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Endlich als E-Book: Die Folgen der Kult-Serie John Sinclair aus den Jahren 1990 - 1999!
Für immer und ewig.
Superintendent Sir James Powell lächelte etwas gezwungen, als er Suko und mir die Einladung zeigte. "Eine Hochzeit, Sir?" fragte ich. "Gehen Sie doch hin."
"Das würde ich auch, gäbe es da nicht ein kleines Problem."
"Welches?"
"Leider ist das Paar, das in einigen Tagen seine Hochzeit feiern will, schon seit fünf Jahren tot ..."
Und damit begann für uns ein Fall, der uns bis an die Grenzen unseres Verstandes führte.
John Sinclair ist der Serien-Klassiker von Jason Dark. Mit über 300 Millionen verkauften Heftromanen und Taschenbüchern, sowie 1,5 Millionen Hörspielfolgen ist John Sinclair die erfolgreichste Horrorserie der Welt. Für alle Gruselfans und Freunde atemloser Spannung. Tauche ein in die fremde, abenteuerliche Welt von John Sinclair und begleite den Oberinspektor des Scotland Yard im Kampf gegen die Mächte der Dunkelheit.
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Seitenzahl: 139
Veröffentlichungsjahr: 2015
John Sinclair ist der Serien-Klassiker von Jason Dark. Mit über 300 Millionen verkauften Heftromanen und Taschenbüchern, sowie 1,5 Millionen Hörspielfolgen ist John Sinclair die erfolgreichste Horrorserie der Welt. Für alle Gruselfans und Freunde atemloser Spannung.
Tauche ein in die fremde, abenteuerliche Welt von John Sinclair und begleite den Oberinspektor des Scotland Yard im Kampf gegen die Mächte der Dunkelheit.
Superintendent Sir James Powell lächelte etwas gezwungen, als er Suko und mir die Einladung zeigte. »Eine Hochzeit, Sir?« fragte ich. »Gehen Sie doch hin.«
»Das würde ich auch, gäbe es da nicht ein kleines Problem.«
»Welches?«
»Leider ist das Paar, das in einigen Tagen seine Hochzeit feiern will, schon seit fünf Jahren tot …«
Und damit begann für uns ein Fall, der uns bis an die Grenzen unseres Verstandes führte.
Jason Dark wurde unter seinem bürgerlichen Namen Helmut Rellergerd am 25. Januar 1945 in Dahle im Sauerland geboren. Seinen ersten Roman schrieb er 1966, einen Cliff-Corner-Krimi für den Bastei Verlag. Sieben Jahre später trat er als Redakteur in die Romanredaktion des Bastei Verlages ein und schrieb verschiedene Krimiserien, darunter JERRY COTTON, KOMMISSAR X oder JOHN CAMERON.
BASTEI ENTERTAINMENT
Vollständige E-Book-Ausgabeder beim Bastei Verlag erschienenen RomanheftausgabeBastei Entertainment in der Bastei Lübbe AG© 2015 by Bastei Lübbe AG, KölnVerlagsleiter Romanhefte: Dr. Florian MarzinVerantwortlich für den InhaltE-Book-Produktion:Jouve
ISBN 978-3-8387-3823-9
www.bastei-entertainment.dewww.lesejury.dewww.bastei.de
Kalt war es in der Gruft und still. Durch das vergitterte Fenster sickerte bleiches Mondlicht. Auf dem dunklen Boden erhielt es einen grünlichen Schein.
Eine wispernde Stimme unterbrach die Stille. »Bist du da, Henry?«
»Ja, wie immer.«
»Freust du dich auch?«
»Sehr!«
Die weibliche Stimme kicherte. »Ich auch, Henry. Und wie ich mich auf unseren Tag freue …«
Nein, nein, Sir James hatte Suko und mich nicht zum Essen eingeladen, auf seinem Schreibtisch stand nur noch der Rest des Frühstücks. Eine Sandwichhälfte neben der Teetasse. Mochte der Teufel wissen, warum der Superintendent in seinem Büro frühstückte.
»Bitte, Setzen Sie sich.«
Wir taten es und wunderten uns. Nach viel Arbeit, die auf uns zukommen würde, sah das Verhalten unseres Chefs nicht aus, aber man musste auch bei ihm immer wieder mit Überraschungen rechnen, und darauf waren wir vorbereitet.
Er schien Zeit zu haben, denn er lächelte uns an. Das neue Jahr hatte begonnen, das Wetter war mild geworden, ebenso unnatürlich wie Sir James’ Verhalten.
