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Endlich als E-Book: Die Folgen der Kult-Serie John Sinclair aus den Jahren 1990 - 1999!
Das Mondschein-Monster (1. Teil).
Sturm über Aibon!
Entfesselte Gewalten, die mächtige Wolkenberge vor sich her drückten wie deformierte Bälle, um den Himmel endlich frei zu bekommen.
Wind, der auch seine gierigen, unsichtbaren Krallen nach dem Boden ausstreckte, der wuchtig in die Bäume hineinfuhr, sie bog wie Gummi, der Sträucher und Buschwerk schüttelte, als wollte er alles aus dem Boden reißen, der den Staub erfasste, ihn zu Wirbeln hochdrehte und sie vor sich herjagte.
Der Orkan schäumte das Wasser der kleinen Seen auf und verwüstete alles, was nicht fest genug im Boden verankert war, um anschließend als schreiendes und heulendes Ungeheuer ein gewaltiges und düsteres Felsmassiv zu umtoben, das sich ihm als Barriere in den Weg gestellt hatte.
Der Sturm hatte es geschafft, den Himmel wolkenfrei zu fegen. Nur letzte Schleier in der Ferne, das war alles. Ansonsten gab es nur die weite, unendlich scheinende Leere - und das Licht!
John Sinclair ist der Serien-Klassiker von Jason Dark. Mit über 300 Millionen verkauften Heftromanen und Taschenbüchern, sowie 1,5 Millionen Hörspielfolgen ist John Sinclair die erfolgreichste Horrorserie der Welt. Für alle Gruselfans und Freunde atemloser Spannung. Tauche ein in die fremde, abenteuerliche Welt von John Sinclair und begleite den Oberinspektor des Scotland Yard im Kampf gegen die Mächte der Dunkelheit.
Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:
Seitenzahl: 143
Veröffentlichungsjahr: 2015
John Sinclair ist der Serien-Klassiker von Jason Dark. Mit über 300 Millionen verkauften Heftromanen und Taschenbüchern, sowie 1,5 Millionen Hörspielfolgen ist John Sinclair die erfolgreichste Horrorserie der Welt. Für alle Gruselfans und Freunde atemloser Spannung.
Tauche ein in die fremde, abenteuerliche Welt von John Sinclair und begleite den Oberinspektor des Scotland Yard im Kampf gegen die Mächte der Dunkelheit.
Sturm über Aibon!
Entfesselte Gewalten, die mächtige Wolkenberge vor sich her drückten wie deformierte Bälle, um den Himmel endlich frei zu bekommen.
Wind, der auch seine gierigen, unsichtbaren Krallen nach dem Boden ausstreckte, der wuchtig in die Bäume hineinfuhr, sie bog wie Gummi, der Sträucher und Buschwerk schüttelte, als wollte er alles aus dem Boden reißen, der den Staub erfasste, ihn zu Wirbeln hochdrehte und sie vor sich herjagte.
Der Orkan schäumte das Wasser der kleinen Seen auf und verwüstete alles, was nicht fest genug im Boden verankert war, um anschließend als schreiendes und heulendes Ungeheuer ein gewaltiges und düsteres Felsmassiv zu umtoben, das sich ihm als Barriere in den Weg gestellt hatte.
Der Sturm hatte es geschafft, den Himmel wolkenfrei zu fegen. Nur letzte Schleier in der Ferne, das war alles. Ansonsten gab es nur die weite, unendlich scheinende Leere – und das Licht!
Jason Dark wurde unter seinem bürgerlichen Namen Helmut Rellergerd am 25. Januar 1945 in Dahle im Sauerland geboren. Seinen ersten Roman schrieb er 1966, einen Cliff-Corner-Krimi für den Bastei Verlag. Sieben Jahre später trat er als Redakteur in die Romanredaktion des Bastei Verlages ein und schrieb verschiedene Krimiserien, darunter JERRY COTTON, KOMMISSAR X oder JOHN CAMERON.
BASTEI ENTERTAINMENT
Vollständige E-Book-Ausgabeder beim Bastei Verlag erschienenen RomanheftausgabeBastei Entertainment in der Bastei Lübbe AG© 2015 by Bastei Lübbe AG, KölnVerlagsleiter Romanhefte: Dr. Florian MarzinVerantwortlich für den InhaltE-Book-Produktion:Jouve
ISBN 978-3-8387-3816-1
www.bastei-entertainment.dewww.lesejury.dewww.bastei.de
Sturm über Aibon!
Entfesselte Gewalten, die mächtige Wolkenberge vor sich her drückten wie deformierte Bälle, um den Himmel endlich frei zu bekommen.
