John Maynard Keynes. - Paul Davidson - E-Book

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Paul Davidson

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Beschreibung

Die Lehren von John Maynard Keynes, einem der einflussreichsten Wirtschaftstheoretiker aller Zeiten, galten lange Zeit als überholt, bevor sie im Zuge der globalen Wirtschafts- und Finanzkrise von 2008/2009 eine Wiedergeburt erlebten. Der vorliegende Band bietet eine höchst aufschlussreiche Einführung in Leben und Werk des großen Nationalökonomen. Paul Davidson beschreibt darin Keynes Wandlung vom orthodoxen Ökonomen zum innovativen Denker, der, angesichts der wirtschaftlichen Realität während des Ersten Weltkriegs und in den Jahren danach, einen alternativen Ansatz zur klassischen Wirtschaftstheorie entwickelte. Keynes' »Allgemeine Theorie«, entstanden unter dem Eindruck der Großen Depression, erschien 1936 und revolutionierte die Nationalökonomie. Davidson zeigt auf, welchen großen Einfluss Keynes' Werk auf seine Disziplin hatte und warum seine Lehren heute aktueller denn je sind.

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Veröffentlichungsjahr: 2015

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PAUL DAVIDSON

John Maynard Keynes

Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek

Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.d-nb.de abrufbar.

First published in English by Palgrave Macmillan, a division of Macmillan Publishers Limited under the title John Maynard Keynes by Paul Davidson. This edition has been translated and published under licence from Palgrave Macmillan. The author has asserted his right to be identified as the author of this Work.

© 2007, 2009 Paul Davidson

Für die deutsche Ausgabe alle Rechte vorbehalten © 2015 Duncker & Humblot GmbH, Berlin Fremddatenübernahme: Textforma(r)t Daniela Weiland, Göttingen Druck: BGZ Druckzentrum GmbH, Berlin Printed in Germany

Umschlag: John Maynard Keynes (© ullstein bild – Süddeutsche Zeitung Photo / Scherl)

ISBN 978-3-428-14009-1 (Print) ISBN 978-3-428-54009-9 (E-Book) ISBN 978-3-428-84009-0 (Print & E-Book)

Gedruckt auf alterungsbeständigem (säurefreiem) Papier entsprechend ISO 9706 ƀ

Internet: http://www.duncker-humblot.de

Vorwort

In der Ökonomie kann man einen Kontrahenten niemals eines Fehlers überführen – man kann ihn höchstens davon überzeugen. Und selbst wenn man recht hat, kann man ihn nicht überzeugen […], wenn sein Kopf bereits voller gegenläufiger Überzeugungen ist.

John Maynard Keynes zugeschriebenes Zitat

Der Zweck dieses Buches besteht darin, den Leser – sei er interessierter Laie, Student der Wirtschaftswissenschaften oder Ökonom – davon zu überzeugen, dass das, was heute als gängige Auffassung in den Wirtschaftswissenschaften gilt und regelmäßig von Talkshowgästen zu hören oder in den Printmedien und Fachzeitschriften des Mainstreams zu lesen ist, auf die Welt, in der wir leben, nicht anwendbar ist. Wie ich zu zeigen hoffe, ist die treffendste Beschreibung unserer marktorientierten, auf Unternehmertum basierenden Geldwirtschaft der revolutionäre wirtschaftswissenschaftliche Ansatz von John Maynard Keynes, dem wichtigsten Ökonomen des 20. Jahrhunderts.

Je weniger der Leser mit wirtschaftswissenschaftlichen Analysen zu tun hatte, desto geringer die Gefahr, dass sein Kopf bereits voll ist mit dem, was der Harvardprofessor John Kenneth Galbraith einmal als „gängige Auffassung“ und als „unschuldigen Betrug“ der orthodoxen Ökonomie bezeichnet hat. Einen Laien davon zu überzeugen, wie eine Geldwirtschaft tatsächlich funktioniert, wird für mich demnach leichter sein, als wenn es sich um einen Wirtschaftsstudenten handelt; am schwersten ist diese Aufgabe, wenn der Leser ein Ökonom ist, der die gängige Auffassung in- und auswendig kennt. Ich habe mich daher insgesamt um eine gut lesbare Darstellung bemüht, es gelegentlich jedoch für nötig befunden, auf Fachbegriffe zu sprechen zu kommen, damit auch die Studenten und Professoren unter meinen Lesern Denkanstöße erhalten. Der Schwierigste dieser Fachdiskurse findet sich in einem Anhang zum 6. Kapitel. Der Laie kann diesen Anhang getrost überspringen.

Die ersten drei Kapitel skizzieren, wie Keynes zu einem orthodoxen Ökonomen wurde und wie er angesichts der wirtschaftlichen Realität während und nach dem Ersten Weltkrieg zu der Erkenntnis gelangte, dass die Ökonomie, wie er sie lehrte und betrieb, mit erheblichen Mängeln behaftet war. In den Kapiteln vier bis sechs beschreibe ich, wie es Keynes nach zehn Jahren des Nachdenkens gelang, seinen Ansatz von der klassischen Wirtschaftstheorie abzugrenzen. Das siebte Kapitel fasst Keynes’ Sichtweise unseres Wirtschaftssystems zusammen. Der Laie wird die Darstellung im siebten Kapitel so unmittelbar einleuchtend finden, dass er oder sie mit Staunen vernehmen wird, dass professionelle Vertreter des Mainstreams diese Beschreibung und Analyse ablehnen. In den Kapiteln acht bis zehn [6] entwickle ich Keynes’ Analyse weiter und wende sie auf die wirtschaftlichen Probleme des 21. Jahrhunderts an. Das elfte Kapitel beschäftigt sich mit dem Problem der Inflation und erklärt, inwiefern Keynes’ Ansatz zu Empfehlungen für die Inflationsbekämpfung führt, die sich dramatisch von jenem „unschuldigen Betrug“ unterscheiden, mit dem Zentralbanker die Inflation zu bekämpfen behaupten. Im zwölften Kapitel schließlich erläutere ich, wie es nach dem Zweiten Weltkrieg durch die antikommunistische Hexenjagd der McCarthy-Ära und die gleichzeitige Mathematisierung der Wirtschaftswissenschaften zu Verwirrung über die revolutionäre Theorie Keynes’ kam und warum sie nicht zum Handwerkszeug aller professionellen Ökonomen geworden ist.

