bemerkte, dass seine Krawatte schief saß und er selbst … O Gott! … schrecklich aussah. Sein Schnurr- und Kinnbart war wieder borstig, und sein dichtes, schwarzes Haar glich allem anderen als einem Seitenscheitel. Besser hätte er darauf verzichtet, die Mähne mit Haargel bändigen zu wollen. Er zog die Wangen ein, spitzte die Lippen, legte den Kopf schief und betrachtete sein Spiegelbild. Hatte er wieder zugenommen und diesmal endgültig die Hundertfünfzehn-Kilo-Marke überschritten? Das durfte Leah auf keinen Fall erfahren, sie würde ihn wieder auf eine dreiwöchige Gurkendiät setzen.

»Herr Rubinstein! Hören Sie mir überhaupt zu?«

Er sah sie an. »Natürlich, Sie sagten …«

»Ich sagte, ich brachte die kleine Helene vor genau einer Woche zum Hauptbahnhof. Sie sollte mit dem City Night Line von Wien nach Düsseldorf fahren, zu ihrem Vater – meinem Ex-Mann.« Sie schüttelte abfällig die Hand, die Armreifen klimperten am Handgelenk. »Ich kaufte ihr eine Fahrkarte, gab ihr einen Kuss, drückte ihr Koffer und Teddy in den Arm und ließ sie am Bahnsteig zurück. Ich habe schließlich Termine, wichtige Termine. Am nächsten Morgen rief mich mein Ex-Mann an und sprach mir auf die Mobilbox: Die Kleine sei nicht im Zug gewesen. Tja …« Sie hob die Schultern. »Offensichtlich ist sie nicht eingestiegen. Oder falsch ausgestiegen, oder zu früh umgestiegen. Wer weiß, was im Kopf dieser Göre vor sich gegangen ist?«

Rubinstein warf ihr einen Blick zu.

»Sehen Sie mich nicht so an! Keine Ahnung, was passiert ist! Seitdem haben wir nichts mehr von ihr gehört.«

Rubinstein nickte. Er fingerte am Krawattenknoten. Irgendwie musste es ihm gelingen, sein Doppelkinn verschwinden zu lassen. Nochmals würde er die Gurkendiät nicht durchstehen!

»Die Polizei hat das gesamte Gelände des Wiener Hauptbahnhofs abgesucht, die nähere Umgebung umgekrempelt, Bus- und Taxifahrer befragt und sogar die herumlungernden Penner verhört … na, Sie wissen schon.« Sie wedelte erneut mit dem Arm durch die Luft.

»Ja, ja, die Wiener Polizei ist gewissenhaft«, unterbrach er ihren genervten Tonfall, der danach klang, als wollte sie dieses Gespräch so schnell wie möglich hinter sich bringen, ihre Telefonnummer samt Scheck hinterlassen und ihm noch einen schönen Tag wünschen. Anscheinend wollte sie nicht zu spät zu ihren wichtigen Terminen kommen: Friseur, Solarium und Fitnesscenter. Er ließ den Blick über ihre gebräunte Haut, die straffen Beine und ihr perfekt gestyltes Haar schweifen. Das alles passte, was seine Theorie bestätigte.

Viel wahrscheinlicher hatte sie einen Termin bei ihrem Psychoanalytiker. Möglicherweise sogar bei Doktor Konrad, der seine Praxis im ersten Wiener Bezirk, gegenüber von Rubinsteins Büro führte. Hin und wieder traf Rubinstein den Psychoanalytiker im Kaffeehaus. Der Doktor übermittelte ihm gelegentlich einige seiner Patientinnen für etwaige Nachforschungen, und davon lebte Rubinstein. Seit Kurzem hatte sich der Arzt nämlich auf neureiche Fälle spezialisiert – hauptsächlich junge Witwen. Wenn Rubinstein aus dem Fenster blickte, über die Rotenturmstraße zur anderen Häuserzeile, sah er direkt in die Praxis des Therapeuten. Immer wenn die Vorhänge zugezogen waren, lag jemand auf der Couch. Und die Vorhänge waren oft zu. Manchmal erkannte Rubinstein durch den Spalt mit einem Opernglas ein Paar schlanker Damenbeine.

»Wenn Sie es wünschen, übernehme ich den Fall gern.« Rubinstein lächelte großzügig. »Lassen Sie mir Ihre Telefonnummer da und geben Sie meiner Sekretärin einen Scheck über einen angemessenen Betrag Ihrer Wahl.« Wie beiläufig schielte er auf den vollgekritzelten Stehkalender am Schreibtisch. Allerdings war kein einziger echter Termin eingetragen, nur fiktive. Er wiegte den Kopf, als brächte er den Fall gerade noch in seinem Terminplan unter.

»Ich melde mich dann bei Ihnen, sobald ich Ihre Stieftochter gefunden habe, Carla«, fügte er hinzu und zog eine Visitenkarte aus einem silbernen Etui, die er ihr in die Hand drückte.

