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Neue Schule - neue Freunde? Jelena hat echt keine Ahnung, was sie und Jakob gemeinsam haben. Sie kennen sich doch gar nicht! Was sollen sie dann nur bei ihrem Referat erzählen? Bei ihrer besten Freundin Lotte würde ihr sofort ganz viel einfallen, aber die geht ja jetzt auf eine andere Schule. Wenn Jakob einfach ein paar Bücher lesen könnte, wär das mit dem Referat kein Problem. Aber es geht ja leider nicht um Dinos oder so. Sie sollen sich in der neuen Klasse halt besser kennenlernen. Und er eben Jelena. Also setzt er sich in der nächsten Stunde einfach neben sie. Was für ein Glück, dass Sich-Kennenlernen doch gar nicht so schwer ist. Ein warmherziges Kinderbuch über Schulwechsel, neue Freundschaften und unliebsame Spitznamen. Feinfühlig aus zwei Perspektiven erzählt. **Mit farbigen Illustrationen von Barbara Yelin!**
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Veröffentlichungsjahr: 2025
Neue Schule - neue Freunde?
Jelena kennt Jakob ja noch gar nicht! Was soll sie da zusammen mit ihm in Deutsch nur erzählen? Mit ihrer besten Freundin Lotte würde ihr alles Mögliche einfallen. Aber die geht jetzt auf eine andere Schule.
Wenn Jakob einfach ein paar Bücher lesen könnte, wär der Vortrag mit Jelena kein Problem. Aber in Büchern findet er nichts über sie heraus, dazu muss er mit ihr reden. Vielleicht setzt er sich in der nächsten Stunde einfach neben sie?
Ein warmherziges Kinderbuch über Schulwechsel, neue Freundschaften und unliebsame Spitznamen. Feinfühlig aus zwei Perspektiven erzählt.
Mit Illustrationen von Barbara Yelin!
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Viten
Für Gwendolins Ohren.
Ich sitze im Park auf einer Bank und blinzle in die Sonne. Neben mir knallt eine Kastanie auf den Boden. Was wohl passiert, wenn einem so eine Kastanie auf den Kopf fällt? Wird man dann ohnmächtig? Oder bekommt man einfach eine Beule? Und blutet?
Der Park ist ein Kurpark. Leute reisen extra hierher, weil sie krank waren oder Schmerzen haben oder so. Und hier werden sie dann gesund. Oder verlieren ihre Schmerzen. Im Park sind lauter Wasserbecken mit kaltem Wasser, da waten alte Menschen mit langsamen Schritten und hochgekrempelten Hosen durch und bekommen eiskalte Waden. Das ist gesund und gut für den Kreislauf. Das hat sich mal ein Herr Kneipp ausgedacht und deswegen heißen die Kneippbäder. Und die alten Leute, die im Park durch das Wasser waten wie Störche, die kneippen. Was man wohl sonst so machen kann, damit der eigene Name ein Verb wird?
Ich ziehe meine Schultern hoch und schiele nach oben zu den Bäumen.
Heute ist noch ein schöner Tag. Ich seufze.
Der Himmel ist so blau, dass es fast einen Ton macht. Wie blau wohl klingt? Ganz leise singe ich einen Ton, ein Laaaa. Dann bin ich schnell still und guck mich um. Hat keiner gehört. Die Sonne scheint, der Himmel blaut, die Kastanien rumsen auf den Boden und Laub raschelt. Und manchmal kiekst eine alte Frau mit nackten Waden, weil das Wasser echt kalt ist.
Lotte hat gesagt, dass sie um drei von der Schule kommt, und dann muss sie durch den Park. Ich sitze schon seit Viertel vor drei hier auf der Bank im Kurpark und schau den Weg entlang, der zum Kloster hochgeht. Das Kloster liegt auf dem Klosterberg und daneben ist das Gymnasium, auf das Lotte jetzt geht. Ohne mich. Weil ich auf die Gesamtschule gehe.
Ich seufze noch mal.
Es ist jetzt schon Viertel nach drei.
Dann hole ich mein Handy aus der Tasche und schreib ihr Wo bist du?.