Wenn genügend Menschen dieses Buch gelesen haben, wird die Analyse Keynes’ hoffentlich wieder das Denken und Handeln von Ökonomen und Politikern beeinflussen, so dass wir Fortschritte bei der Beseitigung der größten Mängel unseres heutigen Wirtschaftssystems machen können: Seine Unfähigkeit, allen einen Arbeitsplatz zu bieten, die arbeitswillig und -fähig sind, sowie die Ungleichheit der Einkommen und Vermögen, die sowohl in den Industrie- als auch in den Entwicklungsländern unserer globalisierten Wirtschaft immer mehr zunimmt.

Inhaltsverzeichnis

1. Kapitel

John Maynard Keynes und seine revolutionären Ansichten

I.

Frühe intellektuelle Einflüsse

II.

Keynes’ intellektuelle Entwicklung

2. Kapitel

Wie der Erste Weltkrieg und seine Folgen sich auf Keynes’ Denken auswirkten

3. Kapitel

Keynes’ Mittelweg: Der Liberalismus als völlig neuer Ansatz

4. Kapitel

Vor und nach der „Allgemeinen Theorie“

I.

Worin Keynes’ revolutionärer Ansatz sich von der klassischen Theorie unterscheidet

II.

Theorien und ihre zugrundeliegenden Axiome

III.

Das Axiom der Neutralität des Geldes

IV.

Das Axiom der Substituierbarkeit

V.

Das Axiom der Ergodizität

VI.

Der Todesstoß für Keynes’ revolutionären Ansatz

5. Kapitel

Der grundsätzliche Unterschied zwischen Keynes’ „Allgemeiner Theorie“ und der Klassischen Lehre: Ersparnisse und Liquidität

I.

Woran erkennt man einen Klassiker?

II.

Das Say’sche Gesetz

III.

Die gesamtwirtschaftliche Angebotsfunktion

IV.

Die gesamtwirtschaftliche Nachfragefunktion

V.

Ein Wort zur Alternativdefinition des Sparens von Milton Friedman

6. Kapitel

Die nähere Bestimmung von Keynes’ aggregierter Nachfragefunktion

I.

Die zwei Komponenten der aggregierten Nachfrage

II.

Investitionsausgaben

III.

Wie steht es um die anderen Komponenten von D2?

IV.

Steuern und Staatsausgaben

A.nhang zu Kapitel 6: Die Herleitung der gesamtwirtschaftlichen Angebots- und Nachfragefunktionen

7. Kapitel

Die Bedeutung von Geld, Verträgen und liquiden Finanzmärkten

I.

Die Bedeutung von Geldverträgen

II.

Verträge, Märkte und das Sicherheitsnetz der Liquidität

III.

Liquidität und Verträge

IV.

Die Rolle der Finanzmärkte

V.

Die Finanzmärkte und Keynes’ Liquiditätstheorie

VI.

Die Notwendigkeit geordneter Märkte

VII.

Aufschwünge und Rezessionen

VIII.

Ist die Wirklichkeit vorbestimmt, unveränderlich und ergodisch erfassbar, oder nichtergodisch, nicht erfassbar und veränderbar?

IX.

Essentielle Entscheidungen und der Schumpeter’sche Unternehmer

X.

Konsequenzen für die Politik

8. Kapitel

Der Zweite Weltkrieg und das offene Wirtschaftssystem der Nachkriegszeit

I.

Pläne für das offene Wirtschaftssystem der Nachkriegszeit

9. Kapitel

Klassische Handelstheorie kontra Keynes’ Allgemeine Theorie des internationalen Handels- und Zahlungssystems

I.

Die mit der klassischen Theorie des internationalen Handels verbundenen Vorteile

II.

Der internationale Handel und liberalisierte Märkte: Die Fakten

III.

Vom Handel, dem Wohlstand der Nationen und dem Gesetz des komparativen Vorteils

IV.

Ist die Abwertung der eigenen Währung ein Allheilmittel gegen eine passive Handelsbilanz?

10. Kapitel

Die Reformierung des internationalen Zahlungssystems

I.

Die Lektion der Nachkriegszeit

II.

Das System von Bretton Woods und der Marshallplan

III.

Keynes, der Freihandel und ein internationales Zahlungssystem, das der Vollbeschäftigung Vorschub leistet

IV.

Die Reform des internationalen Zahlungssystems

11. Kapitel

Inflation

I.

Verträge, Preise und Inflation

II.

Der Inflationsprozess in einer keynesianischen Welt

III.

Einkommensinflation

IV.

Einkommenspolitik

12. Kapitel

Wer versetzte der keynesianischen Revolution den Todesstoß? Eine Spurensuche

I.

Feste Löhne und das Problem der Arbeitslosigkeit

II.

Wer hat der keynesianischen Revolution den eigentlichen Todesstoß versetzt?

III.

Die neoklassisch-keynesianische Synthese von Paul Samuelson .

IV.

Wie der Keynesianismus nach Amerika kam

V.

Wie lernte Samuelson Keynes’ Theorie?

VI.

Die axiomatischen Unterschiede zwischen der neoklassisch-keynesianischen Synthese Samuelsons und der keynesianischen bzw. postkeynesianischen Theorie

VII.

Wie steht es mit Hicks’ IS/LM-Modell?

VIII.

Schlussbetrachtung

Nachwort: Die große Finanzkrise 2008/2009

I.

Wodurch wurde die Wirtschafts- und Finanzkrise von 2008 ausgelöst?

II.

Finanzmarktpolitik

III.

Mit welchen Maßnahmen kann man die Erholung der Realwirtschaft 2009 fördern?

Bibliographie

Sachwortverzeichnis

1. Kapitel

John Maynard Keynes und seine revolutionären Ansichten

Wer, geschätzter Leser, war Ihrer Ansicht nach der größte Engländer des 20. Jahrhunderts? Wer schuf mit seinen Bemühungen die Grundlage für den Siegeszug der Demokratie und einer zivilisierten Gesellschaft? Vermutlich fällt Ihnen hier als erster Winston Churchill ein. In diesem Buch möchte ich Sie davon überzeugen, dass dieser Engländer kein Politiker war, sondern ein Ökonom, der niemals ein politisches Amt bekleidete: John Maynard Keynes.

Keynes war kein weltfremder Akademiker im Elfenbeinturm. Neben seiner Lehrtätigkeit in Cambridge traf Keynes als Schatzmeister des Kings College wichtige Investitionsentscheidungen. Außerdem saß er im Vorstand mehrerer Versicherungs- und Investmentgesellschaften und erlebte dabei aus erster Hand, wie Marktteilnehmer sich auf Finanzmärkten verhalten. Und schließlich erkannte er im Rahmen seiner Tätigkeiten im India Office und als Berater des Finanzministeriums während zweier Weltkriege die Notwendigkeit, theoretische Rezepte in politisch mehrheitsfähige, praktisch umsetzbare Pläne zu verwandeln. Keynes war ein Ökonom, der mit beiden Beinen fest im Leben stand.

