Jerry Cotton Sonder-Edition - Folge 25 - Jerry Cotton - E-Book

Jerry Cotton Sonder-Edition - Folge 25 E-Book

Jerry Cotton

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Beschreibung

Bei der Security Transport Inc. wurden 2 Millionen Dollar geraubt. Eine Beute, die alle Gangster New Yorks aufhorchen ließ. Natürlich auch uns von FBI. Phil und ich machten uns daran, die Bande, die den Überfall verübt hatte - und auch das Geld - zu finden, aber auch die Unterwelt war hinter den Dollars her. Bei 2 Millionen wurde die Luft in New York schnell sehr bleihaltig, und der Takt der Tommy Guns gab den Weg unserer Ermittlungen vor ...

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Seitenzahl: 185

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Inhalt

Cover

Impressum

Bestien unter sich

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

Kapitel 7

Kapitel 8

Kapitel 9

Vorschau

BASTEI ENTERTAINMENT

Vollständige E-Book-Ausgabe der beim Bastei Verlag erschienenen Romanheftausgabe

Bastei Entertainment in der Bastei Lübbe AG

© 2016 by Bastei Lübbe AG, Köln

Verlagsleiter Romanhefte: Dr. Florian Marzin

Verantwortlich für den Inhalt

Titelbild: Film: »Die Mafia-Story«/ddp-images

E-Book-Produktion: César Satz & Grafik GmbH, Köln

ISBN 978-3-7325-2869-1

www.bastei-entertainment.de

www.lesejury.de

www.bastei.de

Bestien unter sich

1963 startete der Bastei Verlag die Jerry Cotton Taschenbücher in Ergänzung zu der Heftromanserie, die zu diesem Zeitpunkt schon in der zweiten Auflage war.

Damals fragte der Klappentext der Taschenbücher noch: Wer ist G-man Jerry Cotton? Und gab auch gleich die Antwort:

»Er ist ein breitschultriger, gutaussehender FBI-Beamter, der sein Leben dem Kampf gegen Gangster gewidmet hat. Durch seinen Mut und seine Entschlossenheit hat er die Herzen von Millionen Lesern in mehr als 40 Ländern erobert.«

Die Jerry Cotton Sonder-Edition bringt die Romane der Taschenbücher alle zwei Wochen in einer Ausgabe.

Es ist eine Reise durch die Zeit der frühen 60er Jahre bis in das neue Jahrtausend.

1

»Fahr langsamer, Jerry!«, mahnte Phil. »Du hängst die Cops ab.«

»Wir schaffen Oxleygh auch allein«, knurrte ich.

»Gewiss, aber nicht ohne Schrammen! Und hab Mitleid mit Siever! Er stirbt vor Angst, wenn er Oxleygh in Begleitung von nur zwei G-men gegenübertreten muss.«

Der Mann, der auf dem Notsitz meines Jaguars kauerte, schien jetzt schon einer Ohnmacht nahe. Sein Gesicht hatte die grünliche Farbe eines Seekranken, die Augen unter den fahlen Brauen hielt er krampfhaft zugekniffen.

Ich nahm den Fuß ein wenig vom Gaspedal. Das Geflacker des Rotlichts und das Sirenengeheul der Polizeiwagen kamen näher.

»In Ordnung so«, sagte Phil. »Wenn Oxleygh die Security Transport ausgeraubt hat, werden wir es nicht leicht haben.«

Er wandte den Kopf. »He, Lefton!«, sprach er Siever an. »Mach die Augen auf, mein Junge! Bist du sicher, dass Ox das Zweimillionending gedreht hat?«

Siever öffnete die Augen. Sie waren von einem wässrigen Blau und so rund wie bei einem Kaninchen.

»Er wollte es immer«, murmelte er.

Phil musterte den schmächtigen, fahlen Mann mit kühler Neugier.

Lefton Siever war uns unsympathisch. Aber wir verdankten ihm die Chance, einen der schwersten Raubüberfälle der letzten Jahre so schnell aufzuklären, dass die geraubten Dollars in den Händen der neuen Besitzer noch nicht einmal warm werden konnten. Siever hatte uns zehn Minuten, nachdem die erste Meldung über die Beraubung der Security Transport Inc. im Radio durchgegeben worden war, angerufen, und er hatte hemmungslos ausgepackt.

