Jerry Cotton - Folge 3095 - Jerry Cotton - E-Book

Jerry Cotton - Folge 3095 E-Book

Jerry Cotton

0,0
1,49 €

Beschreibung

Der mexikanische Präsident hatte sich zum Besuch in den USA angekündigt. Natürlich waren wir vom FBI darin involviert. Als sich das Grundrauschen in Verbrecherkreisen, besonders bei Mittel- und Südamerikanischen Kartellen, deutlich verstärkte, wurden wir aufmerksam. Als dann in einem Bundesgefängnis ein Kartell-Killer ermordet wurde und der Sohn eines mexikanischen Unternehmers spurlos verschwand, war bei uns höchste Alarmstufe angesagt...

Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:

EPUB
MOBI

Seitenzahl: 134

Bewertungen
0,0
0
0
0
0
0



Inhalt

Cover

Impressum

Die falsche Wahrheit

Vorschau

BASTEI ENTERTAINMENT

Vollständige E-Book-Ausgabe der beim Bastei Verlag erschienenen Romanheftausgabe

Bastei Entertainment in der Bastei Lübbe AG

© 2016 by Bastei Lübbe AG, Köln

Verlagsleiter Romanhefte: Dr. Florian Marzin

Verantwortlich für den Inhalt

Titelbild: Film: »Dirty Money – In tödlicher Gefahr«/ddp-images

E-Book-Produktion: César Satz & Grafik GmbH, Köln

ISBN 978-3-7325-3663-4

www.bastei-entertainment.de

www.lesejury.de

www.bastei.de

Die falsche Wahrheit

Die Zahnbürste war eine tödliche Waffe.

Der Killer hatte sie in tagelanger Fleißarbeit angespitzt. Jede unbeobachtete Minute war von ihm genutzt worden, um diesen harmlosen Gegenstand zu einem Mordinstrument zu machen. Und nun war es endlich so weit. Das Opfer wirkte völlig arglos. Es stand unter der Dusche. Das Wasser prasselte auf den tätowierten, muskulösen Körper hinab.

Der Killer grinste zynisch. Der Kerl saß wegen schwerer Straftaten hinter Gittern, genau wie er selbst. Dieser Nackte im Waschraum konnte brandgefährlich werden. Aber momentan seifte er sich nur ein.

Da schlug der Mörder zu, schnell und gnadenlos wie eine Klapperschlange.

Das Opfer wirbelte herum. Aber es war zu spät. Ein gezielter Stich ins Herz beendete sein Leben für immer.

Ich nahm im FBI Headquarter gerade an einer Konferenz teil, als mein Smartphone klingelte. Schnell stand ich auf und trat zur Seite, um die anderen Teilnehmer nicht zu stören.

»Inspektor Cotton hier.«

Ich erkannte die Stimme eines Agent aus der Telefonzentrale.

»Wir haben einen Häftling aus dem Central Detention Facility in der Leitung, einen gewissen Paco Silva. Er will nur mit Ihnen reden. Angeblich sei es dringend.«

Paco Silva war ein Killer des mexikanischen Cinco-Kartells, den Phil und ich vor einigen Jahren verhaftet hatten. Seitdem saß er in der Strafanstalt in der D Street in Washington. Zuletzt hatte ich ihn bei der Gerichtsverhandlung gesehen. Silva war ein unangenehmer Kerl, brutal und hinterhältig. Ein Menschenleben bedeutete ihm nicht viel.

»Also gut, stellen Sie das Gespräch durch.«

Es knackte und rauschte kurz, dann erklang eine blechern verzerrte Stimme mit leichtem Latino-Akzent.

»Buenas Dias, Inspektor Cotton. Gut, dass ich Sie so schnell erreichen konnte.«

»Sparen Sie sich die Höflichkeitsfloskeln. Was wollen Sie von mir, Silva?«

Der Verbrecher lachte, als ob ich einen Scherz gemacht hätte.

»Ich will Ihre Karriere fördern. So freundlich bin ich zu Ihnen. Von mir kriegen Sie Informationen, die beim FBI die Sektkorken knallen lassen.«

»Soso.« Man konnte meiner Stimme vermutlich meine Skepsis anhören. »Und was genau wollen Sie mir mitteilen?«

»Nicht am Telefon.« Silva sprach jetzt leiser. »Mir steht nur ein kurzer Anruf pro Woche zu. Besuchen Sie mich, am besten noch heute. Dann packe ich aus. Es soll nicht zu Ihrem Nachteil sein, Inspektor Cotton.«

Im Hintergrund waren hallende Stimmen und Schritte zu hören, außerdem metallisches Klappern und unverständliche Lautsprecherdurchsagen. Es herrschte eine typische Gefängnisatmosphäre.

