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In der zweisprachigen Ausgabe 'Jane Eyre + Sturmhöhe (Klassiker von Geschwister Brontë)' begegnet der Leser den faszinierenden Werken zweier der einflussreichsten Schriftstellerinnen des 19. Jahrhunderts: Charlotte und Emily Brontë. Diese Sammlung vereint die leidenschaftliche Erzählweise und die eindringliche Charakterentwicklung, die beide Romane zu Klassikern der englischen Literatur gemacht haben. In 'Jane Eyre' entfaltet sich eine Erzählung von Unabhängigkeit und moralischer Integrität, während 'Sturmhöhe' mit seiner rohen Emotionalität und düsteren Atmosphäre eine einzigartige Liebesgeschichte bietet. Diese Anthologie eröffnet einen Einblick in die viktorianische Gesellschaft und beleuchtet universelle Themen wie Liebe, Freiheit und die Suche nach Identität. Die Herausgeber dieser Sammlung haben ein bemerkenswertes literarisches Erbe zusammengetragen, das das Talent und die visionäre Kraft der Brontë-Schwestern unterstreicht. In der Epoche, in der sie lebten, mussten Frauen oft um Anerkennung in der Literaturwelt kämpfen. Ihre Werke, die sich durch komplexe Charaktere und psychologische Schärfe auszeichnen, prägen noch heute die literarische Landschaft. Die Anthologie erlaubt es dem Leser, die kulturellen und sozialen Hintergründe dieser außergewöhnlichen Stimmen zu erkunden und vermittelt ein Gefühl für die literarische Bewegung des 19. Jahrhunderts, die geprägt war von einer Wiederentdeckung individueller und emotionaler Tiefe. Diese Sammlung bietet dem Leser eine herausragende Möglichkeit, die Facetten und den Einfluss der Brontë-Schwestern in einem Band zu erleben. Sie lädt dazu ein, die stilistische Vielfalt und emotionalen Tiefendimensionen der beiden Klassiker zu entdecken. Es ist eine Einladung, sich mit der interaktiven Zweisprachigkeit auseinanderzusetzen, die sowohl den Lernprozess bereichert als auch das Verständnis der Texte vertieft. Ein Muss für Liebhaber anglo-deutscher Literatur und ein bereicherndes Werkzeug für Schüler, Lehrer und Literaturinteressierte, die Interesse an einem vertieften Studium von Literaturklassikern haben. In dieser bereicherten Ausgabe haben wir mit großer Sorgfalt zusätzlichen Mehrwert für Ihr Leseerlebnis geschaffen: - Eine Einführung verknüpft die verschiedenen Stränge, indem sie erörtert, warum diese unterschiedlichen Autoren und Texte gemeinsam in einer Sammlung Platz finden. - Der Abschnitt zum historischen Kontext beleuchtet die kulturellen und intellektuellen Strömungen, die diese Werke geprägt haben, und bietet Einblicke in die gemeinsamen (oder gegensätzlichen) Epochen, die jeden Autor beeinflusst haben. - Eine kombinierte Synopsis (Auswahl) umreißt kurz die wichtigsten Handlungen oder Argumente der enthaltenen Texte, damit die Leser den Gesamtumfang der Anthologie erfassen können, ohne wesentliche Wendungen vorwegzunehmen. - Eine kollektive Analyse hebt gemeinsame Themen, stilistische Variationen und bedeutsame Überschneidungen in Ton und Technik hervor, um Autoren aus verschiedenen Hintergründen miteinander zu verbinden. - Reflexionsfragen ermutigen die Leser, die verschiedenen Stimmen und Perspektiven innerhalb der Sammlung zu vergleichen, und fördern so ein tieferes Verständnis des übergreifenden Gesprächs.
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Veröffentlichungsjahr: 2024
Diese Sammlung vereint Jane Eyre von Charlotte Brontë und Sturmhöhe von Emily Brontë, um zwei komplementäre Visionen des 19. Jahrhunderts nebeneinander erfahrbar zu machen. Beide Werke erproben, wie individuelle Stimme und ungezähmte Naturkräfte das Selbst prägen, und stellen Freiheit, moralische Verantwortung und leidenschaftliche Bindung in einen dichten Zusammenhang. Die Auswahl folgt der Überzeugung, dass die Gegenüberstellung beider Romane die innere Spannweite der Brontë-Schwestern sichtbar macht: zwischen Gewissen und Begehren, Ordnung und Aufruhr, Innenwelt und Landschaft. Indem zwei singuläre Werke gemeinsam gelesen werden, entsteht ein Resonanzraum, der ihre thematische Tiefe schärft und ihre Kontraste fruchtbar macht.
Als leitendes Motiv dient die Beziehung zwischen Selbstbehauptung und elementarer Wucht. Jane Eyre prüft die Möglichkeiten einer verantworteten Autonomie, getragen von innerer Stimme und reflektierter Empathie. Sturmhöhe entfaltet die unerbittliche Energie von Leidenschaft und Verwundung, gespiegelt in einer Landschaft, die innere Extrempunkte nach außen kehrt. Zusammen zeigen die Texte, wie Ethik und Emotion nicht Gegensätze bleiben müssen, sondern in konfliktreicher Koexistenz neue Maßstäbe setzen. Diese Sammlung verfolgt das Ziel, diesen Spannungsbogen zu konturieren und jenen Moment freizulegen, in dem persönliche Integrität und ungestüme Sehnsucht einander nicht aufheben, sondern herausfordern und neu bestimmen.
Kuratorisch steht die synchrone Betrachtung im Vordergrund: Motive, Bilder und ethische Fragestellungen sollen über Kapitelgrenzen hinweg gespiegelt werden, um Entwicklungslinien und Abweichungen präzise zu erkennen. Die zweisprachige Gegenüberstellung eröffnet zusätzliche Nuancen der Wortwahl und Klangfarbe, ohne den Kern der Werke zu verschieben, und lädt dazu ein, Bedeutungsfelder beider Sprachräume als komplementär zu erleben. Ziel ist nicht Vereinheitlichung, sondern Sichtbarmachung von Differenz und Übergang, damit die Leserfahrung Wechselwirkungen unmittelbar nachvollziehen kann. So entsteht eine konzentrierte Lektüre, die Sensibilität für Tonlagen schärft und thematische Brücken ebenso wie produktive Brüche hervorhebt. Sie soll die eigenständige Signatur beider Stimmen bewahren und zugleich ihr Gespräch hörbar machen.
Im Vergleich zu isolierten Lektüren verknüpft diese Zusammenstellung zwei Erfahrungsweisen, die häufig getrennt wahrgenommen werden: innerlich geführte Selbstprüfung und elementar aufgeladene Weltsicht. Hier wird nicht nacheinander, sondern dialogisch gelesen, sodass Akzente, die in der Vereinzelung beiläufig bleiben, deutlicher hervortreten. Wer die Romane nebeneinander betrachtet, entdeckt neue Übergänge zwischen Introspektion, sozialem Anspruch und naturhafter Symbolik. Die Sammlung lädt dazu ein, wiederkehrende Bilder querzulesen und Kontraste als produktive Reibung zu verstehen. So entsteht eine strukturierende Perspektive, die das Verständnis vertieft, ohne die Eigenständigkeit beider Werke zu nivellieren oder in ein starres Schema zu pressen.
Im Dialog der Texte tritt eine Spannung zwischen Stimme und Topografie hervor. Jane Eyre entfaltet eine konsequent personale Reflexionslinie, in der moralische Selbstvergewisserung zum Motor der Handlung wird. Sturmhöhe antwortet mit einer rauen dramaturgischen Energie, deren erzählerische Schichtung emotionale Extreme nachzeichnet und Entscheidungen in ein größeres Geflecht von Erinnerung und Ort bindet. Zusammengelesen entsteht ein Gespräch darüber, wie Charakter und Landschaft einander spiegeln, wie innerer Kompass und äußere Witterung gemeinsame Muster bilden, und wie Erzählhaltung Wahrnehmung lenkt, ohne die Ambivalenzen des Empfindens zu glätten. Die jeweiligen erzählerischen Fenster öffnen Perspektiven, die Nähe und Distanz bewusst austarieren.
Wiederkehrend sind Schwellenbilder: Türen, Korridore und Fenster markieren Übergänge zwischen sozialer Norm und individueller Regung. Wetter, Wind und Feuer erscheinen als äußere Signaturen innere Bewegtheit; ruhige Zimmer kontrastieren mit offenen Flächen, die Ordnung unterlaufen. Beide Romane verfolgen die Frage, wie Erinnerung Handlung strukturiert und wie Liebe, Stolz, Verletzung oder Vergebung moralische Horizonte verschieben. Immer wieder steht die Würde des Einzelnen gegen Konvention und Rang, und die Rede vom Gewissen wird am Widerstand der Welt geschärft. So entsteht ein Motivnetz, das Sinnsuche, Zugehörigkeit und Selbstachtung unauflöslich miteinander verknüpft. Auch Bildung und Erziehung erscheinen als Prüfstein persönlicher Reifung.
Die Kontraste sind scharf gesetzt und dadurch produktiv. Jane Eyre bildet die langsame Arbeit der Selbstformung ab, getragen von Innerlichkeit, ethischer Abwägung und nüchterner Klarheit. Sturmhöhe artikuliert Grenzerfahrungen, deren archaische Kraft Konvention und Vernunft herausfordert, und nutzt eine verschachtelte Perspektive, um Gewissheit kontrolliert zu verunsichern. Dadurch beleuchten sich die Romane gegenseitig: Maß und Überschwang, Gesetz und Impuls, Gemeinschaft und Einsamkeit werden wechselweise befragt. Der innere Austausch entsteht aus dieser Spannung, in der jedes Werk dem anderen Fragen zuspielt und Antworten anbietet, ohne Eindeutigkeit zu behaupten. So wächst ein gemeinsames Feld, in dem Differenz als Erkenntnisquelle wirkt.
Subtile Anspielungen ergeben sich aus der parallelen Verwendung bestimmter Bildfelder. Beide Romane koppeln innere Krisen an meteorologische Intensität und setzen Schwellenräume als Prüfstellen der Identität ein. Der wiederholte Wechsel zwischen Rückzug und Öffnung wirkt wie eine Antwort des einen Textes auf den anderen. Beide betonen die Macht der Erzählstimme, indem sie Glaubwürdigkeit thematisieren und Erinnern als gestaltende Kraft ausweisen. Solche Korrespondenzen lassen sich als indirekte Bezugnahmen lesen, bei denen Motiv, Rhythmus und Ton eine Art familieninterner Resonanz erzeugen, ohne die je eigene Architektur der Werke zu verdecken. So entsteht Dialog ohne direkten Verweis.
