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Die Heilkunst des sächsischen Kriegers Raban, bewahrt den Jarl der kleinen Insel Tautra, nach dem Mordanschlag davor, in Walhalla einzukehren. Und während Einar auf dem Krankenlager liegt, beginnt auf der Insel die Jagd auf den Attentäter. Inzwischen verlassen Gisli und Eira das Reich König Ragnars, um am Königshof von Lade, als Mitglieder der Familie König Grjotgards zu leben. Eine junge, schwarze Sklavin wird von dem Krieger Birk als seine Gespielin in die Siedlung gebracht. Diese verliebt sich aber in den Jarl, und setzt alles daran, diesem aufzufallen, was dem Birk missfällt. Der junge Krieger stellt sich daraufhin wütend gegen den Herrn der Insel, um sein Eigentum zurückzuerobern. Eine offen ausgesprochene Herausforderung nimmt ein überraschendes Ende. Von der Rache für die Entführung seiner Tochter getrieben, und von Gerüchten angespornt, rüstet der Trøndnerkönig zum Krieg gegen den König von Ranrike. So trifft das Heer der Trøndner im Feindesland ein, und bald stehen sich die Armeen der Könige auf dem Schlachtfeld gegenüber. Doch auch der Dänenkönig Horik erscheint mit seiner Kriegsmacht auf dem Schlachtfeld, um die Ernte für sein lange geplantes Ränkespiel einzufahren. Während der Jarl von Tautra sich auf der Kriegsfahrt befindet, wagen sich die Schildmaiden der Thordis nach Sørhamna. Und beim Anblick der Keltin Carragh im Haus des Jarls, erwacht in der Ilva die Eifersucht.
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Seitenzahl: 494
Veröffentlichungsjahr: 2025
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Rainer W. Grimm wurde 1964 in Gelsenkirchen / Nordrhein -Westfalen, als zweiter Sohn, in eine Bergmannsfamilie geboren und lebt auch heute noch mit seiner Familie und seinen beiden Katzen im längst wieder ergrünten Ruhrgebiet. Mit fünfunddreißig Jahren entdeckte der gelernte Handwerker seine Liebe zur Schriftstellerei. Als unabhängiger Autor veröffentlicht er seitdem seine historischen Geschichten und Romane, die meist von den Wikingern erzählen.
1. Rückkehr von den Toten
2. Der Attentäter
3. Von Thokes Hinterlist
4. Raban's Sklavinnen
5. Haustbløt
6. Die Heimkehr der Sigve
7. Streit um ein Haus
8. Die Schöne Slavin Kibane
9. der Besuch des Feindes
10. Gestank des Krieges
11. Silber und Sklaven
12. Gäste in Sørhamna
13. Horiks Demütigung
14. Der Ruf des Königs
15. Das dritte Heer
16. Von Krieg und einer List
17. Wo ist Thorvi
Langsam trieb der Skuder1 an den hellen Strand vor der Werft des Schiffsbauers Tyrger. Das offene, überdachte Gebäude, in dem ein neuer Schiffsrumpf lag, an dem der Tyrger arbeitete, war so erbaut, dass die Schiffe direkt in den Fjord gleiten konnten, wenn der Schiffsbauer dies wollte. Überall auf dem Hof lagen dicke Baumstämme, oder Holzreste herum. Die Gerippe bereits begonnener Schiffsrümpfe standen, von Pfosten gestützt, seitlich der Werft. Der neue Blutdrachen lag bereits unten am Strand, an einem der langen, hölzernen Anlegestege vertäut. Und die Schnigge2 sah genau so aus, wie sie die Thordis bei dem Schiffsbauer bestellt hatte. Der Drachenkopf auf dem Vordersteven war rot, genau wie das Segel, welches an der Rahe festgezurrt war. Zufrieden sah die Thordis zu dem Schiff hinüber, als sie den Kiel ihres Skuders auf den Strand steuerte. Alle Kriegerinnen waren an Bord, nur die Freide war in dem Haus auf der Halbinsel Frosta geblieben. Die junge Sklavin hatte sich bereits gut bei den Kriegerinnen eingelebt, und inzwischen das volle Vertrauen der Anführerin Thordis erlangt. Oft genug hatte Freide schon die Möglichkeit zu fliehen gehabt, doch sie blieb. Die Obodritin3 fühlte sich wohl auf dem Hof, und wurde von den Frauen gut behandelt. So sah sie keinen Grund eine Flucht zu versuchen. Dies hatte ihr bei der Thordis schnell viele Freiheiten eingebracht.
Die Anführerin war die Letzte, die aus dem Boot stieg, und mit ihrer Gefolgschaft zum Haus des Bootsbauers ging.
Noch bevor Thordis an die Tür klopfen konnte, trat Tyrger heraus. „Ihr kommt, um mir zu bringen, was mir zusteht“, sagte der langhaarige Handwerker, und sah die Frauen dann doch etwas zweifelnd an. „Aber Thordis Thordsdottir, die Mannschaft ist zu klein für die Schnigge.“
„Um sie zur Fylke4 Frosta zu segeln, wird es reichen. Die See ist ruhig, und der Weg ist nicht weit“, sagte Thordis, und reichte dem Bootsbauer seinen Lohn. Tyrger zählte das Silber, und nickte äußerst zufrieden. „Na, dann kommt mal mit.“ Er ging zu den Anlegestegen, und die Frauen folgten ihm bereitwillig. Mit prüfendem Blick trat die Anführerin an das Schiff heran. Sie sprang mit einem großen Satz an Bord, und begann sich das Schiff genau anzusehen. Arla, und die anderen folgten ihr. Es dauerte eine ganze Weile bis Thordis wieder auf den Anlegesteg trat.
„Hier ist, was du verlangtest, Schildmaid.“ Alle Zweifel daran, waren verflogen. Thordis war zufrieden, und reichte dem Tyrger ein Ledersäckchen, in welches der Bootsbauer sofort hineinsah. „Es ist gut“, sagte er, ebenfalls zufrieden und reichte der Thordis seine Hand. Der Handel war perfekt! Die Schnigge hatte sich tatsächlich sehr verändert, denn Tyrger war seinem Ruf in Nichts schuldig geblieben.
Aus dem alten Segler, den er ihnen vor einem vollen Mond verkaufte, hatte der Mann eine neue Schnigge gezaubert. Ganz nach den Wünschen der Kriegerinnen. Es gab nichts an der Arbeit des Schiffsbauers auszusetzen. „Was denkst du, Thordis?“, fragte Ilva, die schlanke, blonde Kriegerin, und die Anführerin nickte zufrieden. „Der Blutdrachen ist aus den dunklen Tiefen des Meeres wieder aufgetaucht.“
„Du machst die Leinen los, Arla“, befahl Thordis, und die Frauen gingen an Bord. Sie nahmen die Ruderpinne von dem Gestänge, und steckten diese durch die Löcher in den Bordwänden. Kurz darauf ruderten sie den Blutdrachen in den Fjord hinaus.
Da sie keine Seekisten5 an Bord hatten, ruderten sie im Stehen. Thordis saß am Seitenruder. Grit, Arla, Ulla und Gunnhild tauchten die Ruderpinne in die See, doch es dauerte eine Weile, bis sie einen gemeinsamen Rhythmus gefunden hatten. So stimmte Thordis ein Lied an, dessen Rhythmus den Frauen das Rudern erleichtern sollte.
Begleitet vom Gesang der Kriegerinnen bewegte sich die Schnigge voran. Ilva sollte die Ruderer der Reihe nach ablösen, damit keine völlig erschöpfte. Und dann setzten sie das rote Segel. Und es war Absicht, dass sie das Segel erst sehr spät gesetzt hatten, denn sie sollten es lernen den Blutdrachen zu rudern.
Wären sie nicht so mit dem Segeln des Schiffes beschäftigt gewesen, hätten sie die Schnigge mit dem schwarzen Segel entdeckt, die ihren Weg kreuzte. So brachten sie den Blutdrachen, immer die Küste entlang, um die Halbinsel Frosta, bis zu der kleinen Bucht, wo in einer kleinen Bucht der Hof der Schildmaiden lag.
„Wir haben unsere Schnigge hergebracht“, sagte Thordis erfreut, denn die vier Frauen hatten sich beim Segeln durchaus geschickt angestellt. Doch noch waren sie viel zu wenige, um den Fjord zu verlassen, und sich auf das offene Meer hinauszuwagen. Das hieß, die Mannschaft musste größer werden. Und die Besatzung musste das Rudern, und das Segeln lernen!
Das der Drachenhof der Schildmaiden wieder bewohnt war, und zwar nicht nur von Arla allein, begann sich langsam in der Umgebung von Lade und auf der Halbinsel Frosta herumzusprechen. Und so kam es, dass sich plötzlich immer mehr Frauen auf dem Hof als Kriegerinnen anboten. Die Zeit des Suchens war beendet!