Vielleicht hat Lotte ihr Handy nicht dabei. Oder auf stumm. Oder der Akku ist leer. Ich gucke meine Nachricht an, aber die wurde noch nicht gelesen. Der Baum neben mir lässt ein Blatt fallen. Schön ist das hier. Wenn ich richtig gut malen könnte … Oder: Wenn man einfach die Farben, die so um einen rum sind, einsammeln könnte. In einen Tuschkasten. Wenn man die nicht selbst mischen müsste, sondern einfach: Da, das Gelb vom Laub, das nehm ich. Und das Blau vom Himmel, wie er am 18. September aussieht. Ich schau auf das Datum unter der Uhrzeit auf meinem Handy. In zwei Monaten werde ich elf. Dann guck ich hoch, wieder in Richtung Kloster. Steh auf und schüttel mich, weil ich eh schon den ganzen Tag gesessen und keine Lust mehr auf Sitzen hab. Lotte schreibt nicht, Lotte kommt nicht. Lotte ist sonst nie zu spät! Hoffentlich ist ihr nichts passiert. Ich kann ja auch zum Gymnasium gehen. Nee, keine Lust. Dann trete ich gegen einen Haufen Blätter. In der Schule lernen wir gerade Herbstgedichte, aber mir fällt keine einzige Zeile ein.
Warum muss man überhaupt Gedichte auswendig lernen?
Ich schau ein letztes Mal zum Kloster hoch, dann dreh ich mich in die entgegengesetzte Richtung und laufe zum Gemeindehaus, das am anderen Ende vom Kurpark liegt.
Die Bücherei ist zu. Warum ist die Bücherei zu, die haben doch sonst immer auf! An der geschlossenen Tür hängt ein Schild, da steht nur drauf Heute geschlossen und keiner erklärt mir, warum. Das ist unfair.
»Das ist so unfair!«, sag ich ein bisschen zu laut und stampfe mit dem Fuß auf.
Aber das hilft ja auch nichts. Trotzdem.
Die Bücherei ist ein gutes Versteck. Um die Uhrzeit sind hier nur alte Leute und die interessieren sich nicht für mich, solange ich still genug bin. Und das bin ich ja sonst.
Aber wenn hier jetzt zu ist, muss ich aufpassen. Also die Treppe runter, gucken, dass mich niemand sieht. Aus dem unteren Geschoss riecht es nach Chlor, aber vielleicht bilde ich mir das auch nur ein.
Da ist auch ein Café. Da sitzen jetzt bestimmt die alten Leute, die sonst in der Bücherei sind. Aber die haben auch Geld dabei und ich nicht.
Ich geh aus dem Gemeindehaus raus, schau mich um, nicht, dass Papa noch irgendwo ist. Aber der Parkplatz ist leer.
Also geh ich in den Park und setze mich da auf eine Bank, die nicht direkt am Weg steht. Ich stell mir den Timer auf meinem Handy auf eine halbe Stunde. Das reicht.
So lange lese ich.
Als der Timer klingelt, geh ich zu einem der Kneippbecken, die im Park sind, und mach mir meine Haare nass. Die Badehose und mein Handtuch nehme ich aus meiner Tasche, die ziehe ich auch ein bisschen durch das Wasser und wringe sie dann wieder aus und stopfe sie zurück in die Tasche. Dann reib ich mir noch ein bisschen die Augen, bis sie vielleicht rot sind. Ich schau auf mein Handy und Papa hat geschrieben, dass er gleich da ist. Also geh ich zurück zum Gemeindehaus und stelle mich vor den Eingang. Ein paar Minuten später fährt Papa vor und ich steige ein. Als ich sitze, wartet er noch, bis ich mich angeschnallt hab, dann fährt er los und schaut in den Rückspiegel. »Und? War gut?«, fragt er.
»Yap«, sag ich und schau aus dem Seitenfenster.
»Was habt ihr heute gelernt?«, fragt er.
Ich zucke mit den Schultern und schau auf mein Handy und mach ein Spiel auf.
Papa starrt mich weiter kurz im Rückspiegel an, das merke ich, auch ohne hinzuschauen. Und auch, dass er was sagen will und dass er immer wieder den Mund aufmacht, aber dann bleibt er doch still.
Irgendwann lenkt ihn der Verkehr ab, weil jemand blöd ist, weil ihm jemand die Vorfahrt nimmt oder nicht ordentlich blinkt oder so, dann vergisst Papa mich fast. Dann lässt er mich in Ruhe, bis wir daheim sind.