Eine zentrale moralische Frage lautet, wie Bindung und Freiheit vereinbar sind. In Jane Eyre gewinnt Verantwortlichkeit Kontur, indem individuelle Würde gegenüber Erwartungsdruck behauptet wird. In Sturmhöhe wird sichtbar, wie ungebändigte Leidenschaft Grenzen sprengt und zugleich zerstörerische Schatten wirft, die nach Maßstäben verlangen. Beide Romane verhandeln Zugehörigkeit, Herkunft, Bildung und die Möglichkeit, sich neu zu entwerfen. Sie fragen nach den Kosten von Treue und Aufbruch, nach Gerechtigkeit in Beziehungen und nach der Rolle der Erinnerung für das Urteil. Daraus entsteht eine Ethik der Selbstachtung, die Konflikt nicht meidet, sondern ordnet und klärt Perspektiven.
Die Sammlung bleibt aktuell, weil sie die Verhandlung von Selbstbestimmung, Verantwortung und leidenschaftlicher Bindung mit außergewöhnlicher Klarheit zeigt. Jane Eyre modelliert eine Sprache der Integrität, die auch heutige Debatten über Autonomie, Anerkennung und Grenzen der Anpassung prägt. Sturmhöhe veranschaulicht die Wucht intensiver Gefühle und die Frage, wie Gemeinschaft auf Exzess reagiert. Die zweisprachige Anlage fördert sensibles Lesen, das Nuancen von Begriffen, Klang und Tonlage wahrnimmt, und eröffnet damit neue Wege, moralische und emotionale Schattierungen zu vergleichen. So wird Relevanz nicht behauptet, sondern im Vollzug der Lektüre erfahrbar. Dabei bleiben beide Werke unvermindert eigenständig.
Beide Romane gelten als Fixpunkte des englischsprachigen Kanons und wurden früh für ihre eigenständige Gestaltungskraft hervorgehoben. Jane Eyre wird häufig als Muster einer erzählerischen Innenperspektive gelesen, die moralische Freiheit literarisch neu formt. Sturmhöhe wird für Strukturkunst, atmosphärische Dichte und die Radikalität seiner Gefühlsdarstellung geschätzt. In der Rezeption stehen diese Verdienste exemplarisch für eine Erweiterung des erzählerischen Spektrums, die Psychologie, Gesellschaftsbeobachtung und Naturdarstellung auf neuartige Weise verknüpft. Der anhaltende Diskurs zeigt, dass beiderartiges Erkunden von Grenzlagen als wegweisend wahrgenommen wird. Zugleich wird ihre formale Kühnheit als Impuls für spätere narrative Entwicklungen verstanden.
Ihre Nachwirkung ist breit: Bühnen- und Filmadaptionen, musikalische Bearbeitungen und bildkünstlerische Bezüge zeigen, wie stark die Stoffe Imaginationen prägen. Debatten über Geschlechterrollen, Klasse, Gewalt und Fürsorge greifen Motive beider Romane auf und prüfen sie auf Gegenwärtigkeit. In der Forschung dienen sie als Referenz für Erzählperspektive, Unzuverlässigkeit, Raumsemantik und Affektpoetik. Auch im Unterricht wirken sie als Anstoß zu Gesprächen über Selbstbestimmung und soziale Verantwortung. So bleibt das Gespräch lebendig, das diese Werke eröffnen: über Maß und Freiheit, Bindung und Würde, Erinnerung und die Möglichkeit erneuter Selbstwerdung. Zahlreiche Leserinnen und Leser finden darin Orientierungen für die eigenen Lebensfragen.
Die beiden 1847 veröffentlichten Romane stehen im frühen Viktorianismus, geprägt von einer konstitutionellen Monarchie, beschleunigter Industrialisierung und einem expandierenden Bildungs- und Printsektor. Der Norden Englands verband Textilfabriken, Bergbau und dörfliche Enklaven auf den Mooren; diese Mischlage strukturierte Wahrnehmungen von Arbeit, Eigentum und Landschaft. Moralische Regime zur Regulierung von Sexualität, Religion und Familie wurden durch eine wachsende Öffentlichkeit der Zeitschriften und Leihbibliotheken verstärkt. Die Autorinnen schrieben aus einem Milieu, das zugleich provinziell und transregional war, mit Blick auf städtische Märkte und ländliche Lebenswelten. Ihre fiktiven Räume verhandeln Klassenansprüche, religiöse Autorität und die Frage, wie Selbstbestimmung innerhalb hierarchischer Institutionen überhaupt möglich wird.
Zeitgenössische Debatten kreisten um Reformgesetze, Armenrecht und politische Repräsentation. Die Erfahrungen der Arbeits- und Dienstklassen, die Forderungen nach Stimmrechtserweiterung sowie Diskussionen um staatliche Fürsorge prägten den öffentlichen Ton. Schul- und Wohltätigkeitsinitiativen versuchten soziale Konflikte zu befrieden, zugleich wuchsen Skepsis gegenüber institutionalisiertem Paternalismus und die Idee meritokratischer Selbstverbesserung. Die Romane reagieren indirekt auf diese Diskurse, indem sie Mobilität, Berufung und moralische Verantwortung in privaten Sphären verhandeln. Die Provinz erscheint nicht als Rand, sondern als Prüfstand nationaler Ordnung. Literaturkritik, Leihbibliotheken und moralische Vereine fungierten als Gatekeeper; sie verlangten Anstand und nützliches Beispiel, während Leserinnen und Leser nach emotionaler Intensität suchten.
Geschlechterordnungen bestimmten Lebenswege. Das Ideal getrennter Sphären verwies Frauen auf Häuslichkeit, Abhängigkeit und respektable Erwerbsfelder wie Unterricht oder Gouvernantenstellen. Heirats- und Eigentumsrechte benachteiligten Ehefrauen, während Reputation als soziales Kapital fungierte. Vor diesem Hintergrund wählten die Autorinnen anfangs männlich klingende Pseudonyme, um Vorurteilen und voreiliger Zensur zu entgehen. Leihbibliotheken und Familienzeitschriften verlangten sittsame Stoffe, prüften Manuskripte streng und beeinflussten Auflagenpolitik. Gleichzeitig eröffneten neue Bildungschancen und Berufslaufbahnen begrenzte Räume weiblicher Autonomie. Die Romane erforschen, wie Selbstachtung, Arbeit und Gefühl mit gesellschaftlicher Erwartung ringen, ohne programmatisch aufzutreten, und wie Sprache selbst zur Bühne sozialer Aushandlung wird.
Imperiale Strukturen bildeten die finanzielle und imaginäre Kulisse des Viktorianismus. Handelsnetze verbanden britische Häfen mit Karibik, Südasien und Afrika; Vermögen, Waren und Menschen bewegten sich in asymmetrischen Bahnen. In der Alltagskultur zirkulierten Vorstellungen von „Fremdheit“, Hautfarbe, „Zivilisation“ und Gefährdung. Die Romane greifen solche Spannungen indirekt auf, indem sie Herkunft, Geldflüsse und Namen als Zeichen sozialer Zugehörigkeit codieren. Koloniale Einnahmen stehen neben provinzieller Genügsamkeit; Reiseerzählungen und Gerüchte formen Ruf und Beziehungschancen. Rassifizierte Stereotype und Angstbilder markieren Grenzen des Respekts. Zugleich zeigen sich Risse im imperialen Selbstbild: moralische Zweifel, religiöse Dissonanzen und die Verletzlichkeit bürgerlicher Ordnung.
Religiöse Zugehörigkeit strukturierte Bildung, Wohltätigkeit und soziale Kontakte. Die anglikanische Kirche besaß institutionellen Vorrang; nichtkonforme Gemeinschaften boten alternative Netzwerke, Schulen und moralische Normen. Rechtliche Rahmen – Erbfolgen, Vormundschaft, Testamente – regelten Status und Wohnort. In der ländlichen Oberschicht trafen alte Gentlemen-Ansprüche auf kommerzielle Aufsteiger; auf den Mooren kollidierten Selbstversorgung, Dienstverhältnisse und Ehre. Die Romane erkunden, wie Predigt, Seelsorge und Gewissensprüfung mit Rechtskultur und Eigentum verknüpft sind. Autorität zeigt sich nicht nur in Beamten, sondern in Hausordnungen, Verträgen und familiären Ritualen. So entsteht ein Geflecht, das die Handlungsmöglichkeiten enger fasst, als Individualwillen zunächst hoffen lässt.
Zeitgleich erschütterten Krisen und Nachrichtenfluten den Alltag. Die irische Hungersnot, Epidemien, wirtschaftliche Zyklen und die Revolutionen des Jahres 1848 formten Debatten über Verantwortlichkeit, Migration und soziale Unruhe. Eisenbahnen, Telegraphie und billige Zeitungen beschleunigten Kommunikation, schufen jedoch auch Paniken und Gerüchte. Solche Verdichtungen verstärkten die Sehnsucht nach Sinn und Ordnung im Privaten. Leserinnen und Leser begegneten den Romanen daher als Prüfsteinen ethischer Standhaftigkeit und emotionaler Wahrhaftigkeit. Zugleich verschärften Behörden und Vereine die Moralkontrolle, während philanthropische Initiativen die Lücken staatlicher Hilfe überbrücken sollten. Die Texte spiegeln diese Spannung zwischen Beschleunigung und Bedürfnis nach innerer Sammlung in Motivik und Tonlage.
Ästhetisch bewegen sich beide Werke zwischen romantischer Intensität, gotischer Verdunkelung und aufkommendem Realismus. Innere Erfahrung – Gewissen, Erinnerung, Träume – erhält den Rang einer erkenntnisleitenden Instanz, während Landschaften nicht bloß Kulissen sind, sondern Atmosphären, die Charaktere prüfen. Die Form experimentiert mit Rahmungen, Tagebuchnähe und stark fokussierter Perspektive, wodurch subjektive Wahrheit gegenüber äußerem Anschein Gewicht gewinnt. Zugleich verbleiben soziale Details – Arbeit, Kleidung, Räume, Geld – präzise beobachtet. Diese Verbindung aus psychologischer Tiefenschärfe und konkreter Umweltwahrnehmung verschiebt das Gattungsverständnis: Leidenschaft wird methodisch befragt, Moral nicht deklamiert, sondern performativ erfahrbar gemacht. Erzählen wird zur Prüfung der Wahrhaftigkeit.
