Jerry Cotton Sonder-Edition - Folge 37 - Jerry Cotton - E-Book

Jerry Cotton Sonder-Edition - Folge 37 E-Book

Jerry Cotton

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1,99 €

Beschreibung

An Heilig Abend brachen 6 Schwerverbrecher aus dem Gefängnis aus und töteten dabei 2 Wärter. Die sofort ausgelöste Fahndung blieb erfolglos. Dann wurde das FBI hinzugezogen und Phil und ich hefteten uns an die Fersen der Flüchtenden. Schnell fanden wir heraus, dass sie nur zu einem Zweck ausgebrochen waren: Rache. Sie wollten sich an den Personen rächen, die für ihre Verurteilung verantwortlich waren ...

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Seitenzahl: 182

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Inhalt

Cover

Impressum

Unternehmen Todesstuhl

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

Kapitel 7

Kapitel 8

Kapitel 9

Kapitel 10

Vorschau

BASTEI ENTERTAINMENT

Vollständige E-Book-Ausgabe der beim Bastei Verlag erschienenen Romanheftausgabe

Bastei Entertainment in der Bastei Lübbe AG

© 2016 by Bastei Lübbe AG, Köln

Verlagsleiter Romanhefte: Dr. Florian Marzin

Verantwortlich für den Inhalt

Titelbild: shutterstock/Paul Vasarhelyi

E-Book-Produktion: César Satz & Grafik GmbH, Köln

ISBN 978-3-7325-3666-5

www.bastei-entertainment.de

www.lesejury.de

www.bastei.de

Unternehmen Todesstuhl

1963 startete der Bastei Verlag die Jerry Cotton Taschenbücher in Ergänzung zu der Heftromanserie, die zu diesem Zeitpunkt schon in der zweiten Auflage war.

Damals fragte der Klappentext der Taschenbücher noch: Wer ist G-man Jerry Cotton? Und gab auch gleich die Antwort:

»Er ist ein breitschultriger, gutaussehender FBI-Beamter, der sein Leben dem Kampf gegen Gangster gewidmet hat. Durch seinen Mut und seine Entschlossenheit hat er die Herzen von Millionen Lesern in mehr als 40 Ländern erobert.«

Die Jerry Cotton Sonder-Edition bringt die Romane der Taschenbücher alle zwei Wochen in einer Ausgabe.

Es ist eine Reise durch die Zeit der frühen 60er Jahre bis in das neue Jahrtausend.

1

Das Weihnachtslied klang mehr laut als schön durch den Raum. Kein Wunder, denn es waren Sträflinge, die es am Heiligen Abend im Zuchthaus sangen.

Foster H. Donovan, der seine Jahre wegen Unterschlagung absaß, stand in seiner Zelle auf dem Sprung. Angespannt lauschte er nach draußen.

Da, das war das Geräusch, auf das er gewartet hatte. Der Wärter, der im Gang patrouillierte, war durch den Schlag mit dem eisernen Fuß eines Zellenschemels unschädlich gemacht worden. George Ward hatte also gespurt!

Das Weihnachtslied übertönte alle Vorgänge.

Donovan schlüpfte durch die geöffnete Tür seiner Zelle zu Ward hinaus. Hastig rissen sie dem bewegungslos am Boden liegenden Wärter, der am Kopf blutete, ein paar Kleidungsstücke herunter. Dann griffen sie nach seinen Schlüsseln für die Zellen.

Donovan nahm Schlüssel Nummer 114 und jagte den Gang entlang zur Zelle 114.

Als er sie geöffnet hatte, stürzten vier Gefangene heraus, die dort bereits voller Spannung gewartet hatten. Wegen schlechter Führung durften sie nicht an der Weihnachtsfeier teilnehmen.

Jetzt waren sie sechs.

Ward hatte sich als Wärter ausstaffiert, und auf den ersten Blick konnte man ihm seine Maskerade sogar abnehmen.

»Was ist los, Billy?«, fragte der zweite Wärter.

Ward brachte ihn mit einem schnellen Hieb zum Schweigen. Die fünf anderen hielten sich nicht lange mit ihm auf. Donovan aber nahm ihm Mütze und Jacke ab.