Jakob Rubinstein– Der besondere Detektiv – Besondere Fälle brauchen besondere Methoden

Sie blickte lange auf die Karte, als überlegte sie. »Der besondere Detektiv«, las sie vor und steckte die Karte schließlich lächelnd in ihre Handtasche. »Hoffentlich nicht besonders erfolglos.«

»Aber, Carla, ich bitte Sie!«

»An Ihrer Stelle würde ich den Kalender aktualisieren.«

»Wie bitte?«

Sie nickte zum Stehkalender. »Das ist die erste Märzwoche, und mittlerweile haben wir Mitte Mai.«

»Oj.«Rubinstein schoss die Hitze ins Gesicht. Schejner Mist! Wie hatte das nur passieren können? Waren die letzten Wochen tatsächlich so rasch verflogen? Normalerweise verging die Zeit elend langsam, wenn es nichts zu tun gab. Lisa, seine Sekretärin hätte den Kalender längst weiterblättern müssen.

»Davon abgesehen, mein Guter, sollten Sie einmal die Griffe des Aktenschranks abstauben.« Carla von Hörig schnappte sich ihren grässlich breiten Hut und erhob sich. Wie eine Amazone aus der Glanzzeit der Golden Fifties stand sie vor ihm. Die Morgensonne brach durch die Wolkendecke und warf grelle Lichtbalken durch die Jalousie auf ihr Kleid. Mit spitzen Fingern zupfte sie daran, als wollte sie die Lichtstreifen vertreiben.

»Sie sollten Detektivin werden«, schlug Rubinstein vor.

»Ich hoffe für Sie, dass Sie besser sind als ich«, seufzte sie. »In Anbetracht meines vollen Terminkalenders gebe ich Ihnen einen Scheck, und Sie finden Helene. Versprochen?«

»Versprochen!« Diese Hürde war geschafft! Rubinstein atmete erleichtert aus. Er hoffte, sie würde es nicht bemerken. Normalerweise war es in seiner Branche üblich, Honorare samt Spesenersatz im Nachhinein zu verrechnen, doch diesmal hatte er das Geld so dringend nötig wie eine ausgedörrte Topfpflanze eine Kanne Wasser. Er schuldete Lisa Novacek noch das Gehalt für den letzten Monat, ganz zu schweigen von den Schulden bei seinem Freund Nicolas Gazetti. Gott, er durfte gar nicht daran denken.

»Schön, schön«, seufzte sie. Achtlos, wie das Trinkgeld für einen lausigen Service, warf sie ihre Visitenkarte auf den Tisch, machte kehrt und wackelte auf hohen Absätzen zur Tür.

»Ach, sagen Sie mir bitte noch eines … Carla.« Er betrachtete ihre Karte. Fünf Telefonnummern standen darauf.

»Ja?«, säuselte sie im nasalen Tonfall, als wollte sie sagen: Machen Sie schnell, ich habe es eilig und muss zu Doktor Konrad!

»In welchem Abteil fuhr Ihre Stieftochter nach Düsseldorf?«

Sie musterte ihn über den Rand der Sonnenbrille. »Keine Ahnung, ich bin mir nicht einmal sicher, ob Sie überhaupt in den Zug gestiegen ist. Rufen Sie mich an, sobald Sie Helene gefunden haben, ja?«

Im Büro nebenan kritzelte sie ihre Unterschrift auf einen Scheck und wünschte Lisa einen schönen Tag. Eine Sekunde später fiel die Tür ins Schloss.

»Ist gar nicht so übel gelaufen, wie befürchtet«, rief Lisa aus dem Vorzimmer. »Unsere erste Kundin diese Woche.«

»Nicht frech werden, junges Fräulein.« Rubinstein erhob sich und lehnte sich an den Türstock zwischen seinem Büro und dem Vorzimmer.

Seine Assistentin war zwar auch ein blondes Gift wie Carla von Hörig, aber ansonsten das genaue Gegenteil von ihr. Lisa, knapp fünfundzwanzig Jahre alt, studierte an der Technischen Universität Informatik, hatte vor drei Jahren ein Praktikum bei Rubinstein begonnen und arbeitete mittlerweile drei Tage pro Woche als Teilzeitkraft in seiner Detektei, um sich ihr Studium zu finanzieren.

Anfangs hatte Rubinstein befürchtet, Lisas Aussehen würde seine Klienten abschrecken, doch das Gegenteil war der Fall. Ihre Piercings, Tattoos und die Frisur – eine Seite war kurz geschoren, die andere bedeckte die Gesichtshälfte – schien die wenigen Kunden, die er hatte, zu faszinieren. Außerdem hatte sie ein süßes Lächeln, extrem blaue Augen und war verdammt hübsch, auch wenn sie sich um jeden Preis zu entstellen versuchte. Zudem war Lisa talentiert und äußerst motiviert, was vielleicht auch daran lag, dass sie unglaublich neugierig war – und somit alle guten Voraussetzungen für diesen Job mitbrachte.

Dennoch fragte Rubinstein sich immer wieder, warum eine so clevere kleine Person wie Lisa ausgerechnet bei ihm arbeitete. Sicher nicht deshalb, weil er das Gehalt so gut und pünktlich überwies und der Job so nervenaufreibend war. Anscheinend lag es daran, dass sie Mister Watson ins Büro mitnehmen durfte. Lisa wohnte nur zwei Gehminuten von der Detektei entfernt und schleppte ihren fetten Kater jedes Mal in der Katzenbox ins Büro, weil er allein zu Hause angeblich Depressionen bekam.

Und so lag Mister Watson, eine norwegische Wildkatze mit buschigen Ohren wie ein Luchs, halbtags faul auf dem Fenstersims und beobachtete den Straßenverkehr der Innenstadt.