Philosophisch kreuzen sich moralischer Intuitionismus, utilitaristische Nützlichkeitserwägungen und idealistische Selbstkultivierung. Der Mensch erscheint als Wesen, das sich im Konflikt zwischen Pflicht, Nutzen und Würde bewähren muss. Religiöse Frömmigkeit liefert Vokabular für Gewissen und Erlösung, doch empirische Beobachtung, Skepsis und eine Sprache der Gefühle konkurrieren mit dogmatischen Sicherheiten. Bildungsprozesse sind weniger institutionelle Prüfungen als Prüfungen des Urteilens: die Fähigkeit, Affekt, Vernunft und Prinzipien zu vermitteln. Diese Spannungen prägen Figurenreden, Dialoge und symbolische Räume. Erkenntnis entsteht aus Reflexion, Versuchung, Fehlern und erneuter Orientierung – ein Denken in Bewegungen, das moralisches Wachstum ebenso betont wie die Unwägbarkeit des Lebensweges.
Parallele Künste erweiterten den Horizont. Landschafts- und Interieurmalerei prägten Sehformen, in denen Licht, Wetter und Stofflichkeit Stimmungen modulieren. Hausmusik, Gesang und Klavierspiel dienten als soziale Kompetenz und Prüfstein der Empfindsamkeit; musikalische Motive strukturieren Szenen und Rhythmen. Das Theater – besonders Melodram und bürgerliches Trauerspiel – bot Modelle für Spannung, Maskierung und Enthüllung. Architektur des neugotischen und georgianischen Erbes lieferte semantische Marker: Räume als moralische Diagramme, Schwellen als Prüfstellen der Zugehörigkeit. Die Romane übersetzen diese kulturellen Muster in narrative Energie, indem sie Blickregie, akustische Signale und räumliche Kontraste zu Mitteln psychologischer Charakterzeichnung machen.
Natur- und Technikdiskurse veränderten Wahrnehmung. Dampfkraft, Fabriken, Eisenbahnen und neue Postnetze komprimierten Zeit und Raum; Beobachten, Messen und Registrieren wurden kulturelle Ideale. Gleichzeitig faszinierten Grenzwissenschaften wie Mesmerismus und Schädelkunde, während frühe Bildmedien die Autorität des Blicks untermauerten. Die Romane absorbieren diese Impulse, indem sie Aufmerksamkeit, Gedächtnis und Beweis als narrative Probleme behandeln. Kommunikation beschleunigt Missverständnisse ebenso wie Klärungen; Mobilität eröffnet Chancen und Gefahren. Wissenschaftliche Sprache dient als Metapher moralischer Prüfung, ohne die Autonomie des Inneren zu entwerten. So entsteht ein Spannungsfeld zwischen Evidenzkultur und einer Poetik des Gewissens. Erfahrung bleibt dabei zugleich sinnlich, sozial und reflektiert.
Im literarischen Feld verschieben die Romane die Gewichte zwischen häuslichem Realismus, romantischer Exzesspoetik und Vorformen der Sensationsliteratur. Sie setzen auf dichte Binnenperspektiven, unzuverlässige Übermittlung und kontrastierende Erzählinstanzen, wodurch Wirklichkeit als interpretierbar erscheint. Damit konkurrieren sie mit moralisierenden Mustern, die eindeutige Beispiele verlangten, und behaupten zugleich eine neue Autorität des subjektiven Zeugnisses. Gotische Requisiten – Stürme, abgeschiedene Häuser, Geheimnisse – werden nicht Selbstzweck, sondern Prüfmittel für Charakter und soziale Bindung. Die Spannung zwischen Regel und Ausnahme, Gesetz und Gefühl, wird so zur Strukturkraft, die poetische Intensität mit gesellschaftlicher Beobachtung verbindet. Formbewusstsein ersetzt Formelhaftigkeit.
Sprachlich arbeiten die Romane mit prägnanten Registern: kultivierte Rede, provinzieller Tonfall und bildkräftige Metaphern verschränken sich. Dialektfärbungen markieren Zugehörigkeit und Distanz, ohne Figuren zu folklorisieren; sie verankern soziale Realität und rhythmisieren Dialoge. Der Wechsel zwischen erzählerischer Objektivierung und eindringlicher Innensicht erzeugt Nähe, doch wahrt interpretative Lücken, die Lesende aktiv füllen müssen. Für zweisprachige Lektüren ist bedeutsam, dass Klang, Syntax und kulturelle Anspielungen Bedeutung tragen: Übersetzen heißt hier, Haltung, Ironie und Affektkurven mitzubewegen. Dadurch werden Wahrnehmungswechsel Teil des ästhetischen Programms – eine Schule des Lesens wie des Fühlens. Nuancen entscheiden über Charakter und Ethos.
Die Erstaufnahmen verbanden Bewunderung und Alarm. Rezensenten lobten Originalität, seelische Wucht und stilistische Kraft, kritisierten jedoch vermeintliche Derbheit und normverletzende Figurenrede. Leihbibliotheken und Familienblätter beobachteten streng, ob Texte das sittliche Klima gefährden könnten; redaktionelle Eingriffe und Paratexte sollten die Deutung bändigen. Die anfängliche Anonymität beziehungsweise männlich klingende Pseudonyme schützten die Autorinnen vor voreiligen Zuschreibungen, lösten aber zugleich Debatten über Autorität und weibliches Schreiben aus. Schon früh setzte Kanonisierung ein: Leserbriefe, Auflagen und Nachdrucke zeugen von anhaltender Nachfrage. Kontroversen über „Einfluss“ und „Beispiel“ begleiteten diese Anerkennung und hielten die Werke im Gespräch.
Spätere Epochen legten neue Leseschichten frei. Nach Kriegen und Wirtschaftskrisen traten Motive von Verlust, Verwundung und Beharrlichkeit stärker hervor; Leserinnen und Leser sahen in innerer Standhaftigkeit und ungebändigter Leidenschaft Spiegel kollektiver Erschütterung. Moderne Urbanität ließ ländliche Räume als Gegenwelten erscheinen, deren Härte nicht Idylle, sondern Prüfstand ist. Bildungsexpansion und soziale Mobilität machten die Erzählungen zu Chiffren individueller Emanzipation – zugleich wuchs Skepsis gegenüber meritokratischen Versprechen. Psychologische Lesarten betonten Ambivalenz, Erinnerung und Bindung; sprachkritische Ansätze fragten, wie Erzählhaltungen Normen fortschreiben oder unterlaufen. So schoben historische Erfahrungen neue Bedeutungsfelder unter die ursprüngliche Publikumswirkung.
Mit der Ausdifferenzierung der Gender Studies rückten Selbstbestimmung, Arbeit und die Politik intimer Beziehungen in den Mittelpunkt der Deutung. Forscherinnen und Forscher untersuchten, wie Stimme, Erzählkontrolle und Schweigen soziale Machtverhältnisse spiegeln. Ethische Selbstprüfung erscheint als Ressource weiblicher Handlungsfähigkeit, zugleich als Reaktion auf strukturelle Benachteiligung. Häusliche Räume werden als Arbeitsorte sichtbar; Care, Erziehung und emotionale Arbeit erhalten analytische Schärfe. Auch maskuline Ideale geraten unter Beobachtung: Gewalt, Ehre und Besitzlogik werden als fragile Konstruktionen erkennbar. Solche Lektüren öffneten die Romane für Debatten über Körper, Begehren und Respektabilität, ohne ihre historische Verortung zu nivellieren.
Postkoloniale Analysen machten imperiale Schattenzonen sichtbar: Vermögensquellen, sprachliche Abwertungen und die Konstruktion von „Fremdheit“ geraten in den Fokus. Diskurse über Ethnizität, Nation und Zugehörigkeit zeigen, wie intim das Weltreich in private Geschichten eingreift. Zugleich wurden die Romane global kanonisch: Übersetzungen, Schullektüren und universitäre Curricula verbreiteten sie in unterschiedlichen kulturellen Kontexten. Adaptionen in Theater, Hörspiel, Film und Serien transformierten Motive in neue Mediengrammatiken; musikalische Bearbeitungen und Tanzprojekte betonten Körper und Rhythmus. Diese kulturelle Zirkulation spitzte Fragen nach Treue, Aktualisierung und Perspektivwechsel zu und erweiterte die interpretative Bandbreite. Regionale Lesarten setzten eigene Akzente.
Bewahrung und Neubewertung gingen Hand in Hand. Kritische Ausgaben mit Kommentaren machten Produktionskontexte, Varianten und intertextuelle Signale sichtbar; das Auslaufen des Urheberrechts und digitale Bibliotheken erleichterten den weltweiten Zugriff. Archivrecherchen zur Veröffentlichungspraxis, Zensur und Leserschaft präzisierten die historische Einbettung. Gegenwärtige Forschung interessiert sich besonders für Umweltfragen – etwa die ökologische Imagination von Moorlandschaften –, für Klassendynamiken und für die Dekolonisierung literarischer Bildung. Auch Fragen von Behinderung, Trauma und Emotionen gewinnen Profil. So treten die Romane in einen Dialog zwischen Vergangenheit und Gegenwart, der nicht Nostalgie bestätigt, sondern kritische Anschlüsse eröffnet. International vernetzte Projekte tragen dazu bei.
Ein Coming-of-Age-Roman über eine Waise, die zur Gouvernante in Thornfield Hall wird und eine komplexe Beziehung zu Mr. Rochester entwickelt, während sie Geheimnissen begegnet und für Selbstbestimmung und moralische Integrität einsteht.
Eine düstere Familiensaga um die zerstörerische Bindung zwischen Heathcliff und Catherine Earnshaw auf den Yorkshire-Moors, deren Leidenschaft und Rachsucht über Generationen nachwirkt und Themen wie Klasse, Besessenheit und Vergeltung beleuchtet.
Es war ganz unmöglich, an diesem Tage einen Spaziergang zu machen. Am Morgen waren wir allerdings während einer ganzen Stunde in den blätterlosen, jungen Anpflanzungen umhergewandert; aber seit dem Mittagessen – Mrs. Reed speiste stets zu früher Stunde, wenn keine Gäste zugegen waren – hatte der kalte Winterwind so düstere, schwere Wolken und einen so durchdringenden Regen heraufgeweht, daß von weiterer Bewegung in frischer Luft nicht mehr die Rede sein konnte.
