Verlag: Bastei Entertainment Kategorie: Abenteuer, Thriller, Horror Sprache: Deutsch Ausgabejahr: 2018

Jerry Cotton Sonder-Edition Sammelband 4 - Krimi-Serie E-Book

Jerry Cotton  

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E-Book-Beschreibung Jerry Cotton Sonder-Edition Sammelband 4 - Krimi-Serie - Jerry Cotton

Sammelband 4: Drei actiongeladene Fälle und über 250 Seiten Spannung zum Sparpreis! G-Man Jerry Cotton hat dem organisierten Verbrechen den Krieg erklärt! Von New York aus jagt der sympathische FBI-Agent Gangster und das organisierte Verbrechen, und schreckt dabei vor nichts zurück! Damit ist er überaus erfolgreich: Mit über 3000 gelösten Fällen und einer Gesamtauflage von über 850 Millionen Exemplaren zählt er unbestritten zu den erfolgreichsten und bekanntesten internationalen Krimihelden überhaupt! Und er hat noch längst nicht vor, in Rente zu gehen! Die Jerry Cotton Sonder-Edition ist der echte Klassiker. Sie bietet dem Leser die Romane aus der Frühzeit der Serie und schickt ihn auf Zeitreise in die frühen 60er Jahre bis in das neue Jahrtausend. In diesem Sammelband sind 3 Krimis um den "besten Mann beim FBI" enthalten: 10: Tote sterben später 11: Der letzte Vorhang fällt 12: Der Tod an Bord Jerry Cotton ist Kult - und das nicht nur wegen seines roten Jaguars E-Type. Jetzt herunterladen und garantiert nicht langweilen!

Meinungen über das E-Book Jerry Cotton Sonder-Edition Sammelband 4 - Krimi-Serie - Jerry Cotton

E-Book-Leseprobe Jerry Cotton Sonder-Edition Sammelband 4 - Krimi-Serie - Jerry Cotton

Impressum

BASTEI ENTERTAINMENT Vollständige eBook-Ausgaben der beim Bastei Verlag erschienenen Romanheftausgaben Bastei Entertainment in der Bastei Lübbe AG Für die Originalausgaben: Copyright © 2015 by Bastei Lübbe AG, Köln Programmleiterin Romanhefte: Ute Müller Verantwortlich für den Inhalt Für diese Ausgabe: Copyright © 2018 by Bastei Lübbe AG, Köln Covermotive von © shutterstock: javarman | PanicAttack ISBN 978-3-7325-7028-7

Jerry Cotton

Jerry Cotton Sonder-Edition Sammelband 4 - Krimi-Serie

Inhalt

Jerry CottonJerry Cotton Sonder-Edition - Folge 10Es ging um einen neuen revolutionären Kunststoff, TST. Viele hatten dabei ihre Hände im Spiel, und einige davon waren tot oder verschwunden. Als Phil und ich damit zu tun bekamen, war der letzte Akt des Dramas angebrochen, und die Toten erhoben sich aus den Gräbern, um Rache an ihren Mördern zu nehmen ...Jetzt lesen
Jerry Cotton Sonder-Edition - Folge 11Im Atkinson Theater rauschte der Beifall, das Publikum war begeistert. Nachdem sich der Theatersaal geleert hatte, kontrollierte ein Saaldiener die Logen und in einer lagen zwei Männer. Und in den Männern steckten zwei Messer. Als Phil und ich vor Ort die Ermittlungen aufnahmen, mussten wir schnell feststellen, dass beim Theater nichts so ist wie es scheint ...Jetzt lesen
Jerry Cotton Sonder-Edition - Folge 12Die "Savannah" war ein Seelenverkäufer, und die Besatzung bestand aus Gangstern. Ich war einer von ihnen, undercover und mit einer entsprechenden Legende vom FBI eingeschleust. Ich sollte Beweise für Waffen- und Rauschgiftschmuggel finden und zum richtigen Zeitpunkt die Küstenwache alarmieren. Das Erste gelang mir, das Zweite nicht, und schließlich fand ich mich im Hai verseuchten Meer vor der mexikanischen Küste wieder...Jetzt lesen

Inhalt

Cover

Impressum

Tote sterben später

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

Kapitel 7

Kapitel 8

Kapitel 9

Kapitel 10

Kapitel 11

Kapitel 12

Kapitel 13

Kapitel 14

Kapitel 15

Vorschau

Tote sterben später

1963 startete der Bastei Verlag die Jerry Cotton Taschenbücher in Ergänzung zu der Heftromanserie, die zu diesem Zeitpunkt schon in der zweiten Auflage war.

Damals fragte der Klappentext der Taschenbücher noch: Wer ist G-man Jerry Cotton? Und gab auch gleich die Antwort: »Er ist ein breitschultriger, gutaussehender FBI-Beamter, der sein Leben dem Kampf gegen Gangster gewidmet hat. Durch seinen Mut und seine Entschlossenheit hat er die Herzen von Millionen Lesern in mehr als 40 Ländern erobert.«

Die Jerry Cotton Sonder-Edition bringt die Romane der Taschenbücher alle zwei Wochen in einer Ausgabe.

Es ist eine Reise durch die Zeit der frühen 60er Jahre bis in das neue Jahrtausend.

1

Ich hatte einen freien Abend vor mir und war entschlossen, ihn bis aufs Messer zu verteidigen.

Um Punkt neun Uhr schrillte bei mir zu Hause das Telefon. Misstrauisch beäugte ich den Apparat. Dann stellte ich das Glas weg, drehte den Plattenspieler auf und griff nach dem Hörer.

»Hallo?«

Zwei tiefe, regelmäßige Atemzüge, dann eine weibliche Stimme: »Jerry? Sind Sie’s?«

Ich richtete mich auf. Die Stimme klang nach jung und gut aussehend und sie kam mir irgendwie bekannt vor.

»Ja«, sagte ich und lauschte.

»Sie erinnern sich doch an mich, Jerry!«

»Wie wär’s mit einem Tipp?« Damit vermied ich hoffentlich, Linda als Diana anzureden.

»Brooklyn Heights«, sagte die junge Frau mit der hübschen Stimme. »Zwanzigster November. Fällt’s Ihnen jetzt wieder ein?«

Ich dachte kurz nach. Am 20. November war ich auf einer Party bei John Allen gewesen. Allen war ein Kollege von der CIA. Seine Partys standen in dem Ruf, die hübschesten Frauen der Stadt zu vereinigen.

Ich vergegenwärtigte mir, mit wem ich an diesem Abend getanzt hatte. Das war gar nicht so einfach. Dann war ich meiner Sache ziemlich sicher.

»Felice?«

»Nun also! Ich fürchtete schon, Sie hätten mich vergessen.«

Felice – dunkel, tolle Figur, eine bildhübsche und intelligente junge Frau. Der Abend war gerettet.

»Wie können Sie das glauben, Felice. Ich und Sie vergessen …«

»Ich nehme an, das ist die Einleitung, Jerry! Haben Sie was dagegen, wenn ich das Verfahren abkürze und Sie in meiner schüchternen Art bitte, mich in einer halben Stunde abzuholen?«

»Nicht das Geringste, aber Sie haben meine ganze einstudierte Rede kaputtgemacht.«

»Tut mir leid, wenn Sie dadurch aus der Übung kommen. Ich möchte mich mit Ihnen unterhalten!«

Ich sah auf die Uhr. »Okay, ich bin in einer halben Stunde bei Ihnen. Ich bin also gleich in der – wie hieß sie noch?«

»Johnston Avenue, 1158. Das ist in den Brooklyn Heights!«

»Richtig. Also bis gleich!« Ich legte auf, notierte mir die Adresse und beeilte mich.

Ich warf mich in den blauen Anzug, band mir die neue, gepunktete Krawatte um und sah zu, dass ich wegkam.

Der Lift war unterwegs. An den Leuchtpunkten verfolgte ich, wie er zu mir emporwanderte. Genau vor mir stoppte er. Die Teakholztür schob sich auseinander, und vor mir stand Phil Decker.

Er ist mein Freund, aber als er jetzt mit seinem Mich-schickt-der-Chef-Gesicht vor mir stand, hätte ich ihn zum Mond schießen können.

»Hallo, Phil«, sagte ich, »ich schlage dir ein Abkommen vor. Du stellst dir vor, du wärst zwei Minuten später gekommen, und ich benutze die Treppe. Dann haben wir uns nicht getroffen!«

»Ich will nicht hoffen, du hast was vor. Aus dem Abkommen wird nichts, selbst wenn ich es wollte.«

»Wieso?«

»Stell dir mal vor, Mister High säße unten im Wagen!«

Ich schob die Brauen in die Höhe. »Wie kommt denn das?«

»Es scheint sich um einen ausgesprochen dringenden Fall zu handeln. Mister High will dich sofort im Wagen sprechen, Nimm lieber die Zahnbürste gleich mit!«

»Warum gibt einem denn keiner Vorwarnung?«, brummte ich.

»Vielleicht hast du’s mit der Telefonistin verdorben. Beeilen wir uns!«

***

Mr High saß in seinem Dienstwagen, dem schwarzen Chrysler. Der Wagen war ein Spezialfahrzeug, dazu gebaut, bei Staatsbesuchen und dergleichen an zweiter Stelle zu fahren. Ein repräsentativer Schlitten. Im Fond hatte er etwa soviel Platz wie ein gotisches Kreuzgewölbe.

»Hallo, Jerry«, sagte Mr High. »Ich weiß, dies ist Ihr freier Abend, und wir stören Sie. Glauben Sie mir, ich tu’s nicht gerne!«

Der Chef hatte die bemerkenswerte Fähigkeit, einem alle möglichen Einwände vorher aus dem Mund zu nehmen. Ich setzte mich also ihm gegenüber, mit dem Rücken zum Fahrer und machte ein erwartungsvolles Gesicht. Phil schwang sich herein, und Mr High gab dem Fahrer Anweisung, die Eighth Avenue entlangzufahren.