»Häng bitte gleich die nassen Sachen auf«, sagt er, weil er das jede Woche sagt, wenn er mich abholt, und denkt, dass er mich vom Schwimmen abholt.
Ich nicke dann nur und hänge das Handtuch und die Badehose im Bad auf, während Papa wieder in den Keller in sein Büro geht, wo er bis zum Abend bleibt.
Ich schau auf meinen Wandkalender. Noch fünf Mal, noch fünf Donnerstage. Nur noch fünf Wochen muss ich so tun, als würde ich schwimmen lernen, weil ich zehn Jahre alt bin und nicht schwimmen kann, wie ich das sollte.
Der Parka ist zu groß. Ich hebe die Arme und kann meine Hände nicht mal sehen. Mama schaut mich von oben bis unten an, ohne mir ins Gesicht zu gucken.
»Das ist nicht schlimm, da wächst du rein«, sagt sie und krempelt mir die Ärmel hoch.
Mir rutschen die Schultern von den Schultern. Mama zuppelt hier und da an der Jacke rum, dann macht sie den Reißverschluss zu und nickt. »Schau, geht doch.«
Ich steh vor ihr und fühl mich, als würde ich in Stoff ertrinken.
Mama lächelt falsch. Dann steht sie auf und betrachtet mich. Ich starre sie an. Das muss die doch sehen, dass der viel zu groß ist!
Aber Mama zuckt nur mit den Schultern und sagt: »Ach, Jelena, letztes Schuljahr bist du plötzlich auch drei Zentimeter gewachsen!«, als könnte sie Gedanken lesen.
Und stimmt ja auch. Letztes Jahr hab ich noch zu den Kleinsten in der Klasse gehört. Jetzt bin ich irgendwo in der Mitte. So groß wie Lotte bin ich auf jeden Fall.
»Komm, ich mach Essen«, sagt Mama, dreht sich auf dem Absatz um und geht aus meinem Zimmer in die Küche.
Ich ziehe den Reißverschluss auf und der Parka rutscht mir vom Körper, liegt am Boden wie eine Pfütze aus rotem Stoff. Ich heb ihn auf, leg ihn irgendwie zusammen und dann aufs Bett zu den anderen Sachen, die Mama von einer Kundin vom Lädchen bekommen hat. Die hat auch eine Tochter und jedes Mal, wenn die wächst, bekomme ich die alten Klamotten, die der Tochter nicht mehr passen. Das machen die immer so. Und wenn ich aus meinen Sachen rausgewachsen bin, gibt Mama die an eine andere Kundin weiter, die auch ein Kind hat, das jünger ist als ich.
Auf dem Bett liegen drei Stapel. Mama hat die Kleider geordnet: ein Stapel mit allem, was ich gleich tragen kann. Der zweite: Sachen, die Mama noch ändern will. Also umnähen oder stopfen oder färben. Und der dritte: Kleider, in die ich noch reinwachse. Da gehört der Parka eigentlich drauf. Aber ich brauche eine neue Jacke, und zwar jetzt. Deswegen.
»Kommst du?«, ruft Mama aus der Küche.
Also hör ich auf, die drei Stapel anzuschauen, und geh zu Mama, um ihr beim Kochen zu helfen.
Irgendwann ruft Lotte endlich an. Da haben wir schon zu Abend gegessen, da hat Mama schon meine Hausaufgaben angeschaut, da muss ich mich schon fast fertig fürs Bett machen, eigentlich.
»Wo warst du denn?«, frag ich leise, weil Mama eben auch daheim ist und zuhört. Nicht absichtlich. Aber unsere Wohnung ist echt klein, da kann man gar nicht anders als einander immer zuhören. Also geh ich in mein kleines Zimmer.
Lotte sagt erst mal nichts, so lange, bis ich irgendwann »Hallo?« frage, weil ich schon Angst habe, dass sie weg ist, aufgelegt oder so.
Aber dann schnauft Lotte so laut, dass ich das auch höre.
»Meine Mutter«, sagt sie leise. Weil ihre Mutter vielleicht in der Nähe ist. Dabei haben die viel mehr Platz als wir hier in unserer kleinen Wohnung. Die haben ja auch ein Haus.