Ich war von Herzen froh darüber: lange Spaziergänge, besonders an frostigen Nachmittagen, waren mir stets zuwider: – ein Greuel war es mir, in der rauhen Dämmerstunde nach Hause zu kommen, mit fast erfrorenen Händen und Füßen, – mit einem Herzen, das durch das Schelten Bessie’s, der Kinderwärterin, bis zum Brechen schwer war, – gedemütigt durch das Bewußtsein, physisch so tief unter Eliza, John und Georgina Reed zu stehen.
Die soeben erwähnten Eliza, John und Georgina hatten sich in diesem Augenblick im Salon um ihre Mama versammelt: diese ruhte auf einem Sofa in der Nähe des Kamins und umgeben von ihren Lieblingen, die zufälligerweise in diesem Moment weder zankten noch schrieen, sah sie vollkommen glücklich aus. Mich hatte sie davon dispensiert, mich der Gruppe anzuschließen, indem sie sagte, daß es sie tief unglücklich mache, gezwungen zu sein, mich fern zu halten; daß sie mich aber von Vorrechten ausschließen müsse, zu deren Genuß nur zufriedene, glückliche, kleine Kinder berechtigt seien, und daß sie mir erst verzeihen würde, wenn sie sowohl durch eigene Wahrnehmung wie durch Bessie’s Worte zu der Überzeugung gelangt sein würde, daß ich in allem Ernst versuche, mir anziehendere und freundlichere Manieren, einen kindlicheren, geselligeren Charakter – ein leichteres, offenherzigeres, natürlicheres Benehmen anzueignen.
»Was sagt denn Bessie, daß ich gethan habe?« fragte ich.
»Jane, ich liebe weder Spitzfindigkeiten noch Fragen; außerdem ist es gradezu widerlich, wenn ein Kind ältere Leute in dieser Weise zur Rede stellt. Augenblicklich setzest du dich irgendwo hin und schweigst, bis du freundlicher und liebenswürdiger reden kannst.«
An das Wohnzimmer stieß ein kleines Frühstückszimmer: ich schlüpfte hinein. Hier stand ein großer Bücherschrank. Bald hatte ich mich eines großen Bandes bemächtigt, nachdem ich mich zuerst vorsichtig vergewissert hatte, daß er Bilder enthalte. Ich stieg auf den Sitz in der Fenstervertiefung, zog die Füße nach und kreuzte die Beine wie ein Türke; dann zog ich die dunkelroten Moiree-Vorhänge fest zusammen und saß so in einem doppelten Versteck.
Scharlachrote Draperien schlossen mir die Aussicht zur rechten Hand; links befanden sich die großen, klaren Fensterscheiben, die mich vor dem düstern Novembertag wohl schützten, mich aber nicht von ihm trennten. In kurzen Zwischenräumen, wenn ich die Blätter meines Buches wendete, fiel mein Blick auf das Bild dieses winterlichen Nachmittags. In der Ferne war nichts als ein blasser, leerer Nebel, Wolken; im Vordergrunde der feuchte, freie Platz vor dem Hause, vom Winde entlaubte Gesträuche, und ein unaufhörlicher vom Sturm wildgepeitschter Regen.
Ich kehrte zu meinem Buche zurück – Bewicks Geschichte von Englands gefiederten Bewohnern; im allgemeinen kümmerte ich mich wenig um den gedruckten Text des Werkes, und doch waren da einige einleitende Seiten, welche ich, obgleich nur ein Kind, nicht gänzlich übergehen konnte. Es waren jene, die von den Verstecken der Seevögel handelten, von jenen einsamen Felsen und Klippen, welche nur sie allein bewohnen, von der Küste Norwegens, die von ihrer äußersten südlichen Spitze, dem Lindesnäs bis zum Nordkap mit Inseln besäet ist.
Wo der nördliche Ozean, in wildem Wirbel Um die nackten, öden Inseln tobt Des ultima Thule; und das atlantische Meer Sich stürmisch zwischen die Hebriden wälzt.
Auch konnte ich nicht unbeachtet lassen, was dort stand von den düsteren Küsten Lapplands, Sibiriens, Spitzbergens, Novazemblas, Islands, Grönlands, mit dem weiten Bereich der arktischen Zone und jenen einsamen Regionen des öden Raums – jenem Reservoir von Eis und Schnee, wo fest gefrorene Felder – die Anhäufung von Jahrhunderten von Wintern – alpine Höhen auf Höhen erfroren, den Nordpol umgeben und die vervielfachte Strenge der äußersten Kälte konzentrieren. Von diesen todesweißen Regionen machte ich mir meinen eigenen Begriff: schattenhaft, wie all jene nur halb verstandenen Gedanken, die eines Kindes Hirn kreuzen, aber einen seltsam tiefen Eindruck hinterlassend. Die Worte dieser einleitenden Seiten verbanden sich mit den darauf folgenden Vignetten und gaben allen eine Bedeutung: jenem Felsen, der aus einem Meer von Wellen und Wogenschaum emporragte; dem zertrümmerten Boote, das an traurig wüster Küste gestrandet; dem kalten, geisterhaften Monde, der durch düstere Wolkenmassen auf ein sinkendes Wrack herabblickt.
Ich weiß nicht mehr, mit welchem Empfinden ich auf den stillen, einsamen Friedhof mit seinem beschriebenen Leichenstein sah, auf jenes Thor, die beiden Bäume, den niedrigen Horizont, der durch eine zerfallene Mauer begrenzt war, auf die schmale Mondessichel, deren Aufgang die Stunde der Abendflut bezeichnete.
Die beiden Schiffe, welche auf regungsloser See von einer Windstille befallen werden, hielt ich für Meergespenster.
Über den Unhold, welcher das Bündel des Diebes auf dessen Rücken fest band, eilte ich flüchtig hinweg; er war ein Gegenstand des Schreckens für mich.
Und ein gleiches Entsetzen flößte mir das schwarze, gehörnte Etwas ein, das hoch auf einem Felsen saß und in weiter Ferne eine Menschenmasse beobachtete, die einen Galgen umgab.
Jedes Bild erzählte eine Geschichte: oft war diese für meinen unentwickelten Verstand geheimnisvoll, meinem unbestimmten Empfinden unverständlich, – stets aber flößte sie mir das tiefste Interesse ein: dasselbe Interesse, mit welchem ich den Erzählungen Bessie’s horchte, wenn sie zuweilen an Winterabenden in guter Laune war; dann pflegte sie ihren Plätttisch an das Kaminfeuer der Kinderstube zu bringen, erlaubte uns, unsere Stühle an denselben zu rücken, und während sie dann Mrs. Reeds Spitzenvolants bügelte und die Spitzen ihrer Nachthauben kräuselte, ergötzte sie unsere Ohren mit Erzählungen von Liebesgram und Abenteuern aus alten Märchen und noch älteren Balladen, oder – wie ich erst viel später entdeckte – aus den Blättern von Pamela, und Henry, Graf von Moreland.
Mit Bewick auf meinen Knieen war ich damals glücklich: glücklich wenigstens auf meine Art. Ich fürchtete nichts als eine Unterbrechung, eine Störung – und diese kam nur zu bald. Die Thür zum Frühstückszimmer wurde geöffnet.
»Bah, Frau Träumerin!« ertönte John Reeds Stimme; dann hielt er inne; augenscheinlich war er erstaunt, das Zimmer leer zu finden.
»Wo zum Teufel ist sie denn?« fuhr er fort, »Lizzy! Georgy!« rief er seinen Schwestern zu, »Joan ist nicht hier. Sagt doch Mama, daß sie in den Regen hinaus gelaufen ist – das böse Tier!«
»Wie gut, daß ich den Vorhang zusammengezogen habe,« dachte ich; und dann wünschte ich inbrünstig, daß er mein Versteck nicht entdecken möge; John Reed selbst würde es auch niemals entdeckt haben; er war langsam, sowohl von Begriffen wie in seinem Wahrnehmungsvermögen; aber Eliza steckte den Kopf zur Thür hinein und sagte sofort:
»Sie ist gewiß wieder in die Fenstervertiefung gekrochen, sieh nur nach, Jack,«
Ich trat sofort heraus, denn ich zitterte bei dem Gedanken, daß der erwähnte Jack mich hervorzerren würde.
»Da bin ich, was wünscht Ihr?« fragte ich mit schlecht erheuchelter Gleichgültigkeit.
»Sag: was wünschen Sie, Mr. Reed,« lautete seine Antwort. »Ich will, daß du hierher kommst,« und indem er in einem Lehnstuhl Platz nahm, gab er mir durch eine Geste zu verstehen, daß ich näher kommen und vor ihn treten solle.
John Reed war ein Schuljunge von vierzehn Jahren; vier Jahre älter als ich, denn ich war erst zehn Jahr alt; groß und stark für sein Alter, mit einer unreinen, ungesunden Hautfarbe; große Züge in einem breiten Gesicht, schwerfällige Gliedmaßen und große Hände und Füße. Gewöhnlich pflegte er sich bei Tische so vollzupfropfen, daß er gallig wurde; das machte seine Augen trübe und seine Wangen schlaff. Eigentlich hätte er jetzt in der Schule sein müssen, aber seine Mama hatte ihn für ein bis zwei Monate nach Hause geholt »seiner zarten Gesundheit wegen«. Mr. Miles, der Direktor der Schule versicherte, daß es ihm außerordentlich gut gehen würde, wenn man ihm nur weniger Kuchen und Leckerbissen von Hause schicken wollte; aber das Herz der Mutter empörte sich bei einer so roh ausgesprochenen Meinung und neigte mehr zu der feineren und zarteren Ansicht, daß Johns blaßgelbe Farbe von
Überanstrengung beim Lernen und vielleicht auch von Heimweh herrühre. –
John hegte wenig Liebe für seine Mutter und seine Schwestern, und eine starke Antipathie gegen mich. Er quälte und bestrafte mich; nicht zwei-oder dreimal in der Woche, nicht einoder zweimal am Tage, sondern fortwährend und unaufhörlich; jeder Nerv in mir fürchtete ihn, und jeder Zollbreit Fleisch auf meinen Knochen schauderte und zuckte, wenn er in meine Nähe kam. Es gab Augenblicke, wo der Schrecken, den er mir einflößte, mich ganz besinnungslos machte; denn ich hatte niemanden, der mich gegen seine Drohungen und seine Thätlichkeiten verteidigte; die Dienerschaft wagte es nicht, ihren jungen Herren zu beleidigen, indem sie für mich gegen ihn Partei ergriff, und Mrs. Reed war in diesem Punkte blind und taub: sie sah niemals, wenn er mich schlug, sie hörte niemals, wenn er mich beschimpfte, obgleich er beides gar oft in ihrer Gegenwart that: häufiger zwar noch hinter ihrem Rücken.