»Jerry«, begann Mr High. »Ich habe einen brandeiligen Fall, brauche einen guten Mann, und der gute Mann sind Sie. Das heißt, ich verlange Überstunden von Ihnen. Ich will nicht hoffen, dass Sie deswegen die Gewerkschaft gegen mich mobilisieren.« Ich nahm mir eine Zigarette. »Worum handelt es sich?«

»Kennen Sie Vance?«

»Vance? Ich glaube nicht!«

»Das ist ein kleines Nest oben bei Passaic, 30 Meilen von hier. Dort treibt eine Bande von Jugendlichen ihr Unwesen. Die Burschen haben es fertig gebracht, den ganzen Ort zu tyrannisieren, und der Sheriff ist machtlos dagegen.«

»Well, aber ist das wirklich ein Fall für das FBI?«

»Ja, das ist er. Der Fall liegt nämlich besonders. Die Bande wird angeführt von einem Ganoven, der im New Yorker Hafenviertel als Ikey, die Ratte, bekannt ist.«

Ich pfiff durch die Zähne. »Den Burschen kenne ich. Das ist ein kleiner und besonders mieser Gauner. Ich glaube, er gehört zu der Sorte, die betrunkenen Seeleuten die Taschen ausräumt.«

»Er hat drei Vorstrafen und weiß, dass er beim nächsten Mal in Sicherheitsverwahrung geht. Ich nehme an, das ist der Grund, warum er die Stadt verlassen hat. Das Pflaster ist ihm hier zu heiß geworden.«

»Und in Vance fühlt er sich sicher?«

»Ja«, sagte Mr High. »Dort gibt es nur einen Sheriff, und der ist nicht mehr der Jüngste. Ikey ist zu gerissen, als dass der Mann mit ihm fertig würde. Irgendwie hat Ikey es fertig gebracht, den Nimbus eines großen Asses aus der New Yorker Unterwelt zu erwecken. Damit hat er es verstanden, auf die jugendlichen Herumtreiber der Stadt Eindruck zu machen. Die Burschen sind im Grunde genommen harmlos, aber ich fürchte, das wird nicht mehr lange so bleiben. Ikey hat sie mit Schnappmessern ausgerüstet, und jetzt fühlen sie sich als kleine Al Capones.«

»Ist denn schon etwas passiert?«, erkundigte ich mich.

»Bisher nicht. Aber das wird sich ändern. Ich habe vorhin den Bericht des Sheriffs gelesen, Jack Trask heißt er, und danach sieht es so aus, als würde demnächst der übliche Ärger losgehen. Ikey wird sich bestimmt im Hintergrund halten, aber er wird die Burschen losschicken, und sie werden sich einbilden, für einen großen Boss zu arbeiten. Verstehen Sie mich recht, Jerry! Es geht nicht darum, die Jugendlichen zu überführen, sondern zu verhindern, dass sie kriminell werden. Ikey ist der Mann, der unschädlich gemacht werden muss.«

»Bei Ikey dürfte das doch kein Problem sein«, meinte ich.

»Täuschen Sie sich nicht! Ikey ist gerissen, und die Bande hält bedingungslos zu ihm. Ich will Ihnen ein Beispiel nennen. Die Bank von Passaic befürchtet schon seit Tagen einen Überfall. Sie hat einen Detektiv aus New York engagiert. Der Mann wurde zwei Stunden nach seiner Ankunft in Vance krankenhausreif geprügelt. Sie sieht die Lage aus.«

Der Fahrer wendete, und wir fuhren jetzt die Eighth Avenue zurück.

»Ich verstehe«, sagte ich langsam. »Der Fall scheint mir aber eher etwas für einen Psychiater als für einen Kriminalisten zu sein. Wie soll ich den Burschen klar machen, dass Kriminalität nichts mit Heldentum zu tun hat?«

»Es gibt einen Weg. Wir alle wissen, was von Ikey zu halten ist. Holen Sie den Gangster von seinem Sockel, Jerry! Zeigen Sie der Bande, dass er klein und mies ist! Ich möchte Sie bitten, gleich loszufahren. Dieser Fall brennt mir unter den Nägeln. Ich bin gerade auf dem Weg nach Washington, und deshalb habe ich Sie abgeholt, um Ihnen vorher noch Bescheid zu sagen.«

»Und der Fall ist so dringend, dass ich jetzt gleich auf den Weg machen muss?«

»In diesem Fall kann etwas Eile dazu beitragen, etwa 20 Jugendliche davor zu bewahren, später einmal unsere Vorstrafenregister zu bereichern.«

Ich drückte meine Zigarette aus. »Mister High – ist das alles? Oder gibt es noch einen anderen Grund, mich fortzuschicken?«

Mr High sah geradeaus durch die Scheiben. Draußen spiegelten sich die Neonlichter auf der nassen Fahrbahn.

»Richtig geraten, Jerry«, sagte der Chef endlich. »Es gibt noch einen Grund.«

»Und der wäre?«

»Vito Genoveses Bande ist vor sechs Stunden aus dem Zuchthaus Scranton entlassen worden. Sie wissen doch, was das bedeutet.«

Ich stieß einen leisen Pfiff aus.

Es war vielleicht ein Zufall gewesen, dass gerade ich die Bande geschnappt hatte. Aber den Hass, den sie mir damals entgegenbrachte, spürte ich jetzt noch – eine kalte, unversöhnliche Flamme.

Mr High sagte: »Jerry, dass die Vier sich im Zuchthaus geändert haben, ist unwahrscheinlich. Ich habe vorhin mit dem Direktor von Scranton telefoniert. Die Männer sind in erstaunlich guter körperlicher Verfassung. Es sieht so aus; als ob irgendetwas sie diese vier Jahre aufrechtgehalten hätte. Aus Erfahrung wissen wir, dass Hass solche Wirkungen haben kann.«

»Ich habe nie Wert auf die Freundschaft dieser Zeitgenossen gelegt«, brummte ich.

»Wir müssen damit rechnen, dass sie hier auftauchen und sich rächen.«

»Sollen sie kommen. Ich …«

»Jerry! Dass die Gangster rückfällig werden und wir uns bald mit ihnen beschäftigen müssen, ist zu erwarten. Aber ich will keinen Privatkrieg. Wenn die Burschen hier anrücken und Ihnen ans Leder wollen, müssen Sie sich wehren. Das läuft auf einen Privatkrieg hinaus. Deshalb nehme ich Sie aus der Schusslinie und schicke Sie nach Vance.«

»Aber das ist doch nur vorübergehend. In ein paar Tagen komme ich zurück, und dann stehen wir vor demselben Problem.«

»Vielleicht nicht. Abgesehen von ihren Racheplänen, scheinen die Gangster auch sonst einiges vorzuhaben. Wir haben ihnen ein paar tüchtige Leute auf die Fersen gesetzt. Vielleicht sitzt die Bande in ein paar Tagen hinter Gittern.«

Jetzt verstand ich den Chef. Und wenn es mir auch gegen den Strich ging auszuweichen, sah ich doch ein, dass er recht hatte. »Okay, ich fahre sofort!«

Der Chef gab mir einen schmalen Aktenordner. »Da steht alles Wissenswerte über Vance drin. Sie können es im Bus lesen!«

»Im Bus?«

»Ja, ich würde Ihnen empfehlen, Ihren Wagen hierzulassen. Vance ist ein kleines Nest und Ihr Jaguar ein auffallendes Fahrzeug.«

»Kann Phil mitkommen?«

»Nein, Phil arbeitet an der Hoboken-Geschichte. Sie müssen’s allein schaffen. Geben Sie Nachricht, wenn Sie in Schwierigkeiten kommen. In zwanzig Minuten geht ein Bus nach Passaic. Sie können es gerade noch schaffen. Viel Spaß, Jerry, und«, ein Blick auf meinen blauen Anzug, »bringen Sie es ihr schonend bei!«

Das konnte nur telefonisch geschehen. Ich suchte Felices Nummer im Telefonbuch und rief sie an. Das Freizeichen kam. Aber es wurde nicht abgehoben.

Ich probierte es nochmals und sah dann auf die Uhr. Ich war bereits spät dran. Sollte sie, ohne auf mich zu warten, gegangen sein? Das würde meine Vorstellungen über Pünktlichkeit bei Frauen in ein ganz neues Licht rücken.

Ich hatte keine Gelegenheit, mich mit dem Problem länger zu beschäftigen, denn die Zeit drängte. Ich nahm die Reisetasche, die immer gepackt bereitlag, steckte Dienstwaffe und Rasierapparat dazu und verließ die Wohnung. Felice würde einsehen, dass ein G-man immer mit plötzlichen Aufträgen rechnen muss.

2

Vance war eine der typischen Kleinstädte, wie man sie zu Hunderten entlang der Ostküste finden kann. Eine Stadt für Rentner, dachte ich, während ich meine Tasche nahm und auf die City Hall zumarschierte. Das erleuchtete Schild mit der Aufschrift Police wies mir den Weg.

Hinter einem altmodischen Schreibtisch saß ein Mann, Mitte 60, weißes Haar, buschige Brauen, durchdringender Blick.

»Guten Tag«, sagte ich. »Sind Sie Sheriff Trask?«

»Der bin ich!«

»Ich bin Special Agent Cotton vom FBI. Hier ist mein Ausweis!«

Die Miene des Sheriffs hellte sich auf.

