Jerry Cotton 3298 - Krimi-Serie - Jerry Cotton - E-Book

Jerry Cotton 3298 - Krimi-Serie E-Book

Jerry Cotton

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Beschreibung

Zufällig schaute ich eine Fernsehsendung über Raubkunst aus dem Zweiten Weltkrieg. Unter den gestohlenen Bildern erkannte ich ein Werk, das ich vor längerer Zeit im Haus eines New Yorker Mafiabosses hatte hängen sehen. Phil und ich beschlagnahmten das Gemälde und machten uns höchstpersönlich auf den Weg nach Deutschland, um es seinem rechtmäßigen Besitzer zurückzugeben. Doch wir rechneten nicht damit, dass der Gangster dafür bittere Rache nehmen würde ...

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Seitenzahl: 140

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Inhalt

Cover

Impressum

Geraubte Kunst, gestohlenes Leben

Vorschau

BASTEI ENTERTAINMENT

Vollständige eBook-Ausgabeder beim Bastei Verlag erschienenen Romanheftausgabe

Bastei Entertainment in der Bastei Lübbe AG

© 2020 by Bastei Lübbe AG, Köln

Programmleiterin Romanhefte: Ute Müller

Verantwortlich für den Inhalt

Titelbild: Photographee.eu / shutterstock

eBook-Produktion:3w+p GmbH, Rimpar (www.3wplusp.de)

ISBN 9-783-7325-9966-0

www.bastei-entertainment.de

www.lesejury.de

www.bastei.de

Geraubte Kunst, gestohlenes Leben

South Central, Los Angeles, Kalifornien

»Was hast du alles herausgefunden, Schlampe?«

»Leck mich, du Affe!« Für diese Antwort kassierte Special Agent Carolyn Gohr, der das Blut in Strömen übers Gesicht lief, einen ansatzlosen Tritt gegen das Schienbein. Sie biss verzweifelt die Zähne zusammen, konnte ein gequältes Stöhnen dennoch nicht verhindern. Höllische Schmerzen tobten ihre Nervenbahnen entlang.

Der Vollbärtige, der sie malträtierte, lächelte sanft. »Weißt du, Agent Gohr, Cops trete ich besonders gerne. Und bei 'nem Fed geht mir sogar fast einer dabei ab.«

»Arschloch.«

Ein harter Faustschlag, der ihren Kopf nach hinten riss, landete in ihrem Gesicht. Sie ächzte und spuckte aus. Blut kam mit. Und ein Backenzahn. Gleich darauf sah sie ihren Peiniger dicht vor sich. Allerdings nur mit dem linken Auge. Das rechte war fast komplett zugeschwollen.

»Weißt du was, Schlampe?«, flüsterte der Kerl, den die anderen Dizzy riefen und dessen Atem nach rohen Zwiebeln roch. Dabei tätschelte er Agent Gohr vorsichtig die Wange, um ja nicht mit dem rinnenden Blut in Berührung zu kommen. »Schon viele haben versucht, den Helden zu spielen. Wir haben sie noch alle geknackt. Dich werden wir auch knacken. Glaub nur nicht, dass wir dich schonen, weil du 'ne Frau bist. Vor allem bist du 'n Fed.« Er hob ihr Kinn mit dem Zeigefinger hoch. Sie drehte den Kopf weg. »Wenn du gleich redest, könntest du dir 'ne Menge Schmerzen ersparen«, fuhr er fort. »Furchtbare Schmerzen, weißt du? Wir sind nämlich wahre Spezialisten im Schmerzzufügen und Knacken.« Er grinste breit. »Und wir ziehen dich nicht durch.«

»Du … kriegst ohnehin … keinen hoch.«

Dizzy zuckte zurück, während im Hintergrund Gelächter ertönte. Ein tierartiges Knurren stieg aus seiner Kehle. Er zog eine Makarow aus dem Schulterholster. Für einen Moment starrte sie wie gebannt in die Mündung. Los, drück schon ab!, dachte sie ergeben und schloss die Augen.

