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Nicole Baumgärtel

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Beschreibung

Die quirlige Weltenbummlerin Nicole kehrt zurück in ihre Heimat, um endlich sesshaft zu werden. An einem feuchtfröhlichen Silvesterabend lernt sie Michel kennen, der geradewegs in die Kartoffelsuppe stolpert. Die beiden verlieben sich ineinander, doch ein Schicksalsschlag stellt das junge Glück auf die Probe. Nicole schleppt Michel in die Notaufnahme. Seine Schockdiagnose macht beiden bewusst, dass ihre Zeit auf der Erde begrenzt ist. Michel beschließt, seine verbleibende Zeit sinnvoll zu nutzen und träumt von einer Reise um die Welt. Nicole wirft kurzerhand ihre Pläne über Bord und begleitet ihn auf seiner Weltreise. Die beiden reisen gemeinsam von Deutschland bis in die USA. Zwischenstopps legen sie in Thailand, Singapur, Bali, Australien und Hawaii ein. Michel und Nicole entdecken paradiesische Landschaften. Sie erkunden gemeinsam fremde Kulturen und Küchen. Dabei springen sie dem Tod ein paar Mal von der Schippe. Michel und Nicole erforschen lebensfeindliche Gebiete und werden mit Edelsteinen und Schätzen von Mutter Natur reich beschenkt. Als Adrenalin-Junkies kommen sie dem Tod, aber auch wilden Tieren ganz nah. Immer wieder kommt es zu Unfällen und Verletzungen, aber auch zu unheimlichen Bekanntschaften und herzlichen Begegnungen. Dieses Buch entfacht den Wunsch nach Freiheit und Unabhängigkeit. Es macht Mut, endlich die eigene Komfortzone zu verlassen, um lang gehegte Träume zu verwirklichen. Nicole beschreibt, wie es sich anfühlt endlich Wächter über die eigene Zeit zu sein. Neben vielen Reisetipps verrät das Buch welche Apps als nützliche Reisebegleiter dienen. Offen bleibt nur eine Frage: Wie verbringst du deine verbleibende Lebenszeit?

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Für meinen Lieblingsmensch, besten Freund und Travel-Buddy

Autorin

Mein Name ist Nicole Baumgärtel. Ich bin Weltenbummler, Hobby-Autorin und Minimalistin. Im Jahr 1988 erblickte ich das Licht der Welt im Erzgebirge nahe der tschechischen Grenze. Bis zu meiner Ausbildung reiste ich vor allem an die Ostsee, in die Berge Österreichs und in die Sächsische Schweiz. Doch schon als Kind wollte ich wissen, wie es über dem großen Teich aussieht.

Mit 16 verdiente ich endlich eigenes Geld, was ich sofort in meine erste Reise investierte. Ich flog mit drei Freunden nach Tunesien und verbrachte dort den typischen All inklusive-Urlaub. Da meine Ausbildungsvergütung gerade reichte, um die Benzinkosten bis zu meiner Arbeitsstätte zu decken, war an Fernreisen nicht einmal zu denken.

Kaum begann mein Studium, lautete die Frage: „Wieso ist am Ende des Geldes noch so viel Monat übrig?“ Ich träumte von der weiten Welt, aber sie hätte damals nicht weiter entfernt sein können. Ich schlug mich wie so viele Studenten mit Teilzeitjobs durch und konnte ein paar Euros sparen. Ich fing an, mich für individuelles Reisen zu interessieren und startete mit einer Reise auf dem Camí de Cavalls, einem traumhaft schönen Wanderweg rund um die Insel Menorca. Ich träumte davon mit dem Mountainbike die Insel zu umrunden: Gesagt, getan, bereut! Ich war naiv und es ging ziemlich daneben. Dabei lernte ich auf die harte Tour, was wildes Campen und unwegsames Gelände bedeutet.

Ich lernte aus meinen Fehlern: Der nächste Trip ging nach Portugal, um auf dem Jakobsweg von Porto nach Santiago de Compostela zu wandern. Ich hatte nur minimales Gepäck dabei und konnte mich tatsächlich erholen. Pilgern für Anfänger: Ich empfehle diesen Weg! Als ich durch meine unzähligen Studentenjobs endlich genug Geld zusammen hatte, um eine low-budget Weltreise zu starten, tat ich es.

Ich hatte Bedenken, aber es gab nur diese eine Gelegenheit und ich packte sie. Bis heute bereue ich es keine Sekunde! Meine Weltreisen machten mich zu dem, was ich heute bin: Weltoffen, dankbar und glücklich mit dem, was ich habe.

Im Jahr 2014 begann ich meine Gedanken aufs Papier zu bringen. Nahezu täglich verfasste ich Berichte über meine Reisen. Dadurch entstand mein erstes Buch „Zwischen Rast und Risiko“, welches ich 2018 in erster Auflage veröffentlichte.

Seit 2011 befindet sich mein Ruhepol und Arbeitsplatz in der wunderschönen sächsischen Landeshauptstadt Dresden. Mittlerweile habe ich zwei Weltreisen und unendlich viele Erinnerungen im Gepäck, die ich gern mit anderen Menschen teile.

Nicole Baumgärtel

Reiseroute

Inhalt

Deutschland

Wie alles begann

Ein Abend, der alles verändert

Es kommt, wie es kommen muss

Unser Leben steht Kopf

Der Wendepunkt

Vom Workaholic zum Sinn des Lebens

Das Schicksal schlägt erneut zu

Wir ziehen es durch!

Thailand

Die Stadt der vielen Gesichter

Der Ranger von der Khaosan Road

Mein heimlicher Lebensretter

Das gute alte Hostelleben

Bangkoks Tempel und Parks

Das Essen rührt mich zu Tränen

Überall lauert der Tod

Wir reisen in die Zukunft

Wischi waschi gar nicht billig

Plastic isn´t fantastic

Begegnungen besonderer Art

Ab in den Dschungel

Die Hippie-Hochburg Chiang Mai

Verliebt in die Thai-Küche

Der Silber-Tempel

Korrektes Kacken will gelernt sein

Zwischen Diamanten und Durchfall

Unterwegs mit Mister Sun

Der Mann im Kasten

Essen im Hinterhof

Unterwegs im Bilderbuch-Dschungel

Ist denn heut´ schon Weihnachten?

Schlimmer geht immer!

Fahr´ doch zur Hölle, aber bitte ohne mich!

Der Toilettentempel von Chiang Rai

Nur blau erträgt man zu viel Weiß

Deine Frühlingsrolle ist sexy!

Die Wand kommt mir entgegen

Ein schwerer Abschied

Krabi lädt zum Träumen ein

Aus dem Nichts

Wir haben Inselfieber

Touristen und andere Naturkatastrophen

Das ewige Liegenproblem

Goldrichtig abgebogen

Das ist Karma, Baby!

Klein, aber oho!