Aus Gewohnheit gehorchte ich John auch dieses Mal und näherte mich seinem Stuhl: ungefähr zwei bis drei Minuten brachte er damit zu, mir seine Zunge so weit entgegenzustrecken, wie er es ohne Gefahr für seine Zungenbänder bewerkstelligen konnte; ich fühlte, daß er mich jetzt gleich schlagen würde, und obgleich ich eine tödliche Angst vor dem Schlage empfand, vermochte ich doch über die ekelerregende und häßliche Erscheinung des Burschen, der denselben austeilen würde, meine Betrachtungen anzustellen. Ich weiß nicht, ob er diese Gedanken auf meinem Gesichte las, denn plötzlich, ohne ein Wort zu sagen, schlug er heftig und brutal auf mich los. Ich taumelte; dann gewann ich das Gleichgewicht wieder und trat einige Schritte von seinem Stuhl zurück.
»Das ist für die Frechheit, daß du vor einer Weile gewagt hast, Mama eine Antwort zu geben,« sagte er, »und daß du gewagt hast, dich hinter den Vorhang zu verkriechen, und für den Blick, den ich vor zwei Minuten in deinen Augen gewahrte, du Ratze, du!«
An Johns Beschimpfungen gewöhnt, fiel es mir niemals ein, irgend etwas auf dieselben zu erwidern; ich dachte nur daran, wie ich den Schlag ertragen sollte, der unfehlbar auf die Schimpfworte folgen würde.
»Was hast du da hinter dem Vorhange gemacht?« fragte er weiter.
»Ich habe gelesen.«
»Zeige mir das Buch.«
Ich ging an das Fenster zurück und holte es von dort.
»Du hast kein Recht, unsere Bücher zu nehmen; du bist eine Untergebene, hat Mama gesagt; du hast kein Geld; dein Vater hat dir keins hinterlassen; eigentlich solltest du betteln und hier nicht mit den Kindern eines Gentleman, wie wir es sind, zusammen leben, und dieselben Mahlzeiten essen wie wir, und Kleider tragen, die unsere Mama dir kaufen muß. Nun, ich werde dich lehren, zwischen meinen Büchern umherzustöbern, denn sie gehören mir, und das ganze Haus gehört mir, oder wird mir wenigstens in einigen Jahren gehören. Geh und stell dich an die Thür; nicht vor den Spiegel oder die Fenster.«
Ich that, wie mir geheißen, ohne eine Ahnung von seiner Absicht zu haben; als ich aber gewahrte, daß er das Buch emporhob und mit demselben zielte, sprang ich instinktiv zur Seite und stieß einen Schreckensschrei aus; jedoch nicht schnell genug; das Buch wurde geschleudert, es traf mich, und ich fiel, indem ich mit dem Kopf gegen die Thür schlug und mich verletzte. Die Wunde blutete, der Schmerz war heftig; mein Entsetzen war über den Höhepunkt hinausgegangen; andere Empfindungen bemächtigten sich meiner.
»Du böser, grausamer Bube!« schrie ich, »Du bist wie ein Mörder – du bist wie ein Sklaventreiber – du bist wie die römischen Kaiser!«
Ich hatte Goldsmiths Geschichte Roms gelesen und mir meine eigene Ansicht über Nero, Caligula und andere gebildet. Im Stillen hatte ich Vergleiche gezogen, welche laut zu äußern allerdings niemals meine Absicht gewesen,
»Was! Was!« schrie er, »Hat sie das zu mir gesagt? Habt ihr es gehört, Eliza und Georgina? Das will ich der Mama erzählen! – Aber erst noch – –«
Er stürzte auf mich zu: ich fühlte, wie er mein Haar und meine Schulter faßte; er kämpfte mit einem verzweifelten Geschöpfe. Ich sah wirklich in ihm einen Tyrannen, – einen Mörder. Dann fühlte ich, wie einzelne Blutstropfen von meinem Kopfe auf den Hals herabfielen, und empfand einen stechenden Schmerz: diese Empfindungen siegten für den Augenblick über die Furcht und ich trat ihm in wahnsinniger Wut entgegen. Was ich mit meinen Händen that, kann ich jetzt nicht mehr sagen, aber er schrie fortwährend »Ratze! Ratze!« und brüllte aus Leibeskräften. Hilfe war ihm nahe: Eliza und Georgina waren gelaufen, um Mrs. Reed zu holen, die nach oben gegangen war. Jetzt erschien sie auf der Scene, und ihr folgten Bessie und ihre Kammerjungfer Abbot. Man trennte uns: dann vernahm ich die Worte:
»Du liebe Zeit! Du liebe Zeit! Welch eine Furie, so auf Mr. John loszustürzen!«
»Hat man jemals ein so leidenschaftliches Geschöpf gesehen!« –
Dann fügte Mrs. Reed hinzu:
»Führt sie in das rote Zimmer und schließt sie dort ein.« Vier Hände bemächtigten sich meiner sofort und man trug mich nach oben.
Auf dem ganzen Wege leistete ich Widerstand; dies war etwas Neues und ein Umstand, der viel dazu beitrug, Bessie und Miß Abbot in der schlechten Meinung zu bestärken, welche diese ohnehin schon von mir hegten. Thatsache ist, daß ich vollständig außer mir war, wie die Franzosen zu sagen pflegen; ich wußte sehr wohl, daß die Empörung dieses einen Augenblicks mir schon außergewöhnliche Strafen zugezogen haben mußte, und wie viele andere rebellische Sklaven war ich in meiner Verzweiflung fest entschlossen, bis ans Äußerste zu gehen.
»Halten Sie ihre Arme, Miß Abbot; sie ist wie eine wilde Katze.«
»Schämen Sie sich! Schämen Sie sich!« rief die Kammerjungfer. »Welch ein abscheuliches Betragen, Miß Eyre, einen jungen Gentleman zu schlagen! Den Sohn Ihrer Wohlthäterin! Ihren jungen Herrn!«
»Herr! Wie ist er mein Herr? Bin ich denn eine Dienerin?«
»Nein. Sie sind weniger als eine Dienerin, denn Sie thun nichts, Sie arbeiten nicht für Ihren Unterhalt. Da! Setzen Sie sich und denken Sie über Ihre Schlechtigkeit und Bosheit nach!«
Inzwischen hatten sie mich in das von Mrs. Reed bezeichnete Gemach gebracht und mich auf einen Stuhl geworfen; mein erster Impuls war, wie eine Sprungfeder wieder von demselben empor zu schnellen; vier Hände hielten mich jedoch augenblicklich wieder wie mit eisernen Klammern.
»Wenn Sie nicht still sitzen, werden wir Sie festbinden,« sagte Bessie. »Miß Abbot, borgen Sie mir Ihre Strumpfbänder; die meinen würde sie augenblicklich zerreißen.«
Miß Abbot wandte sich ab, um ein starkes Bein von den notwendigen Banden zu befreien. Diese Vorbereitungen, um mir Fesseln anzulegen, und die neue Schande, die dies für mich bedeutete, diente dazu, meine Aufregung ein wenig zu mindern.
»Nehmen Sie sie nicht ab,« schrie ich, »ich werde ganz still sitzen.«
Um ihnen für dies Versprechen eine Garantie zu bieten, hielt ich mich mit beiden Händen an meinem Sitz fest.
»Das möchte ich Ihnen auch raten,« sagte Bessie; und als sie sich überzeugt hatte, daß ich wirklich anfing, mich zu beruhigen, ließ sie mich los; dann stellten sie und Miß Abbot sich mit gekreuzten Armen vor mich und blickten finster und zweifelnd in mein Gesicht, als glaubten sie nicht an meinen gesunden Verstand,
»Das hat sie bis jetzt noch niemals gethan,« sagte endlich Bessie zur Abigail gewendet.
»Aber es hat schon lange in ihr gesteckt,« lautete die Antwort. »Ich habe der gnädigen Frau schon oft meine Meinung über das Kind gesagt, und sie hat mir auch beigestimmt. Sie ist ein verstecktes, kleines Ding: ich habe noch nie ein Mädchen in ihrem Alter gesehen, das so schlau wäre.«
Bessie antwortete nicht; nach einer Welle wandte sie sich zu mir und sagte:
»Fräulein, Sie sollten doch wissen, daß Sie Mrs. Reed verpflichtet sind, sie erhält Sie. Wenn sie Sie fortschickte, so müßten Sie ins Armenhaus gehen.«
Auf diese Worte fand ich nichts zu erwidern; sie waren mir nicht mehr neu; so weit ich in meinem Leben zurückdenken konnte, hatte ich Winke desselben Inhalts gehört. Dieser Vorwurf meiner Abhängigkeit war in meinen Ohren fast zum leeren, bedeutungslosen Singsang geworden, sehr schmerzlich und bedrückend, aber nur halb verständlich. Nun fiel auch Miß Abbot ein:
»Und Sie sollten auch nicht denken, daß Sie mit den Fräulein Reed und Mr. Reed auf gleicher Stufe stehen, Weil Mrs. Reed Ihnen gütig erlaubt, mit ihren Kindern erzogen zu werden. Diese werden einmal ein großes Vermögen haben, und Sie sind arm. Sie müssen demütig und bescheiden sein und versuchen, sich den andern angenehm zu machen.«
»Was wir Ihnen sagen, ist zu Ihrem Besten,« fügte Bessie hinzu, ohne in hartem Ton zu reden, »Sie sollten versuchen, sich nützlich und angenehm zu machen, dann würden Sie hier vielleicht eine Heimat finden; wenn Sie aber heftig und roh und ungezogen werden, so wird Mrs. Reed Sie fortschicken, davon bin ich fest überzeugt.«
»Außerdem,« sagte Miß Abbot, »wird Gott Sie strafen. Er könnte Sie mitten in Ihrem Trotz tot zu Boden fallen lassen, und wohin kämen Sie dann? Kommen Sie, Bessie, wir wollen sie allein lassen: um keinen Preis der Welt möchte ich ihr Herz haben. Sagen Sie Ihr Gebet, Miß Eyre, wenn Sie allein sind; denn wenn Sie nicht bereuen, könnte etwas Schreckliches durch den Kamin herunterkommen und Sie holen.«
Sie gingen und schlossen die Thür hinter sich ab.
