Jane Eyre: Gekürzte Ausgabe - Charlotte Brontë - E-Book

Jane Eyre: Gekürzte Ausgabe E-Book

Charlotte Bronte

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Beschreibung

Dieses Buch präsentiert den Klassiker der Weltliteratur in sorgfältig gekürzter Form. Der Text wurde in modernes Deutsch übertragen, wobei Stil, Ton und Ausdruck des Originals weitgehend beibehalten wurden. Für alle, die einen raschen Zugang zu diesem umfangreichen Klassiker erhalten möchten. „Jane Eyre“ von Charlotte Brontë ist ein Klassiker der englischen Literatur und erzählt die Lebensgeschichte einer selbstbewussten, klugen und unabhängigen Frau im 19. Jahrhundert. Jane wächst als Waise bei ihrer lieblosen Tante auf und kommt später in ein strenges Internat. Trotz vieler Entbehrungen entwickelt sie einen starken Charakter und großen Wissensdrang. Nach ihrer Ausbildung wird Jane Gouvernante auf dem Landsitz Thornfield Hall. Dort unterrichtet sie die junge Adèle und begegnet dem Hausherrn Mr. Rochester, einem verschlossenen und geheimnisvollen Mann. Zwischen Jane und Rochester entsteht eine tiefe Liebe. Doch kurz vor der Hochzeit erfährt Jane ein schreckliches Geheimnis. Enttäuscht und verletzt verlässt Jane Thornfield heimlich. Nach schwerer Zeit findet sie Zuflucht bei einer fremden Familie, die sich später als ihre Verwandten herausstellt. Sie erbt Geld und kann nun selbstbestimmt leben. Doch ihre Liebe zu Rochester lässt sie nicht los. „Jane Eyre“ ist ein Roman über Selbstbestimmung, Moral und die Kraft der inneren Überzeugung – und zugleich eine große Liebesgeschichte.

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EPUB

Veröffentlichungsjahr: 2025

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Charlotte Brontë

Jane Eyre: Gekürzte Ausgabe

Dieses Buch präsentiert den Klassiker der Weltliteratur in sorgfältig gekürzter Form. Der Text wurde in modernes Deutsch übertragen, wobei Stil, Ton und Ausdruck des Originals weitgehend beibehalten wurden. Für alle, die einen raschen Zugang zu diesem umfangreichen Klassiker erhalten möchten.

Erster Teil – Erstes Kapitel

Es war an diesem Tag unmöglich gewesen, einen Spaziergang zu machen. Am Morgen war ich zwar eine Stunde durch die jungen, blattlosen Anpflanzungen gegangen, doch seit dem Mittagessen hatte der Winterwind dunkle Wolken und einen kalten, durchdringenden Regen herangetrieben. An Bewegung im Freien war nicht mehr zu denken und ich war darüber sogar erleichtert. Lange Spaziergänge an frostigen Nachmittagen waren mir verhasst. Es ekelte mich, halb erfroren heimzukommen und dann das Schimpfen von Bessie, unserem Kindermädchen, zu ertragen, während ich wusste, wie viel schwächer und unbeholfener ich im Vergleich zu Eliza, John und Georgina war.

Diese drei hielten sich im Salon bei Mrs. Reed auf. Sie ruhte auf dem Sofa, umgeben von ihren Lieblingen, die ausnahmsweise friedlich waren. Mich schloss sie aus und erklärte, es mache sie unglücklich, mich fernhalten zu müssen, doch nur glückliche, zufriedene Kinder hätten Anspruch auf ihre Nähe. Sie sagte, sie könne mir erst verzeihen, wenn sie überzeugt sei, dass ich ernsthaft versuche, „anziehendere und freundlichere Manieren“ zu zeigen. Ich fragte: „Was habe ich denn getan?“ Doch Mrs. Reed antwortete streng, sie dulde keine Fragen und ich solle mich sofort setzen und schweigen.

Ich floh in das kleine Frühstückszimmer nebenan. Dort stand ein großer Bücherschrank. Ich suchte mir einen Band mit Bildern, setzte mich in die Fenstervertiefung, zog die roten Vorhänge zu und versteckte mich. Draußen tobte der Novembersturm, während ich in Bewicks „Geschichte von Englands gefiederten Bewohnern“ blätterte. Der gedruckte Text interessierte mich kaum, doch die einleitenden Seiten über einsame Küsten, arktische Regionen und kahle Inseln weckten düstere, aber eindrucksvolle Bilder in mir. Ein Felsen im stürmischen Meer, ein gestrandetes Boot und ein Wrack im Mondlicht verbanden sich in meiner Vorstellung zu einer kalten, geisterhaften Welt. Selbst die stillen Friedhofsbilder und die beiden regungslosen Schiffe erschienen mir wie Erscheinungen aus einer fernen, unheimlichen Landschaft.

Auch die schwarze, gehörnte Gestalt auf einem Felsen, die aus der Ferne Menschen um einen Galgen beobachtete, erfüllte mich mit Schrecken. Jede Darstellung erzählte eine eigene Geschichte, oft unverständlich für meinen kindlichen Verstand, doch stets spannend genug, um mich zu fesseln – ähnlich wie Bessies Erzählungen an Winterabenden, wenn sie uns gut gelaunt mit Geschichten aus alten Märchen und Balladen unterhielt.

Mit Bewicks Buch auf den Knien fühlte ich mich geborgen und wollte nur Ruhe. Doch diese währte nicht lange: Die Tür ging auf und John Reeds Stimme rief: „Bah, Frau Träumerin!“ Dann hielt er überrascht inne. „Wo zum Teufel ist sie denn? Lizzy! Georgy! Joan ist nicht hier. Sagt Mama, dass sie in den Regen hinausgelaufen ist – das böse Tier!“

Ich hoffte verzweifelt, er möge mich nicht finden. Doch Eliza sagte: „Sie ist gewiss wieder in die Fenstervertiefung gekrochen, sieh nur nach.“ Aus Angst, er könnte mich hervorziehen, trat ich heraus und fragte: „Da bin ich, was wünscht Ihr?“ John entgegnete: „Sag: was wünschen Sie, Mr. Reed. Ich will, dass du hierherkommst.“ Er setzte sich in den Lehnstuhl und befahl mir, vor ihm zu stehen.

John war vier Jahre älter, groß und schwerfällig. Er hätte in der Schule sein sollen, doch seine Mutter hielt ihn wegen angeblicher „zarter Gesundheit“ daheim. Seine Ablehnung gegen mich war stark: Er schikanierte mich ständig und niemand verteidigte mich. Mrs. Reed übersah seine Grausamkeit, obgleich er mich oft in ihrer Nähe beschimpfte oder schlug.

Auch jetzt gehorchte ich und trat näher. John streckte mir höhnisch die Zunge heraus, dann schlug er plötzlich brutal zu. Ich taumelte zurück. Er erklärte: „Das ist für die Frechheit, dass du Mama antwortetest, für dein Verkriechen hinter den Vorhang und für den Blick, den ich eben sah, du Ratze!“ An seine Beschimpfungen gewöhnt, dachte ich nur daran, wie ich den nächsten Schlag ertragen sollte.