»Und was haben Sie davon, dass Sie plötzlich so auskunftsfreudig sind? Sie wollen doch auch einen Vorteil für sich herausschlagen, oder?«

»Das werden Sie verstehen, wenn wir uns gegenübersitzen. Adios, bis später.«

Das Telefonat war beendet. Während ich mein Smartphone wieder einsteckte, rief ich mir den Fall Paco Silva in Erinnerung. Wir hatten dem Killer des Cinco-Kartells drei Morde nachweisen können. Silva hatte konkurrierende Dealer getötet, die so dumm gewesen waren, im Gebiet des Cinco-Kartells zu wildern.

Da er die Bluttaten in den USA begangen hatte, saß er auch hier bei uns die Strafe von drei Mal lebenslänglich ab. Allerdings hatte sein Heimatland Mexiko auch ein Auslieferungsersuchen gestellt. Dort hatte er nämlich ebenfalls einige Menschen auf dem Gewissen. Aber wegen juristischer Spitzfindigkeiten zog sich die Sache hin, und Silva befand sich immer noch in unserem Land.

Ob er auspacken wollte, um hierbleiben zu dürfen? Bei seinem Prozess hatte er nur das Allernötigste zugegeben und seine Bosse nicht verraten. Ob ihm in Mexiko Unheil drohte? Womöglich war inzwischen bei Silva ein Sinneswandel eingetreten.

Ich hatte den Konferenzsaal verlassen, um telefonieren zu können. Nun öffnete ich die Tür und gab Phil ein Zeichen, der ebenfalls an der Besprechung teilnahm. Er kam zu mir auf den Flur.

»Was gab es denn so Wichtiges, Jerry?«

Ich erzählte ihm von dem Anruf. Phil runzelte die Stirn.

»Ob Silva dich wegen dem Staatsbesuch des mexikanischen Präsidenten sprechen will? Es ist ja kein Geheimnis, dass der Politiker in wenigen Tagen hierherkommt. Die Zeitungen und TV-Stationen posaunen es ja schon seit längerer Zeit hinaus.«

»Das stimmt. Aber woher kann Silva wissen, dass wir in den Schutz des Staatsgastes eingebunden sind? Die Zusammensetzung unserer Planungsgruppe ist geheim. Die Pressestelle hat nur verlautbart, dass Vorbereitungen getroffen werden.«

»Vielleicht ist das dem Verbrecher gar nicht bewusst, Jerry. Wir sind nun mal seine einzigen Kontakte beim FBI. Also hat er nach jemandem verlangt, den er kennt. Lass uns noch die Planung gerade zu Ende bringen. Anschließend fährst du zu ihm, dann erfährst du mehr. Ich halte hier die Stellung und notiere alles, was wichtig ist.«

Das war wirklich die beste Lösung. An der Konferenz nahmen außer uns und weiteren FBI-Kollegen auch noch Agents des Secret Service teil, der für den Schutz des amerikanischen Präsidenten zuständig ist. Die beiden Staatsoberhäupter wollten in Washington zusammentreffen. Und natürlich hatten wir auch Federales von der mexikanischen Bundespolizei mit ins Boot geholt, um die Sicherungsmaßnahmen abzustimmen.

Ich nickte Phil zu.

»Okay, so machen wir es.«

Nach einer knappen Stunde entschuldigte ich mich bei den anderen und versprach, so schnell wie möglich wieder zurück zu sein.

***

Ich nahm mir einen Chevrolet Tahoe aus der FBI-Fahrbereitschaft und brach Richtung Südosten auf. Ich kam im hauptstädtischen Verkehr relativ zügig durch und erblickte nach gut zwanzig Minuten die abweisenden Mauern des Central Detention Facility. Schon bei der Sicherheitskontrolle fiel mir die gereizte Stimmung auf.

»Ist etwas vorgefallen?«, fragte ich den bulligen Wachbeamten, der meinen Dienstausweis checkte.

»Das kann man wohl sagen, Inspektor Cotton. Es hat unter den Insassen einen Mord gegeben.«

Mir kam sofort ein Verdacht.

»Hieß das Opfer Paco Silva?«

»Ja, allerdings.« Der Officer wurde hellhörig. »Weshalb fragen Sie?«

»Weil dieser Gefangene angeblich eine wichtige Information für mich hatte. Er rief mich vorhin im FBI Headquarter an. Deshalb bin ich überhaupt hier.«

Der Uniformierte führte mich zum stellvertretenden Direktor, der die Untersuchung des Mordes leitete. Der schlaksige Anzugträger mit dem schütteren Haar hieß Malcolm Snyder. Nachdem ich mich ihm vorgestellt hatte, kamen wir sofort auf den Fall zu sprechen.