Kurz vor dem Kollaps

Der dreiste Schlüpferdieb

Willkommen im Schlaraffenland

Krank im Paradies

Mutter Natur knockt mich aus

Schnitzeljagd in Phuket

Klinikaufenthalt

Weihnachten fällt aus

Singapur

Massage-Marathon

Bali

Schöne neue Welt

Taxifahren will gelernt sein

Wir beschenken uns mit einer Villa

Besuch beim balinesischen Zahnarzt

Auf Kultur-Erkundungstour

Wandern zwischen Reisterrassen

Sind wir eine Weihnachtsgans?

Die verborgene Schlucht

Gemeinsam einsam

Zeit für neue Abenteuer

Auszug aus unserer Villa

Der teuerste Kaffee der Welt

Einzug ins Hakenkreuz-Haus

Vegetarier und Warmduscher

Alle reiben sich an mir

Es sind nur Affen unterwegs

Die Hauptattraktion

Vom Power Nap zum Dauer-Nap

Hupe und die Straße gehört dir!

Bruce, der Weltenbummler

Unverhofft kommt oft

Ich verschenke einen Hund

Eine gute und eine schlechte Nachricht

Die Indonesier und wir

Auf Nimmerwiedersehen!

Mein Gepäck wird diskriminiert

Australien

Hello again!

Des einen Freud, des anderen Leid

Man lernt nie aus

Ein Bad im Regenwald

Sorgenfrei am Kap der Sorgen

Der dreiste Ureinwohner

Der goldene Gummistiefel

Überrollt in Rollingstone

Genieße den Moment!

Der Rentner-Magnet

Adrenalin-Junkies

Ein Unglück kommt selten allein

Barfuß im Puderzuckersand

Unvergessliche Wildtiererfahrungen

Auf der Suche nach dem Glück

Juwel in der trockenen Steppe

Wie im wilden Westen

Wir sind dort, wo Bier ist

Der Boden ist Lava

Im Paradies der Surfer

Ein Mekka für Hippies

Ein Fall für die Haftpflicht

Ohne Fuß läuft es sich nicht

Schockverliebt

Von einer Aufregung zur Nächsten

Unsere asiatischen Freunde

Australische Kälte

Das Höhlenklo im Nirgendwo

Ernüchternde Ankunft

Sydneys Schokoladenseite

Jeder gibt, was er kann

Wir reisen in die Vergangenheit

Hawaii

Unser Teddy-Chevy

Ohne Netz kein Bett

Welten prallen aufeinander

Crazy Carolyn

O´ahus Sonnenseite

Goodbye Hawaii!

San Francisco

Veränderung als einzige Konstante

Wir erkunden die Stadt

Ganz unten angekommen

Wanderung zur Golden Gate Bridge

Baut euch bloß kein zweites Valley!

New York

Im kalten Herz des amerikanischen Traums

Resümee

Deutschland

Wie alles begann

Im Sommer 2015 kam ich nach meiner ersten Weltreise zurück nach Deutschland, um mein Studium der Wirtschaftsinformatik fortzusetzen. Ich landete in der wunderschönen Stadt Dresden, wo ein wohlig warmer Sommer auf mich wartete. Das Wetter war mild und die Elbwiesen voller Studenten. Ich zog in eine Vierer-WG in der quirligen Dresdner Neustadt. Mein Zimmer war gerade einmal zehn Quadratmeter groß, aber ich hatte alles was ich brauche, denn auf meiner Reise lernte ich mit einem 12 Kilogramm Rucksack zu leben. Ich blieb dem Minimalismus treu. Mein Zimmer umfasste einen Stuhl, einen alten Schreibtisch, den ich bei Ebay Kleinanzeigen für 15 Euro erstand und ein Luftbett, wo ich drauf schlief. Einige Menschen würden sagen, dass ich kein besonders luxuriöses Leben führe. Aber ich fühlte mich dennoch reich beschenkt: Ich hatte die Zeit, meinen Traum weiter zu verfolgen und die Freiheit, das zu tun was ich wollte. Mein Leben spielte sich ohnehin außerhalb der eigenen vier Wände ab: Jeden Tag fuhr ich mit meinem alten klapprigen Damenfahrrad durch die Stadt. Mal ging ich einkaufen, mal ging es wie so oft an die Elbe, um dort mit Freunden zu grillen.

Einige meiner besten Studienfreunde kamen gerade aus dem Ausland zurück. Wir waren überglücklich, endlich wieder vereint zu sein. Aber auch neue Gesichter tauchten in unserem Freundeskreis auf. Ich lernte schnell neue Freunde kennen, darunter auch Freunde, die wie ich aus dem Erzgebirge stammen. Die Monate vergingen und schon stand der Jahreswechsel vor der Tür, den ich mit meinen Freunden natürlich gebührend feiern wollte. Wir entschieden uns, dieses Jahr bei unseren neuen Freunden in Zwönitz im Erzgebirge zu feiern. Das dieser Tag mein ganzes Leben verändert, wusste ich damals noch nicht.

Ein Abend, der alles verändert

Es war ein kalter Silvestermorgen. Ich stieg mit meinen Studienfreunden aus Dresden in den Zug nach Zwönitz, wo uns unsere Freunde aus dem Erzgebirge bereits erwarteten. Im Zug war es an diesem Tag bitterkalt und in Zwönitz begrüßte uns ein eisiger Wind.

Das Grundstück unserer Freunde umfasste neben einem gemütlichen erzgebirgischen Wohnhaus auch einen schneebedeckten Garten mit einem kleinen runden Häuschen aus Holz. Aus verschiedenen Bundesländern reisten noch weitere Freunde an. Wir verkrochen uns in das kleine Holzhäuschen im Garten, was von innen größer war, als es von außen aussah. Das Häuschen war beheizt und es dauerte nicht lange, bis die dicken Daunenjacken abgelegt wurden. Viele alte Geschichten wurden wieder aufgewärmt. Einige Freunde hatte ich schon lange nicht mehr gesehen. Der Silvesternachmittag verging wie im Flug und der Magen fing so langsam an zu knurren.

Zwei unserer Freunde grillten für alle: Würstchen, Steaks und Gemüse waren ausreichend vorhanden. Doch es kursierte das Gerücht, dass eine super leckere Kartoffelsuppe, die eine Freundin für uns kochte, vermutlich nicht für alle reicht. Es wurde spät an diesem Abend und der Alkohol floss in Strömen. Das neue Jahr kam in großen Schritten auf uns zu. Einer meiner Freunde lud seinen Studienfreund Michel ein, der aus dem Spreewald anreiste. Michel lachte viel und laut. Aufgrund des Alkoholgenusses kam es natürlich irgendwann zu der Situation, dass jeder einmal auf die Toilette musste. Bei Michel war es nun soweit. Leicht angetrunken öffnete er die Tür des kleinen Holzhäuschens und stürmte hastig hinaus in den eisigen Garten. Wie von Geisterhand löste sich dabei eine Sohle von seinem Schuh. Er stolperte, fiel zu Tür hinaus und geradewegs in den Topf mit der Kartoffelsuppe.