»Ich habe Sie schon erwartet. Ich freue mich, dass Sie hier sind. Wird allmählich Zeit, dass ein junger Mann anrückt und diese Stadt ausmistet. Ich nehme an, Mister High hat Sie über alles Wesentliche informiert?«

»Ja, ich weiß Bescheid!«

»Haben Sie schon irgendwelche Vorstellungen darüber, was Sie tun wollen, Agent Cotton?«

»Nein«, sagte ich, »das hängt davon ab, wie sich die Lage entwickelt. Ich wollte mir als erstes Ikey vorknöpfen. Er kennt mich – vielleicht wirkt das schon.«

»Ikey hat sich drüben im Steuben Hotel einquartiert. Dort habe ich übrigens auch für Sie ein Zimmer bestellt. Es ist das einzige Hotel im Ort, das man anbieten kann!«

»Dann will ich gleich mal losmarschieren.«

»Okay«, brummte Sheriff Trask, »ich komme mit!«

»Vielen Dank, aber das ist nicht nötig. Diese Geschichte muss ich allein durchstehen.«

***

Meinen Vorgänger, den Privatdetektiv, hatten sie binnen zwei Stunden aus der Stadt geprügelt. Als ich das Sheriffs Office verließ, war ich gespannt, wann es bei mir losgehen würde. Denn eines war mir klar: Meine Anwesenheit in Vance hatte sich inzwischen herumgesprochen. Man hatte gesehen, wie ich als einziger Fahrgast den Greyhoundbus verließ, und zweifellos war auch beobachtet worden, wie ich zu Sheriff Trask ging.

Als ich den Platz vor dem Hotel überquerte, war ich auf alles Mögliche gefasst. Aber nichts rührte sich. Die Straße war wie ausgestorben; die meisten Häuser lagen im Dunkeln.

Ich betrat die Hotelhalle. Hinter dem Tresen stand der Portier. Es war offensichtlich, dass er auf mich gewartet hatte. Und es war offensichtlich, dass er Angst hatte.

Ich ging zu ihm und stellte mich vor. »Für mich ist ein Zimmer reserviert.«

»Ich weiß, Sir. Zimmer 18, zweiter Stock.«

Der Blick des Mannes war unstet, die Gesichtsfarbe grau. Er war groß, mager, hielt sich schlecht. Ich nahm den Schlüssel und spielte mit der Holzkugel des Schlüsselringes.

»Noch etwas. Ist Mister Ikey Sounders auf seinem Zimmer?«

»Ja, Sir. Zimmer 20.«

»Liegt das neben meinem Zimmer?«

»Ja!«

»Gab es einen besonderen Grund für dieses Arrangement?«

»Nein, aber da bei der Bestellung keine besonderen Wünsche angegeben wurden, haben wir es so gemacht. Natürlich, wenn es Ihnen so nicht gefällt …«

Achselzuckend wandte ich mich ab.

Ich spürte die Spannung, als ich zum Lift ging. Der Lift kam, ich stieg ein. Langsam setzte sich das alte Gerät in Bewegung.

In der ersten Etage stoppte er überraschend. Und dann passierte alles sehr schnell. Die Schiebetür ging auf, sechs Gestalten schoben sich herein. Junge Gesichter, keiner der Boys war älter als 20. Sie trugen Lederjeans und schwarze Lederjacken und goldene Kettchen an den Handgelenken, und sie sahen nicht so aus, als hätten sie es auf eine gemütliche Liftfahrt abgesehen.

Ich fand mich eingekeilt in einer Ecke des Fahrstuhls wieder. Die Tür ging zu, wir stiegen wieder in die Höhe, aber nicht lange. Als wir genau zwischen den beiden Stockwerken hingen, streckte der längste aus dem Verein den Arm aus und legte den Stoppschalter um. Der Lift hielt an. Dann drehte der Kerl den Bedienungsschlüssel herum, zog ihn aus dem Schloss und versenkte ihn in der Tasche.

Damit saßen wir endgültig fest. Ohne Schlüssel war der Fahrstuhl nicht wieder in Gang zu bringen.

Bisher hatte keiner ein Wort gesprochen. Aber jetzt starrten mich sechs Augenpaare an.

Der Empfang konnte beginnen.

Meine strategische Lage hatte einen Vorzug. Ich stand in der Ecke und hatte den Rücken frei. Ich sah mir die Burschen an. Zweifellos waren das die führenden Schläger der Bande. Der Große, der den Schlüssel hatte, schien der Anführer zu sein. Sie wirkten alle, als seien sie erstklassig in Form, und sie schienen auch Erfahrungen zu haben.

Ein Kleiner schob sich vor, hakte die Daumen in den breiten Ledergürtel.

»Eh, Mister«, krähte er, »Sie haben uns noch gar nicht gesagt, ob Sie uns witzig finden!«

»Vielleicht hat er Angst«, knurrte ein anderer.

»Ja«, sagte der Lange, der den Schlüssel hatte. »Vielleicht möchte er ganz schnell wieder abreisen. Wenn Sie schön bitte sagen, lassen wir Sie vielleicht laufen, Mister!«

Ich schüttelte den Kopf.

»Ihr irrt euch! Ich werde mit diesem Fahrstuhl in den zweiten Stock fahren und Ikey besuchen. Ich bin Agent des FBI, und ich bin mit einem Sonderauftrag in dieser Stadt, und ich werde mich von niemandem an meiner Aufgabe hindern lassen. Ich will darauf verzichten, die einzelnen Strafgesetze zu nennen, gegen die ihr mit eurem Verhalten verstoßt. Ihr begreift hoffentlich, dass ihr euch ganz schön in die Nesseln gesetzt habt.«

»Ich glaube, er hat doch Angst«, kicherte der Kleine.

»Ihr habt zehn Sekunden, den Fahrstuhl wieder in Gang zu bringen!«, sagte ich.

»Und danach?«, grinste der Anführer.

»Werde ich es selbst tun!«

Aber so weit kam es nicht. Offenbar hatten sie jetzt genug. Sie gingen zum Angriff über.

Der Kleine kam als Erster. Ich glaube, nicht ganz freiwillig, aber der Fahrstuhl war so eng, dass er einfach vorwärts geschoben wurde. Er hob den Fuß und wollte zutreten. Es war kein Problem, ihn abzufangen. Ich packte ihn am Fuß und riss ihn vom Boden. Dann stemmte ich mich gegen die Wand und schleuderte ihn gegen seine Kumpane.

Die Enge in dem Fahrstuhl kam mir zustatten. Sie behinderten sich gegenseitig.

Mit wilden Schwingern drang der Lange auf mich ein. Ich musste aus meiner Ecke heraus, um mich zu wehren. Sie fielen von allen Seiten über mich her.

Ich konnte zwei, drei gleichzeitig abwehren. Aber in dieser Zeit hämmerten die Übrigen auf mich ein. Sie taten es mit Wut.

Ein trockener Aufwärtshaken, und der Kleine ging lautlos zu Boden. Einen anderen erwischte ich mit der Linken. Der Bursche taumelte zurück.

Dann traf mich ein Schlag an der Schläfe, und ich fiel. Das war mein Glück, denn dadurch verfehlten mich zwei gewaltige Schwinger des Langen. Er hatte seine Kumpane zurückgerissen, um sich Platz zu schaffen, und ich konnte mich wieder fangen.

Ich unterlief ihn und schleuderte ihn gegen die Wand. Der Lift torkelte in den Führungsschienen. Man musste den Lärm im ganzen Hotel hören.

Ich benutzte die Verschnaufpause, um einen weiteren von der Bande k.o. zu schlagen. Trotz der verzweifelten Lage vermied ich es, die Kerle ernsthaft zu verletzen.

Drei Mann lagen jetzt am Boden, und der Lange hechtete von der Wand auf mich. Die Wucht des Aufpralls riss mich zu Boden. Im Fallen warf ich mich zur Seite. Ich sah, wie seine Faust mit voller Wucht auf dem Boden landete.

Dann bekam ich einen Hieb über den Schädel, dass die Funken sprühten. Wäre ich jetzt liegen geblieben, wäre es vermutlich aus gewesen. Aber durch das ständige Training hatte ich einen Instinkt entwickelt, der keiner Überlegung bedurfte.

Ich stieß mich in die Höhe und spürte schmerzhaft, wie mein Schädel unter das Kinn des Burschen über mir knallte. Der Bursche schien es auch zu spüren, denn er drehte lautlos ab.

Der fünfte der Bande stand vor mir und hatte die Rechte schlagbereit zurückgezogen.

Ich kümmerte mich nicht um ihn, sondern wandte mich dem Langen zu. Der hatte sich wieder auf die Beine gestellt und drang wütend auf mich ein. Er vergaß dabei jede Deckung.

Ich fing ihn mit einem Judogriff ab, drehte seinen Arm auf den Rücken und stellte den Kerl vor die Schalttafel. Mein Atem ging pfeifend, aber ich zwang mich dazu, ruhig zu sprechen.

»Zweiter Stock, Sonnyboy!«

Er starrte mich hasserfüllt über die Schulter an. Dann holte er den Schlüssel aus der Tasche.

Der Lift setzte sich in Bewegung, schob sich die restlichen drei Yards in die Höhe und stoppte. Die Schiebetür ging auf. Vor mir stand ein Mann, dessen breites Grinsen erstarb, als er die Bescherung sah.

»Hallo, Ikey«, sagte ich und grinste. »Dich wollte ich besuchen!«

***

Ikey war mittelgroß und hatte eine ungesunde Hautfarbe. Die Stirn war flach, das Haar schütter, das Kinn verschwommen. Wie er es verstanden hatte, hier Eindruck zu machen, war ein Rätsel; es konnte nur an dem schlechten Ruf liegen, den er aus New York mitgebracht hatte.

»Sir – Agent Cotton?«, sagte er gedehnt. Sein Blick irrlichterte umher, erfasste die demolierte Mannschaft hinter mir, blieb an mir hängen. Dann reagierte er schnell.

»Hatten Sie Ärger? Um Himmels willen, was ist denn passiert?«

»Spar dir die Krokodilstränen, Ikey! Du kannst etwas für mich tun!«

»Aber immer. Sie wissen doch, ich bin Ihr Freund!«

Er hatte sich bemerkenswert schnell auf die neue Lage umgestellt.