Natürlich waren nicht alle geeignet, wie Thordis und Ilva fanden, doch einige waren dabei. Und andere eigneten sich dazu, den Hof zu bewirtschaften. Zwei Frauen, die kamen, brachten sogar Kampferfahrung, und ihre eigenen Waffen mit. Eine hieß Swante, und war eine hellblonde, friesische Sklavin, die sich ihre Freiheit erkämpft hatte. Die andere hieß Sigyn, hatte braunes Haar, und war aus Levanger. Die Braunhaarige hatte vor einem halben Mond noch für Jarl Asbjörn gekämpft. Jedoch ein Streit mit dem neuen Hauptmann Breka, ließ sie Jarl Asbjörns Heer verlassen. Als sie dann von dem Drachenhof hörte, machte sie sich sofort auf den Weg. Sie zählte dreiundzwanzig Winter, und war von recht kräftiger Statur. An ihr hatte Thordis sofort große Freude. Andere Frauen waren meist unerfahren im Kampf, waren Töchter, die den elterlichen Hof aus Frust verlassen hatten. Oder Mägde, die schlecht behandelt worden waren, und darum die Flucht angetreten hatten. Jede hatte ihre persönlichen Gründe, sich der Thordis und der Ilva anzuschließen.
Am Ende des achten Monats hatte die Schwester Jarl Einars fünf erfahrene Kriegerinnen an ihrer Seite. Dazu kamen elf unerfahrene, teils sehr junge Frauen, denen sie erst alles beibringen mussten. Diese lernten jetzt die Arbeit auf dem Schiff, und es wurde täglich gekämpft, natürlich Anfangs nur mit Holzwaffen, um zu üben. So zeigten sich schnell die Talente der Einzelnen. Aber diese mussten sie schon bald unter Beweis stellen.
Es war ein sonniger, heißer Tag im August, als eine Schar Reiter auf den Drachenhof kamen. Der Anführer zügelte sein Pferd vor dem Eingang des Hauses, und rief laut:
„Sigrun! Komm heraus oder ich komme rein!“ Dies wurde im Haus natürlich gehört. Sofort griffen die Kriegerinnen zu ihren Waffen, und wollten hinausstürmen. Doch Thordis hielt sie zurück. „Geht hinten raus“, befahl sie der Ilva, und diese führte die Kriegerinnen durch eine kleine Tür hinaus, die zu einem Schweinestall führte. Thordis selbst griff eine langstielige Axt, die neben der Tür an der Wand lehnte, und trat vorne aus dem Haus. „Wer brüllt hier so rum?“, rief sie nun ihrerseits, und hielt die Axt fest in ihren Fäusten. Der Mann auf dem Pferd sah die rotblonde Frau, mit der Narbe im Gesicht, zornig an. „Ich suche Sigrun, meine Magd. Das Weib ist von meinem Hof verschwunden, und ich glaube, sie versteckt sich hier.“
„So, dass glaubst du! Und das gibt dir das Recht hier so herumzubrüllen?“
Doch der Kerl war wenig beeindruckt von der Frau mit der Axt. „Reize mich nicht, bei Odin! Gib meine Magd heraus, oder ich hole sie mir.“ Die sechs Reiter sprangen von ihren Pferden, und zogen sofort ihre Schwerter. Nur der Anführer saß noch im Sattel. Doch dies sollte sich jetzt ändern. Ohne zu zögern, trat Thordis heran, hob ihre Axt und schlug gnadenlos zu. Das Eisen fuhr dem Kerl in die Seite, und er stürzte von seinem Braunen. Dieser bäumte sich auf, und lief davon. Mit der Tat hatte sie die Männer überrumpelt, denn mit einem Angriff hatten diese überhaupt nicht gerechnet. Schreiend lag der Anführer im Sand des Hofes, und zwei Männer eilten zu ihm, während die anderen sich auf die Thordis stürzten. Doch in diesem Moment kamen die Kriegerinnen aus dem Schatten der Hauswand gelaufen, um den Kampf aufzunehmen. Und dies taten sie wie rasende Furien. Die Überraschung bei den Fremden war groß, und nachdem Ilva und Arla einen weiteren Angreifer mit ihren Schwertern niedergeschlagen hatten, packten die Fremden ihren verletzten Anführer, den Toten und zogen sich zurück. Dies taten sie unter dem höhnischen Gelächter der Kriegerinnen. „Lasst sie laufen“, rief Thordis, und ihr Blick fiel auf die Sigrun, die mutig gekämpft hatte. So blieb die Magd auf dem Drachenhof, und wurde eine Schildmaid. Anfangs hatte Thordis befürchtet, auf dem nächsten Thing6 angeklagt zu werden. Aber die Anklage blieb aus.
Und dann, einige Tage später, kam ein Mann auf den Drachenhof, der einen Karren zog. Die jungen Frauen waren gerade mit den Übungen im Schwertkampf beschäftigt, die von Ilva überwacht wurden. Der Mann war nicht besonders groß, doch sein Körper schien recht muskulös zu sein. Einen Bauch hatte er jedenfalls nicht. Er hatte hellblondes Haar, welches ihm bis auf die Schultern reichte. Der Kerl hatte sicher nicht mehr als dreißig Winter erlebt, und sein Gesicht zierte ein kurzgeschorener Bart. Besonders herausstechend war sein feingeschnittenes Gesicht, und seine strahlend blauen Augen. „He, du Schönheit, wer hat hier das Sagen?“
Der Mann stellte seinen Karren ab, und trat um den Wagen herum. Er löste die Plane, die seine Waren abdeckte, und zog diese von dem Karren herunter. Da trat Ilva heran, und sah auf den Wagen. „Schwerter und Äxte“, stellte sie freudig fest. Der Mann nickte grinsend. „Man nennt mich Ulfar, und ich verkaufe gute Waffen. Ich komme aus dem Süden hier herauf in den Norden.“ Ilva nannte nun auch ihren Namen, und besah sich den reisenden Mann genau. Da wurden auch die kämpfenden Kriegerinnen neugierig. Sie ließen die Holzwaffen sinken, und traten näher. Dies gefiel der Ilva gar nicht. „Wer hat gesagt, dass ihr aufhören sollt?“, rief sie streng. „Los, übt weiter!“ Dann sah sie wieder in die Karre. „Du bist Schmied?“
Der Mann schüttelte seinen Kopf. „Oh nein, der Schmied ist mein Bruder. Ich bin nur der Mann, der die Ware verkauft.“ Er griff eine der Äxte, und nahm die Kurzstielige aus dem Wagen heraus. Dann sah er sich um, und fand einen geeigneten Baum. Kurz gezielt, warf er die Axt treffsicher in den Stamm. „Es sind hervorragende Waffen“, lobte er seine Ware. „Oh, nicht nur die Ware“, stellte Ilva fest. So griff auch Ilva in die Karre, und packte sich ebenfalls eine kurze Axt. Sie hob den Arm, und die Axt flog durch die Luft. Auch sie traf den Stamm, und die Axt blieb im Holz stecken. Beeindruckt nickte der Händler. Da traten Thordis und Arla aus dem Haus, und wurden auf den fremden Mann aufmerksam. Sofort kamen sie näher.
„Wer ist das?“, rief Thordis unfreundlich. „Sein Name ist Ulfar, und er bietet uns Waffen zum Kauf an“, antwortete Ilva, und hob eines der Schwerter aus dem Karren hoch.
„Waffen könnten wir gut gebrauchen“, sagte Thordis zu der Arla, und diese nickte. So griff auch Thordis nach einem Schwert, während der Händler zu dem Baum ging, um seine beiden Äxte zurückzuholen. Thordis zog das Schwert aus der mit Messingverzierungen beschlagenen Lederscheide.
Sie besah sich die Klinge. Diese schien durchaus stabil und scharf zu sein. Da erblickte sie einen Hauklotz, auf dem sie das Feuerholz kleinmachten. Zu diesem trat sie hin, und ergriff ein dickes Stück von einem Stamm, welches sie auf den Hauklotz legte. Thordis holte mit dem Schwert aus, und schlug zu. Ein breites Stück vom Rand des Stammes flog ab. Thordis besah sich die Klinge erneut und nickte. „Die Klinge ist gut“, stellte sie fest. „Die Äxte sind es auch!“ Ilva hob eine weitere Axt aus dem Karren heraus. Arla nahm die Axt aus ihrer Hand, und warf diese. Die Axt flog nah an dem Kopf des Händlers vorbei, und landete in dem Stamm des Baumes. Erschrocken sah der Mann die Frau an. „Bist du närrisch, Weib?“ Er legte die beiden Äxte zurück in den Karren, und machte sich auf den Weg, auch die dritte Axt zurückzuholen. „Die Waffen sind gut, und sie fehlen uns“, stellte nun auch Arla fest. „Wir können sie brauchen“, schloss sich Ilva der Gefährtin an. „Warten wir den Preis ab.“ Thordis ahnte, dass diese Waffen nicht billig sein würden. „Nun, was kosten die Waffen?“, rief sie ihm entgegen, doch der Händler überhörte die Frage. „Habt ihr schon von der Schlacht auf Ytterøya7 gehört?“, fragte er nun seinerseits. „Die Schiffe des Jarl Stendal von Steinkjer haben die Insel überfallen.“
„Ytterøya gehört doch zu Levanger“, stellte Thordis fest.
„So ist es, Schildmaid vom Drachenhof. Genau so ist es!
Und dieser hat seinerseits seine Schiffe nach Ytterøya geschickt. Es gab wohl einen Kampf, den der Stendal verlor.