Der Gangster beherrschte sich jedoch. Er steckte die Makarow wieder weg und trat zwei Schritte zurück. Trübes Licht aus einer Funzel erhellte lediglich einen Teil des schmutzigen Kellerraums. Es ließ die drei Männer, die hinter Dizzy standen, geradezu dämonisch erscheinen. Denn ein Teil ihrer Gesichter wurde von der Dunkelheit verschluckt.

Sie wusste, dass sie erledigt war. Gefährliche Undercovereinsätze bargen immer das Risiko, aufzufliegen und dann eliminiert zu werden. Wenn man Glück hatte, ohne Schmerzen. Dieses Glück habe ich leider nicht, ging es ihr durch den Kopf. Deswegen versuchte sie, die Gangster zu provozieren. In der Hoffnung, dass einer durchdrehte und ein schnelles Ende machte. Doch das waren Profis.

Wäre auch zu schön gewesen …

Dizzy blieb stehen. Scheinbar gleichgültig zog er die Schultern hoch. »Also gut, Schlampe, wie du willst. Wir müssen jetzt mal zwischendurch weg, 'n paar dringende Sachen erledigen. Und schrei nicht um Hilfe, hier hört dich sowieso niemand.« Er kicherte hämisch. »Das heißt … unsere kleinen Freunde, die würden dich hören. Nur die kommen auch so. Sie mögen Blut für ihr Leben gern, weißt du? Und ich glaube, wenn wir zurückkehren, wirst du uns anbetteln, dass du reden darfst, wenn wir dich nur von ihnen befreien.«

Lachend verließen die Gangster den Raum.

Schlagartig herrschte gespenstische Stille. Sie konnte ihr Glück kaum fassen.

Sind die wirklich so blöd? Dachte ich gerade, dass das Profis wären?

Sofort machte sie sich an die Befreiung. Hände und Füße waren mit Kabelbinder an den alten Holzstuhl gefesselt, auf dem sie saß. Aufstehen konnte sie nicht. Deswegen stemmte sie die Füße auf den Boden, beugte den Oberkörper nach vorne und schnellte ihn nach hinten gegen die Stuhllehne. Die Schmerzen waren höllisch. Aber nun machte sich das monatelange Spezialtraining bezahlt, das sie in Quantico unter Echtbedingungen absolviert hatte. Sie dachte intensiv an etwas Schönes, um die Schmerzen erträglich zu machen.

Bereits beim dritten Versuch kippte der Stuhl nach hinten. Sie fiel direkt auf ihre gefesselten Arme. Es war ein Gefühl, als würden ihre Schultern ausgekugelt. Diesmal konnte sie den Schrei nicht unterdrücken. Trotzdem behielt sie die Kontrolle, atmete ein paarmal tief durch und schaute, dass sie wie ein Maikäfer auf dem Rücken liegen blieb. Es klappte, weil sie über eine eiserne Körperbeherrschung verfügte. Und die nötigen Muskeln. Keuchend begann sie, ihre Beine nach vorne zu schieben. Das funktionierte nicht, weil die Kabelbinder um ihre Fußgelenke zu fest saßen. Es war auch nicht möglich, sie durch ständiges Bewegen der Gelenke zu lockern.

Carolyn Gohr blieb ruhig. Es gab andere Tricks, sich aus Kabelbinderfesseln zu befreien. Sie kannte sie alle. Und es war im Prinzip recht einfach. Die Kunst bestand darin, Druck auf den Verschluss auszuüben. Deswegen trat sie mit dem linken Fuß explosionsartig nach vorne. Wieder schrie sie vor Schmerzen, als die Fessel noch tiefer in ihr Fleisch schnitt. Sie probierte es erneut. Beim vierten Versuch brachte sie genug Kraft auf. Die Spannung war so groß, dass der Verschluss mit einem leisen Knall platzte. Die Fessel flog davon.