Er nickte uns zu. »Es gibt schon einen Grund, weshalb ich Sie hergebeten habe. Um es mal vorsichtig zu formulieren, meine Herren. Er ist mehr persönlicher Natur.«
Da horchten wir auf. Wenn so etwas kam – wir kannten es aus der Vergangenheit – folgte das dicke Ende zumeist. Aber wir hielten uns beide zunächst mit Fragen zurück.
»Ich habe eine Einladung erhalten«, sagte er. »Die Einladung ist zu einer Hochzeit.«
»Wie schön für Sie, Sir«, sagte ich.
»Meinen Sie?«
»Klar. Da gibt es viel zu essen und zu trinken. Wenn die Gastgeber großzügig sind, auch ein Hotelzimmer zur Übernachtung und so weiter.«
»Das denken Sie, John.«
»Sie nicht? Oder ist es etwa eine ganz profane Hochzeit?« Ich grinste. »Das kann ich mir bei Ihnen nicht vorstellen, Sir.«
»So ungefähr«, sagte er, schaute Suko an und erkundigte sich nach seiner Meinung.
»Ich sage dazu nichts und warte erst mal ab.«
»Ist auch besser.« Sir James hustete gegen seinen Handrücken. Dann rückte er die Brille zurecht und sagte: »Es heiraten Lady Elisa Ockridge und Sir Henry Ashford.«
»Wie schön für die beiden. Wo ist das Problem?«
»Das kommt, John.« Sir James klaubte etwas von seinem Schreibtisch hoch. Ein Blatt im DIN-A4-Format. Dachten wir. Tatsächlich handelte es sich um eine Einladung, die ihm geschrieben worden war. Auf Büttenpapier, das schon etwas verblichen aussah und einen leicht gelblichen Schimmer hatte.
Ich nahm die Einladung entgegen. Suko las mit. Da waren die Namen der Heiratswilligen aufgeführt, es wurde auch das Datum genannt und es waren auch weitere Einzelheiten angegeben, die wir allerdings nur überflogen.
»Fällt Ihnen etwas auf?« fragte unser Chef.
Ich schüttelte den Kopf. »Nicht, dass ich wüsste. Dir, Suko?«
»Könnt es sein, Sir, dass dieses Papier etwas alt oder modrig riecht?«
Unser Chef lächelte. »Ausgezeichnet. Das ist mir auch aufgefallen.«
»Kann ein Gag sein«, meinte ich. Sir James runzelte die Stirn. »Das kann, muss aber nicht. Jedenfalls habe ich die Einladung bekommen.«
»Und Sie überlegen nun, ob Sie hingehen sollen oder nicht«, sagte ich.
»Falsch, John.«
»Was stimmt da nicht?«
»Ich werde hingehen.«
»Gratuliere.«
»Aber nicht allein.«
»Brauchen Sie Begleitung, Sir?«
»Ja.« Er nickte uns zu. »Und da habe ich eigentlich an Sie beide gedacht, wenn Sie Zeit haben und nichts anderes Berufliches dazwischenkommt. Wäre mal etwas anderes – oder nicht?« Er lächelte säuerlich. »Bei Ihnen wird es wohl kaum zu einer Hochzeit kommen.«
Da stimmten wir ihm zu. Zugleich hatte er uns auch neugierig gemacht. Vielleicht weil er wie die Katze um den heißen Brei herumschlich. Er wartete auch jetzt noch ab.
»Brauchen Sie so etwas wie zwei Bodyguards?« fragte Suko.
»Nein, das nicht.«
»Wunderbar. Also nur zum Vergnügen?«
»Das will ich auch nicht so sagen. Es gibt schon einen anderen Grund, meine Herren.« Er hielt mit dem Plot nicht mehr länger hinter dem Berg. Aber er brachte ihn intervallweise. »Es ist nur so, dass die beiden bereits verheiratet sind. Lady Elisa heißt längst Ashford und nicht mehr Ockridge.«
»Dann wollen die guten Leute es eben wohl noch einmal versuchen. Das soll es ja geben.«
»Auch da stimme ich Ihnen zu, John. Die Sache hat nur einen Haken. Beide sind schon längst verblichen …«
*
Sir James hatte sich sehr vornehm ausgedrückt. Er war auch ein Mensch, der sich immer unter Kontrolle hatte. Diesmal jedoch brach diese Fassade, denn er musste lachen, als er einen Blick in unsere Gesichter warf, denn darin malte sich das Staunen ab.