Man hat ihn nach Lade zu König Grjotgard geschleppt. Und dieser verurteilte ihn die doppelte Menge des Erbeuteten an Asbjörn von Levanger zurückzuzahlen.“ Da horchte Thordis auf. Schiffe beladen mit der Beute des Jarl Stendal, die aus dem Beitstadfjord in den Ladefjord gebracht würden, waren für die Schildmaid von großem Interesse. „Weißt du, wann diese Schiffe nach Levanger kommen?“, fragte Thordis scheinheilig, doch der Händler grinste nur. „Jedenfalls sind sie noch nicht angekommen“, antwortete er ruhig. „Der Jarl von Steinkjer wird sicher eine Weile brauchen, bis er die vom König befohlene Menge liefern kann. Wenn er das überhaupt kann.“
„Aber was geschieht, wenn er das nicht kann?“, wollte nun Ilva wissen. „Tja, dann werden wohl die Schiffe des Königs nach Steinkjer segeln. Aber nun lasst uns handeln! Wollt ihr meine Waren nun kaufen?“ Thordis und Ilva sahen sich an, und nickten. „Aber wartet, ich muss zuerst mal pissen gehen“, sagte der blauäugige Mann, und sah sich nach einer geeigneten Stelle um. Er zog seine Jacke aus, und legte diese in den Karren. Dann machte er sich auf den Weg zu einem flachen Stallgebäude. Er verschwand hinter dem Stall, und Ilva sah Thordis grinsend an. „Ich werde mal mit dem Kerl verhandeln“, sagte Ilva grinsend, und folgte dem Mann, der ihr sofort gefallen hatte. Erstaunt sah Thordis ihrer Schwägerin hinterher, als diese ebenfalls hinter dem Stall verschwand.
Ulfar verschloss gerade seine Hosen, als er die schöne Frau bemerkte. „Sei doch nicht so voreilig, schöner Kerl“, sagte Ilva, und ließ keine Zweifel daran, was sie wollte. Sofort griff sie an die Hose des Ulfar, und dieser erschrak sogar ein wenig. Doch abgeneigt war er natürlich nicht. Er zog Ilva heran, öffnete ihr Kleid und schob es über ihre Schultern herunter. Dann packte er ihr Unterkleid und raffte es hoch, bis über die Hüften. Plötzlich fiel seine Hose zu Boden. Ulfar drückte die schöne Frau gegen die Wand des Stalles, und drängte sich an sie. Ilva griff zu, und half ihm, in sie einzudringen. Sie jauchzte auf, und gab sich der Lust hin.
Der Mann mit den eisblauen Augen hatte die Kriegerin nicht enttäuscht. Sie lehnte schwer atmend an der Wand, und fühlte sich gut. Als sie dann ihr Kleid wieder richtete, sah sie den Mann an, und fragte grinsend: „Ich hoffe doch, dass dir mein Entgegenkommen gute Preise wert sind, Ulfar?“ Da lachte der Händler laut auf.
*
Zur gleichen Zeit, wie der Wellenbrecher des Jarl8 Einar im Ladefjord9, hatte Jarl Borkas Schnigge den heimatlichen Harefjord im Vänern10 erreicht. Da der Hafen weit von der im Inland liegenden Siedlung entfernt war, konnten die Seefahrer keine große Begrüßung erwarten. Trotzdem waren viele Menschen in dem kleinen Dorf am Hafen unterwegs. Eira stand auf der Reling an dem Vordersteven, an dem sie sich festhielt, als die Schnigge anlegte. Hier im Hafen hatte das Entführungsdrama begonnen, und sie hatte nicht geglaubt, noch einmal hierher nach Borkasvik zurückzukehren. Auf dem Weg zum Marktplatz im Hafen hatte sie der angebliche Bote König Hrotgers entführt, und sie über das Meer nach Westen verschleppt.
Gisli trat heran und legte seinem Weib die Hände um die Hüften. „Du bist wieder zu Hause, meine Schöne. Und deine Entführer haben ihre Strafe erhalten.“ Da sprang die junge Frau von der Reling, und trat zu dem Hauptmann Guntram, der mit ihrem Knecht Wido die Verfolgung des Entführers aufgenommen hatte. „Hauptmann, ich danke dir. Wärest du nicht gewesen, würde ich jetzt mein Leben als Sklavin oder Hure in Hibernia11 verbringen.“
Der Hauptmann nickte bescheiden, und ging schweigend von Bord. Da trat Wido zu seinem Herrn und der Königstochter. „Eira, wir sind endlich wieder daheim! Die Götter waren mit uns!“ Die Angesprochene lächelte. „Oh, Wido, mein treuer Freund. Daran hast du einen großen Anteil, und ich bin dir so dankbar. Ich werde dir die Freiheit geben, denn du sollst nicht länger ein Sklave sein.“
„Aber Eira, ich bin doch längst frei! Ich fühle mich nicht als Gefangener. Niemals würde ich dich und deine Familie verlassen wollen!“
„Dann schwatz hier nicht rum, und hole, was wir brauchen. Vor allem Pferde“, befahl Gisli grinsend, und Wido folgte nickend seinem Befehl. Es dauerte eine ganze Weile, bis der sächsische Sklave mit den Tieren zurückkam. Dann aber begaben sie sich auf den Weg, der das Dorf am Hafen mit der Siedlung Borkasvik verband. Kurz vor der Siedlung teilte sich die Straße, und eine Abzweigung führte weiter nach Osten. Diesem Weg folgten sie nun.
Es dauerte noch den halben Tag, bis sie den Hof erreichten, doch als Eira vom Pferd stieg, atmete sie tief ein, und dankte den Göttern für ihre Heimkehr. Erst am Abend wagte Gisli ihr zu berichten, was alles vorgefallen war.
Von der Weigerung des Jarls Breka, nach seiner Schwägerin zu suchen. Und auch davon, dass König Grjotgard12 sich in Britannien mit seinem Schwiegersohn Gisli versöhnt hatte. Und, dass er dem Gisli anbot, mit der Eira an den Hof von Lade13 zu ziehen. Der König wollte seine Tochter wieder als Teil der Familie wissen, und dem Gisli gefiel natürlich die Vorstellung, ein Teil der königlichen Familie im Trøndelag14 zu sein.
„Wir haben doch einen schönen Hof, warum willst du nach Lade?“, fragte die Eira verärgert, denn sie war über den Vorschlag wenig erfreut. „Da oben im Norden ist es im Winter eisig kalt, mein Gemahl. Kälter als hier am Vänern.“ Dem Gisli lag immer noch die Weigerung seines Bruders Breka, und vor allem der Königin von Ranrike15 schwer im Magen, von der er nach der Rückkehr der Kriegsfahrt nach Britannien erfahren hatte. Er konnte kaum glauben, dass Königin Aslaug die Hilfe verweigert hatte.
Und auch die Entscheidung Brekas, seine Schwägerin ihrem Schicksal zu überlassen, hatte die Meinung über seine Sippe, und auch über den König von Ranrike schlagartig geändert. „Aber so denk doch an deine Familie, meine Geliebte. Du wärst wieder die Prinzessin von Lade, und deine Mutter wäre überglücklich! Und vergiss nicht, es war der Jarl von Tautra, der nicht gezögert hat, zurück zu den Britanniern zu segeln, um nach dir zu suchen.“ Gisli hatte sicherlich sehr gute Argumente, die Eira nicht von der Hand weisen konnte. Außerdem hatte sie tatsächlich Sehnsucht nach ihrer Mutter Andur. Und so begann sie doch darüber nachzudenken, wo sie sich wohlfühlen würde. Und plötzlich flammte in der Eira das Heimweh auf.
Auf dem Hof ging man wieder seinen Pflichten nach, und alles war wie zu der Zeit vor der Entführung der Eira. Wido hatte die geliehenen Pferde zurück an die Küste gebracht, und beschäftigte sich wieder mit seinen Aufgaben auf dem Hof. In Gislis Kopf jedoch, ging immer noch der Gedanke um, wer den Raub der Eira befohlen haben könnte, und warum er dies getan hatte? Schließlich hatte sein Weib Eira niemandem etwas getan, und die Prinzessin von Lade, war sie auch nicht mehr. Sie war lediglich eine Bäuerin in Ranrike.
Am Abend saß Gisli mit dem Knecht Wido im Haus an der Feuerstelle, und trank Bier. Dabei legten beide Männer ihre Vermutungen dar. „Es waren Gauten, also könnte König Hrotger dahinterstecken“, sprach der Sachse zu seinem Herrn. „Ja, das könnte er. Aber warum? Was haben wir mit Hrotger zu schaffen?“ Gisli fand die Möglichkeit sehr unwahrscheinlich. „Es kann aber auch sein, dass jemand die Gauten für diese Tat angeheuert hat“, fügte der junge Herr hinzu. Da nickte Wido!