»Geh ans Telefon, Ikey! Ruf Sheriff Trask an und sage ihm, er möchte herkommen.«

»Ja, aber …«

»Wie?«, fragte ich. »Ich will doch nicht annehmen, du selbst hast diesen festlichen Empfang für mich organisiert?«

»Nein, natürlich nicht«, stotterte er.

Er gab ein jämmerliches Bild ab. Es war nur schade, dass die sechs Burschen nicht in der Verfassung waren, es mitzukriegen. Vielleicht hätte das zu einer Änderung ihrer Ansicht über den großen Boss Ikey geführt.

Trask war zwei Minuten später da. Er klappte den Mund auf.

»Alle Wetter, Agent Cotton – wie ist denn das passiert!«

»Die Bande hat versucht, mir ihre Ansicht von Gastfreundschaft beizubringen. Ich musste mich meiner Haut wehren. Die Burschen haben sich der Körperverletzung und des gemeinschaftlichen Überfalls schuldig gemacht. Ich habe sie gewarnt, aber sie wollten nicht hören. Eine Nacht in Ihrer Arrestzelle wird ihnen hoffentlich Gelegenheit geben, darüber nachzudenken.«

Sie leisteten keinen Widerstand, als wir sie ins Sheriff’s Office schafften. Trask sperrte die vergitterte Tür ab und sagte dann grimmig: »Morgen früh werden sie dem Richter vorgeführt. Es war höchste Zeit, dass sie mal in ihre Schranken verwiesen wurden.«

»Wie, meinen Sie, wird die Geschichte ausgehen?«

»Der Richter wird sie gegen Kaution auf freien Fuß setzen. Die Kaution werden sie sicher aufbringen. Dann wird es in einigen Wochen die Verhandlung geben. Da sie alle unter 21 und nicht vorbestraft sind, werden sie wohl mit einer Jugendstrafe davonkommen – es sei denn …«

»Was?«

»Es sei denn, sie lassen sich in der Zwischenzeit etwas Neues zuschulden kommen. Dann wird es nicht glimpflich abgehen. Well, und ich fürchte, sie werden von Neuem Dummheiten machen.«

Ich betrachtete mein Gesicht im Spiegel. Ganz ohne Beulen war es nicht abgegangen.

»Sheriff Trask, meine Aufgabe ist zu verhindern, dass die Burschen etwas anstellen, was sie ins Gefängnis bringt.«

»Mit einem Bein stehen sie schon drin!«

»Und wenn sie einmal drin sind, ist die Gefahr, dass sie ganz auf der schiefen Bahn landen, sehr groß. Ich fürchte nur, sie werden die Lehre, die ich ihnen erteilt habe, nicht annehmen. Sie werden es als Schlappe ansehen und versuchen, sie auszubügeln.«

»Das ist wahrscheinlich«, nickte Trask düster. »Jedenfalls sieht es nicht gut aus, solange Ikey hier ist.«

»Das ist jetzt unser Problem«, nickte ich. »Ich werde mich darum kümmern.«

Ikey hatte eine halbe Stunde Zeit gehabt. Er konnte sich leicht vorstellen, worüber ich mit ihm reden wollte, und er wäre nicht Ikey gewesen, wenn er sich nicht eine bestimmte Taktik zurechtgelegt hätte.

Ich sagte ihm deutlich, was ich zu sagen hatte.

»Ikey, ich kenne dich. Mir kannst du nichts vormachen. Deine Rolle hier ist ziemlich durchsichtig. Ich werde dich im Auge behalten, und wenn du etwas tust, was nicht legal ist, werde ich durchgreifen.«

»Agent Cotton, Sie kennen mich als anständigen Menschen. Die Gerüchte über mich stimmen nicht. Man tut mir Unrecht. Ich verbringe hier meinen Urlaub, nichts weiter.«

»Ikey, wenn du einen Rat willst: Verlasse diese Stadt!«

»Soll das eine Drohung sein?«, begehrte er auf.

»Ein Ratschlag«, sagte ich kalt. »Ich drohe nie. Ich möchte deine Aufmerksamkeit nur auf eine Kleinigkeit lenken. Wenn das FBI es für notwendig hält, mich hier herzuschicken, kannst du dir ausmalen, welche Bedeutung wir dieser Angelegenheit beimessen.«

»Sie können mir gar nichts nachweisen!«

»Nein«, sagte ich, »aber ich werde die Augen offen halten. Denk daran, Ikey!«

3

Mit den sechs Eingesperrten ging es genauso, wie Sheriff Trask vorhergesagt hatte. Der Untersuchungsrichter entließ sie gegen Zahlung von 40 Dollar Kaution. Für die Verhandlung wurde ein Termin in 14 Tagen angesetzt.

Ich war bei der Vernehmung dabei, die hauptsächlich um einen Punkt ging: Wer hatte sie angestiftet? Natürlich schwiegen sie. Auf die Frage nach dem »Warum« sagten sie, ich hätte sie angegriffen.

Sie wurden entlassen, und ihren Blicken und Bemerkungen entnahm ich, dass sie mich nicht gerade als Freund ansahen.

Ich verbrachte den größten Teil des Tages mit Trask zusammen und orientierte mich eingehend über die Verhältnisse. Nebenbei behielt ich das Hotel im Auge, aber Ikey tauchte nicht auf.

Trask verließ gegen sechs Uhr das Büro. Bereits nach zehn Minuten war er wieder da.

»Ikey ist ausgeflogen«, verkündete er grimmig.

Ich schwang mich in meinem Drehsessel herum. »Wann?«

»Er hat den rückwärtigen Ausgang benutzt. Der Portier konnte es nicht sagen, aber der Mann aus dem Drugstore drüben hat ihn beobachtet. Es war vor zwei Stunden. Er ist mit seinem alten Ford davongefahren.«

»Well, vermutlich hält die Bande Kriegsrat. Haben Sie eine Ahnung, wo der Versammlungsplatz ist?«

»Ich nehme an, irgendwo unten am Fluss. Da gibt es ein paar verfallene Bootshäuser, nicht weit von der großen Eisenbahnbrücke.«

Kurz darauf kamen weitere Nachrichten. Die Jugendlichen waren gesehen worden, als sie einzeln die Stadt verließen. Sie hatten mehrere Wagen, und sie waren damit aus der Stadt in Richtung Fluss gefahren.

Langsam zeichnete sich ein Bild der Lage ab. Die gesamte Bande hatte sich da draußen irgendwo versammelt, etwa 20 Halbwüchsige. Die sechs Schläger von gestern waren natürlich dabei. Welches Gesprächsthema sie hatten, konnte ich mir leicht vorstellen.

»Man könnte natürlich losfahren und versuchen, sie zu finden«, überlegte Trask.

Ich winkte ab. »Was hätten wir davon? No, Sheriff, uns bleibt nichts als abzuwarten.«

Wir warteten ab. Es war längst dunkel geworden. Es wurde acht, es wurde neun Uhr, und nichts rührte sich. Trask strich sich nervös über den Bart.

»Mir gefällt das nicht, Cotton. Absolut nicht. Dieser Ikey hat mit den Burschen bestimmt irgendeine Gemeinheit vor …«

Auch ich traute dem Frieden nicht. Schließlich traf ich eine Entscheidung, die Sheriff Trask sehr entgegenkam.

Trask ging sofort in sein Office, um die Fahndung nach Ikey einzuleiten.

Trask war zuversichtlich, dass Ikey nicht weit kommen konnte. Er setzte sich an den altmodischen Fernschreiber und ich ging hinüber ins Hotel. Vielleicht hatte Ikey etwas in seinem Zimmer hinterlassen, was uns weiterhelfen konnte.

Der Portier stand hinter dem Tresen und rief mich an. »Hallo, Mister Cotton, ist etwas passiert?«

Ich starrte ihn an. »Nichts.«

»Aber da muss doch was los gewesen sein. Mister Ikey Sounders ist vorhin wie ein Wilder hinaufgestürmt und hat sich seitdem in seinem Zimmer eingeschlossen …«

»Was?« Ich hatte Mühe, den Mund wieder zu schließen. »Ikey ist oben?«

»Aber sicher doch!«

Im nächsten Augenblick war ich auf der Treppe und hastete hinauf. Der Portier folgte mir schnaufend. Ich erreichte die Zimmertür und hämmerte dagegen.

»Ikey, mach auf!«

Nichts rührte sich.

»Der Schlüssel steckt von innen«, berichtete der Portier, und er kam aus seiner Bückstellung wieder hoch. »Also ist er drin!«

»Gibt es noch eine zweite Tür?«

»Ja, das ist die Verbindungstür zu Ihrem Zimmer, Mister Cotton. Aber die ist durch einen Schrank versperrt!«

Richtig, die Tür hatte mich gestern schon gestört. Der Schrank stand in meinem Zimmer, war also leicht wegzurücken.

Ich machte fünf Schritte und stand vor meiner eigenen Tür. Sie schwang auf, im Zimmer brannte Licht.

Auf den ersten Blick sah ich nur, dass der Schrank schon beiseite gerückt war und die Verbindungstür offen stand. Ich holte meine Waffe aus dem Halfter und machte zwei Schritte in den Raum hinein. Dann sah ich Ikey. Er lag auf dem Boden, zwischen Bett und Fenster, in einer seltsam verkrümmten Haltung. Nach Ikey brauchten wir nicht mehr zu fahnden.

Er war tot.

Ich ging näher und beugte mich über den Toten. Neben seiner ausgestreckten Hand lag ein Revolver – meine Reservewaffe. Er musste ihn aus der Reisetasche genommen haben.

Unterhalb des Fensters lagen Glassplitter. Eine der Scheiben war zersprungen, hatte ein großes, sternförmig gezacktes Loch etwa in Höhe meines Kopfes.

Der Portier hinter mir atmete schwer.

»Rufen Sie den Sheriff!«, sagte ich. »Er soll sofort kommen.«

Dann ging ich zum Fenster. Es zeigte hinaus auf den Platz vor dem Hotel. Schräg gegenüber war die City Hall, daneben ein vierstöckiges Gebäude. Der Abstand mochte etwa 80 Yards betragen.