Lisa drehte mit den Fingern einen Ring in ihrer Lippe. »Sie haben sich ganz gut geschlagen … für Ihre Verhältnisse natürlich.«

Wie zur Bestätigung hob Mister Watson den Kopf und mauzte lautstark.

»Schmónzeß!«, brummte Rubinstein. »In Zukunft werden Sie immer darauf achten, dass mein Stehkalender aktuell ist!«

2. Kapitel

Wien war eine Mischung aus modernen Glasfronten, Altbauten aus der Gründerzeit und klassischen Gebäuden aus der k.u.k. Kaiserzeit, deren Marmorsäulen und Stuckarbeiten im Lauf der Zeit von Regen, Abgasen und Taubenscheiße schwarz geworden waren. Jede Epoche der letzten vierhundert Jahre war vertreten, und dazwischen schob sich ein bunter Strom an Menschen durch die Straßen.

Zu Mittag brannte die Sonne unbarmherzig auf die Dächer der Innenstadt. Temperaturen wie im Hochsommer! Rubinstein lenkte seinen silbergrauen VW-Käfer zwischen zwei Lastautos in eine Parklücke. Er holperte mit dem Vorderrad des schrottreifen 81er-Baujahrs über den Randstein und brachte die Karosse plumpsend zum Stehen. Mit einem Knopfdruck aufs Kassettendeck verstummte Frank Sinatra. Der Detektiv hievte sich aus dem Wagen und überquerte die Straße.

»Du, du, du … I did it my way«, summte er. Carla von Hörig hatte zweitausendfünfhundert Euro Anzahlung geleistet. Nicht schlecht! Das rettete ihn vorerst aus der Bredouille.

Rubinstein stieg keuchend die Stufen zu Mama Lins China-Restaurant hinauf. Aus drei Gründen kam er gerne hierher: Erstens hielt er das Lokal für das beste seiner Art in Wien, und zweitens lag es nur fünf Minuten von seinem Detektivbüro entfernt. Autominuten, wohlgemerkt! Denn bis auf seine Verdauungsspaziergänge machte er keinen Schritt zu Fuß. Und drittens kochte sie koscher für ihn.

Rubinstein schob den Vorhang beiseite und trat ein. Die Töne einer chinesischen Laute und das schummrige Licht der Papierlampions legten sich wie ein Seidentuch über das Restaurant und seine Gäste. Wie üblich war das Lokal bis auf den letzten Platz voll. Der Geruch von Soja und Bambussprossen stieg ihm in die Nase. Köstlich! Neben sich hörte er das Klappern der Stäbchen und das Klimpern überdimensionaler Suppenlöffel. So liebte er es. Er zwängte sich neben der Kleiderablage mit eingezogenem Bauch durch den Gang ins Lokal. Aus der Küche tönte das Zischen von Öl und das Scheppern der Bratpfannen.

Rubinstein winkte in die Küche. »Li, Sho, Yun. Nî hâo!«

»Nî hâo«, tönte es dreimal aus der Küche. Die winzigen Chinesen, die Rubinstein nur bis zur Schulter reichten, grinsten übers gesamte Gesicht. Li, Sho und Yun verbeugten sich und nickten mehrmals. Wie alt die Chinesen waren, konnte er nur schwer schätzen. Jedenfalls waren sie schon hier, als er noch als junger Mann in einem Auskunftsbüro gearbeitet hatte, und das war gut zwanzig Jahre her – und sie sahen immer noch so aus wie damals.

Rubinstein schlüpfte durch den Seitenausgang ins Freie. Wie er diesen Garten liebte! Im Frühjahr war er am schönsten. Die Kirschblüten hatten ihr weißes Kleid angelegt, es duftete nach frischer Erde und knorrigem Holz. Eine Oase inmitten des hektischen Straßenlärms. Manchmal verabredete er sich hier mit Leah zum Mittagessen. Doch heute war er ohne Begleitung. Er musste nachdenken.

Sein Stammtisch unter dem mächtigen Kirschenbaum war als einziger noch unbesetzt. Rubinstein ließ sich keuchend auf dem schmalen Stuhl nieder, schob das Reserviert-Schild zur Seite, knöpfte das Sakko auf, lockerte den Krawattenknoten und atmete befreit durch. Endlich sitzen! Die Sonne schien durch das satte Blätterwerk der Bäume und die Blütenpollen der Gräser zogen wie kleine, vom Wind vertriebene Fallschirmspringer an ihm vorüber. Rubinsteins Nase juckte, doch er musste nicht niesen. Seit ihn Mama Lin vor Jahren in das Geheimnis der fernöstlichen Akupunktur eingeweiht hatte, kümmerte ihn das alles nicht mehr; sein Heuschnupfen war auf wundersame Weise verschwunden. Allerdings brach die Allergie dann aus, wenn er an Innenminister Frank Rohrschach dachte, dessen gurgelnde Stimme und die stinkenden Davidoff-Zigarren … und das nicht nur im Frühjahr, sondern zu jeder Jahreszeit. Rubinstein vermied den Gedanken an Rohrschach, solange es ging, denn dagegen hatte Mama Lin bisher kein Mittel gefunden. Sonst war Rubinsteins Allergie wie durch Zauberei verschwunden – genauso wie die kleine Helene von Hörig. Er betrachtete die Blüten bei ihrer Landung auf den Kieselsteinen. Wohin mochte es die Kleine verschlagen haben?