„Vielleicht sogar, um eine falsche Spur zu legen, und die Schuld auf König Hrotger zu schieben“, mutmaßte der Sklave. Gisli trank einen Schluck aus seinem Becher, und nickte zustimmend. „Von meinem Vater Borka erfuhr ich, dass König Ragnar16 meinen Bruder aus der Götaburg, und aus dem Reich gejagt hat. Das finde ich schon recht seltsam. Breka war ihm immer ein treuer Gefolgsmann. Sogar treuer als zu seiner eigenen Sippe, wie wir erfahren mussten.“ Erstaunt sah Wido den Gisli an. „Breka ist also nicht mehr der Jarl der Götaburg? Dies muss doch einen Grund haben.“
„Ja, das denke ich auch“, antwortete Gisli, während er noch einen Scheit Holz in die Feuerstelle legte. „Warum hat der König von Ranrike meinen Bruder aus der Götaburg und sogar aus dem Land gejagt.“ Nun trank auch Wido, und da trat der andere Sklave an die Feuerstelle. Er hatte wohl das Gespräch mitangehört. „Vielleicht, weil er etwas wusste, dass er besser nicht gewusst hätte.“
Da sahen sich Gisli und Wido an. Darüber hatten sie noch nicht nachgedacht, und der Grund schien ihnen gar nicht so abwegig. „Das würde bedeuten, dass König Ragnar hinter der Entführung steckt. Aber warum sollte er das tun?“ Einen momentlang herrschte Ruhe. Nur das Knistern und Knacken der Holzscheite in den Flammen war zu hören. Da trat die Magd des Hofes heran, und füllte die Becher erneut mit Bier. „Vielleicht will er den König der Gauten und den der Trøndner17 gegeneinander aufhetzen“, mutmaßte der jüngere der beiden Knechte. Nachdenklich nickte Gisli, und Wido stimmte dem anderen Knecht zu. Sie ahnten nicht, wie nahe sie der Wahrheit waren!
Und nun ging der Gedanke, dass ausgerechnet König Ragnar hinter der Entführung von König Grjotgards Tochter stecken könnte, dem Jarlssohn Gisli nicht mehr aus dem Kopf. Und der Wunsch Ranrike zu verlassen, wurde immer größer. An jedem Tag, der verging, kämpfte Gisli mit sich, denn er wollte den König zur Rede stellen. Schließlich war er der Sohn eines Jarls, und Ragnar hatte sie dereinst nach Ranrike geholt. Davon hatte ihm der Knecht Wido aber dringend abgeraten. Und so wuchs der Zorn in Gisli stetig an!
In einer ruhigen Stunde, als der Gisli schwer beschäftigt war, ging Wido zu der Eira, und sprach zu ihr: „Du solltest dich dazu entscheiden, an den Hof deiner Eltern nach Lade zurückzukehren. Du wirst dort sicher sein, und auch Gisli wird dort sicher sein.“ Da sah Eira den Knecht fragend an.
„Warum Gisli? Ist er hier nicht sicher?“ Da schüttelte der sächsische Sklave energisch mit dem Kopf. „Nein, das ist er nicht, wenn er weiterverfolgt, was ich vermute.“
„So, was verfolgt Gisli denn?“ Eira verstand die Bedenken des Wido überhaupt nicht. Doch es sollte ihm gelingen, sie vom Gegenteil zu überzeugen. „Er ist auf Rache aus! Für deine Entführung macht er König Ragnar verantwortlich. Und das ist nicht gut!“
„Du glaubst er wird den König angreifen wollen?“ Eira schwankte zwischen Entsetzen und Belustigung. Sie mochte sich nicht vorstellen, dass sich ihr Gemahl nach Älvsborg aufmachen würde, um den Ragnar zur Rede zu stellen. Die Folgen konnte sie sich jedoch gut vorstellen. Und so kam der Tag, an dem sie erwachte, sich im Bett aufrichtete, und zu Gisli sprach: „Lass uns nach Lade gehen!“ Gisli lag aber noch im Halbschlaf, und brauchte etwas Zeit, bis er die Worte seines Weibes richtig verstanden hatte. Er richtete sich ebenfalls auf. „Was hast du gesagt?“
„Wir gehen zu meinen Eltern ins Trøndelag, Gisli“, sagte sie, und blickte ihren Gemahl an. „Verkaufen wir den Hof, und kaufen wir ein Schiff, dass uns in den Norden bringt.“ Gisli brauchte einen Moment, um zu begreifen, und sagte dann: „Wir werden keines kaufen müssen. Ich finde einen Seefahrer, der uns nach Lade bringt.“ Und so begannen sie in den nächsten Tagen mit den Vorbereitungen für ihre Abreise.
Schon beim nächsten Morgenmahl verkündete Gisli die Entscheidung der Eira, und die beiden Knechte, so wie die Magd, zeigten sich nicht sehr erfreut. Alle Erzählungen über die Heimat der Eira, ließen keinen Zweifel daran, dass dies ein kaltes und unfreundliches Land war. Doch eine Wahl hatten die Sklaven natürlich nicht!
Einen schweren Gang hatte Gisli noch vor sich. So führte er sein Pferd von der Koppel, sattelte es, und ritt die Straße nach Westen, in die Siedlung Borkasvik. Dort angekommen, begab er sich in die Jarlshalle seines Vaters. Borka, und sein Weib Sigve, die einst die Völva18 von Sørhamna war, saßen an einem der Tische, und aßen gemeinsam und in aller Ruhe ihr Mittagsmahl. Freudig wurde der Sohn begrüßt, und eine Sklavin musste ihm einen Teller und einen Becher bringen.
„Komm, Gisli, iss mit uns“, verlangte Sigve. „Ja, Sohn, komm und setz dich“, sprach der alte Jarl. Gisli folgte der Aufforderung, und setzte sich nieder. Sigve füllte ihm einen Becher mit klarem Quellwasser, sowie eine Schüssel mit Grütze, und schnitt ihm auch eine dicke Scheibe von dem kalten Braten ab. Es war ein schmackhaftes Stück Schwein, und Gisli hatte tatsächlich inzwischen Hunger. Also aß er mit großem Appetit. „Nun, Gisli, was führt dich hierher?“, wollte der Jarl von seinem Sohn wissen, denn Gisli kam normalerweise erst abends in die Halle, wenn er mal kam. Da schluckte Gisli die Grütze, die das Stück Fleisch in seinem Mund umschloss, hinunter, und fragte nun seinerseits: „Wo ist eigentlich Breka hin? Ich hörte Gerüchte, er sei fort.“ Borka sah seinen jüngsten Sohn an.
„Warum fragst du mich das? Frage besser den König!“
„Nun, ich würde es gerne wissen. Es gibt viele Fragen, die du mir sicher beantworten kannst!“
Borka zuckte mit den Achseln. „Wir haben Breka schon lange nicht mehr gesehen“, antwortete Sigve, deren rotes, lockiges Haar sich nun auch an manchen Stellen in weißes zu färben begann. „Von Breka haben wir lange nichts gehört. Seit er der Jarl auf der Götaburg ist, sieht man ihn nicht mehr in Borkasvik.“ Der jüngere Bruder schüttelte den Kopf. Und dann wagte Gisli sein wahres Anliegen zu vorzubringen. „Nun Vater, auch ich werde den Harefjord verlassen.“ Der Vater blickte von seinem Teller auf. Sprach aber nicht, sondern sah nur sein Weib Sigve an.
„Ich weiß nicht, ob Eira hier noch sicher ist“, erklärte Gisli ruhig. „Solange ich nicht weiß, wer hinter der Entführung steckt, muss ich mein Weib an einen Ort bringen, wo sie geschützt wird. Und das ist nur am Hof von Lade möglich.“ Da nickte Sigve, und sie schien dem Gisli beizustimmen.
„Der König von Lade hat viele Krieger, und sein Hof ist gut bewacht. Das stimmt wohl, doch ist Eira in Lade auch willkommen?“ Borka sah seinen Sohn misstrauisch an.
„In Britannien hat Jarl Einar mich dem Grjotgard vorgestellt, und für mich gesprochen. Und der König des Trøndelag nahm mich in sein Heer auf, und bezeichnete mich sogar als seinen Schwiegersohn.“ Da staunte Sigve, doch Borka schien nicht zu gefallen, was er hörte. „Jaja, der Einar. Er ist Segen und Fluch zugleich“, brummelte er, und schien plötzlich abwesend zu sein. Nachdem er den älteren Sohn bei König Ragnar angeschwärzt hatte, und dieser den Vater nun mied, wollte nun auch sein jüngerer Sohn den Harefjord verlassen. „Du solltest einmal hier der Jarl werden, Gisli“, sagte er, und konnte die Enttäuschung über seinen jüngeren Sohn kaum verbergen.
„Ich soll ein Jarl des Ragnar Sigurdsson werden?“, empörte sich Gisli Borkasson. „Oh, nein, das werde ich niemals. Denn er könnte hinter all dem Unglück stecken!“ Da lachte Borka auf. „Was soll diese Narretei, Junge? König Ragnar war doch mit dem Heer in Britannien. Nein, niemals! Warum auch?“
„Vater, er will Grjotgard und König Hrotger in einen Krieg drängen. Darum ließ er einen Gauten, die Eira entführen!“
Gisli erhob seine Stimme, und musste sich einen Tadel von Sigve gefallen lassen. „Entschuldige!“ Er sah seinen Vater an, und dieser nickte. Nachdenklich sah der Jarl den Sohn an. Plötzlich schien die Geschichte für den Borka durchaus möglich zu sein. Das sich die Könige des Nordens nicht grün waren, war ihm bekannt. Und dass, jeder von ihnen die Krone über alle Länder des Nordens anstrebte, war auch kein Geheimnis. Doch eigentlich war es der Däne Horik, der dabei die Krone für sich beanspruchte. So viel wusste Jarl Borka. „Du weißt aber, dass König Hrotger ein Vasall des Dänenkönigs ist“, gab der Vater zu bedenken, und Gisli nickte, ohne überhaupt richtig zugehört zu haben.