Churchill kämpfte für den Erhalt des britischen Weltreichs und errichtete ein Bollwerk, das Hitler so lange aufhielt, bis die USA sich dem Kampf gegen Nazideutschland anschlossen. Churchills Wirtschaftspolitik basierte jedoch auf der klassischen ökonomischen Theorie des 19. Jahrhunderts und brachte deshalb ein Wirtschaftssystem mit zwei eklatanten Mängeln hervor: Erstens verfehlte sie das Ziel, allen qualifizierten Bewerbern, die willens sind, für den marktüblichen Lohn zu arbeiten, einen Vollzeitarbeitsplatz zu bieten, und zweitens resultierte sie in einer vom Zufall abhängigen und ungerechten Einkommens- und Vermögensverteilung, die bei Armen und Angehörigen der unteren Mittelschicht nicht selten unnötig unzivilisierte Lebensbedingungen zur Folge hatte.1 Das menschliche Leid, das mit der Unfähigkeit des Wirtschaftssystems einherging, dauerhaft für Vollbeschäftigung zu sorgen, sowie die krasse Ungleichverteilung von Einkommen und Vermögen in diesem Wirtschaftssystem, waren für Keynes nicht hinnehmbar. Seiner Ansicht nach galt es alles daranzusetzen, diese Mängel durch die Schaffung geeigneter Institutionen und die Durchführung entsprechender Reformen zu beseitigen.2

[12] Im Rahmen seiner Tätigkeit als Professor, Autor und Regierungsberater entwickelte und propagierte Keynes eine revolutionäre Wirtschaftstheorie. Diese sollte die klassische Wirtschaftstheorie ablösen, die das ökonomische Denken seit mehr als 130 Jahren geprägt hatte. Von den meisten seiner Fachkollegen wurde seine revolutionäre Theorie missverstanden; Regierungen hingegen folgten nach dem Zweiten Weltkrieg seinen Empfehlungen und schufen so ein wachstumsförderndes Umfeld. Die Folge war eine Ära bis dato ungekannten realen Wirtschaftswachstums, die fast 25 Jahre lang währte – vom Ende des Zweiten Weltkriegs bis in die frühen 1970er Jahre hinein.

In allen Staaten, deren Wirtschaftssystem an kapitalistischen Prinzipien ausgerichtet war, so die Entwicklungsökonomin Irma Adelman, sei dieses Vierteljahrhundert das „goldene Zeitalter der wirtschaftlichen Entwicklung“ gewesen. In diesem „goldenen Zeitalter“ hat es in diesen Staaten kaum Arbeitslosigkeit gegeben. Die Einkommen sind schneller gestiegen und die Vermögen schneller angewachsen als je zuvor. Bestehende Ungleichheiten wurden abgebaut, und nahezu die gesamte Bevölkerung dieser Staaten erfuhr eine spürbare Anhebung ihres Lebensstandards. Angesichts dieser atemberaubenden wirtschaftlichen Bilanz rückte die Vision, dass einst alle Menschen in einer zivilisierten Gesellschaft leben, in greifbare Nähe – schon Ende des 20 Jahrhunderts schien dieses Ziel erreichbar.

Leider wurde Keynes’ revolutionärer Ansatz, wie wir sehen werden, von den Politikern der Nachkriegszeit, ihren Beratern in Wirtschaftsfragen, den Ökonomen des akademischen Mainstreams und den Autoren wirtschaftswissenschaftlicher Lehrbücher in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts nur unzureichend verstanden. In den frühen 1970er Jahren kam es daher auf dem Gebiet der Wirtschaftstheorie und -politik zu einer Gegenrevolution – mit der Folge, dass Mitte der 1970er Jahre die letzten Reste von Keynes’ politischen Empfehlungen von den meisten Ökonomen und Regierungsberatern abgelehnt wurden. An die Stelle von Keynes’ Rezepten traten konventionellere Ansätze, die sich auf eine Hightech-Variante der klassischen Wirtschaftslehre aus dem 19. Jahrhundert stützten. Wiederbelebt wurde diese mit dem Argument der Wirtschaftstheoretiker, man wolle die Ökonomie zu einer „exakten Wissenschaft“ machen. Keynesianische Wirtschaftspolitik wurde prinzipiell abgelehnt, obgleich sie in der Praxis mitunter doch Anwendung fand, insbesondere in der Gestalt des „Militärkeynesianismus“ konservativer US-Präsidententen (wie Ronald Reagan und George W. Bush), die durch eine massive Anhebung der Militärausgaben enorme Haushaltsdefizite produzierten, dabei jedoch kurzfristig der Wirtschaft der USA starke Wachstumsimpulse gaben.

Demungeachtet war die Rückkehr zur klassischen Theorie, wonach der Umgang des Staates mit dem Markt vom Prinzip des Laissez-faire geprägt sein sollte, angesichts der bereits erzielten Fortschritte bei der Bekämpfung der zwei größten Fehler des kapitalistischen Wirtschaftssystems ein großer Rückschritt. Seit 1973 hat sich das Wirtschaftswachstum in zahlreichen Industrie- und Entwicklungslän[13]dern deutlich verlangsamt. Am Ende des 20. und zu Beginn des 21. Jahrhunderts kämpften die Volkswirtschaften überall auf der Welt erneut mit hartnäckiger Arbeitslosigkeit und zunehmender Ungleichheit der Einkommen und Vermögen.

In diesem Buch will ich versuchen zu erklären, wie es Keynes gelungen ist, sein Denken von den Fesseln der klassischen ökonomischen Theorie mit ihrer übertrieben optimistischen Philosophie zu befreien. Keynes selbst schrieb dazu:

Der berühmte Optimismus der traditionellen ökonomischen Theorie, der dazu geführt hat, dass jeder Ökonom als Candide angesehen wird, der nach Verlassen dieser Welt sich der Bebauung seines Gartens widmet und lehrt, dass alles aufs beste in dieser besten der möglichen Welten geregelt ist, wenn nur alles sich selbst überlassen bleibt, (scheint mir auch auf deren Unterlassung zurückzuführen zu sein, die Hemmung des Wohlstandes zu berücksichtigen, die durch einen Mangel an effektiver Nachfrage ausgeübt werden kann.) Denn in einer nach der Art der klassischen Postulate funktionierenden Gesellschaft müßte es offenkundig eine natürliche Tendenz zur optimalen Beschäftigung der Ressourcen geben. Es ist gut möglich, dass die klassische Theorie die Art des Verhaltens unserer Wirtschaft repräsentiert, die wir gerne sähen. Aber anzunehmen, dass sie sich tatsächlich so verhält, heißt, unsere Schwierigkeiten einfach wegzudefinieren.3

Keynes gedachte nicht, die Probleme einfach wegzudefinieren.