Alle, die noch nicht den „Mir egal“- Zustand aufgrund des Alkohols erreicht hatten, bemerkten sofort, dass keiner von uns jemals in den Genuss dieser Kartoffelsuppe kommen wird. Michel sicherte sich mit dieser Aktion auf jeden Fall einen festen Platz in meinem Gedächtnis.

Der restliche Abend verlief friedlich und harmonisch. Wir läuteten gemeinsam das neue Jahr ein: Nun war es schon 2016! Obwohl wir noch nicht genau wussten, wo wir alle heute Nacht schlafen, stand dann doch ziemlich schnell fest, dass ich bei einem anderen Freund im Gartenhäuschen schlafe. Allein der Gedanke an dieses Häuschen ließ mich frieren, daher bevorzugte ich es, länger zu feiern. Zu dem Zeitpunkt wusste ich noch nicht, dass dieses Häuschen sehr gemütlich, beheizt und mit Schaf-Fellen sowie allerlei Mittelalterkram ausgestattet ist.

Auf dem Weg zum Schlafplatz nahm Michel plötzlich meine Hand, unter dem Vorwand, dass es viel zu glatt auf der Straße ist, um ohne Schuhsohle zu laufen. Ich war gutgläubig und wollte ihm helfen. Also liefen wir Hand in Hand zu unserem gemeinsamen Freund nach Hause. Ich wollte dem armen Michel nur helfen, aber Jahre später erzählte er mir, dass er nur meine Nähe suchte. Ein kluger Schachzug von ihm!

Am nächsten Morgen aßen wir alle gemeinsam Frühstück. Ein Freund aus Bayern brachte Weißwurst und Brezel für alle mit. Danach wurde es Zeit, sich voneinander zu verabschieden. Ich hatte zu dem Zeitpunkt noch keinen Plan, wie ich wieder nach Dresden komme. Auf eine Zugfahrt hatte ich absolut keine Lust. Michel musste ebenfalls zurück in den Spreewald. Er lud mich ein, bei ihm mitzufahren, da er auf dem Weg dorthin über Dresden fährt. Ich zögerte zwar kurz, sagte ihm aber zu.

Auf der Fahrt nach Dresden waren Michel und ich keineswegs allein: Ein befreundetes Pärchen begleitete uns und besetzte die Rücksitze. Die beiden waren allerdings völlig fertig von der gestrigen Nacht und schliefen nach wenigen Fahrminuten ein. Michel und ich hatten während der Fahrt die Gelegenheit, uns näher und vor allem nüchtern kennenzulernen. Nachdem wir in Dresden ankamen, tauschten wir unsere Handynummern aus, natürlich unter dem Vorwand, nur gemeinsam mit Freunden etwas trinken zu gehen.

Es kommt, wie es kommen muss

Michel und ich schrieben uns Tage später ewig lange Textnachrichten und telefonierten stundenlang. Wir verstanden uns einfach super und wurden ein Herz und eine Seele. Zehn Monate später zogen wir zusammen in unsere erste gemeinsame Wohnung: Eine Studenten-WG nur für uns zwei, wo wir beide unsere eigenen Arbeitszimmer hatten. Die Zeit in dieser Wohnung war absolut fantastisch, da ich nicht nur mit meinem späteren Freund, sondern auch mit meinem besten Kumpel zusammenwohnte. Wir fühlten uns pudelwohl, hingen stundenlang zusammen herum und arbeiteten viel. Wir schrieben zur gleichen Zeit unsere Abschlussarbeiten an der Uni und hatten das Leben im Griff. Jede freie Minute genossen wir gemeinsam, auch wenn die Freizeit oft zu kurz kam, da wir beide neben der Uni viel arbeiteten.

Unser Leben steht Kopf

Michel und ich fuhren für einen romantischen Kurzurlaub nach Usedom an die Ostsee. Obwohl sein alter Opel Astra am Reisetag zuerst nicht anspringen wollte und auch die Scheibenwischer nicht funktionierten, starteten wir unsere lang ersehnte Fahrt in den Norden. Wir fuhren in der letzten Septemberwoche an die Ostsee. Alle hielten uns für verrückt. Aber zu dem Zeitpunkt waren die Unterkünfte auch für Studenten wie uns bezahlbar.

Michel und ich hatten wahnsinnig viel Glück. Wir wurden mit warmen Spätsommertemperaturen und viel Sonnenschein belohnt. Daher fuhren wir mit unseren klapprigen alten Fahrrädern von Karlshagen auf Usedom bis nach Polen, spazierten stundenlang am Strand, tranken Bier und spielten Karten, saßen abends im Strandkorb, aßen dabei Pizza und tranken Rotwein, während wir einen roten Blutmond beobachteten. Kein Wässerchen konnte unser Glück trüben! Doch leider war diese Harmonie nur von kurzer Dauer. Am letzten Tag unserer Reise wachte Michel mit starken Schmerzen im Unterleib auf. Sein Hoden war plötzlich stark geschwollen. Wir konnten uns die Schwellung gar nicht erklären. Unsere Vermutung war ein Insektenstich in der Nacht. „Vielleicht hat sich eine Biene unter die Bettdecke verirrt und stach zu, als sie keinen Ausweg mehr fand!“ Michel und ich traten die Heimfahrt nach Dresden an. Er stieg ins Auto und direkt wieder aus. „Ich kann nicht fahren, die Schmerzen sind einfach zu stark!“, sagte er. Michel setzte sich auf den Beifahrersitz und öffnete ein Dosenbier. „Hoffentlich kommen wir gut heim, wenn du fährst!“, sagte er scherzend zu mir. Egal wie schlecht es ihm ging, Michel machte immer noch Witze über meine Fahrkünste, die übrigens gar nicht so schlecht sind. Ich fuhr zurück nach Dresden, wo wir sechs Stunden später gesund und munter ankamen.

Der Wendepunkt

Am nächsten Morgen war Michels Hoden noch stärker geschwollen. Ich zwang Michel dazu, endlich zum Arzt zu gehen. „Krebs wird es schon nicht sein!“, sagte ich zu ihm. Wir gingen kurzerhand in die Notaufnahme des Uniklinikums in Dresden. Michel kam nach rund fünf Stunden Wartezeit endlich dran. Ich blieb währenddessen im Wartebereich sitzen und wartete. Es dauerte eine gefühlte Ewigkeit, bis ich ihn wiedersah. Michel wurde aufgerufen. Er ging in ein Behandlungszimmer. Weitere Ärzte kamen und gingen dort hinein. Kurze Zeit später liefen noch mehr Ärzte zu ihm ins Zimmer. Es zog sich hin und ich wurde immer unruhiger. Was war da bloß los?

Nach vielen Stunden kam Michel zurück zu mir. Wir liefen gemeinsam und ohne viele Worte raus aus dem Krankenhaus. „Ich habe Krebs!“, sagte Michel mit Tränen in den Augen. Ich war geschockt und werde diesen Moment nie vergessen!