„Du bist sicher, dass du deinen Hof verkaufen willst?“, fragte der Jarl nach einem Moment des Schweigens mit beleidigtem Blick, und nannte auch sofort eine Summe, die er bereit war, seinem Sohn auszuzahlen. So würde der Hof in seinen Besitz übergehen, und er könnte ihn später teuer weiterverkaufen oder ihn zur Pacht geben. Besonders großzügig war die Summe nicht, doch Gisli hielt sie für angemessen. Also willigte er sofort ein!
„Ich suche einen Seefahrer, der ein Knarr19 sein Eigen nennt. Kennst du jemanden, dem ich vertrauen kann?“ Der Jarl rief nach einem Knecht, der sofort herangeeilt kam.
„Hole mir den Bjarne aus dem Hafen herauf“, befahl er.
„Du weißt schon, den Schiffsführer mit dem großen Knarr“, erklärte der ergraute Gautenjarl Borka dem Knecht.
„Bjarne mit dem einen Ohr?“, fragte der Knecht seinen Herrn, und dieser nickte. Da lief der junge Mann aus der Halle.
*
Acht Tage waren vergangen, seit Raban in einer ruhigen Nacht, mit seiner Heilkunst Jarl Einar davor bewahrt hatte nach Walhalla20 zu gehen. Und bis jetzt hatte er seinen Herrn und Freund in Midgard21 halten können. So wie es schien, hatte Odin22 das Opfer für Einars Leben angenommen, denn noch in derselben Nacht hatte Polk, der obodritische23 Sklave und Knecht des Jarls, jenes alte Kräuterweib, welches seine Hilfe verweigert hatte, als Opfer zu den Göttern geschickt. Er hatte sie abgestochen, und dann zum Götterbaum geschleppt, der Esche, die die beiden Zimmermänner der Siedlung mit den Gesichtern Odins, seines Weibes Frigga, jenes Thors, Tyrs, der schönen Freya, jenes des schönen Baldrs, und noch anderer Bewohner der Götterwelt beschnitzt hatten. Und er hatte sich geärgert, dass er so übereilt gehandelt hatte. Hätte er das Weib doch dorthin laufen lassen. So musste er sie tragen! Polk hatte sich das Weib über die Schulter gelegt, und war zur Westküste von Tautra gelaufen, wo nicht weit des Strandes, der Götterbaum stand. Hier hatte er das Weib mit Reisig und Holz bedeckt, angezündet und zu den Göttern geschickt. Beobachtet hatte ihn dabei niemand.
Erst zwei Tage nach dem Angriff hatte der Oheim des Jarls von dem Attentat erfahren. Winfried von Burke und sein Weib Gudrun waren daraufhin sofort zur Jarlshalle geeilt. Doch das Paar aus dem Saxland konnte auch nichts für seinen Neffen tun. Zwar war die Gudrun ebenfalls in einige Geheimnisse der Heilkunst eingeweiht worden, und bot Raban ihre Hilfe an. Doch auch sie kannte kein Mittel, um den Jarl aufzuwecken.
Und nun war es die keltische Kriegerin Carragh, welche dem Jarl von Tautra24 freiwillig in seine Heimat gefolgt war, und die jetzt an seinem Schlaflager saß, um ihn zu pflegen. So schien es, als hätte Hel25 bereits ihre Finger nach Einar Thordsson ausgestreckt, um ihn in ihr Reich zu holen. Denn er weigerte sich zu erwachen. Und auch Odin und Freya26 ließen den Jarl nicht gehen, denn beide beanspruchten sie den Krieger für sich. Und so wurde zwischen den Göttern ein Kampf um den Jarl von Tautra ausgetragen, den jedoch der Sachse Raban mit seiner Heilkunst zu gewinnen schien. Er konnte verhindern, dass sein Freund in die eine oder andere Welt gezogen wurde. Carragh beugte sich zu Einar hinab, öffnete mit der einen Hand seinen Mund, und träufelte mit der anderen Hand kaltes Wasser hinein. In ihrer Hand hielt sie ein sauberes Tuch, welches sie in einen Krug tauchte, und dann über seinem Mund ausquetschte. So nahm Einar das lebenswichtige Wasser auf.
„Nun, geht es?“, fragte Raban, der in den Raum hinter der Schildhalle getreten war. Carragh nickte. „Ja, so ich bekomme Wasser in Mund.“ Sie lernte fleißig die nordische Sprache zu sprechen, und dabei machte sie hörbare Fortschritte. Außerdem wich sie Einar nicht von der Seite, und half Raban tatkräftig, ihren geliebten Einar in Midgard zu halten. Der kahlköpfige Sachse trat heran, und öffnete den Verband. „Es ist an der Zeit, die Wunde zu reinigen. Hole neues Moos, Weib“, sprach er, und Carragh legte das Tuch in den Krug, stand auf und ging.
„Sorge dich nicht, Jarl“, sprach er zu dem bewusstlosen Mann. „Ich lasse dich nicht gehen, mein Freund! Deine Gefolgschaft braucht dich. Odin hat genügend gute Männer, er kann noch auf dich verzichten. Wir aber nicht! Er muss sich mit dem Opfer zufriedengeben.“ Er hatte den Verband unter dem Jarl herausgezogen. Das Moos unter dem Verband war braun geworden, und vom Blut verkrustet. Er hob es von der Wunde, und besah sich sein Werk. Dann nahm er den Krug, und zog das Tuch heraus. Damit begann er die Wunde vorsichtig zu reinigen. Seine Naht schien zu halten, und die schwarzbraune Verkrustung des Blutes ließ ihn erkennen, dass die Wunde heilte. Er hatte es geschafft einen Wundbrand zu vermeiden, und atmete auf. Wichtige Organe gab es an der Einstichstelle nicht, dies wusste der Sachse, und so war er mit seiner Arbeit recht zufrieden. Raban griff in seine lederne Tasche, und zog ein hölzernes Töpfchen heraus. In diesem befand sich noch die stinkende Paste, die er in der Nacht des Attentats gemischt hatte.
Diese Paste schmierte er erneut auf die Wunde, und wartete nun auf Carragh mit dem Moos. Doch es war Olaf der eintrat, denn draußen in der Schildhalle hatten sich einige Männer und Frauen gesammelt. Sie trafen sich hier, um die Zeit nach ihrem Tagwerk totzuschlagen, und sich in der Halle zu amüsieren. Jetzt aber kamen die meisten, um zu erfahren, wie es dem Jarl ging.
Einige saßen an den Tischen und spielten ein Brettspiel.
Andere ließen aus einem Lederbecher die Würfel aus Walrossknochen auf die Tischplatte rollen. Sie tranken, und ließen sich Geschichten erzählen. All dies gefiel dem Raban nicht, denn er wollte Ruhe für den Jarl. Doch die große Halle konnte er nicht räumen lassen, schließlich trafen sich hier die Menschen der Siedlung, um ihrem Jarl nahe zu sein.
„Raban, wie geht es ihm?“, fragte der Stevenhauptmann des Wellenwolfes, der Schnigge des Jarls. Der Sachse sah den großen blonden Krieger an. „Er wird wohl leben! Aber ich verstehe nicht, warum er nicht erwacht. Acht Tage warte ich jetzt darauf, dass er die Augen öffnet.“ Olaf trat an das große Bett heran, und blickte auf die, mit grauer Paste verschmierte Wunde. „Ich konnte nicht glauben, dass es hilft, doch du hast mir das Gegenteil bewiesen. Du bist ein guter Heiler, Raban.“ Der Sachse nickte. „Die gute Heilerin war meine Mutter.“ Da kam endlich Carragh in den Raum, und reichte dem Raban das Moos. „Musste lange suchen, kein sauberes Moos in der Nähe.“ Der Kahlkopf nickte. Er legte das grüne Moos auf die Wunde, und nahm einen weißen Leinenverband aus seiner Tasche. „Komm, Olaf, hilf mir ihn zu verbinden. Hebe seinen Oberkörper an.“ Der Stevenhauptmann nickte, packte den Jarl, und zog ihn vorsichtig zu sich hoch. Raban begann das Leinen um den Oberkörper zu wickeln, und Olaf legte den Jarl wieder ab. Der Sachse verschloss den Verband, so dass das Moos nicht mehr verrutschen konnte. „Wäre es nicht besser, wir brächten ihn in das Jarlshaus hinüber?“, fragte Raban. „Dort ist es doch viel ruhiger.“ Da schüttelte Olaf den Kopf.
„Nein, er soll die Stimmen hören. Er muss wissen, dass man hier auf ihn wartet!“ Dies verstand der Heiler, und stimmte zu. „Ja, er muss uns hören! Sonst sind die Rufe der gefallenen Krieger lauter als unsere.“ Carragh beugte sich über Einar und küsste ihn.
„Mein Liebster, du müssen erwachen. Kommen zu mir, ich brauchen dich. Mein Leib giert nach dir!“ Sie nahm seine Hand, und legte diese auf ihre Brust. Die beiden Männer sahen sich an, doch diesmal grinsten sie nicht. Und dann kam Sif mit den Kindern in den Raum. „Die Kinder wollen zu ihrem Vater“, sagte die Obodritin, und kam näher. Thorvi stürzte weinend zu dem Jarl, und umarmte ihren Vater.