Mama Lin huschte mit flinken Schritten durch den Garten und servierte den gewaltigen Spezial-Jakob-Rubinstein-Zwölf-Schätze-Teller mit einer Schüssel gebratenem Reis und einer Kanne grünen Tee. Spezial deshalb, weil sein Essen, wie es die Thora vorschrieb, koscher war. Allerdings war Rubinstein bis auf gelegentliche Besuche in der Synagoge kein praktizierender Jude. Zumindest nicht so wie seine Schwester Rachel, die es mit der Religion ziemlich streng nahm.

»Xiè xie«, bedankte sich Rubinstein bei Mama Lin, griff nach den Stäbchen und wühlte sich durch das Tablett. Kaum hatte er die erste Portion in der Schüssel, schrillte das Handy.

»Ja?«, murmelte er mit vollem Mund.

»Ich hoffe, ich störe Sie nicht beim Essen?«

»Witzig!« Rubinstein wischte sich mit der Serviette die Mundwinkel ab.

Meist saß Lisa auch mittags im Büro. In der kleinen Küchenzeile öffnete sie Mister Watson eine Dose Katzenfutter und schob sich selbst ein Stück Tiefkühlpizza in die Mikrowelle. Schon vor Jahren war Rubinstein zu dem Schluss gekommen, dass Lisa nicht mehr als zweihundert Kalorien am Tag brauchte – was man von Mister Watson nicht behaupten konnte.

»Was haben Sie herausgefunden?«

»Also …« Lisa raschelte mit einem Papier. Wahrscheinlich hielt sie den Hörer zwischen Wange und Schulter eingeklemmt, während sie in einem Stapel wühlte. Im Hintergrund mauzte Mister Watson.

»Was also?«, drängte Rubinstein.

»Ja, ja … uno momento Rabbi Rubinstein!«

»Das war Italienisch«, korrigierte er sie.

»Ich weiß, Hebräisch kann ich nicht!«

»Ich auch nicht.«

»Bitte?«, rief sie. »Sie murmeln doch andauernd irgendwelche hebräischen Flüche.«

»Jiddisch«, seufzte Rubinstein. »Ich spreche Jiddisch!« Wie oft hatte er ihr den Unterschied schon erklärt! Im Gegensatz zu Rachel konnte er außer Salôm nur ein paar andere hebräische Worte. Mehr war von seiner Kindheit in Tel Aviv nicht hängen geblieben. »Außerdem sind das keine Flüche, sondern Weisheiten.«

»Wie auch immer … ah, da ist es! Carla von Hörig ist vor sieben Tagen tatsächlich beim Kartenschalter am Hauptbahnhof gewesen. Sie hat für Helene ein Erste-Klasse-Ticket für den City Night Line von Wien nach Düsseldorf gekauft. Zum Glück hat sie mit ihrer Kreditkarte bezahlt … das war der einfache Teil.«

»Schau an, schau an!« Rubinstein wiegte zufrieden den Kopf. »Und jetzt der schwierige Teil?«

»Erraten! Der Zug ist am Freitag um 22:10 Uhr aus dem Bahnhof gerollt. Helene hatte eine Platzreservierung für das Abteil 9E im neunten Waggon. Na, wie bin ich?«

»Donnerwetter!« Gelassen stocherte er mit den Stäbchen in der Schüssel und pickte ein Stück Lachs auf. »Jetzt sollten wir uns noch die letzten Ermittlungsergebnisse der Polizei besorgen.«

»Hab ich schon. Aber da gibt es nicht viel. Die Polizei konnte einen Zeugen auftreiben, der gesehen hat, wie Helene in den Zug gestiegen ist, aber danach verlieren sich die Ermittlungen im Sand.«

»Immerhin«, murmelte Rubinstein. »Jetzt brauchen wir nur noch die Namen und Adressen der Reisenden aus den anderen Abteilen dieses Waggons, dann wissen wir mehr.« Er stopfte sich den Happen in den Mund. »Rufen Sie mich an, wenn Sie so weit sind …« Er wollte die Verbindung unterbrechen, stutzte aber. Beinahe glaubte er, Lisas verschmitztes Lächeln am anderen Ende der Leitung sehen zu können.

Einen Augenblick später sprudelte es wie eine Sintflut aus ihr heraus. Rubinstein ließ die Stäbchen fallen, klemmte das Handy zwischen Wange und Schulter ein und fingerte einen Kugelschreiber aus dem Sakko. Auf der Serviette begann er Namen, Adressen und Telefonnummern zu kritzeln: Karl-Gustav Seisenbacher, Juliana Ramirez, Sybille Wranek und Professor Achim Brandenburg! Während er schrieb, rutschte die Serviette hin- und her und riss in der Mitte ein.

»Es is a Mist!«, schimpfte er.

»Was?«

»Braves Mädchen«, lobte Rubinstein seine Sekretärin. »War sonst noch jemand in dem Waggon?«

»Genügen Ihnen die vier nicht? Wen haben Sie erwartet? Die Wiener Sängerknaben?«

Rubinstein verdrehte die Augen. »Saubere Arbeit!« Das sollte vorerst genügen. Zufrieden packte er das Handy weg, goss sich grünen Tee in die Schale und genoss die letzten warmen Strahlen der Sonne, die bald hinter dem Dachgiebel des Restaurants verschwinden würde.

Möglicherweise hatte eine der vier Personen Helene entführt – und er würde herausfinden wer.