Wind, der auch seine gierigen, unsichtbaren Krallen nach dem Boden ausstreckte, der wuchtig in die Bäume hineinfuhr, sie bog wie Gummi, der Sträucher und Buschwerk schüttelte, als wollte er alles aus dem Boden reißen, der den Staub erfasste, ihn zu Wirbeln hochdrehte und sie vor sich herjagte.
Der Orkan schäumte das Wasser der kleinen Seen auf und verwüstete alles, was nicht fest genug im Boden verankert war, um anschließend als schreiendes und heulendes Ungeheuer ein gewaltiges und düsteres Felsmassiv zu umtoben, das sich ihm als Barriere in den Weg gestellt hatte.
Der Sturm hatte es geschafft, den Himmel wolkenfrei zu fegen. Nur letzte Schleier in der Ferne, das war alles. Ansonsten gab es nur die weite, unendlich scheinende Leere – und das Licht!
Es war ein Mond! Ein schlichter Kreis, aber trotzdem war es ein besonderer Himmelskörper, der hoch über der Erde stand. Der Aibon-Mond, der sein Licht auf das Land schickte.
Es war hell, es war bleich, aber es war trotzdem anders als das Licht des normalen Mondes, das die Welt beschien. Dieses hier hatte einen grünlichen Schimmer innerhalb seiner Blässe erhalten, ein Zeichen eben für das Land Aibon, einem Zwischenreich, das auch das Paradies der Druiden genannt wurde.
Das kalte, grünweiße Licht war überall zu sehen. Es gab keinen Ort am Boden, der davon nicht berührt worden wäre. Sein Schein glitt über die Wälder hinweg und malte das Felsgestein ebenso an wie die weiten Ebenen. Man sah keine Grenzen. Das Licht streute überallhin. Es beherrschte das Land und tauchte es in eine geisterhaft wirkende Szenerie ein.
Es gab den Sturm nicht mehr. Der Wind hatte sich so schnell zurückgezogen wie er aufgekommen war. Er hatte seine Spuren hinterlassen, mehr auch nicht.
Es war auch nicht richtig dunkel. Der Himmel selbst hatte keine Schwärze erhalten. Er sah einfach nur blank aus und wie angestrichen von diesem grünweißen Schimmer.
Auch die Felsen hatten diesen Glanz bekommen. Sie standen da wie eine Mauer, die alles abhalten wollte, was sich ihr in den Weg stellte. Sie bildeten eine Grenze, die sagen wollte: Bis hierher und keinen Schritt weiter. Sie waren tot. Es gab kein Leben in und auf ihnen. Nicht einmal Bodendecker hatten ihre Schicht auf dem grauen Gestein hinterlassen. Das Mondlicht fing sich auf der Oberfläche des Gesteins und machte es zu einem kalten Spiegel.
Dort, wo sich die Wände mehr oder minder steil in die Höhe wuchteten, und dem Mondlicht keine gute Chance ließen, gab es auch Schatten. Sie waren dunkel, sie waren tief, und sie schienen aus den schmalen Spalten hervor nach außen zu fließen.
Schatten, sie sich selbst nicht bewegten. Aber aus ihnen wuchs ebenfalls ein Schatten hervor, und der stand nicht still. Er musste sich im Innern der Felsen verborgen haben, so zumindest sah es aus, als er sein Versteck verließ.
Es war eine große Gestalt mit langen, hellen, schon weißen Haaren. Sie trug einen hellen Mantel oder Umhang, dessen Stoff ebenso im Restwind bewegt wurde wie das Haar. Ein hageres Gesicht, wie aus grünbrauner Baumrinde geschnitzt, durchlaufen von hellen Streifen, und mit Augen, die an die starren Glotzer eines Reptils erinnerten.
Der Schatten war ein Mensch. Eine Gestalt, die wenige Schritte vorging, um dann stehen zu bleiben. Sie überlegte noch einen Augenblick, bevor sie sich drehte, den Kopf weit zurücklegte und mit den Augen zum Mond starrte, als wollte sie sich von ihm hypnotisieren lassen. Es blieb nicht bei dieser Haltung, denn die Gestalt hob die Arme an, dann streckte sie sie vor, spreizte die Finger und hielt sie dem Kreis am Aibon-Himmel entgegen.
Die Gestalt flehte den Mond an. Sie lockte, und sie wollte das Licht. Der Kreis glich einem Kraftspender, den die einsame Gestalt mit den langen, wehenden Haaren nun anzapfte.
Die Person war nicht irgendjemand. Man konnte sie schon als außergewöhnlich betrachten, denn sie war der Herrscher in diesem Teil des Druiden-Paradieses.