„Thorvi, du musst nicht weinen“, sagte Raban, und strich dem Kind über sein blondes Haar.
„Aber warum erwacht er nicht?“, fragte sie den Sachsen.
„Weil ihn Odin noch nicht gehen lässt. Es wird so sein, dass der Göttervater mit Einar noch etwas sprechen will.“ Sie sah den Kahlkopf an. „Ist das wahr, Raban?“ Der Sachse nickte. „Du musst ihm sagen, dass er zurückkommen soll, mein Kind.“ Da wandte sie sich wieder ihrem Vater zu, und ihr Bruder Ulf, der aufmerksam zugehört hatte, kletterte auf das Bett neben den Jarl. „Vater, du hast mir ein Schwert versprochen. Wann bekomme ich mein Schwert?“
„Einar, wir brauchen dich“, sagte Thorvi weinend. „Die Ilva ist fort, und nun verlässt auch du uns. Was soll aus uns werden, Vater?“ Die Worte des Kindes, berührten den Olaf sehr, und er wandte sich ab, um den Raum zu verlassen. Da war es die Carragh, die sich zu den Kindern auf das Bett setzte. „Thorvi, du haben doch die Sif und ich auch noch da. Ich nicht deine Mutter, aber vielleicht sein deine Freundin.“ Da blickte Thorvi die Frau mit den rotbraunen Haaren an, sagte aber nichts. „Sag, Raban, hast du nicht einen Trank der Einar aufweckt?“ Sie sah den Sachsen bittend an.
„Mein Kind, es tut mir leid, aber so einen Trank habe ich nicht. Wir müssen warten, bis Odin deinen Vater wieder freigibt.“ Diese Antwort war für die Kinder schwer zu verstehen, doch ihnen blieb nur übrig, diese zu akzeptieren.
Die Tage vergingen, und Einar lag ohne Bewusstsein auf seinem großen Bett. Weder der Krach aus der Schildhalle noch die Stimmen derer, die sich um ihn kümmerten, vermochten den Jarl aus seinem tiefen Schlaf zu erwecken. Die Carragh wich ihm nicht von der Seite. Und auch wenn sich Einar nicht bewegte, verbrachte die junge Keltin jede Nacht neben ihm, in der Hoffnung das Einar erwachen würde. Ihre Nähe, ihre Küsse und ihr warmer, nackter Körper sollten ihn erwachen lassen. Doch der Einäugige ließ Einar noch nicht los.
Olaf saß in der Halle auf der Treppe des Podestes. In seinen Händen befand sich ein Messer, mit dem er herumspielte. Immer wieder sah er den Griff und auch die Klinge an.
„Wem gehörst du?“, murmelte er leise vor sich hin.
„Was hast du denn da für ein hässliches Messer, Olaf?“, fragte Ubbe, und zeigte auf die Waffe in der Hand des Blonden. „Dieses Messer steckte in Einars Körper. Und ich möchte wissen, wem es gehört.“ Ubbe nickte dem Olaf zu, denn auch er hätte den Kerl gerne in die Finger bekommen, der dem Jarl dies antat. „Es wird Zeit, dass wir nach dem Täter suchen. Du hast vollkommen recht, Olaf. Aber wie wollen wir den Kerl finden?“ Olaf zog seine Schultern hoch. Er hob den Arm, und warf das Messer in einen der dicken Stützbalken des großen Hauses. Federnd blieb die Klinge mit ihrer Spitze in dem Holz stecken. „Dort soll es stecken bleiben, so dass jeder es sehen kann. Vielleicht erkennt es ja jemand. Wir werden ihn finden, das schwöre ich!“
Und dann kam Thorberg, der Schwager des Jarls aus Nordbuktavik, dem Dorf auf der Nordinsel, in die Halle des Jarls. Als er erfuhr, was geschehen war, wurde er laut. „Das ist doch nicht wahr! Niemand kam auf die Idee uns darüber in Kenntnis zu setzen?“ Olaf sah Thorberg beschämt an, und ihm wurde klar, dass wirklich niemand daran gedacht hatte, die Sippe des Jarls auf der Nordinsel über Einars Zustand zu benachrichtigen. Thorberg eilte in den Raum hinter der Schildhalle des Jarls, und sah seinen Schwager auf dem schönen, großen Bett liegen. Er war sauber, sogar sein Haar war gewaschen. Sein Bart und das Haar waren gekämmt, was man der Carragh zu verdanken hatte. Einar trug ein weißes Leinenhemd, und glich einem Aufgebahrten. So wie es die Christen taten. Thorberg erschrak. „Ist er…?“
„Nein“, antwortete Carragh sofort. „Einar nicht tot! Er schlaft nur.“ Thorberg sah die Keltin mit den langen, rotbraunen Haaren an. „Er schläft“, verbesserte er sie. „Was ist geschehen?“
„Jemand hat mit Messer auf ihn eingestochen, als er geschlafen“, erklärte die Keltin dem Thorberg. Da wandte er sich ab, und lief in die Halle. „Wer, bei Fenrirs haarigem Arsch, war das?“, brüllte Thorberg verärgert. „Das wissen wir noch nicht. Und jetzt beruhige dich, Mann!“ Olaf sah den Schwager des Jarls streng an. „Setz dich nieder. Reden wir!“ Thorberg setzte sich neben den Olaf auf die Bank.
„Ich will den Kerl erwischen, der das getan hat. Ich will ihm persönlich den Kopf vom Hals reißen.“ Da nickte Thorberg, denn er wollte nicht weniger als das. „Gut, finden wir den Mistkerl“, stimmte er zu.
Noch am selben Tag zog Thorberg in das Jarlshaus zu den Kindern seines Schwagers. Er schickte den Polk nach Nordbuktavik, um der Ferun zu berichten, was geschehen war.
Der Heiler Raban zeigte sich inzwischen ratlos. Die Wunde des Jarls hatte sich nicht entzündet, und heilte gut. Und doch erwachte Einar nicht. Nichts holte den Jarl in sein Leben zurück. Nicht der Krach aus der Halle, nicht seine Kinder, nicht die Anwesenheit der schönen Carragh, und auch nicht die Opfer, die man den Göttern darbrachte, damit sie den Jarl zurückgaben. Denn viele Bewohner der Insel gingen in diesen Tagen zu dem beschnitzten Baum, um die Götter zu bitten, den Jarl freizugeben.
Und dann kam ein trüber Tag am Ende des achten Mondes im Jahr 837 nach der Geburt des Christengottes. Zwar war es ungewöhnlich warm, auch für die Sommerzeit, aber es lag Regen in der schwülen Luft. Doch zur Mittagszeit, riss plötzlich die Wolkendecke an einer Stelle auf, und die Sonnenstrahlen drangen hindurch. Sie schienen direkt auf den Giebel der großen Jarlshalle von Sørhamna. Es war die kleine Thorvi, die auf den Stufen des Jarlshauses stand, und hinauf zu dem Drachenkopf des Giebels zeigte. „Sieh doch, Sif! Sieh, dort sind Hugin und Munin27!”
Auf dem Giebel saßen, mitten im Licht der Sonnenstrahlen, zwei pechschwarze Raben. „Kind, du hast recht! Das ist ein Zeichen von Odin. Komm, Thorvi“, sagte die Obodritin, nahm das Kind an der Hand, und lief mit ihr hinüber in das große Gebäude, und weiter in den Raum hinter der Halle. Als sie die Tür aufstießen, sahen sie die weinende Carragh neben Jarl Einar, der mit geöffneten Augen auf dem Bett saß.
*
An einem Tag, der Erntemonat28 ging zu Ende, und zeigte sich besonders heiß, entschloss sich der jüngste Sohn des toten Bauern Röde endlich tätig zu werden. Doch es kam anders, denn Gorm und er konnten ihre Pläne nicht in die Tat umsetzen. Es gab genug Arbeit auf dem Hof, und diesmal ließ ihn Hrani nicht davonkommen mit seiner Faulheit. „Du wirst bei der Ernte helfen, Bruder, oder ich jage dich endgültig vom Hof“, drohte der Ältere. „Kein einziges Korn wirst du essen, wenn der Winter kommt, das verspreche ich dir, kleiner Bruder!“ Zwar rügte ihn die Mutter, doch Hrani war wütend, und ließ sich nicht zügeln. Und so war Gorm gezwungen, sich an den Arbeiten auf dem Hof zu beteiligen, wollte er im Winter nicht verhungern. Für einige Tage war der junge Kerl beschäftigt, und konnte den Hof nicht verlassen.
Und dies fiel auch in Sørhamna auf, denn plötzlich ließen die Brände von Ställen und Vorratshäusern, sowie die vielen Diebstähle von allerlei Gebrauchsgegenständen, von eingelagerter Nahrung und sogar von Federvieh nach. Der oder die Störenfriede waren scheinbar fort, und man zeigte sich in der Siedlung erleichtert.