Wir wussten noch nicht viel über sein Verhältnis zu Dark Oxleygh. Wahrscheinlich hatte er einmal für ihn gearbeitet. Dabei musste irgendetwas passiert sein, das in dem schmächtigen Mann einen wilden Hass gegen Oxleygh hervorgerufen hatte, einen Hass, stark genug, die Furcht zu besiegen.

Am wichtigsten für uns war Sievers Hinweis auf das kleine Landhaus in Suffolk. Ein Gangster, der eine fette Beute raubt, macht sich aus dem Staub. Aber ein Gangster, der glaubt, ein sicheres Versteck zu besitzen, von dem die Polizei nichts weiß, stopft die Dollars vielleicht unter seine Matratze und legt sich darauf. In zehn Minuten würden wir wissen, welches Verfahren Oxleygh vorgezogen hatte.

Genau zehn Minuten später sagte Siever, der inzwischen die Augen wieder geöffnet hatte: »Das dritte Haus auf der rechten Seite. Das mit dem blauen Anstrich.«

Die Gegend sah hübsch aus. Es war ein neu erschlossenes Siedlungsgelände, durch das eine halbfertige Straße führte. In den Vorgärten hoben die Leute erschrocken den Kopf, als wir mit Sirenengeheul an ihnen vorbeizischten.

Ich stieg auf die Bremse. Mit hartem Ruck stoppte der Jaguar vor dem bezeichneten Haus. Hinter uns bremsten der Reihe nach drei Streifenwagen der Polizei. Gleichzeitig mit uns sprangen die Beamten ins Freie. Im Laufschritt spritzen sie auf das Haus zu.

Siever blieb im Wagen zurück. Er duckte sich tiefer.

Phil und ich gingen auf den Eingang zu. Als wir auf drei Schritte herangekommen waren, flog die Tür auf.

Meine Hand hob sich zum Jackenausschnitt, aber ich ließ sie wieder sinken, denn eine Frau trat aus dem Haus. Sie war schlank und sehr jung. Auf den ersten Blick schien sie hübsch zu sein. Sah man genauer hin, entdeckte man Verschlagenheit in ihren schräg stehenden Augen und einen bösen Zug um den Mund. Rötliches Haar hing ihr unordentlich um den Kopf.

»Was wollen Sie?«, kläffte sie. Ihre Stimme passte zum Ergebnis des zweiten Blickes.

»Oxleygh sehen!«, antwortete Phil.

Vom Jaguar her rief Siever: »Edith!«

Im nächsten Augenblick stürzte er an uns vorbei, breitete die Arme aus, als wolle er die Frau umarmen, ließ dann die Hände jäh sinken und stammelte: »Edith … ich … wir …«

Sie maß ihn mit einem Blick voller Verachtung. »Hast du die Bullen hergebracht?«

»Edith, ich will dich befreien. Es gab keinen anderen Weg!«

Aus nächster Nähe spuckte sie ihm ins Gesicht. Sie zeterte los wie ein wütendes Marktweib. »Sie haben kein Recht, das Haus zu betreten. Sie haben nur das Recht, schleunigst wieder abzuhauen.«

Ich überließ Phil die Auseinandersetzung und ging auf das Haus zu. Ich betrat den kleinen Flur, von dem eine Treppe nach oben führte. Links vom Treppenabsatz stand eine Tür halb offen. Mit dem Fuß öffnete ich sie ganz und blickte hinein. Es war die Küche.

»Wenn du nach der Kanone greifst, werde ich dir eine Kugel in den Rücken schießen«, sagte eine Männerstimme hinter mir. Sie klang dröhnend, obwohl der Mann leise sprach. Ich drehte mich vorsichtig um.

Dark Oxleygh stand auf dem oberen Treppenpodest. Er beugte sich über das Geländer. In der linken Faust hielt er einen schweren Revolver.

»Würde dir wenig einbringen, Ox«, sagte ich. »Du hast gesehen, welches Aufgebot ich mitgebracht habe.«

Er nickte bedächtig. »Was habt ihr gegen mich in der Hand?«

»Die Aussage von Lefton Siever.«

Er schien nachzudenken. »Ach so«, meinte er dann und stieg langsam die Treppe hinunter. Die Stufen der Treppe knackten unter dem Gewicht seines Körpers.

»Hallo«, sagte er, als sähen wir uns erst in dieser Sekunde. Er hielt den Revolver in der Höhe seines Oberschenkels mit dem Lauf nach unten.