Mit einer Handbewegung hielt Donovan die vier Männer auf. Dann schlenderte er mit Ward auf das Gefängnistor zu.

»Seid ihr verrückt geworden?«, fuhr Sergeant Sproy seine vermeintlichen Kollegen an, deren Kleidung er in dem leichten Schneegestöber deutlich erkannte. »Warum bleibt ihr nicht drin?«

Donovan und Ward antworteten nicht. Sie waren an Sproys Seite, ehe er Verdacht schöpfen konnte. Sein Schrei erstickte unter Wards grimmig zupackenden Händen, die nicht eher losließen, bis der Körper des Sergeant leblos zu Boden sank.

»Der hat genug«, sagte Donovan und durchsuchte den Aufseher nach dem Schlüssel, der zum Tor der Strafanstalt gehörte.

»Hast du ihn?«, keuchte Ward.

Donovan nickte. Ward jagte zurück, um die vier anderen zu holen. Inzwischen hatte Donovan das Tor geöffnet. An diesem Heiligen Abend war die Bewachung, wie sie vorausgesehen hatten, so gering wie sonst nie.

Als alle sechs draußen waren, schloss Donovan das Tor und schleuderte den Schlüssel in hohem Bogen weit in das öde Gelände, das vor dem Zuchthaus lag.

Sie rechneten, dass sie bis zum Ende der Weihnachtsfeier eine Stunde Zeit hatten. Bis dahin wollten sie so weit weg sein, dass die Verfolger das Nachsehen hatten.

Die sechs Sträflinge dachten nicht daran, auf der Straße zu bleiben.

Sie hasteten vorwärts. Keiner sprach ein Wort, denn alles kam darauf an, dass sie möglichst viele Meilen zwischen sich und das Zuchthaus legten. Nur wenn das gelang, würden sie ihre Pläne verwirklichen.

Aus der Ferne kam das Pfeifen eines Zuges. Die Bahnlinie führte etwa zwei Meilen entfernt am Zuchthaus vorbei. Jeden Augenblick mussten sie die Schienen erreichen.

Der nachlassende Schneefall ließ sie die Lichter des Zuges von weitem erkennen. Er brauste heran, aber ehe sie an den Schienen waren, verlangsamte er seine Fahrt.

Donovan blickte nach rechts. Dort stand ein Signal auf Halt. Der Zug musste jeden Augenblick zum Stehen kommen.

Sie bogen ein wenig ab, aber als Donovans Blick an den Wagen des Zuges entlanglief, erkannte er, dass es ein Güterzug war.

Blitzschnell dachte er nach. War das nicht die Chance, auf die er insgeheim gehofft hatte?

Er gab den fünf Männern ein Zeichen und keuchte auf den vorletzten Wagen zu.

»Was willst du?«, fragte Jones überrascht.

»Seht zu, ob wir die Tür aufbekommen!«, ordnete Donovan an und stemmte sich schon gegen einen der Griffe. Die Plombe, mit der der Güterwagen gesichert war, löste sich unter dem kräftigen Druck, den die sechs Männer ausübten. Mit leisem Quietschen rollte die Tür des Güterwagens auf.

»Du bist verrückt«, wandte John Angus ein. »Was soll das?«

»Schneller als mit dem Zug kommen wir nicht weg!«, entschied Donovan. »Los, alles hinein!«

Sie hörten die Lokomotive pfeifen. Es war das Zeichen, dass das Signal wieder freie Fahrt anzeigte. Kaum eine Minute hatte sich der Zug hier aufgehalten.

Schon waren zwei Männer im Inneren des Wagens, und sie reichten den anderen die Hände. Als der Zug bereits rollte, hoben sie Larry Smith als letzten hinein.

»Damit haben sie nicht gerechnet!«, grinste Donovan und rieb sich die Hände. »Wohin fährt der Zug?«

Die Frage galt Bert Jones, der sich hier auskannte. Er dachte einen Augenblick nach.

»Nach Concord«, erklärte er dann. »In der anderen Richtung geht es nach Boston.«

»Ausgezeichnet«, meinte Donovan.

»Vergiss nicht, was wir vorhaben!«, erinnerte ihn John Angus, der seine Strafe als Safeknacker noch lange nicht abgesessen hatte.