„Was hast du da hinter dem Vorhang gemacht?“ fragte er weiter.

„Ich habe gelesen.“

„Zeige mir das Buch.“

Ich holte es aus der Fenstervertiefung. John riss es mir aus der Hand und sagte: „Du hast kein Recht, unsere Bücher zu nehmen. Mama hat gesagt, du bist eine Untergebene. Du hast kein Geld, dein Vater hat dir keins hinterlassen. Eigentlich solltest du betteln und nicht mit Kindern eines Gentlemans leben. Du isst unser Essen und trägst Kleider, die Mama dir kaufen muss. Ich werde dich lehren, zwischen meinen Büchern herumzustöbern. Das ganze Haus gehört mir oder wird mir gehören. Geh an die Tür – nicht vor den Spiegel oder die Fenster.“

Ich tat, was er verlangte, ohne seine Absicht zu erkennen. Doch als ich sah, wie er das Buch hob und zielte, sprang ich zur Seite und schrie. Zu spät: Das Buch traf mich, ich stürzte, schlug mit dem Kopf gegen die Tür und Blut lief herab. Der Schmerz war heftig, die Angst wich einer wilden Empörung. „Du böser, grausamer Bube!“ rief ich. „Du bist wie ein Mörder – wie ein Sklaventreiber – wie die römischen Kaiser!“

John schrie: „Was! Hat sie das zu mir gesagt? Habt ihr es gehört? Das erzähle ich Mama! Aber zuerst …“ Er stürzte sich auf mich. Er packte mein Haar und meine Schulter und wir rangen miteinander. Ich fühlte erneut Blut am Hals herablaufen und in blinder Wut schlug ich zurück. Er brüllte „Ratze! Ratze!“

Eliza und Georgina holten Mrs. Reed, die bald erschien, begleitet von Bessie und der Kammerjungfer Abbot. Man trennte uns und ich hörte: „Du liebe Zeit! Welch eine Furie, so auf Mr. John loszustürzen!“

Mrs. Reed sagte kalt: „Führt sie in das rote Zimmer und schließt sie ein.“ Vier Hände packten mich und trugen mich hinauf.

Zweites Kapitel

Auf dem Weg ins rote Zimmer wehrte ich mich heftig. Das war etwas Neues und bestärkte Bessie und Miss Abbot nur in ihrer schlechten Meinung über mich. Ich war außer mir und wusste, dass mir dieser Ausbruch harte Strafen einbringen würde. Wie ein rebellischer Sklave war ich entschlossen, mich nicht zu beugen.

„Halten Sie ihre Arme, Miss Abbot; sie ist wie eine wilde Katze!“ rief Bessie.

„Schämen Sie sich! Einen jungen Gentleman zu schlagen!“ schimpfte Abbot.

Ich rief: „Einen Gentleman? Bin ich denn eine Dienerin?“

„Nein. Sie sind weniger als eine Dienerin, denn Sie arbeiten nicht für Ihren Unterhalt“, erwiderte Abbot streng.

Sie zerrten mich ins Zimmer und warfen mich auf einen Stuhl. Sofort sprang ich wieder auf, doch vier Hände drückten mich nieder. „Wenn Sie nicht stillsitzen, werden wir Sie festbinden“, sagte Bessie. „Miss Abbot, geben Sie mir Ihre Strumpfbänder.“

Die Aussicht, gefesselt zu werden, erschreckte mich so sehr, dass ich rief: „Bitte nicht, ich werde stillsitzen.“ Ich klammerte mich an den Stuhl, bis sie glaubten, ich beruhige mich.

Sie standen mit verschränkten Armen vor mir und musterten mich. „Das hat sie noch nie getan“, meinte Bessie.

„Aber es hat schon lange in ihr gesteckt“, sagte Abbot. „Sie ist ein schlaues kleines Ding.“

Bessie sagte schließlich: „Fräulein, Sie sollten wissen, dass Sie Mrs. Reed verpflichtet sind. Wenn sie Sie fortschickte, müssten Sie ins Armenhaus.“ Ich kannte diese Worte. Seit ich denken konnte, hatte man sie mir entgegengeschleudert. Miss Abbot fügte hinzu, ich dürfe mich nicht mit den Reed-Kindern vergleichen, denn sie hätten ein Vermögen und ich sei arm. Ich müsse demütig und angenehm sein.

„Versuchen Sie, nützlich zu sein, sonst wird Mrs. Reed Sie fortschicken“, sagte Bessie.

„Und Gott wird Sie strafen“, warnte Abbot. „Vielleicht fällt etwas Schreckliches durch den Kamin und holt Sie.“

Sie gingen und schlossen die Tür ab.

Das rote Zimmer war ein prächtiges Fremdenzimmer. Ein großes Bett mit dunklen Mahagonipfeilern und roten Vorhängen stand wie ein Tabernakel in der Mitte. Alles war rot: Teppich, Draperien, Decken. Zwischen den dunklen Möbeln leuchteten die weißen Kissen und die Bettdecke und der große weiße Lehnstuhl am Kopfende wirkte in meinen Augen wie ein geisterhafter Thron.

Das rote Zimmer war dumpf und still, weil dort fast nie ein Feuer brannte und es weit von Küche und Kinderstube lag. Unheimlich war es vor allem deshalb, weil ich wusste, dass kaum jemand es betrat. Nur samstags wischte das Hausmädchen Staub und hin und wieder kam Mrs. Reed, um eine Schublade mit wichtigen Papieren, Schmuck und dem Miniaturbild ihres verstorbenen Mannes zu öffnen. Hier lag das Geheimnis des Raumes: In diesem Zimmer war Mr. Reed gestorben, hier hatte er aufgebahrt gelegen. Seither haftete dem Zimmer ein Bann von trauriger Weihe an.

Ich saß auf einer niedrigen Ottomane nahe dem weißen Marmorkamin. Vor mir erhob sich das große Bett, rechts stand ein dunkler Garderobenschrank, links die verhängten Fenster mit dem Spiegel dazwischen. Ich wusste nicht, ob die Tür abgeschlossen war und als ich nachsah, fand ich sie fest verriegelt. Auf dem Rückweg musste ich am Spiegel vorbei. Alles darin wirkte noch kälter und hohler als in Wirklichkeit. Die kleine Gestalt mit dem bleichen Gesicht und den rollenden Augen erschien mir wie ein Gespenst aus Bessies Geschichten – halb Elfe, halb Kobold. Erschrocken setzte ich mich wieder.

Der Aberglaube wurde stärker, doch noch behielt die aufgewühlte Wut des „empörten Sklaven“ die Oberhand. Aus meinem Inneren stieg alles empor: Johns Tyrannei, die hochmütige Gleichgültigkeit seiner Schwestern, Mrs. Reeds Abneigung, die Parteilichkeit der Dienstboten. Warum musste ich immer leiden, immer verurteilt werden? Eliza war eigensinnig, Georgina trotzig und frech, doch man verzieh ihnen alles wegen ihrer Schönheit. John durfte Tiere quälen, Pflanzen zerstören und seine Mutter „alte Dame“ nennen – und blieb trotzdem ihr Liebling. Ich dagegen versuchte stets meine Pflicht zu tun und wurde doch als unartig und hinterlistig beschimpft.