»Gewalttätigkeiten zwischen den Gefangenen und gegen unser Wachpersonal sind leider an der Tagesordnung«, seufzte Snyder. »Aber Morde kommen nicht so oft vor. Wir führen ständig unangekündigte Durchsuchungen der Zellen durch. Der Erfolg hält sich leider in Grenzen. Die Insassen sind unglaublich erfinderisch, wenn es um Verstecke für ihre verbotenen Gegenstände oder ihre Drogen geht. Die Mordwaffe war in diesem Fall eine angespitzte Zahnbürste. Der Täter wusste genau, wie er sie einsetzen musste. Silva hatte keine Chance.«

»Konnten Sie den Killer festsetzen?«

»Ja, wenigstens in dieser Hinsicht waren wir erfolgreich. Silva wurde unter der Dusche erstochen, dort befanden sich auch andere Gefangene. Durch die Schreie und das Fluchen wurde ein Wachbeamter aufmerksam. Als er den Täter mit der blutigen Tatwaffe in der Hand erblickte, setzte er ihn sofort mit Pfefferspray außer Gefecht. Der Mörder leistete dann keinen weiteren Widerstand mehr.«

»Wie lautet sein Name?«

»Derek Hastings. Er verbüßt eine lebenslängliche Strafe wegen Mordes und hat buchstäblich nichts mehr zu verlieren. Eine vorzeitige Entlassung ist bei ihm sowieso ausgeschlossen, weil er keine Reue zeigt und hier in der Strafanstalt schon zuvor mehrfach andere Gefangene angegriffen hat.«

Ob also Silva nur ein Zufallsopfer gewesen war? Das kam mir sehr unwahrscheinlich vor. Allerdings herrscht hinter Gefängnismauern ein Geflecht an Abhängigkeiten und Feindschaften, das man als Außenstehender nur sehr schwer durchschaut.

»Kann ich mit Hastings sprechen?«

»Ja, das lässt sich einrichten. Wir haben ihn in Isolationshaft gesteckt, nachdem er Silva niedergestochen hatte.«

Ich dachte kurz nach.

»Silva hat mich heute Morgen angerufen, weil er mir etwas mitteilen wollte. Können Sie sich vorstellen, worum es sich gehandelt haben könnte? Verhielt sich Silva in letzter Zeit anders? Bekam er Besuch von anderen Personen als zuvor?«

Der stellvertretende Direktor überlegte kurz, bevor er antwortete.

»Was die Besucherliste angeht, die kann ich Ihnen zur Verfügung stellen. Aber ob der Gefangene sich verändert hat, kann ich Ihnen nicht sagen. Da fragen Sie am besten die Wachbeamten, die in dem Block tätig sind. Die haben schließlich tagtäglich mit ihren Schäfchen zu tun.«

Dieses Angebot nahm ich gern an. Snyder ließ zunächst den Mörder in den Besucherraum bringen, wo ich schon Platz nehmen durfte. Als wenig später Hastings zu mir geführt wurde, waren seine Handgelenke ebenso gefesselt wie seine Fußgelenke. Beide waren durch eine Kette miteinander verbunden. Hastings konnte also nur ganz kleine Schritte machen, wobei die Stahlglieder seiner Fesselung gegeneinanderklirrten. Er grinste zynisch.

»Ich komme mir vor wie eine verfluchte Ballerina, wenn ich hier so entlangtrippeln muss.«

»An eine Balletttänzerin erinnern Sie mich aber nicht, Hastings«, sagte ich und stellte mich mit Namen und Dienstgrad vor. Dann kam ich sofort zur Sache. »Warum haben Sie Paco Silva umgebracht?«

Der Gefangene ließ sich auf den Stuhl mir gegenüber fallen. Die beiden Wachbeamten, die ihn begleitet hatten, blieben mit einigen Schritten Abstand hinter ihm stehen.

Hastings war ein großer, breit gebauter Schwarzer, der offensichtlich hinter Gittern viel Zeit mit Krafttraining verbrachte. Silva hatte einen ähnlichen Körperbau gehabt.

»Ich konnte den Bohnenfresser noch nie ausstehen, Inspektor Cotton. Wieso kümmert es überhaupt das FBI, wenn so einer krepiert? Sie können doch froh sein, dass Sie Silva nicht weiter durchfüttern müssen.«

Hastings’ Menschenverachtung war zum Kotzen. Aber mir war klar, dass er mich nur provozieren wollte. Und den Gefallen würde ich ihm nicht tun. Hier drin war es üblich, den Coolen zu spielen.