»Keine Sorge«, erwiderte Donovan, »was wir ausgemacht haben, das hat Gültigkeit. Und wer kneift, der wird von den anderen umgebracht. Wir sorgen dafür, dass die verdammten Kerle, die uns ins Zuchthaus gebracht haben, ihre verdiente Strafe erhalten. Oder hat schon jemand seine Meinung geändert?«

Keiner der Männer widersprach. Verbissen pressten sie die Zähne zusammen. Jetzt kam der Augenblick, wo sie endlich wahrmachen konnte, wovon sie monatelang im Kittchen geträumt hatten.

»Okay«, stellte Donovan fest und horchte nach draußen, »dann wollen wir überlegen, wo wir anfangen.«

***

Als der Ausbruch und die beiden toten Wächter entdeckt worden waren, hielt der Gefängnisdirektor Jonathan Clark es für angeraten, sofort das FBI zu verständigen. Da ich an Heilig Abend Dienst hatte, nahm ich den Anruf entgegen.

»Das ist eine Sache für den FBI«, sagte Clark hastig. »Zwei meiner Leute sind umgebracht worden. Sechs gefährliche Verbrecher sind auf freiem Fuß.«

»Das ist eine schöne Bescherung am Weihnachtsabend«, sagte ich. »Wie war das möglich?«

Aufgeregt schilderte mir der Direktor, was geschehen war.

»Ist da einer dabei, der mehr Köpfchen hat als die anderen?«

»Das kann nur Donovan sein«, sagte Clark sofort. Und er schilderte mir kurz, wie der Mann für seine raffinierten Unterschlagungen verurteilt worden war.

»Ich glaube nicht«, sagte ich düster, »dass Sie mit den üblichen Fahndungsmethoden etwas erreichen werden. Aber tun Sie, was Sie können! Ich fahre sofort los und bin bald bei Ihnen.«

»Endlich sind Sie da!«, empfing mich Direktor Clark. Er hatte Sandwiches und heißen Tee für mich zurechtgestellt.

»So«, sagte ich, »und nun erzählen Sie mir, wie alles gelaufen ist!«

Während ich aß und trank, erfuhr ich bis in alle Einzelheiten, wie der Ausbruch sich abgespielt hatte. Der dritte Beamte war längst aus seiner Ohnmacht erwacht und hatte geschildert, wie er durch die Uniform, die sich Ward angelegt hatte, getäuscht worden war.

»Merkwürdig«, sagte ich misstrauisch, »dass sie diesen Mann nicht umgebracht haben.«

»Meinen Sie, dass er mit den Kerlen gemeinsame Sache gemacht haben könnte?«, fragte der Direktor erschrocken.

»Ausgeschlossen ist es nicht.« Ich aß noch ein Schinken-Sandwich. »Jedenfalls werde ich mir den Mann nachher vorknöpfen.«

»Er musste ins Krankenhaus gebracht werden«, berichtete Clark. »Er war nicht in sehr guter Verfassung.«

»Aber er lebt.«

Clark erzählte weiter.

»Eins begreife ich nicht«, sagte ich nachdenklich. »Wieso war es möglich, dass zwei solche Kerle wie Donovan und Ward sich frei im Gefängnis bewegen konnten?«

Er biss sich auf die Lippen. »Donovan hatte über Schmerzen geklagt. Er gehört sonst zu unseren besten Gefangenen. Er ist nie aus der Reihe getanzt. Er bat, da er nicht an der Weihnachtsfeier teilnehmen konnte, dass er durch die offene Tür wenigstens die Lieder hören könnte.«

Grimmig nickte ich. Der Direktor hatte sich schön auf die Schippe nehmen lassen.

»Und Ward?«, fragte ich weiter. »Donovan scheint mir nach allem nicht der Typ zu sein, der Wärter umbringt. Also muss Ward es gewesen sein.«

Clark zuckte mit den Schultern. »Das ist mir genauso rätselhaft wie Ihnen, Agent. Fest steht nur, dass sie dem toten Wärter die Schlüssel abnahmen und damit die vier anderen freiließen, die zusammen in einer Zelle saßen.«

Ich ließ mir von Clark der Reihe nach einige der anderen Häftlinge vorführen, deren Zellen in der Nähe lagen und knöpfte sie mir vor.