Mein Kopf schmerzte von Schlag und Sturz, das Blut trocknete klebrig an meinem Hals und niemand hatte John getadelt. Stattdessen beschuldigte man mich, weil ich mich gewehrt hatte. „Ungerecht! Ungerecht!“ rief meine Vernunft, die durch die ständige Qual eine ungewohnte Stärke erhalten hatte. In meiner Verzweiflung dachte ich an Flucht oder daran, jede Nahrung zu verweigern und mich zugrunde zu hungern.

Was für ein verworrener, düsterer Kampf tobte in mir an diesem Nachmittag! Ich fragte mich unaufhörlich, warum ich so viel ertragen musste – und hatte keine Antwort. Jetzt, viele Jahre später, kenne ich sie: Ich war ein Misston in Gateshead-Hall. Ein fremdes, unerwünschtes Wesen ohne Bindung, ohne Nutzen, ohne Liebe. Wäre ich schön, lebhaft oder klug gewesen – selbst ohne Freunde und Mittel – man hätte mich vielleicht geduldet. Doch so war ich nichts als ein störendes, missliebiges Kind, das nie dazugehören durfte.

Das Tageslicht schwand aus dem roten Zimmer. Nach vier Uhr legte sich die trübe Dämmerung über den regnerischen Nachmittag. Ich hörte das Prasseln des Regens am Treppenfenster und das Heulen des Windes hinter dem Haus. Allmählich wurde mir kalt und mein Mut sank. Die Wut verglomm und an ihre Stelle traten Demütigung, Zweifel und tiefe Traurigkeit. Alle sagten, ich sei boshaft – vielleicht war es wahr? Hatte ich nicht eben daran gedacht, mich zu Tode zu hungern? War das nicht ein Verbrechen?

Ich dachte an Mr. Reed, meinen verstorbenen Onkel, der mich als elternloses Kind aufgenommen und Mrs. Reed das Versprechen abgenommen hatte, mich wie ihr eigenes Kind zu erziehen. Sie glaubte wahrscheinlich, dieses Versprechen erfüllt zu haben. Doch wie sollte sie wirklich Liebe empfinden für ein fremdes Kind, das nach dem Tod ihres Mannes keinerlei Bindung mehr zu ihr hatte? Ich konnte begreifen, dass es sie kränkte, an dieses Versprechen gebunden zu sein.

Eine sonderbare Vorstellung überkam mich: Ich zweifelte nie daran, dass Mr. Reed gut zu mir gewesen wäre, wenn er noch lebte. Und nun, während ich das weiße Bett und die dunklen Wände betrachtete, stellte ich mir vor, sein Geist könne ruhelos sein, weil man seinen letzten Wunsch nicht erfüllte. Vielleicht verließ er seine Grabkammer oder jenes unbekannte Land der Toten, um mir beizustehen. Ich wagte kaum zu atmen, aus Angst, mein Schluchzen könnte eine Erscheinung heraufrufen.

Ich strich mir das Haar aus dem Gesicht und blickte in das Dunkel. Da sah ich plötzlich ein bewegliches Licht an der Wand. War es ein Mondstrahl? Nein – das Licht glitt zur Decke hinauf. Heute weiß ich, dass es wohl eine Laterne draußen war, doch damals hielt ich es für den Vorboten eines Geistes. Mir wurde heiß und schwindlig; ich glaubte Flügelrauschen zu hören. In Panik stürzte ich zur Tür und rüttelte daran.

Schnelle Schritte näherten sich, der Schlüssel drehte sich und Bessie sowie Miss Abbot kamen herein. „Miss Eyre, sind Sie krank?“ fragte Bessie.

Ich schrie: „Nehmt mich mit hinaus! Lasst mich in die Kinderstube!“

„Haben Sie etwas gesehen?“ fragte Bessie.

„O, ich sah ein Licht und meinte, ein Geist komme.“

Ich klammerte mich an Bessies Hand. Abbot zischte: „Sie hat absichtlich geschrien.“

Da erklang Mrs. Reeds Stimme: „Was gibt es hier? Habe ich nicht befohlen, Jane im roten Zimmer zu lassen?“

Bessie stammelte: „Miss Jane schrie so laut, Madame …“

Mrs. Reed entgegnete nur: „Lass Bessies Hand los. Du wirst auf diese Weise nicht hinauskommen. Du bleibst noch eine Stunde hier und kommst erst heraus, wenn du versprichst, vollkommen ruhig und unterwürfig zu sein.“

„O, Tante, hab Erbarmen! Vergib mir! Ich kann es nicht ertragen. Bestrafe mich anders! Ich komme um, wenn …“

„Sei still! Diese Heftigkeit ist widerlich und empörend!“

In ihren Augen war ich eine frühreife Schauspielerin, erfüllt von Leidenschaft und Falschheit. Als Bessie und Abbot gegangen waren, stieß Mrs. Reed mich wortlos zurück ins Zimmer und schloss ab. Ich hörte sie davonrauschen. Kurz danach erlitt ich Krämpfe und wurde dann bewusstlos.

Drittes Kapitel

Ich erinnerte mich an nichts. Als ich erwachte, fühlte ich einen schrecklichen Druck, sah eine rote Glut und schwarze Stangen davor. Stimmen klangen hohl und fern, Entsetzen füllte jeden meiner Sinne. Dann spürte ich eine sanfte Berührung: Jemand hob mich auf und setzte mich hin – viel zärtlicher, als ich es gewohnt war. Mein Kopf lehnte an einem Arm und ich fühlte mich plötzlich geborgen.

Die Bewusstlosigkeit wich und ich erkannte mein eigenes Bett. Die rote Glut war das Feuer der Kinderstube, eine Kerze brannte. Bessie stand am Fuß des Bettes und ein Herr saß neben mir: Mr. Lloyd, der Apotheker.

„Nun, wer bin ich?“ fragte er.

Ich nannte seinen Namen und reichte ihm die Hand.

„Ah, wir werden uns jetzt langsam erholen“, sagte er lächelnd und gab Bessie Anweisungen, mich nicht zu stören. Als er ging, überkam mich tiefe Traurigkeit, denn seine Nähe hatte mir Sicherheit gegeben.

„Glauben Sie, dass Sie schlafen können, Miss?“ fragte Bessie sanft.

„Ich will es versuchen“, sagte ich leise.

„Möchten Sie etwas essen oder trinken?“

„Nein, danke.“

Bessie ging ins Nebenzimmer zu Sarah. Ich hörte sie sagen: „Ich bleibe keine Minute allein mit dem armen Kind, es könnte sterben! Mrs. Reed war dieses Mal zu hart.“ Dann flüsterten die beiden über Geistererscheinungen: ein weißes Wesen, ein großer schwarzer Hund, ein Licht über dem Grab. Schließlich schliefen sie ein, Feuer und Kerze erloschen. Ich aber lag wach, von kindlichem Entsetzen gefesselt.