Ich streckte die linke Hand aus. »Kann ich das Ding haben, Ox?«

Er starrte meine Hand an, dann den Revolver. »Wie du meinst«, sagte er, »aber das nützt dir nichts. Der Sheriff von Pasford in Texas gab mir ’nen Waffenschein dazu.«

Er reichte mir die Kanone. Es war ein massives Ding, schwer wie eine Haubitze.

Von der Tür her drang das erbitterte Geschimpfe der rotblonden Edith. Sie, Phil und zwei Polizisten, hinter deren breitem Rücken sich Lefton Siever versteckte, fielen in den Bau ein.

»Darky, was sagst du dazu?«, kläffte Edith. »Dieser Idiot Siever hat den ganzen Aufstand inszeniert, um mich zu befreien.« Sie lachte hysterisch. »Mich von dir zu befreien! Darky, Darling! Hast du je einen blöderen Witz gehört?«

Oxleygh gab keine Antwort. Mit zwei großen Schritten durchquerte er den kleinen Flur und stieß die Tür auf, die in das Wohnzimmer führte. Ich folgte ihm. Er ließ sich in einen Sessel fallen. »Schieß los, Agent!«

»Hast du die Security Transport Inc. ausgeräumt?«

»Nein.«

»Komm her, Siever!«

Der schmächtige Mann schob sich aus der Deckung der Polizisten an meine Seite.

»Siever behauptet, du hättest vor zwei Monaten einen Plan entworfen, die Security Transport auszurauben. Siever, stimmt das?«

Siever nickte.

»Mag sein, dass ich mal darüber gesprochen habe«, brummte Oxleygh. »Du weißt, dass das nichts zu bedeuten hat. Über solche Sachen wird gesprochen wie über die Aussichten eines, Gauls in einem Pferderennen. Das bedeutet noch lange nicht, dass ich auf diesen Gaul gesetzt habe.«

»Siever!«, sagte ich.

Als spule eine Schallplatte ab, stieß der Mann hervor: »Du hast aber ernsthaft darüber gesprochen, Dark. Du hast gesagt, es sei zu machen, wenn man rasch genug eindringen könne, die Telefone und die Alarmanlage lahm legen und das Personal lange genug in Schach halten könne, um genügend Vorsprung zu gewinnen. Du hast Charly Obsons und Hank Dersky ausrichten lassen, sie sollen sich bereithalten, mit dir in nächster Zeit ein großes Ding zu drehen. Du hast mich 14 Tage lang vor den Bau gestellt. Jeden Abend musste ich dir haarklein berichten, was ich gesehen habe, und du hast alles genau aufgeschrieben.« Die Schallplatte blieb stehen.

Oxleygh löste den Blick von Siever. »Du hast keinen Grund, Agent, der Laus zu glauben. Er ist übergeschnappt und hasst mich, weil ich ihm das Girl weggenommen habe.«

»Gleichgültig, aus welchem Grund er dich verpfiffen hat, die Security Transport Inc. ist beraubt worden, und wir sind überzeugt, dass Siever die Wahrheit sagt.« Ich zog ein zusammengefaltetes Papier aus der Tasche. »Der Haftbefehl, Oxleygh.«

Er nahm ihn und drehte ihn zwischen den Fingern, ohne ihn auseinander zu falten. »Mag sein, dass ich mir den Gaul, auf den ich setzen wollte, im Training angesehen habe, aber ins Rennen habe ich ihn nicht geschickt.« Er wuchtete sich aus dem Sessel hoch. »Absichten sind nicht strafbar, oder?«

»Wir werden uns darüber im District Office unterhalten.« Er nickte. »Ihr werdet mich laufen lassen, sobald ihr festgestellt habt, dass ich das Ding nicht gedreht habe. Gehen wir! Je schneller ihr euren Laden angekurbelt habt, desto früher werdet ihr mich wieder laufen lassen müssen.«

Scheinbar friedlich bewegte er sich auf mich zu. Plötzlich, mit einer Schnelligkeit, die niemand erwartet hätte, schoss er auf Lefton Siever los.

Er feuerte dem Schmächtigen seine Kohlenschaufelfaust mit voller Wucht unters Kinn. Siever flog zurück. Er drehte sich dabei einmal voll um seine Längsachse, riss einen Stuhl um und landete vor den Füßen der Cops auf dem Boden.