Sie war Guywano!
Der Druiden-Fürst. Derjenige, der Aibon mit eiserner Hand regierte. Der sich auf nichts einließ, und dem es noch immer zu wenig war, dass er nur eine Hälfte des Landes beherrschte. Die andere, die positive, hatte er nicht unter seine Kontrolle bringen können. Was ihn ärgerte und woran er arbeitete.
Er stand unbeweglich auf der Stelle. Den Blick auf den Mond gerichtet, die Hände ausgestreckt. Wie jemand, der nicht wollte, dass dieses fahle Licht nur auf den Kreis beschränkt blieb.
Er bewegte seine Finger, die lang waren und an abgeschnittene Stücke erinnerten. Das Licht traf auch ihn und gab ihm eine entsprechende Blässe, die sein Gesicht überdeckte.
Es blieb nicht dabei. Es veränderte sich. Die Bleichheit nahm einen helleren Ton an. Das Licht hatte es geschafft, den Weg zu ihm zu finden. Es glitt in seinen Körper hinein und streute nicht nur über ihn hinweg. Es war so wunderbar für den einsamen Druidenfürsten. Er konnte es genießen, aber er schloss seine Augen nicht, sondern hielt sie auch weiterhin weit offen, damit auch dort hinein das Licht des Aibon-Mondes dringen konnte.
Guywano badete in seinem Schein. Auf dem Gesicht weichten die Züge nicht auf. Die neue Kraft ließ sie eher härter erscheinen, und es stach auch in seine Augen hinein, die von diesem Licht erfüllt wurden.
Eine Zeit hatte sich der Druidenfürst nicht gesetzt. Er würde so lange stehen bleiben wie er es für nötig hielt und erst danach seinen Plan fortsetzen.
Der Wind umspielte ihn, aber er war nicht zu hören. Nicht einmal ein leises Säuseln, das sich zwischen den Felsen fing und auch entsprechende Lücken suchte.
Kein Tier, kein Mensch ließ sich blicken. In dieser Umgebung war alles tot. Die hohen Felsen, davor der Druidenfürst und viel kleiner als der Hintergrund. Trotzdem nicht als Zwerg anzusehen, denn seine Gestalt strahlte auch eine gewisse Macht aus. So wirkte er wie ein Mensch, der die Felsen beherrschte und nicht umgekehrt.
Guywano bewegte sich nicht. Einem Beobachter wäre es vorgekommen, als wollte er auf einen bestimmten Zeitpunkt warten, um danach das tun zu können, was er tatsächlich vorhatte.
Der Himmel blieb unverändert. Nicht richtig hell, nicht richtig dunkel. Nur vom Licht gebadet, das sogar noch die Kraft besaß, auch in der Ferne zu leuchten. Dort allerdings schwächer, wie ein am Rande der Welt entstandenes Wetterleuchten.
Es passierte urplötzlich. Guywano, der seine Hände hoch- und vorgestreckt hatte, zuckte leicht zusammen. Bei ihm war es so etwas Ähnliches wie ein Startzeichen, denn er drehte sich auf der Stelle um und schaute nun auf die hohe Felswand.
Es sah so aus, als wollte er wieder darauf zugehen. Das tat er auch, allerdings ließ er sich dabei Zeit. Er ging mit langsamen Schritten vor. Die Felswand war nicht dicht. Für einen Moment sah es gefährlich für den Druidenfürsten aus, doch er kannte den Weg und lief nicht gegen das harte Gestein. Es gab eine genügend breite Lücke, die ihn schluckte, ohne dass er sich zu drehen oder zu wenden brauchte. Noch ein letzter Schritt nach vorn, dann hatte ihn der Fels verschluckt, wie jemand, den er nicht mehr loslassen wollte.
Es blieb still in diesem Massiv.
Kein Laut zunächst. Kein Atmen, keine Stimme. Nur der blanke, grünfahle Aibonmond glotzte stumm nach unten und badete das Gestein in seinem Licht.
Die Stille hielt nicht lange an. Zwischendurch erklang ein Schaben und Knarren. Stöhnen, vielleicht auch Wimmern, so genau, war es nicht zu erkennen. Unheimlich klingende Geräusche, die ineinander übergingen. Vielleicht ein Schrei?
Alles war möglich.
Das zittrige Licht, ebenso bleich wie das des Mondes. Es drang jetzt aus der Felsspalte hervor und bewegte sich. Ein raues Lachen war zu hören. Es gehörte nicht zu der Stimme des Druidenfürsten. Da hatte sich jemand anderer bemerkbar gemacht.
Das Lachen verklang.