Wenige Tage später ging es Schlag auf Schlag: Michel wurde komplett aus dem Studium gerissen, mitten in seiner Diplomarbeit. Ich war selbst mit den Nerven am Ende, wegen meiner Masterarbeit und wegen Michel. Doch Michels Gesundheit stand nun an allererster Stelle. Er ging erneut ins Krankenhaus: Chemotherapie! Ich besuchte Michel jeden Tag und tat, was ich konnte. Es ging alles so schnell. Es war kaum Zeit, vernünftige Entscheidungen zu treffen. Die Wochen vergingen und wir funktionierten nur noch. Michel hielt tapfer durch. Sein einziges Ziel war es, das Studium zu beenden. Oft sagte er zu mir: „Ich habe keine Zeit für Krebs, meine Diplomarbeit muss fertig werden.“ Glücklicherweise verlief die Chemotherapie ganz gut und Michel durfte nach einigen Wochen zurück in unser Zuhause.

Vom Workaholic zum Sinn des Lebens

Michel kämpfte sich schnell zurück ins Leben. Obwohl es ihm nicht gut ging, saß er Tag und Nacht und auch jedes Wochenende an seiner Diplomarbeit. Ich arbeitete ebenfalls sehr viel und schrieb meine Masterarbeit in jeder freien Sekunde. Wir verlängerten beide unser Studium um ein Semester und schlossen schließlich mit hervorragenden Leistungen ab.

Während einer Krebserkrankung passieren verrückte Dinge: Freunde wenden sich ab, da sie mit der Situation nicht umgehen können. Man selbst wendet sich von Freunden ab, da andere Dinge wichtiger sind. Ich funktionierte und unterstützte Michel, wo es nur ging. Michel dachte viel über sich und das Leben nach. Er war erst 27 Jahre alt und alles was er bisher in seinem Leben tat, war studieren und arbeiten. „Ich will die Welt sehen, bevor ich sterbe!“, sagte er eines Tages zu mir. „Aber du musst mitkommen!“, ergänzte Michel.

Ich nahm mir bereits vor einigen Jahren eine Auszeit im Ausland. Daher genoss ich es umso mehr, nun die Vorzüge einer festen Wohnung, eines Betts und eines Kühlschranks zu haben. Außerdem wollte ich nach meinem Studium direkt ins Berufsleben einsteigen. Doch Michel war mein Ruhepol, mein Lebensmittelpunkt, mein Seelenverwandter und meine Heimat. Natürlich konnte ich ihm seinen Wunsch einer Weltreise nicht abschlagen. Also versprach ich Michel, ihn auf dem Weg um die Welt zu begleiten.

Das Schicksal schlägt erneut zu

Michel und ich fanden schnell ein paar sehenswerte Orte auf unserer Weltkarte. Wir markierten alle Länder und feilten an den Flugrouten. Unser erster Flug sollte uns nach Reykjavík in Island führen, dann nach New York und schließlich nach Miami, Florida. Wie die Route danach weiter verläuft wollten wir spontan entscheiden. Ich kümmerte mich um die Flugbuchungen und die Visa. Im Juli 2018 wollten wir unsere Reise starten, doch leider verspürte Michel sehr starke Schmerzen. Diesmal spürte er Schmerzen in beiden Knien. Ein Besuch bei einem Orthopäden brachte schließlich Gewissheit: Meniskus-Risse in beiden Knien. Das war der absolute Supergau!

Michel musste erneut operiert werden. Zwischen den Operationen musste ein halbes Jahr Genesung eingehalten werden. Unser Reisetraum geriet mit einem Schlag in weite Ferne. Da wir uns für jung und fit hielten, schlossen wir keine Reiserücktrittversicherung ab und blieben auf allen Kosten sitzen. So endete unsere Weltreise, bevor sie überhaupt begann. Die Meniskus-Risse zog sich Michel in der Trampolinhalle zu. Obwohl wir keine Kunststücke vollbrachten, war der Druck auf den Knien beim Springen einfach zu hoch. Die Chemotherapie zehrte vermutlich auch am Gewebe im Knie. Die Federung beim Trampolinspringen war pures Gift für Michels Körper. Es schien, als dürfen Krebspatienten gar keinen Spaß mehr haben.

Meine Nerven lagen blank: Mal mehr, mal weniger. Aber blank lagen sie immer. Michel und ich arrangierten uns damit, unsere Weltreise zu verschieben. Aber für uns stand fest, dass wir keines dieser Pärchen sind, die „irgendwann mal eine Weltreise machen“. Wir waren fest entschlossen, dass wir einen neuen Versuch starten, sobald Michel wieder gesund ist. Immerhin wussten wir bereits, wie schnell sich das Leben ändern kann. Oft ist es leichter, etwas auf „Irgendwann“ zu verschieben, aber es kann eben auch vorkommen, dass „Irgendwann“ niemals eintritt.

Wir ziehen es durch!

Es war mittlerweile November. Unsere ursprüngliche Reiseroute war für die Katz´, denn keiner von uns wollte im November nach Island fliegen und sich dort den Popo abfrieren. Michel und ich wollten trotzdem weg, irgendwo hin, wo es gerade sonnig und warm ist. Kopf aus, Bikini an! Wir suchten spontan nach dem günstigsten Flug im Internet: „Komm´, wir fliegen morgen nach Bangkok!“

Ankunft am Flughafen Leipzig. Ich freute mich auf alles was noch kommt, aber gerade freute ich mich über den überschaubaren Flughafen. Alles war übersichtlich und gut zu finden. Es war ein traumhafter Start in unsere Reise, denn alles verlief ausnahmsweise reibungslos. Zuerst flogen wir nach Düsseldorf. Unser Flieger konnte sogar zehn Minuten früher starten, da wir nur mit Geschäftsreisenden flogen. In Düsseldorf fanden wir schnell das Gate für den Weiterflug nach Bangkok. Am Gate herrschte schon viel Trubel: Kleine Kinder spielten zwischen den Sitzbänken mit Bauklötzen, alte Menschen lösten gemütlich ihre Kreuzworträtsel und viele Rucksackreisende machten es sich auf dem Fußboden des Flughafengebäudes gemütlich. Michel und ich fühlten uns nirgends so richtig zugehörig: Wir waren keine typischen 18-jährigen Backpacker und auch keine Business-Reisenden, aber eben auch keine Urlauber. Wer will schon in eine Schublade gesteckt werden? Wir sind einfach Michel und Nicole. Wir werden sehen, wer wir sind, wenn wir zurückkommen.