Sie schrie. Triumph mischte sich in den Schmerz. Auf diese Weise befreite sie das zweite Bein und rollte sich auf die Seite. So blieb sie einen Moment liegen, um sich zu erholen. Dabei betete sie, dass die Gangster nicht vorzeitig wiederauftauchten.

Es raschelte neben ihr. Ein schwarzer Schatten huschte durch ihr Blickfeld. Und noch einer. Dort wo der Lichtschein der Lampe von der Dunkelheit gefressen wurde. Sie spürte eine eiskalte Hand, die langsam ihren Rücken hinunterkroch. Einen Moment geschah nichts. Dann wagten sich die Schatten näher, kamen ins Licht. Zwei graue Fellbündel mit langen, dünnen Schwänzen verharrten unschlüssig. Sie starrte an dicken Schnurrhaaren vorbei in schwarze Knopfaugen.

Ratten!

»Haut ab!«, zischte sie und fauchte.

Tatsächlich flüchteten die Biester zurück in die Dunkelheit. Doch der Blutgeruch zog sie magisch an. Weitere Ratten würden folgen. Sie war sogar froh darüber. Denn nun war klar, wen Dizzy mit seinen »kleinen Freunden« gemeint hatte. Die Gangster wollten sie durch die Ratten weichkochen. Deswegen würden sie noch eine Zeit lang wegbleiben.

Gleich darauf hatte sie den Stuhl durch robbende Bewegungen so weit nach unten geschoben, dass sie die gefesselten Arme über die Lehne ziehen konnte. Erneut rollte sie sich auf den Rücken, hob die Beine in die Luft und ließ sie so weit nach hinten fallen, dass auch ihr Po frei in der Luft hing. So konnte sie ihre Arme daran vorbei über die jetzt angezogenen Beine ziehen – und hatte sie nun vor dem Körper.

Der Rest war ein Kinderspiel. Die Fessel platzte, als sie die Arme ruckartig mit einer Ruderbewegung gegen den Bauch zog. Sie keuchte vor Erleichterung und erhob sich. Zunächst taumelte sie, weil das Blut erst in die abgebundenen Glieder zurückfinden musste. Es war, als würden Tausende Nadeln in Arme und Beine stechen.

Auch diese Situation hatte sie bis zum Erbrechen geübt. Mit ein paar Übungen schaffte sie sofortige Besserung. Die Schmerzen im Schulter- und Brustbereich, die nach wie vor anhielten, ignorierte sie. Sie ging zur Tür und versuchte, sie zu öffnen. Vergebens. Sie war von außen verschlossen. Danach begann sie, den Raum zu durchsuchen. Was ihr vorher wie Finsternis vorgekommen war, erwies sich nun als Grau, in dem sie zumindest noch Umrisse wahrnehmen konnte. Es schien sich um einen ehemaligen Heizraum zu handeln. Rohre und Leitungen verliefen an der Decke und den Wänden. Als sie die handlichen Eisenrohre ertastete, die irgendjemand an der Wand abgestellt und vergessen hatte, kannte ihr Glück keine Grenzen mehr. Sie betrachtete die Rohre im Licht und entdeckte vertrocknete Blutflecken darauf. Sofort war ihr klar, wer die Rohre hier unten deponiert hatte. Und dass schon andere Opfer vor ihr in diesem ungastlichen Raum gelitten hatten.

Plötzlich konnte sie die Rückkehr der Mistkerle gar nicht mehr erwarten. Es gab noch eine Rechnung zu begleichen.

Mal sehen, wie ihr es findet, wenn ihr eure eigenen Rohre in die Fresse kriegt …

Upper West Side, Manhattan, New York

Wir saßen nackt auf der Couch, Oberschenkel an Oberschenkel, und fütterten uns gegenseitig mit Chips.

»Wow«, sagte Sandra lächelnd durch das Geräusch der knackenden Chips. »Heute Nacht hat es der liebe Gott aber ganz besonders gut mit mir gemeint.