»Sechs Männer sind heute Abend von hier entwichen«, sagte ich. »Das FBI wird dafür sorgen, dass sie bald wieder bei euch sind. Ihr müsst doch davon gewusst haben. Warum habt ihr nicht rechtzeitig gemeldet, was sie vorhatten?«

Drei Häftlinge waren so abgebrüht, dass sie entweder nur stumpfsinnig den Kopf schüttelten oder mir ins Gesicht lachten. Aber dann war da einer, dem ich die Unsicherheit schon anmerkte.

Er begann zu stottern. »Sie hätten mich – glatt fertiggemacht, Agent. Wir wussten alle, dass sie türmen wollten.«

Der Direktor schob mir die Akte des Gefangenen hin. Er hieß Fred Cooper und war zu drei Jahren verurteilt worden, weil er Wechsel gefälscht hatte.

»Rück raus, Cooper, wohin wollten sie! Ich bin sicher, der Direktor setzt sich dafür ein, dass du etwas früher rauskommst, wenn du uns auf die Sprünge hilfst.«

Seine Blicke huschten hin und her. »Sie haben gedroht, wer singt, wird umgebracht.«

»Unsinn! Die Kerle sind weg, und wir werden dafür sorgen, dass dir nichts passiert.«

Er blickte mich zweifelnd an. Aber er hatte sich schon zu weit vorgewagt, als dass er noch zurück konnte. »Bert Jones kennt ein halb verfallenes Farmhaus, sechs oder acht Meilen von hier entfernt. Dort wollten sie zuerst hin.«

»Jones stammt hier aus der Gegend«, bestätigte der Direktor.

»Weißt du nichts Genaueres darüber?«, bohrte ich weiter.

Er biss sich auf die Lippen. »Es muss ein Steinbruch in der Nähe sein«, fiel ihm ein. »Und neben dem Haus stehen Ulmen.«

Ich blickte auf meine Uhr.

Seit dem Ausbruch waren jetzt sechs Stunden vergangen. Angesichts des Schneefalls sprach alles dafür, dass die Ausbrecher tatsächlich dort Zuflucht suchen würden.

Ich machte Clark ein Zeichen, dass er Cooper wieder in seine Zelle bringen lassen solle. Als er weg war, sagte ich: »Sie kennen sich hier besser aus. Versuchen Sie, die genaue Lage dieser Farm zu ermitteln! Es muss ja Leute geben, die die Gegend hier kennen. Ich fühle inzwischen Ihrem Beamten auf den Zahn.«

***

Zehn Minuten später fuhr ich vor dem Krankenhaus vor. Der Arzt machte eine bedenkliche Miene, dass ich mir den Gefangenenwächter Miller vornehmen wollte.

»Ich will ihn wenigstens vorbereiten«, schlug er vor. Aber ich hatte das Gefühl, dass seine Vorbereitung die entgegengesetzte Wirkung gehabt hatte. Miller sah mir so ängstlich entgegen, als fühle er sich in seiner Haut nicht wohl.

»Sie haben Glück gehabt«, sagte ich. »Ward war zu Ihnen netter als zu Ihren zwei Kollegen. Können Sie sich das erklären?«

»Ich habe einen Fehler gemacht«, gab er zu. »Es wird mich meine Stellung kosten.«

»Sprechen Sie ruhig! Vielleicht gibt uns das noch einen Hinweis.«

Seine Hände zitterten. Es war der Schock, der in ihm nachklang, und der Schreck über mein Auftauchen.

»Ward war von der Weihnachtsfeier ausgeschlossen«, murmelte Miller leise. »Aber als ich ihm sein Essen brachte, bat er mich, wenigstens vom Gang aus zuhören zu dürfen. Ich schlug es ihm natürlich ab. Da traten ihm die Tränen in die Augen, und er erinnerte mich daran, dass Weihnachten sei. Ja, da habe ich mich breitschlagen lassen. Ich sagte meinem Kollegen vorher Bescheid. Als die Feier begonnen hatte, schloss ich seine Zelle auf und ließ ihn heraus. Dann kehrte ich an meinen üblichen Platz zurück.«

Ich verzichtete darauf, ihm unter die Nase zu reiben, dass sein Leichtsinn das Leben von zwei Kollegen gekostet hatte.