Ich ging zur Verbindungstür und warf einen Blick in das danebenliegende Apartment. Ein kleiner Tisch vor dem Bett lag umgestürzt auf dem Boden. Offenbar hatte Ikey in wilder Hast versucht, in mein Zimmer einzudringen. Das Schloss war beschädigt. In Ikeys Zimmer war es dunkel, nur in meinem Apartment hatte das Licht gebrannt.

Ich sah mir alles an und dachte mancherlei dabei.

Trask kam. Ich sah ihn, als er über den Platz humpelte. Dann stürzte er ins Zimmer, sah Ikey, kam näher, sah den Revolver, sah mich an.

»Er hat sich selbst umgebracht?«

Ich schüttelte den Kopf. »Nein, er wurde erschossen, und zwar durch das Fenster.«

»Aber der Revolver da …«

»Haben Sie schon mal einen Selbstmörder gesehen, der sich in die Brust schießt?«

Ich legte einen Finger an das Handgelenk des Toten. »Der Tod trat nach meiner Schätzung vor einer Viertelstunde ein. Trotzdem sollten Sie veranlassen, dass schleunigst ein Arzt kommt.«

»Aber wie kommt der Bursche in Ihr Zimmer? Was wollte er hier?«

»Dafür gibt es eine Erklärung. Ich nehme an, Ikey wollte mich bestehlen. Er war auf plötzliche Flucht nicht eingestellt, hatte wahrscheinlich kein Geld mehr. Er hoffte wohl, bei mir welches zu finden. Aber er fand kein Geld – nur meine Reservewaffe. Die wollte er gerade einstecken, als der tödliche Schuss ihn traf.«

Trask telefonierte. Dann kam er zurück.

»Und wo war der Schütze Ihrer Ansicht nach?«

Ich wies durch das Fenster nach draußen. »Da drüben in dem Haus. Das Fenster wurde in Kopfhöhe getroffen. Ikey dagegen traf die Kugel in die Brust. Das bedeutet, dass der Schütze sehr viel höher stand. Ich nehme an dort drüben im Dachgeschoss.«

»Yeah, das klingt logisch. Und mit einem Zielfernrohr dürfte es dem Mörder keine Schwierigkeiten bereitet haben. Hier brannte Licht; Ikey stand wie auf dem Präsentierteller. Well, Cotton, aber warum? Wer könnte ein Interesse daran haben, Ikey umzubringen? Sie müssten das beantworten können. Sie kennen sich aus in der New Yorker Unterwelt.«

»Es gibt sicherlich keinen Grund, Ikey zu ermorden, und es gibt sicherlich niemanden, der ein Motiv haben könnte.«

»Ja, aber …«

Das Eintreffen des Doc unterbrach ihn. Der Arzt war klein, grauhaarig und nervös. Er zuckte zusammen, als er die Leiche sah. Dann nahm er die Untersuchung vor. Er bestätigte meine Annahme.

Trask tippte mir auf die Schulter. »Cotton, was Sie eben gesagt haben, verstehe ich nicht ganz. Wenn es keinen gibt, der ein Motiv haben könnte, wie erklären sie sich dann den Mord?«

»Sehr einfach, Sheriff! Der Mörder hat Ikey mit einem anderen verwechselt.«

»Und wer sollte das sein – dieser andere?«

»Ich, Sheriff!«

4

Ich telefonierte mit Mr High.

»Für mich gibt es keinen Zweifel, dass der Anschlag mir galt«, schloss ich. »Der Mörder weiß, dass dies mein Zimmer ist. Die Entfernung ist ziemlich groß, und durch die Gardine konnte er Ikey nur verschwommen sehen. Aber er sah, dass der Bursche an meiner Reisetasche hantierte, und musste einfach annehmen, ich sei es!«

»Ja, alles spricht dafür, dass Ihre Theorie richtig ist, Jerry! Wie steht’s denn mit Ihrem Auftrag? Ist Ihnen schon der Gedanke gekommen, Sie könnten sich bei Ikeys Bande so unbeliebt gemacht haben, dass wir den Mörder da suchen müssen?«

»Nein, das halte ich für ausgeschlossen.« Ich berichtete kurz, wie die Dinge gelaufen waren und meinte dann: »Chef, wir denken doch beide dasselbe.«

»Ich glaube auch. Es sieht so aus, als hätte Vito Genoveses Bande Sie aufgespürt!«

»Sie sagten doch, Sie würden die Gangster beschatten lassen.«

»Habe ich auch. Aber vor zwölf Stunden haben unsere Leute den Kontakt verloren.«

»Und wo wurden sie zuletzt gesehen?«

»In New York!«

»Well, fast möchte ich glauben, sie haben es wirklich auf mich abgesehen. Nur eins ist rätselhaft. Woher kennen die Gangster meinen Aufenthaltsort? Meines Wissens war er nur Ihnen und Phil bekannt.«

»Die Frage habe ich mir auch eben gestellt.«

»Es gäbe natürlich eine Erklärung …«, sagte ich langsam.

»Ja?«

»Ikey! Er hatte in New York eine Menge Komplizen. Vielleicht hat er mit irgendjemand in New York telefoniert und dabei erwähnt, dass ich in Vance bin. Auf diese Weise kann es sich in den einschlägigen Kreisen schnell herumgesprochen haben.«

»Das ist eine Möglichkeit! Hören Sie, Jerry, ich schicke Ihnen Phil mit der Mordkommission. Wir übernehmen den Fall, obwohl Patterson zuständig wäre. Ich erledige das. Versuchen Sie, in Vance Zeugen zu finden, die den oder die Mörder gesehen haben. Gelingt uns das und trifft die Beschreibung auf Vitos Leute zu, dann wissen wir Bescheid.«

»Okay«, sagte ich, »geben Sie Phil bitte auch Fotos mit! Ich will mein Glück versuchen.«

***

Die Zeit, die mir bis zu Phils Eintreffen blieb, verwandte ich darauf, mir das Haus anzusehen, von dem aus der tödliche Schuss abgefeuert worden war.

Es war ein Mietshaus mit acht Parteien, ziemlich modern und geräumig. Unten eine große Halle, die nicht verschlossen war.

Ich fuhr mit dem Lift hinauf und stieg dann die paar Stufen zum Dachboden empor. Die eiserne Tür war nur angelehnt. Ich öffnete sie vorsichtig, um eventuelle Prints nicht zu verwischen.

Der Dachboden war so niedrig, dass ich nur gebückt stehen konnte. Er enthielt zu einem Drittel Lattenverschläge, die mit allem möglichen Gerümpel voll gestellt waren. Weiter hinten war er völlig leer. Dort gab es auch ein Fenster. Es zeigte genau hinüber zum Hotel. Ich sah es mir an und stieß einen leisen Pfiff aus, als ich feststellte, dass es offen stand.

Der eiserne Rahmen mit dem Drahtglas war hochgeklappt. Ich sah jetzt genau auf die breite Fassade des Hotels, auf mein Fenster. Ich konnte sogar den Sheriff erkennen. Selbst ein mittelmäßiger Schütze musste mit einem Zielfernrohr von hier aus einen Treffer anbringen.

Ich sah mich nach Spuren um. Dabei entdeckte ich, dass unterhalb des Fensters, dort, wo die schräge Wand auf den Boden traf, ein handbreiter Zwischenraum war. Ich bückte mich und leuchtete hinein.

Ich hatte mehr Glück als erwartet. Auf Anhieb fand ich die ausgeworfene Patronenhülse.

Ich drehte sie zwischen den Fingern und entzifferte die Aufschrift Remington 0.303. Damit war mir klar, welche Waffe verwendet worden war. Ein automatisches Gewehr von Remington ist eine Präzisionswaffe. Der Schütze hatte offenbar in der Eile vergessen, nach der Hülse zu suchen.

Ich steckte sie ein. Sie konnte ein wichtiges Beweismittel sein.

Dann nahm ich mir die Bewohner des Hauses vor.

Als Phil kam, hatte ich bereits den ersten Zeugen, der etwas gesehen hatte. Es war der Hausmeister. Ich hatte ihn aus dem Bett geholt, und er stand im Bademantel vor mir.

»Ja, Agent«, sagte er. »Es war genau Mitternacht, als mir der Wagen auffiel. Es war ein Buick, und vier Männer saßen darin. Er parkte in der Seitenstraße hier neben dem Platz. Mir fiel der Wagen das erste Mal genau um halb zwölf auf. Da beginnt nämlich freitags immer die Perry-Jenkins-Kriminalserie des CBC im Fernsehen, und die sehe ich mir immer an. Vorher warf ich einen Blick aus dem Fenster, und da sah ich den Wagen.«

»Und dann?«

»Um Mitternacht ist die Serie zu Ende. Dann gehe ich immer noch mit dem Hund um den Block, und dabei sah ich den Wagen wieder. Die vier Männer saßen immer noch drin.«

»Haben Sie sich die Nummer des Wagens angesehen?«

»Ja, aber ich weiß nur noch, dass es eine New Yorker Nummer war. Der Buick war neu, Modell 62, feiner Schlitten.«

»Und die Männer? Würden Sie sie wieder erkennen?«

»Schwer zu sagen. Wissen Sie, es war ziemlich dunkel, und ich konnte ja auch nicht hingehen und die Männer anstarren!«

Phil zog den Reißverschluss seiner Collegemappe auf und legte einen Stapel Fotos auf den Tisch. Er schob eines dem Hausmeister zu.

»War dieser Mann dabei?«

Das Bild zeigte Ezza Morris, eine kleine, verknitterte Gestalt mit Fledermausohren. Aber dieser Mann war einer der gefürchtetsten Gangster von New York gewesen – und der beste Schütze in Vito Genoveses Bande.