»Jerry genügt vollkommen.« Ich fühlte mich geschmeichelt und grinste breit.

»Blödmann.« Sie drückte mir einen Kuss auf die Wange. »Ich meine, wenn du im Beruf nur halb so gut bist wie … das da eben, dann bist du der beste Agent aller Zeiten.«

»Wie scharfsinnig du bist.« Ich legte einen Arm um sie und küsste sie richtig. Ihr Atem schmeckte nach dem teuren Champagner, den wir gerade genossen hatten. Für solch seltene Gelegenheiten hatte ich immer zwei, drei Flaschen im Kühlschrank.

Das war der Auftakt für die zweite Runde. Und ich darf mit Fug und Recht behaupten, dass es die beste Entscheidung des Tages war, Sandra mit in mein Apartment genommen zu haben. Obwohl sie mir zunächst eher langweilig erschienen war, nachdem wir an der Bar der West Side Tavern ins Gespräch gekommen waren. Die hübsche Brünette mit der bunten Designerbrille auf der Nase verdiente ihre Brötchen als wissenschaftliche Assistentin an der New York University im Institute of Fine Arts und hatte mich in ein Gespräch über die Qualität der Bilder an der Wand verwickelt. Aus reiner Höflichkeit hatte ich meinen nur allzu bescheidenen Senf dazugegeben. Richtig interessant war es geworden, als sie mich zu einer Runde Billard herausforderte und sich als Fan der New York Yankees zu erkennen gab. Spätestens da hatte sie mich weichgekocht. Als Theoretikerin auf dem Gebiet der schönen Künste mochte sie gut sein, ich wusste es nicht, praktisch war sie auf jeden Fall eine Wucht. Jedenfalls in dieser speziellen körpernahen Kunstform.

Als wir uns, immer noch schwer atmend, unter einer Decke auf der Couch liegend aneinanderkuschelten, gurrte Sandra: »Hättest du was dagegen, Jerry, wenn wir auf Cuny TV umschalten?«

»Was soll das sein? Nie gehört«, brummte ich.

»Bei deinem barbarischen Bildungsstand wundert mich das nicht«, erwiderte sie lächelnd und biss mir ins Ohrläppchen. Das löste einen Stromschlag aus, der mir durch den ganzen Körper fuhr. »Cuny TV gehört zum Bereich des Bildungsfernsehens«, fuhr sie fort, während ich meinen Herzschlag beruhigen musste. »Der Sender wird von der City University of New York betrieben …«

»… des landesweit größten städtischen Bildungsverbunds, dem rund, lass mich überlegen, fünfzig Universitäten, Colleges und andere Bildungseinrichtungen angehören«, ergänzte ich, da ich wieder denken konnte.

Sandra sah mich verblüfft an. »So barbarisch ist dein Bildungsstand ja gar nicht. Hast du noch mehr Überraschungen auf Lager?«

»Immer. Aber ich werde mich hüten, mein Pulver auf einmal zu verschießen. Schalte schon um, mit dir zusammen würde ich sogar einen Liebesfilm schauen.«

»Ehrlich?« Sie nahm die Fernbedienung und zappte auf Cuny TV. Davon hatte ich tatsächlich noch nie etwas gehört. Doch das war bei der Vielzahl der Sender und Programme, die es allein im Big Apple gab, nicht weiter verwunderlich. Sandra schaltete direkt in einen Themenabend, der sich mit Raubkunst beschäftigte. Die Kunstexpertin Regina Louise Cooke-Ferrick vom Getty Research Institute in Los Angeles, einer der wichtigsten kunsthistorischen Forschungsstellen weltweit, erzählte gerade, dass die Nazis in Deutschland millionenfachen Kunst- und Antiquitätendiebstahl an deutschen und österreichischen Juden begangen hatten.