Eine schwere Krankheit folgte nicht, aber eine tiefe Erschütterung meiner Nerven. Ja, Mrs. Reed, Ihnen verdanke ich manche Qual. Am nächsten Mittag saß ich angekleidet am Feuer, körperlich schwach und innerlich gebrochen. Die Reeds waren ausgefahren, Bessie freundlich, das Haus still – eigentlich hätte es ein friedlicher Augenblick sein können. Doch mein Herz blieb voller Jammer und jede getrocknete Träne wurde von einer neuen abgelöst.

Bessie kam aus der Küche und brachte mir ein Stück Kuchen auf dem bunt bemalten Porzellanteller mit dem Paradiesvogel, den ich immer so bewundert hatte. Früher hatte man mir nie erlaubt, ihn in die Hand zu nehmen, doch nun stellte Bessie ihn mir auf den Schoß und bat mich freundlich zu essen. Aber es war zu spät für solche Gunst: Ich konnte weder den Kuchen anrühren noch die Farben des Vogels genießen. Alles wirkte fahl und leer.

Bessie fragte: „Möchtest du ein Buch?“

Das Wort wirkte wie ein kurzer Trost. Ich bat um „Gullivers Reisen“, das ich immer für wahr gehalten hatte. Liliput und Brobdingnag erschienen mir einst wie echte Länder, die ich irgendwann sehen könnte. Doch jetzt, als ich die vertrauten Seiten aufschlug, war der Zauber verschwunden. Die Riesen wirkten wie hässliche Kobolde, die kleinen Menschen wie böse Gnomen. Ich legte das Buch traurig beiseite.

Bessie räumte das Zimmer auf, wusch sich dann die Hände und holte aus einer Schublade Stoffe hervor, um einen Hut für Georginas Puppe zu nähen. Während sie arbeitete, sang sie:

„Als wir durch Wald und Flur streiften,

Vor langer, langer Zeit.“

Ihre Stimme war süß wie immer, doch für mich klang das Lied heute unendlich traurig, wie ein ferner Abgesang. Dann begann sie eine andere Ballade, die von einem armen, einsamen Waisenkind handelte. Die Worte trafen mich tief. Als sie endete, sagte sie: „Kommen Sie, Miss Jane, weinen Sie nicht.“ Aber sie verstand nicht, wie groß der Schmerz in mir war.

Am Vormittag kam Mr. Lloyd zurück. „Schon aufgestanden?“ fragte er freundlich. „Wie geht es ihr?“

Bessie antwortete, es gehe mir gut.

„Dann sollte sie fröhlicher aussehen. Kommen Sie her, Miss Jane. Sie heißen Jane, nicht wahr?“

„Ja, Herr, Jane Eyre.“

„Sie haben geweint. Weshalb? Haben Sie Schmerzen?“

„Nein, Herr.“

Bessie mischte sich ein: „Sie ist traurig, weil sie nicht mit Mrs. Reed fahren durfte.“

„O nein“, widersprach ich schnell. „Ich weine nicht wegen solcher Albernheiten. Ich hasse diese Fahrten. Ich weine, weil ich so unglücklich bin.“

„Schämen Sie sich, Miss!“ rief Bessie.

Mr. Lloyd betrachtete mich aufmerksam. Seine kleinen grauen Augen wirkten klug, sein Gesicht trotz harter Züge freundlich. Schließlich fragte er: „Was hat Sie gestern krank gemacht?“

Bessie antwortete schnell: „Sie ist gefallen.“

„Gefallen? In ihrem Alter?“

Ich entgegnete trotzig: „Jemand hat mich zu Boden geschlagen. Aber davon wurde ich nicht krank.“

Die Mittagsglocke rief Bessie weg und Mr. Lloyd fragte weiter: „Nun, was war es denn?“

„Ich war in einem Zimmer eingesperrt, wo ein Geist umgeht – und es war dunkel.“

Er lächelte. „Ein Geist? Fürchten Sie sich wirklich?“

„Ja, vor Mr. Reeds Geist. Er starb dort. Es war grausam, mich allein einzuschließen.“

„Unsinn! Und macht das Sie so elend?“

„Ich bin auch wegen anderer Dinge unglücklich.“ Es fiel mir schwer, zu erklären, doch schließlich sagte ich: „Ich habe keinen Vater, keine Mutter, keine Geschwister.“

„Aber eine gütige Tante und liebe Cousinen.“

Ich rief: „John Reed hat mich geschlagen und meine Tante sperrte mich ins rote Zimmer!“

Er nahm Tabak, dann fragte er: „Finden Sie Gateshead nicht wunderschön?“

„Es ist nicht mein Haus, Sir. Abbot sagt, ich habe weniger Recht hier zu sein als ein Dienstbote.“

„Dummes Zeug! Sie wünschen doch nicht, wegzugehen?“

„Doch. Wenn ich wüsste, wohin, wäre ich froh zu gehen.“

„Haben Sie keine anderen Verwandten?“

„Vielleicht arme Eyres. Tante Reed weiß nichts Genaues.“

„Möchten Sie zu ihnen gehen?“

Ich schüttelte den Kopf. „Ich möchte nicht bei armen Leuten leben.“

„Auch nicht, wenn sie gütig wären?“

„Ich kann mir nicht vorstellen, dass Arme gütig sein können. Und ich möchte nicht wie sie leben.“

„Möchten Sie in die Schule gehen?“ fragte er dann.

Ich zögerte. Schule klang zugleich erschreckend und verheißungsvoll. Bessie hatte von strenger Disziplin, aber auch von schönen Stunden erzählt: Malen, Singen, Sprachen. Ich stellte mir eine lange Reise und ein neues Leben vor – weit weg von Gateshead – und dieser Gedanke begann in mir Hoffnung zu wecken.

„Ich möchte wirklich in eine Schule gehen“, sagte ich schließlich.

„Nun, wer weiß“, meinte Mr. Lloyd und stand auf. „Das Kind braucht Luft- und Ortsveränderung, die Nerven sind angegriffen.“

Bessie kam zurück und gleichzeitig hörte man Mrs. Reeds Wagen.

„Ich möchte noch mit ihr sprechen“, sagte der Apotheker und ging ins Frühstückszimmer. Später erfuhr ich, dass er Mrs. Reed geraten hatte, mich in eine Schule zu schicken – ein Vorschlag, den sie gerne annahm.

Als ich eines Abends im Bett lag, hörte ich Miss Abbot sagen: „Die gnädige Frau ist froh, das boshafte Kind loszuwerden.“ Dann sprachen sie über meine Familie: Mein Vater sei ein armer Prediger gewesen, meine Mutter habe gegen den Willen ihrer Angehörigen geheiratet und sei enterbt worden. Beide seien kurz hintereinander an Fieber gestorben.