Anlässlich eines zu seinen Ehren gegebenen Empfangs der Royal Economic Society brachte Keynes 1945 einen Toast auf „die Ökonomie und die Ökonomen“ aus, „die Treuhänder nicht der Zivilisation, aber der Möglichkeit der Zivilisierung“. 4 Keynes war ein scharfer Analytiker, dem es gelang, sich von den Fesseln des klassischen Ansatzes zu befreien, der zu seiner Zeit das Denken der Ökonomen beherrschte (und bis heute beherrscht). Durch eine Neuausrichtung seines Denkens kam er zu einer realistischen Sichtweise auf die Wirtschaftswelt, in der wir leben. Dadurch wurde er zum denkbar besten Treuhänder einer stabilen, friedlichen und zivilisierten Weltwirtschaft im Dienste der gesamten Menschheit.

I. Frühe intellektuelle Einflüsse

John Maynard Keynes wurde am 5. Juni 1883 geboren. Er war das älteste der drei Kinder von Cambridgeprofessor John Neville Keynes und dessen Frau Florence Ada Keynes. Die Keynes lebten in der Harvey Road 6 in Cambridge. Als Teil des viktorianischen Bürgertums genoss die Familie „einen bescheidenen Wohlstand mit erheblichen Annehmlichkeiten. Das Haus verfügte über zahlreiche Bedienstete, die Tage waren voller [intellektueller] Aktivitäten, und die Zukunft gesichert.“5 Keynes verbrachte eine Kindheit in einem Umfeld, das geprägt war von der „in der Harvey Road vorherrschenden Geisteshaltung“, wie Harrod es [14] ausdrückte.6 Diese verkörperte die konstanten Werte der viktorianischen Zeit, wonach „Friede, Wohlstand und Fortschritt als der natürliche Gang der Dinge“ betrachtet wurden.7

In Cambridge wurde der Glaube an die Religion als Bestimmung des eigenen Lebens und der Gesellschaft Ende des 19. Jahrhunderts von der Vorstellung abgelöst, man könne den Ursprüngen der gesellschaftlichen Ordnung und der Weisheit auf den Grund gehen, indem man sich mit den Prinzipien der „moral sciences“ (Geisteswissenschaften) auseinandersetze.8 Die Prüfung in den „moral sciences“ setzte in Cambridge zur damaligen Zeit das Studium der Moralphilosophie, der politischen Philosophie, der Logik, der Psychologie und der Ökonomie voraus.

In den jungen Jahren von John Maynard gingen im Haus der Keynes Ökonomen und Philosophen ein und aus, die zu den berühmtesten ihrer Zeit gehörten. Intellektuelle Diskussion auf diesen Gebieten standen in der Harvey Road 6 auf der Tagesordnung. Die gelehrten Diskussionen, deren Zeuge Keynes in seiner Kindheit und Jugend dort gewesen ist, haben das Denken des jungen Keynes sicherlich entscheidend mitgeprägt.

Ein Eckpfeiler der in der Harvey Road vorherrschenden Geisteshaltung war, dass eine kleine, aber einflussreiche Gruppe von Intellektuellen den Regierenden durch ihr Streben nach Wissen Richtlinien für eine Politik an die Hand geben könne, die Frieden, Wohlstand und Fortschritt sichert. Regierungen, so die Grundidee, sollten den Markt nach dem Prinzip des Laissez-faire sich selbst überlassen. Zugrunde lag diesem Ansatz die Annahme, dass freie Märkte es den Einzelnen ermöglichten, ihre Eigeninteressen zu verfolgen, was letztlich dem Gemeinwohl zugute komme.

Der Erste Weltkrieg und seine wirtschaftlichen Auswirkungen sollten diese Geisteshaltung in ihren Grundfesten erschüttern. Als junger Mann Anfang Zwanzig erkannte Keynes, dass diese allzu optimistische Philosophie des Laissezfaire problematisch war. Trotzdem verlor er niemals die Überzeugung, dass eine Gruppe intellektueller Geisteswissenschaftler der Menschheit den Weg hin zu kontinuierlichem Fortschritt und einer stetigen Verbesserung der Lebensumstände weisen könne. Insofern überrascht es nicht, dass Keynes in seinen Büchern und Vorlesungen darauf drängte, Wissenschaftler sollten ihre Intelligenz in den Dienst des Gemeinwohls stellen, um Institutionen zu schaffen und eine Politik umzusetzen, die eine zivilisierte, friedliche Gesellschaft hervorbringen und die Grundlage für Wohlstand und Fortschritt legen, der allen zugute kommt, ohne das marktwirtschaftliche System zu zerstören.

[15]II. Keynes’ intellektuelle Entwicklung

1897, im Alter von 14 Jahren, erhielt Keynes ein Stipendium in Eton, an einer der prestigeträchtigsten britischen Privatschulen. Dort erwies er sich als Ausnahmeschüler, der in Mathematik, Altphilologie und Geschichte Höchstleistungen erbrachte. 9 Im Jahr 1902 schrieb Keynes sich am King’s College in Cambridge ein. Dort prägte ihn der Philosoph G. E. Moore, dessen Principia Ethica (1903) für Keynes und andere Intellektuelle seiner Generation zu einem „Manifest des Modernismus“ wurden. Im 1938 geschriebenen Aufsatz „My Early Beliefs“ notierte Keynes, was seine Weltsicht betreffe, habe Moores Buch „damals, und vielleicht noch heute, alles andere in den Schatten“ gestellt.10

Hielt man sich an Moores Methode, so Keynes, so „durfte man hoffen, ihrer Natur nach vage Gedanken klar auszudrücken, indem man sie mit exakten Worten beschrieb und präzise Fragen stellte“ (Keynes 1949, S. 88). Dieses Streben nach präziser Taxonomie und verständlicher Darstellung ermöglichte es Keynes, sich aus dem Griff der klassischen ökonomischen Lehre, die er in Cambridge als Student des führenden Ökonomen jener Tage, Alfred Marshall, kennengelernt hatte, zu befreien. Unter dem Einfluss des Ansatzes von Moore entwickelte Keynes seine revolutionäre Sicht auf ökonomische Zusammenhänge. Grundlage dafür war, dass es ihm gelang, eine neue Taxonomie bezüglich des unscharfen Begriffs der „Ersparnisse“ zu entwickeln, der für die klassische Ökonomie kennzeichnend war.