»Sie töteten Silva also nur, weil Sie ihn nicht mochten?«

»Reicht das vielleicht nicht?« Hastings rollte ungeduldig mit den Augen. »In diesem Knast wird mit harten Bandagen gekämpft, Inspektor Cotton. Wenn ich den Pancho nicht kaltgemacht hätte, dann wäre er mir auf die Pelle gerückt. Er oder ich, so einfach ist das. Und ich wollte gern noch weiterleben, obwohl ich hier drin versauern muss.«

»Dann haben Sie also Silva nicht umgebracht, weil er Informationen für mich hatte?«

Der Killer grinste noch breiter.

»Nee, von Informationen weiß ich nichts. Aber sind Sie sicher, dass Silva Sie nicht einfach nur verschaukeln wollte? Er war doch der größte Wichtigtuer in diesem Knast.«

Ich war sicher, dass Hastings mich belog. Seine Aussage kam mir unglaubwürdig vor, obwohl ein Menschenleben für diese Kerle wirklich nicht viel zählte. Silva hatte zum Schweigen gebracht werden sollen. Aber beweisen konnte ich das natürlich nicht.

Ich redete noch eine Weile auf den Mörder ein, aber er blieb stur bei seiner Version. Schließlich ließ ich ihn wieder fortschaffen. Ich wusste ja, wo ich ihn finden würde, wenn mir noch etwas einfiele.

Als Nächstes nahm ich mir die drei Strafgefangenen vor, mit denen sich Silva seine Zelle geteilt hatte. Sie saßen wegen Raubüberfall, Drogendelikten und Menschenhandel. Schnell wurde mir klar, dass diese Männer in der Gefängnis-Hackordnung unter Silva gestanden hatten.

Killer genossen hinter Gittern die meiste Anerkennung, Sexualstraftäter die geringste. Außerdem waren sie ausnahmslos kleiner und weniger kräftig als der Ermordete. Sie würden hinter Gittern nicht viel zu melden haben. Silva war in dieser Zelle zweifellos der Boss gewesen.

Ich befragte die Insassen einzeln, und im Gegensatz zu Hastings kamen sie mir glaubwürdig vor. Keiner von ihnen gab an, etwas von Silvas Geheimnis zu wissen.

Ein Kartell-Mörder wie Silva würde gewiss nicht seine Informationen mit Männern teilen, die in seinen Augen kleine Fische waren. Da spielte es auch keine Rolle, dass seine Zellengenossen wie er selbst Latinos waren. Im Zweifelsfall zählt für einen Berufsverbrecher nicht seine Hautfarbe, sondern die kriminelle Organisation, die ihn bezahlt und beschützt.

Schließlich sprach ich noch mit dem Wachpersonal. Auch von den Officers in dem Zellenblock wollte keiner eine Veränderung bei Silva bemerkt haben. Sie beschrieben den Ermordeten als arrogant und aufsässig. So hatte ich ihn auch erlebt. Silva war ein Straftäter gewesen, von dem man keine Reue oder Einsicht erwarten konnte.

Er betrachtete seine Laufbahn als Killer im Auftrag des Cinco-Kartells als einen ganz normalen Job. Oder hatte Silva heimlich seine Meinung geändert? Wollte er noch weitere Morde gestehen, von denen wir bisher nichts gewusst hatten?

Wilde Spekulationen brachten überhaupt nichts. Silvas Zelle war bereits gründlich durchsucht worden, die übrigen Gefangenen wurden einstweilen verlegt. Aber Aufzeichnungen konnten nicht sichergestellt werden. Zwar fanden die Wachbeamten ein paar Tabletten, die eingeschmuggelt worden waren. Aber sie ließen sich noch nicht einmal eindeutig Silva zuordnen. Meiner Meinung nach waren die Pillen keine heiße Spur. Dennoch würden wir natürlich herausfinden müssen, wie sie ins Gefängnis geschmuggelt worden waren.

Zunächst sah es so aus, als ob Silva seine Informationen mit ins Grab genommen hätte.

***

Ich verabschiedete mich von Snyder. Er versprach, mich über weitere Untersuchungsergebnisse auf dem Laufenden zu halten. Noch auf dem Parkplatz der Strafanstalt rief ich Mai-Lin in Quantico an. Ich erklärte ihr, worum es ging, und gab ihr die Besucherliste des Ermordeten durch.