Bessie seufzte: „Die arme Miss Jane ist zu bedauern.“

„Ja, wenn sie ein liebes Kind wäre“, erwiderte Abbot, „aber so kann man kein Mitleid haben.“

Sie schwärmte von Georgianas Schönheit, dann gingen beide in die Küche hinunter.

Viertes Kapitel

Aus dem Gespräch mit Mr. Lloyd und den Bemerkungen von Abbot und Bessie schöpfte ich neue Hoffnung. Vielleicht stand eine Veränderung bevor und im Stillen wünschte ich sie herbei. Doch die Tage vergingen, dann die Wochen. Ich war längst wieder gesund, aber niemand erwähnte die Schule. Mrs. Reed begegnete mir mit noch größerer Kälte. Sie wies mir ein eigenes kleines Zimmer zu, ließ mich allein essen und verbot mir den Aufenthalt im Wohnzimmer. Ihre Abneigung war unverkennbar; ich spürte, dass sie mich nicht mehr lange im Haus dulden wollte.

Auch die Kinder folgten ihrem Beispiel. Eliza und Georgiana sprachen kaum mit mir und John streckte mir die Zunge heraus, sobald er mich sah. Einmal wollte er mich wieder schlagen, doch als ich mich ihm mit derselben Wut wie früher entgegenstellte, lief er davon und schrie, ich hätte ihm das Nasenbein zertrümmert. Kurz darauf hörte ich ihn seiner Mutter erzählen, ich sei wie eine wilde Katze über ihn hergefallen, aber Mrs. Reed unterbrach ihn streng: „Sprich nicht von ihr. Du sollst ihr fernbleiben.“

Da verlor ich die Beherrschung und rief über das Treppengeländer: „Sie sind nicht wert, mit mir zu verkehren!“

Mrs. Reed stürmte die Treppe herauf, packte mich und verbot mir, den ganzen Tag zu sprechen oder mich zu rühren. Plötzlich entfuhr es mir: „Was würde Onkel Reed sagen, wenn er lebte?“

Sie fuhr herum; in ihren Augen flackerte Angst. Ich sprach weiter: „Mein Onkel sieht alles im Himmel. Und mein Vater und meine Mutter auch. Sie wissen, dass Sie mich einsperren und dass Sie wünschen, ich wäre tot.“

Da schlug sie mich und verließ wortlos das Zimmer. Bessie hielt mir danach eine lange Strafpredigt über meine Bosheit. Halb glaubte ich ihr – denn tatsächlich tobten nur dunkle Gefühle in mir.

November, Dezember und der halbe Januar vergingen. Weihnachten und Neujahr wurden fröhlich gefeiert, doch ich blieb ausgeschlossen. Ich sah Eliza und Georgiana in ihren feinen Kleidern in den Salon gehen und lauschte später den Klavierklängen und den Stimmen der Gäste. Wenn ich müde wurde, schlich ich in die stille Kinderstube zurück. Gesellschaft wollte ich ohnehin keine; man schenkte mir dort nie Aufmerksamkeit.

Abends, wenn Bessie in die Küche hinunterging und die Lampe mitnahm, saß ich allein im Dunkeln, die Puppe im Arm, bis das Feuer verglomm. Dann entkleidete ich mich hastig und schlüpfte in mein Bett. Meine Puppe nahm ich immer mit. Ich liebte sie mit einer Zärtlichkeit, die mir heute unbegreiflich erscheint, denn sie war kaum schöner als eine kleine Vogelscheuche – doch sie war das Einzige, was mir Liebe zurückzugeben schien.

Die Stunden erschienen mir endlos, wenn ich im Dunkeln auf Bessies Schritte wartete. Manchmal brachte sie mir zwischendurch etwas zu essen oder suchte Fingerhut und Schere. Dann setzte sie sich zu mir, wickelte mich warm ein, küsste mich zweimal und sagte: „Gute Nacht, Miss Jane.“ In solchen Momenten war sie für mich das freundlichste Wesen der Welt und ich wünschte mir, sie bliebe immer so sanft. Trotz ihres launischen Wesens und ihrer oft ungerechten Strenge liebte ich sie mehr als jeden anderen Menschen in Gateshead.

Am 15. Januar, gegen neun Uhr, war ich allein in der Kinderstube. Bessie war zum Frühstück hinuntergegangen. Eliza zog ihren Gartenmantel an, um die Hühner zu füttern. Georgiana saß vor dem Spiegel und steckte sich künstliche Blumen in die Locken. Ich räumte mein Bett und versuchte, die Spielsachen auf dem Fensterbrett zu ordnen. Doch Georgiana rief: „Rühr meine Sachen nicht an!“

Da ich nichts anderes tun durfte, hauchte ich kleine klare Stellen in die vereisten Scheiben und blickte in den froststarren Garten. Dabei sah ich, wie sich die Pforten öffneten und ein Wagen hereinfuhr. Es kümmerte mich wenig; Besucher interessierten mich nie.

Meine Aufmerksamkeit richtete sich auf ein hungriges Rotkehlchen im Kirschbaum. Ich zerbröselte mein Frühstücksbrot und öffnete das Klappfenster, um dem Vogel die Krümel zu geben.

In diesem Moment stürzte Bessie herein. „Miss Jane, was machen Sie da? Haben Sie Gesicht und Hände gewaschen?“

Ich streute die Krümel zu Ende und antwortete: „Nein, Bessie, ich habe gerade erst fertig aufgeräumt.“

„Unordentliches Mädchen! Warum haben Sie das Fenster geöffnet?“

Doch sie wartete keine Antwort ab. Sie packte mich, wusch mich hart mit Seife und kaltem Wasser, bürstete mein Haar streng, zog mir die Schürze aus und riss mich zur Tür. „Man erwartet Sie im Frühstückszimmer!“

Ich hätte gerne gewusst, wer dort auf mich wartete, doch Bessie war schon verschwunden. Langsam stieg ich die Treppe hinab. Seit drei Monaten hatte Mrs. Reed mich nicht mehr rufen lassen. Nun sollte ich das Frühstückszimmer betreten – einen Raum, der mir inzwischen fremd und furchteinflößend vorkam.

Ich stand zitternd in der Halle vor der Tür des Frühstückszimmers. Ich wagte weder zurück in die Kinderstube noch vorwärts in den Raum, in den man mich rief. Zehn Minuten zögerte ich, bis das heftige Klingeln mich zwang einzutreten.

Ich öffnete die Tür, machte einen Knicks und sah zuerst nur eine schwarze, säulenhafte Gestalt vor dem Kamin. Mrs. Reed winkte mich heran. „Dies ist das kleine Mädchen, um dessentwillen ich mich an Sie wandte.“

Der Fremde – ein langer, dürrer Mann – wandte sich langsam zu mir. Seine buschigen Augenbrauen und die scharfen Züge ließen ihn wie eine steinerne Maske wirken.

„Sie ist klein von Gestalt. Wie alt ist sie?“

„Zehn Jahre“, sagte Mrs. Reed.

„So alt?“ murmelte er zweifelnd, während er mich prüfend musterte.