»Wie kam es, dass er Sie dann überwältigen konnte?«

»Ward hat ungefähr die gleiche Figur wie Bill. Er hatte dessen Kleidung angelegt. Jedenfalls glaubte ich, dass es Bill sei, der auf mich zukam. Und dann erkannte ich plötzlich Wards Gesicht unter der Uniformmütze. Aber da war es schon zu spät.«

Als ich zum Zuchthaus zurückkam, standen schon ein Dutzend Officer bereit.

Clark informierte mich. »Wir haben inzwischen festgestellt, wo sich der Zufluchtsort der Ausbrecher befindet.«

Die Cops nahmen mich in ihrem Kommandowagen mit. Wir fuhren durch den jetzt nur noch dünn fallenden Schnee ohne Rotlicht eine ganze Anzahl von Meilen durch Wälder, Wiesen und kleine Dörfer. Irgendwo unter dem dunklen Nachthimmel machten wir halt und setzten uns schweigend und vorsichtig in Bewegung.

Nach 20 Minuten Marsch trat der Kommandoführer an meine Seite.

»Dort liegt die Farm«, flüsterte er und zeigte mit dem Finger in die Nacht. »Sie ist seit drei Jahren verlassen und verfällt langsam. Aber ein paar Räume sind sicher noch bewohnbar.«

Wir schlichen wie die Indianer und tasteten uns lautlos zur Tür. Sie öffnete sich sofort. Aber der Schnee war zart daraufgestäubt. Mir wurde sofort klar, dass hier niemand Zuflucht gesucht haben konnte.

Wie gründlich wir auch im Scheine von Taschenlampen das alte Farmhaus durchstöberten – es gab kein Zeichen dafür, dass die Ausbrecher jemals hier gewesen waren. Entweder hatte uns der Zuchthäusler Cooper irregeführt, oder die Entflohenen hatten ihren Plan in letzter Minute geändert.

2

Auf der Sunrise-Farm, ein Dutzend Meilen von Concord, der Hauptstadt New Hampshires, entfernt, hatten Farmer Robert Finch, seine Frau Helen und der Knecht Bill das Weihnachtsmahl beendet. Das Farmerehepaar setzte sich vor den Fernseher, während Bill nach draußen ging, um nach dem Rechten zu sehen.

Als er sich dem Stall zuwendete, tauchten plötzlich aus der Dunkelheit vor ihm ein paar Gestalten auf. Dann vernahm er ein gezischtes »Hands up!«

Statt der Aufforderung zu folgen, ging er auf den Mann, der ihm am nächsten stand, los. Das war sinnlos, denn zwei Minuten später hatten die sechs ihn zusammengeschlagen.

Ward und Angus öffneten die Tür des Farmhauses, die der Knecht nicht verschlossen hatte. Sie hatten schon vorher durch das Fenster die Lage gepeilt und waren ziemlich sicher, dass nur noch zwei Menschen im Haus waren.

Als Robert Finch die Tür knarren hörte, rief er: »Komm rasch, Bill, der Krimi beginnt!«

Und er begann wirklich. Denn Angus riss die Tür auf und stürzte sich auf ihn.

Die beiden alten Leute waren so überrascht, dass sie keine Gegenwehr leisteten. Sie lagen kurz darauf gefesselt auf dem Boden.

Es war Donovan, der sie verhörte. »Wenn wir feststellen, dass Sie uns belügen«, sagte er hart, »machen wir kurzen Prozess, verstehen Sie?«

Robert Finch nickte düster. Die Kleidung der sechs Eindringlinge bewies deutlicher als viele Worte, woher sie kamen.

»Erwarten Sie heute Abend noch jemand?«

»Nein«, erklärte Robert Finch, aber seine Frau fügte hastig hinzu: »Manchmal kommen die Nachbarn noch rüber.«

»Unsinn«, wies Finch seine Frau zurecht, aber die Verbrecher hatten begriffen.

»Du hältst Wache«, wies Foster Donovan nach kurzem Besinnen Bert Jones an.