Der Hausmeister verzog das Gesicht. »Ich kann’s nicht sagen, Agent. Vielleicht war er dabei, aber beschwören kann ich’s nicht!«

»Und der hier?«

Phil tippte auf das Konterfei von Paolese Guiliano. Paolese sah blendend aus, aber er war gefährlicher als ein Nest von Klapperschlangen.

»Nein«, sagte der Hausmeister zögernd. »An den kann ich mich nicht erinnern.«

»Und der hier?«

Das Foto zeigte ein völlig ausdrucksloses Durchschnittsgesicht. Der Mann hier hieß Duncan Miles. Über seine Rolle in der Bande war ich mir nie recht im Klaren gewesen. Nur eines stand fest – so durchschnittlich, wie er aussah, war er nicht. Sonst wäre er nicht in Vitos Verein an führende Stelle aufgerückt. Der Hausmeister schüttelte den Kopf.

Das letzte Bild zeigte Rocco Valachi, einen Mann, der zu den härtesten Punchern gehörte, die ich je erlebt hatte. Alles an ihm war wulstig. Er war mit Muskeln bepackt wie die Washington Bridge mit Stahltauen. Bei seiner Festnahme hatte er Widerstand geleistet. Ich war mit ihm fertig geworden, aber es hatte mir einen Schlüsselbeinbruch eingetragen.

Rocco hatte einen unverkennbaren Vierkantschädel – vielleicht half das dem Erinnerungsvermögen des Hausmeisters auf die Beine.

»Den, glaube ich, habe ich gesehen.« Er zappelte aufgeregt. »Der saß am Steuer, das heißt …«

»Beschwören können Sie es natürlich nicht«, sagte ich. »Macht nichts, das brauchen Sie auch nicht. Sie meinen also, sich an den Mann zu erinnern. Sehen Sie sich das Bild genau an!«

»Ja, ich bin fast sicher. Der saß am Steuer. Er hatte eine Zigarre zwischen den Zähnen.«

Das stimmte. Rocco rauchte nur Zigarren, jedenfalls solange er nicht im Zuchthaus saß. Auch dass er am Steuer saß, konnte stimmen. Rocco hatte Vito Genovese immer gefahren.

Damit hatten wir, was wir haben wollten, und gingen.

»Vor Gericht ist diese Aussage natürlich nichts wert«, meinte Phil.

»Ist nicht nötig. Wir wissen jedenfalls Bescheid. Wir haben eine Theorie, und alles spricht dafür, dass sie richtig ist.«

»Sie haben’s auf dich abgesehen!«

5

Im Morgengrauen trafen wir in New York ein. Die meisten Fenster des FBI-Gebäudes in der East 69th Street waren dunkel. Aber im Büro des Chefs brannte Licht.

Mr High war noch da und wartete auf uns. Wir erstatteten ihm Bericht.

»Gut«, sagte er schließlich. »Ich stimme mit Ihren Schlussfolgerungen überein, Jerry. Übrigens sind jetzt auch die Zuständigkeiten klar abgegrenzt. Der Fall gehört uns, genau gesagt, Ihnen. Solange es sich lediglich darum handelt, dass die Gangster sich möglicherweise an Ihnen rächen wollten, musste ich Sie aus der Schusslinie nehmen. Aber jetzt ist ein Mord passiert. Das verändert die Dinge. Und es spricht alles dafür, dass die entlassenen Zuchthäusler aus Scranton ihn verübt haben.«

Der Chef tippte auf ein umfangreiches Aktenbündel.

»Hier ist alles, was es an polizeilichen Unterlagen über die Vier gibt, einschließlich der Prozessakten. Es ist eine Menge. Ich habe den größten Teil schon durchgesehen.«

»Woher hatten die Gangster so schnell nach ihrer Entlassung den Wagen?«, fragte ich.

»Es gibt drei Möglichkeiten – Kauf, Miete und Überlassung durch alte Freunde. Wir gehen ihnen allen nach.«

Phil stöhnte. »Ein schwarzer Buick, Modell 62 – das ist nur eine andere Bezeichnung für anonym!«

»Und New York hat acht Millionen Einwohner«, lächelte Mr High. »Trotzdem schaffen wir es. Wir haben die Bilder der vier vervielfältigt, an die Polizeireviere verteilt und lassen sie jetzt jedem Autoverleiher und Autohändler der Marke Buick vorlegen.«

»Und die dritte Möglichkeit?«

»Nun, das hat unser elektronischer Computer geklärt. Von den Leuten, die mit Vitos Bande damals nachweislich Kontakt hatten, ist zurzeit keiner hier in der Gegend, der einen schwarzen Buick fährt.«

»Well«, sagte Phil. »Und da ist noch die Sache mit dem Remington-Gewehr!«

Ich brummte: »Eine ziemlich teure Waffe. Falls die Gangster das Gewehr nicht irgendwo versteckt hatten oder es von einem früheren Komplizen erhielten, müssen sie es gekauft haben. In New York gibt es höchstens 500 Waffengeschäfte – Kleinigkeit, das nachzuprüfen.«

»Trotzdem müssen wir diesen Weg gehen«, sagte Mr High. »Es ist die einzige Möglichkeit, Indizien dafür herbeizuschaffen, dass die Gangster Ikey ermordet haben. Sie haben außer der Patronenhülse am Tatort keine Spuren hinterlassen, und die Aussage des Hausmeisters hilft uns auch nicht viel weiter. Wir könnten zwar auf Grund dieser Aussage Rocco festnehmen, sofern wir ihn finden, aber ich wette, der Bursche hat sich längst ein Alibi besorgt!«

***

Ich fuhr nach Hause und schlief bis Mittag. Dann kehrte ich ins FBI-Büro zurück. Es war die ruhigste Stunde des Tages. Phil war nicht da, Mr High auch nicht. Ich hatte vor, mich in aller Ruhe durch das umfangreiche Aktenbündel hindurchzuarbeiten.

Das Telefon schrillte. Es meldete sich die Zentrale.

»Agent Cotton, ein Anruf vom 183. Polizeirevier. Es betrifft den Fall Ikey Sounders. Soll ich durchstellen?«

»Ja, geben Sie’s her!«

Ein Knacken war in der Leitung, dann ertönte eine Stimme: »Hier ist Captain Smith vom 183. Revier. Ich glaube, wir haben den Autoverleiher gefunden. Es handelt sich um die Firma Eakins in der 130th Street East. Der Verleiher glaubt, den Mann, der gestern einen schwarzen Buick 62 bei ihm gemietet hat, auf einem der Fotos Rocco Valachi zu erkennen.«

Ich stieß einen leisen Pfiff aus. Das passte nahtlos in die Aussage des Hausmeisters.

»Okay, Captain, ich komme bei Ihnen vorbei!«

Eine Viertelstunde später war ich im Revier. Es war in einer der alten Mietskasernen untergebracht, wie man sie im nördlichen Teil von Manhattan noch häufig finden kann. Der Captain war ein rotgesichtiger Ire mit einem Schnurrbart.

»Ja, Agent Cotton, ich glaube, wir haben’s geschafft«, sagte er. »War keine Kleinigkeit.«

»Ich werde mir sofort den Autoverleiher vornehmen. Vorher möchte ich gern wissen, ob über den Mann hier irgendetwas bekannt ist!«

»Er hat nicht gerade den besten Ruf. Ihm gehört ein Schrottplatz. Das Autogeschäft betreibt er nur nebenbei!«

»Irgendwelche Vorstrafen?«

»Zwei oder drei! Wegen Betrugs, glaube ich. Außerdem wird zurzeit wegen einer Steuergeschichte gegen ihn ermittelt.«

»Ein solcher Mann wird nicht gerade den Drang verspüren, der Polizei zu helfen. Wie hat er sich benommen, als Ihre Leute bei ihm aufkreuzten?«

»Nun, wie die meisten: misstrauisch. Aber er hat sofort zugegeben, dass er einen schwarzen Buick besitzt, dass er ihn gestern verliehen hat und dass er in dem Mann, der ihn gemietet hat, Rocco Valachi wieder erkennt.«

»Haben Sie ihm gesagt, was los ist?«

»Nein, das pflegt ja bei solchen Geschichten nicht üblich zu sein.«

Ich ließ mir den Weg beschreiben, klemmte mich hinter das Steuer meines Jaguars und fuhr los. Ich fand den Schrottplatz nach kurzem Suchen. Er lag am Ufer des East River an einer Stelle eines abgerissenen Wohnblocks.

Ein verrosteter Drahtzaun umgab den Platz. In der Mitte, zwischen Bergen von Autowracks, stand eine Wellblechhütte, aus deren Schornstein ein schwarzer Faden aufstieg.

Ich stellte den Wagen ab, sprang über eine große Öllache und klopfte an die Tür der Hütte.

»Herein!«

Eakins war ein kleiner grauer Bursche in einem vor Schmutz starrenden Arbeitsmantel. Er sah mich über seine Nickelbrille misstrauisch an.

»Mein Name ist Cotton. Ich bin FBI-Agent«, sagte ich und zückte meinen Ausweis.

Sein Tonfall war alles andere als erfreut. »Ja?«

»Es handelt sich um den Mann, an den Sie Ihren schwarzen Buick vermietet haben. Sie haben ihn nach diesem Foto wieder erkannt, ja?«

Ich legte Roccos Konterfei auf den Tisch.

Er warf nur einen kurzen Blick darauf. »Ja, kein Zweifel, das ist der Bursche. Er hat den Wagen gemietet. Und ich möchte endlich wissen, was los ist. Schließlich ist es mein Wagen, und wenn der Bursche nicht ganz astrein ist …«

»Für wie lange hat er ihn gemietet?«

»Für zwei Tage. Morgen Abend wollte er ihn zurückbringen. Aber wenn er auf Ihrer Fahndungsliste steht, wird er das kaum tun. Ich bin dann der Geschädigte. Deshalb möchte ich erfahren, was los ist. Sonst mache ich Sie schadenersatzpflichtig.«

»Immer hübsch langsam, Mister Eakins. Hat er Ihnen seinen Führerschein gezeigt?«

»Ja. Aber ich hab mir den Namen nicht gemerkt!«

»Und Sie haben den Mann vorher noch nie gesehen?«

»Nie, bestimmt nicht!«

Ich sah mich um. Irgendetwas störte mich, aber noch hätte ich nicht erklären können, was es war. Es war dasselbe Gefühl, mich immer dann überkommt, wenn ich angelogen werde.