3. Kapitel

Jakob Rubinstein wanderte mit einem Packen flatternder Servietten in der Hand durch den Stadtpark. So ein Verdauungsspaziergang war eine feine Sache. Pensionisten, Dackel und auf Scootern, Skateboards und Rollerblades rasende Kinder schossen an ihm vorbei. Auf der Suche nach einem ruhigen Platz stapfte er über die Kieswege durch die groß angelegten Alleen, vorbei an Nussbäumen, Rosenhecken und Tulpenbeeten.

Er liebte die Wiener Parks mehr als alles andere. Sie brachten ihn auf neue Ideen. Er hatte schon so oft die Einladung seines Vaters ausgeschlagen, nach Israel zurückzukehren. Er war hier zu Hause: zwischen der Oper, dem Stephansdom, dem Riesenrad, dem Schönbrunner Tiergarten, den Nussbaumalleen, Fiakern, Heurigen und Kaffeehäusern. Nicht zu vergessen die Auen und Promenaden an den Seitenarmen der alten Donau. Das Flair dieser ehemaligen Kaiserstadt wollte er um nichts in der Welt missen und schon gar nicht gegen eine Sandwüste eintauschen. Somit war Wien zu seiner Heimat geworden – außerdem war er sowieso nur zur Hälfte Jude, zur anderen ein Goj, ein Nichtjude.

Sein Vater, der Diplomat Chaim Rubinstein, hatte Ende der sechziger Jahre eine Arbeiterin aus der Bensdorp-Schokoladenfabrik geheiratet. Grete war ein typisches Wiener Mädel gewesen: frech und spitzbübisch. Jakobs Eltern blieben aber nicht lange in Wien, sondern übersiedelten nach Israel, wo seine Schwester und er zur Welt kamen. Jakob verbrachte seine Kindheit an einem Ort, der so fern schien, dass er ihn beinahe vergessen hatte. Tel Aviv existierte in seiner Erinnerung nur noch als Ansammlung vager Gerüche, Bilder und Geräusche. Manchmal spürte er noch das Jucken von Sand in der Nase, roch die Tropfen gegen seine Heuschnupfenallergie und das in der Sonne ausgebleichte Plastik seiner Spielzeugautos. Er hörte das Plätschern der Brunnen, das Röhren der Panzer auf den Straßen und das Murren der Männer aus den Wirtshäusern … an mehr konnte er sich nicht erinnern.

Der Hartnäckigkeit seiner Mutter war es zu verdanken gewesen, dass Jakob als zweite Muttersprache Deutsch gelernt hatte. Der alte Jonas, ein altehrwürdiger Professor und langjähriger Freund seines Vaters, brachte ihm den jiddischen Dialekt bei. Als Rachel sieben und Jakob fünf Jahre alt waren, übersiedelten die Rubinsteins wieder nach Wien. Seither war er nie wieder nach Tel Aviv zurückgekehrt. Einige Erinnerungen waren geblieben, vor allem die an das Erlernen der jüdischen Weisheiten.

Wenn es nach dem Willen und den Beziehungen seines Vaters gegangen wäre, hätte Rubinstein die Wiener Polizeischule absolviert, aber zum Glück hatte er die Aufnahmeprüfung vergeigt. Der heute amtierende Innenminister Frank Rohrschach war damals Ausbilder an der Polizeiakademie gewesen – und während des Aufnahmetests hatte Rubinstein ihm irrtümlich ins Bein geschossen. Vielleicht hatte es aber auch daran gelegen, dass Rohrschach ein kaum hörbares Saujuden haben bei der Wiener Polizei nichts verloren gemurmelt hatte, worauf Rubinstein zu seiner Entschuldigung bloß ein Nu, man wird sich doch wohl noch verteidigen dürfen hervorgebracht hatte.

Rubinsteins Vater hatte einen Anruf getätigt, und die Anzeige wegen Körperverletzung wurde wieder fallengelassen. Danach hatte Rubinstein jahrelang in einem Auskunftsbüro gearbeitet, sämtliche Sachkundeprüfungen absolviert und war Mitglied im Österreichischen Detektiv-Verband geworden. Er besaß zwar einen Waffenpass und eine Walther, hatte damit aber nie den Schießstand besucht. Er vermutete, dass diese persönliche Geschichte mit Frank Rohrschach seine Phobie gegen Schusswaffen nur noch verstärkt hatte – ebenso wie seine Allergie gegen Rohrschach.

Vor fünf Jahren hatte er schließlich seinen Traum verwirklicht und sein eigenes Privatdetektivbüro in einem Zwei-Zimmer-Dachatelier in der Wiener Innenstadt gegründet. Der preiswerte Sondermietvertrag, den er glücklicherweise übernehmen durfte, stammte noch von seinem Vater.

Außerdem besaß Rubinstein eine günstige Mietwohnung in einem Wiener Randbezirk, die er von der Detektei in einer dreiviertel Stunde erreichen konnte. Zu Hause lebte es sich in Gesellschaft seiner drei Goldfische Sammy, Davis und Junior recht gemütlich. Sie waren wie er glühende Frank-Sinatra-Fans. Wenn sich Frankies alte Scheiben auf dem Plattenteller drehten und der Saphir in den Rillen kratzte, schwammen die drei Racker vergnügt im Wasser und verschlangen tonnenweise Fischfutter. Blieb die Musik für einige Tage aus, magerten sie erbärmlich ab. Somit sorgte er regelmäßig für guten Swing in seinen vier Wänden. Die Nachbarn in diesem Altbau waren ohnehin schwerhörig.