Schritte waren zu hören. Begleitet von dumpfen Lauten. Beides nahm zu. Im Spalt, der gar nicht so schmal war, bewegte sich wieder etwas und drängte immer weiter dem Ausgang entgegen.
Dort erschien eine Gestalt. Es war nicht Guywano, es war ein anderer, der sich ins Freie schob.
Größer als er.
Unheimlicher.
Wie aus Stein geschaffen und trotzdem lebend. Und noch etwas hatte sich in dieser Gestalt festgesetzt.
Das Licht des Mondes …
*
Die Kollegen waren schon am Fundort, und wir waren zufrieden, weil unser Freund Chief Inspector Tanner den Einsatz leitete, denn er hatte uns auch Bescheid gesagt.
Mit dem Wagen waren wir in die Nähe gefahren, hatten den Rover abgestellt und ihn verlassen.
Ich ging noch nicht auf die Absperrung zu, vor der sich die Neugierigen drängten, obwohl nichts zu sehen war. Aber die Polizei lockte eben immer Gaffer an, wenn sie unterwegs war.
Ich gönnte mir einen Rundblick.
Es war einfach schön, den herbstlich gefärbten Hyde Park zu betrachten. Diese Jahreszeit gehörte zu meinen liebsten, und an diesem Tag konnte man tatsächlich von einem goldenen Oktober sprechen, der manche Blätter aussehen ließ wie gelbgoldene Taler. Andere zeigten ein helles Rot oder schmutziges Gelb. Dann wiederum sah ich das Laub, das sich schon zu einem violetten Farbton verfärbt hatte. Hier hatte die Natur ihre gesamte Palette an Farben einfach ausgekippt und über das Laub verteilt.
Natürlich hatte es an Saft und Kraft verloren. In den letzten Tagen und Nächten war es manchmal recht stürmisch gewesen. Das hatten einige Bäume mit dem Teilverlust ihrer Blätter bezahlen müssen, die nun als bunter Flickenteppich auf dem noch grünen Rasen lagen und darauf warteten, abtransportiert zu werden. Noch immer fielen Blätter, obwohl kein starker Wind wehte. Sie trudelten gemächlich zu Boden, als überlegten sie auf dem Weg nach unten, ob sie nun fallen sollten oder nicht.
Ein Tag wie aus dem Bilderbuch. Die grauen Wolken der letzten Tage waren verscheucht worden. Über uns präsentierte sich zwar kein blanker Himmel, doch das helle Blau schimmerte schon durch, und die restlichen Wolken, zumeist weiße, mächtige Gebilde, würden auch bald verschwunden sein. Dann konnte der Herbst strahlen und seine Sonne auch in die Herzen der Menschen schicken.
Suko stieß mich an. »He, Alter, träumst du?«
»Nein. Warum?«
»Weil du so aussiehst.«
Ich zuckte mit den Schultern. »Schau dich um. Irgendwo ist es ja auch ein Ort zum Träumen. Das Wetter ist einfach super. So etwas erlebt man nicht alle Tage.«
»Du hast noch Urlaub.«
Ich schaute meinen Freund an und sah sein Grinsen. »Vergiss ihn. Wenn Tanner schon anruft, dann ist der Urlaub zunächst einmal zurückgeschoben. Ich habe mir nur diese kleine Pause gegönnt. Schließlich bin ich ein Naturliebhaber, auch wenn sie, wie der Hyde Park, mitten in London liegt.«
»So etwas kann man auch als Bild kaufen. Wenn du es dir an die Wand hängst, hast du das ganze Jahr über Herbst.«
»Danke für den Vorschlag. Ich werde mir überlegen, ob ich ihn in die Tat umsetze.«
Es gehört einfach zum Leben, sich hin und wieder eine romantische Ader zu gönnen. Unser Job war hart genug. Er ließ leider nur wenige Romantik zu.
Über den weichen und feuchten Rasen gingen wir der Absperrung entgegen. Hin und wieder schleuderte ich mit den Schuhspitzen die dort liegenden Blätter hoch und schaute ihnen nach, wie sie allmählich wieder auf den Rasen trudelten.
Tanner hatte zwei uniformierte Kollegen an der Absperrstelle postiert. Sie sahen uns, wollten schon eingreifen und uns zurückschicken, als sie erkannten, wen sie vor sich hatten.
»Oh, Sie sind es. Pardon. Der Chief Inspector wartet bereits auf Sie.«
»Wie ist denn seine Laune?« fragte ich.