Suko fasste sich als Erster. »Sie meinen verstorben, Sir?«
»Ja.«
»Wann?«
»Vor fünf Jahren.«
Er schwieg. Ich lachte. »Und jetzt wollen die beiden wieder heiraten. Na, das ist ein Hammer.«
»So sehe ich es auch.«
»Als Tote?« flüsterte Suko.
Sir James zuckte mit den Schultern. Er sah aus wie jemand, der selbst nicht wusste, was er sagen sollte und zunächst mal abwartete, was wir für Kommentare abgaben.
»An einen Scherz haben Sie nicht gedacht, Sir?«
»Nein.«
»Warum nicht?«
Sir James wiegte den Kopf. »Ich gebe zu, dass ich schon an einen Scherz gedacht habe, aber dann forschte ich nach. Ich kenne die beiden ja. Es ist nicht so, dass ich die Einladung durch Zufall bekommen habe. Ich kenne auch einige Menschen aus dem Freundes- und Verwandtenkreis des Paares. Ich wollte mich bei den Leuten erkundigen, was von dieser Einladung zu halten ist, aber sie sind mir zuvorgekommen, denn ich wurde angerufen, weil man bei mir Rat suchte. Man fragte mich, was das alles soll, denn niemand konnte es so recht glauben.«
»Und Sie waren ebenfalls überfragt«, stellte ich fest, um sofort den Kopf zu schütteln. »Haben Sie denn bei Kindern, Enkelkindern und …«
»Es gibt keine, John.«
»Wie? Keine Kinder?«
»Nein. Lady Elisa und Sir Henry sind ohne Nachwuchs geblieben. Sie haben ihre Hochzeit damals gefeiert, danach zogen sie sich zurück. Bis sie schließlich starben.«
»Sie haben die Hochzeit ebenfalls miterlebt?« erkundigte sich Suko. »Und sind auch bei der Beerdigung gewesen?«
»Freud und Leid.«
»Aha, wie nett. Und jetzt soll also wieder die Hochzeit gefeiert werden?«
»Noch einmal.«
Suko schaute mich an. »Wenn die beiden bereits fünf Jahre tot sind, müssten sie längst vermodert sein.«
Ich nickte. »Der Meinung bin ich auch. Dann können Sie keine Einladungen mehr geschickt haben. Wenn sie nicht, wer dann? Das ist doch die Frage. Bekannte, doch Verwandte …?«
»Die Sache ist ernst«, sagte unser Chef. »Das spüre ich. Da steckt mehr dahinter als nur ein Erinnerungsfest, das zu einem Totenfest werden soll. Alle Hochzeitsgäste von damals haben eine Einladung erhalten. Ich gehe davon aus, dass die Ashfords etwas Bestimmtes wiederholen wollen. Eben ihr Fest, das aber nun nach anderen Regeln abläuft.«
»Ohne dass sie dabei sind«, sagte ich.
Sir James hob die Brille ein wenig höher. Bei ihm ein Zeichen, dass er mit einer gewissen Meinung nicht einverstanden war. »Glauben Sie das wirklich, John?«
»Ja, ich … ähm …« Ich geriet ins Stottern, weil mein Chef mich anschaute wie ein Lehrer einen Schüler, der eine falsche Antwort gegeben hatte, obwohl er die richtige wusste.
»Ich glaube es nämlich nicht. Ich bin auch nicht davon überzeugt, dass es sich um einen makabren Scherz handelt. Nein, diese Einladung hat schon ihren Grund. Man will uns zusammen haben. Man will uns etwas vorführen oder uns vorführen. Etwas anderes möchte ich nicht akzeptieren. Ich weiß nicht, was das Ganze soll. Ich weiß auch, dass es unglaublich klingt, doch das braucht man uns nicht zu erzählen. Wie oft haben wir schon unglaubliche Dinge erlebt, von denen wir annahmen, dass sie gar nicht möglich sind.«
Da hatte er recht. Der Spaß war auch Suko und mir vergangen, dazu hätte es nicht nur des ernsten Gesichts unseres Chefs bedurft. Hinter dieser Einladung konnte ein raffinierter Plan stecken, der schließlich in eine gigantische Falle mündete.