»Hört zu oder was?«
»Ja. Auch.« Dann raschelt es und Lotte sagt »Warte mal«. Wieder Geräusche.
»So, jetzt. Meine Mutter hat mich heute in die Stadt zur Musikschule geschleppt, weil da Tag der offenen Tür war.«
»Okay«, sag ich, weil ich keine Ahnung habe, was man da sagt. Ich war noch nie in der Musikschule in der Stadt. Ich kaue auf meiner Unterlippe rum.
»Das war so nervig, weil ich dann alle, echt ALLE Instrumente ausprobieren sollte!«
Das stimmt bestimmt nicht, weil Lotte gerne übertreibt. Aber das sag ich nicht.
»Okay«, sag ich also wieder.
»Und dabei hab ich total viele Hausaufgaben auf und muss noch für morgen lernen, aber Mama hat mich nicht gelassen und gesagt, dass wir erst gehen, wenn ich mir ein Instrument ausgesucht habe.«
Lotte klingt plötzlich, als würde sie weinen. Lotte weint nicht oft.
»Weinst du?«, frag ich leise.
Lotte antwortet nicht. Sie schnieft leise.
»Also muss ich jetzt Gitarre lernen.«
Lotte sagt das, als sei das die schlimmste Strafe der Welt. Ich muss fast lachen, aber Lotte weint vielleicht wirklich.
»Ich muss jetzt auch Schluss machen, ich hab noch nicht gelernt«, sagt Lotte leise.
»Ach, das sagst du doch immer«, sag ich und würde sie gerne in die Schulter boxen, so ganz lieb, aber sie steht ja nicht neben mir. »Und dann kriegst du wieder eine Eins.«
Lotte antwortet nicht.
»Sehen wir uns morgen?«, frag ich.
»Ich kann nicht«, sagt Lotte jetzt so leise, dass es fast nach Flüstern klingt.
»Am Wochenende?«, frag ich.
»Vielleicht«, antwortet Lotte. Dann höre ich, dass ihre Mutter was sagt.
»Okay, tschüs«, sagt Lotte schnell und dann legt sie auf.
Am nächsten Morgen denk ich immer noch an Lottes Musikschule. Ich kann gar kein Instrument spielen. Ich weiß auch gar nicht, ob ich das könnte. Ob ich musikalisch bin. Mama kann sehr schön singen, aber das weiß außer mir vielleicht auch keiner. Das macht sie nur daheim, wenn sie Lust hat, wenn sie nicht traurig ist, nicht müde, wenn sie Zeit hat.
Aber dann klingt das sehr schön.
Ich stehe auf dem Schulhof und warte.
Die fünften Klassen haben ein eigenes kleines Gebäude und davor stehen wir und warten, bevor die erste Stunde losgeht, weil das Gebäude vorher nicht auf ist.
Ich hab heute den Parka an. Den roten. Der eigentlich zu groß ist. Aber heute war es schon ein bisschen kälter morgens, also hat Mama mir gesagt, dass ich den anziehen soll.
Und ein pinkfarbenes Halstuch, so ein großes, dazu.
Ich hab die Hände in den Taschen und warte und schau die anderen an. So ein bisschen.
Nur Franzi nicht. Die steht zusammen mit Nisa da, wo sie immer stehen.
Jeden Tag, und niemand sonst geht da hin.
Jeden Tag stehen die da und rufen laut die Namen von denen, die nach ihnen ankommen. Und begrüßen sie. Und das klingt jetzt sehr nett, aber das ist es nicht.
Mir kribbelt es dann immer wie Ameisen unter der Haut, wenn die das machen.
»Flummi!!!«, ruft Franzi jetzt. »GUTEN MORGEN, FLUMMI.« Franzi und Nisa lachen laut.
Jakob läuft vorbei und ignoriert die beiden. Er hat die Hände in die Taschen gesteckt und stiert nach vorne auf den Boden, als läge da eine Spur, der er folgen würde. Dann bleibt er ein paar Meter weiter stehen, stellt sich an die Wand und wartet wie wir alle auch. Ich hab dich gestern gesehen, denk ich und sag ich nicht. Das wollte ich eigentlich Lotte erzählen, fällt mir jetzt ein.