Wir stiegen in den Flieger nach Bangkok und bekamen einen Platz in der ersten Reihe, wo die Sitze angenehm und die Geräuschkulisse ruhig war. Leider konnten wir während des elfstündigen Fluges kein Auge schließen. War es die Aufregung? Vielleicht bei Michel, aber nicht bei mir. Ich fand es einfach anstrengend! Als ich meine Schlafmaske abnahm, sah ich das Tageslicht, obwohl es nach deutscher Zeit erst 4:30 Uhr morgens war. Die Grenze zwischen Tag und Nacht war schnell durchflogen. Mit Tageslicht von draußen wurde es für mich gänzlich unmöglich, überhaupt einzuschlafen. Ich hielt tapfer durch und zählte in Gedanken die Stunden bis zur Landung.

Thailand

Die Stadt der vielen Gesichter

Bangkok, die thailändische Hauptstadt mit über acht Millionen Einwohnern, empfing uns mit grauem Himmel und starkem Wind. Die größte Stadt im Land des Lächelns ist vor allem für Ihre kunstvollen Heiligtümer und das pulsierende Leben auf den Straßen bekannt. Über 400 Wats (buddhistische Tempelanlagen und Klöster) ziehen jedes Jahr Millionen von Touristen an. Bangkok steht ganz oben auf der Liste der meistbesuchten Städte weltweit. Bei durchschnittlichen Temperaturen von 26 bis 30 Grad das ganze Jahr über lässt es sich dort gut aushalten. Der Temperaturumschwung gestaltete sich für Michel und mich gar nicht so heftig wie erwartet. Bei feuchtwarmen 30 Grad spazierten wir aus dem Flughafengebäude auf der Suche nach der Touristeninformation. Wir fanden diese schnell und fragten dort nach einer Busverbindung zur Khaosan Road. Eine hübsche Thailänderin half uns schnell weiter.

Wir liefen zum Busterminal und fanden schnell einen Bus, der weder fahrtüchtig noch seriös aussah. Aber es war der Einzige, der in die Innenstadt fuhr. Wir stiegen ein und fuhren über eine Stunde mit diesem Bus. Die verschiedensten Menschen gesellten sich zu uns. Natürlich waren auch Deutsche mit dabei. Die findet man ja überall auf der Welt, selbst am menschenfeindlichsten Ort. Michel und ich hielten unseren Mund und lauschten lieber den Gesprächen der anderen Leute im Bus. Da waren einerseits die österreichischen Mädels, die ganz heiß darauf waren, endlich die Freiheit nach dem Abi zu genießen. Dann war da ein alter Mann, der schon viele Jahre in Thailand lebte und am Flughafen eine Freundin aus Deutschland abholte. Alle anderen Nationalitäten konnten wir nur erraten. Der alte klapprige Bus war zwar alles andere als schön, aber die Decke war mit neuem Leder verkleidet. Es gab sogar eine Busbegleitung. Die junge Dame ging zu jedem Fahrgast hin und kassierte den Preis für das Busticket. Schwarzfahren war unmöglich! Ein Monatsticket gibt es auch nicht.

Die junge Frau kassierte uns ab und gab uns zwei Tickets. Ein Ticket kostete pro Person 60 Baht (rund 1,70 Euro). Ich hatte leider nur einen 1.000 Baht-Schein in der Tasche, weil der Geldautomat am Flughafen keine anderen Scheine ausspuckte. Die Busbegleiterin nahm den Schein und sagte: „Wow!“. Vermutlich hatte sie noch nie so viel Geld in der Hand. 1.000 Baht entsprechen umgerechnet rund 25 Euro.

Unser Bus fuhr vorbei an vielen hohen Gebäuden, die überwiegend grau und trist aussahen. Bangkok hatte ich mir irgendwie anders vorgestellt: Bunt und voller Leben! Endlich kamen wir in unserem Viertel an. Dort bebte tatsächlich das Leben. Wie sehr, das wussten wir zu dem Zeitpunkt noch nicht. Ein Mann auf einem Roller fuhr an uns vorbei. Auf dem Werbelogo seines Gepäcks war ein Panda-Kopf. Lieferte er Panda-Pizza aus? So ungewöhnlich dieser Mann damals auf uns wirkte, so normal ist es mittlerweile auch in Deutschland.

Michel und ich standen an einer vielbefahrenen Straße ohne Ampeln. Wir hatten keinen Plan, wie wir diese Straße überqueren können. Eine volle Straße in Bangkok ist etwas anderes als eine volle Straße in Deutschland. Dort standen wir minutenlang einfach nur da, ohne Aussicht darauf, jemals diese Straße überqueren zu können. Es gab zwar einen Zebrastreifen, aber kein Auto hielt an. Dass wir nicht einfach losliefen, todesmutig hinein in den Verkehr, enttarnte uns sofort als dumme Touristen. Bill, ein typischer Touristenabzocker, der seinen echten Namen natürlich durch einen international klingenden Namen ersetzte, sprach uns an. Er erzählte uns, dass er sich perfekt in der Stadt auskennt und mit seinem Tuk Tuk Touristen durch die Stadt fährt. Er sagte, dass heute Buddha-Tag ist und alle Tempel freien Eintritt haben. Wir sagten zu ihm, dass wir zuerst ins Hostel müssen und gerade erst in Bangkok gelandet sind. Ein böser Fehler! Bill zählte in seinen Gedanken schon die Dollar-Scheine. Er bot uns an, uns zum Hostel zu bringen und uns danach zu allen Tempeln zu fahren. Wir sagten zu, wollten aber nur, dass er uns zu unserem Hostel bringt.

Plötzlich rannte er weg und schickte seinen Bruder zu uns. Vermutlich war es nicht sein Bruder, wohl eher sein Geschäftspartner, der die Drecksarbeit machen musste. Wie auch immer, der gute Mann brachte uns mit dem Tuk Tuk über die Straße und blieb nach rund fünf Metern stehen. „Da rechts ist euer Hostel!“ Ernsthaft!? Das hätten die uns auch sagen können. Da hatten sich die beiden ein schönes Geschäftsmodell ausgedacht, um Touristen das Geld aus der Tasche zu ziehen. Michel und ich stiegen aus und liefen ins Hostel. Der Tuk Tuk-Fahrer wartete, während Michel und ich im Hostel eincheckten. Für umgerechnet einen Euro wollte er uns durch die ganze Stadt kutschieren. Auf dem Hostelzimmer wurde ich skeptisch. Außerdem war ich wahnsinnig müde, da ich über 24 Stunden nicht schlief. Ich überredete Michel dazu, den Tuk Tuk-Fahrer den Euro zu geben und erst einmal zu schlafen. Ich lief zurück zum Tuk Tuk-Fahrer und gab ihm umgerechnet einen Euro. Danach schlief ich nachmittags um 17 Uhr voller Erschöpfung ein. Michel und ich schliefen bis 19 Uhr durch. Gerade einmal zwei Stunden, aber besser als gar kein Schlaf.