Keynes erster Biograph, Roy Harrod, notierte hierzu:

Tatsächlich beruhte Keynes’ Ansatz im Wesentlichen auf einer Reihe von Neudefinitionen und einer neuen Klassifikation. Er verlangte von uns, die vielfältigen Phänomene des Wirtschaftslebens aus einer anderen Perspektive zu betrachten und sie in unseren Köpfen neu zu ordnen. […] Der Klassifikation kommt in der Ökonomie, ähnlich wie in der Biologie, eine entscheidende Rolle zu. Man darf [Keynes] nicht nach der intrinsischen Bedeutung der Überlegungen beurteilen, die ihn zum Bruch mit der Tradition veranlassten; wichtig ist, was er nach diesem Bruch [mit der ökonomischen Theorie des 19. Jahrhunderts] erreicht hat. Die frühere Denkrichtung argumentierte beflissentlich, neue Überlegungen könnten problemlos innerhalb des alten Begriffssystems eingebracht werden […], dafür bedürfe es keines neuen Begriffssystems. Diese Annahme ist falsch.11

„Der entscheidende Fehler des klassischen Systems“, urteilte Harrod, „ bestand darin, dass es von dem ablenkte, was am dringlichsten der Aufmerksamkeit bedurfte. Dank seines außergewöhlichen, intuitiven Gespürs für das Wesentliche erkannte Keynes die Fehler der herkömmlichen Klassifikation. Dank seiner hochentwickelten Fähigkeit, logisch zu denken, war er in der Lage, eine neue Klassifikation zu entwickeln. Dafür brauchte er zehn Jahre.“12

[16] Am Ende legte Keynes einen wissenschaftlichen Begriffsrahmen für die ökonomische Analyse vor, der – zumindest eine Zeitlang – Ökonomen und Regierungsberatern eine neue Perspektive auf die Ursachen von Arbeitslosigkeit und Wirtschaftswachstum eröffnete.

Wie viele herausragende Ökonomen unserer Tage wären bereit, sich Moores Forderung einer präzisen Sprache und glasklarer Fragestellungen zu Herzen zu nehmen und zehn Jahre lang an der Entwicklung einer neuen Taxonomie zu arbeiten, um die Mängel der vorherrschenden klassischen Theorie offenzulegen – einer Theorie, die den führenden Köpfen ihrer Zunft als absolute Wahrheit gilt? Für Keynes jedoch war das Streben nach Wissen eine Mischung aus „Philosophie und Ökonomie, und zwar eher Ersteres als Letzteres“.13 Kurz: Keynes, Ökonom und Philosoph zugleich, war ein „großer Denker“, weil er bereit war, seine Zeit auf die Ausarbeitung eines präzisen Klassifizierungssystems und einer klaren Sprache zu verwenden, mit denen sich die zwei großen Mängel unseres Wirtschaftssystems erklären ließen – die Arbeitslosigkeit und die Ungleichverteilung von Einkommen und Vermögen.14 Angesichts der Massenarbeitslosigkeit seiner Zeit stand für Keynes außer Frage, dass jeder spürbare Schritt in Richtung Vollbeschäftigung nicht nur zu einer Steigerung des Gesamteinkommens einer Volkswirtschaft führen würde, sondern zu einer deutlichen Einkommenssteigerung bei der Mehrheit der ärmsten Mitglieder der Gesellschaft: bei den arbeitslosen Arbeitern. Hielte man sich an Keynes’ Analyse und Handlungsempfehlungen, so hätte das demnach eine Verringerung der Einkommensungleichheit zur Folge. Allerdings glaubte Keynes nicht an völlige Einkommensgleichheit. Er schrieb:

Ich selber glaube, dass bedeutsame Ungleichheiten von Einkommen und Reichtum gesellschaftlich und psychologisch gerechtfertigt sind, aber nicht so große Ungleichheiten, wie sie heute bestehen. Es gibt wertvolle menschliche Betätigungen, die zu ihrer vollen Entfaltung das Motiv des Gelderwerbes und den Rahmen privaten Besitztums erfordern. Gefährliche menschliche Triebe können überdies durch Gelegenheiten für Gelderwerb und privaten Besitz in verhältnismäßig harmlose Kanäle abgeleitet werden, die, wenn sie nicht auf diese Art befriedigt werden können, einen Ausweg in Grausamkeit, in rücksichtsloser Verfolgung von persönlicher Macht und Autorität und anderen Formen von Selbsterhöhung finden könnten. Es ist besser, dass ein Mensch sein Bankguthaben tyrannisiert als seine Mitmenschen […]. [Allerdings] ist es […] nicht notwendig, dass das Spiel um so hohe Einsätze wie gegenwärtig gespielt wird. Erheblich niedrigere Einsätze werden dem Zweck ebenso sehr dienen, sobald sich die Spieler an sie gewöhnt haben. Die Aufgabe, die menschliche Natur umzugestalten, darf nicht mit der Aufgabe verwechselt werden, sie zu steuern.15

1 Vgl. Keynes 1936, S. 314.

2 Vgl. Harrod 1951, S. 192.

3 Keynes 1936, S. 29.

4 Harrod 1951, S. 191 f.

5 Harrod 1951, S. 1.

6 Vgl. Harrod 1951, S. 183, 192 f.

7 Vgl. Skidelsky 1996, S. 2.

8 Vgl. Greer 2000, S. 20.

9 Vgl. Skidelsky 1996, S. 18.

10 Keynes 1949, S. 81.

11 Harrod 1951, S. 463 f.

12 Harrod 1951, S. 463.

13 Skidelsky 1996, S. 17.

14 Vgl. Keynes 1936, S. 314.

15 Keynes 1936, S. 315 f. (Hervorhebung d. Verf.).

2. Kapitel

Wie der Erste Weltkrieg und seine Folgen sich auf Keynes’ Denken auswirkten

Am Ende seines Studiums 1906 legte Keynes das zweitbeste Staatsexamen seines Jahrgangs ab. Für ein erfolgreiches Abschneiden in diesem Examen, so Keynes am 4. Oktober 1906 in einem Brief an seinen Freund Lytton Strachey, sei „echtes Wissen offenbar ein unüberwindliches Hindernis. Das schlechteste Ergebnis habe ich in den einzigen beiden Fächern erzielt, in denen ich ein fundiertes Wissen hatte: Mathematik und Wirtschaft. […] In Wirtschaft hatte ich eine ziemlich niedrige Punktzahl und wurde nur acht- oder neuntbester – dabei beherrschte ich in diesen beiden Fächern den gesamten Stoff […] in allen Einzelheiten.“1 Später, schreibt Harrod, habe Keynes sein schlechtes Abschneiden in Wirtschaft damit erklärt, dass er offenbar mehr Ahnung von Wirtschaft gehabt habe als seine Prüfer.2

Da er in dieser Prüfung das zweitbeste Ergebnis erzielt hatte, erhielt Keynes eine Anstellung im India Office. Während seiner kurzen Tätigkeit für dieses Ministerium lernte Keynes die Funktionsweise einer Regierungsbehörde kennen und entwickelte ein Interesse an Indien, insbesondere am indischen Währungssystem. 3 Diese Erfahrung sollte tiefgreifende Auswirkungen auf seine späteren Arbeiten und auf seine Formulierung einer Theorie zur Rolle des Geldes für den Wirtschaftskreislauf haben.