Vor zwei Jahren war Rubinsteins Mutter gestorben, woraufhin sein Vater in den Ruhestand gegangen war und seither wieder in Tel Aviv lebte. Bis auf das obligatorische Geburtstagstelefonat hörte er selten von ihm. Am Yom Kippur, dem strengsten Fastentag und dem Fest der Versöhnung, flatterte eine Ansichtskarte in sein Postfach – meist aus Elat, wo sein Vater ein Bet Midrasch, ein kleines Gebetshaus, besuchte. Mehr gab es über die Familie Rubinstein nicht zu erzählen.

Rubinstein saß auf einer sonnenbeschienenen Parkbank, schlug ein Bein über das andere und ordnete die Servietten auf seinem Schoß. Er entzifferte die erste Telefonnummer. Juliana Ramirez' Anschluss war eine Wiener Nummer im zehnten Bezirk. Rubinstein wählte die Nummer. Ein Mann meldete sich am anderen Ende der Leitung, in gebrochenem Deutsch mit spanischem Akzent.

»Hallo.« Rubinstein sprach betont langsam. »Kann ich bitte mit Juliana Ramirez sprechen?«

»Juliana?«

»Sí. Darf ich sie sprechen?«, fragte Rubinstein.

»Nix da … verschwunden … sin dejar rastro!«

So viel konnte Rubinstein gerade noch übersetzen. Es mochte in etwa so viel bedeuten wie spurlos. Aha, Juliana Ramirez war also auch verschwunden. Etwa mit der kleinen Helene?

»Wohin?«

»Sin dejar rastro!«, wiederholte der Mann.

Wen hatte er da dran? Etwa den Kopf einer Mädchenhändlerorganisation? »Aber …«

»Sin dejar rastro!«

Sturer Kerl! »Gracias«, murmelte Rubinstein und beendete die Verbindung. Den Typ würde er sich merken!

Vielleicht hatte er bei der nächsten Telefonnummer mehr Glück. Es war ein Anschluss in Deutschland. Karl-Gustav Seisenbacher lebte in Frankfurt. Oj vei! Das würde eine satte Telefonrechnung geben! Aber möglicherweise war Seisenbacher ein Pädophiler, der Kinder in seinem Keller festhielt.

Rubinstein lauschte dem Freizeichen.

Eine junge Frau mit norddeutschem Akzent meldete sich. »Seisenbacher?« Ihre Stimme klang genervt.

»Guten Tag, mein Name ist Jakob Rubinstein«, begann er. »Ist Herr Seisenbacher zu sprechen?«

»Sind Sie von der Polizei? Nein, sei still! Es ist nicht Papa! Haben Sie meinen Mann schon gefunden?«

»Nein, ich bin nicht von der Polizei.« Rubinstein kratzte sich am Bart. »Ich …«

»Was wollen Sie von ihm? Sind Sie von der Presse? Dann kann ich Ihnen nicht weiterhelfen.«

»Nein, ich wollte doch nur …«

»Wenn Sie Geld von uns wollen, müssen Sie sich an Doktor Erwin Klinger, unseren Anwalt wenden.«

»Ihren Anwalt?« Rubinstein verzog das Gesicht.

»Ich möchte Sie bitten, uns nicht länger zu belästigen. Ich habe der Polizei bereits alles gesagt, was ich weiß.«

Es knackte, die Verbindung war tot. Großartig! Scheinbar war heute sein Glückstag. Er atmete tief durch und wählte die nächste Nummer, diesmal in Nürnberg. Dieses Telefongespräch würde ihn den letzten Cent kosten. Allerdings würde er sämtliche Kosten an Carla von Hörig weiterverrechnen.

Nach fünfmaligem Läuten knackte es in der Leitung. Eine redselige, weibliche Stimme sagte: »Das ist der Anschluss von Sybille Wranek. Zurzeit besuche ich die Wiener Messe. Mit etwas Glück gelingt es mir dort, einige Verträge abzuschließen. Ich komme erst wieder am vierten Mai zurück. Bis dahin bitte ich um etwas Geduld, aber Sie können mir gern eine Nachricht nach dem langen Pfeifton hinterlassen … Piep!«

»Hier spricht Jakob Rubinstein. Rufen Sie mich bitte zurück«, sagte er, hinterließ seine Nummer und unterbrach die Verbindung.

Sybille Wranek war also in Wien gewesen und mit dem Zug zurück nach Deutschland gefahren. Er warf einen Blick auf die Datumsanzeige seiner Armbanduhr. Freitag, der vierte Mai war vor einer Woche gewesen, der Tag an dem Helene verschwunden war, und der Anrufbeantworter war immer noch nicht neu besprochen worden. So lange würde Frau Wranek ihre Kunden doch nicht vertrösten wollen? Offensichtlich war sie von der Messe noch nicht nach Hause zurückgekehrt. Die Recherchen verliefen nicht gerade erfolgreich, denn mittlerweile waren mit der kleinen Helene noch drei weitere Menschen verschwunden.