Einige Zeit später fanden wir die Masche der Tuk Tuk-Fahrer heraus. Sie erzählten allen Touristen, dass heute der Buddha-Tag ist, an dem die Tempel freien Eintritt haben. Doch alle Tempel, welche die Fahrer anfahren, haben immer freien Eintritt. Bangkok ist voller Tempel. An jeder Ecke stolpert man über einen Tempel, wenn man nicht komplett blind durch die Straßen zieht. Natürlich fahren die Tuk Tuk-Fahrer zu einigen Tempeln, um das Vertrauen der Touristen zu gewinnen. Danach geht es aber noch eine Extra-Runde durch die Stadt, zu den Kollegen in den Märkten und Geschäften, wo den Touristen teure Fälschungen als Originale angepriesen werden, zu einem „wahnsinnig günstigen Preis“. Kauft man dort nichts, wird man solange bedrängt, bis man etwas kauft. Einerseits ist dieses harte Geschäft für die Einheimischen ein Weg, um zu überleben, andererseits werden Touristen nur als Geldmaschinen wahrgenommen.

Der kleine Hunger meldete sich. Wir liefen hinaus auf unsere Straße: Die Khaosan Road. Die nachmittags friedliche Straße verwandelte sich in der Zwischenzeit in eine Partymeile. Die größte Partymeile Bangkoks! Wieso wussten wir das nicht? Ganz einfach, weil wir spontan waren und uns darüber nicht im Voraus informierten. Daher mussten wir mit den Konsequenzen leben. Trotz der lauten Musik und den vielen Menschen war eins sicher: Wo Party ist, da gibt’s auch Essen! Aus dem kleinen Hunger wurde mittlerweile ein Großer. Wir bekamen Kopfschmerzen und brauchten dringend Nahrung. Wenige Meter entfernt von unserem Hostel fanden wir einen kleinen Essensstand auf der Straße, an dem Gemüse, Ei, Nudeln und Sprossen frisch zubereitet wurden. Wir bestellten zwei vegetarische Gerichte und eine Flasche Wasser und zahlten dafür insgesamt 2,50 €! Die Straße füllte sich inzwischen mit dem Partyvolk. Michel und ich gingen zurück ins Hostel und schliefen mit gut gefülltem Bauch den Jetlag aus.

Der Ranger von der Khaosan Road

Michel und ich gewöhnten uns an den Trubel in unserer Straße. Michels Haut reagierte allerdings sehr empfindlich auf die starke Sonneneinstrahlung in Thailand, daher trug er immer einen Cowboyhut. Sein wichtigster Reisegegenstand durfte lediglich zum Schlafen den Kopf verlassen. Natürlich war der Cowboyhut einer der Gründe, warum wir sofort als Touristen enttarnt wurden. Aber Sonnenschutz geht natürlich vor!

In der Khaosan Road fanden wir neben gebratenen Heuschrecken am Straßenstand ein paar Durian-Früchte. Das ist eine Frucht, die außen wie ein Igel aussieht und innen wie eine kleine Banane. Die Einheimischen sagen, dass die Frucht wie der Himmel schmeckt, aber wie die Hölle stinkt. Wir hoben uns diese Delikatesse für später auf. In der Nähe unseres Hostels gab es eine kleine Raggae-Bar, wo wir oft und gern Reisgerichte aßen und der entspannten Live-Musik lauschten. Eine lokale Reggae-Band sang die Songs von Bob Marley und verbreitete in dem wirren Getümmel ein wenig Gelassenheit. Das war ganz nach meinem Geschmack. Abends zierten bunt auffallende Stände die Straße. Die Händler boten allerlei Haremshosen, selbstgemachte Taschen, Schmuck und Unmengen an gefälschten Rucksäcken, T-Shirts und Hosen an. Zudem gibt es in der Khaosan Road Massagestudios ohne Ende. Eine einstündige Massage kostete umgerechnet sechs Euro. Einfach unglaublich! Am Anfang waren wir noch skeptisch, aber im Laufe unserer Thailand-Reise genossen wir ab und zu eine wohltuende Massage.

Hätten wir gewusst, wie leicht es ist, in Thailand eine neue Identität anzunehmen, hätten wir vielleicht vor unserer Ausreise aus Deutschland noch ein paar Konten geplündert, Kreditkarten gehackt, Banktresore geknackt oder was auch immer. Jedenfalls wurden uns ständig gefälschte Ausweispapiere in den Straßen Bangkoks angeboten, vor allem auf der Khaosan Road. Wir haben als Deutsche nicht die schlechtesten Karten! Unser Reisepass verschafft uns Zugang zu nahezu jedem Land der Erde. Was für ein Privileg!

Ich habe mich schon lange den Einheimischen angepasst und trage weite Hosen, helle weite T-Shirts und schütze mein Gesicht vor der Sonne. Nur mein treuer Begleiter wird regelmäßig als Tourist enttarnt. Die Thais denken sich vermutlich: „Was will denn dieser attraktive Cowboy mit dieser Assi-Alten?“ Michel wurde regelmäßig angesprochen, ob er nicht einen maßgeschneiderten Anzug wünscht. Jeder Verkäufer sprach ihn an. Ich hätte tatsächlich einen Anzug gebrauchen können. Nicht auf dieser Reise, aber sicherlich danach. Aber mich fragte ja niemand. Pech für beide: Eine klassische Lose-lose Situation!

Mein heimlicher Lebensretter

Feuchtwarme Länder mit heißen Außentemperaturen verlangen unseren Körpern einiges ab. Obwohl ich nicht gerade ein Mensch bin, der beim kleinsten warmen Lüftchen umkippt, machte auch mir das Klima in Bangkok zu schaffen. Da ich keinen Kaffee trinke, benötige ich einen anderen Koffein-Kick, der mich vor dem Hitzekollaps bewahrt. Bestenfalls eine Cola, die Geheimwaffe meiner Reisen. Dieses Getränk zog mich schon als Kind in den Bann, weil es mir verboten wurde. Ich war schon immer etwas aufgedrehter als andere Kinder und es war vollkommen verständlich, dass meine Eltern mir nicht auch noch ein Glas Cola geben wollten. Mit den Jahren wurde ich etwas ruhiger, auch wenn das andere Menschen nicht von mir behaupten. Auf jeden Fall half mir Cola immer, wenn es wirklich brenzlig wurde. Wenn der Kopf brummte, aber keine Kopfschmerztablette in Sicht war oder wenn der Kreislauf kurz vor dem Kollaps stand: Eine Cola rettete mich. Nur einen Fehler durfte ich nicht machen: Jemand anderen bitten, in einem fremden Land eine Cola für mich zu kaufen.