»Genaue Zahlen kennen wir natürlich nicht«, sagte die Kunstexpertin. »Doch wir gehen davon aus, dass sich noch Hunderttausende dieser gestohlenen Kunstwerke im Umlauf befinden, die meisten davon in Privatbesitz. Ein nicht unbeträchtlicher Teil davon dürfte in den Vereinigten Staaten zu verorten sein. Wir sehen New York, das ja bekanntlich als Kunsthauptstadt der Welt gilt, als einen der zentralen Umschlagsplätze für den Handel mit Raubkunst an.«

»Sie reden von den dort ansässigen Auktionshäusern?«, fragte die Interviewerin.

»Hauptsächlich, ja.«

»Ist den Auktionshäusern bekannt, dass es sich um Raubkunst handelt?«

Die Kunstexpertin lächelte. »Das zu bestimmen, ist sehr schwierig. Auktionshäuser und Galerien sind jedoch gesetzlich verpflichtet, Provenienz-, also Herkunftsforschung zu betreiben. Nur bei sehr wenigen bekannten Bildern oder Kunstgegenständen ist der Raubkunststatus offiziell bekannt. Ein Beispiel dafür wäre etwa, nun, Franz Marcs Der Turm der blauen Pferde. Dieses Gemälde hat sich Reichsmarschall Hermann Göring, der zweite Mann hinter Hitler, unter den Nagel gerissen und seiner privaten Raubkunstsammlung einverleibt. Seit Kriegsende ist es verschollen. Niemand weiß, wo es abgeblieben ist. Dieses Bild würden so gut wie alle Kunstexperten sofort als Raubkunst klassifizieren können, sollte es je auf dem Markt auftauchen …«

»Jetzt sehe ich Mrs. Cooke-Ferrick endlich mal in Action«, sagte ich grinsend. »Bisher kannte ich nur ihr Foto.«

»Wieso das?«

»Ich habe schon mal mit ihr telefoniert.«

»Ja? Das musst du mir unbedingt erzählen, Jerry.«

Ich winkte ab. »Später. Das ist total interessant.«

Ein Bericht aus Deutschland wurde gezeigt. Es ging zunächst um die sogenannte Reichsfluchtsteuer, die 1931 zur Eindämmung von Kapitalflucht aus dem Deutschen Reich eingeführt worden war. Sie sollte reiche Deutsche daran hindern, ihr Vermögen – oder zumindest Teile davon – ins Ausland zu transferieren. Unter den Nazis wurde die Reichsfluchtsteuer instrumentalisiert und bekam die Funktion einer Teilenteignung. So konnten die jüdischen Mitbürger ganz legal ausgeplündert werden, weil die Reichsfluchtsteuer nun auf jeden aus dem Deutschen Reich flüchtenden Juden angewandt werden konnte. Durch Gewalt, Konzentrationslagerhaft und eingeschränkte Erwerbstätigkeit versuchten die Nazis so, möglichst viele Juden zur Flucht zu bewegen. Erst 1941 untersagte der Reichsführer SS Heinrich Himmler die Flucht jüdischer Mitbürger aus dem Deutschen Reich, um sie der »Endlösung« zuzuführen.

Schwarz-weiße Filmsequenzen belegten, dass sich die Nazis Kunstgegenstände, Schmuck und andere Vermögenswerte oftmals mit hässlicher Gewalt von den Juden holten, die nicht die Möglichkeit zur Flucht hatten oder aus anderen Gründen im Deutschen Reich bleiben wollten.

»Absolut widerlich«, murmelte ich.

»Ja«, pflichtete Sandra mir bei. »Das waren keine Menschen mehr, das waren Bestien.«

Eine neunundzwanzigjährige Deutsche namens Katharina Hammer aus Oranienburg bei Berlin kam zu Wort. Sie erzählte in perfektem Amerikanisch mit Südstaatenakzent von ihren Urgroßeltern. Aaron Pfefferstein war Telefonunternehmer und Kunstsammler gewesen.