Ich sprang Oxleygh an, packte sein Handgelenk, tauchte unter dem Arm weg und drehte ihm den Arm auf den Rücken. Er ließ es ohne Widerstand geschehen. »Schon gut«, knurrte er. »Ich wollte die Laus nur daran hindern, sich während meiner Abwesenheit an Edith heranzumachen.«

Ich ließ ihn los. Er richtete sich auf und begann mechanisch sein Schultergelenk zu reiben.

»Jemand hat also die Security Transport ausgeräumt?«

»Ja.«

»Wieviel?«

»Zwei Millionen«, sagte ich.

***

Zwölf Stunden nach dem erfolgreichen Raubüberfall auf die Window-Firma stand einiges fest.

Windows Chauffeur war ermordet worden. spielende Kinder hatten am frühen Nachmittag die Leiche in den Ruinen eines unbewohnten, zum Abbruch bestimmten Hauses gefunden.

Tot war auch der Pförtner. Außerdem waren einige Angestellte verwundet worden.

Welchen Fluchtweg die Gangster benutzt hatten, war klar.

Die Gebäude, in dem die Security Transport Inc. ihre Büro- und Lagerräume unterhielt, war ein Anbau des Merchant Buildings, eines 30stöckigen Hochhauses, in dem nahezu 100 kleine Firmen ihre Büros hatten. Zwischen dem Anbau und dem Hochhaus gab es nur eine Verbindung, eine klinkenlose Stahltür.

Wir hatten Dark Oxleygh gerade zum zweiten Mal drei Stunden lang vernommen und ihn dann von den Beamten in die Untersuchungshaft-Zelle zurückbringen lassen.

Jetzt saßen wir in unserem Büro. Phil hatte die Füße auf den Schreibtisch gelegt und rauchte eine Zigarette.

»Kaum zu glauben, dass ein Dutzend Leute, die die gleichen fünf Gangster nahezu eine Viertelstunde lang gesehen haben, ein Dutzend verschiedene Beschreibungen liefern können«, sagte er, während er in einem Schnellhefter blätterte, der die Aussagen des Personals enthielt.

»Der Lieferwagen, den die Gangster im Hof zurückließen, wurde eine Stunde zuvor gestohlen. Ich fürchte, wir werden die Burschen erst fassen, wenn sie anfangen, mit den erbeuteten Dollars um sich zu werfen.«

»Wenn wir eine Spur finden können«, sagte ich, »dann nicht bei der Security Transport, sondern im Merchant Building.«

Phil stieß ein ärgerliches Lachen aus. »Im Hochhaus arbeiten nahezu fünftausend Leute, die ständig in den Fluren herumrennen und mit den Fahrstühlen auf- und abfahren. Glaubst du, unter ihnen würden fünf Männer auffallen, die sich die Strumpfmasken längst von den Köpfen gezogen haben und mit einigen Koffern und Aktentaschen das Merchant Building verlassen?«

Ich nahm den Schnellhefter, den Phil so ärgerlich auf den Schreibtisch geworfen hatte. »Lieutenant Carrier hat James Window über die Firmengeschichte befragt. Window gründete sein Unternehmen 1932. Er brachte Verträge mit einigen Banken zustande, die ihm nicht nur bestimmte Geldtransporte übertrugen, sondern ihn auch beauftragten, eingezahltes Papiergeld zu bündeln und in Ordnung zu bringen. Ich habe nie gewusst, dass es so etwas wie Bügelanstalten für Dollarscheine gibt. Aber tatsächlich sind eine ganze Menge Bankdirektoren der Meinung, es würde die Kunden freuen, glatte und saubere Scheine zu bekommen. Window übernahm die Instandsetzung. Sein Preis: zwei Cent pro Schein, gleichgültig ob es sich um einen Einer oder um eine 100-Dollarnote handelt.«

»Warum erzählst du mir, wie andere Leute Geld verdienen?«, brummte Phil.

»Weil es erklärt, aus welchem Grunde bei der Window-Firma zwei Millionen Dollar herumlagen. 1947 verlegte Window seinen Laden in den Anbau des Merchant Building. Damals wurde der Anbau nach seinen Wünschen verändert. Alle Verbindungen zum Hochhaus wurden zugemauert. Der kleine Hof vor dem Bau wurde vergittert. Window erhielt eine Einfahrt zugeteilt, die man über eine Sackgasse von der Worth Street aus erreicht. Er ließ die notwendigen Sicherungsanlagen einbauen.«

»Sicherungsanlagen!«, wiederholte Phil sehr verächtlich.

