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Endlich als E-Book: Die Folgen der Kult-Serie John Sinclair aus den Jahren 2000 - 2009!
Der Blut-Galan (1. Teil).
Er hieß Beau Leroi, war Franzose und lebte zur Zeit der Belle Époque. Er war ein Mann, dem die Frauen zu Füßen lagen, ein französischer Don Juan, der seine Macht über das weibliche Geschlecht schamlos ausnutzte.
Bis einige seiner Eroberungen verschwanden. Als man sie fand, waren sie tot, blutleer und zudem zerstückelt.
Da aber war Beau Leroi längst untergetaucht. Fast 100 Jahre später kehrte er wieder zurück. Diesmal nicht in Frankreich, dafür in England. Und somit hatten wir ein Problem ...
John Sinclair ist der Serien-Klassiker von Jason Dark. Mit über 300 Millionen verkauften Heftromanen und Taschenbüchern, sowie 1,5 Millionen Hörspielfolgen ist John Sinclair die erfolgreichste Horrorserie der Welt. Für alle Gruselfans und Freunde atemloser Spannung. Tauche ein in die fremde, abenteuerliche Welt von John Sinclair und begleite den Oberinspektor des Scotland Yard im Kampf gegen die Mächte der Dunkelheit.
Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:
Seitenzahl: 138
Veröffentlichungsjahr: 2015
John Sinclair ist der Serien-Klassiker von Jason Dark. Mit über 300 Millionen verkauften Heftromanen und Taschenbüchern, sowie 1,5 Millionen Hörspielfolgen ist John Sinclair die erfolgreichste Horrorserie der Welt. Für alle Gruselfans und Freunde atemloser Spannung.
Tauche ein in die fremde, abenteuerliche Welt von John Sinclair und begleite den Oberinspektor des Scotland Yard im Kampf gegen die Mächte der Dunkelheit.
Er hieß Beau Leroi, war Franzose und lebte zur Zeit der Belle Époque. Er war ein Mann, dem die Frauen zu Füßen lagen, ein französischer Don Juan, der seine Macht über das weibliche Geschlecht schamlos ausnutzte.
Bis einige seiner Eroberungen verschwanden. Als man sie fand, waren sie tot, blutleer und zudem zerstückelt.
Da aber war Beau Leroi längst untergetaucht. Fast 100 Jahre später kehrte er wieder zurück. Diesmal nicht in Frankreich, dafür in England. Und somit hatten wir ein Problem …
Jason Dark wurde unter seinem bürgerlichen Namen Helmut Rellergerd am 25. Januar 1945 in Dahle im Sauerland geboren. Seinen ersten Roman schrieb er 1966, einen Cliff-Corner-Krimi für den Bastei Verlag. Sieben Jahre später trat er als Redakteur in die Romanredaktion des Bastei Verlages ein und schrieb verschiedene Krimiserien, darunter JERRY COTTON, KOMMISSAR X oder JOHN CAMERON.
BASTEI ENTERTAINMENT
Vollständige E-Book-Ausgabeder beim Bastei Verlag erschienenen RomanheftausgabeBastei Entertainment in der Bastei Lübbe AG© 2015 by Bastei Lübbe AG, KölnVerlagsleiter Romanhefte: Dr. Florian MarzinVerantwortlich für den InhaltE-Book-Produktion:Jouve
ISBN 978-3-8387-3896-3
www.bastei-entertainment.dewww.lesejury.dewww.bastei.de
Der Junkie zitterte vor Angst!
Wie gekreuzigt drückte er sich mit dem Rücken gegen die schmutzige Wand. Seine Augen waren verdreht, was nicht daran lag, dass er mit Rauschgift vollgepumpt war. »Geh da nicht rein, Bulle! Geh da nicht rein …«
Der Mann mit der dunklen Hautfarbe und der braunen Lederjacke lächelte mokant. »Woher weißt du, dass ich ein Bulle bin? Ich trage keine Uniform.«
»Das rieche ich. Da habe ich Erfahrung. Geh da nicht rein! Da ist einer. Es … es ist grauenvoll …«
Cash Milton schaute sich um, das heißt, Cash schielte nur, weil er zugleich den Junkie unter Kontrolle halten wollte. Ansonsten blickte er etwas in die rechte Richtung, denn dort malte sich eine Tür ab, die zu den Toilettenräumen führte. Es war eine öffentliche Toilette. Im Nebengang einer unterirdischen U-Bahn-Station. Dreckig, verkommen, aber noch nicht abgerissen, obwohl die neuen Anlagen schon gebaut worden waren. Man hatte die alte Bedürfnis-Anstalt einfach vergessen, und so war sie zu einem dieser heimlichen Fixer-Treffpunkte geworden.