Gorm konnte es aber nicht lassen, denn während der Arbeit auf dem Feld, fluchte und schimpfte er lauthals über den Jarl. Solange bis ihn Hrani zur Ordnung rief. „Halt endlich mal dein Maul, Mann. Wegen dir verlieren wir noch den Hof oder mehr!“ Da warf Gorm beleidigt seine Sense von sich, beschimpfte den Hrani, und lief fort. Er machte sich direkt auf den Weg zurück zum Hof, und dort erwartete ihn eine Überraschung. Verärgert trat er in das Haus ein, und erstarrte. Da saß ein Mann an der Feuerstelle. „He, was willst du hier?“, maulte Gorm laut, da wandte sich der Fremde um. „Varn? Varn Eisisson“, rief er erstaunt, als er den jungen, bärtigen Mann erkannte. „Was tust du denn hier?“
Der Varn grinste. „Ach, ich hatte großes Heimweh“, antwortete er grinsend. Da setze sich Gorm zu dem Varn an die Feuerstelle. „Sag mal, gibt es hier etwas zu essen?“, fragte er, und Gorm nickte. Er erhob sich wieder, und trat zu einer der hölzernen Kisten. Gorm öffnete den Deckel, und nahm einen Laib Brot, und ein großes Stück Speck heraus. Von beidem schnitt er eine Scheibe ab, und reichte sie dem hungrigen Varn. Dieser biss herzhaft in den Speck, und sprach mit vollem Mund.
„Vielleicht könnt ihr mich ja als Knecht auf dem Hof gebrauchen. Ist ja Erntezeit!“ Gorm hatte das Brot und den Speck in die Leinenbeutel gesteckt, und zurückgelegt. Dann klappte er den Deckel herunter, und verschloss die Kiste wieder. Varn sah den Gorm neugierig an. „Was machst du eigentlich hier? Musst du nicht auf dem Feld helfen?“
„Streit mit Hrani“, sagte Gorm böse. „Der Kerl spielt sich als Bauer auf!“ Da zog Varn die Schultern hoch. „Er ist der Ältere, da ist das wohl so! Er ist der Bauer!“
„Ach was, das kann sich schnell ändern!“ Gorm zog den Zeigefinger seiner rechten Hand über die Kehle. Da sah Varn ihn streng an. „Fordere nicht den Zorn der Götter heraus, Gorm. Das würdest du bereuen!“
„Was ist denn aus deiner Sippe geworden?“, fragte nun Gorm neugierig nach Varns Vater Eisi. Dieser hatte dem Röde bei seinem Aufstand geholfen. Doch während der Bauer Röde seine Strafe erhielt, war Eisi mit seiner Familie die Flucht gelungen, bevor der Thorberg und die Krieger alle Aufständischen einfangen konnten. „Ach, der Vater hat uns nach Stiklestad gebracht. Dort hat sein Bruder einen großen Hof mit acht Feldern. Wir mussten für diesen Dreckskerl schuften, damit er uns Unterschlupf gewährte. Und Eisi hat sein Maul gehalten. Selbst als der Scheißkerl meine Schwester ficken wollte. Da habe ich ihm mit der Forke eins drübergezogen!“ Nun staunte Gorm nicht schlecht. „Und dann bist du verschwunden?“ Varn nickte.
„Der Scheißkerl wollte mein Leben, und hat mir seine Knechte auf den Hals gehetzt. Aber die waren zu blöde, und ich habe sie ausgetrickst. Im Hafen habe ich dann ein Schiff gefunden. So kam ich hierher!“
„Und was ist mit deiner Familie?“, wollte Gorm wissen, und Varn zuckte mit den Schultern. „Dein Onkel ist doch sicher nicht gut auf sie zu sprechen.“
„Ist mir gleich! Also, kann ich bleiben? Du wirst es nicht bereuen, Gorm!“
„Ich hoffe für dich, dass du es nicht bereuen wirst, Varn!“ Und so setzte sich Gorm dafür ein, dass Hrani dem Varn auf dem Hof eine Arbeit als Knecht anbot.
Anfangs zeigte der Jungbauer Hrani sich zwar verärgert darüber so überrumpelt worden zu sein. Doch Varn war ein fleißiger Arbeiter, und zeigte sich gehorsam dem Bauern gegenüber. Da war der Bauer Hrani zufrieden, und Varn erhielt sogar einen Schlafplatz im Haus.
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1 Skuder/Skuta – Leichte Segler mit 4-8 Riemen, wurden zum Fischen und befahren der Fjorde, sowie entlang der Küste
2 Schnigge – schnelle, schlanke Kriegsschiffe mit bis zu 40 Riemen
3 Obodriten - elbslawischer Stammesverband, der vom 8. bis zum 12. Jahrhundert auf dem Gebiet des heutigen Mecklenburg und des östlichen Holstein siedelte.
4 Fylke – Provinz, Verwaltungsbereich
5 Seekiste – diente zum Verstauen der Habseligkeiten, die ein Seefahrer Mit sich an Bord nahm. Wurde auch als Ruderbank genutzt
6 Thing – Ratsversammlung der Nordleute
7 Ytterøya – die größte Insel im Ladefjord
8 Jarl – Graf /Earl
9 Ladefjord – heute Trondheimfjord
10 Vänern - Vänern ist ein See im Südwesten des heutigen Schweden, gelegen zwischen den historischen Provinzen Dalsland, Vermland und Västergötland
11 Hibernia, Insel der Vestmannen – Irland
12 Grjotgard Herlaugsson – von 790 – 867 König des Trøndelag
13 Lade –Königsstadt im Trøndelag, später von König Olaf Tryggvasson in Nidaros umbenannt und erweitert, heute ein Stadtteil von Trondheim
14 Trøndelag – Gau in Nordwestnorwegen, die Bewohner nennen sich Trøndner
15 Ranrike – Gau in Südnorwegen (heute Schweden) Grenzland zum Götaland
16 Ragnar Sigurdsson – gelebt in der 1. Hälfte des 9. Jahrhunderts, wahrscheinlich Sohn des dänischen Kleinkönigs Sigurd Hring
17 Trøndner – Bewohner eines Gaus im Norden Norwegens
18 Völva – Seherin, Kräuterkundige Heilerin
19 Knarr, Knorr - dickbauchiges Handelsschiff der Nordleute
20 Walhalla – die große Halle Odins, in der die gefallenen Krieger an die Tafel des Göttervaters geladen werden
21 Midgard – die Welt der Menschen, eine der neun Welten
22 Odin, Wodan – Oberste Gottheit der germanischen Völker. Er erhält die eine Hälfte der toten Krieger für die Walhalla, Herr über die Götterwelt Asgard
23 Obodriten - elbslawischer Stammesverband, der vom 8. bis zum 12. Jahrhundert auf dem Gebiet des heutigen Mecklenburg und des östlichen Holstein siedelte.
24 Tautra – kleine Insel im Trondheimfjord
25 Hel - Tochter Lokis und der Riesin Angrboda, Herrin über die Totenwelt Helheim, für all jene die nicht als Krieger sterben
26 Freya – erhält die andere Hälfte der toten Krieger für ihre Halle Folkwang. Göttin aus dem Geschlecht der Vanen, Göttin der Liebe und Fruchtbarkeit junger Leute, Schwester des Frey
27 Hugin und Munin – Odins Raben, sie berichten dem Göttervater
28 Erntemonat - August
Der Jarl lag noch immer auf dem Schlaflager, doch seit Odin ihn zurück nach Midgard entlassen hatte, machte seine Genesung gute Fortschritte. Einar aß mit großem Appetit, und er trank, auf Anweisung des Raban, sehr viel Wasser aus der Quelle. Die ersten die ihn bestürmten, waren die Kinder, die mit dem Vater vor Freude weinten, und die nun täglich kamen, um ihm zu erzählen, was sie den ganzen Tag taten. Und auch alle anderen ließen es sich nicht nehmen, dem Jarl ihre Freude über seine Wiederkehr mitzuteilen.
Raban zwang ihn noch mehrere Tage auf dem Schlaflager zu bleiben. Und dann kam der Sachse eines morgens in den Raum, trat an den Tisch, an dem Carragh saß, legte einen dicken, länglichen Stein auf den Tisch, und sah die Frau fragend an: „Hast du ihn schon überreden können?“ Die Keltin verstand, worauf der Sachse hinauswollte. „Er jammert ein wenig dabei, doch Einar stehen schon wieder seinen Mann“, antwortete sie lachend. Da nickte Raban zufrieden. Er nahm den Stein, und trat an das Bett. Grinsend sah er den Jarl an. „Wenn du ficken kannst, kannst du auch aufstehen! Also, siehst du diesen Stein? Nimm ihn in die Hand und hebe ihn, zwanzigmal.“ Da lachte Einar auf. „Was soll denn diese Narretei, Raban?“
„Narretei? Das ist keine Narretei! Nimm dein Schwert Blutauge in die Hand“, forderte Raban den Jarl auf, sein Schwert zu ergreifen. Einar erhob sich, trat wackelig zu der großen Truhe, auf der sein Frankenschwert mit dem roten Stein im Parier lag. Er griff danach, um es zu heben, und jaulte vor Schmerz auf. Nochmal versuchte er das Schwert hochzuheben, diesmal aber langsam. Sein verzerrtes Gesicht zeugte von den Schmerzen, die durch seine Brust und Schulter zogen. „Es geht nicht!“ Da nickte der Raban wissend. „Nein, es geht nicht! Darum habe ich dir den Stein gebracht. Damit wirst du deine Muskeln ertüchtigen, so dass der Arm wieder zu Kräften kommt. Er soll wieder so stark werden, wie dein Schwanz!“ Lachend zog sich Raban zurück. Der sächsische Heilkundige war zufrieden mit der Wunde, und mit seinem Pflegling.