»Nicht eine von ihnen hat funktioniert. Es dauerte zehn Minuten, bis es dem Personal gelang, sich bemerkbar zu machen.«

»Die Sicherungsanlagen wurden nur für die Nacht eingeschaltet. Während des Tages konnte niemand die Räume betreten, der nicht angemeldet war.«

»Waren die Gangster angemeldet?«, fragte Phil.

»Sie kamen in Windows Wagen, in der Uniform von Windows Chauffeur und mit James Window auf dem Beifahrersitz! Klar, dass unter diesen Umständen der Pförtner keinen Verdacht schöpfte. Als sie drin waren, töteten sie den Pförtner, bevor dieser die Alarmanlage auslösen konnte.«

»Hör zu, Jerry! Alles, was draußen geschah, können die Gangster durch Beobachtung festgestellt haben. Aber sie können nicht erfahren haben, auf welche Weise Window den Lager- und Packraum zu betreten pflegte. Irgendwer aus Windows Personal muss ihnen den Tipp geliefert haben.«

»Wenn es so wäre, hätten wir es ziemlich leicht«, antwortete ich und blätterte in dem Ordner. »Leider ist es nicht so. Window machte selbstverständlich Reklame für seine Firma. Ich habe hier die Kopie eines Werbebriefes, wie er sie zu Hunderten verschickte. Ich lese die entscheidenden Sätze vor: Die Sicherheitsvorschriften bei der Security Transport Inc. sind sorgfältig ausgearbeitet. Die Lager- und Packräume werden ständig von bewaffneten, zuverlässigen Wächtern beobachtet. Während der Geschäftszeit kann die Zugangstür nur von innen geöffnet werden. Dies geschieht nur auf persönliche, telefonische Anweisung des Geschäftsinhabers.«

»Jeder, der diesen Brief las, wusste, dass er James Window kidnappen musste, wenn er an die Dollars heranwollte«, stellte Phil lakonisch fest

»Als einzige Verbindung zwischen beiden Gebäudeteilen blieb eine Stahltür bestehen. Window hat damals dagegen protestiert, aber irgendeine Brandschutzvorschrift verlangte die Verbindung. Window bestand dann darauf, dass ein besonders kompliziertes Schloss eingebaut wurde. Der Schlüssel dazu befindet sich in Verwahrung bei der zuständigen Abteilung der Feuerwehr. Außerdem wurde die Tür auf der Hochhausseite durch eine Tapete kaschiert«, fuhr ich fort.

Ich schob mir eine Zigarette zwischen die Lippen. »Während der Nacht ist auch die Stahltür an den allgemeinen Kreis der Sicherungsanlagen angeschlossen, aber während der Arbeitszeit müssen die Anlagen selbstverständlich ausgeschaltet werden. Nur während des Tages können die Gangster Abdrücke vom Schloss genommen und den Schlüssel nachgearbeitet haben. Vergiss nicht, immer tagsüber! Kurz: Es kann sich nur um Leute handeln, die sich täglich und ohne aufzufallen im Merchant Buildung bewegen können.«

»Angestellte einer Firma, die dort ihre Büros unterhält.« Ich zuckte mit den Schultern.

2

Der Mann, der hinter James Windows Schreibtisch saß, war mager. Er hatte ein scharf geschnittenes Gesicht und glattes, braunes Haar, das sich an den Schläfen zu lichten begann.

Er stand auf, als uns Windows Sekretärin in den Raum führte. »Ich heiße Charles Stretson. Ich bin Windows Anwalt. Sie sind FBI-Beamte?«

Ich bejahte.

Stretson zog die Augenbrauen eine Spur hoch. »Ist die Beraubung der Security Transport ein FBI-Fall?«

»Die City Police bat um unsere Mitarbeit. Als Täter kam ein Mann in Betracht, der ohnedies auf der FBI-Wunschliste steht.«

»Haben Sie den Mann?«

Ich beantwortete die Frage nicht. Der Anwalt reagierte auf mein Schweigen wieder mit einem schnellen Heben und Senken der Augenbrauen, was wie ein kurzes Zucken wirkte.