Milton wusste das. Ihm war der Junkie aufgefallen, als er die Tür aufgerissen hatte. Totenbleich und stolpernd war er in den schmutzigen Gang mit den Betonwänden gelaufen und wäre fast vor Miltons Füßen zusammengebrochen.
Der Junkie roch nach Toilette und Straße. Er war noch jung und irgendwie auch bedauernswert. Davon gab es leider zu viele in London, und Cash Milton fühlte sich mehr wie ein Idealist als ein Polizeibeamter. Er wollte auch nicht an die Junkies heran, sondern an die verdammten Dealer, und das ging oft nur über diese Süchtigen.
Die gestreckten Arme des jungen Mannes sanken nach unten. Er stellte sich wieder normal hin und hörte sofort die Frage des Zivilfahnders. »Warum soll ich da nicht reingehen?«
»Da ist jemand.«
»Kann ich mir denken. Sonst wärst du ja nicht wie eine halb trudelnde Rakete dort hervorgestürmt.«
»Scheiße.« Der Junkie schüttelte den Kopf. Er atmete, und jeder Atemzug hörte sich an wie eine Qual. »Da hockt kein normaler Typ, Mann. Das ist alles schlimm.«
»Klar. Öffentliche Toiletten sind nie Theaterlogen. Besonders nicht auf alten Bahnhöfen.«
Der Junkie fuhr durch sein Gesicht. Er drückte so tief mit den Fingern in die Haut, dass blasse Streifen zurückblieben. »Das ist hier was anderes, Bulle.«
»Was denn?«
»Das Geräusch!«, flüsterte der Süchtige. »Das verdammte Geräusch.« Er schielte zur Tür und schüttelte sich. »Wie ein Tier, Bulle, wie ein Tier. Aber ich weiß, dass es keines ist. Ich habe es soeben noch geschafft, zu verschwinden. Da hat sich jemand verkrochen oder ist eingesperrt. Aber die Laute, die machen mir Angst. Und du wirst dir auch in die Hose scheißen, wenn du das hörst.«
Milton blieb gelassen. »Wenn es kein Tier ist, dann kann es nur ein Mensch sein, oder?«
Für einen Moment starrte Milton in die dunklen Augen des Fahnders. »Das glaube ich nicht. So benimmt sich kein Mensch. Ich … ich … kann es nicht glauben.«
»Kannst du mir das nicht genauer erklären? Ich wäre dir wirklich sehr verbunden.«
Der Junkie bemühte sich. Er wirkte beinahe lächerlich, als er versuchte, die Geräusche nachzumachen. Aus seiner Kehle drangen die Laute, die an ein Schreien erinnerten und zugleich auch an ein Stöhnen. Irgendwie war es unmöglich, dass er sich für eine der beiden Seiten entschied, und deshalb zuckte er mit den Schultern und verstummte.
»Danke, das reicht«, sagte Milton.
»Gut.« Gequält und fragend schaute der Junkie dem Fahnder ins Gesicht. »Was willst du jetzt tun?«
»Das ist ganz einfach. Ich schaue mich mal um. Und wir reden später miteinander.«
Die Panik sprang den Süchtigen beinahe an. »Nein, nein, ich nicht. Ich werde nichts tun. Ich gehe da nicht rein, verstehst du? Auf keinen Fall tue ich das. Verstehst du?«
»Okay.« Cash wusste, dass es keinen Sinn hatte, wenn er den Junkie aufforderte, zu warten. Das brachte nichts. Der Typ würde so schnell wie möglich die Flucht ergreifen.
Milton kannte sich aus. Er arbeitete schon einige Jahre in diesem Job. Deshalb glaubte er längst nicht alles, was man ihm sagte. Er hatte sich schon die tollsten Ausreden anhören müssen. In diesem Fall war er ebenfalls misstrauisch. Es konnte durchaus sein, dass der Junkie versuchte, ihn abzulenken, und so tat Cash Milton das, was getan werden musste.