»Sir«, sagte ich, »wenn Sie schon mit den anderen Gästen gesprochen haben, würde mich interessieren, was deren Meinung zu diesem Thema ist. Machen sie mit? Glauben sie daran, dass es einen ernsten Hintergrund für die Einladungen gibt?«
»Teils, teils. Da gehen die Ansichten auseinander. Es herrscht natürlich Ratlosigkeit vor und auch eine gewisse Furcht, wie Sie sich denken können. Man weiß, wer ich bin, und man hat mich gebeten, etwas zu unternehmen.«
»Dem Sie sich nicht verschließen möchten – oder?«
»Stimmt, John. Ich will eben sagen, dass ich einen Ruf zu verteidigen habe, aber die Sache ist mir schon mehr als unangenehm. Ich möchte ihr deshalb auf den Grund gehen und habe zudem angedeutet, dass ich mich darum kümmere.«
»Durch uns.«
»Es könnte etwas für Sie beide werden, obwohl der Fall noch nicht wie ein solcher aussieht und sich bisher mehr auf einer privaten Ebene bewegt.«
»Haben Sie sich schon etwas ausgedacht?«
Sir James lächelte. »Es ist kein genauer Plan, John, doch ich bin der Meinung, dass man sich vor der Hochzeit dort auf dem Anwesen der Ashfords einmal umschauen sollte. Sie könnten einen Tag vor der Hochzeit dort sein und auch dort übernachten. Wahrscheinlich wären Sie nicht allein. Es müssen Vorbereitungen getroffen werden. Das Anwesen stand lange leer. Man ist bestimmt dabei, es herzurichten, denke ich mir. Wie Sie schon erwähnten, wer ein Fest feiern will, braucht eben Essen und Trinken, um seine Gäste bewirten zu können.«
»Hat das Anwesen denn leergestanden?« erkundigte sich Suko.
»Fast. Es gibt einen Verwalter auf Ashford Castle. Er kümmert sich um die wichtigen Dinge. Wie man es finanziell geregelt hat, kann ich Ihnen nicht sagen. Ich denke, dass sich die Verwandschaft eingeklinkt hat. Außerdem stand der Besitz mal zum Verkauf. Das habe ich mehr am Rande gehört. Ich weiß allerdings nicht, wie weit die Verhandlungen gediehen sind. Die Dinge interessieren auch nur nebenbei.«
»Müssten wir weit fahren?« fragte ich.
»In die Provinz Kent, und das ziemlich am Westrand. Fast an der Grenze zu Greater London.«
»Das ist ja zu schaffen.«
Sir James lächelte. »Schön, dass Sie mir diesen Gefallen tun möchten. Wie gesagt, Sie können dort übernachten und sich umschauen. Ich werde dann wohl auch kommen.«
»Darf ich denn mal fragen, wann diese komische Hochzeit stattfinden wird?«
»Bereits am nächsten Wochenende.«
»Das wäre in vier Tagen.«
»Eben. Da kann ich mir vorstellen, dass gewisse Vorbereitungen schon in Angriff genommen worden sind.«
Ich musste lachen. »Sogar durch das Paar. Ich bin gespannt, wer uns da begegnet. Wenn ich ehrlich sein soll, glaube ich noch immer an einen Scherz.«
Sir James schüttelte den Kopf. »Ich leider nicht …«
*
Es war wieder still geworden, sehr still. Nicht der leiseste Windhauch wehte in die Tiefe und durch das vergitterte Fenster an der Westseite. Zwar lag die Gruft unter der Erde, doch durch das Fenster sickerte noch etwas Licht, als sollten die Toten nicht nur in der ewigen Finsternis liegen.
Der Raum war groß und auch alt. Die Steinwände hielten alles zurück, was irgendwie auch nur den Anschein hatte, störend zu sein. Unheimlich wurde es in der Dämmerung. Da weichten die Konturen auf, und da schienen auch die verschiedenen Särge einfach verschluckt zu werden. Sie standen nebeneinander. Staubige Sarkophage, aus Steinen gehauen. Sehr schwer, von einem Menschen nicht zu bewegen.
Spinnweben hatten sich unter der Decke gebildet und hingen dort als graue Netze. Kleintiere krabbelten über den Boden hinweg, suchten nach Schlupflöchern und Verstecken, um dann wieder zum Vorschein zu kommen, wenn es ihnen passte. Es war still hier unten. Keine fremden Geräusche störten normalerweise die Totenruhe. Manchmal aber huschten die Füße der kleinen Mäuse trippelnd über den Boden, bevor die Tiere wieder in ihren Verstecken verschwanden.
Auch wenn das Tageslicht durch die Lücken zwischen den Gitterstäben sickerte, wurde es hier unten nie richtig hell. Das schwache Dämmerlicht erfüllte den Raum der Toten immer wieder, und selbst im wärmsten Sommer herrschte an diesem Ort eine ungewöhnliche Kühle, über die sich ein Mensch allerdings nicht freuen konnte, denn diese Kälte war einfach anders. Sie strahlte auch nicht direkt von den Wänden ab. Dafür schien sie aus den Steinsärgen zu dringen wie unsichtbarer Totendampf.