»Woher wusste der Mann, dass Sie Autos vermieten?«, erkundigte ich mich. »Draußen hängt kein Schild!«

»Das ist in dieser Gegend aber bekannt!«

»Hat der Mann eine Kaution bezahlt?«

»Ja, 300 Dollar. Aber jetzt verlange ich endlich …«

Mit einem Satz war ich neben ihm und packte ihn an der Schulter.

»Da draußen kommt er«, zischte ich. Er fuhr herum, sah durch die blinden Scheiben.

Gerade schob sich die Kühlerhaube eines schwarzen Buicks durch die enge Einfahrt. Am Steuer saß Rocco Valachi.

Meine Gedanken jagten sich. Es gab nur eine Erklärung. Die Gangster hatten nicht damit gerechnet, dass wir alle Autoverleiher überprüfen würden. Vielleicht wussten sie nicht einmal, dass es Zeugen gab, die sie in dem Buick gesehen hatten.

Jetzt brachte Rocco den Wagen zurück – aus einem einfachen Grund: Er wollte seine 300 Dollar Kaution wiederhaben. Dass sie kurz nach der Entlassung aus Scranton knapp bei Kasse waren, war anzunehmen.

Der Gangster stoppte und stieg aus. Er blieb stehen und sah sich um. Ich beobachtete ihn gespannt; die Entfernung betrug höchstens 50 Yards.

Ja, das war Rocco. Etwas breiter geworden, das Haar schütter, das Gesicht grau, aber sonst unverändert. Während er sich jetzt wachsam umsah, kaute er unentwegt auf einem schwarzen Zigarrenstummel.

Plötzlich wurde sein Gesichtsausdruck starr. Er hatte meinen roten Jaguar gesehen.

Das Weitere geschah blitzschnell. Mit einem Satz war Rocco am Zaun, sprang hinüber und raste davon.

Ich reagierte blitzschnell, riss die Tür auf und folgte ihm.

***

Die Jagd ging hinunter zum Wasser. Er hatte etwa hundert Yards Vorsprung, und er rannte mit einer Geschwindigkeit, die für einen so massigen Mann erstaunlich war. Ich lief, so schnell ich konnte, aber ich holte nur langsam auf.

Wir befanden uns auf einer schmalen Straße, die parallel zum Fluss verlief. Weiter unten kamen lang gestreckte Lagerhäuser. Der Fluss lag etwa 200 Yards tiefer und konnte nur durch Treppen erreicht werden, die zwischen den Gebäuden hinunterführten.

Die Straße machte jetzt einen Knick. Rocco bog um die Ecke und war verschwunden. Als ich Sekunden später die Stelle erreichte, war von ihm nichts mehr zu sehen. Die Straße lag verlassen vor mir.

Ich blieb stehen, lockerte meine Dienstwaffe im Halfter und sah mich um. Rechts zog sich eine Mauer entlang, die so hoch war, dass sie unmöglich ohne Hilfsmittel erstiegen werden konnte. Auf der anderen Seite zog sich die glatte Fassade eines Lagerhauses entlang. Wohin war der Bursche verschwunden?

Langsam ging ich weiter, erreichte ein eisernes Tor in der Mauer und rüttelte daran. Es war verschlossen.

Dann sah ich es. Es war ein schmaler Einschnitt in der Mauer, nicht viel breiter als zwei Yards. Eine Treppe führte hinunter zum Fluss. Sie war ziemlich steil. Zu beiden Seiten stiegen hohe Mauern empor.

Es gab nur eine Erklärung: Rocco musste sie benutzt haben. Dort unten, in dem Gewirr von Schuppen, Lagerhäusern, Straßen und Gassen, konnte er leicht verschwinden.

Ich lief hinunter.

Ich hatte ungefähr ein Drittel des Weges geschafft, als es geschah. Ein dumpfes Poltern ertönte hinter mir. Ich wandte mich um und erstarrte.

Die Männer, die das eiserne Fass anrollten, waren nicht zu sehen, dafür aber das Fass. Es war gefüllt – das war an dem Geräusch zu merken. Es wurde an die Treppe gerollt, und dann polterte es herunter. Ein zentnerschwerer Brocken, der, immer schneller werdend, auf mich zuraste. Alle paar Stufen knallte er auf den Boden, hüpfte etwas …

Eine Falle. Sie hatten mich in eine Falle gelockt. Und ich war hineingestolpert.

Meine Gedanken überschlugen sich. Unter mir lagen noch 30 Yards Treppe – die konnte ich nicht mehr schaffen. An beiden Seiten waren glatte Betonwände, zu hoch, um sie zu überwinden. Der Durchlass war schmal, aber nicht schmal genug, dass ich mich wie in einem Kamin emporarbeiten könnte.

Lass dir etwas einfallen, Jerry, und zwar binnen einer Sekunde! Ich warf einen raschen Blick auf das Fass.

Mir fuhr ein Gedanke durch den Kopf. Im nächsten Augenblick lag ich auf dem Boden, presste mich in den Winkel, den eine Stufe mit der anderen bildete, lag quer auf der Treppe und nahm den Kopf in die Arme.

Die Stufen waren ziemlich hoch, und das konnte mein Glück sein. Es konnte sein, dass das Fass über mich hinwegsprang. Es konnte aber auch sein, dass es genau dort aufsetzte, wo ich lag, und dann …

Mit ohrenbetäubendem Lärm rumpelte die eiserne Tonne heran. Ich spürte jeden Schlag im Beton.

Dann war sie über mich hinweg. Ich hatte sie nicht einmal gespürt.

Ich hob langsam den Kopf, befühlte meinen rechten Arm. Er schmerzte höllisch, aber ich konnte ihn bewegen. Es schien nur eine Prellung zu sein.

Ich sah hinauf. Niemand war zu sehen. Vorsichtshalber holte ich die Waffe aus dem Halfter, nahm sie in die Linke und wartete. Immerhin bestand die Möglichkeit, dass die Gangster aufkreuzten und sich persönlich vom Erfolg ihres Anschlags überzeugen wollten.

Aber offenbar fürchteten sie, der Spektakel könnte Leute anlocken. Sie zogen es vor, unsichtbar zu bleiben.

Ich erhob mich nach ein paar Sekunden und stieg eilig hinauf. Kurz bevor ich das Ende der Treppe erreichte, hörte ich das Aufheulen eines Automotors. Ich beeilte mich, aber als ich die Straße erreichte, sah ich nur noch das Heck des Wagens in der Ferne verschwinden. Es war ein Pontiac – so schien es mir.

***

Ich lief zu Eakins Schrottplatz zurück, wo ich den Jaguar stehen hatte. Eakins schien verschwunden zu sein. Der schwarze Buick, den Rocco gebracht hatte, war auch nicht mehr da. Über das Sprechfunkgerät rief ich die Zentrale und erreichte Phil.

Ich berichtete kurz, was geschehen war, und bat ihn zu kommen. Dann ließ ich mir von der Zentrale über Sprechfunk das 183. Polizeirevier geben. Ich verlangte den Captain, mit dem ich zuvor gesprochen hatte.

»Captain«, sagte ich, »tun Sie mir bitte einen Gefallen und sehen Sie in Ihrer Kartei nach, welche Wagen unter Eakins Namen angemeldet sind! Dann schnappen Sie sich Eakins Vorstrafenregister und die laufenden Ermittlungsakten und kommen zu mir, ja?«

Er bestätigte und ich legte auf. Phil traf kurz danach ein.

»Sie wollten dich also mit einem Fass zerstampfen«, brummte er.

»Dieser Anschlag war sorgfältig geplant. Ich wurde bewusst in eine Falle gelockt. Oben, wo die Treppe begann, war ein eisernes Tor. Dort war Rocco verschwunden, und dort hatten sie das Fass bereitgestellt. Ich habe an diesem Tor gerüttelt, aber da sie es verschlossen hatten, fiel mir nichts auf. Ich musste annehmen, Rocco sei über die Treppe verschwunden, und das wussten die Gangster. Sie warteten nur, bis ich die Treppe ein Stück hinuntergelaufen war. Dann kamen sie heraus und brachten das Fass auf den Weg.«

Phil massierte sich den Nasenrücken. »Das bedeutete, dass die Planung schon sehr viel früher einsetzte.«

»Das will ich beweisen!«

Ein Polizeiwagen rollte heran, und Captain Smith stieg aus. Sein Gesicht war gerötet.

»Teufel eins, Cotton, Sie haben den richtigen Riecher gehabt«, knurrte er.

»Wieso?«

»Eakins hat uns nach Strich und Faden belogen. Der Bursche besaß überhaupt keinen schwarzen Buick. Auf seinen Namen ist nur ein 56er Ford eingetragen. Also war auch das mit der Autovermietung eine Lüge. Das wird den Burschen teuer zu stehen kommen.«

Ich wies auf die leere Wellblechbaracke. »Der Vogel ist ausgeflogen, Captain!«

Die Tür der Baracke stand offen. Wir traten ein und sahen, dass Eakins offenbar in größter Hast gepackt hatte. Die Schranktür stand offen; Kleidungsstücke lagen über dem Boden verstreut. Der Schreibtisch war mit Papieren bedeckt. Die Schubladen waren herausgezogen, ihr Inhalt war durchwühlt.