»Dann dreh dich mal um! Und die Hände gegen die Wand!«
»Warum? Ich …«
»Mach schon!«
Der Süchtige warf einen gequälten Blick gegen die Decke, bevor er sich langsam in Bewegung setzte und sich drehte. Er nahm auch die Position an, die sich Cash gewünscht hatte.
Milton tastete ihn nach Waffen ab, ohne allerdings welche zu finden. Eine kleine mit Marihuana gefüllte Blechdose fiel ihm in die Hände. Er leerte sie und steckte sie dem Typ wieder zurück in die Seitentasche. Einen Ausweis hatte er nicht gefunden. Es war nicht neu, denn die Junkies verscherbelten so gut wie alles, um an Geld für das verdammte Gift zu gelangen.
»Dreh dich wieder um!«
Der Süchtige gehorchte. Sein Blick flackerte noch immer. Angstvoll schaute er zur Tür. Dahinter war es ruhig. Wie überhaupt in diesem verlassenen Zugang. Irgendwo über ihnen bewegte sich der Verkehr. Sie hörten die Geräusche, die nie abrissen wie ein fernes Rauschen oder Brummen.
»Was ist jetzt mit mir, Bulle?«
»Verzieh dich!«
Der Junkie schluchzte vor Erleichteung auf. »Und was hast du vor?«
Cash grinste schief. »Was wohl? Ich werde versuchen herauszufinden, ob du dich nicht geirrt hast.«
Der Süchtige zuckte zusammen. Dabei flüsterte er. »Okay, ich habe nie viel von einem Bullen gehalten. Kannst du dir ja vorstellen, aber ich wünsche dir, dass du am Leben bleibst. Da ist kein Mensch drin, verdammt. Kein Mensch. Das muss ein Monster sein. Grauenvoll. So … so … schreit kein Mensch.«
»Okay, Junge, hau ab!«
Der Junkie machte auf der Stelle kehrt und rannte mit langen Schritten in Richtung Ausgang. Er stieß dort eine alte Tür auf und verschwand.
Cash Milton blieb allein zurück. Es war eine unterirdische Welt, die ihm nicht gefiel. Die auch vergessen worden war. Man hatte in London die Bahnhöfe renoviert und umgebaut. Es war alles auf dem besten Weg, aber hier hatte man etwas vergessen. Die alten Toilettenräume hätten längst abgerissen oder zugemauert werden müssen. Da hatte jemand eben einen Fehler begangen.
Es gab auch noch Licht. Die Leitungen lagen über dem Putz. Früher war die Decke mal hell gewesen. Das lag lange zurück. Jetzt zeigte sie einen grauen Schimmer. An verschiedenen Stellen hatten Spinnen ihre Netze hinterlassen.
Bisher hatte Cash Milton noch nichts gehört. Das änderte sich auch nicht, als er nahe an die Tür herantrat und zunächst sein Ohr kurz dagegen drückte.
Es war und blieb still.
Er wollte nicht glauben, dass der Junkie ihn belogen hatte. Bei seiner Panik und bei seinem Aussehen log man nicht. Den hatte wirklich ein Schock getroffen.
Es war eine schwere Tür. Frustierte Männer und Frauen hatten ihre Zeichen hinterlassen. Die Tür war entweder besprayt oder eingeschnitzt worden. Die Sprüche passten in die allerunterste Schublade des Lebens.
Cash zog seine Waffe. Er war jemand, der auf Nummer Sicher ging. Nur so hatte er bisher überlebt. Als er die Tür mit der freien Hand aufzog, da schrammte sie über den Boden und verursachte ein hässliches Geräusch. Cash trat noch nicht sofort ein. Er schaute erst in den dreckigen Vorraum, der für Ratten ein wahres Paradies sein musste. Ungeziefer sah er nicht. Dafür brannte das Licht. Er wunderte sich, dass noch niemand die eingegitterte Lampe unter der ebenfalls schmutzigen Decke zerstört hatte. In ähnlichen Räumen war das anders.
Er hörte nichts. Der Junkie schien ihn gelinkt zu haben, aber Cash wollte ganz sicher sein. Er schob sich in den Raum hinein. Unter den Füßen klebte der Dreck. Die Fliesen waren früher mal hell gewesen, aber das lag lange zurück.