Das rote Zimmer war ein Fremdenzimmer, in dem nur selten jemand schlief; ich könnte beinahe sagen niemals oder nur dann, wenn ein zufälliger Zusammenfluß von Besuchern auf Gateshead-Hall es notwendig machte, alle Räumlichkeiten des Hauses nutzbar zu machen. Und doch war es eins der schönsten und prächtigsten Gemächer im Herrenhause. Wie ein Tabernakel stand im Mittelpunkt desselben ein Bett von massiven Mahagonipfeilern getragen und mit Vorhängen von dunkelrotem Damast behängt; die beiden großen Fenster, deren Rouleaux immer herabgelassen waren, wurden durch Gehänge und Faltendraperien vom selben Stoffe halb verhüllt; der Teppich war rot; der Tisch am Fußende des Bettes war mit einer hochroten Decke belegt; die Wände waren mit einem Stoffe behängt, der auf lichtbraunem Grunde ein zartes rosa Muster trug; die Garderobe, der Toilettetisch, die Stühle waren aus dunklem, poliertem Mahagoni angefertigt. Aus diesen düsteren Schatten erhoben sich weiß und hoch und glänzend die aufgehäuften Matratzen und Kopfkissen des Bettes, über die eine schneeweiße Decke gebreitet war. Eben so unheimlich stach ein großer, gepolsterter, ebenfalls weißer Lehnstuhl hervor, der am Kopfende des Bettes stand und vor dem sich ein Fußschemel befand; damals erschien er mir wie ein geisterhafter Thron.
Das Zimmer war dumpf, weil nur selten ein Feuer in demselben angezündet wurde; es war still, weil es weit von der Kinderstube und den Küchen entfernt lag; unheimlich, weil ich wußte, daß fast niemals jemand dasselbe betrat. Nur am Sonnabend kam das Hausmädchen hierher, um den stillen Staub einer Woche von den Möbeln und den Spiegeln zu wischen; und in langen Zwischenräumen kam auch Mrs. Reed hierher, um den Inhalt einer gewissen Schieblade zu revidieren, in welcher sich verschiedene Urkunden, ihre Juwelenschatulle und ein Miniaturbild ihres verstorbenen Gatten befand. In diesen letzten Worten liegt das Geheimnis des roten Zimmers, der Zauberbann, weshalb es trotz seiner Pracht so einsam und verlassen war.
Mr. Reed war seit neun Jahren tot; in diesem Gemache hatte er seinen letzten Atemzug gethan; hier lag er aufgebahrt; von hier hatten die Leichenträger ihn hinausgetragen – und seit jenem Tage hatte ein Gefühl trauriger Weihe jeden unberufenen Besucher von seiner Schwelle fern gehalten.
Der Sitz, auf welchen Bessie und die bitterböse Miß Abbot mich gebannt hatten, war eine niedrige Ottomane, welche nahe dem weißen Marmorkamin stand; das Bett türmte sich vor mir auf; zu meiner Rechten befand sich ein hoher dunkler Garderobenschrank, auf dessen Tafelwerk sich die leisen, düsteren Lichter brachen; zu meiner Linken waren die verhängten Fenster; ein großer Spiegel zwischen denselben wiederholte die totesstille Majestät des Bettes und des Zimmers. Ich war nicht ganz sicher, ob sie die Thür zugeschlossen hatten; und als ich wieder Mut genug hatte, um mich zu bewegen, stand ich auf und ging um nachzusehen. Ach ja! Keine Kerkerthür war jemals sicherer verschlossen! Als ich wieder an die Ottomane zurückging, mußte ich an dem Spiegel vorüber, mein gebannter Blick bohrte sich unwillkürlich in die Tiefe desselben ein. In ihm sah alles noch kühler und hohler und düsterer aus als in Wirklichkeit, und die seltsame, kleine Gestalt, die mir aus ihm entgegenblickte, mit weißem Gesicht und Armen, die grell aus der Dunkelheit hervorleuchteten, mit Augen, die vor Furcht hin-und herrollten, wo sonst alles bewegungslos war – diese kleine Gestalt sah aus, wie ein wirkliches Gespenst; ich dachte an eins jener zarten Phantome, halb Elfe, halb Kobold, wie sie in Bessies Dämmerstunden-Geschichten aus einsamen, wilden Schluchten und düsteren Mooren hervorkamen und sich dem Auge des nächtlichen Wanderers zeigten. Ich kehrte auf meinen Sitz zurück.
In diesem Augenblick bemächtigte der Aberglaube sich meiner, aber die Stunde seines vollständigen Sieges über mich war noch nicht gekommen: mein Blut war noch warm; die Wut des empörten Sklaven erhitzte mich noch mit ihrer ganzen Bitterkeit; ich hatte noch einen wilden Strom von Gedanken an die Vergangenheit zu bändigen, bevor ich mich ganz dem Jammer über die trostlose Gegenwart hingeben konnte.
Wie der schmutzige Bodensatz aus einem trüben Brunnen, so stieg aus meinem bewegten, aufgeregtem Gemüt alles an die Oberfläche meines Empfindens: John Reeds wilde Tyrannei, die hochmütige Gleichgültigkeit seiner Schwestern, die Abneigung seiner Mutter, die Parteilichkeit der Dienstboten! Weshalb mußte ich stets leiden, stets mit verächtlichen Blicken angesehen werden, immer beschuldigt, immer verurteilt werben? Weshalb konnte ich niemals etwas recht machen? Weshalb war es immer nutzlos, wenn ich versuchte, irgend eines Menschen Gunst zu erringen? Man hatte Achtung vor Eliza, die doch so eigensinnig und selbstsüchtig war. Jedermann hatte Nachsicht mit Georgina, die stets übelgelaunt und trotzig und frech war. Ihre Schönheit, ihre rosigen Wangen und goldigen Locken schienen jeden zu entzücken, der sie anblickte und ihr Vergebung für all ihre Mängel und Fehler zu erlaufen. John wurde niemals bestraft, niemand widersprach ihm jemals, obgleich er den Tauben die Hälse umdrehte, die jungen Hühner umbrachte, die Hunde auf die Schafe hetzte, den Weinstock im Treibhause seiner Trauben beraubte und von den seltensten Pflanzen die Knospen abriß; er nannte seine Mutter sogar »liebe Alte«; nahm durchaus keine Rücksicht auf ihre Wünsche; zerriß und beschmutzte ihre seidenen Kleider nicht selten, – und doch war er »ihr einziger Liebling«. Ich wagte niemals, einen Fehler zu begehen; ich bemühte mich stets, meine Pflicht zu thun, und mich nannte man unartig und unerträglich, mürrisch und hinterlistig, vom Morgen bis zum Mittag, vom Mittag bis zum Abend.
Mein Kopf schmerzte noch und blutete nach dem erhaltenen Schlage und dem Falle, welchen ich gethan; niemand hatte John einen Verweis erteilt, weil er mich grundlos geschlagen; aber weil ich mich gegen ihn aufgelehnt hatte, um seiner weiteren unvernünftigen, besinnungslosen Heftigkeit zu entgehen, hatten alle mich mit den lautesten Schmähungen überhäuft.
»Ungerecht! – ungerecht!« sagte meine Vernunft, welcher die fortwährende, qualvolle Aufreizung eine frühzeitige, wenn auch vorübergehende Kraft verliehen hatte; und die Entschlossenheit, welche auch geweckt war, ließ mich allerhand Mittel ersinnen, um eine Flucht aus diesem schier unerträglich gewordenen Drucke zu bewerkstelligen – ich dachte daran, auf und davon zu laufen, oder wenn dies nicht möglich, wenigstens niemals wieder Speise und Trank zu mir zu nehmen und auf diese Weise zu Tode zu hungern.
Wie bestürzt war meine Seele an diesem traurigen Nachmittag! Wie erregt war mein Gemüt, wie furchtbar empört mein Herz! Aber in welcher Düsterheit, welcher Verblendung, welcher unglaublichen Unwissenheit wurde dieser Seelenkampf ausgekämpft! Ich hatte keine Antwort auf die sich mir unaufhörlich aufdrängende Frage, weshalb ich so viel leiden mußte. Jetzt nach Verlauf von – nein, ich will nicht sagen, von wie vielen Jahren – habe ich die Antwort gefunden!
Ich war ein Mißton in Gateshead-Hall. Ich war ein Nichts an diesem Orte; ich hatte keine Gemeinschaft mit Mrs. Reed oder ihren Kindern oder ihren bezahlten Vasallen. Sie liebten mich nicht, und in der That, ich liebte sie ebensowenig. Es war auch nicht ihre Pflicht, mit Liebe auf ein Geschöpf zu blicken, welches mit keiner einzigen Seele sympathisieren konnte; ein heterogenes Geschöpf, welches ihr direktes Gegenteil in Temperament, in Fähigkeiten und Neigungen war; ein nutzloses Geschöpf, welches ihrem Interesse nicht dienen, zu ihrem Vergnügen nichts beitragen konnte; ein strafbares Geschöpf, welches die Keime der Empörung über die ihm widerfahrende Behandlung in sich nährte, ein Geschöpf, das die tiefste Verachtung für ihren Verstand, ihr Urteilsvermögen nährte. Ich weiß wohl, daß, wenn ich ein sanguinisches, geistreiches, herrisches, schönes, wildes Kind gewesen wäre – wenn auch ebenso abhängig und freundlos – so würde Mrs. Reed meine Gegenwart in liebenswürdigerer Weise ertragen haben; ihre Kinder hätten für mich ein freundlicheres Gefühl der Gemeinsamkeit gehegt; die Dienstboten wären weniger geneigt gewesen, mich zum Sündenbock der Kinderstube zu machen.