Er ließ das Handy im Sakko verschwinden. So kam er nicht weiter! Nur noch eine Person blieb übrig. Bei diesem vierten und letzten Gespräch würde er anders vorgehen müssen. Und wenn er das vermasselte, konnte er sich gratulieren. Im Moment führte nur noch diese eine Spur zur kleinen Helene. Er konnte Carla von Hörig die zweitausendfünfhundert Euro unmöglich zurückerstatten. Lisa würde ihm die Barthaare einzeln ausreißen. Sie hatte oft genug gedroht zu kündigen, wenn er ihr das nächste Gehalt nicht pünktlich überweisen würde.

Rubinstein blinzelte in die Sonne, die durch die Blätter schien. Er massierte sich die Schläfen, eine Angewohnheit, die meist beim Nachdenken half. Die letzte Telefonnummer auf der Serviette war ein Wiener Anschluss aus dem ersten Bezirk: Professor Achim Brandenburg. Professoren arbeiteten meist an einem Institut. Rubinstein zupfte an seinem Ohrläppchen. Es gab ein altes jiddisches Sprichwort, das besagte, mit der Wahrheit hat noch keiner die Welt erobert. Daran würde er sich halten. Er griff zum Handy. Sekunden später hatte er eine junge Frau in der Leitung.

»Guten Tag, Frau Brandenburg«, grüßte Rubinstein, darum bemüht, seiner Stimme einen sonoren Klang zu geben. »Mein Name ist Lielacher, Doktor Lielacher. Ich bin ein Arbeitskollege Ihres Gatten«, log er. Dann fügte er wie nebenbei hinzu: »Ist Achim zu sprechen?«

»Ach, Sie meinen Vater?«, antwortete die junge Dame.

Es is a Únglick! Rubinstein hüstelte verlegen.

»Tut mir leid, Herr Lielacher.« Die Tochter des Professors klang besorgt. »Vater wurde vor einer Woche von der Polizei aufgefunden. Wussten Sie das nicht?«

»Äh, nein …«

»Wie sagten Sie, sei Ihr Name?«, hakte sie nach.

»Lielacher, Doktor Jakob Lielacher, ein Kollege Ihres Vaters am Institut.« Rubinstein überlegte kurz. »Nach seiner Zugfahrt nach Düsseldorf kam er nicht ins Büro. Ist er etwa noch in Deutschland?«

»Die Polizei fand ihn mitten in der Nacht. Er taumelte vor dem Europäischen Patentamt orientierungslos die Promenade an der Isar entlang. Mit einer Wirbelkörperfraktur schleppte er sich bis zur Brücke.«

»Mein Gott!«, entfuhr es Rubinstein. Doch ein anderes Detail machte ihn stutzig. »An der Isar?«, wiederholte er. »In München?«

»Ja, das ist ja das Verrückte! Die Beamten ergriffen ihn auf der Corneliusbrücke, als er …« Sie hielt inne.

»Ja?«

»… völlig rußverschmiert und nahezu unbekleidet auf die Brüstung klettern wollte.« Wie er an ihrer Stimme erkannte, kostete es sie einige Überwindung, so etwas über ihren eigenen Vater am Telefon zu sagen.

»Achim! Halbnackt und schmutzig?« Rubinstein war entrüstet.

»Mhm!«

Auf der Corneliusbrücke? Wenn er sich recht erinnerte, lag das Gebäude etwa dreißig Gehminuten vom Münchner Hauptbahnhof entfernt. Möglicherweise entwickelte sich soeben das erste Anzeichen einer Spur.

»Ich muss Ihren Vater dringend sprechen. Wo kann ich ihn finden?«

»Da muss ich Sie leider enttäuschen, Herr Lielacher. Seit jener Nacht hat er ein schweres Trauma. Die Ärzte sprechen von einer schockbedingten Amnesie und …«

»Wo befindet er sich?« Rubinstein zupfte an seinem Ohrläppchen.

»Ich weiß nicht, ob ich Ihnen das …?«

»Achim wird sich bestimmt wieder an alles erinnern, sobald er mich sieht«, log Rubinstein.

»In einer Wiener Nervenheilanstalt«, seufzte die junge Frau. »Aber es werden keine Besucher zugelassen. Nicht einmal Mutter und ich dürfen ihn sehen. Können Sie sich das vorstellen? Die Ärzte schotten ihn ab, als hätte er eine ansteckende Krankheit. Was kann ich nur machen, Herr Lielacher?«

»Welche Anstalt ist es denn?«

Sie gab ihm den Namen. Diesmal musste er die Adresse nicht auf die Serviette kritzeln. Er kannte das Gebäude. Es war die berüchtigte Seibnitz-Klinik in Wien! Was zum Teufel ging hier vor? Trotz der Frühlingssonne lief Rubinstein ein Schauer über den Rücken.

»Vielen Dank, Sie haben mir weitergeholfen. Ich verspreche Ihnen, dass ich nach Ihrem Vater sehen werde.« Rubinstein verabschiedete sich und unterbrach die Verbindung. Dann streckte er die Beine von sich und vergrub die Hände in den Hosentaschen. Er lümmelte auf der Parkbank und blinzelte in die Sonne. Der alte Doktor Seibnitz war ein Verfechter der Wiener Psychoanalyse, wie sie um 1900 populär gewesen war. Der Begriff Nervenheilanstalt umschrieb die Tatsache, dass es sich um ein Irrenhaus handelte, aus dem eine Entlassung so gut wie unmöglich schien … die Chancen, mit Claudia Schiffer und Heidi Klum auf einer einsamen Karibikinsel zu stranden, lagen beträchtlich höher, als aus diesem Sanatorium zu entkommen. Wenn das die Endstation von Brandenburgs Zugfahrt war, hatte der Mann alles andere als rosige Aussichten. Wo zum Teufel steckten Juliana Ramirez, Karl-Gustav Seisenbacher und Sybille Wranek? Vielleicht tat aber einer von ihnen nur so, als wäre er verschwunden. Und wo war die kleinen Helene von Hörig?