»Sieht ziemlich eindeutig aus«, meinte Phil. »Aber ich sehe immer noch nicht den Zusammenhang.«

»Die Geschichte ist doch jetzt einfach zu erklären«, sagte ich. »Unsere Annahme, die Gangster hätten sich den schwarzen Buick irgendwo in New York besorgt, ist falsch. Aber wenn überall im Stadtgebiet plötzlich Cops ausschwärmen und alle Autoverleiher befragen, spricht sich das herum. Unsere Freunde bekamen das zu Ohren und beschlossen, unseren Irrtum auszunützen. Dazu brauchten sie einen Autohändler, der mitspielte.«

»Eakins«, sagte der Captain.

»Ja. Er ist mehrfach vorbestraft, und gegen ihn läuft zurzeit ein Ermittlungsverfahren. Er war genau der richtige Mann für diese Bande, und irgendwie haben sie das auch herausgefunden.«

»Dann haben sie Eakins dazu gebracht mitzuspielen!«

»Well, bei einem solchen Burschen dürfte das nicht allzu schwierig gewesen sein. Vielleicht hatte Eakins sowieso die Absicht gehabt unterzutauchen. Deshalb bat ich Sie, seine Strafakten mitzubringen, Captain. Eakins machte also eine falsche Aussage, log uns vor, er hätte einen Buick und hätte ihn an Rocco vermietet. Damit war den Gangstern klar, dass ich hier auftauchen würde. Sie beobachteten den Schrottplatz, und als ich hier war, wurde Rocco in Aktion gesetzt. Seine einzige Aufgabe war, mich hinunter zum Fluss zu locken, wo sie ihre Falle aufgebaut hatten. Irgendein Risiko war für die Burschen nicht dabei. Falls irgendetwas nicht planmäßig gelaufen wäre, hätten sie jederzeit die ganze Aktion abblasen können.«

»Was sollen wir jetzt tun, Agent Cotton?«

Ich wies auf das Durcheinander in der Baracke. »Das da durchsuchen, Captain. Vielleicht finden. wir irgendeinen Hinweis, der uns bei der Suche nach Eakins weiterhelfen könnte. Und Eakins brauchen wir. Er kann ein Kronzeuge gegen die Bande sein.«

Ich wandte mich an Phil. »Kümmere dich darum, dass das geschieht. Ich fahre inzwischen ins Büro, berichte dem Chef und sorge dafür, dass der Haftbefehl gegen Eakins ausgestellt wird. Ich glaube nicht, dass der Bursche weit kommt.«

6

Natürlich war bei meiner Theorie ein schwacher Punkt, und Mr High legte sofort den Finger darauf.

»Selbst wenn der Plan der Gangster geglückt wäre, wäre immer noch Eakins’ Aussage geblieben. Und ob richtig oder falsch – sie belastet Rocco. Damit belastet sie auch die anderen!«

»An diesem Punkt habe ich mich auch schon gestoßen, Chef.«

»Man sollte nicht meinen, dass derartige Verbrecher Pläne aushecken, deren Durchführung sie zwangsläufig belasten muss.« Ich räusperte mich: »Was haben wir denn schon in der Hand? Ein Zeuge glaubt, Rocco in Vance gesehen zu haben, aber er ist sich nicht sicher. Die Aussage von Eakins ist nachweislich in entscheidenden Punkten falsch, so dass sie auch in den übrigen Punkten nicht glaubwürdig ist.«

»Aber da ist noch Ihre Aussage, Jerry!«

»Damit brauchten die Gangster nicht zu rechnen. Dass ich noch aussagen kann, gehörte nicht zum Programm. Außerdem habe ich nur Rocco gesehen. Gesetzt den Fall, wir kriegen ihn, ist damit noch nichts hinsichtlich der anderen bewiesen, und die sind wichtiger als Rocco.«

»Well, wie die Dinge liegen, haben wir nur die Chance, Eakins zu erwischen und ihn dazu zu bewegen, dass er auspackt, aber diesmal richtig.«

»Ja, darauf sollten wir uns jetzt konzentrieren. Und trotz allem, Chef, habe ich das Gefühl, dass es etwas gibt, was wir nicht wissen. Wohlgemerkt, es klingt alles logisch und vernünftig, aber irgendetwas stört mich.«

»Sie meinen, es gäbe noch ein anderes Motiv, Sie umzubringen, nicht nur Rachsucht?«

»Ja, fast kommt es mir so vor. Wenn es den Gangstern nur darum geht, sich an mir zu rächen, könnten sie sich Zeit lassen. Aber sie benehmen sich wie Leute, die es eilig haben. Sie sind sogar nach Vance gefahren, obwohl sie hätten warten können, bis ich wieder hier bin. Sie hätten in aller Ruhe eine passende Gelegenheit abwarten können. Warum haben sie’s so eilig?«

»Ich kann es mir nicht denken. Ein anderes Motiv als Rachsucht, was sollte das sein?«

»Es muss mit der alten Geschichte zusammenhängen«, überlegte ich. »Damals, als wir die Vier festnahmen, haben wir etwas übersehen. Etwas, was auch im Prozess nicht geklärt wurde.«

»Das Einzige, was damals nicht geklärt wurde, ist der Mord an Vito Genovese.«

Damit hatte der Chef insoweit recht, als es der einzige Punkt war, bei dem unsere Vermutungen auseinander gingen. In dem Prozess gegen die Mitglieder von Vitos Bande war eine ganze Reihe von Verbrechen aufgeklärt worden. Verbrechen, bei denen wir konkrete Vorstellungen hinsichtlich der Täter hegten. Aber es war schwer gewesen, den vier Gangstern etwas nachzuweisen. Von 16 Anklagepunkten hatte der Attorney neun fallengelassen; vier hatte das Gericht als nicht bewiesen angesehen. Was geblieben war, waren mehrere Fälle von Erpressung, und dafür hatten die Gangster die gesetzliche Höchststrafe bekommen.

Aber der Mord an Vito war im Dunkeln geblieben. Natürlich waren die Vier zu diesem Punkt ausgiebig verhört worden, aber ohne Ergebnis. Vito war mit seiner eigenen Maschinenpistole erschossen worden. Außerdem war eine Handgranate in seiner Nähe explodiert.

Die Leiche war unkenntlich gewesen. Da es bis zu diesem Zeitpunkt weder zuverlässige Zeugenaussagen noch Prints von dem Gangster gab, identifizierten wir die Leiche an Hand der Papiere und der Aussagen von Vitos Leuten.

***

Im Laufe des Tages lief die Fahndung nach Eakins auf Hochtouren. Gleichzeitig ging der Steckbrief von Rocco Valachi an alle Polizeistationen. Dem Richter hatte das vorgelegte Material genügt.

Langsam zeichneten sich die ersten Ergebnisse ab. Eakins war in seinem Stadtviertel ziemlich bekannt gewesen. Er war gesehen worden, wie er in nördlicher Richtung davonfuhr. Gegen sieben Uhr abends fand man dann den Wagen. Er stand in Yonkers, einem Stadtteil nördlich von der Bronx, und wurde von einer Verkehrsstreife entdeckt.

Wir setzten sofort einen Fingerabdruckexperten nach Yonkers in Marsch. Er überprüfte den Wagen sorgfältig und brachte mir die Ergebnisse um acht Uhr in mein Büro.

»Viele Prints von Eakins«, meldete er. »Das wird Sie kaum überraschen. Aber ich habe auch Prints von Rocco gefunden, am Hupknopf.«

»Das ist keine Sensation, Joe!«

»Yeah, aber das Beste kommt noch. Im Wagen waren noch andere Prints. Jemand hat zwar versucht, sie wegzuwischen, aber er hat ein paar Stellen übersehen. Ich habe die Prints gefunden, abgezogen und identifiziert.«

»Schön. Von wem stammen sie?«

»Von Duncan Miles und Ezza Morris!«

Ich stieß einen Pfiff aus. »Das dürfte für einen Haftbefehl gegen die beiden ausreichen. Wie steht’s mit Prints von dem letzten Mann?«

»Sie meinen Paolese? Von dem habe ich nichts gefunden. Das besagt aber nichts, denn sie haben offenbar in großer Hast versucht, alle Prints zu entfernen. Ich habe ein paar verwischte Abdrücke gefunden, die von Paolese stammen könnten, aber ich kann es nicht mit ausreichender Sicherheit behaupten.«

»Well, dass Paolese beteiligt war, wissen wir auch so. Damit ist der Verein komplett! Hat sich übrigens inzwischen herausgestellt, wem der Buick gehört?«

»Die Nummer, die Sie angaben, existiert nicht. Die Burschen haben das Nummernschild gefälscht. Den Wagen haben sie gestohlen – vorgestern. Wir haben den Besitzer inzwischen verständigt.«

Das Telefon schrillte. Der letzte Ton war noch nicht verklungen, da hatte ich schon den Hörer am Ohr.

»Hier Cotton!« Das Girl von der Zentrale meldete sich. »Eine Dame will Sie sprechen, Agent Cotton. Sie sagt, es sei sehr dringend.«

»Geben Sie das Gespräch durch!«

Es knackte, dann rauschte es in der Leitung. Ich rief mehrmals »Hallo«, aber niemand meldete sich.

Durch Knopfdruck holte ich mir wieder die Zentrale.

»Lizzy, es meldet sich keiner. Haben Sie richtig durchgestellt?«

»Ja, sicher, ich verstehe das nicht. Augenblick!«

Ich wartete, dann sagte sie: »Das verstehe ich nicht. Sie hat eingehängt.«

»Hat sie ihren Namen gesagt?«

»Nein«, sagte die Telefonistin. »Sie schien es furchtbar eilig zu haben. Ich verstand nur die Hälfte von dem, was sie sagte. Sie wollte Sie sprechen, und es sei sehr wichtig. Ihre Stimme klang sehr aufgeregt.«

»Lässt sich denn noch feststellen, von welchem Anschluss aus das Gespräch geführt wurde?«, erkundigte ich mich.

»Wenn sie aufgehängt hat, nicht mehr!«