Zwei Jahre später, an seinem 25. Geburtstag (dem 5. Juni 1908), kündigte Keynes seinen Job im India Office, um als Privatdozent an der Cambridge University anzufangen. Dabei handelte es sich um eine privat finanzierte Stelle, für die A. C. Pigou aufkam, der Nachfolger von Alfred Marshall auf dem Lehrstuhl für Ökonomie. In Cambridge hielt Keynes in den Jahren vor dem Ersten Weltkrieg Vorlesungen zum Thema Geld, Kredit und Preise. Harrod notiert dazu, Keynes habe sich in seinen Ausführungen zwar mit wirtschaftlichen Theorien befasst und die Sprache der Finanzmärkte benutzt, doch „seine Erklärungen waren stets ungemein anschaulich. […] Selbst in seinen Grundlagenvorlesungen […] gab er mehr konkrete Beispiele als in solchen Kursen normalerweise üblich.“4

[18] Während seiner Tätigkeit für das India Office arbeitete Keynes in seiner Freizeit an einer Wahrscheinlichkeitstheorie – ein Thema, über das er erstmals in seiner Dissertation in Cambridge geschrieben hatte.5 Er sollte sich in seiner Freizeit fast 15 Jahre mit diesem Thema beschäftigen, ehe er schließlich 1921 seine Abhandlung „Über Wahrscheinlichkeit“ veröffentlichte.

Seine Erkenntnisse auf dem Gebiet der Wahrscheinlichkeitstheorie ermöglichten es Keynes später, seinen theoretischen Ansatz zum Konzept der Ungewissheit von den Theorien Marshalls, Pigous und anderer zu jener Zeit führender Vertreter des klassischen Ansatzes abzugrenzen, und sie sind es auch, was Keynes von zeitgenössischen orthodoxen Ökonomen unterscheidet. Im Rahmen der klassischen Theorie „spielt die Ungewissheit für die Entscheidungsfindung wirtschaftlicher Akteure eine untergeordnete Rolle, da rationale, nach dem Prinzip der Nutzenmaximierung agierende Individuen [angeblich] in der Lage sind, Unsicherheiten auf Grundlage der historischen Entwicklung praktisch zu eliminieren“.6

Im Gegensatz zur orthodoxen, klassischen Ökonomie des 19. und 20. Jahrhunderts (und im Gegensatz zur auch im 21. Jahrhundert noch vorherrschenden Sichtweise) betrachtete Keynes „sowohl die Wahrscheinlichkeitstheorie als auch die Ökonomie als Zweige der Logik, nicht der Mathematik. Daher sollten diese Disziplinen sich Argumentationsweisen befleißigen, die für Erstere angemessen sind, wie Intuition und Werturteile, und auf einer genauen Kenntnis von Fakten beruhen, die sich nicht in Zahlen fassen lassen.“7 Diese Ansicht sollte für die Abgrenzung von Keynes’ wirtschaftswissenschaftlichen Ansatz von dem orthodoxer Theorien eine wichtige Rolle spielen.

Anders als viele seiner besten Freunde in Cambridge betrachtete es Keynes bei Ausbruch des Ersten Weltkriegs als seine Pflicht, die Kriegsanstrengungen zu unterstützen. 8 In der Septemberausgabe des Economic Journal, dessen Herausgeber er war, veröffentlichte Keynes 1914 den meisterlichen Artikel „War and the Financial System, August 1914“. Dieser Artikel erregte in Regierungskreisen erhebliches Aufsehen, doch erst im Januar 1915 wurde Keynes eine Stelle in einem Ministerium angeboten, als Assistent von Sir George Paish, des persönlichen Beraters von Finanzminister Lloyd George. Nach dem Regierungswechsel im Mai 1915 wurde Reginald McKenna Finanzminister, und Keynes wurde der „unmittelbar mit der Finanzierung des Krieges befassten“ Abteilung 1 zugewiesen.9

Die Arbeit im Finanzministerium während des Krieges lehrte Keynes, wie wichtig für die Beeinflussung des Wechselkurses der Umgang mit Erwartungen war. Zu Beginn des Zweiten Weltkriegs erkannte Keynes die Bedeutung stabiler [19] Wechselkurse, und schrieb in Anspielung auf seine Erfahrungen im Finanzministerium während des Ersten Weltkriegs: „Die Verabschiedung vom Goldstandard hätte unsere Kreditwürdigkeit zerstört und die Wirtschaft ins Chaos gestürzt; sie hätte keinen echten Vorteil gebracht.“10 Diese frühen Erfahrungen hatten große Auswirkungen auf Keynes’ Vision einer Nachkriegsordnung des internationalen Zahlungssystems und seine Überzeugung von der Notwendigkeit stabiler Wechselkurse.

Der folgende amüsante Vorfall illustriert, weshalb Keynes durch seine Erfahrungen während des Ersten Weltkriegs zu der Erkenntnis gelangte, auf welch wackliger Basis auf den Finanzmärkten die Bewertung von Wertpapieren erfolgte. Während des Krieges benötigte England für den Import kriegswichtiger Güter aus Spanien dringend spanische Peseten. Mit großer Mühe gelang es Keynes, einer kleinen Summe Peseten habhaft zu werden, was er pflichtschuldig dem Finanzminister berichtete. Dieser bemerkte erleichtert, dass man nun ja wenigstens vorübergehend Peseten zur Verfügung habe. „‚Oh nein, keineswegs‘, antwortete Keynes. ‚Wie bitte?‘, fragte sein Chef entgeistert. ‚Ich hab sie wieder verkauft: Ich will den Markt kaputt machen.‘ Und genau das gelang ihm auch.“11

Während eines Großteils des Krieges bestand Keynes’ wichtigste Aufgabe darin, die Finanzierung des Imports der vielen militärischen und zivilen Güter sicherzustellen, auf die Großbritannien angewiesen war. Die dabei gemachten Erfahrungen kamen ihm sehr zugute, als er während des Zweiten Weltkriegs anlässlich der Konferenz von Bretton Woods zur Frage der Organisation des internationalen Zahlungsverkehrs nach dem Krieg Leiter der britischen Delegation war.