Jakob schaut Franzi und Nisa weiter nicht an. Die lachen noch, aber dann kommt schon wieder einer. »Hey, RIIIITSCHIIIII«, rufen sie, »EINEN WUNDERSCHÖNEN GUTEN MORGEN, RITSCHIIIII.«
Malte grinst schief und nickt einmal, aber die lachen einfach weiter.
Franzi und Nisa nennen niemanden so, wie er heißt. Jeder bekommt einen neuen Namen. Außer sie selbst. Jakob nennen sie schon immer Flummi, ich glaub, die waren auf derselben Grundschule. Und jetzt haben auch andere Kinder angefangen, ihn so zu nennen. Jakob tut dann immer so, als würde er die nicht hören.
Malte hat letztens erzählt, dass er mit zweitem Namen Richard heißt, und keine Stunde später haben ihn die beiden nur noch Ritschi genannt.
Ich komme immer vor Franzi und Nisa zur Schule. Mich begrüßen sie nicht.
Gleich klingelt es, also nehm ich meine Tasche vom Boden und häng sie mir über eine Schulter, aber als ich hochgucke, sehe ich, dass mich Franzi anschaut, und dann, dass sie Nisa in die Seite schubst und auf mich zeigt.
»Guck mal, Jelena. Was hat denn die an? Die sieht ja aus wie ein …«
Und dann lacht sie und schubst Nisa wieder in die Seite und dann flüstert sie ihr was ins Ohr und beide lachen und dann brüllt sie rüber: »JELENA RADIESCHEN! GUTEN MORGEN, RADIESCHEN!«
Ich werde rot.
Und es klingelt.
Und ich weiß: Ab jetzt hab ich einen neuen Namen.
Jetzt heiß ich nicht mehr Jelena Raditzke. Ich bin jetzt Radieschen.
In der Schule dürfen wir keine Kopfhörer tragen, also nicht auf dem Schulhof und auch nicht in den Pausen oder vor dem Unterricht. Aber das wäre so gut manchmal, die Ohren zuhaben zu können. Wenn die Ohren Türen hätten. Die Augen kann man ja auch einfach schließen.
Franzi ist so laut!
Und jetzt schreit sie »Radieschen, Radieschen«. Ich schüttel leicht meinen Kopf, aber es hat eh schon geklingelt und alle müssen rein, weil unsere Klassenlehrerin und der Praktikant kommen und die Tür aufschließen.
Das traut sich Franzi nämlich nicht, vor denen zu brüllen. Ich setz mich an meinen Platz, wo ich immer sitze, dann packe ich meine Sachen aus und schau nach vorne.
»Radieschen«, sagt Franzi noch mal im Vorbeigehen in mein Ohr, so nah, als würde sie in mich reinbeißen.
Ich zucke richtig und das merkt sie und lacht.
Dann setze ich mich dahin, wo ich immer sitze, dann packe ich meine Sachen aus und schaue nach vorne.
»So, guten Morgen«, sagt Frau Schefflera und wartet, bis sich auch die Letzten gesetzt haben und sie anschauen. Der Praktikant steht neben ihr und grinst uns an, als hätte er Kuchen gefrühstückt. Er nickt ein paar von uns zu.
Frau Schefflera geht durch, wer fehlt, und dann sagt sie, dass jetzt der Praktikant dran ist. Also tritt der einen Schritt nach vorne und legt die Hände ineinander und ich denk schon, oje, will der jetzt mit uns beten?
»Hallo«, sagt er und will eigentlich weiterreden, aber dann sagen ein paar schon »Hallo!« und dann noch ein paar, also dauert das wieder, bis sich alle beruhigt haben. Ich hab meine Unterarme auf dem Tisch liegen, dann leg ich mein Kinn obendrauf. Ich muss aufpassen, dass ich nicht gleich wieder einschlafe.
Aber dann müssen wir aufstehen und komische Spiele spielen.
Immer wieder müssen wir uns zu Gruppen zusammenfinden.
Nach Geburtstagsmonaten. Augenfarben. Auf welcher Grundschule wir waren. Rechtshänder und Linkshänder. »Ich bin aber beides!«, ruft Meltem.
»Dann bist du deine eigene Gruppe«, sagt der Praktikant.
Dann nach dem Anfangsbuchstaben des Vornamens.