»Falls Sie Window noch einmal vernehmen wollen, so muss ich Ihnen sagen, dass ihm der Arzt völlige Ruhe verordnet hat. James’ Herz ist nicht intakt. Ein Wunder, dass er überhaupt noch auf den Beinen ist.«

»Sie führen sein Geschäft?«

»Ich versuche nur, Ordnung in die ganze Sache zu bringen. Auseinandersetzungen mit der Versicherung, Abwicklung der Restaufträge. Windows Geschäft benötigt keine Führung mehr. Nach der Sache, die sich gestern hier abspielte, ist er erledigt. Keine Bank vertraut der Security Transport auch nur noch einen Cent an.«

Er zuckte mit den Schultern mit der gleichen Schnelligkeit, mit der er seine Augenbrauen dauernd bewegte. »Das ist nun so bei diesem Job. Durch einen Raub wird jede Geldtransportfirma erledigt.«

»Sie wickeln also nur noch ab?«

»Genau! James gab mir die Vollmachten. Ich arbeite seit sechs Jahren als Anwalt für ihn. Ich habe sein Vertrauen.«

»In Ordnung, Mister Stretson«, meldete sich Phil zu Wort, »aber uns können Sie nichts nützen. Sie waren bei dem Raubüberfall nicht dabei.«

»Wollen Sie Window noch einmal verhören? Ist das wirklich notwendig? Die Leute von der City Police haben gestern jeden Angestellten der Firma stundenlang vernommen. Sie müssen alles herausgebracht haben, was nur herauszubringen ist. Können Sie sich keine Abschriften der Protokolle beschaffen?«

»Besitzen wir schon. In erster Linie wollen wir die Stahltür ansehen, durch die die Gangster ins Merchant Building getürmt sind.«

Er stieß ein kurzes Gelächter aus. »Die Tür kann ich Ihnen zeigen. Durch sie habe ich heute Morgen Windows Firma betreten.«

Er kam um den Schreibtisch herum. »Seit zwei Jahren unterhalte ich meine Kanzlei im Merchant Building. Gestern als die City Police die Bestandsaufnahme des Verbrechens vornahm, wurde ich auf Windows Bitte zugezogen. Die Beamten öffneten die Stahltür mit dem Schlüssel, der bei der Feuerwache liegt, und sie verschlossen sie nicht wieder. Wozu auch? In den Räumen der Security Transport liegt kein Dollar mehr.«

Die Stahltür war schmaler und ein wenig höher als eine gewöhnliche Tür. Als ich sie aufzog, knarrte sie in den Angeln. Auf der anderen Seite war sie mit Tapete beklebt, die jetzt in Fetzen herunterhing.

Auf der Seite des Hochhauses führte die Tür in einen schmalen, gewundenen Gang, von dem nach links eine Glastür führte.

»Auch moderne Häuser besitzen hin und wieder verbaute Ecken«, erklärte der Anwalt. »Dieser blödsinnige Gang ist dadurch entstanden, dass der Anbau hermetisch vom Hauptgebäude abgeschlossen werden musste, als ihn Window mietete.«

Ich wies auf die Glastür. »Ein Büro?«

»Danach hat Lieutenant Carrier von der City Police auch gefragt. Es ist ein einzelner Raum, der, wie in der Verwaltung des Hochhauses festgestellt wurde, von einem gewissen Randolph Dexter vor zwei Monaten gemietet wurde.«

»Kennen Sie Dexter?«

»Sie stellen dieselben Fragen wie Lieutenant Carrier. Dexter war vor etwa zwei Monaten in meinem Büro. Er schilderte einen Erbschaftsfall und wünschte meinen Rat, ob er gegen das Testament irgendeiner Tante, durch das er sich benachteiligt fühlte, Einspruch erheben solle. Ich riet ihm zu, weil mir die Sache aussichtsreich erschien. Er versprach, es sich zu überlegen. Er wollte mich im gegebenen Falle mit seiner Vertretung beauftragen. Er meldete sich aber nicht wieder.«

»Sind Sie ihm nicht irgendwann zufällig im Haus begegnet?«

»Nein.«

»Wissen Sie noch, wie er aussah?«

»Ein untersetzter Mann, der Zigarren rauchte. Ungefähr 45 Jahre alt. Er wirkte ein wenig schmierig mit seinen großen, vorquellenden Augen und den fettigen schwarzen Locken. Jedenfalls sah er nicht aus wie ein Gespenst.«