Männer und Frauen mussten die Toilette gemeinsam betreten. Zumindest den Vorraum, in dem die beiden Waschbecken abgerissen worden waren und auf dem Boden lagen. Spiegel gab es auch nicht mehr. Wo sie sich einmal befunden hatten, grüßte die kahle Wand.
Rechts sah er die Urinale. Alle waren auch nicht mehr vorhanden. Zwei hatte jemand aus der Wand gerissen. Sie lagen am Boden. Eine fast bis zur Decke reichende Sichtmauer trennte den Bereich ab.
Wer etwas anderes erledigen wollte, musste sich nach links wenden. Dort lagen die Kabinen nebeneinander. Insgesamt vier. Nur eine Tür war geschlossen. Und zwar die Letzte in der Reihe. Die anderen drei standen offen oder waren gar nicht mehr vorhanden, denn eine von ihnen war ausgerissen worden.
Cash warf einen Blick in die freien Kabinen. Der Gestank, der ihm entgegen drang, drehte ihm beinahe den Magen um. Er dachte daran, dass Menschen richtige Schweine sein konnten. Hier hatte er den besten Beweis bekommen.
Die geschlossene Tür war wichtig. Er konnte sich nicht vorstellen, dass die Schlösser der Türen noch intakt waren. So war die Tür sicherlich nur angelehnt.
Er näherte sich dem Ziel von der linken Seite her. Wenn sich jemand hinter der Tür aufhielt, dann hatte er den Ankömmling längst gehört, denn Cash konnte leider nicht schweben wie ein Engel. Er musste gehen. Bei jedem Schritt hinterließ er die entsprechenden Geräusche.
Er blieb stehen.
Warten!
Nur Sekunden. Danach wollte er einige warnende Worte sprechen und auf sich aufmerksam machen. Sollte sich dort hinter der Tür nichts tun, würde ihm nichts anderes übrig bleiben, als sie aufzureißen. Er glaubte nicht, dass er sie eintreten musste.
Cash suchte bereits nach den richtigen Worten für eine Ansprache, als er den ersten Laut hörte. Obwohl er sich darauf eingestellt hatte, erschreckte ihn dieses Geräusch tief. Damit kam er zunächst nicht zurecht, weil er so etwas nie zuvor gehört hatte. Jetzt fiel ihm wieder die Warnung des Junkies ein, der von unmenschlichen oder tierischen Lauten gesprochen hatte.
So war es.
Ein tiefes, brummendes Geräusch, das aber sehr schnell überging in ein Heulen. Cash stellte sich unwillkürlich die Frage, ob ein Mensch überhaupt in der Lage war, ein derartiges Geräusch abzugeben. Das war nicht zu beschreiben. Es konnte seiner Meinung nach von keinem Tier und auch keinem Menschen stammen, und der Fahnder bekam eine Gänsehaut.
Er konnte nachfühlen, dass der Junkie den Raum hier fluchtartig verlassen hatte. Sogar sein Besteck und den Stoff musste er vergessen haben, denn Milton hatte es in einem der anderen beschmutzten Toilettenräume auf den Boden liegen sehen. Deshalb war der Typ auch fast clean gewesen.
Das Heulen blieb noch. Auch wenn es sich abgeschwächt hatte. Milton versuchte herauszufinden, welche Gefühle es transportierte. Das konnte Angst sein, aber auch Wut oder ein wilder Hass. Vielleicht auch die Reaktion auf die Unzulänglichkeit des Schicksals. Da kam eben alles zusammen.
Es mündete in einem Fauchen oder leisem Knurren. Wie schon am Anfang. Milton hatte bisher kein Wort gesagt. Sein Vorhaben, die unbekannte Person hinter der Tür anzusprechen, hatte er sehr schnell aufgegeben.
Die Türen der Toiletten ließen sich nach außen öffnen, und das war in diesem Fall am besten.
Mit der linken Hand umfasste der Fahnder den schmutzigen Griff. Hier ließ sich nichts mehr abschließen, hier war alles brüchig geworden, und Milton zerrte die Tür mit einem heftigen Ruck auf. So wild, dass er beinahe noch auf dem schmutzig-glatten Boden ausgerutscht wäre.
Er sah, dass die Kabine besetzt war. Er hatte viel in seinem Leben gesehen, aber das, was er in diesem Fall zu Gesicht bekam, überstieg bei Weitem alles.
Er konnte es nicht glauben. Er dachte an einen bösen Traum, aber es stimmte nicht. Er befand sich in der Realität, die ihm dieses schreckliche Bild bot.