Dann sprach er mich direkt an: „Ihr Name, kleines Mädchen?“

„Jane Eyre, mein Herr.“

„Nun, Jane Eyre, sind Sie ein gutes Kind?“

Ich schwieg. Mrs. Reed schüttelte nur den Kopf: „Je weniger man darüber spricht, Mr. Brocklehurst, desto besser.“

Er setzte sich und befahl: „Kommen Sie hierher.“ Ich trat vor ihn. Sein Gesicht wirkte noch furchterregender aus der Nähe.

„Es gibt keinen schrecklicheren Anblick als einen unartigen kleinen Menschen. Wissen Sie, wohin die Gottlosen kommen?“

„In die Hölle“, antwortete ich.

„Und was ist die Hölle?“

„Eine Grube voll Feuer.“

„Möchten Sie dort für ewig brennen?“

„Nein, Sir.“

„Was müssen Sie tun, um das zu vermeiden?“

Nach kurzem Nachdenken sagte ich: „Ich muss gesund bleiben und nicht sterben.“

Er tadelte mich: „Kinder sterben täglich. Ein gutes Kind habe ich erst vor kurzem begraben – seine Seele ist im Himmel. Ob man dasselbe von Ihnen sagen könnte?“

Ich senkte den Blick auf seine riesigen Füße und seufzte.

„Ich hoffe, dieser Seufzer kommt aus Ihrem Herzen und Sie bedauern, eine Quelle von Unannehmlichkeiten für Ihre Wohltäterin gewesen zu sein.“

Innerlich wiederholte ich: „Wohltäterin!“ Noch nie war ein Wort mir bitterer erschienen.

Er fragte weiter: „Beten Sie morgens und abends?“

„Ja, Sir.“

„Lesen Sie Ihre Bibel?“

„Zuweilen.“

„Lieben Sie sie?“

„Ich liebe die Offenbarung, Daniel, Genesis, Samuel …“

„Und die Psalmen?“

„Nein, Sir.“

„Entsetzlich! Ein kleiner Knabe, den ich kenne, liebt die Psalmen mehr als Pfeffernüsse!“

Ich antwortete: „Psalmen sind nicht interessant.“

Da erklärte er streng: „Das beweist, dass Sie ein böses Herz haben. Bitten Sie Gott, es zu erneuern – Ihnen ein reines Herz zu geben.“

Ich wollte gerade fragen, wie man mir ein „neues Herz“ einsetzen sollte, als Mrs. Reed mich scharf zum Schweigen brachte. Sie wandte sich an den Besucher: „Mr. Brocklehurst, ich habe Ihnen bereits geschrieben, dass dieses kleine Mädchen nicht die Eigenschaften besitzt, die ich mir wünsche. Wenn Sie sie nach Lowood aufnehmen, bitte ich Sie, die Lehrer zu veranlassen, besonders ihrem schlimmsten Fehler entgegenzuwirken: ihrem Hang zur Lüge. Ich erwähne das in deiner Gegenwart, Jane, damit du Mr. Brocklehurst nicht täuschen kannst.“

Diese Worte, vor einem Fremden ausgesprochen, trafen mich tief. Ich fühlte, wie sie mir jede Hoffnung auf einen neuen Anfang nehmen wollte. In Mr. Brocklehursts Augen wurde ich nun zu einem verschlagenen, unartigen Kind – und ich konnte nichts dagegen tun.

„Verstellung ist ein trauriger Fehler“, sagte er. „Alle Lügner werden ihren Anteil an dem See haben, in welchem Pech und Schwefel brennen. Sie soll streng überwacht werden.“

Mrs. Reed fuhr fort: „Sie soll nützlich und demütig bleiben. Die Ferien soll sie in Lowood verbringen.“

„Sehr vernünftig“, sagte er. „Demut ist der Schmuck der Christen. In Lowood ersticken wir den Stolz durch einfache Kost, einfache Kleidung, fleißige Gewohnheiten.“

Mrs. Reed nickte zufrieden. „Wenn ich ganz England durchsucht hätte, ich hätte kein passenderes System gefunden. Konsequenz in allen Dingen, Mr. Brocklehurst!“

„Konsequenz ist die erste Pflicht“, erklärte er feierlich. „Meine Tochter Auguste sagte jüngst nach einem Besuch in Lowood: ‚O Papa, die Mädchen sehen fast aus wie arme Kinder!‘“

Mrs. Reed antwortete begeistert: „Ganz mein Geschmack!“

„Also wird Jane aufgenommen“, fuhr er fort.

„So bald wie möglich“, entgegnete sie kühl. „Ich wünsche sehnlichst, von dieser Verantwortung befreit zu werden.“

„Ohne Zweifel, Madame.“ Er verabschiedete sich und reichte mir ein Buch: „Des Kindes Führer. Lesen Sie es zum Gebet – besonders den Teil über den plötzlichen Tod eines unartigen Kindes.“ Dann stieg er in seinen Wagen und fuhr davon.

Wir blieben allein. Mrs. Reed nähte schweigend, während ich sie beobachtete. Sie war damals etwa sechsunddreißig, kräftig gebaut, mit großem Gesicht und hartem Ausdruck. Ihre blassen Augenbrauen überspannten kalte Augen; ihr blondes Haar und ihre dunkle Haut gaben ihr etwas Strenges. Sie war eine ordentliche, energische Hausherrin – aber ohne jede Wärme, besonders mir gegenüber.

Ich saß auf meinem kleinen Schemel und spürte noch den Schmerz von Mrs. Reeds Worten an Mr. Brocklehurst. Jeder Satz hatte mir gezeigt, wie sehr sie mich hasste. Während ich sie ansah, wuchs in mir ein Gefühl, das ich bisher nicht gekannt hatte: Wut, die ich nicht länger unterdrücken konnte.

Sie bemerkte meinen Blick. „Verlass das Zimmer! Geh in die Kinderstube!“, sagte sie scharf.

Ich stand auf, ging zur Tür, kam zurück, lief zum Fenster – ich musste reden. Plötzlich brach es aus mir heraus: „Ich bin nicht falsch und nicht lügnerisch! Wäre ich es, würde ich sagen, dass ich dich liebe. Aber ich liebe dich nicht. Ich hasse dich – mehr als jeden auf der Welt, außer John Reed. Georgiana belügt dich, nicht ich.“

Mrs. Reed erstarrte. „Hast du sonst noch etwas zu sagen?“ fragte sie mit einer Kälte, die mich nur noch mehr reizte.

Zitternd fuhr ich fort: „Ich bin froh, dass Sie nicht mit mir verwandt sind. Ich werde Sie niemals Tante nennen. Wenn ich erwachsen bin, werde ich Sie nicht besuchen. Jeder soll erfahren, wie schlecht Sie mich behandelt haben. Der Gedanke an Sie macht mich krank.“

„Wie kannst du es wagen, Jane Eyre?“

„Weil es die Wahrheit ist! Ich kann nicht ohne Liebe leben. Und Sie haben kein Mitleid. Ich werde niemals vergessen, wie Sie mich ins rote Zimmer warfen, obwohl ich Todesangst hatte – nur weil Ihr Sohn mich geschlagen hat. Sie sind grausam und falsch!“

Zum ersten Mal fühlte ich mich frei. Mrs. Reed wirkte erschrocken; ihre Hände zitterten, ihr Gesicht verzog sich. „Jane, du irrst dich. Möchtest du Wasser?“

„Nein.“

„Ich möchte dir eine Freundin sein.“

„Nein. Sie haben Mr. Brocklehurst Lügen über mich erzählt. In Lowood werde ich sagen, was Sie sind. Das schwöre ich.“

„Kinder verstehen solche Dinge nicht“, murmelte sie.