Im Januar 1916 führte die britische Regierung die Wehrpflicht ein. Die meisten seiner Freunde von der „Bloomsbury Group“ verweigerten den Kriegsdienst. Keynes argumentierte ihnen gegenüber, da Großbritannien sich nun einmal im Krieg befinde, sei es ihre Pflicht, daran mitzuarbeiten, die internationalen Beziehungen auf eine neue, bessere Grundlage zu stellen, damit es nie wieder zu einem derart schrecklichen Blutvergießen komme.12 Keynes „hat sich geschworen, alles in seiner Macht stehende zu tun, um einen dauerhaften Frieden zu sichern und die internationalen Beziehungen neu zu ordnen“.13 Dieser heimliche Schwur, so Skidelsky, sei einer der Gründe für die Leidenschaft gewesen, mit der Keynes in seinem Buch „Die wirtschaftlichen Folgen des Friedensvertrages“ (1919, dt. 1920) die Regierenden auf Seiten der siegreichen Alliierten für die Bedingungen kritisierte, die Deutschland im Versailler Vertrag aufgezwungen wurden.14

[20] Der Waffenstillstand vom November 1918 enthielt eine von Frankreich und Großbritannien eingefügte Klausel, wonach Deutschland für „alle Schäden“ aufzukommen hatte, die der Zivilbevölkerung und ihrem Eigentum zugefügt worden seien.15 Bereits 1916 hatte Keynes in einem Memo geschrieben, dass die zu fordernden Reparationen keinesfalls der Produktionsfähigkeit Deutschlands schaden dürften, da etwaige Reparationen letztlich nur durch den Export deutscher Güter finanziert werden könnten. Ihm war sofort klar, dass die von Frankreich geforderten und vom britischen Premierminister Lloyd George unterstützten Reparationen die deutsche Wirtschaft überfordern würden.

Keynes war überzeugt, dass die Größenordnung der von den Alliierten geforderten Reparationen völlig unrealistisch war. „Die Briten und Franzosen wollten Deutschland melken“, unter anderem um die französischen und britischen Kriegsschulden bei den Amerikanern zu begleichen.16 Wenn man die Amerikaner davon überzeugen könnte, ihren Verbündeten einen Teil der Kriegsschulden zu erlassen, erkannte Keynes, könnte man die Deutschland auferlegten Reparationen auf ein erträglicheres Maß reduzieren. Er setzte sich daher für einen allgemeinen Schuldenerlass ein. Der Versuch, alle Schulden und Reparationen einzutreiben, konnte seiner Ansicht nach zum Zusammenbruch des kapitalistischen Systems führen. Für den Fall, dass ein genereller Schuldenerlass politisch nicht durchsetzbar sein sollte, empfahl Keynes den Alliierten, deutsche Reparationsanleihen zu akzeptieren, um „alle gegenseitigen Zahlungsansprüche vollständig zu begleichen“.17 In dieser Formulierung ist bereits der Keim von Keynes’ Liquiditätspräferenztheorie des Geldes zu erkennen – jener Theorie, die 1936 zur Grundlage von Keynes’ revolutionärer Abkehr von der klassischen ökonomischen Theorie werden sollte.

Diese Empfehlungen Keynes’ sollten verhindern, dass „Deutschland umgehend seines gesamten Umlaufkapitals beraubt würde, und es den europäischen Alliierten erleichtern, ihre schwere Schuldenlast zu tragen. Sie waren nichts anderes als ein Marshallplan im Kleinen.“18 Leider war Keynes Vorschlag weder für die Franzosen und Briten, noch für die Amerikaner akzeptabel.

Als der Versailler Vertrag unterzeichnet wurde, gab Keynes seinen Posten im Finanzministerium auf. „Ich stehle mich aus diesem Albtraum davon“, schrieb er an den Premierminister. „Ich kann hier nichts mehr ausrichten. Selbst in den schrecklichen letzten Wochen habe ich die Hoffnung nicht aufgegeben, dass Sie einen Weg finden würden, zu einem gerechten, zielführenden Vertrag zu kommen. Nun ist es dafür offensichtlich zu spät. Die Schlacht ist verloren.“19

[21] Im Sommer und Herbst 1919 hielt Keynes seine Enttäuschung mit dem Prozess, der zur Ausarbeitung des Friedensvertrages geführt hatte, in seinem Buch „Die wirtschaftlichen Folgen des Friedensvertrages“ fest. Veröffentlicht wurde es im Dezember 1919. Harrod lobte es als „eine der hervorragendsten Polemiken, die je in englischer Sprache verfasst wurden“.20 Für Skidelsky darf dieses Buch als Keynes’ bestes gelten. Das Buch sei zwar eine Erläuterung des Reparationsproblems, jedoch nicht in Form einer wissenschaftlichen Abhandlung. „Es ist ein wütendes, verächtliches und, ungewöhnlich für Keynes, leidenschaftliches Buch. Nie wieder hat er Stümpertum und Verlogenheit so laut und deutlich angeprangert, nirgends sonst wird seine moralische Empörung so deutlich wie hier. […] Das Ergebnis ist eine persönliche Stellungnahme, die in der Literatur des 20. Jahrhundert ihresgleichen sucht. Keynes formuliert hier den klaren Führungsanspruch des Ökonomen. Alle anderen Herrschaftsformen seien bankrott. Die Wohlstandsvision des Ökonomen und ein neuer, wissenschaftlicher Qualitätsstandard sollten das letzte Bollwerk gegen Chaos, Wahnsinn und Regression sein“21.