Aus Fehlern lernte ich: Vor ein paar Jahren lief ich den Jakobsweg von Portugal nach Spanien. Nach einer langen Tour und vielen Tagen ohne Koffein verlangte mein Körper nach Zucker. Ich lief damals mit Michel durch ein kleines Dorf in Spanien. Es war gar nicht so leicht einen Supermarkt von außen zu erkennen. Lidl oder Aldi: Fehlanzeige! Die kleinen Mercados sahen von außen aus wie normale Wohnhäuser. Oft fragten wir uns bei den Einheimischen durch, wo wir Wasser oder Obst kaufen können. Dann wurde uns oft ein Garagentor oder eine Tür gezeigt, hinter denen tatsächlich ein kleiner Supermarkt verborgen war. Wie auch immer, Michel fand einen kleinen Mercado in einem Dorf und wollte Cola besorgen. Die Sonne brannte zu dieser Zeit enorm und wir hatten das Gefühl, trotz bereits getrunkener drei Liter Wasser gleich umzukippen. Das 13 Kilogramm schwere Gepäck auf unseren Rücken fühlte sich auch nicht wie ein Wellnessurlaub an. Michel kam nach kurzer Zeit aus dem Laden und brachte zwei Cola mit. Die Dosen zischten. Ah, das tat gut! Meine Müdigkeit wurde allerdings nicht besser. Irgendwann begriff ich, dass „cola sin cafeina“ auf der Dose bedeutete, dass da gar kein Koffein drin war. Ein böser Fehler!

Ich habe im Normalfall sehr selten Kopfschmerzen, aber in Bangkok plagten sie mich jeden Tag. Da half auch Cola nicht mehr. Der Smog in der Stadt war so stark, dass ich Reizhusten davon bekam. Die meisten Einheimischen liefen grundsätzlich nur mit Atemmaske durch die Stadt. Michel und ich hatten anfangs absolut keinen Plan, wo wir diese Masken kaufen können. Glücklicherweise fanden wir eine Apotheke, wo wir uns damit ausstatteten. Ich kaufte mir eine Atemmaske für 35 Baht (rund 1 Euro), viel zu teuer für thailändische Verhältnisse. Es half tatsächlich sehr, die Maske in den Straßen Bangkoks zu tragen. Auch wenn ich mir als Europäer damit irgendwie blöd vorkam, war ich froh mein Gesicht damit zu schmücken Wie schön ist doch die frische Bergluft im Erzgebirge!

Das gute alte Hostelleben

Ich benutzte die Toilette in unserem Hostel auf der Khaosan Road. Als ich nach rechts schaute, sah ich einen Schlauch mit einem Knopf am Ende des Schlauchs. Ich ging davon aus, dass der Schlauch in die Toilette führt und dass ich damit die Toilette spülen kann. Daher betätigte ich den Knopf. Plötzlich spritzte der Schlauch heftig um sich. Ich stellte fest, dass der Schlauch nicht zur Spülung diente. Er war da, um sich den Popo zu reinigen, falls kein Papier in der Nähe ist. Ich stand da wie ein begossener Pudel und hatte wieder etwas gelernt.

Nach anstrengenden Tagen, an denen wir oft rund 15 km liefen, fielen wir abends völlig erschöpft ins Beton-Bett. Kein Scherz! Male ein Bild von einem flauschig weichen Kingsize-Bett mit allem drum und dran und streiche es danach mit einem dicken roten Stift durch! Die Betten unseres Hostels hatten wirklich sehr dünne Matratzen, aber dafür umso dickere Betonschichten darunter. Ich konnte es kaum fassen! Gut, dass ich lieber hart als weich schlief. Nein, das wäre viel zu schön gewesen! Geschlafen hatte ich nämlich meistens gar nicht. Wie auch die Nächte zuvor war auf der Khaosan Road Party angesagt, mit einer Lautstärke, welche die Herzen der Hörgerätehersteller höherschlagen lässt. Gratis Tinnitus gibt’s auch gleich mit dazu. Wir hatten Pech: Michel und ich wollten in Ruhe schlafen, aber leider befand sich unser Hostel direkt an der größten Partymeile Bangkoks. Meist schliefen wir erst gegen fünf Uhr morgens vollkommen übermüdet ein, denn dann wurde es endlich leiser. Nur noch die Fahrzeuge der Stadtreinigung piepten ihre traurigen Töne vor sich hin. Eintönig genug, um dabei einzuschlafen. Glücklicherweise konnten wir immer ausschlafen und hatten keinen Geschäftstermin.

Bangkoks Tempel und Parks

Die verschiedenen Wats (Tempel) sind zwar auf den Straßenkarten gut eingezeichnet, allerdings nehmen es die Thais mit den Straßen und deren genauer Lage nicht so ernst. Trotz gutem Orientierungssinn bogen Michel und ich unzählige Male falsch ab, bis uns wieder einmal ein freundlicher Backpacker weiterhalf. Irgendwann kamen wir an einem vom Reiseführer angepriesenen Park an. Ich suchte vergeblich nach Gras. Ist es etwa nicht normal, dass Parks grün sind? Nein, in Thailand ist das anders! Der Park, auf den ich mich in dieser Smog-verseuchten Stadt so sehr freute, war grau. Kein Witz, der Park hatte einen Betonboden! Es war fast so als hätte jemand gesagt: „Bob, gieß´ mal den Beton hier drauf, damit der Park endlich fertig ist!“ Was für ein Reinfall!

Weiter ging es zu den Tempeln der südwestlichen Altstadt von Bangkok. Wir besuchten den großen Palast und weitere Tempelanlagen in der Nähe. Als ich die Tempel betrat, glänzte mich ein goldener Buddha an. Unzählige davon gibt es in der gesamten Stadt. Mit Blattgold verziert schenken sie den Armen Hoffnung und Glück. Viele Gläubige versammelten sich im Tempel, zündeten Räucherstäbchen an und beteten. Vor jedem Tempelbesuch mussten wir die Schuhe ausziehen. In der Tempelanlage Wat Pho, wo ein riesiger goldener schlafender Buddha wohnt, gibt es für alle Besucher kostenlos Trinkwasser, welches aus der Tempelquelle stammt. Das kam mir gerade Recht. Ich trank gleich einen Liter davon und nutzte nach kurzer Verschnaufpause auch direkt das danebenliegende Klo, um meinen Darm vollständig zu reinigen. Danke für Nichts! Michel und ich staunten über die vielen Details an den Tempeln. Vor allem die vielen kleinen Tröpfchen förmigen Spiegel gewannen unsere Aufmerksamkeit. Die Tempelanlagen ließen uns immer wieder staunen. Jeder Tempel ist ein Kunstwerk für sich, in das sicherlich schon sehr viel Geld, Zeit, Tränen und Schweiß investiert wurde.