Zum Mittagsmahl begab sich Einar mit der Carragh in das Jarlshaus hinüber, um dort mit seinen Kindern und den beiden Obodriten zu essen. Da klopfte es an der Tür, und Polk erhob sich, um diese zu öffnen. Vor der Tür standen Olaf, Ubbe und Raban, welche der Polk sofort hereinbat.
„Kommt setzt euch“, rief Einar erfreut. „Sif, hol noch Schüsseln und Löffel!“ Die Magd nickte, und tat, was der Jarl wollte. So durften die drei Männer an dem Mahl teilhaben. Sif hatte sich vorgenommen nur gute Sachen auf den Tisch zu bringen, damit Einar schnell wieder zu Kräften kam. Und so verbreitete sich der Duft eines Ziegeneintopfs, der mit Sahne zubereitet war, durch das Haus. Ubbe ließ sich nicht zweimal bitten, und löffelte bereits, als sich Olaf und Raban setzten. Ihnen tat Sif das Essen auf. Da zog Olaf ein Messer heraus, und legte es auf den Tisch. Es war ein Messer von recht guter Machart. Einar sah sich die Klinge an. Olaf erriet seine Gedanken, und nickte.
„Du hattest Glück, mein Freund! Odin schenkte dir wieder einmal sein Heil!“ Der Jarl griff nach dem Messer, und besah es sich genauer. „Es könnte jedem gehören“, stellte er fest, und zuckte mit den Schultern. „Da ist nichts, was auf seinen Besitzer hindeutet.“
„Vielleicht ist der Täter längst von Tautra verschwunden“, mutmaßte Polk, und zog seine Schultern hoch. „Oder er lebt direkt unter uns“, zweifelte Olaf die Worte an.
„Dann kann es nur einer der Rödesöhne sein“, sagte Polk mit fester Stimme, und von seinen Worten überzeugt. „Wie kommst du denn darauf?“, fragte nun Einar, denn die Vorfälle während seiner Abwesenheit, waren ihm nicht mehr gegenwärtig. „Du kannst dich nicht entsinnen, Jarl? Hat man dir nicht von dem Aufstand erzählt? Dann frage doch den Thorberg oder den Thure.“ Der Gemahl der Ferun, die ja Einars Schwester war, hatte, während der Jarl in Britannien weilte, die Befehlsgewalt über die Insel erhalten. Und natürlich hatte Thorberg seinem Schwager erzählt, was während seiner Abwesenheit vorgefallen war. Doch Einar hatte es schlicht nach dem Überfall auf sich vergessen. Vielleicht hatte er auch schon bei Thorbergs Bericht nicht richtig zugehört, wegen der Freude wieder daheim zu sein.
„Dann erzähle du es mir“, forderte Einar von seinem Knecht. Da meldete sich Olaf zu Wort. „Ein paar Narren wollten einen Aufstand anzetteln. Ich erinnere mich an Thorbergs Worte.“
„Ja richtig, aber Thure und Thorberg haben sie besiegt, gefangengenommen und verurteilt“, fügte nun Ubbe hinzu. Beide sahen den Jarl an, und erwarteten nun, dass er sich erinnern würde. Doch Einar wusste von nichts!
„Und wie ging es weiter?“, fragte er, als höre er die Geschichte zum ersten Mal. Da meldete sich Polk wieder zu Wort. „Die meisten Verschwörer wurden hingerichtet“, sagte er. „Bogi Dünnhaar und der Kerl, den sie Schnitzer nannten, und auch Zweifinger Olaf. Der Fischer Eisi Varnasson ist mit seiner ganzen Familie von der Insel geflohen. Doch der Anführer der Verschwörer hat seine Strafe bekommen. Röde Brokisson starb am Schandpfahl, und sein ältester Sohn Broki verlor seinen Kopf. Doch Thorberg begnadigte seine anderen beiden Söhne, Hrani und Varn. Damit das Weib des Röde nicht ihre gesamte Familie verlor.“
„Und du glaubst, dass die beiden jetzt auf Rache aus sind?“ Ubbe sah den Polk fragend an, und dieser zuckte mit den Schultern. Da ergriff Olaf das Wort, der mit dem Messer herumspielte. „Ach was! Einar war doch gar nicht hier, als das geschah. Warum sollten sie an ihm Rache nehmen?“
„Aber er ist der Jarl, und alles, was geschieht, geschieht in seinem Namen“, wandte Raban ein. „Vielleicht machen sie ihn auch für den Tod des Vaters und des Bruders nach der Verschwörung verantwortlich.“ Jarl Einar überlegte, und sah die anderen eindringlich an. „Vater und Bruder sagt ihr?“ Olaf und Polk nickten zustimmend. „Ich will, dass sofort einige Krieger meine Kinder bewachen! Wer sich ohne meine Erlaubnis den Kindern nähert, wird sofort getötet!“ Einar erhob sich, und stemmte sich mit den Fäusten auf den Tisch.
„Und du wirst das Messer nehmen, Olaf, und jemanden finden, der es kennt.“ Der große Blonde nickte, und erhob sich. Er stopfte sich noch einen Löffel von dem Mahl in den Mund, und verließ das Haus. „Du glaubst der Attentäter wird es erneut versuchen?“ Raban sah den Jarl an. „Ich lebe noch, also sind seine Rachegelüste nicht gestillt.“
„Wenn es einer der Söhne des Röde war“, gab Raban zu bedenken. „Wer sollte es denn sonst sein? Sie haben einen Grund!“ Einar schien sich nun sicher zu sein. „Polk, hole mir den Thoke her, er ist schließlich der Hauptmann der Wache.“ Der Knecht nickte, erhob sich und ging ebenfalls. Ubbe strich dem kleinen Ulf über den Kopf. „Was sollen wir tun, Ulf?“, fragte er das Kind, und dieser zuckte mit den Schultern. „Das weiß ich nicht, Ubbe. Ich bin doch noch ein Kind.“ Die Antwort des Knaben ließ den stämmigen Krieger lachen. „Ja, du hast recht, Ulf! Doch irgendwann wirst du vielleicht hier der Jarl sein, dann musst du entscheiden!“
„Aber bis es so weit ist, werden noch viele Winter vergehen“, sprach Jarl Einar grinsend. „Darf ich gehen?“, fragte Ulf mit der kindlichen Stimme eines vierjährigen Knaben. „Ja, geh spielen, mein Sohn.“ Da begann auch Thord zu quengeln, denn er wollte seinem Bruder folgen. So ließ Sif, den Zweijährigen von ihrem Schoß. Da legte Thorvi den Löffel in die Schüssel, und sah ihren Vater an.
„Der Gorm ist böse“, sprach die Thorvi. Das Mädchen zählte inzwischen zehn Winter, und war ein schlaues Kind. Der Verlust ihrer Mutter Ilva, hatte dem Mädchen anfangs sehr zugesetzt. Denn diese war mit Thordis, der Schwester des Jarls, wieder als Kriegerin auf Wikingfahrt ausgefahren. Doch hatten die beiden Frauen die Insel nicht freiwillig verlassen, denn sie waren vor der Strafe des Jarls geflohen. Schließlich hatten sie in dessen Abwesenheit versucht den Oheim des Jarls zu töten. Nur Einars frühe Rückkehr aus Britannien, hatte seinem Oheim und dessen Frau Gudrun das Leben gerettet. Und die beiden Schildmaiden waren darum beim Jarl in Ungnade gefallen. Da zogen sie es vor, zu verschwinden. Und Ilva waren ihre Kinder dabei egal. Die Magd Sif hatte es jedoch geschafft, dass Mädchen auf andere Gedanken zu bringen, denn sie hatte das volle Vertrauen des Kindes. Nun sprach Thorvi nur noch selten über Ilva. „Was du meinst damit, Thorvi?“, fragte Carragh das blonde Mädchen. Auch Einar sah seine Tochter fragend an. „Ja, was soll das heißen, Thorvi?“
„Es war als Vater in Britannien war. Er hat versucht mich mitzunehmen!“ Da sprang Einar auf. „Er hat was?“, rief der Jarl zornig. Da zuckte Thorvi erschrocken zusammen, und begann zu weinen. Sofort beruhigte Carragh das Mädchen, und sah Einar verärgert an. „Thorvi, mein Kind“, sprach der Jarl ruhig, und sah dabei die Magd zornig an. „Erzähle, was ist geschehen? Und warum weiß ich davon nichts?“ Doch ehe die Magd antworten konnte, sprach das Kind: „Freki hat ihm in die Hand gebissen, da verlor er sein Messer. Und einen Finger.“ Da fragte Sif die Thorvi: „Woher weißt du, dass es der Gorm war? Du hattest doch gesagt, du kanntest den Mann nicht.“ Da nickte Thorvi zustimmend. „Aber ich sah ihn wieder, den Mann, dem der Finger fehlt. Und meine Freundin Sigrun hat gesagt er heißt Gorm Rödesson.“