Das Tageslicht begann aus dem roten Zimmer zu schwinden; es war nach vier Uhr, und auf den bewölkten Nachmittag folgte die trübe Dämmerung. Ich hörte, wie der Regen noch unaufhörlich gegen das Fenster der Treppe schlug, wie der Wind in den Laubgängen hinter dem Herrenhause heulte; nach und nach wurde ich so kalt wie Marmor, und dann begann mein Mut zu sinken. Die gewöhnliche Stimmung des Gedemütigtseins, Zweifel an mir selbst, hilflose Traurigkeit bemächtigten sich meiner und fielen dämpfend auf die Asche meiner dahinschwindenden Wut. Alle sagten ja, daß ich boshaft sei – vielleicht war es der Fall, denn hatte ich nicht soeben den Gedanken gehegt, mich zu Tode zu hungern? Das war doch gewiß ein Verbrechen: denn war ich bereit zu sterben? oder war das Gewölbe unter der Kanzel in der Kirche von Gateshead ein so einladendes Ende? In diesem Gewölbe lag Mr. Reed begraben, wie man mir gesagt hatte; dieser Gedanke führte mich dazu, sein Andenken herauf zu beschwören; und mit wachsendem Grauen verweilte ich bei demselben. Ich konnte mich seiner nicht erinnern; aber ich wußte, daß er mein Onkel gewesen, – der einzige Bruder meiner Mutter – daß er mich in sein Haus aufgenommen, als ich ein armes, elternloses Kind gewesen; und daß er noch in seinen letzten Augenblicken Mrs. Reed das Versprechen abgenommen hatte, mich wie ihr eigenes Kind zu erziehen und zu versorgen. Mrs. Reed war höchstwahrscheinlich der Überzeugung, daß sie dieses Versprechen gehalten habe, und so weit ihre Natur ihr dies erlaubte, hatte sie es auch gethan; aber wie sollte sie denn auch in Wirklichkeit für einen Eindringling Liebe hegen, der nicht zu ihrer Familie gehörte und nach dem Tode ihres Gatten durch keine Bande mehr an sie gekettet war? Es mußte allerdings ärgerlich sein, sich durch ein unter solchen Umständen gegebenes Versprechen genötigt zu sehen, einem fremden Kinde, das sie nicht lieben konnte, die Eltern zu ersetzen, und es ertragen zu müssen, daß eine unsympathische Fremde sich unaufhörlich in ihren Familienkreis drängte. Eine sonderbare Idee bemächtigte sich meiner. Ich zweifelte nicht – hatte es niemals bezweifelt – daß Mr. Reed, wenn er am Leben geblieben, mich mit Güte behandelt haben würde; und jetzt, als ich so dasaß und auf die dunklen Wände und das weiße Bett blickte, zuweilen auch wie gebannt ein Auge auf den trübe blinkenden Spiegel warf – da begann ich mich an das zu erinnern, was ich von Toten gehört hatte, die im Grabe keine Ruhe finden konnten, weil man ihre letzten Wünsche unerfüllt gelassen, und jetzt auf die Erde zurückkehrten, um die Meineidigen zu strafen und die Bedrückten zu rächen; ich dachte, wie Mr. Reeds Geist, gequält durch das Unrecht, welches man dem Kinde seiner Schwester zufügte, seine Ruhestätte verließ – entweder in dem Gewölbe der Kirche oder in dem unbekannten Lande der Abgeschiedenen – und in diesem Zimmer vor mir erscheinen könne. Ich trocknete meine Thränen und unterdrückte mein Schluchzen; denn ich fürchtete, daß diese lauten Äußerungen meines Grams eine übernatürliche Stimme zu meinem Troste erwecken oder aus dem mich umgebenden Dunkel ein Antlitz mit einem Heiligenschein hervorleuchten lassen könne, das sich mit wundersamem Mitleid über mich beugte. Dieser Gedanke, der in der Theorie vielleicht ganz trostreich, würde entsetzlich sein, wenn er zur Wirklichkeit werden könnte, das fühlte ich: mit aller Gewalt versuchte ich, ihn zu unterdrücken – ich bemühte mich, ruhig und gefaßt zu sein. Indem ich mir das Haar von Stirn und Augen strich, erhob ich den Kopf und versuchte in dem dunklen Zimmer umher zu blicken: in diesem Augenblick sah ich den Wiederschein eines Lichtes an der Wand! – War es vielleicht der Mondesstrahl, der durch eine Öffnung in dem Vorhang drang, fragte ich mich? Nein, die Mondesstrahlen waren ruhig und dies Licht bewegte sich; während ich noch hinblickte, glitt es zur Decke hinauf und erzitterte über meinem Kopfe, Jetzt kann ich freilich begreifen, daß dieser Lichtstreifen aller Wahrscheinlichkeit nach der Schimmer einer Laterne war, welche jemand über den freien Platz vor dem Hause trug; aber damals, mit dem auf Schrecken und Entsetzen vorbereiteten Gemüt, mit meinen vor Aufregung bebenden Nerven, hielt ich den sich schnell bewegenden Strahl für den Herold einer Erscheinung, die aus einer anderen Welt zu mir kam. Mein Herz pochte laut, mein Kopf wurde heiß; in meinen Ohren spürte ich ein Brausen, das ich für das Rauschen der Flügel hielt; ein Etwas schien sich mir zu nähern; ich fühlte mich bedrückt, erstickt; mein Widerstandsvermögen gab nach; ich stürzte auf die Thür zu und rüttelte mit verzweifelter Anstrengung am Schlosse. Eilende Schritte kamen durch den äußeren Korridor daher; der Schlüssel wurde im Schlosse umgedreht, Bessie und Miß Abbot traten ein.
»Miß Eyre, sind Sie krank?« fragte Bessie.
»Welch ein fürchterlicher lärm! Ich bin ganz außer mir!« rief Abbot aus.
»Nehmt mich mit hinaus! Laßt mich in die Kinderstube gehen!« schrie ich ununterbrochen.
»Weshalb denn? Ist Ihnen irgend etwas geschehen? Haben Sie etwas gesehen?« fragte Bessie wiederum.
»O, ich sah ein Licht und ich meinte, daß ein Geist kommen würde.« Ich hatte mich jetzt Bessies Hand bemächtigt, und sie entwand sie mir nicht. »Sie hat mit Absicht so geschrieen,« erklärte Abbot mit einigem Abscheu. »Und welch ein Geschrei! Wenn sie große Schmerzen gehabt hätte, so könnte man es noch entschuldigen, aber sie wollte weiter nichts, als uns alle herbeilocken. Ich kenne ihre bösen Streiche schon.«
»Was giebt es denn hier?« fragte eine andere Stimme gebieterisch; und Mrs. Reed kam mit flatternden Haubenbändern und wehendem Kleide durch den Korridor daher, »Abbot und Bessie, ich glaube, daß ich Befehl gegeben habe, Jane Eyre in dem roten Zimmer zu lassen, bis ich selbst sie holen würde?« »Miß Jane schrie so laut, Madame,« wandte Bessie zögernd ein.
»Laßt sie los,« war die einzige Antwort. »Laß Bessies Hand los, Kind: verlaß dich darauf, auf diese Weise wirst du nicht hinaus gelangen. Ich verabscheue solche List, besonders bei Kindern; es ist meine Pflicht, dir zu beweisen, daß du mit derartigen Ränken und Schlichen nicht weit kommst. Jetzt wirst du noch eine ganze Stunde hierbleiben, und auch dann gebe ich dich nur frei, wenn du mir das Versprechen giebst, vollkommen ruhig und unterwürfig zu sein,«
»O, Tante, hab Erbarmen! Vergieb mir doch! Ich kann, ich kann es nicht ertragen. – Bestrafe mich doch auf andere Weise! Ich komme um, wenn – –«
»Sei still! Diese Heftigkeit ist ganz widerlich und empörend!« und ohne Zweifel hegte sie auch Abscheu gegen mein Betragen. In ihren Augen war ich eine frühreife Schauspielerin; sie sah in der That auf mich wie auf eine Zusammensetzung der heftigsten Leidenschaften, eines niedrigen, gemeinen Geistes und gefährlicher Falschheit.
Als Bessie und Abbot sich zurückgezogen hatten, warf Mrs. Reed, die meiner wilden Angst und meines lauten Schluchzens wohl müde geworden sein mochte, mich rasch in das Zimmer zurück und schloß mich ohne weitere Erklärungen und Worte wieder ein. Ich hörte noch, wie sie davon rauschte; und bald nachdem sie gegangen war, muß ich in Krämpfe verfallen sein: Bewußtlosigkeit machte der Scene ein Ende!
Dann erinnerte ich mich an nichts mehr. Als ich erwachte, war es mit dem Gefühl eines schrecklichen Alpdrückens, vor mir sah ich eine unheimliche rote Glut, von der sich dicke, schwarze Stangen abhoben. Ich hörte Stimmen, die hohl an mein Ohr klangen, als würden sie durch das Rauschen des Wassers oder Toben des Windes übertönt, Aufregung, Ungewißheit und ein alles beherrschendes Gefühl des Entsetzens hielt alle meine Sinne gefangen. Es vergingen nur wenige Augenblicke, und dann gewahrte ich, daß jemand mich berührte, mich aufhob und mich in eine sitzende Stellung brachte, und zwar viel zärtlicher und sorgsamer, als mich bis jetzt irgend jemand gestützt oder emporgehoben hatte. Ich lehnte meinen Kopf gegen einen Arm oder ein Polster und fühlte mich unendlich wohl.
Noch fünf Minuten und die Wolken der Bewußtlosigkeit begannen zu schwinden. Jetzt wußte ich sehr wohl, daß ich in meinem eigenen Bette lag, und daß die rote Glut nichts anderes war, als das Feuer im Kamin der Kinderstube. Es war Nacht, eine Kerze brannte auf dem Tische; Bessie stand am Fußende meines Bettes und hielt eine Waschschüssel in der Hand, ein Herr saß auf einem Lehnstuhle neben mir und beugte sich über mich.
Ich empfand eine unbeschreibliche Erleichterung, eine wohlthuende Überzeugung der Sicherheit und des Beschütztseins, als ich sah, daß sich ein Fremder im Zimmer befand, ein Mensch, der nicht zum Haushalt von Gateshead, nicht zu den Verwandten von Mrs. Reed gehörte. – Mich von Bessie abwendend – obgleich ihre Gegenwart mir weit weniger unangenehm war, als mir zum Beispiel Abbots Gesellschaft gewesen wäre – prüfte ich die Gesichtszuge des Herrn; ich kannte ihn, es war Mr. Lloyd, ein Apotheker, den Mrs. Reed zuweilen rufen ließ, wenn ihre Dienstboten krank waren. Für sich selbst und ihre Kinder nahm sie immer nur die Hilfe des Arztes in Anspruch.