Rubinstein kramte das Handy heraus und wählte eilig die Nummer seines Detektivbüros. Lisa meldete sich, doch er ließ sie nicht zu Wort kommen. Ohne Unterbrechung deckte er sie mit Arbeit ein. Sie musste mal wieder allerhand Informationen für ihn herausfinden. Nachdem sie alles notiert und wiederholt hatte, beendete er das Gespräch.

Solange Lisa mit den Recherchen beschäftigt war, hatte er Zeit. Er erhob sich, schlenderte nachdenklich durch den Park und schoss Kieselsteine über den Weg. Je nachdem, wie Lisas Ermittlungen ausfielen, würde er seine nächsten Schritte planen. Um die Seibnitz-Klinik würde er aber nicht herumkommen. Hinter den Mauern befanden sich die schwersten Fälle von Paranoia, Schizophrenie und Zwangsneurosen. Kein schöner Anblick! Er wollte gar nicht daran denken, dass sein Weg heute Nacht ausgerechnet dorthin führen würde.

4. Kapitel

Am späten Nachmittag lenkte Rubinstein seinen Käfer durch die Wiener Innenstadt auf der Suche nach einem freien Parkplatz, den er zehn Minuten später fand.

Danach schlüpfte er in einen unauffälligen Hauseingang in der Rotenturmstraße, stapfte die Treppe in das letzte Stockwerk und betrat das zu einem Büro umfunktionierte Dachatelier. Mister Watson mauzte, als er die Tür aufstieß. Wie immer lag der Kater faul auf dem Fenstersims und guckte mit halb geschlossenen Augen in den winzigen Vorraum. In Lisas Büro, kaum größer als ein begehbarer Schrank, roch es nach einer beißenden Mischung aus Rose, Flieder, Edeltanne und Pfefferminze. Aus einer Reihe Dufthäuschen kringelte sich der Dunst ätherischer Öle.

Rubinstein wedelte mit dem Arm durch die Luft. »Stinkt wie in einem tibetanischen Kloster.« Naserümpfend stapfte er an Lisa vorbei in sein Büro.

»Eine hebräische Synagoge mit Myrrheduft und Olivenzweigen wäre Ihnen wohl lieber«, antwortete Lisa, ohne aufzusehen. Sie fuhr gerade ihren PC herunter.

Rubinstein entgegnete nichts und verschwand in seinem Zimmer. Zumindest war die Luft in seinem Büro atembar, sonst wäre die Yuccapalme neben seinem Schreibtisch schon längst eingegangen. Er schielte zur Pflanze. Solange sich die Blätter nicht gelb verfärbten und abfielen, würde auch er die strengen Düfte überstehen und nicht etwa Haarausfall bekommen oder gar blind werden.

Er warf das Sakko über die Stuhllehne. Sein Raum war nicht wesentlich größer als Lisas Büro. Er starrte kurz durch das Fenster auf die gegenüberliegende Straßenseite. Die Vorhänge von Doktor Konrads Praxis waren zugezogen. Dann wandte Rubinstein sich seinem Schreibtisch zu. Dort lag ein Stapel mit drei Mappen, die er auseinander schob und kurz in die erste hineinblickte.

»Sind das alle Daten?«, rief er ins Nebenbüro.

»Ja!«

Verblüfft warf er einen Blick in die zweite Mappe. »Wie haben Sie das alles nur in dieser kurzen Zeit geschafft?«

»Ossi hat mir geholfen.«

Aha! Soviel Rubinstein wusste, war Ossi Lisas beste Freundin – oder sogar Lisas Freundin. Bei der heutigen Jugend wusste man das nicht so genau. Jedenfalls war Ossi ein Punk, die mehr Blech und Metallteile im Gesicht hatte als die Karosserie von Rubinsteins VW-Käfer aufwies. Und wenn die beiden ausgingen, sah Lisa ebenso furchterregend aus wie Ossi.

Nun warf er einen Blick in die dritte Mappe. Unglaublich! Er grinste. Wie er es Lisa aufgetragen hatte, hatte sie sämtliche Nervenheilanstalten durchsucht, von Wien über Linz, Passau, Regensburg, Nürnberg, Würzburg und Frankfurt bis nach Düsseldorf. Wie er sie kannte, hatte sie den gesamten Nachmittag telefoniert, E-Mails verschickt, Personenbeschreibungen an unzählige Adressen gefaxt, während Ossi Dutzende Begriffe durch die Suchmaschinen des Internets gejagt hatte. Immerhin studierte Ossi ebenfalls an der Technischen Uni, war eine Hackerin und schrieb schon seit Jahren ihre eigenen Programme.

Perfekt! Rubinstein schloss die Mappen und trommelte einen beschwingten Rhythmus auf die vergilbten Deckel. »Ich weiß, weshalb ich Ihnen ein so hohes Gehalt zahle«, rief er ins Nebenzimmer.