Keynes’ Erfahrungen während des Krieges „markierten den Beginn seiner Karriere als radikaler Ökonom“.22 Im Viktorianischen Zeitalter, so Skidelsky, habe man sich in England die Sicherung des gesellschaftlichen Zusammenhalts und des zivilisatorischen Fortschritts vom Glauben an Gott erhofft. Zum Zeitpunkt der Jahrhundertwende jedoch war Gott von den Professoren und Philosophen für tot erklärt worden. Damit war ein neues Zeitalter angebrochen, das vom Glauben an die Wissenschaft als Motor des Fortschritts geprägt war. Doch die Verwüstungen des Ersten Weltkriegs hatten aufgezeigt, dass die Wissenschaft nicht automatisch den Weg in eine fortschrittliche, zivilisierte Gesellschaft wies. „Für den Rest seines Lebens versuchte Keynes, die Vision einer zivilisierten Gesellschaft zurückzuerlangen“. 23

Die wahren Treuhänder der Zivilisation waren für Keynes die Kulturschaffenden wie seine Freunde aus der „Bloomsbury Group“ (Lytton Strachey, Virginia Woolf, Vanessa Bell, Duncan Grant, usw.).24 Doch eine unabdingbare Voraussetzung, damit der zivilisierende Einfluss der Künstler sich entfalten könne, sei eine florierende, wachsende Wirtschaft. Um die Möglichkeit einer zivilisierten Gesellschaft zu befördern, bedürfe es des Rates guter Ökonomen.

In Viktorianischer Zeit, als Keynes seine Kindheit in der Harvey Road verlebte, ging man gemeinhin davon aus, dass alle Voraussetzungen für ein florierendes, wachsendes und gut funktionierendes Wirtschaftssystem bereits vorhanden waren. Der Erste Weltkrieg bereitete diesem Vertrauen auf ein vom Prinzip [22] des Laissez-faire geprägtes Wirtschaftssystem, und damit der Hoffnung auf eine zivilisierte Gesellschaft, ein jähes Ende. Zwischen 1922 und 1936 fiel die Arbeitslosenquote in Großbritannien nur ein einziges Mal unter die 10-Prozent-Marke (1927 betrug sie 9,7 Prozent). Diese lange Phase hoher Arbeitslosigkeit schien alle Hoffnungen auf die Errichtung einer zivilisierten Gesellschaft zunichte zu machen.

Angesichts der britischen Wirtschaftsentwicklung der 1920er Jahre stand für Keynes fest, dass die orthodoxe, klassische Wirtschaftstheorie ungeeignet war, Richtlinien für die Schaffung eines zivilisierten Systems vorzugeben. „Denn in einer nach der Art der klassischen Postulate funktionierenden Gesellschaft müßte es offenkundig eine natürliche Tendenz zum optimalen Einsatz der Ressourcen geben“. 25 Da die Arbeitslosenrate nun schon seit 14 Jahren bei oder über 10 Prozent lag, war offensichtlich, dass sich die Vorhersagen der klassischen Ökonomie nicht auf unsere Erfahrungswelt anwenden ließen. Für einen Mann mit Keynes’ kreativen Fähigkeiten lag auf der Hand, dass es zur Erklärung eines Wirtschaftssystems, das von dauerhaft hoher Arbeitslosigkeit gekennzeichnet war, einer neuen Wirtschaftstheorie bedurfte. Die kluge Anwendung dieser neuen Theorie, davon war Keynes überzeugt, würde die Menschheit wieder aufs Gleis in Richtung einer zivilisierteren Gesellschaft setzen. Allerdings war die Formulierung dieser neuen Wirtschaftstheorie ein langer, schwieriger Prozess. Keynes sollte mehr als zehn Jahre brauchen, um seine revolutionären Ideen auszuarbeiten.

Einem aufmerksamen Beobachter der wirtschaftlichen Entwicklung der Nachkriegszeit wie Keynes konnten die Schwächen des bestehenden Wirtschaftssystems nicht verborgen bleiben. Trotzdem blieb Keynes bis in die 1930er Jahre hinein teilweise in der klassischen Wirtschaftstheorie gefangen, die man ihm beigebracht und die er in Cambridge selbst gelehrt hatte. Was die elende wirtschaftliche Lage heraufbeschworen hatte, so das Fazit seines 1919 veröffentlichten Buches „Die wirtschaftlichen Folgen des Friedensvertrages“, war nicht die Anwendung der Prinzipien der klassischen ökonomischen Theorie, sondern die Dummheit und Ignoranz der Regierenden auf Seiten der Alliierten. Mit einem klugem Vorgehen, davon war Keynes zu diesem Zeitpunkt noch überzeugt, hätte man den miserablen Friedensvertrag vermeiden und die Voraussetzungen dafür schaffen können, dass die klassische Wirtschaftstheorie sowohl den siegreichen Alliierten als auch de besiegten Deutschen den Weg in eine bessere Zukunft gewiesen hätte.

Im August 1920 waren in Großbritannien und Amerika bereits 100000 Exemplare der „wirtschaftlichen Folgen des Friedensvertrages“ verkauft, und das Buch war ins Deutsche, Niederländische, Flämische, Dänische, Schwedische, Italienische, Spanische, Rumänische, Russische, Japanische und Chinesische übersetzt.26 Dank des Erfolgs seines Buches erlangte Keynes weltweit Aufmerksamkeit. Er [23] erkannte, dass er seine kreativen Fähigkeiten nutzen konnte, um das Wirtschaftssystem wieder zu einem sicheren Hort für Kulturschaffende zu machen. Diese Chance ergriff Keynes beim Schopf, „nicht nur, um sich selbst Aufmerksamkeit zu verschaffen, sondern um dem Anspruch der Ökonomie Geltung zu verschaffen, die Zukunft mitzugestalten“.27

1 Skidelsky 1983, S. 175.

2 Vgl. Harrod 1951, S. 121.

3 Vgl. Harrod 1951, S. 130.

4 Harrod 1951, S. 145.

5 Vgl. Skidelsky 1983, S. 206.

6 Greer 2000, S. 33.

7 Skidelsky 1983, S. 222.

8 Vgl. Harrod 1951, S. 78.

9 Vgl. Skidelsky 1983, S. 303.

10 Harrod 1951, S. 204.

11 Harrod 1951, S. 203.

12 Skidelsky liefert Belege, die darauf hindeuten, dass auch Keynes mit dem Gedanken spielte, den Kriegsdienst zu verweigern (1983, S. 320 ff.).

13 Harrod 1951, S. 215.

14 Skidelsky 1983, S. 316.

15 Vgl. Skidelsky 1983, S. 354.

16 Vgl. Skidelsky 1983, S. 367.

17 Skidelsky 1983, S. 368.

18 Harrod 1951, S. 246.

19 Skidelsky 1983, S. 374 f.

20 Harrod 1951, S. 253.

21 Skidelsky 1983, S. 384

22 Skidelsky 1983, S. 401.

23 Skidelsky 1983, S. 402.

24 Skidelsky (1992, S. xxviii) zufolge wäre Keynes gerne selbst Künstler geworden, sah sich jedoch außerstande, Kunstwerke zu schaffen.

25 Keynes 1936, S. 29.

26 Vgl. Skidelsky 1983, S. 394.

27 Skidelsky 1992, S. 3.