Der noch junge Mann verdrehte die Augen. »Wie immer möchte ich meinen.«
»Also knurrig?«
»Das haben Sie gesagt.«
Ich klopfte ihm auf die Schulter und lachte dabei. »Okay, mein Bester, ich weiß schon Bescheid.« Dann stieg ich über die Absperrung, die Suko bereits hinter sich gelassen hatte. Er stand neben einem abgebrochenen Zweig und wartete auf mich.
Der eigentliche Tatort war ein großer Baum. Eine alte mächtige Platane, die auf dem Rasenstück regelrecht einsam in die Höhe wuchs, aber trotzdem etwas Imponierendes an sich hatte. Ein Baum, der wie für die Ewigkeit gewachsen schien, schon lange, lange Jahre hier stand und zahlreiche Geschichten erzählen konnte von dem, was er alles in seiner Umgebung erlebt hatte.
Auch seine Blätter hatten der Jahreszeit Tribut zollen müssen. Sie waren kaum noch grün. Sie wirkten angefärbt oder angestrichen. An manchen Stellen etwas vergilbt, an anderen wiederum mit einem leichten Rotton überzogen. Es waren bereits einige Blätter vom Wind abgerissen worden und zu Boden gefallen. Sie bildeten um den Stamm herum einen runden Teppich.
Durch ihn wühlten auch unsere Schuhe. Die Geräusche waren nicht zu überhören. Auch Tanner und seine Mannschaft hatten sie vernommen, und es war der Chief Inspector, der sich zuerst drehte und uns entgegenschaute. Gestört wurde er dabei noch von einem fallenden Blatt, das dicht vor seinem Gesicht zu Boden trudelte.
Er sah aus wie immer. Der graue Anzug, der graue Staubmantel, das helle Hemd, die Weste, die unifarbene Krawatte, sowie seine eigentlichen Markenzeichen, die ihn berühmt gemacht hatten.
Das war zum einen der Hut, den er nur selten abnahm und dessen Sitz seine Laune dokumentierte. In diesem Fall war er nach hinten geschoben worden. Bei Tanner immer ein Beweis dafür, dass er leichte Schwierigkeiten hatte, mit bestimmten Tatsachen zurechtzukommen.
Auch die Zigarre fehlte nicht. Keine dicke, teure Havanna aus Kuba, sondern eine kleine mit weniger Gewicht, die er auch bequem von einem Mundwinkel in den anderen wandern lassen konnte.
Er hatte sie nicht angezündet, aber sie bewegte sich. Hinter Tanners Rücken standen die beiden Wagen der Mordkommission, und ich sah auch eine Leiter, die an den Stamm der Platane gelehnt worden war. Ihr Ende entdeckte ich nicht, denn das verschwand im Blätterwerk.
»Da seid ihr ja endlich«, sagte er mit seiner Brummstimme. Es hörte sich an wie ein Vorwurf.
»Eigentlich hatten wir ja wandern wollen«, erklärte ich grinsend. »Das Wetter bietet sich dafür an.«
»Hat meine Frau auch gesagt.«
»Und warum bist du hier?«
»Aus den gleichen Gründen wie ihr.«
»Sehr gut. Dienst ist Dienst.«
Tanner atmete durch die Nase. »Bevor wir hier aufräumen, seht euch mal alles an.«
»Du hast von einer Leiche gesprochen«, sagte Suko.
»Ja, von einem männlichen Toten.«
»Und weiter?«
»Nichts weiter.« Er deutete auf die Leiter. »Da geht es hoch. Spielt mal Gemse.«
Ich schüttelte den Kopf und war leicht verwundert. »Willst du sagen, dass wir den Toten in dieser Platane finden?«
»Genau das meine ich.« Er deutete mit dem rechten Daumen in die Höhe. »Ich habe es schon hinter mir. Jetzt seid ihr an der Reihe. Dann mal hoch.«
Vor Überraschungen war man bei Freund Tanner nie sicher. Aber dass wir in einen Baum hineinklettern mussten, um an den Fundort einer Leiche zu gelangen, hatten wir auch noch nicht erlebt.
»Du oder ich? Wer geht zuerst?«
»Ich.«
»Das wollte ich auch vorschlagen«, sagte Suko.
Tanner deutete in die Höhe. »Ihr braucht euch keinen Stress zu machen. Klettert ruhig hintereinander hoch. Auch wenn es von hier unten nicht so aussieht, aber da oben ist genügend Platz für euch beide. Dort könnt ihr euch dann umschauen.«
»Gibt’s da eine Baumhütte?«
»Nein, John, aber genügend Platz. Sogar für einen Toten.« Er hatte die Antwort sehr verbissen ausgesprochen, und ich konnte mir vorstellen, dass wir noch gewisse Überraschungen erleben würde.