Das Essen rührt mich zu Tränen

Hatte ich den ganzen Tag Hunger? Ja! Denn die Thai-Portionen sind sehr klein, dafür wird öfters am Tag gegessen. Nach einem Spaziergang kam uns der nahegelegene Gemüsemarkt an der Memorial Bridge gerade recht. Wir hatten schon sechs Kilometer Fußmarsch hinter uns. Es musste also dringend etwas Essbares her! Wir teilten uns den Fußweg mit den vielen Schülern, die gerade ihren Schultag beendeten und nach Hause liefen, natürlich einheitlich gekleidet in Schuluniform. Michel tarnte sich gekonnt als Tourist mit seinem Cowboyhut. Wir fanden den Gemüsemarkt schnell. Es war ein riesiger Markt. Wir trafen nicht einmal andere Touristen. Am Ende landeten wir irgendwo in einer Seitengasse, wo wir bei einer sehr alten Frau eine extrem scharfe Kokos-Suppe mit Reisnudeln und Salat kauften. Sie wollte dafür umgerechnet rund 90 Cent haben. Eine weitere alte Frau hatte gerade dort eingekauft und warnte uns: Diese Suppe ist „hot“, also extrem scharf. Ich aß dennoch fast alles auf, obwohl meine Lippen brannten. Fragst du mich, wie es schmeckte: Keine Ahnung, wahrscheinlich gut. Aber scharf war es! Plötzlich ging es nicht mehr. Dreiviertel der Suppe hatte ich aufgegessen, danach gab ich mit tränenden Augen auf: Viel zu scharf! Michel, der harte Knochen, aß natürlich auch noch meine scharfen Überreste auf.

Da wir schnell die Gewissheit hatten, kein europäisches Frühstück zu bekommen, passten wir uns den Essgewohnheiten der Thais an. Unser absolutes Lieblingsgericht war Pad Thai: Reisnudeln mit Sprossen, Gemüse und Ei, für umgerechnet rund 1,30 Euro. Oft gab es auch Ananas am Straßenrand für rund 40 Baht zu kaufen. Viel zu teuer, wie wir danach wussten. Der Verkäufer und eine andere Kundin konnten nicht mehr aufhören zu lachen, als wir zwei davon kauften und danach weggingen. Wie böse! Dabei lebt Thailand doch hauptsächlich vom Tourismus! Also immer Augen auf beim Straßenkauf: Ganz einfach, wie bei Monopoly!

Ich war vom vielen Schwitzen total dehydriert und brauchte dringend Wasser, als mir eine kleine Bäckerei ins Auge fiel. In Annas Bakery gab es leckeres Gebäck mit schwarzem Sesam und Kokos-Geschmack.

Wer konnte da schon widerstehen? Mein Zuckerhaushalt wurde schnell wieder aufgefüllt und auch meinen Durst konnte ich stillen. Michel und ich nahmen noch etwas vom Gebäck mit und teilten uns die kleinen Bällchen mit einem lieben Einheimischen, der uns freundlicherweise Platz machte, damit wir uns neben ihn setzen konnten.

Zum Abendessen gab es für je 60 Baht eine Nudelsuppe mit Koriander, Basilikum, Erdnüssen, Reisnudeln, Hühnchen und Sprossen. Wir schlürften die leckere Suppe als einzige Touristen in uns hinein. Neben uns saßen nur Einheimische. Die Köchin fragte uns sogar persönlich, ob es schmeckte. Das tat es! Als wir die Holzstäbchen zum Essen auspackten, schauten alle Einheimischen gespannt zu uns. Einige fingen sogar an zu kichern. Doch gelernt ist gelernt! Wir aßen die Nudelsuppe mit Stäbchen, kein Problem für uns. Unsere Sushi-Sucht daheim hatte auch etwas Gutes. Die Einheimischen lächelten uns an, nickten und drehten sich wieder beiseite. Es kommt selten vor, aber diesmal wurde nicht auf meine Kosten gelacht.

Einer unserer Höhepunkte in Bangkok war der Besuch des Chatuchak Markts. Über 9.000 Stände bieten den Käufern ein einmaliges Einkaufserlebnis: Kleidung, Seife, Essen, Holz, Vintage-Möbel, Handtaschen, Grillstände. Alles steht nebeneinander. Michel und ich kauften uns Haremshosen und ein paar Oberteile, die auch die Thais tragen. Der Markt hatte auch kulinarisch einiges zu bieten. Wir aßen wie immer irgendein Reisgericht mit Gemüse und verweilten eine Weile mit den vielen Nationalitäten an unserem Tisch. Es machte viel Spaß, den Leuten beim Essen zuzuschauen. Da gab es die „Schlürfer“, die direkt neben den feinen Damen saßen, die in jeder Suppe ein Haar fanden. Es war ein Bild für die Götter! Weniger schön war die Reinigung des Geschirrs, von dem wir aßen. Ich gab unsere Teller zurück zur Theke. Die freundliche, aber sichtlich gestresste Verkäuferin nahm unsere Teller entgegen, zog sie kurz durch eine Wanne mit Seifenwasser und gab sie danach direkt ihrer Kollegin, die sogleich eine neue Portion darauf platzierte. Vermutlich war es Einbildung, aber ich bekam nach diesem Anblick direkt Bauchschmerzen.

Überall lauert der Tod

Michel und ich kamen auf die Idee, abends zum Wat Arun zu fahren. Diesen Tempel sahen wir schon oft auf der anderen Seite des Flusses Chao Phraya. Vor allem bei Nacht wurde er mit Lichtern angestrahlt und zog mich damit magisch an. Wir beschlossen mit einer Fähre auf die andere Seite des Flusses zu fahren und von dort aus zum Tempel zu laufen. Es war ein toller Abend! Der Tempel beeindruckte uns mit seiner Größe, aber auch mit den vielen kleinen Details. Der Tempelgarten war sehr gepflegt und wir verweilten einige Stunden, schossen Fotos und genossen die fantastische Aussicht auf die erleuchtete Stadt. Es war mittlerweile Nacht geworden. Als wir die Fähre zurück nehmen wollten, sagte uns der Fährmann: Die letzte Fähre ist weg. Heute kommt niemand mehr auf die andere Seite!

Ich wusste nicht, wie weit der Weg bis zum Hostel sein würde. In der Ferne sah ich jedoch eine Brücke, wo wir den Fluss überqueren können. Wir mussten also nur dorthin gelangen und dann würden wir auch irgendwie „nach Hause“ kommen. Michel und ich liefen hinter den Tempel in das dortige Viertel. Ich hatte keine Angst mich dort zu bewegen, auch wenn die heruntergekommenen Häuser und Schuppen nicht allzu vertrauenswürdig aussahen. Allerdings hatte ich auch schon Schlimmeres gesehen, daher war ich frohen Mutes. Michel und ich liefen eine gefühlte Ewigkeit eine Hauptstraße entlang. Meine Füße schmerzten allmählich, da wir heute sicher schon mehr als zehn Kilometer auf dem Buckel hatten. Aber da musste ich jetzt durch. Unzählige Male mussten wir die Straße überqueren. Es gab überall Baustellen und nur an wenigen Stellen überhaupt einen Bürgersteig. Die Straße wurde breiter und der Fußweg schlängelte sich an der Seite entlang, bis die Straße über eine Brücke führte. Der Bürgersteig verlief seitlich an der Brücke entlang, sodass wir durch die Brückenpfeiler durchschauen konnten. Wir waren buchstäblich unter der Brücke unterwegs. Zwischen dem Fußweg und dem Teil unter der Brücke war ein Maschendrahtzaun, welcher allerdings schon etwas älter und löchrig war.