Die alte Holztür war und blieb verschlossen. Nur der Verwalter besaß den Schlüssel und war in der Lage, sie zu öffnen. Das aber tat er nicht sehr oft.
So hatten die Toten ihre Ruhe.
Aber sie ließen keine Ruhe.
Sechs Särge standen in der Gruft. Sechs steinerne Erinnerungen an die Familie Ashford. Menschen, die hier einmal gelebt und gefeiert hatten, nun aber den Weg alles Irdischen gegangen waren und in den steinernen Totenkisten lagen, wo ihre Körper allmählich vermoderten und zu Skeletten verfielen.
Ewige Stille. Bedrückend. Kein Leben mehr, so sahen es die Menschen, so war es natürlich.
Aber es gab Ausnahmen.
Manchmal waren die Stimmen da.
Die einer Frau und die eines Mannes. Flüsternd, nur schwer zu verstehen, wie aus unendlicher Ferne kommend und von der Luft getragen. Rätselhafte Geräusche, die sich dann in Worte umsetzten, aber nur schwer verstanden werden konnten.
Wie jetzt, denn wieder wurde die Totenruhe gestört. Die wispernde Stimme füllte den Raum. Sie war selbst in der entferntesten Ecke zu hören.
»Henry, mein Lieber …«
»Ja, ich höre dich, Elisa.«
Ein leises Stöhnen drang aus dem Sarg. »Wunderbar. Ich dachte, es wäre vorbei.«
»Nein, meine Liebe. Es ist alles so, wie wir es uns gewünscht haben. Die Gäste müssten eigentlich bald Bescheid wissen. Ich habe schon vor unserem Tod den Zeitpunkt festgelegt, wann die Einladungen verschickt werden sollen. In ein paar Tagen ist alles soweit.«
»Und unsere Hochzeit?«
»Feiern wir nach.«
»Nein, Henry, vor. Du hast es versprochen.«
»Ja, nur wir beide …«
Kichernd fragte die weibliche Stimme: »Keine Gäste?«
»Wir können sie holen. Möchtest du denn welche?«
»Ich weiß nicht. Ich spreche nicht von den anderen.«
»Wir werden sehen – ja?«
»Ich verlasse mich auf dich, Henry.«
»Danke, du bist lieb.«
»Das war ich doch immer«, wisperte die Frauenstimme. Danach lachte sie, und es klang lauter. »Wir sind tot, aber wir unterhalten uns. Weißt du noch, als man uns damals sagte: »Bis dass der Tod euch scheidet? Er hat es nicht geschafft, weil wir besser sind als der Tod. Daran solltest du immer denken.«
»Das tue ich auch, und wir werden es beweisen, meine liebe Elisa. Aber erst möchte ich hier weg.«
»Das ist wichtig. Hast du die Kraft, es zu schaffen?«
»Du denn, Elisa?«
»Ja, ich auch.«
»Dann lass es und versuchen.«
Elisa kicherte. »Ich will dich endlich wiedersehen. Ich will wissen, wie du aussiehst.«
»Ach, darüber mache ich mir keine Sorgen.«
»Aber ich. Meine Schönheit wird verblichen sein. Ich kann es mir nicht anders vorstellen.«
»Sorge dich nicht, Elisa. Für mich bist du schön genug. So schön wie immer. Haben wir nicht gesagt, dass die Schönheit relativ vergänglich ist? Erinnerst du dich?«
»Ja, das haben wir. Die Schönheit ist vergänglich, aber alles ist so subjektiv.«
»Wir müssen, Henry.«
»Warte noch. Ich mache den Anfang. Ich steige zuerst aus dem Sarg, dann hole ich dich.«
»O ja …«
Es wurde wieder still. Die Stimmen waren verstummt. Eingetaucht, entschwunden. Niemand wäre auf den Gedanken gekommen, dass sich hier zwei Tote unterhalten hatten.
Lange hielt die Stille nicht an.
Ein Kratzen war zu hören. Leise nur. Aus einem Sarg drangen Geräusche, aber in der Stille hörte es sich trotzdem lauter an als gewöhnlich. Draußen lag der trübe Tag, und das Licht glich mehr dem der Dämmerung. Schattig und schwach drang es durch das Fenster und wirkte in der Gruft wie ein Fremdkörper.
Die Gesetze des Lebens und des Todes waren hier auf den Kopf gestellt