»Nun, wer bin ich?« fragte er.
Ich sprach seinen Namen aus und streckte ihm zu gleicher Zeit meine Hand entgegen; er nahm sie, lächelte und sagte: »Ah, wir werden uns jetzt langsam erholen.« Dann legte er mich nieder, wandte sich zu Bessie, empfahl ihr, sehr vorsichtig zu sein und mich während der Nacht nicht zu stören. Nachdem er noch weitere Weisungen erteilt und gesagt hatte, daß er am folgenden Tage wiederkommen würde, ging er fort; zu meiner größten Betrübnis; während er auf dem Stuhl neben meinem Kopfkissen saß, fühlte ich mich so beschützt, so sicher, und als die Thür sich hinter ihm schloß, wurde das ganze Zimmer dunkel und mein Herz verzagte von neuem, es unterlag der Last eines unbeschreiblichen Grams.
»Glauben Sie, daß Sie schlafen können, Miß?« fragte Bessie mich ungewöhnlich sanft.
Kaum wagte ich, ihr zu antworten, denn ich fürchtete, daß ihre nächsten Worte wieder rauh klingen würden. »Ich will es versuchen,« sagte ich leise.
»Möchten Sie nicht irgend etwas essen oder trinken?«
»Nein, ich danke, Bessie.«
»Nun, dann werde ich auch schlafen gehen, denn es ist schon nach Mitternacht; aber Sie können mich rufen, wenn Sie während der Nacht irgend etwas brauchen.«
Welche seltene Höflichkeit! Sie ermutigte mich, eine Frage zu stellen.
»Bessie, was ist denn mit mir geschehen? Bin ich sehr krank?«
»Ich vermute, daß Sie vor Schreien im roten Zimmer krank geworden sind; aber Sie werden ohne Zweifel bald wieder ganz gesund sein.«
Bessie ging in das anstoßende Zimmer der Hausmädchen. Ich hörte, wie sie dort sagte:
»Sarah, komm und schlaf bei mir in der Kinderstube, und wenn es mein Leben gälte, so könnte ich diese Nacht nicht mit dem armen Kinde allein bleiben; es könnte sterben! Wie sonderbar, daß Miß Jane einen solchen Anfall haben mußte! Ich mochte doch wissen, ob sie irgend etwas gesehen hat. Mrs. Reed war dieses Mal aber auch zu hart gegen sie.«
Sarah kam mit ihr zurück; beide gingen zu Bett; sie flüsterten wenigstens noch eine halbe Stunde mit einander, bevor sie einschliefen. Ich hörte einige Bruchstücke ihrer Unterhaltung, und aus diesen schloß ich auf den Hauptgegenstand ihrer Diskussion.
»Etwas ist an ihr vorübergeschwebt, ganz in Weiß gekleidet, dann ist es verschwunden.« – – »Ein großer, schwarzer Hund hinter ihm.« – »Dreimal hat es laut an der Zimmerthür geklopft,« – Ein Licht auf dem Friedhofe gerade über seinem Grabe« – u. s. w., u, s. w.
Endlich schliefen beide ein. Feuer und Licht erloschen. In schaurigem Wachen ging die Nacht für mich langsam hin; Entsetzen und Angst hielten Ohren, Augen und Sinne wach. – Entsetzen und Angst, wie nur Kinder es zu empfinden imstande sind.
Diesem Zwischenfall im roten Zimmer folgte keine lange, ernste, körperliche Krankheit; nur eine heftige Erschütterung meiner Nerven, deren Widerhall ich noch bis auf den heutigen Tag empfinde. Ja, Mrs. Reed, Ihnen verdanke ich gar manchen qualvollen Schmerz der Seele. Aber ich sollte Ihnen verzeihen, denn Sie wußten nicht, was Sie thaten, während Sie jede Faser meines Herzens zerrissen, glaubten Sie nur meine bösen Neigungen und Anlagen zu ersticken.
Am nächsten Tage gegen Mittag war ich bereits aufgestanden und angekleidet und saß in einen warmen Shawl gehüllt vor dem Kaminfeuer. Ich fühlte mich körperlich schwach und gebrochen, aber mein schlimmstes Übel war ein unaussprechlicher Jammer der Seele, ein Jammer, der mir fortwährend stille Thränen entlockte, kaum hatte ich einen salzigen Tropfen von meiner Wange getrocknet, als auch schon ein anderer folgte. Und doch meinte ich, daß ich augenblicklich glücklich sein müßte, denn keiner von den Reeds war da, alle waren mit ihrer Mama im großen Wagen spazieren gefahren; auch Abbot nähte in einem anderen Zimmer, und während Bessie hin und her ging, Spielsachen forträumte und Schiebladen ordnete, richtete sie dann und wann ein ungewöhnlich freundliches Wort an mich. Diese Lage der Dinge wäre für mich ein Paradies des Friedens gewesen, für mich, die ich nur an ein Dasein voll unaufhörlichen Tadels und grausame Sklaverei gewöhnt war, – aber in der That waren meine Nerven jetzt in einem solchen Zustande, daß keine Ruhe sie mehr sänftigen, kein Vergnügen sie mehr freudig erregen konnte.
Bessie war unten in der Küche gewesen und brachte mir jetzt einen Kuchen herauf, der auf einem gewissen, bunt gemalten Porzellanteller lag, dessen Paradiesvogel, welcher sich auf einem Kranz von Maiglöckchen und Rosenknospen schaukelte, stets eine enthusiastische Bewunderung in mir wach gerufen hatte. Gar oft hatte ich innig gebeten, diesen Teller in die Hand nehmen zu dürfen, um ihn genauer betrachten zu können, bis jetzt hatte man mich aber stets einer solchen Gunst für unwürdig gehalten. Jetzt stellte man mir nun diesen kostbaren Teller auf den Schoß und bat mich freundlich, das Stückchen auserlesenen Gebäcks, welches auf demselben lag, zu essen. Eitle Gunst! Sie kam zu spät, wie so manche andere, die so innig erwünscht, und so lange versagt worden war! Ich konnte den Kuchen nicht essen, und das Gefieder des Vogels, die Farben der Blumen schienen mir seltsam verblaßt – ich schob sowohl Teller wie Gebäck von mir. Bessie fragte mich, ob ich ein Buch haben wolle. Das Wort Buch wirkte wie ein vorübergehendes Reizmittel, und ich bat sie, mir »Gullivers Reisen« aus der Bibliothek zu holen. Dieses Buch hatte ich schon unzählige Male mit Entzücken gelesen; ich hielt es für eine Erzählung von Thatsachen und entdeckte in ihm eine Ader, die ein weit tieferes Interesse für mich hatte, als dasjenige, welches ich in Märchen gefunden hatte; denn nachdem ich die Elfen vergebens unter den Blättern des Fingerhuts und der Glockenblume, unter Pilzen und altem, von Epheu umrankten Gemäuer gesucht, hatte ich mein Gemüt mit der traurigen Wahrheit ausgesöhnt, daß sie alle England verlassen hätten, um in ein unbekanntes Land zu gehen, wo die Wälder noch stiller und wilder und dicker, die Menschen noch spärlicher gesäet seien. Liliput hingegen und Brobdignag waren nach meinem Glauben solide Bestandteile der Erdoberfläche; ich zweifelte gar nicht, daß, wenn ich eines Tages eine weite Reise machen könnte, ich mit meinen eigenen Augen die kleinen Felder und Häuser, die winzigen Menschen, die zierlichen Kühe, Schafe und Vögel des einen Königreichs sehen würde, und ebenso die baumhohen Kornfelder, die mächtigen Bullenbeißer, die Katzen-Ungeheuer, die turmhohen Männer und Frauen des anderen. Und doch, als ich den geliebten Band jetzt in Händen hielt – als ich die Seiten umblätterte und in den wundersamen Bildern den Reiz suchte, welchen sie mir bis jetzt stets gewährt hatten – da war alles alt und trübselig; die Riesen waren hagere Kobolde; die Pigmäen boshafte und scheußliche Gnomen, Gulliver ein trübseliger Wanderer in öden und gefährlichen Regionen. Ich schloß das Buch, in dem ich nicht länger zu lesen wagte und legte es auf den Tisch neben das unberührte Stück Kuchen.
Bessie war jetzt mit dem Abstauben und Aufräumen des Zimmers zu Ende, und nachdem sie ihre Hände gewaschen hatte, öffnete sie eine gewisse kleine Schieblade, welche mit den schönsten, prächtigsten Lappen von Seide und Atlas angefüllt war, und begann einen Hut für Georginas neue Puppe zu machen. Dann begann sie zu singen; das Lied lautete:
»Als wir durch Wald und Flur streiften. Vor langer, langer Zeit.«
Wie oft hatte ich dies Lied schon gehört, und immer mit dem größten Entzücken; denn Bessie hatte eine süße Stimme – wenigstens nach meinem Geschmack. Aber jetzt, obgleich ihre Stimme noch immer lieblich klang, lag für mich eine unbeschreibliche Traurigkeit in dieser Melodie. Zuweilen, wenn ihre Arbeit sie ganz in Anspruch nahm, sang sie den Refrain sehr leise, sehr langsam: »Vor langer, langer Zeit«; dann klang es wie die Schlußkadenz eines Grabliedes. Endlich begann sie eine andere Ballade zu singen, diesmal eine wirklich traurige.
Mein Körper ist müd und wund ist mein Fuß, Weit ist der Weg, den ich wandern muß. Bald wird es Nacht, und den Weg ich nicht find’. Den ich wandern muß, armes Waisenkind!
Weshalb sandten sie mich so weit, so weit. Durch Feld und Wald, aus die Berg’, wo es schneit? Die Menschen sind hart! Doch Engel so lind. Bewachen mich armes Waisenkind.
Die Sterne, sie scheinen herab so klar. Die Luft ist mild! Es ist doch wahr: Gott ist barmherzig, er steuert dem Wind, Daß er nicht erfasse das Waisenkind.
Und wenn ich nun strauchle am Waldesrand Oder ins Meer versink, wo mich führt keine Hand’, So weiß ich doch, daß den Vater ich find’, Er nimmt an sein Herz das Waisenkind!
Das ist meine Hoffnung, die Kraft mir giebt. Daß Gott da droben sein Kind doch liebt. Bei ihm dort oben die Heimat ich find’. Er liebt auch das arme Waisenkind!