„Falschheit ist nicht mein Fehler!“ schrie ich.

Sie versuchte, mich zu beruhigen: „Geh in die Kinderstube, ruh dich aus.“

„Schicken Sie mich bald fort – ich ertrage es hier nicht.“

„Wahrhaftig, ich will sie bald in die Schule schicken“, murmelte sie und verließ hastig den Raum.

Ich blieb allein zurück und spürte zum ersten Mal das Gefühl eines Sieges. Einige Augenblicke stand ich am Kamin wie erstarrt, lächelte sogar. Doch die Freude verging rasch. Meine Wut hatte mich brennen lassen wie ein Feuer auf der Heide – nun fühlte ich mich wie verkohlter Boden. Nach und nach kam die Reue. Ich erkannte, wie heftig und unbeherrscht ich gesprochen hatte und wie hoffnungslos meine Lage blieb.

Ich dachte daran, Mrs. Reed um Verzeihung zu bitten, aber ich wusste, sie würde mich nur dafür verachten und damit meine Wut neu entfachen. Ich versuchte zu lesen, doch die arabischen Geschichten verschwammen vor meinen Augen. Meine Gedanken waren lauter als jedes Wort im Buch. Also ging ich hinaus in den frostigen Garten. Die Bäume standen reglos da, die Blätter waren tot, der Himmel grau und schwer von Schnee. Ich lehnte mich an eine Pforte und flüsterte immer wieder: „Was soll ich tun?“

Da rief eine Stimme: „Miss Jane! Wo sind Sie? Kommen Sie zum Gabelfrühstück herein!“

Es war Bessie – doch ich blieb stehen. Erst als sie näherkam und mich tadelte, löste ich mich aus meiner Starre. Ihre Gegenwart war tröstlich, selbst wenn sie schimpfte. Ich legte spontan meine Arme um ihren Hals und bat: „Komm, Bessie, schimpfe nicht!“

Sie schien erstaunt über meine Nähe. „Sie sind ein sonderbares Kind, Miss Jane – ruhelos und einsam. Man wird Sie wohl in die Schule schicken?“

Ich nickte.

„Wird es Ihnen nicht schwerfallen, Ihre arme Bessie zu verlassen?“

„Was kümmerst du dich um mich? Du schimpfst doch immer mit mir.“

„Weil Sie so furchtsam und sonderbar sind. Sie sollten mutiger sein.“

„Wozu? Damit ich mehr Schläge bekomme?“

„Unsinn! Aber es stimmt, man geht hart mit Ihnen um. Meine Mutter sagte neulich, dass sie keines ihrer Kinder an Ihrer Stelle sehen möchte. Und nun kommen Sie, ich habe Ihnen etwas Angenehmes zu erzählen!“

„Ach nein, Bessie, das hast du nicht.“

„Kind! Was fällt Ihnen ein? Und wie traurig Sie mich ansehen! Nun hören Sie: Die gnädige Frau und die jungen Damen fahren heute zum Tee aus und Sie trinken mit mir Tee. Die Köchin backt Ihnen einen kleinen Kuchen und später helfen Sie mir beim Durchsehen Ihrer Schränke. Ich muss bald Ihren Koffer packen. In ein bis zwei Tagen verlassen Sie Gateshead. Sie dürfen alle Spielsachen auswählen, die Sie mitnehmen möchten.“

„Bessie, du musst mir versprechen, nicht mehr mit mir zu schimpfen, solange ich noch hier bin.“

„Gut, das verspreche ich. Aber dann müssen Sie auch ein gutes Kind sein und sich nicht immer gleich fürchten, wenn ich einmal scharf spreche.“

„Nein, ich glaube nicht, dass ich mich je wieder vor dir fürchten werde. Bald kommen andere Leute, vor denen ich Angst haben werde.“

„Wenn Sie sich vor ihnen fürchten, werden sie Sie nie liebhaben.“

„Du hast mich lieb, Bessie?“

„O, ich habe Sie lieb, Fräulein, mehr als die anderen.“

„Aber du zeigst es mir nicht.“

„Sie kluges kleines Ding! Was macht Sie so mutig?“

„Ich werde ja bald weit weg sein.“

„Sie sind also froh, mich zu verlassen?“

„O nein, Bessie. Jetzt tut es mir fast leid.“

„Fast! Ich wette, Sie würden mir nicht einmal einen Kuss geben.“

„Doch, gerne. Komm her.“

Sie beugte sich zu mir, wir umarmten uns und getröstet folgte ich ihr ins Haus. Der Nachmittag verging friedlich und am Abend erzählte sie mir Geschichten und sang ihre schönsten Lieder.

Fünftes Kapitel

Am Morgen des 19. Januar kam Bessie mit einem Licht in meine Kammer und fand mich schon angekleidet. Ich sollte um sechs Uhr mit der Postkutsche Gateshead verlassen. Bessie hatte ein Feuer entzündet und mein Frühstück bereitet, aber ich konnte nichts essen. Sie packte mir etwas Gebäck ein, setzte mir Hut und Pelz auf und führte mich hinaus. Vor Mrs. Reeds Zimmer fragte sie: „Wollen Sie Ihrer Tante Lebewohl sagen?“

„Nein, Bessie. Sie sagte gestern, ich solle sie nicht stören und immer daran denken, dass sie meine beste Freundin gewesen sei.“

„Und was antworteten Sie?“

„Nichts. Ich drehte mich weg.“

„Das war nicht recht, Miss Jane.“

„Doch, Bessie. Sie war niemals meine Freundin.“

Wir gingen durch die Halle hinaus. „Lebewohl, Gateshead!“ rief ich. Draußen war es dunkel und kalt, der Weg war nass. An der Pförtnerloge brannte ein Feuer; mein Koffer stand bereit. Die Pförtnerfrau fragte: „Fährt sie allein?“

„Ja, fünfzig Meilen weit.“

„Wie kann Mrs. Reed sie allein schicken?“

Die Kutsche kam, man hob meinen Koffer hinauf. Ich klammerte mich an Bessie und küsste sie.

„Gebt gut acht auf das Kind!“ rief sie dem Kondukteur zu. „Ja, ja!“ rief er und die Tür schlug zu. So verließ ich Bessie und Gateshead und fuhr einer fremden Welt entgegen.

Vom Tag weiß ich nur noch, dass er endlos schien. In einer großen Stadt stiegen wir aus. Im Wirtshaus sollte ich essen, doch ich hatte keinen Hunger. Allein in einem großen Saal ging ich ängstlich auf und ab, denn Bessie hatte mir Geschichten über Kinderdiebe erzählt. Diese gingen mir nicht aus dem Kopf.