Ewig geht das. Und dann stehen wir ein bisschen unschlüssig rum und jemand fragt schon: »Können wir uns wieder hinsetzen?«
»Tanzen wir jetzt?«, fragt jemand anderes. Und zwei fangen schon an mit Tanzschritten.
Der Praktikant stammelt ein bisschen und guckt die Schefflera an.
Die macht nur eine Bewegung mit ihrer Hand und dann setzen wir uns wieder.
»Ey, wie heißt der eigentlich?«, fragt da Joni voll laut.
Der Praktikant schaut hoch und merkt, dass er gemeint ist.
»Joni, das haben wir doch schon gesagt«, sagt die Schefflera.
Wir gucken uns alle mit großen Augen an und zucken mit den Schultern.
»Fabian«, sagt der.
»Du oder Sie?«, fragt Joni.
»Mann, er hat doch seinen Vornamen gesagt, dann bestimmt nicht Sie, oder wirst du gesiezt?«, blökt Kemal ihn an und schubst ihn in die Seite.
»Du«, sagt Fabian.
»Hätten wir das auch geklärt«, murmelt die Schefflera, was ich hören kann, weil ich fast vor ihr sitze. Dann klatscht sie in die Hände, weil wieder welche lauter geworden sind.
Und irgendwann sagt der Praktikant, dass wir dieses Schuljahr vier Projekte machen. »Das erste Projekt ist ein kleiner Vortrag in Partnerarbeit, wo ihr ein gemeinsames Lieblingsthema vorstellt.«
Ein paar schauen einander schon an oder winken sich durch den Raum zu und ich guck auf meinen Tisch, auf meinen Block, mein Mäppchen mit dem Anhänger, ein kleines Reh in Pink, aber dem sind die Ohren inzwischen abgebrochen. Trotzdem süß.
Fabian erklärt alles, aber wir bekommen trotzdem Zettel, auf denen noch mal alles draufsteht, aber das rauscht so über mich drüber, ich guck einfach nur auf das kleine Reh ohne Ohren.
»Und weil das Projekt dazu da ist, dass ihr euch besser kennenlernt, deswegen …«, sagt er, aber da fangen gleich welche an zu schimpfen, weil er schon anfängt, Namen zu rufen, die zusammenarbeiten sollen.
Und da wird es noch lauter. Weil das alle scheiße finden. Weil, erstens dürfen die nicht zusammen mit ihrer besten Freundin oder so und dann müssen sie das auch noch mit jemandem machen, den sie vielleicht gar nicht mögen. Und als ich das denke, erschrecke ich und schaue hoch und denke, bloß nicht Franzi, während Fabian meinen Namen aufruft.
Und dann sagt er meinen Namen und ich guck hoch.
Jelena. Franzi ruft: »Flummi kriegt Radieschen.« Der Praktikant guckt verwirrt, dann macht er weiter.
Ich guck zu Jelena und nicke ihr kurz zu und dann schau ich auf den Zettel und gut ist.
Ich atme aus. Nicht Franzi. Gut.
Jakob schaut mich nicht mehr an, aber der guckt mich eh nie an.
Wenigstens nicht Franzi, denk ich.
In der Pause stell ich mich so hin, dass ich in der Nähe von Jakob bin, dann räuspere ich mich, weil er liest. Der liest immer. Versteh ich nicht.
Jakob guckt nicht gleich hoch, also räuspere ich mich wieder, aber diesmal, weil ich echt was sagen will, nämlich »Hey«. Jakob schaut hoch, hat seinen Daumen zwischen den Seiten vom Buch und guckt mich einfach nur an.
»Wegen dem Vortrag«, sag ich.
»Ja, klar. Lass uns doch einfach Dinosaurier machen, da hab ich schon mal ein Projekt zu gemacht, okay?«
Ich weiß nicht, warum mein Kopf einfach nickt, ich will gar nicht nicken und ich will auch keinen Vortrag über Dinosaurier machen, aber als Jakob mein Nicken sieht, nickt er auch und dann liest er einfach weiter.
Erst schau ich mich um, dann geh ich. Ohne Tschüs zu sagen. Merkt der eh nicht.
Cover
Tamara Bach: Jakob und Jelena
Wohin soll es gehen?
Widmung
Jelena
Jakob
Jelena
Jakob
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Jakob
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Tamara Bach
Barbara Yelin
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Cover
Beginn des Haupttextes
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