»Womöglich hängt Silvas Anruf bei mir mit dem geplanten Staatsbesuch zusammen, Mai-Lin. Checken Sie doch bitte, ob Sie im Internet irgendwelche Hinweise finden können. Und ich müsste wissen, ob einer von Silvas Besuchern verdächtig ist.«

»Ich melde mich umgehend, Jerry.«

Nach meiner Rückkehr ins FBI Headquarter berichtete ich in der Arbeitsgruppe von Silvas Ermordung. Inspektor Julio Ponto wurde sofort hellhörig. Der fünfzigjährige Mexikaner mit dem beeindruckenden Schnurrbart leitete die Abordnung der Policía Federal, die mit uns und dem Secret Service gemeinsam den Präsidentenbesuch vorbereitete.

»Das Cinco-Kartell gehört zu den übelsten Krebsgeschwüren meines Landes«, sagte Ponto. »Ich traue diesen Leuten zu, ein Attentat auf unseren Präsidenten einzufädeln. Er hat dem Drogenunwesen den Krieg erklärt. Wenn unser Staatsoberhaupt stirbt, würde der Kampf gegen die Kartelle entscheidend geschwächt werden. Womöglich rechnen sich die Drogenbosse hier in den Staaten sogar bessere Chancen auf einen geglückten Anschlag aus.«

»Weil wir nicht mit einer Aktion der Kartelle rechnen?«, hakte Phil nach. Ponto nickte.

»Das ist zumindest ihre Hoffnung, schätze ich.«

»Dann wird das Cinco-Kartell sicher mit einheimischen Verbrechern kooperieren.«

Dieser Satz kam von Agent Mary Clifford. Die kühle Blonde leitete das Secret-Service-Team. Sie hatte es schon mehrfach erfolgreich verstanden, Gefahren vom Präsidenten abzuwenden.

»Wir sollten mit einer Bedrohung durch das Cinco-Kartell rechnen«, sagte ich. »Inspektor Decker und ich werden versuchen, das Geheimnis dieses toten Killers zu lüften. Jedenfalls können wir es uns nicht leisten, die Gefahr zu ignorieren.«

»Wäre es nicht besser, die Besichtigung von Lopez Fishing abzusagen?«, schlug Ponto vor. »Die Anwesenheit von gleich zwei Präsidenten in diesem unübersichtlichen Hafenviertel von Baltimore ist ein kaum vertretbares Risiko. Dort gibt es unzählige Möglichkeiten, sowohl Ihren als auch unseren Präsidenten anzugreifen.«

Mary Clifford schüttelte entschlossen den Kopf.

»Gerade der Besuch dieser Fabrik ist für unseren Präsidenten eine Herzensangelegenheit«, sagte sie. »Lopez Fishing wurde von einem mexikanischen Einwanderer gegründet, wie Sie wissen. Mister Lopez hat dort mehr als 150 Jobs geschaffen, vor allem für Amerikaner. Menschen wie Jaime Lopez sind ein Gewinn für unser Land, das möchte der Präsident zum Ausdruck bringen.«

»Das Risiko ist trotzdem hoch«, beharrte Ponto. Aber wir hatten den Plan schon so weit ausgearbeitet, dass der Fabrikbesuch genau durchdacht worden war. Die Bomb Squad sollte rechtzeitig nach versteckten Sprengsätzen suchen, Scharfschützen vom FBI und einer SWAT-Einheit des Baltimore PD würden sich an strategisch wichtigen Punkten postieren. Die Arbeiter, mit denen die beiden Präsidenten sprechen wollten, wurden von uns bereits überprüft. Falls einer von ihnen keine saubere Weste hatte, musste er uns rechtzeitig auffallen.

Mein Smartphone klingelte. Es war Mai-Lin, die zurückrief.

»Paco Silva wurde von einem Priester namens Father Bernardino regelmäßig im Gefängnis besucht. Was diesen Geistlichen angeht, konnte ich bei ihm keine Unregelmäßigkeiten feststellen. Er hält Kontakt zu vielen Latino-Insassen im Central Detention Facility und anderen Strafanstalten. Offenbar nimmt er ihnen auch die Beichte ab. Es gibt psychologische Studien darüber, dass die Rückfallquote bei reuigen und religiösen Kriminellen …«

»Darüber können wir bei Gelegenheit ausführlicher sprechen, Mai-Lin. Wie steht es mit weiteren Kontakten zur Außenwelt?«

»Da wäre noch Bruce Harrington zu nennen, der Pflichtverteidiger des Killers. Aber er hat sich seinen Mandanten nicht ausgesucht, und Harrington ist als Anwalt eher ein kleines Licht. Ich finde es erstaunlich, dass ein millionenschweres Drogenkartell keinen besseren Rechtsbeistand aufbieten wollte als Harrington.«