»Warum sprechen Sie plötzlich von Gespenstern, Mister Stretson?«

»Wissen Sie das noch nicht? Offenbar bin ich der Einzige im Merchant Building, der Randolph Dexter je gesehen hat. Bis in die Nacht hinein hat sich Lieutenant Carrier bemüht, wenigstens noch eine Person zu finden, die einen untersetzten Zigarrenraucher mit vorquellenden braunen Augen und fettigen schwarzen Ringellocken auf dem Flur oder den Treppen gesehen hat. Seine Anstrengungen blieben vergeblich. Es stellte sich heraus, dass die Anmietung durch ein Maklerbüro erfolgt war. Die Zahlungen wurden jeweils mit maschinengeschriebenen Postanweisungen erledigt.«

»Hat Carrier das Büro geöffnet?«

»Er braucht dazu erst eine richterliche Genehmigung.«

»Wenn dieser Dexter in Ihrem Büro war, Mister Stretson, dann muss er doch von Ihren Angestellten gesehen worden sein.«

»Ich habe nur eine Angestellte, Kate Royes, meine Sekretärin. Ich bin kein berühmter Anwalt, Agent Decker. Bis zu einer großen Kanzlei habe ich es nicht gebracht.«

»Hat Miss Royes den Mann gesehen?«

»Er kam, als sie zu einer Besorgung unterwegs war. Sie erinnert sich nur noch daran, dass ich am nächsten Tag mit ihr darüber sprach.«

»Wollen Sie uns jetzt bitte Ihr Büro zeigen, Mister Stretson?«

»Gern!«

***

Der gewundene Gang mündete in einen der Hauptkorridore des Merchant Building. Clerks und Stenotypistinnen waren mit Akten unterwegs. Es war kurz vor zehn Uhr, und der Betrieb in den Büros lief auf vollen Touren.

Wir kamen am Fahrstuhl vorbei, der in diesem Augenblick stoppte. Die Tür rollte zurück. Eine junge Frau stieg aus, ging an uns vorbei und sagte: »Guten Morgen, Mister Stretson!«

»Guten Morgen, Miss Holst!«, antwortete der Anwalt.

Stretson war stehen geblieben, um sie vorbeizulassen. Für ein paar Sekunden sahen wir ihr nach. Sie war groß, mit den richtigen Kurven an den richtigen Stellen, und sie bewegte sich mit der lässigen Sicherheit einer Frau, die von ihrer Wirkung überzeugt ist.

Sie ging auf eine Tür schräg gegenüber dem Aufzug zu, auf deren Milchglasfüllung in schwarzen Buchstaben stand: Richard Rowell – Agentur.

»Gehen wir!«, sagte Stretson.

Bevor ich mich umdrehen konnte, wurde die Tür wieder aufgerissen.

Die junge Frau stürzte auf den Korridor hinaus. Die wenigen Sekunden hatten genügt, um den Ausdruck ihres Gesichtes völlig zu verändern. Es hatte sich in eine verzerrte Grimasse verwandelt.

Sie kam auf uns zu. »Hilfe!«, flüsterte sie tonlos mit zugeschnürter Kehle. »Hilfe!« Dann gab der Druck nach, und sie schrie gellend: »Mord!«

Miss Holst warf sich gegen mich. Ich schob sie zur Seite. Sie wankte zu Stretson, der sie geschickt auffing.

Mit drei Sprüngen stürzte ich durch die offene Tür der Agentur. Ich sah einen Vorraum, abgeteilt durch eine Barriere, dahinter einen Tisch mit einer Schreibmaschine und einem Telefon. An der rechten Wand befand sich eine halb offene Tür.

Ich sprang über die Barriere, stieß die Tür vollends auf und sah vor der Fensterfront einen Schreibtisch. Der Kopf des Mannes, der dahinter in einem Sessel saß, lag auf der Schreibtischplatte.

Aus dem Nacken ragte der Griff eines Messers und noch ein Zoll der Klinge.

Ich beugte mich über den Schreibtisch. Ich legte den Handrücken an die Wange des Mannes. Sie war warm wie meine eigene. »Vor Minuten hat er noch gelebt, vielleicht vor Sekunden noch.«

Phil, der mir auf dem Fuße gefolgt war, begriff sofort.