»Wie weit ist die nächste Farm entfernt?«

»Vier Meilen«, antwortete Finch.

Zufrieden blickten sich die Ausbrecher an.

»Wo finden wir Klamotten?«, wandte sich Donovan jetzt an Helen Finch.

Zitternd gab sie die gewünschte Auskunft. Es dauerte nicht lange, und die sechs Häftlinge hatten sich mit den vorhandenen Anzügen versehen. Der Sohn der Finchs, der in Boston arbeitete, hatte ein paar Sachen hängen lassen, die die Auswahl etwas vergrößerten.

»Hier sucht uns bestimmt keiner«, stellte Donovan zufrieden fest. »Falls die Nachbarn aufkreuzen, werden wir eine Ausrede finden.«

Kaum waren die Ausbrecher umgekleidet, als sie die Farm nach Nahrung absuchten. Sie ließen sich die Reste des Puters gut schmecken. Das Ehepaar Finch hatten sie inzwischen im Keller untergebracht.

Ward durchstreifte Haus und Küche noch einmal auf eigene Faust und tauchte dann grinsend mit einer Flasche Rum auf. »Happy Christmas«, schrie er begeistert, »jetzt lass ich mich volllaufen.«

»Das wirst du nicht tun, George«, sagte Donovan.

Die Männer starrten ihn missmutig an.

»Mensch, Foster«, redete Larry Smith ihm zu, »hast du eine Ahnung, was das bedeutet, Jahre ohne Alkohol? Lass uns heute saufen! Morgen ist auch noch ein Tag.«

»Du verdammter Idiot!«, schrie Donovan und riss Ward die Flasche aus der Hand. Ehe die Männer ihn hindern konnten, hatte er sie auf den Boden geworfen, dass sie in Stücke zersprang. In Bächen floss der Rum über den Estrich.

»Das sollst du mir büßen«, fluchte Ward und tappte drohend auf Donovan zu. Smith warf sich auf den Boden und versuchte, die Reste des Rums aufzulecken.

»Hört zu!«, schrie Donovan, so laut er konnte. »Habt ihr vergessen, was wir vorhaben? Jeder von uns kann später so viel saufen, wie er will. Aber erst ist unsere Rache fällig! Seid ihr Männer oder Waschlappen, die sich von einem bisschen Rum um den Verstand bringen lassen?«

Seine Worte wirkten. Beschämt erhob sich Smith vom Boden. Ward ließ die erhobenen Fäuste sinken. Und die anderen, die ruhiger geblieben waren, nickten Donovan zu.

»Was hast du vor, Foster?«, fragte Stephenson, der nach diesem Auftritt Donovan zu respektieren begann.

»Die halbe Nacht liegt noch vor uns«, erklärte Donovan. »Wir müssen sie ausnutzen. Je schneller wir handeln, um so sicherer ist unser Erfolg.«

»Schieß los!«, sagte John Angus gähnend. »Ich bin zwar verdammt müde. Aber wenn ich an den Cop denke, der mir die Handschellen anlegte, dann werde ich munter wie ein Fisch im Wasser.«

»Also gut«, nickte Donovan. »Jeder von euch hat einen, den er erledigen will. Vielleicht auch zwei. Wir könnten von hier ausschwärmen, und jeder würde auf eigene Faust vorgehen. Aber das wäre nicht einfach. Denn er müsste alle Schwierigkeiten allein überwinden. Und er hätte als einzelner die ganzen Cops gegen sich.«

»Wie willst du das ändern?«, fragte Larry Smith.

»Ganz einfach«, fuhr Donovan fort. »Wir bilden eine Gang. Wir führen zusammen durch, was jeder von uns vorhat. Das heißt: ihr helft mir, meine Leute zu schnappen. Und ich helfe jedem von euch, seine Abrechnung durchzuführen. Und damit keiner denkt, er wird benachteiligt, wollen wir die Reihenfolge auslosen.«

Er schnitt sechs gleiche Zettel zurecht. Auf jeden schrieb er einen Namen, faltete ihn zusammen und mischte dann alle. Gespannt beobachteten ihn die fünf.