Auf der Schüssel, die weder einen Deckel noch eine Brille hatte, hockte eine junge Frau. Ihr Gesicht war blutverschmiert, und in der rechten Hand hielt sie ein Taschenmesser, von dessen Klingenspitze das Blut zu Boden tropfte …
*
Das war der Hammer. Das war der Schock der Woche. Der Klopfer des Monats. Wie auch immer, es war ein Bild, das perfekt in einen Horrorfilm gepasst hätte, aber nicht in die Realität.
. Die Frau war noch jung. Sie musste die Zwanzig gerade überschritten haben. Sie trug eine Kleidung, die mehr den Namen Lumpen verdient hätte. Eine zerlöcherte Jeans, ein langes Hemd, das bis zu den Kniekehlen reichte, schmutzige Turnschuhe und ein buntes Tuch um die Hüfte geschlungen.
Das fahle Haar umhing das Gesicht wie ein leicht verfilzter Vorhang. Auch in den Strähnen klebte noch das Blut, das sich sowieso auf dem gesamten Gesicht verteilte und ebenfalls die Kleidung benetzt hatte, wo es eingetrocknet war und rostbraune Flecken bildete.
Dann war da noch das Messer. Mit seiner Klinge musste sich die Person die Schnitte und Wunden selbst zugefügt haben. Eine andere Erklärung gab es für den Fahnder nicht, der die Unbekannte ansprechen wollte, sich dann jedoch lieber zurückhielt, weil er sah, wie die magere Gestalt ihren Mund bewegte und die Zunge nach vorn drückte, um sie um ihre Lippen kreisen zu lassen.
Cash Milton musste schlucken. Was er sah, hielt er kaum für möglich. Sie leckte ihr eigenes Blut ab. Sie ließ sich auch nicht stören. Für sie war Milton nicht vorhanden.
Die Frau bewegte ihren Arm und hielt ihn senkrecht vor ihr Gesicht. So war sie in der Lage, dort ebenfalls mit der Zungenspitze das Blut abzulecken.
Es war ein Bild des Grauens. Der blanke Horror. Das passte in einen Film, aber nicht in das normale Leben. Für Cash war es manchmal wie ein Sumpf, durch den er waten musste. In diesem Fall war es ein besonders tiefer. Er konnte nicht begreifen, was diese Person da tat und warum sie es machte.
Das Ablecken des eigenen Blutes geschah nicht lautlos. Es war mit schmatzenden und auch schlürfenden Geräuschen verbunden. Dazwischen hörte er ab und zu ein Jammern oder ein zufrieden klingendes Grunzen.
Cash Milton hatte den Eindruck, sich in einem anderen Universum zu befinden, in dem es nur die dünne Frau und ihn gab.
Endlich war er bereit, die Person anzusprechen. »He, wer bist du? Was tust du da?«
Sie gab keine Antwort und leckte weiter. Jeden Tropfen wollte sie in ihren Mund bekommen.
Cash konnte es noch immer nicht fassen. Da hatte sich jemand wahrscheinlich mit dem eigenen Messer verletzt. Jeder normale Mensch hätte geschrien oder zumindest gestöhnt. Genau das tat diese Person nicht. Sie genoss es sogar, das Blut ablecken zu können, als wollte sie sich regenerieren.
»Kannst du nicht reden?«
Sie schaute ihn an. Für einen Moment unterbrach die Person ihre Tätigkeit.
Die Blicke trafen sich. Direkt starrte Cash in die Augen der anderen Person. Er sah dort eine unmenschliche Härte. Gnadenlosigkeit. Vor ihm saß ein Mensch, doch diese Person hatte nichts Menschliches mehr. Sie war einfach nur schrecklich.
Cash hatte die Tür noch nicht ganz aufgezogen. Er rückte sie noch mehr zur Seite, um die enge Kabine besser betreten zu können. Entkommen lassen wollte er die Person nicht. Sie musste ihm Rede und Antwort stehen. Auch wenn sie sich nicht benahm wie ein Mensch, stufte er sie als einen solchen ein.
Die Frau hörte auf zu lecken.
Sie hob den Kopf an.
Aus ihrer Perspektive musste ihr Cash Milton vorkommen wie ein halber Riese. Eine dunkelhäutige Gestalt, die die Tür ausfüllte und dort wie ein Fels stand.