»Meine Urgroßeltern waren wohlhabend und besaßen eine Villa in München-Grünwald. Dort hatte mein Urgroßvater seine Kunstsammlung in mehreren Räumen untergebracht. Am siebten November neunzehnhundertneununddreißig, in den frühen Abendstunden, drang ein SS-Trupp in die Villa ein. Er wurde von einem Mann namens Müller angeführt, der meinen Urgroßvater schon immer gehasst hatte. An diesem Abend war er gekommen, um mit ihm abzurechnen. Er erschoss meinen Urgroßvater und machte hinterher Notwehr geltend. Damit kam er problemlos durch, obwohl es sich um eiskalten Mord gehandelt hatte …« In einer hilflosen Geste zog sie die Schultern hoch.

»War Ihre Urgroßmutter damals anwesend?«, fragte die Interviewerin.

»Ja.« Die junge Deutsche nickte. »Sie und ihre beiden Kinder mussten die grausame Tat mit ansehen. Emmi, die dann meine Großmutter wurde, war damals sieben Jahre alt.«

»So grausam das klingt, da hatten die drei wohl großes Glück, dass sie nicht auch erschossen wurden. Als Zeugen. Oder aus reiner Mordlust.«

»Sicherlich.« Katharina Hammer nickte. »Aber Müller wollte nur meinen Urgroßvater tot sehen. Er spuckte wohl noch auf die Leiche und verhöhnte sie vor den Augen meiner geschockten Familie. Die drei durften nicht mal weinen. Und noch etwas wollte Müller: die Kunstsammlung meines Urgroßvaters. Er ließ die Villa komplett ausräumen und transportierte alles ab. Juden hatten damals keine Rechte mehr. Niemand hätte der Aussage meiner Urgroßmutter geglaubt.«

Die Interviewerin beugte sich vor.

»Deswegen floh sie mit ihren beiden Kindern kurz nach der Beerdigung ihres Mannes in die Schweiz, wo sie Verwandtschaft hatte. Sie nahm nur das Nötigste mit, darunter etwas Bargeld, ein paar Fotoalben und andere Familienerinnerungen. Haus, Grundstück und die Konten meiner Familie beschlagnahmten die Nazis aufgrund diverser Lügen von Müller, sodass meiner Urgroßmutter gar nichts mehr blieb. Sie kehrte nie mehr nach Deutschland zurück, ihr Sohn Hans auch nicht mehr. Nur meine Großmutter Emmi kam zurück und gründete in Deutschland eine Familie.«

»Hat Ihre Familie je versucht, wieder etwas von den geraubten Dingen zurückzubekommen?«

Katharina Hammer lächelte wehmütig. »Ja. Meine Großmutter Emmi hat’s tatsächlich versucht. Als klar wurde, dass für eine Rückübereignung der gestohlenen Sachen jahrelange, teure Gerichtsprozesse mit wegen der Verjährungsfrist wenig Erfolgsaussicht nötig wären, ließ sie die Finger davon. Sie hatte weder das Geld noch die Nerven.«

»Traurig. Und was ist mit der Kunstsammlung Ihres Urgroßvaters?«

»Bis heute weiß niemand, wo die siebenundachtzig Gemälde und dreiundzwanzig Skulpturen hingekommen sind. Und das, obwohl ich alle Kunstgegenstände lückenlos dokumentieren kann. Ich arbeite eng mit dem Deutschen Zentrum für Kulturgutverluste in Magdeburg zusammen. Die haben eine Lost-Art-Datenbank, wo Such- und Fundmeldungen eingestellt werden können. Das habe ich gemacht. Bis heute gibt es nicht eine Rückmeldung.«

»Sie sagten, dass Sie die Raubkunst lückenlos dokumentieren können.«

Katharina Hammer nickte, griff neben sich und hievte einige alt aussehende Fotoalben auf den Tisch. »Sehen Sie. Mein Urgroßvater hat seine komplette Kunstsammlung fotografiert, jedes einzelne Stück.« Sie schlug das oberste Album auf und blätterte es durch. Auf einer Reihe von Schwarz-Weiß-Fotos waren Skulpturen und großteils expressionistische Gemälde zu sehen.