»Wer zieht die Lose?«

Unschlüssig sahen sie sich gegenseitig an, bis Stephenson in das Häufchen griff und den ersten Zettel entfaltete. »Ward«, las er.

Der Raubmörder grinste zufrieden und rieb sich die Hände.

»Du bist also Nummer eins«, stellte Stephenson fest.

Er nahm den nächsten Zettel. »Angus«, verkündete er.

Als dritter war Stephenson selbst an der Reihe, während mit Nummer vier Donovan kam. Larry Smith wurde fünfter, so dass für Bert Jones erst Platz sechs an der Reihe war.

»Wen haben wir für dich zu erledigen?«, wandte Donovan sich an George Ward.

Der Gefragte ballte die Fäuste. »Erledigen will ich ihn selbst, Leute«, sagte er grimmig. »Er heißt Philipp Crawley und ist Häusermakler in Boston. Der Kerl hat mir die ganze Suppe eingebrockt.«

***

»Wie weit haben wir es nach Boston?«, fragte Donovan«

Bert Jones überlegte: »Etwa fünfzig Meilen, Boss.«

»Ein Katzensprung!«

Ward rieb sich die Hände. »Wenn Crawley eine Ahnung hätte, was ihm blüht!«

»Wie kommen wir nach Boston?«, wollte Stephenson wissen.

»Der alte Farmer hat bestimmt einen fahrbaren Untersatz in der Scheune stehen. Los, Stephenson, geh runter und frag ihn!«

Eine halbe Stunde später fuhren fünf Mann in einem alten Ford los. Bert Jones war als Wache zurück geblieben, und Donovan hatte ihm eingetrichtert, was er sagen sollte, wenn jemand käme.

Auch das nötige Betriebskapital hatten die Gangster bei sich. Ein paar massive Drohungen hatten genügt. Finchs Frau gab an, wo das Geld versteckt war. George Ward war wie im Rausch. »Ich drück ihn platt wie eine Wanze«, wiederholte er immer wieder.

Während der Ford auch in dem Schneematsch auf den Straßen sein Bestes tat, kam Angus auf eine Idee. »Wenn wir einmal in Boston sind«, schlug er vor, »können wir auch gleich meinen Mann erledigen. Er wird bestimmt noch im gleichen Revier Policeman sein wie damals.«

Larry Smith verzog das Gesicht. »Müssen wir uns wirklich mit einem Cop einlassen?«, fragte er. »Das ist verdammt gefährlich.«

»Hast du dein Versprechen schon vergessen?«, fuhr Donovan ihn an.

»Nein, nein«, murmelte er, »aber …«

Stephenson, der am Steuer saß, brachte den Wagen zum Stehen. »Wenn einer jetzt schon kalte Füße bekommt«, sagte er höhnisch, »dann soll er schleunigst aussteigen.«

»Recht hast du, Henry«, stimmte Donovan sofort zu. »Wenn Larry kneifen will, fällt er uns nur auf den Wecker. Los, Larry, was ist nun mir dir?«

Der Hehler sank in sich zusammen. »Ihr missversteht mich«, sagte er unterwürfig. »Ich wollte doch nur warnen.«

»Das war das letzte Mal, Larry!«, sagte Donovan haft. »Wir werden einen Umweg über Worcester machen. Wenn die Cops die Einfahrt nach Boston kontrollieren, werden sie uns aus dieser Richtung bestimmt nicht erwarten.«

***

Eine Stunde später starrten die Männer, die ihren Ford in der Washington Street geparkt hatten und zu Fuß in diese Seitenstraße getrottet waren, auf das Haus von Philipp Crawley.

»Der Kerl hat sich verbarrikadiert«, grunzte Ward aufgebracht. »So ein feiger Hund.«

»Die Läden knack ich im Nu«, sagte Angus geringschätzig.

»Und dann werden die Nachbarn hellhörig«, ergänzte Donovan kühl. »Nein, mit Gewalt ist hier nichts zu machen. Wir müssen es anders anfangen. Lasst mich mal nachdenken!«

Zehn Minuten später klingelte bei Philipp Crawley das Telefon. Das Ehepaar war eben im Begriff, zu Bett zu gehen. Ärgerlich griff Crawley nach dem Hörer.