Später fuhren wir weiter. Der Nachmittag wurde neblig, die Landschaft veränderte sich, Hügel tauchten auf. Dann senkte sich die Nacht über ein tiefes, bewaldetes Tal und im Dunkel hörte ich den Sturm durch die Bäume rauschen.

Als mich das Rauschen des Sturms einlullte, schlief ich ein. Doch die Kutsche hielt plötzlich, die Tür wurde geöffnet und eine Frau fragte: „Ist ein kleines Mädchen hier, das Jane Eyre heißt?“

Ich antwortete und wurde hinausgehoben. Die Kutsche fuhr sofort weiter. Regen und Dunkelheit umgaben uns. Die Frau führte mich durch ein Tor in ein großes Gebäude mit vielen Fenstern. Drinnen brachte sie mich in ein Zimmer mit warmem Kaminfeuer – und ließ mich allein.

Beim Schein der Flammen betrachtete ich das Zimmer, als zwei Damen eintraten. Eine schlanke Frau mit dunklen Augen sagte: „Das Kind scheint zu jung, um allein zu reisen.“ Sie musterte mich und fragte dann: „Bist du müde?“

„Ein wenig, Madame.“

„Und hungrig. Sorgen Sie dafür, Miss Miller, dass sie etwas bekommt. Und sag mir, Kind: Ist es das erste Mal, dass du deine Eltern verlässt?“

Ich erklärte ihr, dass ich keine Eltern hatte. Sie stellte mir weitere Fragen, berührte meine Wange und sagte freundlich, sie hoffe, ich würde ein gutes Kind sein. Dann folgte ich Miss Miller.

Sie führte mich durch viele Korridore in ein großes Zimmer voller Mädchen. An langen Tischen lernte eine Schar von etwa achtzig Schülerinnen im flackernden Licht der Kerzen. Sie trugen braune Wollkleider und weiße Schürzen. Miss Miller rief laut: „Aufseherinnen, sammelt die Schulbücher zusammen!“ Vier ältere Mädchen standen auf und räumten die Bücher weg.

Dann kam das Abendessen. „Aufseherinnen, holt die Bretter mit dem Abendessen!“

Man brachte Haferkuchen und Krüge mit Wasser. Ich trank nur, denn ich war zu erschöpft zum Essen.

Nach dem Abendgebet gingen die Mädchen paarweise hinauf in den Schlafsaal. Auch dieser Raum war lang wie das Schulzimmer, überall standen Betten, je zwei nebeneinander. Miss Miller teilte ihr Bett mit mir und half mir beim Auskleiden. Bald erlosch das Licht, Dunkelheit füllte den Raum und ich schlief endlich ein.

Die Nacht verging schnell. Einmal erwachte ich, hörte Wind und strömenden Regen und merkte, dass Miss Miller neben mir lag. Dann weckte uns eine laute Glocke. Die Mädchen standen auf; ein paar Kerzen brannten. Zitternd kleidete ich mich an und wartete lange auf eine Waschschüssel, denn sechs Mädchen teilten sich jeweils eine. Wieder läutete die Glocke, wir stellten uns paarweise auf und gingen ins kalte Schulzimmer. Miss Miller sprach das Morgengebet und rief dann: „Bildet die Klassen!“ Ein Tumult entstand. Miss Miller forderte Ruhe. Vier Gruppen bildeten sich vor vier Stühlen, auf denen große Bücher lagen. Eine Weile hörte man nur leises Murmeln, bis Miss Miller auch das abstellte. Dann kamen drei Lehrerinnen; Miss Miller nahm den Platz bei der jüngsten Klasse ein, zu der auch ich gehörte.

Die Arbeit begann mit religiösen Wiederholungen und langen Bibelkapiteln. Erst danach war es hell geworden und die Glocke rief zum Frühstück. Ich war hungrig bis zur Übelkeit. Das Refektorium war düster, auf den Tischen standen dampfende Näpfe, deren Geruch mich sofort enttäuschte. Hinter mir flüsterten die älteren Mädchen: „Ekelhaft! Der Haferbrei ist schon wieder angebrannt!“ Eine mürrische Lehrerin rief: „Ruhe!“ Das Gebet wurde gesprochen, eine Hymne gesungen, dann begann die Mahlzeit. Ich aß einige Löffel in meiner Not, bemerkte aber bald den widerlichen Geschmack. Auch die anderen kämpften vergeblich mit ihrer Portion. Niemand wurde satt, doch wir mussten für das „Frühstück“ danken und eine zweite Hymne singen.

Beim Hinausgehen sah ich, wie eine Lehrerin die Speise kostete und empört die anderen ansah. Im Schulzimmer herrschte danach eine Viertelstunde lang ein lauter Aufruhr. Alle schimpften über das Essen; Miss Miller stand zwischen einigen älteren Mädchen, die mit ernsten Mienen diskutierten. Ich hörte den Namen Brocklehurst fallen. Sie schüttelte zwar den Kopf, doch teilte sie offenbar den allgemeinen Ärger.

Um neun Uhr rief sie: „Ruhe! Auf die Plätze!“ Rasch kehrte Ordnung ein. Die Lehrerinnen nahmen ihre Plätze ein und die Mädchen saßen still auf den langen Bänken. Achtzig Kinder, alle mit glatt zurückgekämmtem Haar, braunen Kleidern, weißen Schürzen, wollenen Strümpfen und Schuhen mit Messingschnallen – ein seltsamer Anblick. Einige waren fast erwachsen und sahen in dieser Kleidung noch strenger aus. Ich fühlte mich verloren inmitten dieser fremden, ernsten Versammlung.

Die Mädchen saßen still auf ihren Bänken und ich betrachtete ihre bleichen, glatten Gesichter und auch die Lehrerinnen: die eine plump, die andere finster, die Fremde streng und Miss Miller müde und überarbeitet. Plötzlich sprangen alle gleichzeitig auf, als hätte jemand ein heimliches Zeichen gegeben. Ich war verwirrt, denn ich hatte keinen Befehl gehört. Schon saßen alle wieder und die Blicke wandten sich auf die Dame vom Vorabend. Sie stand am Kamin, ruhig und ernst. Miss Miller fragte sie etwas, kehrte dann zurück und rief: „Aufseherin der ersten Klasse, holen Sie den Globus!“

Die Dame – Miss Temple – ging langsam durch den Raum. Ich folgte ihr mit staunender Bewunderung. Im Tageslicht wirkte sie groß und würdevoll. Ihre braunen, freundlichen Augen, die klare Stirn, die dunklen Locken und ihre schlichte, elegante Kleidung ließen sie wie eine vornehme, gütige Herrin erscheinen. Dann begann sie mit der ersten Klasse Geographie, während die anderen Lehrerinnen Geschichte, Grammatik oder Musik unterrichteten. Die Stunden vergingen im Takt der Uhr.

---ENDE DER LESEPROBE---